Nr. 214 Drittes Blatt
Metzener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesien) Donnerstag, 13. September 1934
aber er hat es ja schließlich dazu ...
Der Berliner befand sich seither, und so bald wird I weil ihre Kunst auf echtem Berliner Boden, in sich wohl kaum ändern, in der bemitleidens- der Heimat des urwüchsigen, schlagfertigen Volks
seine verderbliche Macht —
macht.
Wenn ein Spreekahn am Hafen Steine auslädt,
Dann kommt das „Glück". Zaharoffs vermögender Onkel Sewastopulos, ein Tuchhändler zu Ga- lata, nimmt ihn in sein Geschäft. Diese Beziehung löst sich allerdings dadurch, daß eines Tages der Neffe etwas zu tief in die Kasse des Onkels greift und sich dann flüchtend nach England wendet. Der Onkel schnaubt Rache, erstattet Anzeige, ein Steckbrief wird erlassen, Zaharoff wird erwischt, eingelocht, sitzt einige Monate in englischer Untersuchungshaft und — wird freigesprochen. Dennoch verläßt er nach dieser „Affäre" England und kehrt in die griechische Heimat zurück.
Hier, in Athen, gewinnt er die Gunst des schwerreichen Industriellen S k u l u d i s. Der besorgt ihm den Posten eines griechischen Vertreters der Londoner Rüstungsfirma Nordenfeld. Nun hat er das riesige Betätigungsfeld feines Lebens gefunden. Zaharoff entwickelt derartiges Geschick, daß die Firma sich veranlaßt sieht, ihm Provisionen aus seinen Umsätzen zu bezahlen — und diese Provisionen sind der Grundstock zu seinem Vermögen geworden, das bei vielen als das mächtigste der Welt gilt, und dessen Umfang abzuschätzen Zaharoff selbst seit längerem nicht mehr in der Lage ist ...
Zaharoff ist es, der das e r st e N o r d e n f e l d - sche Unterseeboot an feine Heimat, an Griechenland verkauft. Ständig ist er weiter auf der Suche nach neuen Waffen, neuen Patenten. Er erkennt die gewaltige Bedeutung des neuen M a-
schinengewehrs, das der amerikanische Ingenieur Hiram Maxim erfand. Er, jetzt schon Aktienbesitzer, bewegt Nordenfeld, sich mit Maxim zu ver-
Berliner höchst kultivierte Laster.
„Hallo, meine Herrschaften, kommen Sie näher, treten sie ins Vestibül!"
Wenn man Berliner ist, kennt man diese aufgeweckten, durchtriebenen Burschen, die an irgendeiner Straßenecke der inneren Stadt, am liebsten in der
ihn eben interessiert — und was interessiert ihn nicht?
ist wie früher —: Monte Carlo geht es sehr schlecht, es wird von der Weltkrise mehr und mehr Überwältigt, Zaharoff wird hier viel Geld verlieren —
kaufstrick Überboten werden kann. In einer ziemlich belebten Straße stand ein breitschultriger Hüne, der Patentschlipse feilbot, inmitten eines andächtigen, froh grinsenden Haufens. Wie er sich gerade an
Wie ist das Aeußere dieses geheimnisvollen Menschen? — Die wenigen Photographien, die es von ihm gibt, zeigen eine schmächtige Figur, ein wenig nachlässig gekleidet, darüber ein Gesicht mit kleinen, lebendigen rätselhaften Augen, einem kleinen bün- nen Spitzbart unter dem Kinn, tiefen Falten um öie Mundpartie. Alle Härten, die jemals von bie- fern seltsamsten Beherrscher unserer Welt ausgingen, sind deutlich in den verwitterten Zügen zu lesen. Er ist immer menschenscheuer geworden, dieses Sir Basil Zaharoff; alle Photographen, alle Reporter, die gesamte Außenwelt mied er immer ängstlicher — bis er jetzt jählings wieder durch die sensationellen Enthüllungen des amerikanischen Rustungsskandals in den Brennpunkt des Weltinteresses gerückt wurde, sicherlich zu seiner eigenen brennendsten Pein ...
