Ift. 1'5 Drittes Blatt __Gletzener Anzeiger (General-Anzeiger für Vberheffen)Mittwoch, 13. ZuniM4
S.Jtxfporl
r(5ud)e nach dem unbekannten Schwimmer." Die Ausschreibung.
Zum Zwecke der „Suche nach dem unbekannten Schwimmer" werden im Rahmen der Reichs- Schwimmwoche 1934 am Mittwoch, 20. Juni 1934, 17.30 Uhr, in der offenen Lahn Langstreckenschwimmen durchgeführt. Folgende Wettkämpfe sind vorgesehen:
Herren-Klasse A und B, 1000 Meter- a) Jahrgänge 1920 bis 1918, b) Jahrgänge 1917 bis 1916, c) Jahrgänge 1915 bis 1904, d) Jahr- gange 1903 und älter.
Damen - Klasse A und B, 1000 Meter- a) Jahrgänge 1921 bis 1917, b) Jahrgänge 1916 bis 1915, c) Jahrgänge 1914 bis 1903, d) Jahr- gange 1902 und älter.
Die Durchführung der Wettkämpfe haben die Vereine des Deutschen Schwimm-Verbandes und der Deutschen Turnerschaft übernommen. Das Schwimmen ist offen für alle deutschen Volksge- nossen und wird durchgeführt nach zwei Klassen:
Klasse A für Mitglieder von schwimmsporttreibenden Vereinen,
Klasse B für alle übrigen deutschen Volksgenossen.
Meldungen zu dieser Veranstaltung sind bis spätestens Montag, 18. Juni, 20 Uhr, in geschlossenem Umschlag (mit der Aufschrift „Meldung" ver- sehen) an die Müllersche Badeanstalt, Lahnstraße, zu Händen des Herrn Pascoe zu senden. Die Meldungen haben zu enthalten: Dor- und Zuname, Geburtsdatum und eventuell Verein oder Formation. Die Meldeeröffnung erfolgt am gleichen Tage, 20 Uhr, in der Müllerfchen Badeanstalt. Jeder Teilnehmer bekommt eine Startnummer zugeteilt. Diese ist sichtbar auf einer Startmütze zu tragen. Als Preise werden für jede Klasse und jeden Jahrgang Diplome der Reichs-Schwimmwoche gegeben. Die Strecke ist etwa 1000 Meter lang, mit leichtem Strom. Der (fliegende) Start ist an der Militär- Badeanstalt mit entsprechenden Abständen für jede Klasse. Ziel: Gießener Ruder-Gesellschaft. Ein Startgeld wird nicht erhoben. Für die Teilnehmer wird Auskleide-Gelegenheit am Zielplatz geboten. Um 17.30 Uhr werden die Schwimmer durch Boote zum Startplatz gebracht.
Gießen, den 7. Juni 1934.
Technischer Ausschuß
der Reichs-Schwimmwoche 1934 in Gießen. Gez.: F. Pascoe. Gez.: Fr. Sauer.
Zuverlässigkeitsfahrt nach Wildüngen.
Am vergangenen Sonntag führte der DDAC. Gau 3 gemeinsam mit der NSKK.-Gruppenstaffel Hessen als Gaupflichtveranstaltung eine Zuverlässigkeits- und Orientierungsfahrt für Krafträder und Autos nach Bad Wildungen durch. Bei der Zuverlässigkeitsfghrt mußten trotz hoher Durchschnittsgeschwindigkeiten (bis zu 60 Kilometer) die Derkehrsvorschriften eingehalten werden. Die Hälfte der Teilnehmer blieb strafpunktfrei. Wesentlich schwerer war die Orientierungsfahrt. Fünf Kontrollpunkte zu beiden Seiten der Edertalsperre waren in der kürzesten Zeit zu berühren, was nur auf großen Umwegen oder über Straßen dritter Ordnung möglich war. Strafpunktfrei blieben insgesamt fünf Teilnehmer und zwar:
Gruppe I: 50 Stdkm. (Krafträder bis 350 ccm Seitenwagen bis 600 ccm, Wagen bis 1200 ccm): E Ragel (Grebenau), E Pillardy (Kassel W.), A. Sack (Heuchelheim).
