Halbe Ordnung
III*.
Der Mick aus Deutschland.
Don unserem Or. Cl.-Sonderkorrespondenien
Budapest, Oktober 1934.
In einer Woche jährt sich der Tag unseres Austritts aus dem Genfer Völkerbund zum ersten Mol. Und so unheimlich erscheint manchen Leuten die freiwillige Abwesenheit des Dritten Reiches dort drüben, daß die Gerüchte um die Frage: „Kommt Deutschland wieder oder nicht?" gar nicht verstummen wollen. Dabei hat der Führer an jenem 14. Oktober 1933 nur eine selbstverständliche Pflicht gegenüber der Nation erfüllt, als er es ablehnte, weiterhin Delegierte zu einer unzulänglichen, weil auf unehrlichen Voraussetzungen beruhenden Zusammenarbeit zu entsenden. Deutschland war es sich und der Welt schuldig, nach fünfzehn Jahren endlich wieder die Haltung einzunehmen, die seiner Größe und wahren internationalen Bedeutung entspricht. So ist denn das Reich heute vielleicht mehr denn je vorhan- d en in der europäischen Politik, und zwar keineswegs nur als vielumstrittenes Ziel feindseliger; Kombinationen. .
Die deutsche Gegenwart als Faktor des friedlichen Ausbaus läßt sich besonders deutlich hier in den Donauländern beurteilen. Wenn es in Frankreich oder anderswo noch Politiker geben sollte, die glauben, Deutschland und die Deutschen aus einer freien Mitgestaltung der Zukunft ausschalten zu können, so kann man ihnen nur raten, in Prag, Budapest oder Belgrad sich von der _ wirklichen Tragweite des deutschen Namens zu überzeugen. Eben erst hat der ungarische Ministerpräsident Gömbös das Bild Deutschlands im Donauraum mit schönen und wirksamen Worten gezeichnet: „Deutschland gegenüber hegen wir unwandelbare und starke Sympathien und hoffen, daß das Dritte Reick) nach den natürlichen Anfangsschwierigkelten der Neuordnung seinen ihm mit Recht gebührenden Platz einnehmen und zu einer mächtigen Kraftquelle der neuen modernen und friedlichen schöpferischen Arbeit im Nachkriegseuropa werden wird.
Gehen wir den Quellen unseres Ansehens im europäischen Südosten nach, so spielt die weit ausgreifende volksdeutsch'e Siedlung die älteste und wichtigste Rolle. „Wenn einer von Berlin bis Konstantinopel mit dem Fahrrad fährt", sagte mir neulich ein Prager Freund, ,/so kann er jede Nacht in einem deutschen Dorf übernachten. Welches andere Volk kann sich einer so weiten natürlichen Ausdehnung über Europa rühmen?" In der Tat bringt es die enge Lebensgemeinschaft des deutschen Bauern mit den Wirtsvölkern, die auf der gleichen Scholle stehen, bringt es der führende Anteil deutscher Arbeit am Wohl und Wesen bie-fer Länder mit sich, daß auch heute noch der Deutsche hier unten nirgends ein Fremder ist. Mögen am grünen Tisch noch so viele Versuche gemacht werden, den Donauraum ohne Deutschland zu konsolidieren, die Menschen selber, die in den weiten Ebenen und auf den fernen Bergen des Südostens wohnen, wissen ganz genau, daß kein Volk ihnen so nahe ist und sie ohne große Worte so unmittelbar versteht wie eben die Deutschen. Ihre Not ist unsere Not, ihre Freude wird unsere Freude seim denn seit Jahrhunderten leben unsere eigenen Dolksbrüder, bestes Blut von unserm Blut, unter ihnen und mit ihnen.
Gewiß, die nationale Politik der einzelnen Staaten, auch der sonst durchaus deutschfreundlichen, stört das kulturelle Eigenleben unserer wie der anderen Minderheiten immer wieder durch gewaltsame Eingriffe, ja offene Uebergriffe. Das Leben des volksdeutschen Staatsbürgers in der Tschechoslowakei, in Südslawien und Rumänien, aber auch in Ungarn, ist ein st ä n d i g e r Kampf um d i e Selbstbehauptung von Erbe und Sitte. Dabei hat sich gerade m den Stürmen der Nachkriegszeit gezeigt, wie viel besser das Dorf dem Druck der Entnationalisierung widersteht, bzw.
