Nr. 238 Drittes Blatt Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesien)Donnerstag, U. Oktober (934
Der Katt der Festung Antwerpen.
Vor zwanzig Kahren am 10. Oktober.
Von Major a. D. Rudolf Ableiter.
schwiegen, schwamm ein Landwehrmann durch den Fortgraben und hißte auf den Wällen des geräumten Forts die schwarz-weiß-rote Fahne.
Vom 5. Oktober ab leitete die Verteidigung ein englischer General. Aus dieser Maßnahme ist zu verstehen, daß die Stadt nicht übergeben wurde, sondern daß man es auf eine Beschießung ankom-
Noch ehe Saarburg geschlagen und der Sieg von L o n g w y erfochten worden war, achtzehn Tage nach erfolgter Mobilmachung, hatten die gegen die belgische Großfestung Antwerpen vorgeschobenen deutschen Beobachtungstruppen am 20. August starke Ausfälle der Antwerpener Besatzung siegreich zurückgewiesen. In der Nacht vom 24. auf 25. August 1914 erhielt Antwerpen seinen ersten Zeppelinbesuch, dem am 2. September ein zweiter folgte. Beide Luftangriffe hinterließen unter der Bevölkerung stärkste Eindrücke.
Die Aufgabe der deutschen Einschließungsarmee vor Antwerpen, die zum größten Teil aus Reseroe- formationen und aus den älteren Jahrgängen der Landwehr bestand und die durch eine unter dem Befehl des Admirals von Schröder, des früheren Stationschefs von Kiel, stehende Marinedioision einen wertvollen Streiterzuwachs erhielt, war zunächst eine vierfache. Einmal war Antwerpen und die zur Verteidigung der Festung bestimmte feindliche Armee abzusperren, so daß sie auf den deutschen Vormarsch durch Belgien keinen Einfluß mehr gewinnen konnte. Dann galt es weiter, den Besitz Brüssels zu decken; drittens mußte die Einschließungsarmee die westlich davon gelegene Gegend bis zur Küste aufklären, und endlich fiel ihr noch die Aufgabe zu, die rückwärtigen Verbindungen des rechten Flügels unserer auf Paris vordringenden Armeen zu schützen.
Mit der Leitung der Operationen gegen Antwerpen wurde General Hans Hartwig v. B e feier beauftragt. Der aus dem Gardepionierbataillon hervorgegangene, damals vierundsechzigjährige General, Mitkämpfer von 1870 und zuletzt Generalinspekteur der Festungen, hatte die Einschließung Antwerpens, der als uneinnehmbar geltenden größten belgischen Festung mit modernsten Panzerbauten und einem waffenstarrenden Fortsgürtel, zielbewußt vorbereitet und von vornherein zu verhindern verstanden, daß die zu erwartenden Ausfälle der Antwerpener Besabung, die kriegsgeschult und tapfer war, ihr Ziel erreichten.
Wohl den ernstesten Versuch, Beselers Einschließungsarmee zu durchbrechen, unternahmen die Antwerpener Besatzungsregimenter in den Tagen vom 10. bis 13. September 1914, wo es zu schweren Kämpfen in der Gegend von Löwen und Aerschot kam. Auf belgischer' Seite führte der König s e l b st, in vorderster Linie in einem grauen Auto haltend. Allein das Feuer der deutschen Haubitzen und das Eingreifen der neugebildeten deutschen Matrosen-Jnfanteriedivision, im ganzen zwölf Bataillone, brachen den belgischen Widerstand und warten die Angreifer in die Festung zurück. Am 27. September setzten die Belgier ihren letzten Ausfall gegen Beselers Einschließungsring an. Die deutschen Truppen wollten bei Termonde den Ueberqang über die Schelde erzwingen. 70 000 Mann waren auf belgischer Seite angesetzt, diesen Uebergang zu verhindern. Zweimal wurden sie zurückqeschlagen; es nützte ihnen nichts, sich m der in Brand geschossenen Ortschaft Ordephem fest- zusetzen; ein Flankenangriff deutscher Unterstützungen warf sie auf Termond" zurück.
Am folgenden Tage eröffnete die Belagerungsartillerie gegen die Forts an der Süd- und Ostfront Antwerpens das Feuer. So feuerten gegen das Fort Waelksem vor allem die öfterreich-unga- rischen M o t o r b a t t e r i e n, - eine Kampfkraft von achtbarer Bedeutung, während unsere berübm- ten deutschen 42-Zentimeter-Mörser, die
Lüttich in Schutt gelegt hatten, die übrigen Forts zusammen mit den 21-Zentimeter-Mörsern unter Feuer nahmen.