G r u p p e III: 60 Stdkm. (Wagen über 2000 ccm): A. Otterbein (Schlitz), Hauptmann Schmitz (Kassel-Niederzwehren)
ErfolgreicherTumierschlußin Warschau
Deutschland die beste Jlafion.
r far die deutschen Farben erfolgreichen Abschluß nahm am Montag das Internationale Reitturnier in Warschau. Die deutschen Reiter kamen zu ihrem 7. Siege und schnitten damit unter allen Na- honen weitaus am erfolgreichsten ab. Polen und Frankreich folgten erst mit je drei Siegen an zwei- ter Stelle, während die Tschechoslowakei nur einen ersten Preis davontrug.
Die vorletzte Prüfung, der Sieger-Preis, brachte wieder einen deutschen Sieg. Für den Wettbewerb waren 18 Hindernisse in einer recht niedrig bemessenen Höchstzeit zu nehmen. Unter 15 Bewer- bern belegte Oberleutnant Brandt auf Baron IV mit 5,25 Fehlern (darunter 1,25 Zeitfehler) den ersten Platz. Auf den nächsten Plätzen endeten Ecu» yere unter Leutnant Gudin de Vallerin mit 7,25 F. und Wilcone unter Leutnant de Bardia mit 9,25 F. also zwei Franzosen. Die beiden weiteren deutschen Teilnehmer fielen unplaciert aus. Axel H o l st auf Sachsenwald scheiterte am Graben und auch Ober- leutnant M o m m unter Benno konnte den Kurs nicht beenden.
Den abschließenden Abschieds-Preis, ein Trostspringen, sah von den acht Deutschen nur Raub- ritter unter Oberleutnant E. Hasse, Bianca unter A. H o l st und Chef unter Oberleutnant Brandt auf den 11. bis 13. Platz, während die übrigen deutschen Reiter unplaciert blieben. Sieger dieser Prüfung wurde der Pole Rittmeister Bicinski auf Nie- podzianski.
Sportabteilung des Tv. Wieseck
Wieseck Jugend — Aßlar Jugend 3:2.
Bor dem Spiele der ersten Mannschaften standen sich die Jugendlichen beider Vereine gegenüber. Aßlars körperlich kräftigere Mannschaft, ergänzt durch einige Spieler der 2. Mannschaft, hatte nur zehn Mann der Platzbesitzer gegenüberstehen. Trotzdem zeigte Wieseck das bessere Spiel und führte bei Halbzeit mit 2:0. In der zweiten Spielhälfte schafften dann die Gäste den Ausgleich. Obwohl Wieseck nur noch mit neun Mann spielte, erzielte es doch den Siegestreffer, um so mit 3:2 Toren sicherer Sieger zu bleiben.
wieseck II — Aßlar II 3:0.
Den Beginn der Spiele machten die zweiten Mannschaften beider Vereine. Aßlar vollständig, Wieseck mit nur zehn Mann, lieferten sich wohl ein flottes, aber zusammenhangloses Spiel. Die Gäste versuchten mit schnellen Durchbrüchen zu Erfolgen zu kommen, scheiterten jedoch an der guten Abwehr der Gastgeber. Wieseck übernahm schließlich die Führung. Mit 1:0 wurden die Seiten gewechselt. Obwohl die Gäste nach dem Wechsel mit einer neuen Kraft auf dem Felde erschienen, reichte es nicht zu Erfolgen. Wieseck dagegen erhöhte auf 3:0.
Fieserer stellt die Kunstflüge ein.
