Kr. 135 Zweiter Blatt Gletzener Anzeiger (General-Anzeiger für Vberheffen)Mittwoch, IZ.Zuni 1934
Die Irau, die die „Gardinenpredigt" erfand...
36 „Standpauken-', über die unsere Vorfahren lachten.
habe noch nie gehört, daß etwas Gutes daraus entsteht, wenn Leute ins Wirtshaus gehen ..."
lieber eine Stunde zieht sich diese nette Predigt noch hin. Die gute Madame Kaudel kommt vom Hundertstel ins Tausendstel, bis sie schließlich er»
3m Frühjahr 1884 starb Douglas Ferro l d. lieber fein Grab hinaus hallte das Gelächter, das er mit feinen „Gardinen- predigten" entfesselt hatte. Sein kleines Büchlein vom armen Herrn Kaudel, der jeden Abend von seiner Gattin mit einer Standpauke erwartet wurde, gehörte zur belieb- testen Lektüre unserer Großeltern.
Aus dem Bücherschrank habe ich das kleine, rot eingebundene Büchelchen hervorgeholt. „M adame Kaudels Gardinenpredigten" steht in feiner Goldschrift auf dem Deckel. Auf der ersten Sette prangt in verschnörkelter Schrift eine Widmung: „Höchstens alle vier Wochen einen Eßlöffel voll zu nehmen, in größeren Dosen schad- llch!" Und dann die Jahreszahl 1869.
Als Vorrede hat der Verfasser Douglas 3er- rold nur melancholisch geschrieben: „Ein Vorwort hat dieses Buch nicht nötig, jeder verheiratete Mann weiß, was Gardinenpredigten sind, ober sollte es wenigstens wissen!" —
Allerdings, dem Mundwerk einer Madame Kaudel ist kein Mann gewachsen, es ist hoffnungslos, dagegen anzugehen. Der arme Balthasar Kaudel war verurteilt, nur zuzuhören, denn feine liebe tjrau ließ ihn einfach nicht zu Worte kommen. Aus der kleinsten Angelegenheit machte sie eine Lawine von Worten, die alles restlos unter sich begrub! Da nützte es nichts, daß sich der gequälte Ehemann im Bett herumwarf oder sich die Finger in die Ohren steckte: er mußte zuhören. Tagsüber hatte ja Madame Kaudel nie Gelegenheit, ihren Satten richtig zu sprechen, da konnte er sich immer mit Geschäften ausreden — aber abends im Bett, da gab es kein Entrinnen. Hinter den Bettgardinen wurden die „Gardinenpredigten" geboren.
„Haben Sie schon die neueste Gardinenpredigt der Madame Kaudel gelesen?" lachten unsere Großeltern, denn die „Standpauken" erschienen zuerst in Fortsetzungen in einer großen Zeitschrift. Jede Woche bekam man eine serviert und jede Woche amüsierten sich die Leute aufs neue. Don England aus nahmen sie ihren Weg über die ganze Welt. In Deutschland wurden sie von Friedrich Ger st äcker übersetzt und zusammengestellt.
„Sei froh, daß ich nicht so ein Mundwerk wie Madame Kaudel habe!" sagte unsere Großmutter zum Großvater, wenn er sich einmal über die Großmutter beklagte. Madame Kaudel war eine Figur, allbekannt und allbeliebt. Eine kleine Kostprobe aus dem kleinen Büchlein unserer Großeltern macht auch heute noch Spaß, allerdings mit dem Unterschied, daß sich heute die jungen Eheleute dabei ansehen und mit Wilhelm Busch meinen: „Jeder denkt und lächelt froh: Gott sei Dank, ich bin nicht so!"
Erste Gardinenpredigt der Madame Kaudel: Der Anlaß dazu war, daß Kaudel mit Freunden im Wirtshaus gewesen war.
