14 Fortsetzung.
Nachdruck verboten!
LICHTSPIELHAUS •
Heute Donnerstag Erstaufführung des mit größter Spannung erwarteten neuesten Großfilms der Ufa: A '
Hier ist das Glück!
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S
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3>^e echte und die falsche tDocalies Roman von Anny von Panhuys.
Urheberrechtsschutz: Fünf-Turme-Verlag, Halle (6.)
Sie reichte ihm die Brieftasche, die er entgegen5 nahm, dann bedankte er sich herzlich. Mit leichtem Frohgefühl stellte Regina fest, daß sie laufen konnte, und fast gleichzeitig sah sie ihre Handtasche auf dem Tisch liegen, an dem sie vorhin gesessen. Nur ihr Kopf schmerzte von dem Schlag, und sie ließ sich mit leisem Seufzer aus den von jemand zurechtgerückten Stuhl fallen.
Die paar Leute begaben sich wieder auf ihre Plätze. Nur der alte Herr blieb wie selbstverständlich bei ihr, setzte sich neben sie, sagte leise: „Sie sehen nicht aus, mein Fräulein, als wenn man Ihnen zum Dank für Ihre Hilfe einen Gefallen erweisen könnte. Wenn Sie dagegen ein armes Mädel wären, hätte Sie mir heute Gott gesandt." Er lächelte: „Aber wer sich so einen Pelzmantel leistet, kann kaum arm sein."
Regina ordnete flüchtig vor dem kleinen Taschenspiegel ihr verwirrtes Haar.
„Pelzmäntel täuschen zuweilen, besonders wenn sie der Trägerin gar nicht gehören."
„Aha!" verwunderte sich der Fremde ein ganz klein bißchen. „Darauf kommt man natürlich nicht." Er fragte: „Sie wollen natürlich verreisen? Wann geht Ihr Zug? Oder wollen Sie jemand abholen?"
Durch eine ganz winzige Lüge hätte Regina jetzt weitere Fragen unterbinden können. Sie hätte antworten können, daß sie jemand vom Zug abholen oder in einigen Minuten abfahren müßte. Beide Ausreden hätten ihr Gelegenheit gegeben, sich zu erheben und mit kurzem Gruß davonzugehen. Sie war schon drauf und dran, sich so zu helfen. Denn sie befand sich nicht in der Stimmung, sich noch lange mit dem Fremden zu unterhalten; er hatte so etwas in den Augen, das zwang förmlich zur Antwort.
Aber lügen? Lügen ohne Grund?
Sie dachte an Peter Konstantin. Saß er ihr nicht gegenüber am Tisch? Sah er sie nicht an wie ein scharfer, harter Richter? Befahl nicht sein Blick: Hüte dich vor der Lüge?
Sie gab zurück:
„Ich will weder verreisen noch jemand abholen. Ich wollte hier nur ein wenig ausruhen und überlegen. In Wartesälen kann man das so gut. Man ist darin, selbst unter vielen Menschen, eigentlich doch immer wie allein."
Der alte Herr antwortete:
Der alte, sehr gediegen aussehende Herr schüttelte den Kopf.
„In diesem Viertel sollen Sie sich nicht einlogieren. Und weil es schon auf den Abend zugeht, nehmen Sie schließlich das erstbeste Zimmer, nur, um für die Nacht unterzukommen. Das aber sollten Sie nicht tun. Nehmen Sie eine Einladung von mir an und seien Sie vorläufig bis morgen mein Gast. Ich wohne auch nicht direkt in Berlin, sondern wie man sagen könnte: vor den Toren der Stadt! Haben Sie Vertrauen zu mir, liebes Kind, und begleiten Sie mich in mein Daheim. Ich heiße Jobst Freese, Doktor Jobst Freese, und bin Landgerichtsdirektor a. D. Jedes Jahr begehe ich den Todestag meiner Frau, einer Menschenfreundin, wie es wenige gibt, dadurch, daß ich versuche, ein gutes Werk zu tun. Ich ziehe dann jedesmal unternehmungslustig los, um jemandem zu helfen. Heute jährt sich der Sterbetag wieder einmal, und heute fand ich — Sie. Verzeihung, liebes Kind! Aber ich glaube, Sie haben Hilfe nötig. Ob finanziell, das weiß ich nicht; aber Sie sehen zerquält und verstört aus. Kommen Sie mit zu mir! Bei mir ist Frieden, da können Sie ungestört nachdenken und überlegen, besser als in einem Wartesaal."