Der Kunstflugweltmeister Gerhard F i e s e l e r, der am Sonntag in Paris die Weltmeisterschaft errungen hat und Montag abend in Kassel eingetrof- fen ist, gewährte einem Vertreter der „BZ. am Mittag" eine Unterredung. „Als ich," so sagte er u. a., „vor längerer Zeit die französische Ausschreibung in die Hand bekam, erkannte ich sofort, daß 1 die Bedingungen in erster Linie auf die von den Franzosen gemeldeten Maschinen zugeschnitten waren. Ich stellte daher mein Kürprogramm um, indem ich die mit niedriger Punktwertung ausge- statteten schwierigen Figuren wegließ und mich auf die von den Franzosen und Italienern bevorzugten Figuren konzentrierte. Achgelis' und mein Ab
schneiden in dieser starken Konkurrenz wiegt umso höher, als unsere Gegner zum Teil extra für diesen Wettbewerb hergestellte Maschinen an den Start brachten, während wir beide unsere seit langer Zeit unveränderten Maschinen flogen. Mein vor zwei Jahren in eigener Werkstatt hergestellter „Tiger" hat sich wiederum ausgezeichnet bewährt, o daß eine Abordnung schweizerischer Militärflie- jer mir mitteilte, die Schweiz wolle Maschinen die- es Typs serienweise bei mir bestellen. Das und die anderen Aufgaben, die meinem Kasseler Werk
gestellt sind, hat meinen Aktschluß reifen lassen, künftig an keinem Kunstflugwettbewerb teilzunehmen. Meine ganze Arbeitskraft gehört von jetzt ab meinem Kasseler Werk. Zu dem Wettbewerb in Vincennes möchte ich noch sagen, daß ich mich über die Loyalität und Sachlichkeit der internationalen Jury aufrichtia gefreut habe: desgleichen über die Haltung des französischen Publikums, das, obwohl es meinen Kameraden Detroyat gern als Sieger gesehen hätte, nichtsdestoweniger meinem Siege mit stürmischer Begeisterung applaudierte."
Vor dem Gnbfampf um die Schach-Weltmeisterschast.
Weltmeister Dr. A l j e ch i n (rechts) und sein Herausforderer B o g o l j u • bow während der ersten Partie der Schachwettkämpfe in Berlin, die die Entscheidung bringen sollen. Der Kampf steht zur Zeit 15:10 für den Russen Aljechin.
5
* . #
r-, 1 MA
Die Siegerehrung bei der Welimeisterschasi.
Die drei Siegermannschaften (von links nach rechts) Italiens, der Tschechoslowakei und Deutschlands bei der Ehrung durch Mussolini.
Deutschlands Fußballmannschaft wieder daheim.
(Empfang in Singen a. fj.
Die deutsche Fußballexpedition, die so ehrenvoll bei der Weltmeisterschaft in Italien abgeschnitten hatte, traf am Montag, 17.30 Uhr, in Singen ein, wo ihr ein b e g e i st e r t e r Empfang zuteil wurde. Gauführer Linnenbach überreichte einen Lorbeerkranz. Beim Begrüßungsabend verlas Linnenbach nach einer kurzen Ansprache des Bürgermeisters von Singen ein Schreiben des Reichssportführers von Tschammer und Osten, der der Mannschaft seine Anerkennung und Glückwünsche
aussprach. Glückwünsche übermittelte Linnenbach auch im Namen des Svortbeauftragten des Gaues Baden, Ministerialrat Kraft. Die Rede schloß mit einem „Sieg-Heil!" auf das deutsche Vaterland, den deutschen Sport und den Reichssportführer.
Zum Schluß dankte Bundesführer Linnemann der deutschen Mannschaft und seinen Mitarbeitern. Er hob weiter hervor, daß sich die deutsche Mann- schäft großes Ansehen in Italien erworben habe. Der Duce habe ihr einen Pokal und eine goldene Medaille überreicht. Hierauf überreichte Linnemann jedem Spieler ein Bild des Reichssportführers und das Goldene Ehrenkreuz des deutschen Sports.
Was mein einslwar...
Vornan von Klothilde von Stegmann
Urheberrechtsschutz: Fünf-Türme-Verlag Halle (S.)
