!Rosemarie, Rosemarie...
Roman von Käthe Metzner.
13. Fortsetzung. Nachdruck verboten!
Aber gleich war es ihm klar, daß es nur die geschäftlichen Sorgen sein konnten, die auf Wangeiheim lasteten.
Aber da sollte schon Rat werden. Er mußte nur versuchen, Wangenheim für heute abend in sein Haus einzuladen. Dann würde man die Dinge in aller Ruhe besprechen können und sehen, wo der Schuh drückte.
So reizend und herzlich kamen dem alten Herrn die Worte über die Lippen, mit denen er Doktor Wangenheim bat, für den Abend ein Stündchen hinüberzukommen, daß dieser unmöglich abschlagen konnte.
Ehrlich erfreut nahm der Geheimrat Wangenheims Zusage entgegen.
So sah dieser Abend Wolfgang im Hause Delbrück.
In angeregter Stimmung verlief das kleine Abendessen, und dann saß man gemütlich in den schönen bequemen Sesseln auf der Veranda.
Unauffällig lenkte der Kommerzienrat das Gespräch von allgemeineren Dingen auf persönliche; aber er erreichte damit nur, daß Wangenheim mit einem Male still und schweigsam wurde. Unverkennbarer Ernst lag auf seinem Gesicht. Delbrück fühlte, daß es schwer sein würde, hier zum Ziel zu kommen.
Wangenheim versuchte endlich gewaltsam, die Stimmung zu retten, indem er vorschlug, daß Renate ein paar Lieder singen möchte. Da löste sich die beklemmende Stille. Die alten Herrschaften waren einverstanden, und die beiden jungen Leute, die schon früher sehr oft zusammen gespielt hatten, gingen hinüber ins Musikzimmer.
Während Renate ein paar Noten heraussuchte, setzte sich Wangenheim ans Klavier und spielte mit Fertigkeit und vollendetem Ausdruck.
Leise flössen die Töne durch den Raum. Wangenheim war ganz in sein Spiel versunken. Renates Blicke umschlossen sein Gesicht mit warmer Zärtlichkeit, und wieder fühlte sie schmerzlich, wie sehr ihr Herz sich ihm zuneigte.
Endlich hatte Wolfgang Wangenheim sein Spiel beendet.
„Du spielst noch immer so wundervoll", sagte Renate leise.
„Ach, das ist halb so schlimm! Ich habe ja lange keine Taste mehr angerührt." Er lächelte.
Ein Blick auf die Veranda hinüber überzeugte ihn, daß diese leer war.
„Du siehst ja, deine Eltern sind schon davongelaufen", sagte er heiter.
„Sie machen ihren allabendlichen Spaziergang durch den Park. Das sind sie so gewöhnt. Auch bei dem schlechtesten Wetter." Doch sie fühlte, wie ihr das Blut ins Gesicht stieg und sie unsicher wurde.
„Und was hast du in der gqnzen langen Zeit getan, kleines Mcwchen?" sagte Wolfgang scherzend.
„Ich? Nichts! Es vergeht ein Tag wie der andere. Man wird alt dabei."
Warum war er nur plötzlich so zum Scherzen aufgeleat? Er war sich selbst nicht klar über seine Empfindungen.
„Ja, du mußt eben heiraten, Kinder haben..." „Ja, ja...!" Sie lachte, aber ihr Herz krampfte sich unter seinen Worten.
Doch plötzlich nahm sie all ihren Mut zusammen. Eine solche Stunde mit Wolfgang kam nicht wieder. Wenn sie ihm jetzt Hilfe anbieten könnte. Ihrem Vater war es vorhin nicht gelungen. Da schoß sie mit einem kühnen Sprung auf ihr Ziel los:
„Du leidest, Wolfgang! Schon einmal sagte ich dir das, aber damals wolltest du es nicht wahrhaben. Ich bitte dich, sage mir doch, was dich bedrückt. Ich wäre dir so dankbar für dein Vertrauen, und ich würde dir doch so gern helfen..
