(Rosemarie,
(Rosemarie...
Roman von Käthe Metzner.
14. Fortsetzung. Nachdruck verbotenl
„Aber der Lohnbeutel wurde doch von uns selbst in ihrem Mantel gefunden?" Ganz leise und schonend sagte es sein Onkel. Schon lange war seine Zigarre ausgegangen. Nun drehte er sie nervös zwischen den Fingern. Es war dem ebenso strengen wie gerechten Manne ein unerträglicher Gedanke, jemand unschuldig einer so schweren Tat bezichtigt zu haben.
„Dann muß ihn ein anderer hineingesteckt haben. Fräulein Neuß war ja nicht eine Sekunde allein in meinem Zimmer."
„Ja, wer dann?" fragte sein Onkel ganz hilflos und erschreckt.
„Die Lobe war zuletzt bei mir. Ich erhielt das Telegramm... noch wie heute weiß ich jede Einzelheit ... und lief plötzlich weg."
„Die Lobe?" Julius Bachstedt zog die Stirn in Falten. Seine Mundwinkel zuckten erregt. Was sein Neffe da sagte, berührte ihn unangenehm. Wenn die Lobe auch nicht gerade ein sympathischer Mensch war; aber schließlich stand sie seit Jahren in seinen Diensten. Und so etwas war noch niemals passiert?
„... ja ... wenn du meinst, Wolfgang? Ich stelle es dir frei, die Untersuchung noch einmal aufzunehmen." Langsam kamen die Worte über seine Lippen, zweifelnd.
Wolfgang konnte kaum erwarten, daß der Mittag vorüber war.
Kaum kündete die Sirene den Wiederbeginn der Arbeit an, als er schon drüben in den Büros war.
Nicht lange suchte er an dem Haustelephon das Schildchen „Korrespondenz". Dann drückte er mit bebenden Fingern den Knopf: einmal.
Die Lobe war kaum erst von Tisch zurück. Sie las gerade einen Roman und knabberte hin und wieder ein Stückchen Schokolade. Der Chef kam vor vier Uhr nicht ins Büro. Und ihren jungen Gehilfinnen hatte sie schon ihre Aufgaben zugeteilt.
Da schrillte das Telephon in ihre Lieblingslektüre. Wahrscheinlich ein Scherz der Kolleginnen. Sie hatte gar nicht Lust, den Hörer erst abzunehmen, so vertieft war sie in ihre Lieblingslektüre.
Wieder klingelte es. Da nahm sie wütend den Hörer ab und sagte, ohne eine Stimme abzuwarten, schnippisch:
„Laßt den Quatsch sein! Ich möchte jetzt nicht gestört werden."
Aber im selben Augenblick sagte schon eine bekannte, energische Stimme:
„Fräulein, kommen Sie sofort zum Diktat!"
Verdutzt und verärgert hängte sie hastig den Hörer ein.. Das war doch nicht Bachstedt?
Da hatten sich die Kollegen eben doch einen Spaß mit ihr gemacht. Aber schließlich, wer konnte es wissen?! So nahm sie schnell ihre Schokolade vom Tisch und schob sie in den Kasten. Dann bewaffnete sie sich mit Papier und Bleistiften und eilte mit sehr gemischten Gefühlen in das Privatbüro.
Zögernd klopfte sie, da erscholl auch schon ein hartes: „Herein!"
Na, das konnte ja gut werden. Hätte sie doch vorhin diese dumme Antwort nicht gegeben. Mit zitternden Händen klinkte sie die Tür auf, vor ihr stand wie ein Geist Doktor Wangenheim.
„Es tut mir leid, Fräulein Lobe, daß ich Sie soeben stören mußte, aber ich dachte, die Mittagspause sei vorüber", sagte er spöttisch. Mit scharfen Blicken beobachtete er jede Bewegung ihres Gesichts. Dann sagte er kurz:
„Bitte, setzen Sie sich!"
Die Lobe fühlte sich nicht wohl in ihrer Haut. Was war nur los? Wozu diese feierliche Einleitung? Doktor Wangenheim n^r doch früher ein so liebenswürdiger, vornehmer Mensch gewesen, auch den Angestellten gegenüber. Pu! — für diesen kaltschnäuzigen Menschen hätte man nicht mehr schwärmen können!