3 Fortietzung Nachdruck oerboten!
Seit fein Vater zu bibliographischen Forschungen für ein Jahr aus Deutschland hierhergekommen, seit er auf Swaneboe in der Schloßbibliothek arbeitete, kannte Malte Edele von Glyn. Eine Jugendfreund- schaft war zwischen den beiden jungen Menschen ent- standen, die von Maltes Seite aus immer tiefer geworden. Seine Freundschaft würde bleiben, mochte auch Edele im Zorn törichte Worte gesprochen und sich so weit — bis zu einem Schlage — vergessen haben. Einmal würde sie ihm das abbitten, einmal, wenn sie seine Frau geworden war. Noch lange lag Malte Blomberg wachend in der dunklen Winternacht und träumte davon, daß er erwachsen märe, reich und mächtig, und Edele als seine Frau heimführte.
Voll Zorn und Wut war Edele nach der Trennung von Malte zum Gasthaus von Holgersen hin- untergelaufen. Von der Kirche schlug es schon sechs Uhr. Kersten mochte in schöner Ängst warten. Und der Vater würde auch schon lange fertig sein mit feinen Geschäften. Das war ein verdorbener Nachmittag. Und wie hatte sie sich nuf ihn gefreut! Wie auf Malte gefreut, den sie seit Tagen nicht gesehen hatte, seitdem die beiden Väter das unverständliche Verbot ausgesprochen!
Aber auch sie wollte ihn nun nicht mehr sehen. Sie haßte ihn. Haßte sie ihn wirklich? Aber wie traurig hatte er ausgefehen, wie er- da im Schnee fniete und sich bemühte, das Spielwerk in Ordnung zu bringen, das dieser unangenehme neue Freund des Vaters ihr geschenkt.
Ja Malte hatte recht. Eigentlich war dieser Herr von Liewen ein schrecklicher Mensch. Sie mochte ihn nicht mit feinem eigentümlichen Lächeln, von dem man nicht wühle, ob es freundlich oder drohend ge meint war. Vielleicht hatte te w^lich dos Geschenk nicht von ihm annehmen fallen? Malte h° e wieder einmal recht - wi« immer!? Und nun hotte 'e hn gekränkt und war davon gelaufen und hatte ihn allein gelassen!
All ihr Zorn verflog, wenn sie an seinen Gesichts- ausdruck dachte. Heiße Reue kam m ihr kleines, trotziges Mädchenherz. Am liebsten wäre sie zurück- gelaufen und hätte Malte getröstet. Aber nun war C9(5d)on hatte Kersten sie gesehen Gerabe wollte er jammernd auf sie zukommen, da hielter erschrocken inne. Aus dem Gasthaus über die Straße kam der Vater, kam Herr von Glyn mit einem finsteren und verzweifelten Gesicht.
Wortlos winkte er Edele, sich in den Schlitten zu setzen, und rief dem Kutscher zu: „Losfahren!". Dann setzte er sich in eine Ecke des Schlittens und schloß die Augen Sein Gesicht sah ganz verfallen und verstört aus.
Mit einem scheuen Blick auf den Baron und einem mitleidigen auf die kleine Edele, kletterte Kersten auf den Bock, sah sich noch einmal um, ob Edele auch warm eingepackt war; aber sie hatte sich, ganz erschreckt über des Vaters finsteres Gesicht, tief in ihre Bärendecke gekuschelt und saß ganz still und kleinlaut da.
Mit einem leisen Aufseufzen ergriff Kersten die Zügel, und bald sauste der Schlitten mit fröhlichem Schellengeläut durch die Straßen der Stadt und hinaus auf die nächtliche stille Chaussee, die im Weiß des reinen Schnees alänzte
Edele lag schon lange in ihrem rosafarbenen Himmelbett. Das ganze Haus war still geworden, nur in der Küche hockte die Dienerschaft beieinander und sprach von dem kommenden Weihnachtsfest.
