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184. Jahrgang
Gietzener Anzeiger
General-Anzeiger für Oberhesfen
Ur- 258 Erster Blatt 784- Jahrgang Donnerstag, H. Oktober 7934
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üronifurt am iiiair. 11686 vruck uttbVerlag: vrSht'sche Univerfitäts-Vuch- und Steinbruderei «.Lange in Gießen. Schriftleitung und Geschäftsstelle: Schulstrahe 7 M^n^nabsch-Üsi^swff^m
Die Bluttat von Marseille.
Noch keine Klarheit über die Person des Königsmörders. — Ungenügende Sicherung des Staatsbesuchs.
Die Aufbahrung des Königs in der Polizeipräfektur von Marseille, in der er — ohne da» Bewutztjeilr wiedererlangt zu haben — serfchied. — (Funkbilds
Wenige Minuten vor dem Attentat: Außenminister Barthou begrüßt König Alexander bei seiner Ankunft in Marseille. — (Funkbild.)
Königs Alexander von Südslawien st um so stärker und herzlicher, als Europa in ihm - »inen Staatsführer befaß, der nicht nur menschlich, -andern auch politisch die hervorragendsten Eigen- ! -chaften eines Mannes in sich vereinigte. In drei Ebenen vollzog sich das segensreiche Wirken des südslawischen Herrschers: er war der Einiger seines Vaterlandes, er war der Verteidiger der Freiheit »er Balkanvölker und er war darüber hinaus noch in Förderer der großen europäischen Völkergemein- »chaft. Auf allen drei Gebieten seiner politischen Betätigung hatte er große Erfolge, denn er gründete sein Werk zugleich auf die Sehnsucht nach einem t chten Frieden und auf die heiße Liebe zu seinem eigenen Volke. Das machte seine Größe aus, vor b er sich jetzt nicht nur die drei Stammvölker Süd- Äawiens, sondern auch die übrigen Völker der Erde beugen.
Deutschland, das mit dem südslawischen Staat stets in guten Beziehungen gestanden hat, bringt der tiefen Trauer des südslawischen Volkes b esonderes Verständnis entgegen. Die starken wirtschaftlichen und kulturellen Bande, die uns mit
Interesse hatten. Wir dürfen aber die Feststellung
Ziele, die Freiheit des eigenen Volkes und der all-
Deretntgen
thous verkörperte. Wird Frankreich die Gelegenheit
Hal die französische Polizei versagt?
dem Leben des südslawischen Volkes verknüpfen, haben uns auch mit dem großen inneren Aufbauwerk des verstorbenen Königs bekanntgemacht. Wir konnten den ehrlichen Bestrebungen Alexanders I. unsere Anerkennung umsoweniger versagen, als wir an den politischen Entwicklungen und Verwicklungen des Balkans keinen Anteil und daher kein direktes
kann und wird.
Es erhebt sich auch die Frage, welchen Weg d i e
tur gewidmet. Ganz nahe der Natur als Jäger in den Bergen feiner Heimat suchte und fand er seine Erholung. Der Erziehung seiner Söhne widmete er gemeinsam mit der Königin Maria die größte Sorgfalt. Sein vorzeitiger tragischer Tod wirkt um so erschütternder, wenn man weiß, wie vorbildlich das Leben innerhalb der königlichen Familie für ein Volk war, in dem der patriarchalische Zusammenschluß der Familie noch heute in so hohem Ansehen steht.
Unser innigstes Mitgefühl muß sich daher der schwer geprüften Königin Maria zuwenden, die sich nun in der Aufgabe der Erziehung ihrer Söhne, und insbesondere des elfjährigen Kronprinzen Peter, plötzlich der besten Stütze beraubt sieht. Ihre Liebe zu den Kinder ist sprichwörtlich in Jugoslawien, und diese Liebe wird ihr die Kraft geben, durch ihre mütterliche Sorge die durch den Tod des Vaters gerissene Lücke nach Möglichkeit auszufüllen. Die ungewöhnliche Begabung und ausgezeichnete charakterliche Veranlagung des Kronprinzen lassen erhoffen, daß das Vorbild des Vaters und die Sorge der Mutter zum Segen des jugoslawischen Volkes einst reife Früchte tragen werde.
i sind. Dazu bedarf es allerdings der Ueberroinbung I des großen Irrtums, der sich in der Person Bar
fallen ist. Das französische Volk kann gewiß sein, daß wir bei aller Kritik an den veralteten diplomatischen Methoden Barthous doch die tiefe Trauer verstehen, die das Gemüt jedes nationaldenkenden Franzosen ergriffen haben mag. Denn wenn auch Louis Barthou wegen feiner Feindschaft gegenüber Deutschland ganz Europa in Unruhe gebracht hat,
schwörer der ganzen Welt ober gar der Schauplatz ihrer Tätigkeit sein. Auch in einem Teil ber französischen Presse werben bie Angriffe gegen bie Sicherheitspolizei seit ben Vorfällen von Marseille immer heftiger.