Rüstungsskandal in Amerika! Aufsehenerregende Korruptionsfälle sozusagen am laufenden Band! Sensationelle Enthüllungen! Unerhörte Bestechungen! So hallt es seit einigen Tagen die Weltpresse wider. Und im Mittelpunkt dieses Rieseu- jkandals steht auf einmal, scheinwerferhell beleuchtet, wieder ein Mann, um den es in der letzten Zeit stiller wurde, der aber schon öfter die Neugierde, die Legenden und — den Haß der Welt entfesselte: Sir Basil Zaharoff, zur Zeit schwer belastet durch die Enthüllungen des Untersuchungsausschusses im amerikanischen Senat angelegentlich der Rüstungsfragen.
Wer ist dieser Sir Basil Zaharoff? Immer wieder hat man diese Frage erhoben — immer wieder konnte man meist nur mit Vermutungen und Legenden antworten, die sich um diesen „mystery man of Europe“ rankten und noch ranken, der es dank unerhörter Skrupellosigkeit zu einem der mächtigsten Männer der Welt brachte und doch auf geschickte Art stets der berühmte „Mann im Dunkeln" geblieben ist. Mählich erst kam man diesen nachstehend erzählten Tatsachen auf die Spur, die wirken, als habe man sie einem spannenden Abenteuerroman entnommen —:
Fast 85 Jahre alt ist heute diese markanteste, geheimnisreichste und — gewissenloseste Persönlichkeit der Weltfinanz. Am 6. Oktober 1849 wurde in
und nun wird er in Wahrheit der „Mann im Dunkeln". So, wie er heute noch, nach den Enthüllungen im amerikanischen Rüstungsskandal, feine Hände in der ganzen Rüstungsindustrie der Welt hat, mit unerhörten Bestechungen arbeitet, Konzern gegen Konzern und Land gegen Land hetzt, so hat er seit jener Zeit immer aus seiner Position tief im Schatten heraus gearbeitet. Zahllose Male hat er es im Verlauf dieses Abenteuerlebens verstanden, große und kleine Nationen der fünf Kontinente gegeneinander zu hetzen. Es gibt in der Geschichte der letzten vierzig Jahre mehr als einen
zwei Hunde sich beißen, ein hübsches Mädchen ein Schaufenster dekoriert oder ein über eine Straßenkreuzung irrender Fußgänger vom Schupo ange- schnauzt wird, dann bleibt der Berliner stehen, bann roibmet er sich — zahlreich, wie er immer 1 aufzutreten pflegt — diesem Fall mit aller Liebe
vierundsiebzig Jahre alt, als Milliardär und Weltgewaltiger, heiraten durste, um dann nach drei Monaten der Ehe die gleichaltrige Lebensgeliebte durch den Tod zu verlieren.
Neben seinen Kriegsrüstungen betrieb und betreibt der Mann im Dunkeln noch ein anderes abenteuerliches Geschäft —: er hat nach dem Krieg, . s die Bank von Monte Carlo schwer zu kämpfen hatte, hier zwanzig Millionen Mark investiert
Neulich war ich Zeuge einer „Masche", die in ihrer Durchtriebenheit von keinem anderen Der-
Oeffentlichkeit wußte etwas von diesem Oger, der
im Verborgenen saß und vom Blut ganzer Völker, ....
lebte. Auf diese Weise hat ihn auch der Welt- hält, der hat keine Ahnung von ihm. Der hat nie krieg als den wahren und größten Triumphator erlebt, welch liebevolle Anteilnahme und sorgsame gesehen. Er hat sich unermeßlich an ihm bereichert. Eindringlichkeit er an all das verschwendet,' was In allen Ländern der alten und neuen Welt spiel- " ' "" '
ten Telegraphendrähte, die ihm gehörten, gaben
Nein, er könne es durchaus nicht bezeugen. Den Selbstbinder, den er neulich hier gekauft habe, halte er für denkbar unpraktisch, ja, völlig unbrauchbar.
