Ur. 214 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen) Donnerstag, 15. September 1954
Hessische Trachtengruppe in Nürnberg.
Unser Heimatdichter Georg Heß-Leihgestern überreicht dem Führer und Reichskanzler Adolf Hitler einen Erntekranz.
r. » «
Die hessische Trachtengruppe. — In der Mitte Georg Heß.
Im Rahmen des Nürnberger Reichsparteitages anden bekanntlich u. a. Aufführungen von Trach- engruppen aus allen Gauen des deut- chen Vaterlandes statt. Dabei war auch eine essische Tracht en gruppe unter der Fiih- ung unseres Heimatdichters Georg H e ß - Leihestern beteiligt, lieber die unvergeßlichen Eindrücke nd Erlebnisse dieser Trachtengruppe erhalten wir achstehenden fesselnden Bericht:
Die hessische Trachtengruppe fuhr am Donners- ag voriger Woche abends mit dem Sonderzug der 3D. von Gießen ab nach Nürnberg.
Die Gruppe bestand aus 34 Trachtenträgern aus Watzenborn-Steinberg, dem Hüttenberg, aus der Marburger Gegend, der Schwalm, dem Schliher Land, aus dem Kahenberg, der Rhön und aus dem Kreise Gelnhausen; ein Teil dieser Trachtengruppe stieg in Gelnhausen in den von Gießen kommenden Zug zu.
Am Freitag früh gegen 4 Uhr trafen diese Nürn- isrgfahrer in der Stadt des Reichsparteitages ein. l'ie Mädels der Trachtengruppe erhielten Privat- cuartiere, während die männlichen Trachtenträger in dem Zeltlager in der Nähe der Zeppelinwiese Nktergebracht wurden Der Morgenkaffee wurde in hr Volksküche empfangen, zu Mittag speiste die Gruppe gemeinschaftlich in dem Zeltlager an der ^ppelinwiese. Am Freitag nachmittag fanden auf bir Zeppelinwiese die Proben der Trachtengruppen flitt.
l Samstag um 13 Uhr waren etwa 1 5 0 0 Trach- t nträger aus allen deutschen Gauen an dem Vorbeimarsch vor dem Führer be- tüligt. Der Führer stand dabei in seinem Wagen inr dem „Deutschen Haus" und nahm den Vorbei- riarsch mit großem Interesse ab. Bei dieser Gelegen- tiit überreichten die Gruppen — etwa 25 — je Eid) der Art ihrer Landschaft dem Führer als Lißeres Zeichen ihrer oerehrungsvollen Liebe und Zuneigung Geschenke, wie z.B. Wein, Obst, Glas- sc.alen, Korbwaren usw.
:Die Trachtengruppe Hessen überreichte dem Führer einen Erntekranz. Das bunte Bauern- lband, das den Kranz durchzog, hatte eine
Bauersfrau von ihrer Tracht getrennt und gestiftet. Die Einzigartigkeit dieses Bandes in dem Erntekranz wird dadurch betont, daß heute ein solches Band im Einkauf nicht mehr zu haben ist.
Die Geschenke wurden jeweils von einem Paar der einzelnen Gruppen überreicht, wobei diese Paare aus dem Zuge heraustraten und links neben dem Wagen des Führers Aufstellung nahmen. Nach dem Vorbeimarsch ließ der Führer sich die Geschenke persönlich überreichen. Dabei gab er jedem Paar die Hand, unterhielt sich in freundlichster Weise mit den Trachtenträgern und richtete mancherlei Fragen an sie. Der ganze Vorgang wurde von Leni R i e f e n st a h l für den großen Film des Reichsparteitages ausgenommen.
Die Ueberreichung des Kranzes der hessischen Trachtengruppe erfolgte durch Georg Heß (Leihgestern), den Führer dieser Gruppe, und einem Trachtenmädel aus der Marburger Gegend. Dabei richtete Georg Heß folgende Worte an den Führer:
„Hessenkinder in ihrer Tracht haben dir viel Heimatgrüße mitgebracht. Als Zeichen der Treue diesen Preis, ein Segen unsrer Hände Fleiß."