Doch schon erklangen seine Worte:
„Fräulein Lobe, es tut mir leid, daß ich Sie eben noch einmal in einer Angelegenheit bemühen muß, die schon lange in Vergessenheit geraten ist. Es handelt sich um den Diebstahl, der an dem Tage ausgeführt wurde, als ich diesen Betrieb für immer verließ. Sie erinnern sich?"
Die Lobe konnte nur nicken. Was wollte er? Vor ihren Augen tanzten weiße Punkte.
Wieder die metallharte Stimme:
„Sie erinnern sich gewiß, daß nicht Fräulein Neuß, wie man allgemein annahm, sondern Sie zuletzt in diesem Zimmer waren, so daß für Fräulein Neuß gar keine Gelegenheit bestanden hätte, den Lohnbeutel an sich zu nehmen?"
Alles hätte die Lobe erwartet, aber was Doktor Wangenheim ihr da sagte, platzte wie eine Bombe auf sie nieder.
„Fräulein Lobe, ich rate Ihnen, nicht lange mit mir Katze und Maus zu spielen. Ich frage Sie hiermit: Warum haben Sie den Beutel damals verschwinden lassen und einen unschuldigen Menschen dadurch ins Verderben gestürzt?"
Die Lobe war weiß wie die Wand.
Konnte dieser Mann da Gedanken lesen? Hatte er schon alles erfahren?
Jedenfalls hatte Wangenheim Glück. Ein Schluchzen zerriß die Stille des Zimmers, und aus diesem stoßweisen Schluchzen heraus fielen die Worte der Lobe, die eine Beichte waren.
„Einen Augenblick, Fräulein Lobe! Meine Mission ist erfüllt. Ich werde sofort meinen Onkel benach
richtigen. Was er tun wird, ist seine Sache. Ich möchte mit dieser schmutzigen Angelegenheit nichts weiter zu tun haben. Ich kann nicht mit einem Menschen verhandeln, dessen gemeine Handlungsweise ...", er brach ab. Die Erinnerung an Rosemarie, die dieses abscheuliche Frauenzimmer durch gemeine Intrige ins Unglück, in die Verzweiflung getrieben hatte, war so stark in ihm, daß sich auf seinen Zügen nichts als abgrundtiefe Verachtung spiegelte.
Herr Bachstedt kam.
Die Lobe saß so in sich zusammengesunken da, und ein so heftiges Schluchzen schüttelte ihren Körper, daß er sofort ahnte, was geschehen war.
„Ich wünsche, daß Sie vor sämtlichen Arbeitern und Angestellten zugeben, was Sie getan haben, damit die Unschuld von Fräulein Neuß einwandfrei bewiesen ist", sagte Doktor Wangenheim schneidend kalt.
Lagen wirklich drei Jahre dazwischen?---
Wieder versammelten sich sämtliche Angestellte der Firma Bachstedt & Co. im Speisesaale. Aller Augen richteten sich staunend, starr und sprachlos auf Anna Lobe, die totenbleich und geduckt vor ihnen stand.
„Meine Damen und Herren!", richtete Herr Bachstedt das Wort an seine Angestellten. „Die Diebstahlsaffäre, die wir vor nun mehr als drei Jahren hier erleben mußten, erfährt heute, zu meiner bittersten Ueberraschung, noch eine ungeahnte Fortsetzung. Nicht Fräulein Neuß, die junge Stenotypistin, die wir damals sofort entließen, war der Täter, sondern — wie sie das soeben gestanden hat — hier unsere langjährige Abteilungsvorsteherin aus der Korrespondenz, Fräulein Lobe. Offenbar handelte es sich bei der Tat von Fräulein Lobe um eine Intrige allerscheußlichster Art, für die ich keine Beweggründe finde. Fräulein Lobe ist fristlos entlassen. Ich danke Ihnen, meine Damen und Herren, Sie können gehen."