Der Händler stockt betroffen, gerät in Wut, der kleine Herr ereifert sich, ehrlich aufbracht. Es ent- spinnt sich ein lebhafter Wortwechsel, die Situation wird bedrohlich und ein Vorsichtiger kommt eben mit einem Schupo herbei. Da zieht sich der kleine Herr von wohlsituiertem Ausfehen plötzlich die Jacke aus, reißt sein Vorhemdchen vom Leibe und ruft: „Sehen Sie, meine Herrschaften, bis heute bin ich mit diesem Abreißkalender mit angelötetem Kragen und Zementschlips herumgelaufen! Es ist eine Schande, daß man fo alt werden muß, um den Vorteil der modernen Errungenschaften einzu- fehen und „die unschätzbaren Vorzüge dieses neuen Patentselbstbinders richtig schätzen zu lernen. Sehen Sie selbst — kommen Sie doch näher — treten Sie in unser Vestibül, meine Herrschaften ...!
Jörg Alert.
Profite einzubringen. Es gab keine einzige große Fabrik der Rüstungsindustrie, keine Werft — die deutschen Werke ausgenommen—wo er nicht dieMajo- rität besessen hätte, die er zumeist durch Hintermänner hielt, während er selbst stets der „Mann im Dunkeln" blieb.
So ist ja soeben erst durch den amerikanischen Untersuchungsausschuß festgestellt worden, daß Zaharoff auch Großaktionär der Chase Nationalbank und der amerikanischen Electric Boat Compagny ist, und daß die letztgenannte Firma im Jahre 1916 unter Verletzung der nordamerikanischen Neutralität und entgegen dem Verbot des Staatsdepartements vier O-Boote für die italienische Flotte bauen ließ ...
und dann die Mehrheit der Bank erworben. Auch er- £ “an z ., sie bedeutete für ihn lange ein glänzendes und
einigen. Sie neue {J'rma roadjft auf jur SBeltmadjt. müheloses Geschäft. Erst jüngst hat sich erwiesen, Dann tritt Vickers Armstrong an Maxim daß dies Geschäft auf einmal nicht mehr fo lukrativ heran und kaust die Firma auf für zwanzig Mil- •" — ■ ~ - - -- --- -
lionen Mark. Zaharoff wird mit übernommen
Das alles ist in offenbar tiefgründiger Kenntnis der dramatischen Gesetze in einer von Händlergenerationen erprobten Steigerung mustergültig aufgebaut. Ehe man es sich versieht, ist dieser mit allen Wassern gewaschene Bursche mitten im Verkaufen. Er ist Imstande, alles zu verkaufen, und wenn es das un-
einem griechischen Nest Mughla Zacharias Ba- sileos Zaharoff geboren als Sohn armer Eltern. Kurz nach feiner Geburt übersiedelte die- Familie nach Konstantinopel; hier wuchs der Junge im Griechenviertel auf. Da er bestechend klug war, spannte sein Vater die letzten Mittel an, um ihm eine gute Erziehung zu geben. Schließlich fand sich .... n.„r.z o..,_ ,
ein wohlhabender Freund der Familie, der den seine Nachrichtenagenturen die Kriegsmeldungen her- jungen Basileos in die englische Schule schickte, aus, die seinen Interessen entsprachen, produzierten Mit achtzehn Jahren mußte Zaharoff neben feinen Munitionsfirmen mörderische Geschosse, um ihm Studien bereits feine im Elend befindliche Familse‘ ~ " ' ' ' '
unterhalten. Er tat es als Schuhputzer, als Fremdenführer, als Feuerwehrmann.
. . , v ~ , es sich wohl kaum ändern, in der bemitleidens- der Heimat des urwüchsigen, schlagfertigen Volks-
Krieg, der hundertprozentig fein Werk gewesen ist werten Lage, von aller Welt gründlich verkannt zu witzes gewachsen ist.
— und bei allen blutigen Zusammenstößen hat es werden. Das, was für alle Fremden das hervor- eigentlich nur einen einzigen Sieger gegeben: ihn ftechöndfte Merkmal des Spreetheners bildet, ist seine selbst, den geheimnisvollsten Mann Europas! Mil- um
Freilichttheater in der Friedrichstraße
Unpolitischer Brief aus der Reichshauptstadt.
Der Mann im Dunkeln.