Am Schluffe dieses denkwürdigen Ereignisses schritt der Führer die Front der 25 Trachtenpaare ab, wobei die Zuschauermenge in großer Begeisterung das Deutschland-Lied anstimmte. Anschließend wurden die Ueberbringer der Gaben in das Zimmer des Führers in seinem Quartier geführt, um dort die Geschenke abzustellen. Hier waren zahlreiche führende Persönlichkeiten der Bewegung zugegen, u. a. der Stellvertreter des Führers, Reichsminister Heß, der Adjutant des Führers, Gruppenführer Brückner, der Reichs- jugendführer Baldur von Schirach, der Führer des Reichsbundes für Volkstum und Heimat, H a f e r b e ck ufw.
Der Festzug der Trachtengruppen durch die Straßen Nürnbergs rief überall helle B e g e i ft e r u n g hervor. Auf der Zeppelinwiese
waren Tanzflächen hergerichtet, auf denen die einzelnen Trachtengruppen ihre Volkstänze zeigten. Um 17 Uhr begann der Einmarsch der Trachten- gruppen in das Stadion zur Aufführung des Spiels „Stämme und Stände". Dabei marschierten die Trachtengruppen als Volk ein.
Die Trachtengruppe Hessen, die sowohl im Fest- zug, wie auch beim Einmarsch ins Stadion einen vorzüglichen Eindruck machte, wurde allenthalben begeistert begrüßt, da in dieser Gruppe durchweg junge Leute waren, und die frischen und frohen Mädels und Burschen sich durch ihre herrliche Jugend von den meist älteren Leuten der anderen Trachtengruppen abhoben. Das Bild im Festzug wurde noch dadurch verschönt, daß von einem jungen Burschen auf einer Stange ein riesiger Kranz getragen wurde, der mit zahlreichen Bändern geschmückt war, deren Enden junge Mädchen hielten. Der Kranz trug ein Schild mit der Inschrift „Reichsbund Volkstum und Heimat, Landschaft Rheinfranken, Nassau, Hessen."
Der Sonntag und der Montag standen den Trachtenträgern 3ur freien Verfügung. Die Tage wurden, einem Wunsche des Stellvertreters dss Führers entsprechend, dazu benutzt, das Straßenbild Nürnbergs durch die Trach
te ngruppen zu beleben. Auch dabei fand die hessische Trachtengruppe wiederum die besondere Aufmerksamkeit der riesigen Menschenmenge, weil die hessischen Trachtenträger geschlossen durch die Straßen marschierten und ihre mit Begeisterung aufgenommenen Volks- und Heimatlieder fangen.
2lrn Montagabend war auf Anregung des hessischen Landesbauernführers Dr. Wagner die hessische Trachtengruppe unter Führung von Georg Heß im „Bürgergarten" zusammengekommen. Bei diesen Stunden waren u. a. anwesend: Reichsstatt- hcllter Gauleiter Sprenger, Ministerialrat Ring 5 hausen , Landesbauernführer Dr. Wagner, eine Anzahl Amtswalter und einige SA.- Männer unseres Gaues.
Beim Gesang hessischer Volkslieder, bei Volkstänzen — wobei auch der Reichsstatthalter Gauleiter Sprenger es sich nicht nehmen ließ, mit den Bauernmädchen in ihrer schönen Tracht manchen der allen deutschen Tänze zu tanzen — beim Vortrag einiger Gedichte von Georg Heß und frohgestimmter Geselligkeit verliefen die Stunden dieses Zusammenseins nur allzu schnell.
Auch dieses Treffen war ein Abend wahrer Volksgemeinschaft, mit deren eindrucksvoller Bekundung die unvergeßlichen Tage von Nürnberg ihren schönen Ausklang fanden.
GA aus Nürnberg zurück.
Die Gießener SA., die gestern abend aus Nürnberg zurückkehrte, wurde außerordentlich herzlich empfangen. Das Zentrum der Stadt stand im Zeichen der Rückkehr der braunen Kämpfer. Schon einige Zeit vor der Ankunft des Zuges sammelten sich die daheimgebliebenen Kameraden der Stürme, zum Teil an den Sturmlokalen, zum Teil auf dem Landgraf- Philipp-Platz und in den anliegenden Straßen. Vom Standartengebäude aus rückten dann die Formationen über den Brandplatz, Kanzleiberg, Sonnen- straße, Kreuzplatz, Seltersweg, Frankfurter Straße, Liebigstraße und Bahnhofstraße zum Bahnhof.