„O ja — o ja wohl — das ist ein vortreffliches Leben für einen verheirateten Mann — eine wahre Musterwirthschaft, und das müssen sich die armen schwachen zarten Wesen gefallen lassen. Wenn sie aber nur die Hälfte von dem wüßten, was ich weiß, sie würden sich vvrsehen, ehe sie sich fürs Leben an einen Mann bänden'
Eine Frau muß zu Hause bleiben, muß sich placken und quälen, und der Mann geht indessen hin, wo es ihm beliebt, — ja wohl — das ist seiner Meinung nach ganz in der Ordnung. Ein wahres Aschenbrödel muß die Frau fein, während der Mann in Schenken und Bierstuben herumsitzt, trinkt und singt. Du singst nicht? Woher soll ich das wissen, denn sagen kannst du's wohl, wer dich aber nur hören könnte, dort bist du sicherlich wie gewöhnlich immer der Schlimmste.
Jetzt wird es wohl nun jede Nacht ins Wirtshaus gehen, aber wenn du glaubst, daß ich bann aufbleiben werde und warte, bist du zu Hause kommst,
Kaudel, dann irrst du dich gewaltig. Ich stehe auch nicht aus dem warmen Bette auf, um dich herein- zulassen! Ich sollte die Türe offen lassen? Ja — weiter fehlt wohl gar nichts mehr. Zu Bette gehen und die Türe offen lassen, daß man vor Tag noch totgefchlagen und geplündert wird!
Puh, dieser Tabakrauch — fff — das allein könnte eine anständige Frau, eine ehrbare Frau schon unter die Erde bringen. Du weißt, daß ich den Tabakrauch nicht vertragen kann, daß ich ihn verabscheue, aber nein, das ist dir alles einerlei, du mutzt rauchen.
Was? Du rauchst nicht selber? Was ist denn da für ein Unterschied? Wenn du dich selbst zu denen setzt, die rauchen, das ist ebenso schlimm, nein, noch schlimmer. Du könntest ebenso gut rauchen, das wäre mir noch lieber, denn bann kämst du boch nicht zu Hause unb hättest bir bie Haare von f r e m b e n Leuten vollräuchern lassen! Ich
mattet von diesem Wortschwall entschlummert.
36 Gardinenpredigten hat Madame Kaudel ihrem Eheliebsten gehalten. Die ganze Welt hat sich darüber amüsiert. Dor 50 Jahren starb der „geistige Dater" der Madame Kaudel, Douglas Jerrold. Zur Erinnerung holen wir uns aus dem Bücherschrank das kleine rote Buch heraus, und lächeln über die Sorgen, die sich die Leute damals machten! Man wundert sich, daß nach diesen Gardinenpredigten Junggesellen überhaupt noch den Mut fanden 3u heiraten. Der Autor aber schrieb als Abschluß feiner Predigten allen Frauen zum Trost: „Wüh- Kaudelsches Blut fließen hätte. Es mag sein. Ich renb diese Predigten veröffentlicht wurden, habe ich von unerfahrenen Menschen — Junggesellen natürlich — hören müssen, daß jede Frau, und sei es die beste, in ihren Adern wenigstens einen Tropfen Kaudelsches Blut fließen hätte. Es mag sein. Ich aber als Autor halte es für meine Pflicht, hier zu erklären, daß ich es nie glauben würde — n i e!" S. N.
Aus der Provinzialhauptstadl.
Unsere Haus- und Reiseapotheke.
Auch ein kleines Heim sollte immer feine Hausapotheke haben, denn es ist von Wert, bewährte Mittel bei der Hand zu haben. Auf Reisen sollte man stets eine kleine, gut zusammengestellte Hausapotheke bei sich führen, denn wie oft hält man sich an einem Ort auf, wo überhaupt keine Apotheke und häufig auch nicht einmal ein Arzt ist. Und doch stößt einem gerade auf Reisen allerlei zu, wobei man froh ist, sich oder andern helfen zu können, und zwar ohne Zeitverlust.