Das Geheimnis um Sir Basil Zaharoff, den Beherrscher der iniemationalen Rüstungsindustrie.
wenn ein Fremder nach einem Weg fragt,;
mennämej Autos jufammengefto&en Jnb, weAn |braud)()Qrfte 3e"g ift
Neben den zahllosen Millionen, die dem Griechen
auf diese Weise in den Schoß glitten, heimste er j Gegend der Friedrichstraße, hinter ihren Koffer- auch äußere Ehren ein —: während des Welt- läden herumtanzen und mit Fleckenreinigungsmit- frieges erhielt er von Frankreich das Großkreuz teln, Zauberspielkarten und schießenden Bleistiften der Ehrenlegion; der englische König adelte ihn — ausgezeichnete Geschäfte machen.
aus dem ehemaligen Schuhputzer und Fremdenfüh- Wenn es man irgendwie mit seiner Zeit vereinter wurde der Sir Basil Zaharoff. baren kann, wird man auf ein paar Minuten einen
Stets ging für den Skrupellosen die Dividenden- Besuch bei ihnen machen. Auch ein Fremder täte rechnung restlos auf. Nur einmal in feinem Leben gut daran, einmal ins „Vestibül" zu treten, denn unterlag der Mann der Kriegshetze, der Korruptio- was er hier bei diesen Meistern des Straßenhau- nen, der grausamsten Skrupellosigkeit der neuesten dels an raffinierter Verkaufstechnik erlebt, wird er Zeit einer romantischen Neigung — und hier hat er, in so hoher, auf «alte Tradition gegründeter Vollenbitter kämpfen müssen fast ein halbes Jahrhundert! düng in keiner anderen Stadt wiederfinden.
lang: nämlich in seiner Liebe zu berPrinzef-j Wer noch keinen Berliner Straßenhändler erlebt f in Maria von Bourbon, einer Base des Kö- hat, darf nicht behaupten, Berlin zu kennen. Die nigs von Spanien, die er als junger Mensch in Darbietungen dieser Tausendsassas sind deshalb so Zürich traf, lieben lernte, heiß umwarb und endlich,! packend und von so unnachahmlicher Originalität,
Zunächst gerät man in ein pausenloses Sprühfeuer
selbst, den geheimnisvollsten Mann Europas! Mil- uugwöhuliche Eile. ' ' Ions fnCCnnhpre^ r f6pkn5rh!n' ^^"ber
lionen hat er im russisch-japanischen Krieg verdient, | Wenn irgend so ein Nichtswisser das Stichwort j Korn ker sich hervorragend daran schulen ^könnte"
Millionen in den Balkankriegen - er verkaufte „Berlin" befommt, Dann ift es, als hätte man einen 1 SSITn fliÄt be?
Schiffe, Panzerplatten, Flugzeuge, Kanonen, Ge- Gro chen in einen Automaten geworfen, dann geht > fen^e Künstler — scharf aeichlisfpnp
wehre, Munition ... immer unheimlicher wuchs es sofort los: Berlin, natürlich, Tempo Tempo! Und Ä ein bie unmertliA bas
feine verberbliche Macht - unb niemanb in ber damit ift nach feinem Dafürhalten die Wesensart fenyLfoSlÄ nh inhL pJ £ Oeffentlichkeit wußte etwas von diesem Oger, der des Berliners hinreichend gekennzeichnet. Ä tebenöen tavsiaen Sck aks oder ein errötet
im Verborgenen saß und vom Blut ganzer Volker Wer den Berliner für einen oben Tempofritzen F?ollein" aur Zielscheibe seiner fvöttiscken Pointen ebte. Aus biefe Meise hat ihn auch ber Meli- hält, her hat PpIup 9lhnima nnn ihm TW hAt «io zur £iei|a)eiDe seiner spöttischen Pointen
unb Mühe, bann ist ihm kein Weg zu eilig, kein L . , .------- . , v
Geschäft zu wichtig. Dieser kleine Urlaub vom Ar- stiue Stammkuubschaft roenbet: „Die Herren, bie beitstempo bes Tages wirb oft genommen, benn i schon mal bei mir gekauft haben, werben es ja feine Aufmerksamkeit unb Wißbegier ist bas vom bezeugen" — ba wirb er von einem kleinen, steifen Herren mit Strehkragen in verschnörkelter Rebe unterbrochen.
WitrttiiiiliW
Vornan von Anny von panhnys.
Urheberrechtsschutz: Fünf-Türme-Verlag, Halle (S.)