Der deutsche Hauptschlag galt dem Netheabschnitt, also dem Süden und Südosten der eingeschlossenen Festung. Im Westen Antwerpens schien ein Angriff ausgeschlossen,denn hier floß die Schelde an derFestung vorbei; der Fluß war sehr breit, besaß 6 bis 12 Meter hohe Dämme und konnte durch umfangreiche Wasserstauungen zu einem uneinnehmbaren Hindernis ausgebaut werden. Von Tag zu Tag brachte der deutsche Heeresbericht die Wegnahme von wichtigen Forts durch die deutschen Truppen; die meisten mußten mit stürmender Hand genommen werden, einige von ihnen, von der Belagerungsartillerie zu Fetzen geschossen, wurden von den Verteidigern geräumt, ehe die Deutschen zum Sturme antraten. Im allgemeinen focht der Belgier in Antwerpen mit Bravour und Ausdauer. So kam der Aufforderung des Kommandanten des bereits übel zugedeckten Forts Waelhem, es mögen sich die am meisten erschöpften Soldaten zurückziehen, kein einziger belgischer Soldat nach.
Aehnlich sah es in den Forts an der Ostfront Antwerpens aus. Dort wurden die Forts Kessel und Broechem ebenfalls von den Motorbatterien sturmreif gemacht; die Beschießung des letzteren Forts wurde durch das Eingreifen eines Zeppelins unterstützt. Als im beschossenen Fort die Geschütze
men ließ. General v. B e s e l e r wolle bis zuletzt der Stadt ein Bombardement ersparen, allein die englische Verbohrtheit Hut sie gefordert.
Bis zum 9. Oktober dauerte diese Beschießung, der nur 26 Zivilpersonen in der Stadt Antwerpen zum Opfer fielen. Bereits am Nachmittag verließen der Kommandant und die Besatzung den Festungsbereich Der Weg nach Holland stand offen. Die U e b e r - gabeverhandlungen konnten daher nicht mit den militärischen Befehlshabern geführt werden, zu ihnen mußte der Bürgermeister herangezogen werden. Am 10. Oktober zogen die Deutschen ein. 20 000 belgische Soldaten und 2000 Engländer waren auf holländisches Gebiet übergetreten und ent- waffnet worden. Der Gebäude- und Materialschaden in der Stadt war verschwindend gering.
Zwölf Tage hatte die Belagerung Antwerpens gedauert; ihre Krönung war die Einnahme der als unbezwinglich gepriesenen Festung. General v. Bese l e r wurde mit dem Orden Pour le merite ausgezeichnet, sieben deutsche Fakultäten ernannten ihn zum Ehrendoktor. 'Der strategische Erfolg bestand in der Tatsache, daß der Rücken der vorstrebenden deutschen Fronten im Nordosten frei war und die Antwerpen belagernden Truppen neuen Kampfzwecken zugeführt werden konnten. Das war um so wichtiger, als in Flandern der Tod zu reiten und der Kampf um die Küste furchtbarste Blutopfer zu fordern begann.
Kleine Ursachen — große Wirkungen.
Winzigkeiten^ die unser Leben beherrschen.
Von Or. W. Hansen.
Früheren Zeiten galt es als ganz selbstverständlich, den Begriff des „Mächtigen" auch mit einer gewissen äußeren Größe zu verbinden — die moderne Wissenschaft aber hat erkannt, daß die Macht über alle Dinge der Erde keineswegs vom Größten, sondern vom Kleinsten, von kaum erkennbaren „Winzigkeiten" ausgeübt wird. Wir fürchten — mit Recht! — irgendeinen winzigen. Bazillus mehr als den wildesten Riesen des Tierreiches, wir wissen auch, daß in unserem eigenen Körper nicht die großen Organe die eigentlich entscheidende Rolle spielen, sondern jene rätselhaften Vitamine, Hormone und Fermente, die nur in winzigsten Mengen vorhanden sind und trotzdem alle Lebensoorgänge vollständig beherrschen.
Die winzigen Feinde des Menschen.
