Nr. 60 Zweiter Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)Montag, l2.Mrz M§
Die Eröffnung.
Berlin, 12. März. In dem mit den Farben des Reiches, den Wimpeln zahlreicher Wassersportvereine und frischem Grün festlich ausgestatteten Ehrenraum der Halle III am Kaiserdamm fand die feierliche Eröffnung der Großen Berliner Wassersportausstellung 19 3 4 statt. Bürgermeister Dr. M a r e tz k y sprach den deutschen Wassersportverbänden und den Verbänden der Wassersportindustrie und des Handels für ihre Mitwirkung beim Aufbau der Ausstellung den Dank der Stadt Berlin aus.
Reichssportführer
von Tschammer und Osten
wies auf die innige Verbindung der Wirtschaft mit dem Volksleben hin. Die gewaltigen Aufgaben, die uns allen und damit auch der 'Sportartikelbranche im Vierjahresplan des Führers gestellt seien, nötigten dazu, auch diesem Industriezweig Interesse, Aufmerksamkeit und Fürsorge zuzuwenden. Die Wassersportbranche sei etwas zurückgedrängt in dem Gesamtbetrieb der deutschen Wirtschaft. Ich werde, so erklärte der Redner, bei der nächsten Leipziger Messe ihr den Platz wieder verschaffen, der ihr gebührt. Die großzügige Unterstützung dieses Sportzweiges durch die Stadt Berlin und durch das Propaganda-Ministerium werde gleichfalls dazu beitragen. Es komme darauf an, auch dem in befcheioener Existenz lebenden deutschen Manne den Wassersport zu einem Lieblingsgebiet seiner Freizeitbetät i - g u n g zu machen. Mit dem Wunsche auf einen guten materiellen und ideellen Erfolg der Ausstellung und einem dreifachen Sieg-Heil auf den Reichspräsidenten und den Reichskanzler erklärte Reichssportführer von Tschammer und Osten die Ausstellung für eröffnet.
Erste Lleberschau.
Von unserer berliner Redaktion.
Zur Sehnsucht nach dem Süden, die man dem Deutschen gemeinhin nachsagt, kommt — an Stärke mindestens gelich — di e Sehnsucht nach dem Wasser. Ob es die begünstigte Lage unseres Vat- terlandes macht, das zwei Meeresgrenzen, viele Ströme und unzählige große und größere Seen hat, die uns die Liebe zum Wasser einflößen oder ob da andere untergründige, unbewußte Bindungen mitsprechen, das sei hier nicht entschieden. Wir Deutschen lieben das Wasser. Ein großer Teil unter uns schwimmt mit großer Freude; unsere Jugend wird Jogar ein vollzähliges Heer von Schwimmern in Kürze abgeben.
Aber mit dem Aufenthalt im Wasser begnügen wir uns nicht. Wir wollen auf dem Wasser sein, wollen mass erwandern, uns drängt es zu neuen Ufern. Eine Dampferfahrt in der Jugend, eine Ruderpartie mag dazu den Anstoß gegeben haben: Plötzlich ersteht in uns riesengroß und gewaltig nach Erfüllung drängend der Wunsch, am Wassersport aktiv teilzunehmen. Und bekanntlich ist der Wille schon die gute Vorbedeutung zur Tat — eines Tages werden wir Wassersportler.
Run aber bedeutet gerade dieser Sportzweig eine gewisse Abhängigkeit von einem technischen Hilfsmittel. Wie es heißt, mag zunächst unbedeutend fein, die rechte Wahl kommt wohl erst dann, wenn wir alles ausprobiert haben. Verhältnismäßig jung ist die Vorliebe zum Kanu, zum Faltboot. Etwas älter mag der Motorbootsport sein, der seine besondere Abart durch die heute überaus leichte Einbaumöglichkeit von Außenbordmotoren gefunden hat. Als älteste Sportgruppe sind die Ruderer und die Segler zu nennen. Alle aber finden wir in friedlichem Wettstreit vereint auf der
roßen Berliner Wassersport-Aus- sl e l l u n g 19 3 4" hier in der Reichshauptstadt, in hellen Scharen strömen die Berliner hin, die alle mehr ober minder zum Wasser ein besonderes Verhältnis gefunden haben, wohl weil diese Stadt so überaus große Wassersportmöglichkeiten in ihrer nächsten Nähe aufweist.