16 Fortsetzung Nachbruck verboten!
Donata schluchzte laut auf. Tante Röschen war tot! Auch ihr wollte bas nicht in ben Kopf. Immer war sie gut zu ihr gewesen, unb so oft hatte sie ben Eltern geholfen. War ihnen mit Rat unb Tat bei« gesprungen.
Man bot bem alten Heiner etwas zu essen unb zu trinken an. Er lehnte ab, er könne jetzt keinen Bissen hinunterbringen. Das glaubte man ihm sofort, bas sah man ihm an.
Heiner war jetzt wie ein armer Hunb, ber seinen Herrn verloren hat.
Werner Dlben telephonierte nach einem Auto, unb zu • viert fuhr man hinunter in bie Altftabt, war am Ziel tief im Gewinkel schmaler Gäßchen.
Am nächsten Vormittag telephonierte Donata bem Geliebten, was geschehen war, unb baß sie nun ein paar Tage lang sehr wenig Zeit hätte.
„Am Tage nach bem Begräbnis kommst bu zu uns, Detlef!" bestimmte sie.
Unb er gab zurück:
„Sage beinen Eltern mein herzlichstes Beileib." Zum Begräbnis fanbte er einen großen Kranz — feine schönsten Dahlien hatte er bafür genommen.
Das Begräbnis ging vorbei, unb noch am selben Nachmittag würbe bas Testament eröffnet. Es war zugunsten Donatas gemacht. Ihr gehörte bie Liegenschaft unb bazu ein Vermögen von fünfzigtaufenb Mark in barem Gelb.
Heiner Boffert, bas alte Faktotum, bekam zehu- taufenb Mark, unb noch am gleichen Abenb verkaufte ihm Donata, benn geschenkt wollte er sie nicht haben, die Wirtschaft „Zur Krähe" für fünftaufenb Mark. D"r alte Heiner wollte hier alles im Sinne der Toten fortführen; er wußte gut Bescheib, hatte er boch lange genug hier Hilfsbienste geleistet.
Donata saß bann roieber baheim in Bornheim unb sann, wie eigen es boch war, baß sie jetzt so viel Gelb besaß. Ein Riesenoermögen schienen ihr jetzt bie fünfunbsünszigtaujenb Mark zu sein.
Abenbs kam bann Detlef Westkamp. Er eutschul- bigte feine Mutter. Sie hatte sich bei ber Gartenarbeit ben Knöchel verstaucht unb konnte nicht auftreten.
Werner Dlben bebanfte sich bei Detlef Westkamp, baß er bie Wieberauffinbung ber Taler veranlaßt hatte, unb zeigte banach lächelnb auf Donata, bie in ihrem einfachen Trauerkleibe noch anmutiger als sonst aussah.
„Mein Mäbel hat Tante Röschen beerbt, bare fünfzigtaufenb Mark kriegt sie unb bazu noch fünf» raufenb burch Verkauf ber Altstabtbube. Sie ist eine gerabezu glänzenbe Partie geworben, lieber West-1 lamp! Sie haben großes Glück gehabt." 1
Er sagte es scherzenb, unb alle lachten, auch Westkamp; bennoch empfanb er bie Worte als nicht ganz harmlos. Ihm war es, als hätten sie einen, wenn auch noch so kleinen, so boch scharfen Stachel. Wie einen Schmerz nahm er bie Neuigkeit auf, baß Donata jetzt über fünfunbfünfzigtaufenb Mark verfügte.
Ihr Vater hatte ja recht — sie war baburch eine gerabezu glänzenbe Partie geworben.
Es huschte ihm burch ben Sinn, er sei jetzt eine Art Mitgiftjäger, obwohl er ben Gebauten selbst töricht fanb. Sehr töricht sogar; boch er kam immer roieber, ber. törichte Gebaute — währenb bes ganzen Abenbs.
Werner Dlben sprach viel von seiner Symphonie; seine Freube über bie bevorstehend Aufführung war zu groß, er konnte an bem Thema nicht Vorbeigehen.
Detlef Westkamp aber, ber sonst allen Menschen bas Beste gönnte, mußte fast roiber Willen benfen, er wünschte Donatas Vater keinen großen Erfolg. Die Tochter eines bekannten Komponisten wäre kaum bie richtige Frau für ben Sachsenhäuser Gärtner.