Schweigend und tief erschüttert verließen die Angestellten den großen Saal. Fast alle hatten dasselbe grauenhafte Gefühl, wie wenig man doch den anderen Menschen kannte, selbst wenn man mit ihm Tag für Tag an einer Stätte arbeitete. Die Lobe war nirgends sehr beliebt; aber das hätte man ihr doch nicht zugetraut.
Mit tief gesenktem Kopfe packte die Lobe ihre Sachen zusammen. Da lag noch die Schokolade, dort das aufgeschlagene Buch... Noch schluchzte sie unaufhörlich, doch langsam kroch bereits in ihr eine Wut über sich selbst auf. Hatte Wangenheim es ihr denn beweisen können? Woher sollte er wissen? Aber für sie war nichts mehr zu retten. Sie hatte vor Hunderten ein Geständnis abgelegt. Das war durch keine Unschuldsbeteuerung mehr zu verwischen.
Oh, welche Wege die Eifersucht sie getrieben hatte!
Wangenheim war mit seinem Onkel hinübergegangen in das Privatbüro.
Dort saß er lange schweigend da. Als er auf
blickte, sah er, daß sein Onkel hinausgegangen war. Da vergrub er stöhnend den schmerzenden Kopf in die Hände und sagte erschüttert:
„Rosemarie, liebe kleine Rosemarie! Du bist nun gerächt. O wie dankbar bin ich, daß ich es war, der die Schuld von deinem geliebten Namen nahm, daß du wieder rein und untadelig dastehst vor der Welt! Aber — wo bist du? Wo bist du? Bist du auch so trostlos einsam wie ich? Warum kommst du dann nicht zu mir?"
Hart schlug sein Kopf auf die kühle Platte des Schreibtisches Seine Schultern bebten; aber erlösende Tränen kamen ihm nicht.
*
Am selben Tage noch ließ Doktor Wangenheim sich bei Justizrat Hohl melden. Rosemaries Unschuld war bewiesen. Nun mußte er alles in die Wege leiten, sie wiederzufinden, ihren Aufenthaltsort feststellen zu lassen.
Justizrat Hohl war ihm kein Unbekannter. Oft hatte er mit ihm während der Zeit seiner Tätigkeit bei Bachstedt gearbeitet.
Mit aufrichtiger Freundlichkeit nahm Justizrat Hohl sein Anliegen entgegen.
„Wie war der Name der jungen Dame, bitte?" fragte er noch einmal zurück. Er hatte ihn wohl verstanden, aber Zusammenhänge tauchten in ihm auf, die seine Frage berechtigt erscheinen ließen.
„Rosemarie Neuß?" Er grübelte sekundenlang und entschuldigte sich dann einen Augenblick bei seinem Besucher.
Eilig schritt er zu seinem großen Aktenschrank und fand sehr schnell, was er suchte.
Richtig, der Name Neuß war ihm doch in diesen Tagen durch die Finger gegangen.
„Seltsame Duplizität der Ereignisse", sagte der alte Herr schmunzelnd. „Da sind ja schon alle Hebel in Bewegung gesetzt, die junge Dame zu suchen. Doktor Wangenheim scheint gar keine Ahnung zu haben, daß es sich um die Tochter des berühmten Kunstmalers Neuß handelt. Na, ein Vermögen brächte sie ja mit in die Ehe, da könnte er lachen. Die ungeheure Bargeldsumme und dann die fabelhafte Besitzung Friedenau. Er würde sicher Mund und Nase aufsperren, wenn ich ihm das jetzt alles erzählen könnte; aber Berufsgeheimnis ist Berufsgeheimnis. Na, der alte Neuß kann jedenfalls seine Ruhe haben. Da wäre das merkwürdige Testament unnötig gewesen. Wenn einer so hinter einem armen Mädchen her ist wie dieser Doktor Wangenheim, da kommt doch wirklich nur die sogenannte große Liebe in Frage."
Leise lachte der alte Herr vor sich hin. Schnell schob er die Akten wieder in den Schrank und ging eiligen Schrittes zu seinem Mandanten hinüber, bei dem er sich höflich entschuldigte.
„Ich kann Ihnen versichern, Herr Doktor, daß Ihre Angelegenheit mit der größten Energie betrieben wird", sagte er liebenswürdig.
(Fortsetzung folgt.)
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