Die „großen" Feinde hat der Mensch besiegt — aber die kleinen Feinde blieben, und ihre Macht ist millionenmal größer als die des wildesten Tigers oder der gefährlichsten Giftschlange. Was bedeutet schon das Gift einer Kobra oder eines Skorpions im Vergleich etwa mit der kürzlich festgestellten Tatsache,' daß ein einziges Gramm Tetanus- t o x i n — das ist das Gift jener Bakterien, die den gefürchtsien Wundstarrkrampf Hervorrufen' — vollständig hinreichen würde, um viertausend Menschen oder über zehn Millionen Mäuse zu
töten! Alle Anstrengungen der modernen Wissenschaft können nicht verhindern, daß Tag für Tag ungezählte Menschenleben den unaufhörlichen Angriffen der zahllosen winzigen Krankheitserreger zum Opfer fallen. Auf diesem Gebiete steht der Mensch noch mitten im Kampfe mit seinen wirklich gefährlichen, den winzigen Feinden, und niemand weiß, ob er ihn je zu seinen Gunsten entscheiden wird. Aber wir brauchen uns keineswegs auf das unangenehme Kapitel der Bakterien zu beschränken, um die Macht des Kleinsten zu beweisen, auch der vollständig gesunde Mensch wird bis in die kleinsten Lebensäußerungen vollständig beherrscht von „Winzigkeiten", die zwar mengenmäßig im Körper überhaupt keine Rolle spielen, trotzdem aber die eigentlich entscheidenden „Herren" unseres Organismus sind.
Drei Tropfen Hefesast als Lebensretter.
Folgendes Experiment erregte vor einiger Zeit in der ganzen wissenschaftlichen Welt erhebliches Aufsehen: man hatte längere Zeit hindurch einige Tauben mit nahrhafter und völlig ausreichender Kost ernährt, ließ aber ein bestimmtes Vitamin weg. Sehr bald zeigten alle Versuchstiere die Symptome schwerster Erkrankung und schienen schließlich unmittelbar vor dem Tode zu stehen. Nunmehr gab man jeder Taube drei Tropfen Hefesaft — nach wenigen Stunden hatten sich die Tiere vollständig erholt, und am nächsten Tage waren alle Krank
heitserscheinungen verschwunden! Wir wissen heute recht genau über die in der Hefe und vielen anderen Substanzen enthaltenen Vitamine Bescheid; wir wissen, daß die beste Nahrung einen Menschen oder ein Tier töten oder schwer erkranken lassen kann, wenn ein paar Milligramm von jenen lebensnotwendigen Stoffen fehlen. Beispielsweise war Jahrhunderte hindurch völlig unbekannt, warum eigentlich so viele Chinesen und Japaner, die sich von geschältem Reis ernährten, plötzlich schwer erkrankten und oft genug zugrunde gingen. Schließlich stellte sich heraus, daß sie sofort geheilt werden konnten — sie brauchten nur den Reis ungeschält zu verzehren. In dem sogenannten Silberhäutchen der Reisschale ist nämlich das „Vitamin B" enthalten, das übrigens auch in der Hefe und der Weizenkleie vorkommt. Mehrere deutsche Forscher untersuchten die Wirkung dieser Substanz am eigenen Körper. Sie ernährten sich einige Wochen lang ohne dieses Vitamin — und erkrankten an schweren Nervenlähmungen. Dann nahmen sie täglich winzige Mengen des Vitamins zu sich und wurden sofort gesund. Genau so verhält es sich mit den anderen Vitaminen. Ein Mangel an Vitamin C, das besonders im frischen Gemüse vorkommt, erzeugt schwere Haut- und Zahnfleischblutungen: die Zähne werden locker, überall in den Körperorganen kommt es zu schweren Schädigungen, ein Krankheitsbild, das unter dem Namen Skorbut bekannt ist. Doch alle diese Schädigungen lassen sich durch ein paar Löffel Rüben- oder Zitronensaft, durch einige Tassen Kleienbrühe beseitigen. Heute ist es besonders dank der unermüdlichen Forschungsarbeit des deutschen Gelehrten und Nobelpreisträgers Professor Windaus gelungen, die meisten Vitamine chemisch aufzuklären und künstlich herzustellen. Man kann jetzt schwerkranke Rachitiker durch tägliche Zufuhr einiger Tropfen Vitamin D heilen und die Entstehung dieser Krankheit, der früher Hunderttausende und Millionen von Menschen zum Opfer fielen, verhindern. Nicht anders steht es mit zahlreichen ähnlichen Krankheiten, die in der letzten Zeit als „Avitaminosen", als Ditaminmangelkrank- heiten aufgeklärt und damit endgültig besiegt werden konnten.
Hormone und Fermente.