Die Hausapotheke soll im Hause in einem verschließbaren Schränkchen untergebracht sein, dessen Schlüssel man an einen bestimmten Platz legt; Unbefugte sollen nicht an das Schränkchen heran können. Für die Reiseapotheke wird man eine wasserdichte Tasche benutzen, so daß der Inhalt der Apotheke nicht beschädigt werden kann und umge- kehrt seinerseits den Inhalt der Koffer nicht beschädigt.
Zu den Dingen, die die Apotheke unbedingt enthalten muß, gehören Mullbinden und Watte. Außerdem braucht man Jodspiritus, der unmittelbar auf eine Wunde gepinselt wird und eine Infizierung verhütet. Auch eine Borfäurelösung (2,5- prozentig) soll man in der Apotheke haben, da nichts so gut für angegriffene Augen ist wie eine Waschung mit solcher Borsäurelösung. Wasserstoffsuperoxyd kann man ebenfalls vorrätig haben, da einige Tropfen davon im Gurgelwasser und zum Mundspülen sehr vorteilhaft wirken. Auch ist eine solche Wasserstoffsuperoxydlösung vorzüglich zur Wundbehandlung, ebenso wie essigsaure Tonerde, deren regelmäßige und sofortige Anwendung schon manche schlimme Entzündung verhindert hat. Besonders bei Kindern sollte man jede Wunde immer sofort mit einem dieser Mittel auswaschen, dann mit Jodspiritus bepinseln und mit einer festen Mullbinde abschließen, damit kein Schmutz und keine schädlichen Stoffe in die Wunde bringen. Will man eine heiße Kompresse machen, so tut man in das heiße Wasser, mit dem man das Tuch befeuchtet, immer etwas Bleiwasser, und zwar ein Teil auf vier Teile Wasser.
Wenn man außer den schon genannten 23er» bandstoffen wie Mullbinden und Watte noch etwas Wachstaft hat, ist das sehr günstig, da es oft nötig ist, einen Verband ober einen Umschlag luftbicht abzuschließen. Borsalbe unb Vaseline sinb ebenfalls in ber Hausapotheke unentbehrlich. Mentholöl wirb bei Schnupfen in ber Weife angeroanbt, baß man einige Tropfen auf ein Flöckchen Watte tut unb biefes bann in bie Nasenlöcher steckt. Diese Be-
hanblung hat sich schon oft als sehr wohltätig unb erleichtern!» erwiesen. Kurellasches Brustpulver ist ein gutes unb unschäbliches Mittel gegen Verstopfung, angenehmer zu nehmen als Rhizinusöl. Man sollte immer etwas bavon vorrätig haben unb auf Reifen mitnehmen, benn gerabe burch bie oer- änberte Kost wirb ber Verbauungsapparat des Menschen oft gestört. Und man ist froh, wenn man ihn auf so einfache Weise wieder in Ordnung bringen kann.
Baldriantropfen sind ein hochgeschätztes Beruhigungsmittel, das man ohne Scheu anwenden kann. Man tut einige Tropfen auf ein Stück Zucker. Bei Erfchöpfungs- und Ermüdungszuständen auch sehr zu empfehlen. Im übrigen muß man die Apotheke etwas den eigenen Bedürfnissen anpassen, denn jeder wird im Lause feines Lebens irgendwelche Mittel kennenlernen, die ihm als unentbehrlich erscheinen. Diese soll er sich vorrätig halten und sie, wenn sie aufgebraucht sind, sofort neu beschaffen.
Natürlich dürfen auch allerlei Tees nicht fehlen. Vor allem ist Kamillentee anzuraten, denn heiße Kamillenspülungen bei Zahnschmerzen und Zahn- geschwüren sind von wohltuender Wirkung. Auch sonst bei Entzündungen sehr gut zu verwenden. Pfefferminztee, recht heiß getrunken, hat schon manche drohende Erkältung in die Flucht schlagen helfen. Hinzu kommen noch die verschiedenen anderen Tees, die besondere Leiden bekämpfen helfen und die jeder nach seinem persönlichen Gebrauch zusammenstellen muß. Es ist damit schon angedeutet, daß eine Hausapotheke im Grunde etwas ganz Individuelles ist, kümmert man sich aber um ihre zweckmäßige Zusammensetzung, so wird man wirklichen Nutzen von ihr haben. Stark giftige Stoffe sollte man unter keinen Umständen in seiner Hausapotheke dulden.