. * Vgl. auch Gießener Anzeiger vom 6. und 11. Oktober.
im Oonamaum.
wie lchwer der Stand einer deutschen Stadt mitten im ganz fremden Siedlungsgebiet ist. Abeii fetbll wenn der Tscheche den deutschen Beamten und den deutschen Arbeiter ""d Unternehmer hart bedrängt M^g^risi»un°g Ä nicht Ezichtet ^t °°n einer kämpfenden Volksgenossen draußen ftett orofce Idee des Deutschtums setver, den andern Völkern unentbehrlich und darum über
all geachtet. .. ..
Es wäre des großen deutschen Volkes unwürdig, den unter seinem kulturellen Einfluß zur Selbständigkeit erwachsenen Nachbarn vorzurechnen wieviel sie ihm in der Vergangenheit zu verdanken batten Herrschaft bedeutet Verantwortung und °„° wenn si-°°n einem höher entwicke»en Kultur- träger über andere ausgeubt wird. Mutt jur (Er Ziehung. Der nüchterne Egoismus des Habsburgl- ^cken Riesenreiches gebot von jeher die Durchdringung dieses ganzen Raumes mit deutscher Sprache und Kultur. Aber von allen politischen Gesichtspunkten abgesehen, die sich durch das Verschwinden der Donaumonarchie ohnehin vollständig verschoben haben, darf man wohl sagen, daß die "V Frage kommenden Länder und Volker das putsche Beispiel mit größtem Nutzen und oft mit wirklich schöpferischem Eifer ergriffen haben. Diese Ausstrahlung unserer eigenen Werte auf das national fremde Element fällt naturgemäß besonders auf in den Städten und ihren führenden Schichten also dort wo das nationale SelbstbewußtselN sich schließlich am stärksten ausgeprägt hat.
Aber wenn auch die Nachfolgestaaten nach dem Umsturz sich die Früchte deutscher Arbeit kurzerhand angeeignet haben, so wurde es doch niemand einfallen, die Zugehörigkeit zu unserem Kulturkreis nun einfach zu verleugnen. Bei Ungarn — und heute auch wieder bei Südslawien — ist das politisch selbstverständlich. Doch sogar der westlich eingestellte Ma- sarykkurs in der Tschechoslowakei führt bei aller französischer Betonung praktisch immer wieder zu unseren Traditionen zurück. Denn in der deutschen Grundlage ihrer städtischen Zivilisation liegt ja der entscheidende Unterschied zwischen den Tschechen und andern, ausschließlich feudal-agrarischen Nationalitäten des Südostens. Frankreich hat sich keineswegs als wirklich brauchbarer Kulturersatz im Donauraum erwiesen, abgesehen natürlich von der älteren rassernähig begünstigten französischen Einflußsphäre in Rumänien. Wenn der junge Sudetendeutsche heute die tschechische Staatssprache lernt, so erfüllt es die maßgebenden tschechischen Kreise bereits mit einiger Besorgnis, daß ihr eigener Nachwuchs entweder überhaupt keine Sprachen oder statt des notwendigen Deutsch ein oberflächliches Französisch oder Englisch radebricht. Der junge Gebildete in Ungarn, Südslawien und Bulgarien anderseits sieht nach wie vor in der deutschen Universität eine unentbehrliche Schule auch für den eigenen nationalen Wirkungskreis.