Er rief schon eine Taxe an, schob Regina hinein, rief dem Chauffeur eine Adresse zu und folgte Regina.
Das Auto fuhr sofort an. Er sagte in gütigem Ton:
„Sie dürfen sich mir getrost anvertrauen, der alte I Freese ist bekannt in Berlin wie ein — na, sagen wir mal wie ein bunter Hund. Meine Wirtschafterin ist eine gute Seele, die wird Sie sicher behüten und für Sie sorgen. Morgen wollen wir dann weitersehen."
Regina hatte jetzt ein Gefühl von Geborgensein. Von dem alten Herrn ging etwas Vertrauenerweckendes aus; sie spürte nicht das geringste Mißtrauen gegen ihn. Vielleicht ergab sich das aus dem Zustand von Stumpfheit, in den sie verfallen war nach der Erregung, die sie seit ihrer Flucht beherrscht und die sie aus dem Hause der liebenswürdigen Frau van Stäbnitz gejagt hatte. Sie saß neben Jobst Freese, und er redete von alltäglichen Dingen. Man konnte zuhören, ohne denken zu brauchen. Nach ziemlich langer Fahrt hielt das Auto vor einem Gartengrundstück. Ein Stückchen zurückgebaut sah Regina ein villenartiges Haus, dessen Anstrich in frischem, sauberem Weiß leuchtete. Eine schmiedeeiserne Laterne barg eine elektrische Lampe von hoher Kerzenstärke, die das Haus und ein Stück Garten erleuchtete.
Der alte Herr schloß die Gartentür auf, lud Regina freundlich ein:
„Treten Sie ein!"
Regina durchzuckte es. War es nicht unsagbar leichtsinnig von ihr, mit diesem fremden alten Herrn so ganz selbstverständlich mitzulaufen?
Er schien ihr leichtes Zögern richtig aufzufassen. „Kommen Sie nur, Kind! Sie sollen mal sehen.
„Das klingt ein wenig trostlos; ich meine, am H'ften kann man doch wohl daheim ausruhen und Nachdenken."
Regina erwiderte:
„Das mag stimmen; aber nicht jeder hat ein Daheim."
Der alte Herr hatte so forschende Augen, Regina mußte den Blick niederschlagen. Der neben ihr Sitzende sagte halblaut:
„Die Leute hier sind noch immer etwas für uns interessiert; man unterhält sich noch über das von vorhin, und wir brauchen uns nicht zu wundern, wenn wir in Kürze unser Erlebnis polizeilich zu Protokoll werden geben müssen. Der Kellner ist eben weggegangen, möglicherweise holt er einen Polizisten. Und so was ist langweilig. Ich habe ja meine Brieftasche wieder, und der Kerl ist endgültig weg. Ich beabsichtige ebensowenig wie Sie zu verreisen oder jemand abholen zu wollen, und bitte Sie, mich ein Stückchen zu begleiten, wenn Sie noch etwas Zeit haben. Es wäre mir sehr angenehm, denn ich möchte mich irgendwie dankbar erweisen für den Dienst, den Sie mir geleistet haben."
Nicht die Worte: „dankbar erweisen", aber die Worte: „Protokoll" und „Polizist" brachten Regina sofort dazu, ihren Hut aufzusetzen. Sie erklärte:
„Ich werde Sie gern ein Stück begleiten."
Alles in ihr drängte jetzt hier fort. Bei polizeilichen Fragen hätte sie ja doch wieder lügen müssen. Frau von Stäbnitz hatte sie ja als Doralies Wolfram angemeldet. Wenn sie ihren richtigen Namen nannte, konnte sie doch keine Wohnung angeben?!
Der alte Herr erhob sich, rief den Kellner. Auch Regina zahlte. Bald befand man sich auf der Straße. Regina atmete tief auf; ihr war zumute, als ob sie einer großen Gefahr entronnen wäre.