Der Mufikzug der Standarte 116 hatte sich bereits am Bahnhof eingefunden und nahm auf dem Bahnsteig 1, auf dem der Zug erwartet wurde, Aufstellung. Pünktlich zur vorgesehenen Zeit lief der Zug ein. Die Lokomotive war mit grünen Zweigen geschmückt. Der Mufikzug begrüßte die Nürnbergfah- rer mit dem Badenweiler Marsch. Die Teilnehmer
des Reichsparteitages waren über diese Begrüßung sichtlich erfreut. Rasch formierten sich dann die Mannschaften auf dem Bahnsteig. Standarte und Fahnen wurden entrollt, und während auf dem Bahnhofsplatz Kommandorufe erklangen, die SA. in straffer Haltung und tadellos ausgerichtet stand, wurden die Standarte und die Fahnen aus dem Bahnhof gebracht. Die überaus große Menschenmenge, die beim Empfang der Nürnbergfahrer dabei war, grüßte mit erhobener Hand.
Dann setzte sich der Musikzug der Standarte 116 an die Spitze, und unter schneidiger Marschmusik marschierte die SA. unter dem Kommando von Standartenführer Lutter über Liebigstraße, Frankfurter Straße, Seltersweg, Kreuzplatz, Son- nenftraße und Kanzleiberg zum Landgraf-Philipp- Platz. Die Nürnbergfahrer marschierten unmittelbar hinter der Standarte und den Fahnen, dann folgten die aktive SA. und die SA.-Reserve. Die Stürme
Vor dem Bahnhof. — Im Vordergrund Standartenführer Lutter.
>
SInruf zwischen acht und neun.
13on Wolfgang Federau
Katja, mit ihren stark ausgeprägten mütterlichen irbb hausfraulichen Instinkten, hätte es verdient, ibien Mann zu bekommen, der immer um sie war. Huer kann man sich seinen Mann aussuchen? Viel- nlf)r kann man, wenn man einen Mann liebt, das iaroort von gewissen äußeren Formen seiner Le- dmssührung abhängig machen? Nur in seltenen Men ist derartiges möglich. Und daß Katjas, aus- zcrechnet Katjas Ehegatte einen Beruf ausübt, der iHv oft zwei, drei Wochen vom Haufe fernhielt, das Dir ein Mißgeschick, das man in Kauf nehmen ni.sßte.
Auch sonst hätte Katja einigen Grund gehabt, sich zni beklagen. Manches änderte sich seit ihrer Heirat, sir: manchen Gewohnheiten mußte sie brechen. Denn hi Mann hieß nicht nur Ernst — er führte den limen in jeder Beziehung zu recht. Was seine Niinung über Aufgaben, Pflichten und das Geba- ler der Frau anbelangte, so huldigte er Anschauun- tjt:,, bie einfach mittelalterlich waren. Sie tat alles Ingbern wiberspruchslos — was tut man nicht, Tenn man gewiß ist, baß nur Liebe bie Ursache ihmrtiger Anschauungen ist. Man lächelt vielleicht, rcn ärgert sich wohl auch ein wenig, aber schließ- 14 zuckt man nur verzeihenb unb verstehen!) bie Masseln unb beugt sich ben Wünschen unb Befehlen it$ Mannes, ben man liebt.
iia, man sitzt auch Abenb für Abend zu Hause, inoen Wochen, ba ber Mann fern ist, unb läßt sich iciit verlocken durch bie Lichtreklame bes Kinos, tixf) ben lebenbigen Lärm, ber aus ben Straßen in Großstabt hinaufbrobelt bis in bie Stille ber HHnung. Denn „Ich rufe bich jeben Abenb zwi- mal acht unb neun Uhr an", hat Ernst gesagt, vor Jim Abreise. Unb nun hockt man ba, in ber Nähe
Telephons, unb beschäftigt sich mit bem unb in। m unb wartet. Auf bas Schrillen ber Glocke, 11 i bie vertraute Stimme. „Nun, Katja, alles in fcrimung?" „Danke sehr, Liebster. Unb bu?" Schnell Dci ein paar Worte: wie man ben Tag verbracht Hit baß man Sehnsucht hat, baß es so furchtbar f-U unb einsam ist, zu Hause. Man muß sich ja Le len, bie brei Minuten eines Ferngesprächs finb D>1 ;u schnell vergangen. „Auf Wiederhören morgen fceiio." „Ja — unb auf balbiges Wiebersehen auch." Ihl bann Schluß.