„Mager genug wird es diesmal werden", sagte die Wirtschafterin, eine blonde, dralle Person mit flinke Augen. „Es pfeifen ja schon die Spatzen von den Dächern, daß hier nichts mehr zu holen ist. Unseren Lohn haben wir auch noch nicht bekommen. Wenn's nicht vor Weihnachten gewesen wäre, hält' ich schon gekündigt "
„Das hätten Sie auch ruhig tun sollen, Mamsell!" klang aus der Ecke die Stimme des alten Kersten. „Sie passen auch nicht hierher; hier auf Schloß Swanboe ist es nicht Sitte, über die Herrschaft zu klatschen."
„Du mein je", versetzte die Mamsell schnippisch, „tun Sie doch nicht so vornehm, Kersten! Die Herrschaft?, daß ich nicht lache! Schöne Herrschaft, die ihr Geld im Spiel verdient oder verliert. Na — hab' ich vielleicht nicht recht?" fügte sie schnippisch hinzu, als der alte Kersten auffahren wollte. „Denken Sie, ich habe keine Augen im Kopfe, und die anderen auch nicht? Der feine Herr von Liewen kommt doch nicht umsonst jetzt immer hier herum- schnüffeln: er weiß genau, daß der Baron es nicht lange mehr macht, und daß er selbst bald der Herr auf Swanebloe sein wird. Na — mir kann's egal sein, vielleicht wird dann das Leben hier ein wenig luftiger, Gäste und Trinkgelder und so. Neugierig bin ich nur, was aus der Prinzessin Habenichts wird, aus der kleinen hochnäsigen —" Aber sie konnte nicht weitersprechen. Der alte Kersten stand vor ihr: seine müde, zusammengesunkene Altmän- nergestalt richtete sich plötzlich, wie von ungeahnter Kraft erfüllt, auf.
„Schweigen Sie, Mamsell!" grollte seine Stimme. „Sonst, so'wahr ich Kersten heiße, vergreife ich mich an Ihnen, wenn nur ein einziges böses Wort über Fräulein Edele von Ihren Lippen kommt. Haben Sie denn fein Herz im Leibe, daß Sie das Schicksal dieses unschuldigen Kindes nicht dauert?"
„Da hat der alte Kersten recht!" tönte es von der Bank, wo die anderen Diener saßen. „Fräulein Edele ist zwar manchmal hochmütig, aber was kann sie dafür? Das ist ja auch keine Erziehung mehr, seit die Gnädige tot ist — und das Kind kann einem wirklich leid tun."
Mit trotzigem Gesicht zuckte die junge Mamsell die Achseln
„Laßt euch mit eurer Bettelherrschaft einpökeln", schrie sie wütend, „ihr werdet ja sehen, wohin ihr kommt. Mir soll's egal sein, ich finde jeden Tag eine Stelle."
Sie schwieg, denn von draußen klang das Hupen eines Wagens.
„Aha?" sagte die Mamsell mit häßlichem Lachen. „Das ist der Herr von Liewen. Na — bald wird er ja auch Ihr Herr sein, Kersten, wenn Sie ihm noch genügen! Sie sind schon alt, ich aber", sie sah eitel an sich und ihrer drallen Gestalt hinunter, „ich werde ihm vielleicht genügen."
Mit einem Ausdruck unverhüllten Ekels ging der alte Kersten an ihr vorbei und in die Halle, um zu öffnen
Baron Glyn fuhr aus tiefem Brüten auf, als es klopfte. Er erschrak, als er die hohe, elegante Gestalt mit den spähenden Augen ins Zimmer hereinschauen sah. Kaum, daß er es fertig brachte, sich zu erheben und seinem späten Gast entgegenzugehen.
Der schien aber nichts zu merken ober merken zu wollen von der Abwehr des Barons.
„'n Abend, Baron", sagte er unbefangen, „ich bin noch einmal im Gasthof von Swerdrup gewesen, dachte Sie noch anzutreffen. Aber Sie waren schon auf und davon. Und da bin ich Ihnen nachgefahren, damit wir unsere Angelegenheiten ordnen können."
Ohne zu fragen, zog er sich einen Sessel näher an das Kaminfeuer, goß sich aus der auf dem niedrigen Tisch stehenden Kristallflasche einen Kognak ein. „Sie auch einen, Baron?" fragte er, als wäre er hier zu Hause. „Ein guter Kognak! Haben Sie noch mehr von dieser Sorte im Keller, wenn ich fragen darf?"