Donata begleitete ben Geliebten noch ein Stückchen burch bie Gasse. Er führte sein Rab, unb sie ging neben ihm her.
„Freust bu bich benn auch orbeutlich, baß ich so viel geerbt habe?" fragte sie. „Wir brauchen nun doch keine Zukuuftsaugst zu haben, wir beibe, unb können für beine Gärtnerei noch manches tun. Du hast einmal gesagt, bu wünschest bir ein kräftiges Lastauto. Das wirb natürlich zuerst augeschafft."
Er schluckte ein paarmal, stieß hervor:
„Dein Vater machte mich ja bereits heute abenb darauf aufmerksam, daß du eine glänzende Partie wärest unb ich großes Glück gehabt hätte."
Sie blieb stehen, sah ihn befrembet an.
„Es klang häßlich, wie bu bas eben gesagt hast, Detlef! Tue es nicht mehr, es paßt nicht zu bir!" Sie legte ihm bie Hanb auf ben Arm: „Darfst boch nicht bitter werben, weil ich Glück gehabt habe. Tante Röschen hätte bas Gelb ja ebensogut jemanb sonst vermachen können. Vater sagt, wir müßten fehr froh fein, weil wir nun nach ber Heirat nicht von ber Hanb in ben Munb zu leben brauchten."
„Ganz fo schlimm wäre es wohl kaum gekommen", versetzte er unb spürte Aerger gegen Donatas Vater.
Sie streichelte feinen Arm.
„Das weiß ja Vater auch; aber er freut sich boch, baß wir nun ein biffel Gelb zuzufetzen haben."
Es war nicht allzu hell in ber kleinen Gaffe; aber er sah boch ben Glanz in Donatas Augen, sah ben weichen Zug um ihren Munb. Seine Liebe strich über seine törichten Gebauten hin, unb er lächelte glücklich:
„Alles ist ja gleich — alles, wenn du mich nur liebst."
Sie neigte den Kopf.
„Ich habe dich ganz unsagbar lieb."
Zwanzigstes Kapitel.
Die erste Drchesterprobe feiner Symphonie hatte stattgefunden, und Werner Dlben hatte ganz still in einer entfernten Ecke bes großen Saales gesessen unb zugehört.
Jebes Wort bes Dirigenten hatte er in sich ausgenommen, als wäre es nur an ihn gerichtet. Glücklich war er, überglücklich. Er wußte schon nach ber ersten Probe: ber Dirigent setzte sich für bas Werk ein, als wäre es bas eines weltberühmten Meisters.
Er kam erst gegen sechzehn Uhr nach Hause, aß wenig, sprach nur von bem Erleben ber großen Probe, bann legte er sich aufs Dhr. Heute hatte er viel Zeit, ben ersten Schüler erwartete er erst am Abenb.
Um halb sechs Uhr schellte es braufeen, unb Donata öffnete. Etwas betreten sah sie ben Draußeu- stehenben an. Sie mußte an ben Begleiter Suse Beßlers benfen, ben sie mit ihr in bie „Krähe" hatte gehen sehen. Sie besaß ein gutes Gebächtnis.
Der Elegant zog ben Hut.
„Ich möchte Herrn Dlben in einer für ihn ungewöhnlich wichtigen Sache sprechen."
„Ich bin Herrn Dlbens Tochter. Vater schläft — unb ich wecke ihn nicht gern, wenn es nicht gerabe bringenb nötig ist", erroiberte sie sehr abroeifenb.
Sein Munb verzog sich.
„Dringenb nötig ist schließlich wenig auf ber Welt, wenn man’s nicht genau betrachtet. Aber ich rate Ihnen in biefem Fall, ben Herrn Vater zu wecken, mein gnäbiges Fräulein."
Der Draußenstehenbe war ihr herzlich zuwiber; sie antwortete fast schroff:
„Ich bin kein gnäbiges Fräulein. Frembe nennen mich Fräulein Dlben."
„Also, Fräulein Dlben, bitte, wecken Sie Ihren Herrn Vater — es lohnt sich für ihn, bas Mittagsschläfchen zu unterbrechen. Bestimmt — es lohnt sich."
Sie fragte:
„Wen barf ich melben?"