Ömmer Hai Katja gebucht: es ist Liebe, bie ihn zu Mim täglichen Anruf zwingt. Aber heute, plötzlich, i xe von merfmürbiger Nervosität erfüllt. Heute trmen ihr UWfnrno m^cfr fnffo mirb in
zu seiner Sklavin herabwürbigen", benkt sie. „Dieses Sitzen hier, Abenb für Abenb, manchmal zwei Wochen hintereinanber — ich halte es nicht aus. Man versauert ja babei, man wirb alt unb stumpfsinnig vor ber Zeit." Sie benkt an bie Ungebundenheit ihrer Mädchenjahre — mit einer gewissen Bitterkeit denkt sie daran. Sie ist mit eins auch gar nicht mehr so glücklich, wie sie es bislang zu sein glaubte. „Vielleicht ist es gar nicht Liebe bei ihm" überlegt sie wieder. „Vielleicht ist es Eifersucht, nichts als nackte Eifersucht." Und Katja denkt nach über das, was man Eifersucht nennt, und kommt zu der Ueberzeugung, daß ein eifersüchtiger Mensch nicht ohne weiteres auch ein treuer Mensch zu sein braucht. „Mich tyrannisiert er", bäumt sie sich auf. „Aber was er selbst tut da draußen, — wer mag das sagen? Es ist ungerecht, von mir zu verlangen, daß ich zu Hause warte, bis er sich gnädig herabläßt anzurufen, während man selbst..."
Und plötzlich faßt sie einen Entschluß. Nimmt den Hörer von der Gabel, legt ihn auf den Tisch. „Sv" — denkt sie, „jetzt mag er anrufen bis dorthinaus — ich höre nichts. Besetzt, mein Freund, besetzt. Deine Frau, deine Katja, telephoniert mit ihrem Jugendfreund. — Mit — wie heißt er doch gleich? — ja, mit Edgar. Edgar ist ein schöner Name."
Sie lächelt vor sich hin, ein bißchen spitzbübisch. Jetzt könnte sie ausgehen, irgendwohin, wo es schön ist und warm. Wo Musik ist und Leben. Sie hätte ihr Alibi: Zu Hause? Natürlich war ich zu Hause. Aber ich sprach wohl gerade mit meiner Cousine Thea, als du anriefst. Ich habe nicht daran gedacht, daß jeden Augenblick dein Gespräch kommen müßte. Und du rufst doch gewöhnlich auch immer später an. Nein, das wieder durfte sie nicht sagen. Denn sie wußte ja nicht, jetzt, wann sein Anruf kam. Und würde sich so vielleicht verplappern. Na, jedenfalls — eine Ausrede würde sich schon finden.
Aber Katja stand nicht auf, holte nicht ihren Mantel, ging nicht hinunter in die Stadt. Brav und artig saß sie vor dem Schreibtisch und heftete die Augen auf das sinnlos gewordene Telephon.
Acht Uhr zehn... Na, Ernst wird sich schon ärgern, wenn er keinen Anschluß bekommt. Soll er nur — ich habe ihn allzu sehr verwöhnt, all die Zeit
Acht Uhr zwanzig... Scheußlich, dies Warten. Wenn's doch bloß erst neun wäre.
Acht Uhr dreißig... Db er wohl traurig fern wird wenn er vergeblich auf meinen Gruß wartet? Schadet nichts — ich bin auch traurig gewesen, oft und oft, und er hat nicht danach gefragt.
Acht Uhr vierzig... Ich halt's nicht mehr aus! Ich halts nicht mehr aus. Wenn ich nur fein Gesicht
sehen könnte in diesem Augenblick. Db er sehr böse ist? Was muß er nur von mir denken! Vielleicht hat er zweimal, dreimal angerufen und immer das Besetztzeichen erhalten. Und macht sich Sorge, denkt, mir sei etwas passiert.
Acht Uhr fünfzig... Katja, mit entschlossener Miene, legt aufseufzend den Hörer auf die Gabel. Wartet zitternd, mit hart klopfendem Herzen, auf das Schrillen der Glocke. Zehn Minuten lang. Zehn Ewigkeiten lang und vergeblich.
Da packt sie wilde Energie. Sie weiß das Hotel, in dem Ernst abgeftiegen ist. Läßt sich durch die Auskunft die Telephonnummer geben, durchs Fernamt die Verbindung Herstellen.
DH, die schrecklichen Minuten des Wartens. Und dann meldet sich erst der Portier. Und wieder vergeht endlose Zeit, ehe Ernst am Apparat ist.
„Nun, Katja, Liebste", kommt seine Stimme, so fern und doch fo vertraut, „ist irgendwas passiert zu Hause?"