Die Sportler haben nun freilich die große Ausstellung nicht allein beschickt. Obwohl sie das sicher auch recht gut könnten — sie gaben zahlreiche Proben ihrer „Ausstellerfähigkeiten" durch die Darstellung unendlich vieler wertvoller Preise: schöne, anspornende, begeisternde Erinnerungen an schwere Kämpfe und harterfochtene Siege —, sind die Wassersportler nun einmal untrennbar mit ihrer Industrie verbunden. Beide ziehen an einem Strick. Was der Bootsbauer ersinnt, konstruiert und gestaltet, soll für den „Verbraucher" wirklich verwendungsfähig fein; was der Sportler für sich fordert, weil er es für die Erreichung von Höchstleistungen als nützlich erkannt hat, das muß die Industrie Herstellen, und wenn dabei noch so viele Schwierigkeiten zu überwinden sind.
Von dieser idealen Zusammenarbeit legt die Ausstellung erstaunliche vielfältige Zeugnisse ab. Die Reihe der Bootskonstruktionen in Vorzügen und Besonderheiten zu erläutern, überschreitet jeden Raum, sie nur aufzuzählen ist schon unmöglich. Summarisch läßt sich feststellen, daß für
jeden Bedarf, für jeden Geschmack — aber auch für jeden Geldbeutel das rechte Stück vorhanden ist. Die Wassersportindustrie hat für alle gesorgt.
Durch den Haupteingang am Funkeck betritt man d i e Ehrenhalle des deutschen Wassersports. Fahnen und Stander der im Deutschen Wassersportverband zusammengeschlossenen Vereine schmük- ken die Pfeiler des Raumes. Die Bootsfahnen, Träger und Hüter des Kampfwillens deutscher Sportmannschaften im In- und Auslande, sind hier Träger der Gemeinschaftsidee. In Vitrinen sehen wir goldene und silberne Olympia-Medaillen und Auszeichnungen von Siegen bei internationalen Kämpfen. Wir bestaunen die Siegerpreise, die genommen wurden in den Ruderregatten in Harley (England), Cork (Island), Como (Italien). Wir sehen den Hoover-Pokal, dem amerikanischen Gegner abgerungen, den Preis der Schärenkreuzer und viele Preise von Länderwettkämpfen, mit dem Segelboot, im Kanusport und von internationalen Motorbootregatten.
Neben dem Ehrenraum gibt die Sonder- schau „Rettung aus Seenot" der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger ein Bild von der Arbeit und von der Organisation der vielen Rettungsstationen an der Nord- und Ostseeküste Deutschlands. Ferner werden wir mit Modellen der Rettungsboote und Rettungsstationen auf den heimischen Gewässern bekanntgemacht.
Werften und Motorfabriken zeigen ihr Bestes; man bekommt Lust, die wunderbaren Erzeugnisse deutschen Fleißes schleunigst zu erstehen, um in den Frühling zu fahren, der ja wohl schon irgendwo auf der Lauer liegt. Es muß gar nicht die großartige Jacht, das elegante Autoboot, das schnittige
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In den Berliner Ausstellungshallen am Funkturm wurde die große Wassersportausstellung 1934 eröffnet, die einen Ueberblid über alle Zweige dieses schönen Sports gibt. — Oben: Blick auf die Ausstellung der Segelboote. — Unten: Zwei Mädchen im Schlauchboot mit einem Zeltdach.
Zu neuen Ufern lockt ein neuer Tag
Ein Blick in die Große Berliner Wassersport-Ausstellung.
