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Er lächelte! „Frau Malwine meinte, Sie waren sehr müde. Schlafen Sie sich heute nacht erst ordentlich aus, und morgen früh sprechen wir über die Stellung, die ich Ihnen anbieten möchte. Wenn Sie wenigstens mittelmäßib Maschine schreiben und leidlich stenographieren können."
Hoffnung erwachte in Regina.
Sie erwiderte:
„Ich glaube, ganz gut Maschine zu schreiben, und ziemlich schnell zu stenographieren."
„Um so besser!" nickte er.
Sie tranken und aßen, und es herrschte ein Weilchen Schweigen. Die Hoffnung in Regina aber wurde wieder matt und flügellahm bei dem Gedanken, daß sie der Landgerichtsdirektor kaum irgendwo für eine Stellung vorschlagen würde, wenn er erfuhr, auf was für ein Abenteuer sie sich eingelassen. Und sie mußte ihm die Wahrheit sagen.
Nur nicht darum Herumlügen und neue Lügen zu der großen Lüge fügen, um derentwillen sie geflohen war, das Haus verlassen hatte, in dem ein Mann aus- und einging, der die Lüge haßte und verwarf.
Herrn Freeses Augen schienen sich zu wandeln in die Augen Peter Konstantins, und sahen sie ernst und durchdringend an.
Sie konnte mit einem Male nichts mehr essen, die Kehle war ihr wie zugeschnürt. Sie murmelte etwas.
Der alte Herr nickte:
„Sie sind sehr müde, ich sehe es Ihnen an. Und wenn Sie satt sind, gehen Sie nur gleich schlafen."
Sie erhob sich; sie fieberte nach dem Alleinsein.
Er klingelte. Frau Malwine kam. Er sagte zu ihr: „Bitte, bringen Sie das Fräulein auf ihr Zimmer.
Sie weiß ja noch nicht Bescheid im Hause."
Er reichte Regina mit festem Druck die Hand.
„Schlafen Sie wohl, und hoffentlich fühlen Sie sich morgen recht munter und gesund."
Sie wünschte ebenfalls gute Nacht! Befand sich kurz darauf wieder oben in dem hübschen Zimmer und hatte nur den einen einzigen Gedanken: schlafen, schlafen!
Sie riegelte sich ein, legte ihre Armbanduhr auf den Nachttisch und warf die Kleider ab.
Schlafen, schlafen!
Das schneeweiße Bett lockte, der Kopf schmerzte abscheulich. Sie fiel schwer auf das weiche Lager nieder, und kaum, daß sie das Licht ausgeschaltet und die Decke über sich gezogen hatte, verwirrten sich ihre Gedanken, und sie schlief ein.
Schlief fest und traumlos bis zum Morgen. *
Als Regina erwachte, war es heller Tag. Sie war sich im Augenblick darüber klar, wo sie sich befand, und sprang aus dem Bett. Die Ereignisse des vor- . herigen Tages standen ganz deutlich vor ihr, und sie kam zu dem Entschluß, das Haus wieder zu verlassen, ohne zu erzählen, was hinter ihr lag. Wenn
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Kaum war sie fertig mit dem Zurechtmachen, klopfte die Wirtschafterin.
Sie lächelte noch freundlicher als vorher, bestellte: „Herr Freese bittet, zum Tee herunterzukommen." Regina neigte befangen den Kopf. Ihr war es peinlich, dem alten Herrn entgegenzutreten; aber ihr blieb doch keine Wahl.
In einem ungemein behaglichen Zimmer war der Teetisch gedeckt. Herr Freese kam Regina ein paar Schritte entgegen und fragte:
„Wie ist's mit dem Kopf? Spüren Sie von dem bösen Schlag des Halunken irgendwelche Folgen?"
Sie antwortete:
„Ja, der Kopf tut mir weh; aber ich glaube, daß ich den Schmerz verschlafen werde."
Er sah sie forschend an, sagte aber nichts, bat nur, Platz zu nehmen.
Regina war es gewöhnt gewesen, den Kaffee- und Teetisch bei Frau von Stübnitz zu versorgen. Sie übernahm das gewohnheitsmäßig auch hier. Und der alte Herr, der ihr ganz straff aufgerichtet gegenübersaß. meinte lächelnd:
„Es tut gut, wieder einmal bedient zu werden. Seit meine liebe Frau starb, muß ich mich selbst bedienen."
Regina tat der heiße Tee gut, und da sie seit Mittag fast gar nichts gegessen hatte, schmeckten ihr auch die Eier und der Schinken.
Herr Freese erzählte in leichtem Plauderton von sich:
„Ich bin Witwer seit fünf Jahren. Meine Frau war herzensgut, und sie ging manchmal nur aus, um Gutes zu tun. Sie war so eine mütterliche, besorgte Seele, und hatte doch keine Kinder. Das war ihr Leid. Unsere drei Kinder starben ganz jung. Ein Mädel und zwei Jungen. Ein Kind als eigen anzunehmen, konnte sie sich nicht entschließen. Am Todestage meiner Frau suche ich nun, um auf die Weise ihr Gedächtnis zu ehren, irgend jemand, dem ich helfen kann. Ich erwähnte das schon. Heute fand ich Sie, hatte wenigstens nach kurzer Unterhaltung mit Ihnen das bestimmte Gefühl, Sie brauchen einen Menschen, der sich um Sie kümmert. Sie sind ohne Stellung — das paßt ausgezeichnet. Ich glaube. Ihnen helfen zu können; aber darüber reden wir später. In Ihrem Falle ist übrigens das Wort ,helfen' nicht ganz richtig. Ich bin Ihnen Dank schuldig, und wenn ich Ihnen gefällig sein kann, werde ich damit nur meinen Dank abtragen."