Oie neue nationalsozialistische Geldlotterie.
Wieviel Lotterien sinb schon ins Leben gerufen worben! Aber hat je eine daran gedacht, Gewinne für viele zu bringen? Bisher hat noch jede Geldlotterie das Hauptgewicht auf einen großen Hauptgewinn gelegt. Nur einer konnte wirklich durch sie Glück finden ...
Da erwachte im deutschen Volke das einzigarttge nattonallsozialistische Empfinden, das nicht erlaubt, daß nur ein einzelner glücklich werbe, sondern das Glück unb Wohlergehen aller Volksgenossen ins Auge saßt. Und aus diesem starken, völkisch-kame- radschajtlichen Empfinden reifte der Gedanke zu einer wahren nationalsozialistischen Lotterie, die vielen
Heinrich Sohnrey 75 Lahre alt.
Der bekannte Sagenforscher und Schriftsteller Professor Dr. Heinrich Sohnrey kann am 19. Juni seinen 75. Geburtstag feiern. Er sammelte alte Volkssagen und schrieb zahlreiche Bücher darstellenden und erzählenden Inhalts über das ländliche Volkstum Deutschlands. Als einer der besten Erforscher deutscher Volkskunde wurde er von ber Universität Königsberg burch bie Verleihung bes Titels eines Ehrenboktors ausgezeichnet. Das Gießener Stabttheater brachte vor Jahren sein Bauernstück „Düwels".
Deutschen etwas bringen soll unb allen Deutschen den großen ideellen Gewinn: Arbeit!
Ab 20. Juni sind die braunen Lose mit dem symbolischen Bild der deutschen schaffenden Aufbau- Arbeit und der gewichtigen Inschrift „Dem deutschen Volke" überall zu haben. 1,5 Millionen Mark werden ausgelolt. Vielen Deutschen ebnet damit die neue NSDAP.-Geldlotterie den Weg zum Glück und allen bietet sie eine gute Möglichkeit, im Sinne der nationalsozialistischen Idee das ihre zur deutschen Aufbau-Arbeit beizutragen.
Aus parteiamtlichen Bekanntmachungen
Die Arbeitsgemeinschaft für Eugenik im NSLB. des Kreises Gießen gibt bekannt, daß am kommenden Samstag, 16. Juni, 17 Uhr, in der Universitäts-Nervenklinik, Am Steg 18, eine Besprechung stattfindet, in ber bie Grünbung einer Ortsgruppe ber beutschen Gesellschaft für Rassen». Hygiene erörtert werben soll. Gäste sinb zu bieser Besprechung herzlich willkommen.
Die NS. - Frauen schäft Gießen-Ost hält ihren nächsten Frauenschaftsabenb am morgigen Donnerstag um 20.15 Uhr im Hause ber Deutschen Arbeitsfront ab.
„Städtische Verkehrs-Regeln."
Ein Lichlbilbervorlrag im Cafe Leib.
Aus Anlaß ber Reichsverkehrserziehungswoche finbet am morgigen Donnerstag, 14. Juni, um 20.30 Uhr, im Saale bes Caf6 Leib ein Lichtbilbervortrag über „Stäbtische Verkehrs-Regeln" statt, ber von Polizeiinspektor Krötzner gehalten werben wirb. Es ist Pflicht aller Volksgenossen unb insbesonbere aller Kraft- unb Rabfahrer, sich biesen Vortrag anzuhören. Den Mitgliedern sämtlicher Gießener Ortsgruppen ber NS.-Volkswohlsahrt wirb ber Besuch dieser Veranstaltung ausbrücklich zur Pflicht gemacht.