„£e 3out“ gibt die Aeußerung eines ungenannten Gewährsmannes wieder, der die russischen, bulgarischen und mazedonischen kreise in Paris genau kenne. Dieser Gewährsmann behauptet, er habe vor einigen Tagen die Mitteilung von einer beabsichtigten Ermordung des Königs Alexander in Paris erhalten. Außerdem fei ihm zugetragen worden, daß demnächst eine hochstehende
Berlin, 10. Oft. (DNB.) Ein Vertreter des Deutschen Nachrichtenbüros hatte Gelegenheit, m i t dem deutschen Gesandten in Belgrad, ber sich zu bienstlichen Besprechungen in Berlin aufhält, über bie furchtbare Bluttat zu sprechen, welcher König Alexander von Sübslawien zum Opfer gefallen ist. Gesandter von Heeren erklärte:
Ich habe feit meinem Amtsantritt in Belgrab vor einem Jahre mehrfach Gelegenheit gehabt, mit Seiner Majestät bem König Alexanber in Gesprächen über politische linb anbere Dinge auch menschlich näherzutreten, und bin von Anfang an unter dem stärksten Eindruck dieser großen Führer- persönlichkeit gestanden. Der Ern st und die Hingabe, mit denen der König sich seinen Aufgaben stets gewidmet hat, sind ja ebenso bekannt wie seine von glühender Vaterlandsliebe getragene Entschlußkraft und Charakter st ärke. Aber weniger bekannt ist es vielleicht, daß dieser Herrscher, der seit jungen Jahren die Last einer ungeheuren Verantwortung auf seinen Schultern trug, im persönlichen Verkehr von gewinnend st er Einfachheit und Natürlichkeit geblieben war. Seine spärliche freie Zeit war ganz feiner Familie und seiner Freude an der N a -
Europas" zu sein, zum großen Teil verloren hat. I gemeine Völkerfriede, sehr wohl r---: : 3 - -
Die Zukunft wird lehren, ob die Mission des toten lassen und auf einem geraden Wege zu erreichen Königs von feinen Nachfolgern fortgeführt werden ri**x —
War die Absicht eines Attentats in Paris bekannt? - Hat Barthou nicht rechtzeitig Hilfe erhalten?
französische Außenpolitik einschlagen ergreifen, um nun das große Werk des Frie- wird, nachdem ihr bisheriger Leiter, Louis B a r -! d e n s zu beginnen, für das eine ehrliche deutfch- thvu, den Kugeln des Verbrechers zum Opfer ge- j französische Aussöhnung die erste Voraussetzung ist?
.......v,|v *uu vmi।vd «vn 1 fo glaubte er doch, dieses um seines Volkes treffen, daß es nicht zum wenigsten der Tatkraft I w i l l e n tun zu müssen. Die Beispiele moderner
des verstorbenen Königs zu danken ist, wenn der * Staatsmänner aber zeigen deutschlich, daß sich beide
Balkan heute seinen schlechten Ruf, die „Brandfackel ' Ziele, die Freiheit des eigenen Volkes und der all-
Schwere Beschuldigungen.
Presse und Frontkämpferverbände fordern gründliche Säuberung.
Paris, 11. Oft. (DNB. Funkspruch.) Der N a - tionaloerbanb ehemaliger Frontkämpfer (UNC.) veröffentlicht angesichts des Anschlages von Marseille einen Aufruf, in dem er seinen Schmerz und feinen Zorn zum Ausdruck bringt über die Fehler derer, die es nicht verstanden hätten, für den Schutz eines hohen Gastes zu sorgen. Frankreich, das traditionelle Land der Gastfreundschaft, dürfe nicht zum Zufluchtsort der Der-
Die Persönlichkeit König Alexanders
Ein Gespräch mit dem deutschen Gesandten in Belgrad.
Der Mörder hat sich auf das Trittbrett des Autos geschwungen und feuert auf den König und den neben ihm sitzenden Außenminister Barthou. — (Funkbilds
Die Tat von Marseille ist von der gesamten Weltmeinung als ein politisches Verbrechen gekennzeichnet und verurteilt worden. Dabei steht die menschliche Anteilnahme an den Opfern des ruchlosen Anschlages durchaus im Vordergrund. Die politische Sensationshascherei hat hier nichts zu suchen. Die Frage nach den Beweggründen des Mörders, für den sich keine Stimme der Entschuldigung erhoben hat, tritt zurück hinter dem Gefühl des Mitleids, das uns alle angesichts des tragischen Endes der beiden Staatsmänner ergriffen hat. Die Anteilnahme an dem Hinscheiden des
Der elfjährige König Peter II.
de la Rocque dann wie folgt zusammen: Unzureichende Autorität, beständige Einmischung von Politikern in die Polizeiaufgaben, Verstopfung des Dienstbetriebes infolge mangelhafter Zielsetzung. Die Sicherheitspolizei sei mit Personen ohne moralischen Halt, von wahren Gangsters durchsetzt. De la Rocque verlangt die Auflösung der Kommunistischen Partei und das Verbot aller Kundgebungen, die nicht unter der Trikolore stattfinden, sowie eine Reform der Sicherheitspolizei, bei der eine endgültige Trennung zwischen Polizeiaufgaben und Poc^ vorgenommen werden müsse.
„Le 3our“ beschwörl den Ministerpräsidenten Doumergue, die Säuberungsaktion großen Stils unverzüglich vorzunehmen. Das Blatt berichtet mit Entrüstung, daß Barthou mit seiner Armwunde zu retten gewesen wäre, wenn seine leichte Verwundung rechtzeitig beim nächsten Apotheker abgebunden worden wäre. Nach dem Anschlag sei aber Barthou mit seinem blutenden Arm allein aus dem Kraftwagen ge st Legen, ohne daß eine
französische militärische Persönlichkeit „an die Reihe kommen" würde.
Der Führer der „Feuerkreuzler", der Oberst de la Rocque, weist auf den ideologischen Z u - ^sarnrnenhang der Morde auf den Präsidenten Dourner, König Alexander und Barthou mit den Kommuni st en und Marxisten hin. Er kenne sogar enge Beziehungen, die bis zur D r i t- fen Internationale in Moskau reichten. Die Kritik an der französischen Polizei faßt


