M. 238 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen)
Donnerstag, V. Oktober 1934
Der Gießener Herbst-Pferdemarkt
Aus der Provinzialhauptstadt
Wie wird das Urteil ausfallen? Die Preisrichter prüfen mit kritischem Blick.
Beim Pferdekauf — endlich handelseinig ... (Aufnahmen: Photo-Pfaff.)
Die Verteilung von Arbeitskräften.
Das Arbeitsamt Gießen teilt uns mit: Auf Grund der Anordnung über die Verteilung von Arbeitskräften vom 28. August 1934 sind grundsätzlich alle Betriebe und Verwaltungen verpflichtet, die altersmäßige Zusammensetzung sowohl für männliche als auch weibliche Arbeiter und Angestellte zu überprüfen. Betriebe und Verwaltungen mit über 20 Arbeitskräften, d. h. also solche Betriebe und Verwaltungen, die einen Vertrauensrat zu bilden haben, müssen bis zum 1. Oktober 1934 ihre Meldung an das zuständige Arbeitsamt auf Formblatt Ap. 1 abgeben. Eine Reihe von Betrieben ist dieser Aufforderung noch nicht nachgekommen. Es wird nochmals darauf hingewiesen, daß es sich nicht nur um industrielle Betriebe, sondern auch um Handels- und Handwerksbetriebe handelt. Eine weitere Aufforderung zur Einreichung des Prüfungsergebnisses' ergeht nicht mehr.
Erscheinung aber, daß der Laubfall, zwar kaum wahrnehmbar, unmittelbar mit der Sonnenwende beginnt, dürfte darauf zurückgehen, daß der Baum die Wipfelblütter, die infolge der sinkenden Lichtkraft der Sonne am schöpferischen Leben des Baumes nicht mehr mitarbeiten -können, als überflüssig abstößt. Dem Landmann gibt diese Feststellung übrigens nichts Neues; darum heißt es im Land der „Roten Erde":
„Sünte Vit (25. Juni) — dann ännert sich de Tid! Dann hewwen de Vögel bat Singen dan (getan). Dann fängt dat Lauf (Laub) to fallen an."
Mit dem Beginn des Oktobers, der die ersten kalten Nächte bringt und während dessen Verlauf die Sonnenstrahlung fühlbar schwächer wird, stellt der Wald seine aufbauende Arbeit ein, wie jeder im kleinen beobachten kann, der jetzt einen Kiefernoder Fichtenzweig im Wasserglas hält — das Fasergewebe des Holzes nimmt keine Feuchtigkeit mehr auf. Die Blätter, die als Atmungsorgane und für die Bereitung von Stärke und anderen Nährstoffen lebenswichtig waren, stellen nur noch Angriffsflächen für Rauhreif- und Eisbildung und deren schädliche Wirkungen dar; deshalb zieht der Baum den Lebenssaft aus den Blättern zurück und speichert ihn im Bildungsgewebe des Stammes auf. Dieses Schwinden der Nährstoffe, die Zerstörung des Blattgrüns, ist es, was uns das köstliche Farbenspiel des Herbstes beschert. Mannigfaltigkeit und Buntheit der Farben hängt ab von der Natur der Farbstoffe; Überwiegt der gelbe Farbstoff, wie bei der Birke, Rüster und Linde, so erscheint das Blatt goldgelb; bei der Eiche bildet sich nach Zersetzung des Blattgrüns ein tiefroter Farbstoff, ebenso beim Ahorn, der bei jungen Bäumen oft flammenartig leuchtet. Gesellen sich dem roten Farbstoff erdige Bstandteile zu, so entsteht das kräftige Tabakbraun der Buche in verschiedenen Farbenstufen bis zum lichten Goldbraun der Glockenbronze. Nur Schwarzerle und Esche werfen ihr Blätterkleid in frischem Grün ab.
Mit Beginn der Verfärbung bereitet der Baum die Trennung von seinen Blättern dadurch vor, daß er ein Trennungsgewebe von Korkzellen zum Verschluß der Blattstielnarbe bildet. Damit ist das Blatt vom Stoffkreislauf des Baumes abgeschnitten; es ist ein unbelebtes Gebilde geworden; beim ersten Herbststurm wirbelt es davon, bedeckt schichtweise den Boden und verwest und verrottet zu Nutz und Frommen der nächsten Vegetationsperiode. Es ist mit Sicherheit anzunehmen, daß das Abstößen der Überlebten Blattorgane notwendig ist, um die Laubbäume in ständiger Verjüngung das ihnen arteigene hohe Alter erreichen zu lassen, das bei Eichen und Kastanien die Jahrtausendgrenze überschreiten kann.