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Rennboot sein; sogar auf die schönen Segler läßt sich verzichten. Aber wenig st ens so ein Faltboot, so einen niedlichen, kleinen, dabei doch stabilen „Seelenverkäufer" — so wurden die Dinger früher genannt, als noch alle Welt ihnen mit Mißtrauen gegenüberstand — möchten wir mitnehmem
Na, und bann natürlich auch von dem reichhaltigen Zubehör des echten Wassersportlers. Das Zelt, das wir an den neuen Ufern errichten können — oh, es gibt da Sachen mit allem Komfort der Neuzeit sozusagen, bloß ins „Zeitliche" übertragen. Den idealen S ch l a f s a ck, der vor — wer weiß alles! — schützt und den guten Schlaf geradezu verbürgt — auch eine feine, nützliche Sache. Den Außenbordmotor brauchen wir bei der Flaute oder bei übermäßiger Hitze genau so dringend wie jeden Tag den unverwüstlichen Spirituskocher, auf dem unsere Wassernixe im Nu ein festliches Wald- und Wiesendiner zusammenzaubert! Junge, Junge, was es da alles zu sehen und zu bestaunen gibt in der Großen Wassersport-Ausstellung! Mit geringer Phantasie versetzen wir uns aus dem unwirtlichen März in schöne Sommertage — das alles macht der farbenfrohe Zusammenklang von Booten in allen Arten und Lackierungen, von bunten Segeln, von blitzernden Metalltellen, fröhlichen Wimpeln! Zu neuen Ufern lockt der Wassersport — folgen wir seinem Rufe!
Doch sieben Todesopfer auf „Karsten-Zentrum".
Beu ff) en, 10. März. (DJiB.) wie die vermal- tung der „Karsten-Zenlrum'-Grube miffeilt, ist der bisher als lebend gemeldete zwischen den Gesteins- maffen eingeklemmte Lehrhauer Eduard kapol aus TNiechowitz im Laufe des Samslagvormittags gestorben. Die Bergung konnte leider erst nach seinem Ableben erfolgen. Da mit Bestimmtheit damit zu rechnen ist, daß die letzten beiden Eingeschlossenen, der Hauer Doziadzko aus Beulhen und der Fördermann Jaworski, gleichfalls aus Veuthen, nicht mehr am Leben sind, hat die furchtbare Katastrophe sieben Todesopfer gefordert.
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Die nach 72ftünbiger Gefangenschaft in den Ge- steinsmassen lebend geborgenen vier Bergleute befinden sich den Umständen nach wohlauf. Drei von ihnen haben außer geringfügigen äußeren Verletzungen keinen ernstlichen Schaden erlitten. Nur der Fördermann B a r t e 1l a , der unter Tage zwischen einer Rohrleitung und einer Holzverschalung eingeklemmt war, hat einen schweren Beinbruch und Fingerquetschungen davonge- tragen.
Das Oberbergamt teilt zu den Rettungsarbeitett auf „Karsten-Zentrum" mit, daß das Gebirge e r - neutin Bewegung gekommen ist. Daher muß zur Sicherung der Rettungsleute der Ausbau der Bergungsstrecke zunächst durch eiserne Ringe verstärkt werden, bevor an die Bergung der beiden letzten Toten herangegangen werden kann. Die notwendigen Sicherungsarbeiten werden längere Zeit in Anspruch nehmen. Die Bergung der beiden letzten Verschütteten, deren Tod zweifelsfrei festfteht, wird daher voraussichtlich erst in etwa zwei Wochen möglich sein.
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Der Herr Reichspräsident hat an die Verwaltung der Karsten-Zentrum-Grube in Beuchen nachstehendes Telegramm gerichtet: „Mit tiefster Anteilnahme habe ich die Meldungen über das Unglück auf der Grube Karsten-Zentrum erhalten und bitte Sie, den Angehörigen der Todesopfer mein herzlichstes Beileid zum Ausdruck zu bringen. Den Bergleuten, die in mühevollster Arbeit unter schwierigsten Verhältnissen ihren verunglückten Kameraden Rettung gebracht haben, spreche ich meinen Dank und meine Anerkennung für ihre mannhafte Haltung aus. Den geretteten Bergleuten bitte ich meine herzlichen Wünsche für baldige Wiedergenesung zu übermitteln.
von Hindenburg, Reichspräsident."