Neue Bestimmungen der Postordnung.
Der Reichspostminister hat auf Grunb bes Gesetzes zur Vereinfachung unb Verbilligung ber 23er- waltung vom 27. Februar 1934 eine Reihe von
Marburger Festspiele.
„Die Piccolomini." — „Wallensteins Tod."
Das „Lager" gab, wir haben schon kurz barüber berichtet, ben Auftakt; am zweiten Abenb folgten zusammen „Piccolomini" unb ber mächtige dritte Satz ber Trilogie. Diese Einteilung ist, wenn man den ganzen „Wallenstein" auf zwei Spielabenbe verteilt, minbeftens ungewöhnlich. Uedlicherweise liegt ber Einschnitt hinter dem letzten Akt ber „Piccolomini".
Der künstlerische Leiter ber Marburger Festspiele, Dr. Fritz Budbe, gibt am ersten Abenb das „Lager" allein als Prolog unb als bas Stück, das feinem ganzen Charakter nach wirklich für bie Freilichtbühne wie geschaffen scheint, was man ja von den beiden folgenden Teilen nicht sagen kann. Aber der Spielleiter erzwingt in ber Tat das auf ben ersten Blick bebenklich scheinenbe Unternehmen, „Piccolomini" unb „Tob" in breieinhaldstünbiger, fast ununterbrochener Spielzeit ohne nennenswerte Kürzungen zusammengefaßt zu bewältigen.
Im Programmheft legt eine Einführung bar, warum man für bieje Spielzeit neben Shakespeare („Sommernachtstraum", „Viel Lärm um Nichts") grabe ben „Wallenstein" gewählt hat: nicht aus äußeren Gründen, weder ber 300. Tobestag bes Frieblänbers im Februar noch ber 175. Geburtstag Schillers im November waren bafür mahgebenb; fonbern man spielt ben „Wallenstein" bewußt für die Gegenwart, weil er der Gegenwart etwas zu
in Not. Staat in Not. Reich in Not" — bas ist bie Dominante, bie Generalibee, bie ber Spielleiter seiner Inszenierung bes riesigen Wallenstein-Dramas zugrunbelegt.
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Die Marburger Bühne im Schloßpark bietet auch für biefe Aufführung einen großen Vorteil der manche Bebenken ober Einwanbe zurucktreten lassen mag: räumliche Breite, Weite, Gtteberung unb Ak- tionsrabius; auslabenbe Szenerie mit oielerle. Möglichkeiten bes Auftritts, ber Entfaltung von Massen- und Einzelszenen, ber Zugänge unb Ab- $ Zwar wirkt bas Bühnenbild (Franz M e r tz) innerhalb ber brei gotischen Bogen durch allerlei Ein- unb Aufbauten ein wenig unruhig im Ge- samteinbruck; sehr vorteilhaft dagegen, wenn bei völliger Dunkelheit der Scheinwerfer eine kleinere
Fläche aus bem Oefamtraum herausschneibet unb abarenzt. Die gestern noch teilweise ftörenben Schwankungen in ber Beleuchtung werben sich in späteren Ausführungen gewiß vermeiben lassen.
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Was bie Marburger Bühne szenisch-räumlich hergibt, zeigte sich vielleicht am wirkungsvollsten in ber breit ausgespielten großen Bankettszene ber „Piccolomini", bie sichtlich aus bem Vollen gegeben unb beweglich unb farbig über bie ganze Breite des Spielfelbes verteilt unb entwickelt wurde. Unb auch später in der großen Szenenreihe im dritten Akt des letzten Teiles, wenn eine Hiobsbotschaft nach ber anbern über Wallenstein unb bie Seinen hereinbricht ...