Was nun die Auswertung der volksdeutschen und der sprachlich-kulturellen Bande mit dem Süd- often für die eigenen politischen und wirtschaftlichen Bedürfnisse des Reiches betrifft, so wäre ein Drängen nach vorschnellen Ergebnissen ebenso verkehrt wie ein Verzweifeln am endlichen Erfolg. Die von den Franzosen und neuerdings auch von den Italienern verbreitete Warnung vor unserm angeblichen pangermanistischen Rasseimperialismus macht nur da einen gewissen Eindruck, wo man kein ganz ruhiges Gewissen hat. Im übrigen aber weiß jeder ernstzunehmende Staatsmann in den Donaulän» dem, daß die antideutsche Ueberpolitifierung des Südostens die verhängnisvollste Wiegengabe der nationalen Neugründungen von 1918/19 war. Von diesem Fluch, der schließlich alle Wege zu Stabilität und Wohlstand zu versperren droht, kann kein französischer Kredit und keine italienische Garantie die betreffenden Staaten befreien. Wenn man in Prag und Budapest mehr oder weniger offen heute schon zugibt, daß Deutschland nun einmal zur Führung in Mitteleuropa berufen ist, bann wird mehr und mehr die Lust verschwin
den, sich zu deutschfeindlichen Zwecken mißbrauchen ^Freilich müssen politische und wirtschaftlich e Erwägungen dabei Hand m Hand gehen, denn ein reines Primat der Wirtschaft ist undenkbar in einem historisch so alten von politischen und rassemähigen Parteiungen so tief durchfurchten Gebiet. Es gilt, die praktischen Vorteile einer materiellen Zusammenarbeit zu erkennen und gleichzeitig die Mißverständnisse aus dem Weg zu schaffen. Im Fall des gegenwärtig schlimmsten Mißverständnisses, nämlich der Krise in Defter- reich, zeigt es sich bereits, daß trotz aller Angst vor dem „Anschluß" die Ungarn und die Kleine Entente viel weniger voreingenommen denken als gewisse Großmächte. Für Prag erscheint ein drohender italienischer Einfluß in Wien bei gleichzeitiger deutsch-polnischer Annäherung untragbar, in Budapest wiederum wanken alle Grundlagen der Reoisionspolitik, wenn die Achse Rom—Berkin in Wien geknickt wird. Andererseits ist man sich im ganzen Donauraum, mit Ausnahme vielleicht des tschechoslowakischen und des rumänischen Auswärtigen Amtes, darüber einig, daß die ewigen nervösen Manöver der französischen Diplomatie rings um Deutschland herum eine schwere Gefahr für den Frieden darstellen.
Natürlich kann auch Deutschland nicht alle Hebel lösen, die hier unten drücken. Aber gerade weil wir viel weniger Partei sind, als die Alliierten es 1919 waren, und nicht daran denken, z. B. den Ungarn zuliebe für die Auflösung der Tschechoslowakei em- zutreten, wie damals Ungarn für die Ansprüche der andern geopfert worden ist, deshalb hängt von unserer Zustimmung die Möglichkeit einer gerechten und dauerhaften Zukunftsordnung vom Balkan bis herauf zu den Sudeten wesentlich mit ab. Wir wis- (en uns frei von Germanisierungsgelusten und Restaurationsschwärmereien. Und wenn die Tatsache, daß Oesterreich schließlich doch ein deutsches Land ist, in Prag, Budapest und Belgrad kaum ernstlich bestritten wird, so denkt in Deutschland niemand daran, die nationale Befreiung der Nachfolgestaaten in ihrer Endgültigkeit anzuzweifeln. Die Franzosen sind weit und die Italiener fein sehr bequemer Partner. Mit den Deutschen werden die Völker der Donauländer auf die Dauer leben und sich verständigen müssen, wenn aus ber halben Ordnung von 1919 mit ihren Widersprüchen und Gefahren ein ausgeglichenes und wirtschaftlich zweckentsprechendes Ganzes werden soll. An dieser Gewißheit scheitern auch die übelsten Quertreibereien, wenn wir nur selber unserer konstruktiven Linie als mitteleuropäische Großmacht treu bleiben.
Bei Roosevelts im Weißen Hanse.
Ein Präsident, der die Form nicht liebt. - 3u Gast bei Iran Roosevelt.
33on unserem KGS.-Serichterstatter.
(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!) Washington, Oktober 1934.
Als Präsident Franklin D. Roosevelt aus seinen Sommerferien in das Weiße Haus zurückkehrte, erwarteten ihn diesmal keine jubelnden Menschenmassen, sondern: Massen-Erhebungen gegen sein System der behördlichen Reglementierung von Landwirtschaft und Industrie, gegen seine Budgettaktik und gegen den „Neuen Kurs" im allgemeinen. Nun brauchen bei einem Volk von 120 Millionen Menschen selbst Massenerhebungen ja nicht allzuviel zu bedeuten. Die Ausscheidungs- wählen, die in den letzten Wochen in vielen Staaten stattfanden, haben gezeigt, daß Roosevelt persönlich nach wie vor sehr beliebt ist. Und er selbst ist durchaus nicht verzagt; sein strahlendes „Roosevelt-Lächeln" und sein lautes, herzliches Lachen sind geblieben trotz all der Sorgen und aller Anfeindungen.