Was Hormone sind, braucht man keinem modernen Menschen mehr zu erklären — aber wissen Sie auch, in welch unvorstellbar geringer Menge diese Substanzen wirksam sind, die man als die „Kapellmeister" unseres Körpers bezeichnet hat? Seit das reine weibliche Hormon herstellbar ist, zeigte sich, daß die unvorstellbar geringe Menge von einem dreißigmillionstel Gramm genügt, um bei einer Maus eine bestimmte physiologische Wirkung heroorzurufen. Ein dreißigmillionstel Gramm — nun brauchen wir uns wirklich nicht mehr zu wundern, daß der gesamte Organismus eines Menschen vollständig in Unordnung gerät, wenn auch nur die geringste Störung in jenem ungeheuer komplizierten Geschehen eintritt, das mit Hilfe der Dutzende menschlicher Hormone und ihrer entscheidenden Wirkungen auf alle seelischen und körperlichen Vorgänge ununterbrochen im Organismus vor sich geht.
Den „Rekord" an Geringfügigkeit der Substanz im Verhältnis zur erzielten Wirkung halten allerdings nicht die Hormone, sondern die sogenannten Fermente, die „Lebenswecker" der Natur. Jede Zelle des menschlichen Organismus enthält eine Unzahl verschiedener Fermente, die oft in so minimalen Mengen vorhanden sind, daß es jahrelanger mühevoller Arbeit unserer besten Wissenschaftler bedurfte, bis man sie überhaupt „fassen" und ihre Eigenschaften einigermaßen aufklären konnte. Die Fermente sind winzige Substanzen, die alle Lebensprozesse in Gang bringen, sie anregen und be-
MM MM.
Vornan von Gert Rothbero
Urheberrechtsschutz: Fünf-Türme-Verlag, Halle (©.).
11 Fortsetzung. Nachdruck verboten!
Da lächelte die Frau! Aber sie sah unendlich lieb und mädchenhaft aus. Und Arndt von Berken streckte die Arme aus.
„Bleib, Mila Kranz!"
Am anderen Morgen lächelte er über seinen Traum. Lächelte darüber, weil er im Traum Mila Kranz so süß und liebreizend und jung, mit großen, unschuldigen Augen gesehen hatte.
Denn Mila Kranz war in Wirklichkeit ganz anders! Ihre Augen verschleierten dunkle Leidenschaften, er wußte es nur zu gut!
6. Kapitel.
In der Tiergartenvilla der schönen Berani war Lachen und Plaudern. Es ging sehr lebhaft und intim zu. Hier fühlte man sich immer sehr wohl. Es gab vorzügliche Weine, erstklassige Küche und eine liebenswürdige, bezaubernde Hausherrin.
„Wenn mal einer von den Herren »die Berani schimpfen hören könnte, dann dächte er wahrscheinlich ganz anders. Und wenn er es hinterher den anderen Herren zum besten geben würde, dann glaubte es ihm keiner."
Mißvergnügt saß die ältliche Martha Linar auf einem seidenen Hocker, lächelte zur Berani hinüber und zog dabei über sie her. .
Lena (Tonte, die hübsche Lustspielbarstellerm, jagte: „Die Berani ist ganz nett. Nervös ist sie. Aber sonst? Wen man eingeladen ist, muß man sie nicht schlecht machen." .. „ .
Und Lena wippte mit den hübschen Beinen.
Die Linar knurrte irgend etwas, aber Lena (Tonte lächelte.
Jetzt kamen neue Gäste. Prinz Reizenstein, Mila Kranz, Fritz Triesbach, der Sohn vom Großindustriellen, und die zwei Freunde Arndt von Berken und Udo von Bodenstein
„Wie eine Königin! Einfach fabelhaft sieht sie aus, und die Berani wird schon ganz gelb vor Neid. Warum hat die denn ihre Rivalin eigentlich eingeladen?"
Irgendeine Dame sagte es leise zu ihrem Kavalier. Der antwortete nicht, sondern musterte lächelnd die beiden schönen Rivalinnen, die sich doch immer wieder mal zusammen zeigten, um das Gerücht zu widerlegen, daß sie einand^.chaßten.
Die beiden Damen begrüßten einander sehr herzlich, und die meisten Gäste lächelten leise.
Dann blitzte es in den Augen der Berani auf. Sie reichte Arndt von Berken die ringgeschmückte Hand, über die er sich lächelnd beugte
Heute waren sehr viele Prominente da. Und I Arndt war heute zur Berani viel höflicher und ga-' lanter als sonst. Weil er plötzlich wußte, daß diese Frau einen Dornenweg hinter sich hatte. Daß sie aus kleinen Verhältnissen gekommen war, und daß sie nun wie eine Löwin um den Platz an der | Sonne kämpfte. Daß sie nicht wieder hinab wollte in das Dunkel einer kleinen, unbeachteten Existenz.