Gießener Konzertverein.
Klavierkonzert Wilhelm Backhaus.
Die schon im Vorbericht angeführte Tatsache, daß Professor Wilhelm Backhaus in diesem Konzert- winter das gesamte Sonatenwerk Beethovens geschlossen zur Aufführung gebracht hat, läßt ihn jetzt auf einem bis dahin noch nicht erreichten Höchststände in der Durchdringung und Gestaltung Beethovenscher Sonatenkunst erkennen. Die Vertiefung in das Gesamtwerk bringt in der wechselseitigen Beziehung der verschiedenen Schaffens- perioden und ihrer Stileigenheiten neue Momente für die originalgetreue Auffassung ans Licht. Bei Wilhelm Backhaus stehen musikalische Gestaltungskraft und instrumentales Können in einem ideal zu nennenden Gleichgewicht. Seine Technik ist so vollendet, daß sie die größten Schwierigkeiten spielend meistert (z. B. die Doppeltriller in der lebhaften Figurierung der letzten Variation von op. 109) und sich so bewußt jederzeit den Intentionen des Musikers Backhaus unterordnen kann. Wilhelm Backhaus ist jetzt zu einer Vertiefung des Musikalischen gelangt, die dem Werk bis auf den innersten Lebensnerv nachfühlt und in jeder Darstellung ein neues Werden zu geben imstande ist. Bewundert man bei manchem andern die wohlstudierte und glänzend gekannte Leistung, Wilhelm Backhaus läßt feine Hörer am persönlichen Erleben und Durchleben Beethovens teilhaben. Tiefschürfend geht er zu Werke, jede Wendung in das Blickfeld des Ganzen rückend, und so erreicht er eine Klarheit in der Wiedergabe, die selbst bas Schwierigste verständlich erscheinen läßt.
Daß er auf diesem Wege mit Rücksicht auf das Musikalische manches Zeitmaß breiter nahm, als man es sonst zu hören gewöhnt ist, gereichte ihm als denkenden Musiker zu besonderer Ehre. (As= Dur-Variationen.) Diese langsamen Sätze erfühlt er mit einer Tiefe, die jederzeit das Augenblicksnahe der Gestaltung erahnen läßt. („Abwesenheit" op. 81). Seine Kantilene im ersten Satz der Mondscheinsonate war schwer, eindringlich und herb; plastisch schwebte sie über der Triolen- beroegung. In welcher Tiefe er den Affekt erfaßt, bas erwies ber Trauermarsch ebenso wie das Finale der ins Gigantische gesteigerten Cis-M o 1l- Sonate und bann wieder inmitten der Viva- cissimanente (Lebewohl-Sonate, letzter Satz) welche Zartheit im lyrischen Verweilen, beglückend durch die Innigkeit der Wiedersehensfreude. Das Organische des Werkes leitete den Musiker in der Hervorhebung des Abschiedsthemas der gleichen Sonate.
Schlicht, einfach, natürlich erklang das Menuetto- Thema (op. 54); im Finale dieser Sonate wie auch von op. 26 ein Sprühen und bei aller technischen Belebtheit bedeutend durch eine vornehme Kon- traftierung. Die Entwicklungslinie in den Finale- Variationen von op. 109 ließ er nach den mannigfaltigsten Phasen der Durchleuchtung einmünden in eine unaussprechlich durchgeistigte Wiedergabe des Themas.