Der edelste Laubbaum unserer Breiten, die Eiche — in geringerem Grade auch die Rotbuche — hält ihren verwitterten Laubmantel fast immer bis zum
Aus dem Platz an der Rodheimer Straße fand gestern vormittag bei schönstem Wetter der Gießener Herb st - Pferdemarkt statt, der wieder zahlreiche Bauern nach Gießen führte. Der Auftrieb an Pferden mar diesmal allerdings nicht so stark, wie beim jüngsten Frühjahrsmarkt, dafür waren aber qualitativ sehr wertvolle Tiere zu sehen.
Mit dem Pferdemarkt war wieder eine Prämiierung verbunden zu der eine stattliche Anzahl Tiere vorgeführt wurde. Die Richter hatten ein schweres Amt. Erst gegen 13 Uhr konnte die Prämiierung abgeschlossen werden. Als Neuerung war diesmal die Vorführung von Zuchtgruppen in Ortssammlung en hinzugenommen worden Den Zuschauern, die den Vorführungsring in dichter Menge umlagerten, bot sich ein prächtiges Bild. Jeweils etwa acht Tiere der verschiedensten Schläge, von den leichten, gewandten Reitpferden, bis zu den schwersten Arbeitsschlägen, stürmten nebeneinander einige Male um den Ring. Hierbei fiel besonders die Gleichmäßigkeit der Tiere auf, durch die bewiesen wurde, daß die oberhessischen Züchter zielbewußt arbeiten. Jedem Pferdeliebhaber mußte bei diesem Anblick das Herz höher schlagen. Nachdem noch die prämiierten Tiere in Gruppen ScTe*PJam vorgeführt worden waren, fand die Prämiierung mit der Verteilung der Geldpreise ihren Abschluß.
Das äußere Bild des Pferdemarktes war wieder bestimmt' von regem Leben und Treiben Auf dem weiten Platz wurden die Pferde den Interessenten in allen Gangarten vorgeführt, mit fachmännischen Blicken und ebenso fachmännischen Griffen wurde der Zustand der Tiere geprüft, es gab eindringliche Fragen nach den Möglichkeiten der Verwendung des Tieres, ob es ein- und zweifpännig gehe, ob es „treu" oder „fromm" fei, ob es zugfest sei und vieles andere mehr
Eine Musikkapelle unterhielt mit schneidiger Musik. Händler, die allerlei Kleinkram verkauften, hatten ihre Stände aufgeschlagen Der Marktwirt hatte wieder sein Zelt errichtet, so daß auch für ein Glas Bier, für ein gutes Stück Fleifchwurst und das Rippchen mit Kraut gesorgt war In Verbindung mit dem Pferdemarkt herrschte auch auf Oswalds- garten reges Kommen und Gehen.
Das Ergebnis der Prämiierung
Zuchtpferde des „hessischen Kaltblutes".
Dreijährige Stuten: 1. Wagner Will). II., Kirch-Göns; 3. Haub Will). Ehr., Nieder - Weisel. (Material in dieser Klasse: gut.)
Zweijährige Stuten: 2. Schmidt Ferd.,
Laubfall.
Jetzt geht bas große Schweigen durch den herbstlichen Wald, das Laubholz glüht und leuchtet in brennenden Farben. Aber eine Oktobernacht, her ein frischer, herber Tag mit schweren Frühnebeln voranging, führt den ersten Frost herbei, ein silber- grauer Reif fällt auf die herbstliche Pracht. Da beginnt das sanfte, aber unaufhaltsame Sterben des Waldes, die bunten Blätter flattern zu Boden, die Herbststürme vollenden das Werk, und nach wenigen Wochen stehen Busch und Baum blattlos und kahl.