Er zog roieber ben Munb in bie Breite unb holte einen schmalen, geschlossenen Umschlag aus seiner Brusttasche, reichte ihn ihr.
„Geben Sie bas Ihrem Herrn Vater!"
Sie entschloß sich, ben Vater zu wecken, sagte: „Warten Sie ein wenig — ich komme halb roieber."
Werner Dlben ermunterte sich nur schwer. Enblich begriff er unb öffnete ben Umschlag. Eine Karte befanb sich barin, auf ber staub:
„Erich Merten, in besten Besitz sich Ihre seltenen Taler kurze Zeit befunben haben, mochte Sie über etwas unterrichten, was Ihnen großen Vorteil bringen würbe."
Er erhob sich.
„Das ist boch ein ganz tolles Stückchen! Wagt es ber Kerl, zu bem bie Diebin bie Taler geschleppt hat, hierher zu kommen. Eigentlich ist foroas bas Unverschämteste vom Unverschämten."
Donata nickte.
„Der Mensch sieht auch ziemlich unverschämt aus. Ein geleckter Kerl ist's. Ich meine, bu solltest ihn lieber nicht ins Haus lassen."
Ähr Vater wiegte ben Kopf nachbenklich hin unb her.
„Mochte es auch nicht! Aber ich bin — ehrlich geftanben — verflixt neugierig, was er eigentlich von mir will. Jrgenb etwas muß boch hinter feinem breiften Besuch stecken. Vielleicht eine neue Gaunerei! Bleibe bu jebenfalls auch im Zimmer, Kinb! Für alle Fälle setze ich mich neben bas Telephon, bamit ich gleich bie Polizei anrufen kann, roenn’s nötig fein sollte. Dbgleich ich nicht glaube, daß er etwas vor hat, was ihn möglicherweise wieder mit der Polizei in Konflikt brächte."
Er entschieb sich:
„Laß ihn rein! Die Taler liegen ja jetzt fest verschlossen oben in ber eisernen Kassette bei ben Familienpapieren."
Gleich barauf betrat Erich Merten bas Musikzimmer. Donata Dlben hatte bie Tür geöffnet unb folgte ihm. Mitten im Zimmer staub ber Hausherr, blickte bem Eiutreteubeu etwas ärgerlich unb etwas neugierig entgegen.
Erich Merten verneigte sich tief.
„Mein Name ist Ihnen natürlich nicht unbekannt, Herr Dlben. Ich weiß auch, baß er bestimmt keine angenehmen Gebauten in Ihnen erweckt. Aber vielleicht finb Sie mir freuublicher gesinnt, uachbem Sie mich augehort haben."
„Was wünschen Sie von mir?" Ziemlich steif unb zurückhalteub stellte Werner Dlben bie Frage. „Fassen Sie sich, bitte, kurz!"
„Das kann ich nicht gut tun, Herr Dlben, benn es Haubelt sich um eine ziemlich verzwickte Angelegenheit."
Er strich über sein winziges Bärtchen.
„So im Stehen läßt sich bas überhaupt nicht erlebigen — wir sollten uns Zeit lassen. Ich muß Sie auch vorher um Geheimhaltung ber Mitteilungen bitten, bie ich jetzt vorausschickeu möchte, bamit Sie anfangen zu verstehen."
Er lächelte liebensroürbig, hatte ganz bie Miene eines großen Herrn, als er fortfuhr:
„Bitte, versprechen Sie mir, von bem, was ich Ihnen jetzt mitteilen werbe, niemanb etwas zu verraten. Ihre Tochter kann natürlich alles mit an« hören, unb Ihr Versprechen gilt auch für sie mit."
„Ich kann ein solches Versprechen nicht geben", würbe ihm zur Antwort.
„Das ist aüerbings bebauerlich. Aber wenn es nicht anbers fein kann, will ich es ohne Ihr Versprechen riskieren", gab Merten nach.
„Bitte, bieten Sie mir boch enblich Platz an! Es ift gemütlicher, wenn man bei ber Unterhaltung
Werner Dlben bachte: Frecher Kerl! Aber er lud ben frechen Kerl burch eine Haubbewegung ein, sich auf einen Stuhl uieberzulasten. Auch Dlben setzte sich, sah ihn fragenb an.
> Fortsetzung folgt.)