Gebannt lauschten die Hörer. Wenn auch der spontan ausbrechende jubelnde Beifall durchaus berechtigt war und die Verbundenheit ber Konzertbesucher mit dem Künstler so öffentlich zum Aus- bruck kommen mußte, nach einem solchen reichen Programm sollte man bie physischen unb psychischen Kräfte bes Konzertgebers nicht Überspannen; unb dennoch kargte Wilhelm Backhaus nicht mit ber Zugabe. Dr. H.
Oberhessischer Kunstverein.
III. Jahresausstellung: Hans Hagenauer und Hermann Mayrhofer.
Die gestern eröffnete dritte Jahresausstellung des Oberhessischen Kunstvereins umfaßt Delgemälbe, Aquarelle und Zeichnungen von Hans Hagenauer, Gießen, und Radierungen von Hermann Mayrhofer, München. Die Arbeiten von Hagenauer nehmen den breitesten Raum ein; Porträts unb Figurengruppen bestimmen im wesentlichen ben Einbruck seiner Kollektion. Die Bildnisköpfe charakterisieren sich burch den beherrschenden Augenausdruck, der den Blick des Beschauers einfängt unb ihn über bas persönliche Interesse hinaus — es finben sich eine Reihe bekannter Gießener und Marburger Persönlichkeiten unter ben Modellen — fesselt. Die gesunden und frischen Farben der Gesichter, von denen einige durch Sonnenbestrahlung ganz dunkel getönt sind, erhalten ihre Belebung und Komplementärwerte etwa durch ein in sich gestuftes Weiß bes Kleibes (Fräulein I. W.; Frau M. T.) ober bes Malerkittels rm Selbstbildnis. Im übrigen beschränkt sich die koloristische Wirkung ber Porträts auf wenige, ruhige Lokaltöne in blau ober grau. Ein heller, pastellmäßig weicher unb aufgelockerter Hintergrunb gibt Köpfen und Figuren Haltung, Rundung und natürliche Konturen unb rückt die Abgebilbeten aus ber Flächigkeit des Bildes gewissermaßen an den Beschauer heran. Ergänzt man bie erwähnten Arbeiten durch einige andere, wie etwa „Dr. M. K.", „Direktor Gr.", Nr. 1 und Nr. 31, so ergibt sich eine Reihe von Bildnissen,
in denen sich ein klarer unb. ruhiger Realismus äußert, ber in seiner ungebrochenen unb unkomplizierten Lebensnähe an eine gute Trabition deutscher Porträtmalerei anzuknüpfen bemüht ist. Von diesen Arbeiten heben sich zwei größere Figurengruppen — „Auf zu Gott" unb „Am Rande" — nicht unbeträchtlich ab, die auf den ersten Blick wie ein verspäteter Nachklang bes längst historisch geworbenen Expressionismus anmuten konnten; obwohl die Gruppe der gottsuchenden Kreuzträger, wie eine nähere Betrachtung bald ergibt, in der klaren und unverschwommenen Festigkeit der Köpfe unb Gesichter roieberum stilistisch ben besprochenen Bildnissen angenähert scheinl. Interessant ist aber, wie bie Gestalten ber Gruppe „Aus zu Gott", bie gefühlsmäßig miteinanber verbunden, dem gleichen Gesetz untertan sind und etwas allen Gemeinsames empfinden oder zu erleben trachten, sowohl in der farblichen Komposition als auch durch das ungefähr diagonal die Bildfläche auf teilende Kreuz zusammengehalten werden, wodurch bas Ganze innerlich unb äußerlich völlig geschlossen wirkt. An ben Expressionismus in feiner ursprünglichen unb reinen Form könnte man sich eher bei ber Gruppe ber brei Frauen „Am Ranbe" erinnert fühlen, bie sich koloristisch weit weniger einheitlich barstellt und auch der „Auslegung" durch den Beschauer und dessen eigener Phantasie viel mehr Möglichkeiten und Spielraum gibt als bie Gestaltung ber ekstatischen Menschengruppe unter dem Kreuz. Die klaren, ruhigen unb ungebrochenen Farbtone, welche bie besten Porträts kennzeichnen, kehren auch in einer Reihe von Lanbschaften wieder, bie etwa neben Silber von Otto Bauriebl zu stellen wären. Besonbers bie Hochgebirgslanbschaften mit ihren massiven, gebrungenen Formen, mit hohem Himmel und tiefen, blauen Schneeschatten. Auch bie Aquarelle fallen insgesamt burch eine gewisse Tonigkeit unb koloristische Festigkeit auf. Die Zeichnungen wieberholen mit primitiveren Mitteln bie von der Porträtmalerei ausgehenden Wirkungen. Auf ein dekoratives Blumenftuck, langstielige Tulpen in blauem Glas, sei zum Schluß noch mit einer Empfehlung hingewiesen.