Mußte man einen Menschen nicht achten, der sich mit ungeheurer Energie in die Höhe kämpfte, auch wenn fein Weg durch dunkle Gassen und Wege führte?
Wenn er nur kein Verbrechen beging!
Dann war alles gut!
Dann durfte man ihm die Achtung nicht versagen. Und in den großen, schönen, dunklen Augen der Berani glomm ein leises, sehnsüchtiges Feuer. Und sie bereute es fast, die wunderschöne kleine Käthe Randolf hierher gebracht zu haben.
Aber — es war ja lächerlich! |
Die war doch nur ein Mittel zum Zweck. Die war nur hier, damit sich die Mila Kranz ein bißchen kränken sollte.
Eigentlich war es auch nur ein Streich, den sie der Rivalin spielen wollte.
„Meine Herrschaften, ich hab' hier zwei junge Damen! Nachwuchs beim Film. Fräulein Olga Schieber und Fräulein Käthe Randolf. Nehmen Sie sich der beiden kleinen Damen ein bißchen an, damit sie sich nicht langweilen."
Die Berani stand, an jeder Hand eines der beiden Mädchen, lächelnd mitten im großen gelben Salon, und ihre schillernde Figur in dem silber- i glitzernden Abendkleid sah wie eine Bajadere aus. I Atemlos blickten die Herren auf die schöne, hoch- gewachsene Frau, dann glitten die Blicke über Käthe Randolfs blonde, hinreißende Schönheit. Niemand beachtete Olga Schieber. Niemand. Und die hatte ein resigniertes Lächeln um den Mund.
Käthe Randolf aber wußte nicht, wohin sie blicken sollte. Und ihr einziger klarer Gedanke mar: Wären wir doch nicht hierher gekommen! Man will sich doch nur über uns lustig machen \
Sie wußte nicht, wie schön sie war, die kleine, unberührte Käthe. Und sie wagte noch immer nicht, sich umzusehen. -jr
Die Berani lachte laut und fröhlich. Sie hatte den entsetzten Blick Milas gesehen, mit dem die auf die junge, blonde Schönheit starrte.
Mila Kranz dachte: Sie sieht mir ähnlich, und sie ist jung, viel jünger als ich! Ich werde heute alt und verblüht wirken neben ihr. Und das hat die Berani bezweckt. .
Ihr Blick glitt zu Arndt von Berken, der starr auf das blonde Mädchen blickte
Und da kroch ein unsagbares Weh tn Mila Kranz 0"^,Vorbei der.letzte schöne Traum! Vorbei die letzte Hoffnung auf ein völlig neues Leben."
Und auf einmal kam ihr die Hoffnung, die sie gehegt, in sich getragen, völlig unhaltbar vor. Diesem Manne dort konnte man nichts verschweigen. Der hätte von seiner Frau völlige Offenheit verlangt, und die hätte sie niemals geben können.
War ihr Leben nicht ein tausendfaches gewesen bis heute? Wieviel Rollen hatte sie denn eigentlich spielen müssen? Und war diese Berani dort nicht zu beneiden, weil sie so ganz und gar in ihrem Beruf aufgehen konnte, ihre kleinen und großen Intrigen spann, sonst aber nichts für sich zu fürchten brauchte? Immerhin war ihr Leben keinen Deut anders als dasjenige vieler Berühmtheiten. Sie wollte festhalten, was sie sich erobert hatte, und würde das alles festhalten, solange es ihr nur irgend gelang. Das war das Leben der Berani!
Und man erzählte sich, daß sie aus kleinen Verhältnissen stamme. Das sie das ängstlich verdecke.
Was war weiter dabei? x
Das alles hätte ein Mann verzeihen können, wenn es auch nicht gerade Arndt von Berken fein würde. Der würde vielleicht ein junges Geschöpf heiraten, bas er formen und modeln konnte nach feinem Willen, das er für sich erzog! Zu einem großen, heiligen Glück! Aber immerhin gab es Männer genug, die sich glücklich schätzen würden, die Hand der Berani zu erringen!
Wie seltsam er auf die blonde, junge Schönheit sah. Seine Augen waren ganz zornig. Was war denn das? Kannte er vielleicht dieses Mädchen?