Jovial, fast burschikos und jedenfalls vollkommen informell ist der ganze Betrieb in der Präfi- d i a l - K a n z l e i, in der Roosevelt mit drei Staatssekretären und einem immer größer werdenden Stab von Angestellten arbeitet. Der Stab ist so umfangreich geworden, daß die Kanzlei jetzt von Grund auf umgebaut und erweitert werden muhte. Inzwischen arbeitet der Präsident in den angrenzenden Repräsentationsräumen. Soldaten gibt es weder vor dem Weißen Haus, rwch sonstwo in Washington (die Offiziere im Kriegsministerium arbeiten durchweg in Zivil). Nur zwei Polizisten bewachen den Haupteingang des Weißen Hauses und geben etwaige verdächtige Besucher an den Geheimdienst ab, der — gleichfalls in Zivil — das Weiße Haus vor Geisteskranken.oder Verbrechern schützt. Wenige Schritte hinter dem Portal aber sitzt der Präsident und empfängt, telephoniert oder sendet Zettel an die verschiedenen Behörden mit kurzen Anfragen etwa dieser Art: „Hat das Silbergesetz von 1890 die Warenpreise erhöht?" ober „Wie ist Finnlands Finanzlage?" (Finnland ist bekanntlich das einzige Ausland, das stets pünktlich feine Schulden an Amerika zahlte) ober „Worum hanbelt es sich bei bem Autobus-Fahrer- streik in Chikaao?" ...
Roosevelt sieht übrigens streng barauf, daß solche Zettel umgehend und gewissenhaft beantwortet werden. Um 17 Uhr versammeln sich seine Sekretäre in seinem Zimmer zum „Tages-Schlußbericht". Er nennt das feine „Kinderftunde" und freut sich, wenn er mit einem neuen Witz aufwarten kann. Nach dem Abendbrot studiert er die schwierigeren Tagesfragen, lieft ein wenig und geht nie später als kurz
nach Mitternacht zu Bett. Seine acht Stunden Schlaf läßt er sich nicht nehmen, denn er muß täglich riesige Stöße von Briefen und Akten lesen und zahllose Empfänge über sich ergehen lassen.
Seit Roosevelts Amtsantritt sind im Weißen Haus etwa zwei Millionen Briefe eingegangen, einschließlich der Telegramme. Sie werden vom Sekretariat geprüft und sortiert, und etwa ein Fünftel wird dem Präsidenten vorgelegt; der Rest geht an die Staatssekretäre ober an bie jeweils zuständigen Behörben. Von 11 bis 13 und 15 bis 17 Uhr empfängt er; bazu kommen zwei Sitzungen bes Kabinetts unb zwei Presse-Empfänge wöchentlich, sowie unzählige kurze Aubienzen seiner Mitarbeiter ben ganzen Tag hinburch. Seine Reben unb Botschaften an ben Kongreß biktiert er spät abenbs. Morgens um 8.30 Uhr weckt ihn fein schwarzer Diener unb bringt ihm bas Frühstück sowie die Washingtoner unb Neuyorker Morgenblätter. Nach Orangensaft, Eiern, Toast unb Kaffee beginnt er fein Kettenrauchen (wenigstens 40 Zigaretten täglich) unb bie Lektüre ber Zeitungen, Die er sehr aufmerksam durchgeht. Dann haben seine Sekretäre unb Mitarbeiter mit ben wichtigsten Neuigkeiten zu erscheinen. Um 10 Uhr wirb gebadet unb angezogen, um 10.30 wirb er in einem kleinen Rollstuhl zum Fahrstuhl gebracht unb ju seinem Arbeitszimmer in ber Präsidialkanzlei zu fahren.