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der alte Herr erst wußte, was für eine Schwindlerin sie war, konnte er doch nichts mehr für sie tun und keinen Mut haben, sie jemand zu empfehlen. Also wozu erst bekennen?!
Sie mußte sich heimlich fortschleichen.
Ihr Mantel und Hut befanden sich noch unten, hingen am Garderobeständer. Wenn sie also niemand begegnen würde, wäre es gut, sofort lautlos fortzugehen. Doch als sie die Tür ihres Zimmer öffnete, sah sie sich Frau Malwine gegenüber, die Blumen begoß, die auf den breiten Fensterbrettern des Flures standen.
Die Wirtschaftlerin nickte ihr freundlich zu.
„Der Herr Landgerichtsdirektor wartet schon mit dem Frühstück. Kommen Sie, ich führe Sie zu ihm."
Regina mußte sich fügen. Was blieb ihr weiter übrig? Aber ihre Füße hoben und senkten sich, als wären sie mit Blei beschwert.
Der alte Herr fragte nach Reginas Befinden.
Sie antwortete wahrheitsgemäß, das Kopfweh hätte sie sich fortgeschlafen.
Er lächelte zufrieden.
„Also dürfte das unangenehme Erlebnis keine bösen Folgen bei Ihnen hinterlassen haben. Gut ist das."
Er plauderte dann harmlos und vergnügt, bat Regina nach dem Frühstück, ihm in sein Arbeitszimmer zu folgen. Regina gehorchte und befand sich ein paar Minuten später in einem mit dunklen Möbeln eingerichteten großen Zimmer. Ein Frauenbildnis beherrschte den ganzen Raum.
Es stellte eine Frau dar in mittleren Jahren, von klugem und gütigem Aussehen. Ihr Lächeln war bestrickend, es drückte ihr ein Grübchen in die rechte Wange, und das gab dem Gesicht einen eigenen Reiz.
Jobst Freese zeigte auf das Bild.
„Meine Frau. Sie wurde vor fünfzehn Jahren gemalt und ist gut getroffen. Genau so sah sie aus. Und nun, liebes Fräulein, setzen Sie sich!"
Er schob ihr einen Stuhl zurecht, nahm dann an seinem breiten Schreibtisch Platz.
Regina blickte durch das Fenster hinaus in den sonnigen Herbstmorgen; aber in ihr war keine Sonne, in ihr war alles düster. Schade, daß sie sich nicht heimlich hatte fortschleichen können!
Der alte Herr tupfte über das winzige weiße Bärtchen seiner Oberlippe.
„Ich wollte Ihnen heute das Angebot machen, Fräulein —!" Er stutzte. „Sonderbar, ich weiß noch nicht einmal Ihren Namen."
Sie antwortete leise:
„Ich heiße Regina Graven."
Er nickte:
„Schön — also Fräulein Graven! Ich möchte Ihnen jetzt das Angebot machen, bei mir als Arbeitshilfe einzutreten. Ich schreibe an einem größeren juristischen Werk, auch beschäftige ich mich ständig mit kleineren juristischen Aufsätzen."
Regina war mit einem Male im Bilde. Wie ost hatte sie schon von Justizrat Dörfler in Mooshausen, bei dem sie tätig gewesen war, von dem Land- gerichtsdirektor Dr. Freese gehört. Und eigentlich hätte ihr auch gleich einfallen müssen, wer er war, nachdem er ihr doch seinen Namen und Stand genannt hatte. Auch bei Frau von Stöbnitz war fein Name mehrmals mit unendlicher Hochachtung erwähnt worden. Man wandte sich stets an ihn bet besonders schwierigen Rechtsfragen. Sie antwortete:
„Ihr Anerbieten lockt mich sehr, Herr Landgerichtsdirektor! Aber ich glaube, Sie brauchen eine tüchtigere Kraft, als ich Ihnen sein könnte."
Er lächelte freundlich.
„Frauen haben oft Abneigung gegen mein Wissensgebiet; es geht Ihnen wahrscheinlich auch so. Die Juristerei dünkt die Laien und besonders die Frauen trocken, und ist's doch gar nicht. Wo haben sie zuletzt gearbeitet?"
Sie gab Antwort:
„Bei Justizrat Dörfler in Mooshausen."
Er sah sie blinzelnd an.
„Und dort haben sie das trockene Zeug satt bekommen — nicht wahr?"
Sie hätte jetzt lügen können: Ja, ich habe es satt und übersatt bekommen! Dann würde er sie wohl gehen lassen müssen. Aber sie wollte nicht unnütz fügen. Peter Konstantin verwarf ja nur die frommen Lügen nicht, und hier handelte es sich um keine fromme Lüge aus Nächstenliebe.
So riß sie sich denn zusammen und gestand:
„Ich habe von je großes Interesse für Rechts- künde gehabt, und war sehr traurig, als mir der Justizrat kündigte, weil er an meiner Stelle gern eihe Nickste beschäftigen wollte."
O wie reizte es sie, hier arbeiten zu dürfen. Aber ein Mann wie Jobst Freese. konnte keine Person wie sie bei sich beschäftigen.
Sie schluckte heftig, und dann zwängte sich die Wahrheit über ihre Lippen, die volle Wahrheit. Sie erzählte offen von dem Plan, den Doralies Wolfram ersonnen und zu dessen Ausführung sie sich her- gegeben hatte, aber sie wagte nicht aufzusehen während sie sprach, und schließlich barg sie das Gesicht in den Händen, saß da wie vernichtet.
Saß da wie eine, die ein Urteil erwartet.
Gleich einer Vision glaubte sie einen Gerichtssaal zu erblicken, sich selbst als Angeklagte und den Landgerichtsdirektor als Ankläger. Gleich mußte der Urteilsspruch fallen.
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