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Die Radierungen des Müncheners Hermann Mayrhofer ergänzen bie Ausstellung vom Graphischen her. Hier findet man überwiegend Landschaftsmotive unb Stäbtebilder, dazwischen einige figürliche Themen. Das ist eine äußerst empfindliche, zartgliedrige unb im Strich beherrschte, technisch gereifte Linearkunst, die sowohl durch minutiöse Detailschilderung von großer Ausführlichkeit, als auch
burch flüchtig-improvisatorische Andeutungen ober bie Gegenüberstellung von Licht- unb Schattenflächen charakterisiert wirb. Bemerkenswert, daß ber Bilb- einbruck einer Reihe von Radierungen (wie häufig in dieser Technik) verblüffend vom Negativ her, also aus ber ausgesparten, weißen Fläche entwickelt wirb, so baß dem Blick des Beschauers die reizvolle Aufgabe zufällt, das Blatt als Ganzes gleichsam selbständig zu ergänzen unb abzurunden. Wenn wir aus der Kollektion etwa die Blätter „Am Gardasee", „Portofino", „Baumgruppe", „Studienköpfe mit weitem Hut", „Häuser im Schatten", „Kopf- tuch-Stubie", „Lesenbes Mädchen" und „Kopf eines schlafenben Kinbes" herausgreifen, so scheint uns mit ihnen das Gesagte am besten illustriert zu sein.
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Die Ausstellung wurde gestern vormittag vom Vorsitzenden bes Kunstvereins, Geh. Rat Professor Dr. Olt, eröffnet, der bie Erschienenen namens bes Kunstvereins herzlich willkommen hieß und dann eine kurze Einführung in bie ausgestellten Arbeiten gab. Hagenauer sei ein Kinb der Bergwelt, die er auf zahlreichen Silbern bargeftellt habe; seine landschaftliche Herkunft unb seine Erlebnisse ■in ber Kriegszeit haben seinem Schaffen den Stempel aufgebrüctt. Er sei ein Expressionist, aber er werde vom Volke verstanden, weil sein Schaffen erdverbunben sei. — Es würben bann einzelne Silber besprochen, zunächst inhaltlich unb technisch bie visionäre Gestaltung der Gruppe „Auf zu Gott", dann bas Gemälbe „Am Rande", das eine Hoch- expressionistischer Kunst darstelle. Es folgte eine Würdigung ber Porträts, in denen der Maler es verstauben habe, ähnlich wie ber Charakterbarsteller auf ber Sühne, sich in die Persönlichkeit des Abzubilbenben hineinzuversetzen, überall bas Wesentliche herauszuholen unb das Nebensächliche wegzulassen. Was endlich die Landschaften betreffe, so könne nur jemand, ber in den Sergen groß geworben ist, biefe herrliche Natur nacyerleben und roiebengeben. Nach einem kurzen Hinweis auf die Radierungen von Mayrhofer erklärte bann Geh. Rat O 11 die Ausstellung für eröffnet.
Sochschulnachrickrten.
Professor Dr. Sonhoeffer von ber Universität Frankfurt am Main wurde als Nachfolger von Geheimrat Professor Dr. Le Slanc auf den Lehrstuhl für physikalische Chemie an ber Uni. versität Leipzig berufen.