Trotz seiner Beinlähmung sieht Roosevelt meist, besonders jetzt nach feiner Sommerreife, geradezu blühend aus. und Lunge find vollkommen gesund. Schmerzen hat er nicht, und die Jahre haben ihm über den Kummer seiner schweren Lähmung hinweggeholfen. Er schwimmt fast täglich in einem großen Bassin inerhalb des Grundstückes, das ihm amerikanische Schulkinder durch eine Pfennigsamn? lung stifteten. Im August 1921 überfiel ihn iu spinale Kinderlähmung, und es folgten bittere Jahre, bis er endlich in Warm Springs im Staate Georgia eine gewisse Beweglichkeit seiner Beine wiedererlangte. Die schwere Krankheit, die bas ganze Leben des energischen und foortsfreubigen Mannes von Grund auf änderte, hat sehr zu seiner Verinnerlichung beigetragen. Trotz des Gebrechens hat Roosevelt die anstrengende Wahlreise des Jahres 1932 unternommen und ist im laufenden Jahre bereits dreimal von Washington abwesend gewesen. Gehen kann er auch jetzt noch nicht; kleine Treppen in Häusern und zu den Zügen werden mit Rampen fahrbar gemacht, und er wird hinaufgerollt ober von feinem treuen Leibwächter Gustav Genne- rich („Gus" spricht gutes, wenn auch amerika-
Münchener Ottoberfest.
Von Ilse Schmidt, Wiffendorff.
Donnerwetter! Ein wenig verblüfft steht man oben am Bavariaring unb schaut hinunter zur tiefergelegenen Theresienwiese. Ist das noch Europa ober ist's Amerika? Der Trubel und das Lichtermeer, das märchenhaft in Rot, Gelb unb Weiß zuckenb unb schwirrend sich vor uns breitet? Ach was, es ist München, und es ist ...pfundig ist das!
Da unten steht für vierzehn Tage hingebaut eine Stadt. Riesenhalle neben Riesenhalle, Zelt um Zelt, Straße neben Straße. Die Konturen von elektrischen Birnen zackig hingemalt an den nächtlichen Himmel, über allem das gigantisch flammende Gerüst der Himalayabahn, auf der die vollbesetzten Wagen unaufhörlich auf« unb nieberflitzen. Unb wie das duftet! Irgendwie nach dem Schlaraffenland. Unerhört nahrhaft nach schmelzender Butter, braun- knusperigen Schwarten, Gewürzen unb Holzkohlen, nach gebranntem Zucker, verschobenen Essenzen, bie ganze Luft ist gesättigt bavon. Gesättigt? Bei bie» fern Wort spürt man plötzlich, baß man Hunger hat. Also hinein in die Feststadt. Die Straßen, Die zu dem Haupteingang führen, gleichen einem wimmelnden Ameisenhaufen, unaufhörlich läuten die an- rollenden elektrischen Wagen — einige Linien werden nur in der Zeit des Oktoberfestes gefahren — schiebt sich der Ring der in dichten Reihen parkenden Wagen enger um die Stadt, strömen die Menschen in hellen Scharen. Da ist das Tor des Haupteingangs. Dahinter öffnet sich eine breite Straße, in der bie Menge in dichten Wellen auf- und ab- flutet. Fast scheint es, daß selbst für einen ein» zeln-en kein Platz zum Sichhindurchwinden ist. Aber merkwürdig, es ist immer und überall noch Platz, und ist er wirklich nicht da, wird er lächelnd und fröhlich gemacht. Denn es drängelt keiner.
Breit zieht sich die Hauptstraße dahin. Von rechts und links brozzelts und duftets und scheint schier unerschöpflich an Vorräten. Da sind die Hallen, an denen die heilen Ochsen am Spieß gebraten wer- den ... der eine ist gerade verzehrt, der nächste wird aufgespannt, und schon stehen neue Eßlustige in Polonaisen da. Lude neben Bude drängen sich die Hühnerbratereien. Auf langsam sich drehenden Stangen ist das Geflügel aufgereiht, von oben tropft goldgelbe Butter darüber, gebräunt und dampfend labet das Wiesengericht zum Schmausen ein. Allerdings hängt noch Kopf unb Hals irgendwie tragisch und gar nicht mehr dazugehörend am leckeren traten, aber eine schmunzelnde Erinnerung an Wilhelm Pusch und die Witwe Bolte lassen keine trübselig
philosophischen Regungen aufkommen. Heringsbratereien wechseln mit endlosen Tischen, auf denen am Rost die Weißwürschtel bauchig und protzig glänzen, Riesige Sauerkrauttäpfe und Senftiegel flankieren sie ... Himmel, welch ein Wurstsegen ist dies!