Aufs Ganze gesehen:, bie Spielführung hat mit Wagemut unb energischem Zugriff eine schon äußerlich entmutigend sich ausdehnenbe bramatische Masse, bie anspruchsvoll-vielgliebrige Staatsaktion, eine ber größten Historien bes beutschen Theaters mit ihren befonberen Mitteln, bie hier zugleich Entfaltung unb Begrenzung bebeuteten, in theatralisch sesselnber Weise bewältigt. Die Bühnenanlage gestattet ja, was ebenfalls zu berücksichtigen ist, in biefem Falle schnelle unb sließenbe Verwanblungen ohne zeitraubenbe Umbauten, was zweifellos ber Geschlossenheit bes Einbrucks sehr zustatten kommt.
Unb bie elementare Dramatik, bie ibeenmäßige, bichterische unb theatralisch-bialektische Kraft Schillers bewährte sich auch hier roieber wie schon so oft mit einer Einbringlichkeit unb Gegenwärtigkeit, welche bie Zuschauermenge breieinhalb Stunben lang vollkommen in ihren Dann schlägt. (Ueber bie Aktualität bes Schillerschen Dramas im allgemeinen wirb sich vielleicht später, zum Gebenktage im Herbst, ein wenig ausführlicher sprechen lassen.)
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Den Wallenstein gibt Karl Zistig, ber früher am Neuen Theater in Frankfurt wirkte. Er wirb mit ber rein physisch unb gebächtnismäßig enormen Aufgabe, bie ihm hier zugefallen ist, mit erstaunlicher Ruhe unb Sicherheit fertig. Dabei geht ber wesentliche Eindruck nicht von der dialektischen Seite ber Darstellung aus; Zistig ist nicht grabe ein fließenber, gefälliger ober gar bestechender Sprecher für ben Schillerschen Jambus. Er gibt übrigens seinen Wallenstein ohne Pathos, auch ohne Dämonie; er gibt ihn energisch, kalt, gesammelt unb gefaßt; er bleibt bis zuletzt unburchbringlich: Felbherr, Staatsmann, Diplomat. Die gefühls- betonten, nachbenklichen Momente liegen ihm weniger als die Aktivität, der entschlossene desehls«
gewohnte Impuls bes Hanbelnben, ber sich bis zum Enbe männlich unb unerschüttert gegen sein stärkeres Schicksal zur Wehr setzt...
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Hannsgeorg Laubenthal (Darmftabt) gibt ben Max mit bem stürmischen ibealistischen Schwung bes jugenblichen Helben unb Liebhabers; aUerbings liegt feine Stärke, ba er stellenweise, besonders anfangs, etwas überstürzt spricht, mehr in ben vergleichsweise stilleren unb gebämpfteren Partien feiner Rolle.
Bernharb Goetzke, manchem Besucher vom Film her bekannt, vermeibet als Octavio erfreulich bie Züge bes intriganten Schleichers; er bewahrt jeberzeit Haltung unb Würbe unb erweist sich als klarer, sicherer Sprecher.
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Robert Bürkner spielt den Questenberg als einen geschmeibigen unb kalt agierenben Abgesanb- ten bes Wiener Hofes streckenweise stark in ben 23orbergrunb.
Josefine Klee als Thekla, zart unb blonb, wirkte am stärksten unb persönlichsten in ihrer lyrisch ver» Hingenben Abschiebsszene.
Von ben Offizieren hoben sich Bruno Zien er (Jsolani), Richarb Täufel (Jllo), Georg Czi- m e g (Buttler) unb auf schwebischer Seite Lothar Korner als Wränge! mit gut charakterisierten Leistungen hervor. — Ruth B a l b o r als Gräfin Terzky wirkte für unser Ernpsinben stellenweise etwas theatralisch; immerhin war bie verschiebent- lich vernehmbare Heiterkeit kaum gerechtfertigt.
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Das Theater war, zumeist von Stubenten, bis auf bie letzten Reihen besetzt; um Mitternacht, unterm Sternhimmel, war die Aufführung beenbet.
hth.