Der Laubfall, der als einfaches Naturgeschshen im Kreislauf von Werden und Vergehen erscheint, stellt tatsächlich die Summe einer ganzen Reihe verborgener Kräfte und Wirkungen dar, die alle mehr ober weniger an ben Sonnenkreislauf gebun- ben sind. Haben boch sorgfältige Beobachtungen unb Untersuchungen ergeben, baß ber Laubfall genau am 21. Juni, wenige Stunden nach bem Eintritt ber Sonnenwenbe, seinen Anfang nimmt. An diesem Tage lassen die Laubbäume — Esche und Schwarzerle, denen wir nochmals als pflanzenphysiologischen Sonderlingen begegnen werden, allein ausgenommen — das erste Blatt fallen, und zwar stets aus dem am dichtesten belaubten, dunkelsten Teil der Krone, wohin das Sonnenlicht nur schwer zu dringen vermag; und je rascher die Lichtzeit der Tage abnimmt, je mehr sich die Vegetationsperiode ihrem Ende nähert, desto stärker wird der Blätterfall, um im Oktober seinen Höhepunkt und mit dem November feinen Abschluß zu erreichen. Die merkwürdige
Oberer Hardthof; 3a. Gg. Walter, Tr.-Münzenberg; 3b. A. Strasheim, Griedel; Anerk.: E. Strasheim, Griedel.
In Oldenburg gezogen: 1b. Alb. Bopp, Griedel; 2a. O. Metzger I., Münzenberg; 2b.H. Rüb- ifamen, Alten-Buseck. 3a. G. Schmidt, Griedel; 3b. W. L. Langsdorf, Albach, 3a. K. Pfannmüller, Dorf- Gill; 3d. Fr. Schudt, Neumühle. (Material sehr gut.)
Familien: Stuten mit zwei oder mehreren Nachkommen: 1. K. BeckerV., Muschenheim; 2. Wilh. Sarnes, Dorf-Gill; 3a. E. Strasheim, Griedel; 3b. Gust. Schmidt, Griedel; 3c. Karl Burk, Treis-Münzenberg; 3d. R. Koch, Treis- Münzenderg; 3e. G. H. Bender, Dorf-Gill; 3k. Karl Rühl, Eberstadt. (Material gut bis sehr gut.)
Züchtervereins- bzw. Ortssammlung:
1. Preis und Diplom: Pferdezuchtsammlung Griedel; Trais-Münzenberg; 2. Pr. und Diplom: Dorf- Gill; Griedel. •
Birklar; 3. Krausgrill Konr., Nieder-Weisel. (Material: gut.)
Stuten mit Fohlen bei Fuß: 1. Dreut Heinrich II., Griedel; Wild Jean, Rockenberg; 2. Wagner W. II., Kirch-Göns. (Material: gut.)
Vier- bis achtjährige Stammbuch- ftuten (nachweisbar gedeckt): 1. Bill Ambros., Nieder-Weisel; Dreut Hrch. II., Griedel, Häuser Louis, Nieder-Weisel; 2. Krausgrill Gg. Phil., Nieder-Weisel; Maas Wenz. Wwe., Nieder-Weisel; Ohly Wilhelm, Nieder-Weisel; Rühl Georg, Langsdorf; 3. Bausch Emil, Langsdorf; Hildebrand Joh. Hrch., Nieder-Weisel; Anerkennung: Haub W. Ehr., Nieder-Weisel; Wagner Wilh. II., Kirch-Göns. (Material: sehr gut.)
Familien st Uten mit zwei oder mehreren Nachkommen: 1. Dreut Hrch. II., Griedel; 2. Wagner W. II., Kirch-Göns. (Material: gut.)
Züchtervereins- bzw. Ortssammlung: 1. und Diplom: Pferdezuchtvereinigung Nieder- Weisel (Will). Ehr. Haub)
Zuchtpferde des hessischen Warmbluts.
Reitpferde: 1. Eugen Dietz, Griedel; 2. Fritz Schudt, Neumühle; 3. O. Metzger I., Münzenberg; 4 K. Pfannmüller, Dorf-Gill, 5. W. Konr. Faber, Leihgestern; Walter Weber, Ober-Hörgern und H Rübsamen, Alten-Buseck. Material gut.
Dreijährige Stuten: 1. H. Ld. Dreut, Griedel. 2. Albert Bopp, Griedel; 3a. O. Metzger I., Münzenberg; 3b. H. Rübsamen, Alten-Buseck; 3c. Hch. K. Strasheim und W. Strasheim, beide aus Griedel. Medaille. Material sehr gut.
Zweijährige Stuten: 1. Hch. Görlach, Ober-Hörgern; 2. G. Schmidt, Griedel; 3a. Karl Burk, Treis-Münzenberg; 3b W. Konr. Jung, Lang- Göns; 3c. Hch. Hannah Kirch-Göns; Anerkennung: G. H. Bender, Dorf-Gill und K Bopf II, Lang- Göns. (Material sehr gut.)