Da ... ein riesiges, von Schilf umkränztes Schild, geflochtene Schilfwände bilden einen mit Tischen und Stühlen dicht bestellten Platz ... „Zur Fischer- vroni ... berühmteste Gaststätte der Wiese für Sieckerlfisch." Steckerlfisch ... was ist denn das? Dafür reicht mein deutsch er Sprachschatz nicht aus ... also näher heran. Aha! Das ist ja eine ungeheuer verlockende Angelegenheit! Ein tiefer Graben ist in die Erde gefurcht worden. Darin glimmen unb schwelen Holzkohlen. Kreuzweis über ihrer Glut finb Stöcke gesteckt, auf jedem starrt ein erst dick mit Butter bestrichener Fisch und wird langsam durch die aufsteigende Hitze gar. Renken aus dem Starnberger See, Blaufelchen, Hechte, lauter Köstlichkeiten!
Ueberall erhitzte, fettglänzende Gesichter an ber Arbeit, hier bei ben Stecken, hinter ben Hühner- rosten, am Ochsenspieß, bei den Weißwürschteln, lachend, schwitzend, allweil zu einem Scherzwort bereit ...
Schon wieder blitzt mir eine literarische Erinnerung durch ben Kopf. Hier möchte ich mit Felix Timmermans und seinem Pallieter durch die Reihen schlendern ... das wäre ein Fest. Ich stelle mir Pallieters aufgeblasene Backen vor, die Augen, die fast aus den Höhlen treten vor Genießerfreude, und den lachenden gesunden Mund.
Weiter geht's. Die Fülle wird fast beängstigend. Wir kommen in das Bereich der großen Bierhallen, lieber dem Eingang zum Löwenbräu leuchtet ein gewaltiger elektrischer Löwe, ber Tatzen unb Schweif gravitätisch bewegt, das Augustiner hat gar einen transparenten Turm, dessen Lichter unaufhörlich in ben Farben wechselt, und drinnen hängt der größte Kronleuchter der Welt aus Tanttengrün und Glaskugeln und ist 200 Zentner schwer Die Bräu-Rosl prangt in farbenglühenden Aufschriften und beher- bergt bie Iodlerkönigin ... und erst beim Schotten- Hamel, da sieht man überhaupt vor lauter Menschen nix. Alles singt, schwatzt, freut sich, trägt blutrote Herzen an rotem Band auf der Brust, schunkelt zu vertrauten Melodien, springt plötzlich vor lauter Freud auf den Tisch und schleudert einen Juchzer in den Raum, schiebt ein närrisch Käppchen auf dem Kopf hin und her, jubelt den beliebten Kapellen zu, aufgebrochen in einer kindlichen Lebensfreude. Nirgends ein grobes Wort, ein Anrempeln, ein aufkeimender Streit ... „D mei ... dös gibts halt net auf der Wies'n.
Das Bier versöhnt sie alle mit der Welt und den Menschen, Hekatomben von Hühnerknochen häufen sich irii Dunkel ... 700 000 Menschen sind es am Hauptsonntag, unb der Schott-nh-imel schenkt 24 Hektoliter Bier pro Tag aus. Bitte: Das größte Volksfest der Welt!
Kaffeehäuser, Weinburgen, Lebküchereien, Eissalons, Aufschnitt unb Delikateßwaren, Obst in herrlichen Massen, verhutzelle grinsende Brezelfrauen, überall da, wo ein winziges Locherl Platz ist ... eine feiert gar Heuer mit 86 Jahren ihr 50. Wiesenjubiläum ... kleine fliegende Stände mit dem Spielzeugschlager des Oktoberfestes 1934, der Muschi mit den Kulleraugen, einer köstlichen, zweifellos nach Künstlerentwurf gefertigten, sehr wohlgenährten Puppe mit Knallbäckchen und einem unendlichen Erstaunen im Gesicht.