Doktor Wangenheim war wie erstarrt. So weit war es also schon, daß man ihm seine Sorgen vom Gesicht ablesen konnte? Aber das war es ja nicht. Er mußte sich darüber klar sein, daß die Lage seiner Werke kein Geheimnis bleiben konnte.
Seine Brust hob und senkte sich schwer. Sekundenlang zögerte er. Sollte er nicht endlich Renate um ihre Hand bitten? Die Delbrücks waren vermögend. Mit einem Schlage war er wieder flott...
Er konnte doch nicht sein Leben lang einem Phantom nachjagen.
Blitzschnell schossen seine Gedanken. War es nicht sinnlos, noch immer Rosemarie nachzujagen, während hier ein junges, hübsches Mädchen neben ihm stand, das mit allen Fasern des Herzens danach begehrte, seine Frau zu werden?
Warum mündeten in diesem Augenblick seine Gedanken gerade bei Bachstedt? Plötzlich fiel es wie Schuppen von seinen Augen: Rosemarie kam nicht zurück in die Heimat, weil ein Makel an ihrem Namen hing, den sie nicht ertrug! Aber unmöglich hatte sie ihre Beziehungen zu der Tante, an der sie mit ganzem Herzen hing und die ihre einzige Verwandte überhaupt war, gelöst. Vielleicht... vielleicht würde sie zurückkehren, wenn es ihm gelänge, den Beweis ihrer Schuldlosigkeit zu erbringen. Aber das würde schwer, sehr schwer sein. Wohl unmöglich.
Endlich wandte er sein verstörtes Gesicht Renate wieder zu:
„Du wirst schon erfahren haben, Renate, daß meine Verhältnisse sehr angespannt sind. Ich danke dir für deine Teilnahme. Und — warum sollte ich
dir nicht mein Vertrauen schenken? Ja, ich habe wirklich Sorgen, sehr schwere Sorgen ..."
„Und warum dürfen dir deine alten Freunde nicht helfen, Wolfgang? Wenn du wüßtest, wie gern dir mein Vater seine Hilfe anbieten würde."
Doktor Wangenheim sagte schwer:
„Mein Schicksal ist meine eigene Schuld. Die muß ich büßen, Renate. Ich ganz allein. Verstehst du das?"
Fremd klangen ihm seine eigenen Worte. Hätte er nicht etwas ganz anderes sagen sollen? Aber ein unbekannter Dämon gab ihm die Worte ein. Zum Glück? Zum . Verderb?
Wangenheim wußte es nicht; aber sie ließen sich nicht zurücknehmen.
Wieder glitten seine Finger über die Tasten. Renate saß etwas abseits. Sie hatte ihren Sessel aus dem Lichtkreise der Klavierbeleuchtung gerückt, so daß er nicht sehen konnte, wie ihr die Tränen über die Wangen rollten.
Wangenheim schien zu vergessen, wo er war. Erst zart, dann immer inbrünstiger griff er in die Tasten, und plötzlich, wie das Klagen einer todwunden Seele, füllte die Melodie des Lönsfchen Abendliedes „Rosemarie, Rosemarie ..." den Raum. Seine ganz große Liebe und Sehnsucht legte er in sein Spiel.
Renates Lippen zuckten. Sie wollte aufspringen und seinen Kopf in ihre Hände nehmen und ihm sagen: „Wolfgang, vergiß die andere, vergiß! Fühlst du denn nicht, wie mein Herz verblutet, wenn du nicht zu mir kommst?"
Aber die Töne wogten und schufen eine unsichtbare Mauer zwischen ihm und ihr. Da sank sie bleich und müde in ihren Sessel zurück. Und wußte, daß sie den Weg zu ihm niemals würde finden können.
6. Kapitel.
Tage waren vergangen seit jenem Abend im Hause des Geheimrats Delbrück. Wolfgang wußte, was er sich verscherzt hatte, als er durch Renate eine finanzielle Unterstützung ausgeschlagen hatte. Nun hieß es doppelt und dreifach arbeiten, wenn er es schaffen wollte.