„Für ein paar Monate wird's für Sie schon langen!" gab der Baron mit einem höhnischen Ton in der Stimme zur Antwort. „Das meinten Sie doch mit Ihrer Frage?"
Der andere blickte kurz auf:
„Sie sind verstimmt, mein Bester, und lassen es mich entgelten, obwohl ich wirklich doch nichts dafür kann. Habe i ch immer weiterspielen wollen — oder Sie? Habe ich nicht ehrlich gewonnen?"
Lauernd sah er auf das verstörte Gesicht des Barons und fuhr, als der schwieg, fort:
„Na ja, schließlich kann ich es Ihnen ja nicht verdenken, daß Sie sich nicht in der besten Stimmung befinden. Keine Kleinigkeit, die Sie mir schuldig sind: ich habe es eben während der Autofahrt ausgerechnet. Wollen Sie die Summe wissen?"
Mit rauher Stimme erwiderte der Baron:
„Ich will sie gar nicht wissen — was kommt es auf zehntausend Kronen mehr oder weniger an?! — Ich kann weder hunderttausend Kronen noch fünf- hunderttausend Kronen bezahlen. Das wissen Sie so genau wie ich."
Er schwieg und sah starr vor sich hin. Liewen schwieg eine Weile. Triumph und Grausamkeit lagen auf seinen Zügen. Aber seine Stimme klang teilnahmsvoll, als er nach einer Weile sagte:
„Also haben Sie in der Stadt fein Geld auftreiben können? Auch keine Bürgschaft?"
Der andere lachte bitter auf:
„Bürgschaft? Geld? Nichts, nichts!"
„So hat Sie auch Blomberg, der Jugendfreund Ihrer verstorbenen Gattin, im Stich gelassen? Oder waren Sie gar nicht mehr bei ihm, seitdem er Ihnen oor einer Woche den Korb gegeben hat?"
"Meinen Sie, ich versuchte es zum zweiten Male? Ein wenig Ehrgefiihl habe ich mir doch noch er- halten!", gab der Baraon grimmig zur Antwort. „Unb übrigens kann ich es Blomberg nicht verdenken — wer wird denn in ein hohles Faß schöpfen?! Er hat mir schon ein paarmal geholfen — schließlich muß der Mann auch an sich und seinen Sohn denken. Mit mir ist es aus —", und er vergrub fein Gesicht wieder in den zuckenden Händen.
Der andere betrachtete ihn eine Weile, dann zündete er sich eine Zigarette an, deren Duft er mit Wohlbehagen einfeig.
„Unb wenn es boch noch eine Rettung für Sie gäbe, Baron?" fragte er plötzlich in das Schweigen. hinein. „Wenn sogar i ch eine Rettung für Sie wüßte?"
Der verzweifelte Mann fuhr aus seinem Brüten auf:
„Sie eine Rettung für mich? Der Sie mich ganz in der Hand haben? Eher würde der Teufel mich retten als Sie, Liewen!"
Ein häßliches Lächeln glomm in den Augen Siemens.
„Sie haben ja von jeher keine gute Meinung von mir gehabt, Baron! Aber damit Sie sehen, wie unrecht Sie mir tun: Ich bin bereit, mit der Ein- löfung Ihrer Verbindlichkeiten eine Reihe von Jahren zu warten — sagen wir zehn Jahre. Ich bin bereit, Sie, als wären Sie noch immer der Herr auf Swanebloe, hier wohnen zu lassen, unter einer einzigen Bedingung —"
Er vollendete nicht. Der Baron war aufgesprungen unb rüttelte ben sprechenben Mann an ben Schultern:
„Unter welcher Bebingung, Liewen? Sprechen Sie! Um ber Barmherzigkeit willen —"
„Unter ber Bebingung, baß Sie mir Ihre Tochter Edele, wenn sie siebzehn Jahre alt ist, zur Frau versprechen!"
(Fortsetzung folgt.)