Und nun die Seiten- und Parallelstraße ... der reinste Hexensabbath. An allen Ecken unb Enben quietschen bie Schauertöne ber Geisterbahnen, ein winziger Eisenbahnzug faucht wichtig daher unb hält an einer Liliputstation, in Hundertkilometer- tempo rollen Autos in einem Kreis, ber Lutfbruck ist so stark, baß die Insassen sich krampfhaft anklammern müssen, Achterbahnen in allen möglichen Variationen; eine davon — entsetzlicher Gedanke, darin zu sitzen — läßt die Körbe während des Fahrens nochmals um sich selbst rotieren, Hippodrome, „lachende Häuser", die sich um sich selbst drehen, das eine steht gerade auf dem Kopf und streckt grotesk sein Fundament in die Luft, Riesen und Liliputaner, Kraftmenschen — Straße um Straße, bunt unb wechselnb. Ein Stelldichein aller Schausteller. Bebächtig wogt unb wellt bie Riesenscheibe ber „Krinoline". Um bie Ecke bann eine be- jonbers reizvolle Schießbube: junge Leute in grüner Jägeruniform laben bie Gewehre, vor einem Hinter- grunb von Walbbäumen ziehen langsam auf einem laufenben Banb bie Scheiben vorbei: Tiere in ihrer natürlichen Große. Hirsche, Hasen, Füchse.
Unb nun: Das Auge ist gefesselt. Ein prachtvoller Kopf ist bas. Auffallend in der phantastischen Aufmachung eines indischen Prunkgewandes. Giftgrün sind Kreise um die Augen gemalt, diese Augen blicklos und ohne Tiefe, wie die Augen einer Schlange, ein schmales Rassegesicht, das Profil von einer unerhört edlen Linie. Züge, nicht jung mehr, irgendwie verheert, aber ein Kopf, der auf der Filmleinwand Triumphe feiern mühte. Welche Verkettung von Schicksalen mag ihn, den Hypnotiseur, hierher verschlagen haben, dessen hoher, asketisch schmaler Körper förmlich die magische Kraft ausstrahlt, die ihn erfüllt. Monoton kommt es von
seinen Lippen: „Hier Fata Morgana, die Sensation des Oktoberfestes; nirgends in Europa sonst zu sehen ... haben Sie Fata Morgana nicht gesehen, haben Sie nichts gesehen."
In der Tat, die Leistungen, die in dem einfachen Zelt geboten werden, sind ungewöhnlich. Die Zu« schauer blicken fast verängstigt auf den Mann, der sie lähmt und wieder handeln läßt nach seinem Wil' len. Es sind schon etwas mitgenommene, graue Zeltbahnen, aber über der primitiven kleinen Bühne leuchtet ein Fries. Ganz unverkennbar in Muster und Farbe die herrlichen Intarsien aus der Tod, Mahal, hier in Stickerei nachgebildet. Seltsam dies alles. Aber schon hat uns der Trudel und bet Festglanz wieder.
In einem kleinen Zelt wird eine neue Köstlich feit probiert: Früchte nach neapolitanischer AÜ Auf ein dünnes Holz sind rohe Früchte gereiht - ein Stückchen Banane, eine Pflaume, zwei Weinbeeren, ein Apfelschnitz. Dies alles wird einen Augenblick in gebrannten, noch flüssigen Zucker getaucht und dann mit lächelnder weltmännischer Verbeugung überreicht. Und schmecken tut das! Schnell noch ein zweites Stäbchen ... noch ein drittes? Da wird es plötzlich dunkel, die Lichter erlöschen. Nanu?
23 Uhr: Wiesenschluß. Das finde ich großarK Grad, roenn’s am schönsten ist, aufzuhören. M dem Glockenschlag ist die Herrlichkeit vorbei. 3n W1 Hallen wird seit 22.45 Uhr kein Bier mehr aW geschenkt. Und genau so friedlich, lachend unb befriedigt zerstreuen sich die Menschen, leeren sich Zeltstraßen, nur noch ein paar letzte Wagen rollen über bas Riesengerüst ber Himalayabahn, ein pn°r letzte Ouietscher kommen von ba oben ... unberührt von allem steht bie angestrahlte Statue bet Bavaria, unb nun ist wirklich für heute Schluv- Fortsetzung morgen.
Sochschulnachrichten.
An der Universität Marburg wurden entpflifr tet: Der Ordinarius für römisches und deutlcye- bürgerliches Recht Dr. Erich Jung, der Drbinartw für Physiologie Dr. Friebrich Kutscher unb D Orbinarius für gerichtliche Mebizin Dr. j)einriiy Hilbebranb. „
Der Orbinarius für türkische Sprachwissenschast an ber Universität Berlin, Professor Dr.JuMh Bang-Kau p, ist im Alter von 65 Jahren g ft o r b e n.