Ein neuer Bericht über die Ermordung der Zarenfamilie.
Der frühere Vorsitzende bes Sowjets von Jeka- terinenburg, P. N. Bykow, ber die furchtbare Hinrichtung bes letzten Romanow unb ber Seinen veranlaßt hat, veröffentlicht ein ausführliche Dar» stellung bieser furchtbaren Tat in einem jetzt in englischer Übersetzung. erschienen Buch „Die letzten Tage bes Zarentums . Er teilt babei manche neuen Tatsachen mit, u. a. auch bie, baß ber Zar hätte gerettet werben können, wenn nicht unter seinen Anhängern Zwietracht geherrscht hätte. Nach Bykows
Ansicht gab es verschiebene Gelegenheiten für bie Flucht ber kaiserlichen Familie aus ihren Gefängnissen, bevor sie im Mai 1918 nach Jekaterinenburg gebracht würbe. Währenb ihrer Gefangenschaft in Zarskoje Selo unb Tobolsk bestauben mehrere Pläne ber Monarchisten, bie Romanows zu befreien. „Wenn biefe Absichten nicht verwirklicht würben", schreibt Bykow, „so erklärt sich bas baraus, baß Äben Organisatoren Zwistigkeiten über bie ng ber Gelber ausbrachen, über bie man völlig bie „geheiligte Person" bes Monarchen ver- gafj.' Auch noch währenb ber letzten Tage in Jeka- । terinenburg hofften bie Romanows auf ihre balbige ! Befreiung. Aber bas Nahen ber Weißen Truppen beschleunigte ihr Enbe. Bei einer Sitzung bes Orts- Sowjets am 12, Juli 1918 würbe berichtet, baß bie Roten Streitkräfte unzureichenb seien unb ber Fall ber Stabt innerhalb von brei Tagen zu erwarten wäre. Jnfolgebessen beschloß ber Orts-Sowjet, bie Romanows zu erschießen, ohne einen Prozeß abzuwarten. Die Hinrichtung unb bie Vernichtung ber Leichen würbe ben Befehlshabern ber Wache unb einigen „vertrauenswürbigen" kommunistischen Arbeitern übertragen. Den Morb schilberte Bykow fol- genbermaßen: „Am Abenb bes 16. Juli versammelten sich bie beauftragten Personen im Zimmer bes Kommanbanten in bem Hause, in bem bie Gefangenen untergebracht waren. Die Räume im oberen Stockwerk, in bem bie Familie lebte, würben für ungeeignet erklärt unb man beschloß, sie nach einem der Räume im Untergeschoß zu bringen unb bas Urteil zu vollstrecken. Die Romanows wußten nichts von dieser Entscheibung. Um Mitternacht besselben Tages würbe ihnen befohlen, sich anzuziehen unb die Treppe hinunter zu gehen. Um bei ihnen keinen Verbacht zu erregen, würbe ihnen gesagt, baß bas notroenbig wäre, weil man einen Angriff ber Weißen in bieser Nacht erwarte. Als sie alle in bem bestimmten Raum bes unteren Stockwerkes versammelt waren, würbe ihnen ber Beschluß bes Ort- Sowjets bes Ural vorgelesen. Dann würben alle elf — Nikolaus Romanow, feine Frau, fein Sohn, feine vier Tochter unb vier Mitglieber bes Hofstaates — erschossen." Ausführlich wirb bann geschilbert, wie bie Leichen auf einem Lastkraftwagen sortge» schafft unb „zerstört" würben. Das geschah „um nicht ben Gegenrevolutionären bie Gelegenheit zu geben, bie Unwissenheit ber Volksmasse burch bie „Reliquien" bes Ex-Zaren zu beunruhigen." Was nach ber Verbrennung übrigblieb, würbe weit weg gebracht unb in einen tiefen Sumpf geworfen, „wo bie Weißen, bie später eifrig banach suchten, keine Grabungen veranstalten konnten".