Mila Kranz ginn zur Berani hin, sagte lächelnd: „Aber liebste Kollegin, was haben mir denn da? Das ist jo allerliebst. Und das haben Sie uns so fange versteckt gehalten? Junger Nachwuchs? Wundervoll! Für jede von uns beiden also ein prachtvoller Ersatz Ick ziehe mich nämlich vom Film Zurück, und da trifft sich das ganz wunderbar, denn Fräulein — wie hieß sie doch gleich? Ja, Fräulein Randolf sieht mir ähnlich. Sie wird fabelhaft in meine Rollen passen."
Und Mila Kranz neigte sich zu Käthe Randolf und strich ihr das blonde Haar aus der Stirn. Dabei dachte sie: Wie kam die Berani auf diesen fürchterlichen Einfall, uns beiden heute das Urteil unseres Alters zu sprechen? Denn auch sie trifft es mit, und sie weiß das ja auch schon in diesem Augenblick.
Die Berani lachte laut und perlend. Es klang echt, dieses Lachen. Dazu war die Berani eben doch zu sehr große Schauspielerin, als daß ihr jetzt dieses perlende Lachen mißlungen wäre. Und dann sagte sie- „Oh. Jugend allein tut es doch nicht? Ein bißchen Kunst gehört schon dazu, und da müssen wir eben doch noch ein Weilchen dableiben, damit die Jugend lernen kann."
Und vielleicht war die Berani noch nie so bezaubernd gewesen wie in diesem Augenblick!
Die Herren küßten ihr die Hände, wandten sich bedauernd an Mila Kranz.
„Doch nur ein Scherz, gnädige Frau? Der Film darf Sie noch lange nicht verlieren."
„Er tut’s! Ich reife in meine Heimat!"
Man spitzte die Ohren. Würde die Kranz endlich verraten, was für eine Landsmännin sie eigentlich war?
Aber Mila Kranz lächelte, wandte sich an Käthe Randolf und sagte:
„Kommen Sie, wir plaudern ein bißchen!"
Und sie nahm Käthe mit sich hinüber in eine gemütliche Ecke.
Olga Schieber stand noch neben der Berani. Die sagte:
„Na, nun beteiligen Sie sich ein bißchen an dem Leben hier, liebes Fräulein Schieber!"
Und wandte sich dem Prinzen Reizenstein zu.
Udo von Bodenstein stand neben Arndt und fragte verdutzt:
„Nanu — was soll denn das eigentlich heißen? Was ist denn das heute für ’ne Palastrevolution? Da wird wohl noch ein dickes Ende Nachkommen?"
„Laß das! Sieh dir lieber mal recht genau die kleine Blonde an, die die Berani vorstellte."
Bodenstein sagte lächelnd:
„Ist bereits geschehen? Die Kleine ist reizend. Und hätte ich nicht seit gestern soliden Boden unter den Füßen, würde ich mich jetzt da heranpirschen."
„Du Schaf?"
, Nanu?"
Bodenstein sah fich verdutzt um. Was hatte da Arndt von Berken soeben gesagt?
Aber der stand gar nicht mehr neben ihm. her steuerte direkt auf die Ecke zu, wo Mila Kranz und die kleine blonde Schönheit saßen. Arndt von Berkan oerbeuate sich.
„Gibt es Geheimnisse, meine Damen? Oder darf man sich ein bißchen mit niederlassen? Möchten Sie mich vorstellen. liebe anübiae Frau?"
Groß, wuchtig, breitschultrig, bas markante Gesicht auf sie nieberoeneiat ftanb ber Mann vor Köche Rnnbolf. den sie nicht hafte vergessen können, ; dessen Stimme sie wieder hörte, an den sie immer und immer wieder gedacht hatte. Und nun war er hier?
Kannte er sie wieder?
Käthe war W blaß, und ihre Augen waren ges-wkt ^hre .Hände zitteren.
Sie iff’s allo bo*!. dachte er und er dachte an bas bünne Mäntelchen bas neben ihr im Abteil aphangen ha+te. (fr buchte an die hnhfichpn, plumpen Stiefel, bie sie noch vor wenigen Wochen aetragen, und fein Blick strich forschend über sie hinwen
Wozu ihr sagen, baß er sie erkannt hatte? Was ging ihn dieses kleine Möbel an, das da eine Karriere machte??
Sein Blick glitt über bas kostbare Kleid, über die feinen Schühchen — und in diesen Blick kam etwas Hartes!
(Fortsetzung folgt!)