Stuten mit Fohlen bei Fuß: 1. K. Becker V., Muschenheim; 2. O. W. H. Walter, Treis- Münzenberg. 3a. Eugen Dietz, Griedel. 3b. Ernst Seipp, Birklar; 3c. O. W. Velten, Lang-Göns; 3d. G H. Bender, Dorf-Gill; 3e. E. Strasheim, Griedel; 3k. Wilh. Sarnes, Dorf-Gill; 3g. W. Knopper, Dorf-Gill; Anerk.: K. Burk, Rud. Koch, beide Treis- Münzenberg. Karl Rühl, Eberstadt. (Material sehr gut.)
Vier- bis achtjährige Stammbuchstuten, in Hessen gezogen: 1. Walter Weber, Ober-Hörgern, zwei 1. Preise; 2. Hch. Seipp, Tr.-Münzenberg und Universitäts-Tierzucht-Jnstitut,
Oie Orßdprüfung.
Von Georg von der Dring.
Was du tust, das tue ganz. Was du nicht ganz tun kannst, das unterlasse. So hätte id) damals gern das Orgelspiel unterlassen . .
Ich besuchte ein Seminar, und zwar dessen letzte Klasse. Die Schlußprüfung rückte heran. Auch im Drgelfpiel hatte eine Prüfung stattzufinden. Ich gehörte zu den fed)ften, die nicht nur einen Choral uni) ein Vorspiel auslosen mußten, sondern als besondere Leistung eine Fuge von Bach spielen sollten.
Nun, eine Fuge oder eine Toccata spielen ist etwas anderes als einen Choral. Einer war unter uns sechsen, ein wahrer Künstler, dem ich es zu- traute, daß er eine Fuge halbwegs zu Bachs Zufriedenheit hätte spielen können. Wir anderen fünf brachten das nicht zuwege. Vor den Ohren Johann Sebastian Bachs mußte unsre Bemühung, um mit einem Schülerausdruck zu sprechen, „Bruch" werden. Wir fünf einigten uns und teilten unsre Bedenken dem Musiklehrer mit. Dieser, ein grober Klotz, hätte uns am liebsten geohrfeigt. Seine Abficht war nämlich, mit unsrer Fugenspielerei vor ber Prüfungskommission zu glänzen. Johann Se- tiaftian Bach war ihm dabei egal.
Uns fünfen war er nicht egal. Wir gingen zunz Direktor und trugen ihm unsere Bedenken vor. Uuch er argwöhnte, daß wir keine Lust zum Ueben hätten. Er' erklärte befremdet: Ich ermahne Sie, beißig zu sein! und entließ uns.
Also sollte es dabei bleiben. Uebrigens hatte ich ^en größten Teil meiner Fuge — mir war die Toccata Ö-Moll zugeteilt worden — schon eingeübt. Nun gibt es im zweiten Teil dieser Toccata, das wird mir jeder Bachspieler bestätigen, recht schwere Läuse mit Händen und Füßen — wunderbare Musik, natürlich!
Ich kam jetzt wirklich in eine gefährliche Lage. . Es ist nämlich so mit mir: Wenn ich etwas nicht i will, so will ich es nicht, es ist mir einfach nicht möglich, es zu wollen. Solche Menschen haben es bricht leicht. Wenn sie Bach nicht beleidigen wallen, jjj tun sie es auch nicht.
Da kam mir etwas zu Hilfe. Als ob Bach selber nir beigestanden hätte, oder ein Engel ... Ich fnnnte damals ein Mädchen, ein kleines Fräulein rzm 16 Jahren. Eines Tages kam ihr Bruder, der nein Klassenkamerad war, und brachte mir ein Zettelchen von ihrer Hand, mit dem ich eingeladen tuurbe, sie an diesem Kbehu zu besuchen, und zwar: iic ihrer Wohnung. Das war noch nie geschehen, vir hatten uns immer nur auf der Straße getrof- sm. Ich erinnere tnük bnfe mir uns ein paar Tage
ich den Erdboden erreichte stieß ich auf die breite
tige Fensterbank. Der
und unangenehm scharfkai
Vorhang fiel mit leisem Scsiag hinter mir nieder.
Der Gang war dunkel,
sollte Ferdinand, der Bruder, mich mitnehmen.