Es fing schon an zu dämmern, und Regina sah, daß sie sich in einem Stadtviertel befand, das ganz anders war als das, was sie verlassen hatte. Wo Frau von Stäbnitz wohnte, waren sie alle licht, schön und elegant, die alten und die neuen Häuser. Und der nahe Tiergarten spendete immer frische Luft; aber hier standen die Häuser wie große, graue Kasernen. Schlecht gebaut und unfreundlich sahen sie aus, und die Menschen, die vorbeikamen, waren umwittert von dem trostlosen Hauch der Arbeitslosigkeit, von der man im Tiergartenviertel immer nur die Ausläufer sah.
Regina stimmte die Umgebung todestraurig.
Der alte Herr an ihrer Seite begann:
„Sie antworteten mir vorhin: Nicht jeder hat ein Daheim! Haben Sie keine Eltern?"
Regina erwiderte ohne Ueberlegen:
„Nein, ich habe keine Eltern. Bin Bürogehilfin und stellungslos! Ich stamme aus einem kleinen Städtchen Württembergs und stehe im Begriff, mir irgendwo ein billiges Zimmer zu mieten, um mich dann hier nach einer Stellung umzusehen." Sie blieb stehen. „Und jetzt muß ich mich mit der Zimmerfrage beschäftigen, der Abend bricht herein."
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1 Mechanisch folgte Regina. Sie konnte nicht anders. ' Wo wollte sie denn auch hin? Ohne Gepäck. Sie
1 hatte sich noch ein billiges Köfferchen und ein wenig Wäsche kaufen wollen. Jetzt aber kam sie doch nicht
1 mehr dazu.
Die Haustür ging auf, hell und mollig sah es in der kleinen Diele aus, die in altdeutschem Stil eingerichtet war. Eine behäbige Frau in den Vierzigern stand vor Regina, grüßte freundlich, tat, als hätte man hier nur auf sie gewartet, als wäre so ein plötzlich hereingeschneites Mädel schon zu abendlicher Stunde gar nichts Besonderes. In einem kurzen, seitlichen Gang nahm sie ihr Mantel und Hut ab.
Regina sah sich einem Spiegel gegenüber, erschrak vor der geisterhaften Blässe ihres eigenen Gesichts.
Die Wirtschafterin lächelte:
„Wollen Sie mir folgen, bitte! Der Herr sagt mir, das Fräulein bleibt die Nacht hier."
Regina nickte stumm. Sie konnte jetzt nicht sprechen. Ihr Kopf schmerzte stärker, und sie spürte Herzklopfen.
Es ging eine Treppe hoch. Ueberall waren Helle und Freundlichkeit. Ein Zimmer öffnete sich vor Regina, und sie sah gediegene, hübsche Möbel, sah ein blütsnwelß überzogenes Bett. Beim Anblick des Bettes überfiel Regina jähe Müdigkeit. Die Auf- I regung ihrer Flucht, das Seltsame ihres Hierseins lastete plötzlich auf ihr, mit stumpfer, drückender Schwere. Das hübsche, helle und saubere Zimmer tat ihr wohl wie tröstende, ermutigende Worte. Sie sagte leise:
„Ich bin schrecklich müde!"
Frau Malwine lächelte:
„Erst müssen Sie etwas essen, Fräulein, nachher dürfen Sie schlafen. Machen Sie sich ein bißchen frisch, kaltes Wasser vertreibt den Schlaf; ich hole Sie in zehn Minuten zum Tee hinunter."
Regina wagte der sicheren Art der Wirtschafterin gegenüber feinen Widerstand und nickte. Gleich darauf befand sie sich allein.
Sie ließ sich auf einen mit hellem Samt Überzogenen Sessel fallen, schaute sich um. Ganz anders, sah es hier aus als in ihrem Schlafzimmer bei Frau von Stäbnitz. Einfacher, aber behaglich. 9 wie das Bett lockte! Schade, daß sie sich nicht gleich darin verkriechen durfte, um auszuruhen und wenig» stens für Stunden zu vergeßen, was sie Unrechtes getan hatte.
Sie trat vor den Waschtisch hin. Neue Seife und ein paar saubere Handtücher sah sie. Auch Kamm und Bürste. Regina hatte plötzlich das Gefühl, schmutzig zu sein. Sie wusch sich Gesicht und Hände, kämmte ihr Haar.
Täte ihr nur der Kopf nicht so weh! Der Kerl hatte roh zugeschlagen.
______________ (Fortsetzung folgt.)
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