Ein Bote brachte die Morgenpost. Mit gewohnter Eile sah er sie durch, legte feine Privatpost beiseite und ordnete die andere in bie verschiedenen Körbe für die einzelnen Abteilungen der Büros.
Bei seiner Privatpost befand sich ein Brief von Bachstedt & Co. Was hatte ihm fein Onkel wohl zu schreiben?
War es etwa auch dort schon bekannt, wie schlecht es um die Wangenheimschen Werke stand? Er öffnete den Brief und las mit aufsteigender Freude, daß fein Onkel eine größere Summe, die er gerade flüssig habe, bei ihm investieren würde, wenn sich die Gerüchte, die über die Wangenheimschen Werke im Umlauf feien, bewahrheiteten. Seine
Freude sank. Sie sollten ihn doch alle in Ruhe lassen. Warum kümmerten sie sich um seine Angelegenheiten?
Und doch! Er durfte den gütigen Vorschlag des Onkels nicht einfach von der Hand weifen. Wohl hatte er bereits allerlei eingeleitet, aber die Gefahr, die feinem Werk drohte, war noch lange nicht überwunden.
Zu einer Aussprache sollte er zu ihm kommen? Wieviel Zeit ihm dadurch erst wieder verloren ging! Er rechnete und rechnete und kam schließlich doch zu dem Ergebnis, daß er fahren würde.
Er hätte es wohl nicht getan, gestand er sich, wenn ihm nicht an jenem Abend bei Delbrück der Gedanke gekommen wäre, die Nachforschungen über Rosemaries Schuld noch einmal dort aufnehmen zu wollen, wo sie begangen sein sollte.
So kam es, daß er nach Jahren wieder in die Stadt kam, die fein Schicksal so unheilvoll beeinflußt hatte.
Seine Verwandten empfingen ihn mit alter Herzlichkeit. Viel gab es zu erzählen, nachdem man sich so lange nicht gesprochen hatte.
Doch nach dem Essen, als die beiden Herren bei einer Zigarre noch plaudernd beisammensaßen, schoß Onkel Bachstedt in seiner biederen, ehrlichen Art ohne Umschweife auf fein Ziel loß.
„Nun sag mir doch mal, mein lieber Junge, was mit dir eigentlich los ist? So ein Werk, wie das deines Vaters, das wie kaum eines in heutiger Zeit bombensicher stand, geht doch nicht von heute auf morgen verschütt. Hast du die Sachen nicht so ganz in der Hand? Oder fehlt dir doch die Erfahrung? Du mußt mir das unbedingt einmal alles sagen. Man kann doch da nicht so ruhig zusehen."
Der alte Bachstedt hatte sich in Erregung geredet. Er wollte dem Neffen wohl und war andererseits auch von ihm enttäuscht, weil er ihn während der Zeit feiner Tätigkeit bei ihm für einen ganz ausgezeichneten Kaufmann gehalten hatte, in dessen Händen die Angelegenheiten der Firma Bachstedt & Co. ebenso sicher geruht hatten wie in feinen eigenen. Und nun das?
Wolfgang sprach. Schwer löste sich seine Zunge, und nur zögernd gab er Stück für Stück feiner innersten Empfindungen'preis. Aber der Stein war mit einem Male ins Rollen gekommen, der all die Jahre auf feiner Seele gelastet hatte. Ehrlich sprach er dem Onkel von seiner Liebe zu jenem Mädchen, das damals in den Verdacht gekommen war, die vierhundert Mark gestohlen zu haben.
„Sie ist die Diebin nicht gewesen, Onkel! Dafür würde ich bürgen mit allem, was ich besitze. Wenn du wüßtest, wie gut ich sie kannte! Ein Mensch, der so rein und lauter war wie sie, ist einer solchen Tat auch in der bittersten Not nicht fähig."
(Fortsetzung foIaU
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