Der Unterricht endete an diesem Tage um 18 Uhr. Arbeit von 8 bis 18 Uhr, dazu für den Abend noch Hausarbeit — mit dieser Ueberbürbung hat man uns unsere Jugend verdorben. Eigentlich hätte ich von 18 bis 19 Uhr noch meine Toccata üben müssen, aber man wird mich verstehen, wenn ich für diesmal einen Besuch bei meiner Freundin weit schöner fand als die ohnehin unsterbliche Toccata O-Moll, die ich überdies nicht zu bewältigen fürchtete.
Wir kamen zum Haus. Es war ein feuchter Abend im Spätherbst, auf den Wegen lagen die großen Blätter. Ferdinand hieß mich auf und ab gehen und trat ins Haus, um „die Lage zu peilen". Es dauerte ziemlich lange. Ich weiß noch, daß ich am ganzen Leib zitterte — nicht vor Kälte, denn ich war im Mantel und außerdem neunzehn Jahre alt — nein, ich zitterte vor Liebe. Hätten das diese kleinen Mädchen damals gewußt, dann würden sie vielleicht etwas von mir begriffen haben Sv aber redeten sie von heiraten ...
Als Ferdinand zurückkam, nahm er mich am Aermel und führte mich durch den Vorgarten zur Tür. Wir betraten das Erdgeschoß, durchschritten die finstere Waschküche und gelangten in einen erleuchteten Raum, in dem meine Liebste Wäsche bügelte. Ihre Wangen leuchteten von der hitzigen Arbeit, vielleicht auch vor Freude. Sie gab mir die Hand und sagte:
„Hoher Besuch?"
Alsdann bügelte sie weiter. Ferdinand setzte sich an den Tisch und begann zu arbeiten: Religionsgeschichte. Er hielt sich die Finger auf die Ohren, lieber seinem Kopfe hingen an der Wand mehrere Farbdrucke nach Hans Thoma, lauter Landschaften mit Ziegen . . Plötzlich schien er sich anderst besonnen zu haben. Er sprang auf und Jagte:
„Ich muß euch für einen Augenblick allein lassen. D u setzt dich derweil dahin, und d u setzt dich dahin." Er deutete auf zwei Stühle, zwischen denen der Tisch mit der Bügelwäsche stand und fügte noch hinzu: „Wenn ich mit der Tür klingle, verschwindet e r durchs Fenster. Verstanden?"
Wir nickten. „Er", das war ich.
Ferdinand verließ uns. Kaum hatte er die Tür hinter sich geschlossen, so stieß meine Freundin einen Freudenruf aus. Sie setzte das Bügeleisen ins Drahtgestell, sprang mir auf den Schoß und atmete mich mit ihrer Brust an. Ich hielt sie fest. Sie flüsterte gegen mein Ohr: ,Hch bin dir ja gar nicht böse, du!" , , , ... ,,
„Ich dir auch nicht", flüsterte ich halb betäubt.
Gleich daraus, als mir uns schon küßten, erklang
er schien zum Nachbarhaus zu gehören. Um auf die Straße zu gelangen, mußte ich durch den fremden Vorgarten. Lieber mir am Nachbarhaus glomm ein grün und rot überklebtes Korridorfenster. Dahinter bewegten sich Schatten. Wenn man mich hier fände! Für mich roär’s gleichgültig, aber für sie nicht! Vorsichtig hob ich den Vorhang und spähte in die Stube. Aber sie war jetzt leer. Sollte ich wieder hineinklettern und auf Ferdinand warten? Plötzlich durchschritt ich den grell erleuchteten Vorgarten und verschwand.
Seidige Dämmerung des Oktobertages, und das Herz ist glücklich. Kinder lärmten auf den Straßen, und die langsamen Sandwagen fuhren mit schwankenden Laternen zwischen den Rädern. Ich ging nach Hause und — hinkte. Das Wunderbare stand fest: Wir waren einander nicht böse! Mochte eine Sehne gerissen sein, das spielte keine Rolle.
Ich hinkte zwei Tage unter zunehmenden Schmerzen. Geradezu unerträglich wurden sie, wenn ich auf der Orgelbank faß und mit den Füßen die Läufe der Toccata übte. Es war eine Quetschung am Oberschenkel. Ich war auf eine ganz besonders scharfkantige Fensterbank gefallen.