„Passiert?" stotterte sie, „nein, nur ... ich ich .. ."
„Aber Katja", wird sie unterbrochen und nun ist diese Stimme so überlegen, „kleines Dummchen, du brauchst doch nicht gleich so aufgeregt zu sein, wenn ich mich mal verspäte mit meinem Anruf. Ich hatte eine Besprechung mit einigen Geschäftsfreunden, und so kam ich nicht früher dazu. Ich habe es, ehrlich gesagt, im Eifer des Geschäfts ganz vergessen."
„Vergessen!" denkt Katja und beugt hilflos den Nacken.
Störche bilden ein Volk.
Erbmasse und Triebleben bei Vögeln.
Auf Anregung der Vogelwarte Rositten wird eine Internationale Storchzählung durchgeführt werden.
Die Vogelwarte Rossitten hatte, wie man sich erinnern wird, im vergangenen Jahre 150 Jung- störche von Dstpreußen nach Essen-Ruhr gebracht, die im Herbst, zur gleichen Zeit, wie ihre ostpreußischen Brüder, auf Wanderschaft nach Süden gingen. Man verfolgte ihren Weg über Bern nach dem Lago Maggiore bis Konstantinopel. Die Essener Jungstörche nahmen also nicht den Flugweg, den alljährlich die westlich der Elbe nistenden Störche nach Spanien und Gibraltar einschlagen, sondern strebten einem ihnen noch unbekannten Ziele zu, das ihre von östlich der Elbe stammenden Eltern und Voreltern Jahr um Jahr aufsuchen. Zwei Wochen vor dem Eintreffen der Essener Jungstörckie waren
die ziehenden Jungstörche aus Norstost-Europa bereits am Schwarzen Meer gesichtet worden. Das Verhalten der Essener Jungstörche ist ein Beweis dafür, daß die Störche einen erblichen Rich- t u n g s f i n n besitzen, dessen Jnstinktsicherheit auch durch einen Drtswechsel nicht irre wird.
Auf solchen Erbanlagen beruht im ganzen das soziale Verhältnis der Störche untereinander, wie die Tiere überhaupt; bei den Störchen ist es offenbar ganz besonders ausgeprägt. Arterhaltung und Arteinheit sind dabei die eigentlichen Triebkräfte. Entartung wird von den Artgenossen im Keime ausgerottet, aus Selbsterhaltungstrieb allein, weil sie die Sicherung der Erbanlagen in der kommenden Generation gefährdet.
Auch wo dies nur scheinbar geschieht, kann man furchtbare Beispiele von Artsicherung erleben. So hatten auf einem Gutshof in der Uckermark im vergangenen Sommer Jugendliche die Eier in einem Storchennest mit Gänseeiern vertauscht. Die ahnungslose Störchin brütete die falschen Eier aus. Als die Gänseküken ausschlüpften, erschrak — wie der Förster beobachtete — die Störchin offenbar über die entartete Brut, lieber eine Stunde lang umflatterte sie aufgeregt das Nest und starrte die Jungen an. Dann kam der Storchenvater; auch er konnte sich zunächst nicht beruhigen. Dann aber flog er davon und kehrte nach einer Stunde mit 15 anderen Störchen zurück. Gemeinsam stürzten sie sich auf das Nest, warfen nicht nur die Gänsebrut heraus, sondern töteten auch die Störchin mit scharfen Schnabelhieben.
Erst später konnte der Förster die Ursache des merkwürdigen Verhaltens der Störche aufklären. Hätte er gewußt, daß die Eier in dem Nest vertauscht waren, fo hätte er die betrogene und von den Störchen, sozusagen unschuldig zum Tode verurteilte Störchin retten können.
Die Störche bilden ein großes Volk; sie leben miteinander nach unveränderten Gesetzen. Arterhaltung und Selbsterhaltung sind auch hier untrennbar. Auf einem anderen märkischen Gutshof ereignete sich im oergeugenen Sommer folgende seltsame Geschichte. Der Blitz schlug in eine Scheune, auf deren Dach sich zwei Storchennester befanden. Das Feuer ergriff die Nester, es gelang den alten Störchen nicht, ihre Jungen rechtzeitig vom Dache zu werfen. Eine Storchenmutter ging mit ihren Jungen in den Tod, während die andere von einem der Storchenmänner gerettet wurde. Abends schwebten etwa 20 Störche aus den Nachbarorten mehrere Stunden lang suchend über der rauchenden Trümmerstätte. —hag—