Am dritten Tage mußte ich mich bei meinem Musiklehrer krankmelden. Die Ursache der Quetschung konnte ich ihm natürlich nicht mitteilen, denn wir lebten in einem Seminar und nicht unter Freunden. Er knurrte mich an, denn „Orgelspiel war Drgelfpiel, und keine Gefälligkeit".
Als nun aber drei Wochen verstrichen waren, ohne daß ich mich wieder auf die Orgelbank gesetzt hätte, ergriff meinen Lehrer die Wut. Er schickte mich zum Seminararzt. Dieser war ein menschenfreundlicher Mann, er knetete so lange an meinem Bein herum, bis ich „au" sagte und stellte alsdann eine schmerzhafte Narbenbildung fest. Nach diesem Bescheid machte die Heilung nur noch sehr langsame Fortschritte.
Die unsterbliche Toccata v-Moll blieb ungespielt, und Johann Sebastian Bach wurde von mir nicht beleidigt, weil ich die Orgelprüfung nur mit einfachen Chorälen bestritt.
Was mir nicht möglich gewesen märe, zu tun — ich hatte es gar nicht zu tun brauchen. Möge uns alle allezeit unser guter Stern davor bewahren.
Hier war ein Gang. Drüven stand eine Laterne, dort mußte die Straße sein. Der Gang war dunkel.
vorher gestritten hatten — vielleicht war das der! die Türglocke. Das Warnungszeichen! Die Freun- Grund für die Einladung. Nach dem Unterricht din sprang auf, eilte ans Fenster und hob denVor- ~ ~ ..... hang. Ich stieg auf den Tisch, raffte meinen Man
tel und sprang in die Finsternis hinunter. Bevor
»Was Ihr wollt" im Winterspielplan.
Die sommerliche Aufführung im Garten des Stadthauses — wir haben sie im Juli bereits ausführlich besprochen — ist in den Winterspielplan übernommen worden und ins Bühnenhaus über- gesiedelt Die improvisatorisch ausgenutzte natürliche Kulisse der Parkszenerie hat sich unter der Hand des Bühnenbildners Löffler gewandelt, hat festeren Umriß, strengere räumliche Gliederung erhalten und bewahrt doch die unwirklich heitere Stimmung, deren dieses Lustspiel bedarf. Die Inszenierung des Intendanten König ist in ihren Grundlinien unverändert geblieben, nur sind im Ensemble einige der inzwischen ausgeschiedenen Darsteller durch neue Kräfte ersetzt worden. Als Olivia sah man (an Stelle von Frl. Flemming) gestern Luise Decker: erstaunliche Verwandlung von der oldenburgischen Bauernmagd im „Krach um Jolanthe" zur großen Dame im Märchenreich Illyrien; sie faßte die Rolle ein wenig naiver und minder kokett als ihre Vorgängerin, bewahrte Haltung bis zuletzt und sprach sicher und wohlgegliedert ihre anmutigen Verse. Den Narren in ihrem Dienst machte diesmal Karl Ludwig Lindt: eine schwierige Rolle, die lieber» sicht und Beherrschung verlangt; hier lag sie etwa in der Mitte zwischen den närrischen Junkern und Malvolio, im ganzen mehr auf den leicht melancholischen Ton als auf ausgelassene Unbeschwertheit gestimmt. Heini Göbel endlich in einer kleinen Szene als jugendlich munterer Kavalier Valentin am Hofe des Herzogs. Die Aufführung fand auch in der zweiten Fassung ein freundliches und dankbares Publikum. hth.
öodifdnilnacbricbten.
Professor Dr. Jens Jessen an der Universität Kiel ist zum Ordinarius für wirtschaftliche Staats- wifsenschaften an der Universität Marburg ernannt worden.
Der Privatdozent Dr. Günther Franz von ber Universität Marburg ist mit der Vertretung des Lehrstuhls für neuere Geschichte an der Universität Rostock beauftragt worden.
Professor Dr. von Brunn von der Universität Rostock erhielt einen Ruf auf den ordentlichen Lehrstuhl für Geschichte der Medizin und der Naturwissenschaften an der Universität Leipzig.
Dipl.-Jng. Dr. Hermann Fink, Privatdozent für Chemie an der Technischen Hochschule in München, hat einen Ruf als o. Professor an die Landwirtschaftliche Hochschule in Berlin angenommen und ist aus dem bayerischen Hochschuldienst entlassen worden.


