184. Jahrgang
Gießener Anzeiger
General-Anzeiger für Oberhessen
Kr. 212 Erstes Blatt_____ 184. Jahrgang Dienstag, 11. September 1934
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Der Tag der Wehrmacht.
Eindrucksvolle Vorführungen aller Waffengattungen der Reichswehr.
Nürnb erg, 10. Sept. (DNB.) Der letzte Tag Les Parteitages, der der erstmalig teilnehmenden Wehrmacht eingeräumt mar, reihte sich den vorhergehenden großen Tagen würdig an. Es waren mindestens eine Viertelmillion Zuschauer, die den Vorführungen beiwohnten, die am Vormittag vor !,em Reichswehrminister, Generaloberst v. Blomberg, am Nachmittag vor dem Führer von- tatten gingen, auf der Ehrentribüne bemerkte man iie Reichs- und Staatsminister, die Staatssekretäre, ust alle höheren Partei-, SA.- und SS.-Führer, Has diplomatische Korps, darunter auch verschiedene Militärattaches, die alten Parteigenossen, die An- >rhörigen der im Kampf für Deutschlands Wieder- Lburt Gefallenen, die Generalität der Reichswehr und der Landespolizei, sowie die Admiralität der ^eichsmarine.
Vorpostengefechte.
Den Beginn machte eine kriegsstarke Eskadron ’i drei Zügen mit Maschinengewehren und einem Ächten Minenwerfer - Zug des 18. Reiter- iLgiments Stuttgart - Cann ft att. Als Gefechtsübung zeigte die Eskadron einen Vormarsch nit Spähtrupps, Sicherungen und ein Vorpostensecht, in das schließlich auch die Maschinengewehre inb der leichte Minenwerfer-Zug eingriffen, wähl'nd der zweite Zug der Eskadron den Gegner von Irr Flanke aufrollte. Die 7. N a ch r i ch t e n a b - trilung baute sehr anschaulich das Nachrichten- itz zwischen dem Bataillons- und Regimentsge- s'chtsstand. Auch das dritte Bataillon des in Nürn- tirg beheimateten 7. Artillerieregiments ; igte einen Vormarsch im Abteilungsverbande. Die Batterien gingen in Feuerstellung und zeigten un- It der Annahme, daß die von der Artillerie untersetzte Infanterie an Boden gewann, den dauern- i-n Stellungswechsel der verschiedenen Batterien.
Anter ohrenbetäubendem Motorengeknatter brauste hnn ein Kraftschützenzug im mörderischen Irmpo in das Feld. Die Schützen warfen sich aus vlller Fahrt in die Jnsanterielinie und eröffneten fr.ort das Feuer mit leichten Maschinengewehren, r ihrend die Fahrzeuge sich schnellstens in Deckung b(gaben. Unter dem Schutze einer Nebelwand braus'n sie dann wieder an, nahmen die Schützen wie- t:r auf und waren in wenigen Sekunden ver- stwunden. Ein MG. - Kraftwagen - Zug shr mit dem gleichen Tempo auf; mit einem Gärung saßen die Fahrer und Schützen auf und c f einen Schlag knallten die Türen der Fahrzeuge z Ein packendes Bild bot auch die Anlage 11 n Tanksperren und Keller-Minen, os die die gegnerischen Kampfwagen durch Anlage rm Schnell-Hindernissen gelenkt wurden.
Ein moderner Großkampf.
3)er Schlager der Vorführung war das Gefecht p rbundener Waffen, für das erst einmal i ji Zeppelin-Wiese in eine dörfliche Landschaft ver- ; v? adelt wurde. Unter schallender Heiterkeit schufen ' honierabteilungen im Handumdrehen eine bäum» icrtanbene Straße, ein Gehölz, ein großes mit Garic i bestandenes Kornfeld, zwei das Gelände be- ikirfchende Hügel und sogar ein mit Vorgarten ver- j?! en es Gehöft, das im Laufe der Kampfhandlung igtz umstritten werden sollte. Die „Rote P a r - Id" hatte sich in diesem Gehöft verschanzt und B rpoften in das Feld und in das Gehölz gelegt, ochrend die Artillerie in den rückwärtigen Linien b Stellung gegangen war. Die angreifende .Haue Partei" hatte zunächst unter beträcht- icjcn Verlusten zu leiden. Der das Terrain fon- Ürenbe Kampfwagen geriet auf eine Kellermine, ij< ihn unter beträchtlicher Flammen-, Rauch- unb ? trjllentroirflung außer Gefecht fetzte. Eine Reiter- scrrouille würbe mit wohlgezieltem Gewehrfeuer n^fangen, sie konnte aber im Gehölz Deckung fin- k' unb einen Melbereiter zu ben nachfolgenden fc-mationen schicken, bie burch bie Funkabteilun
gen sofort bas Artilleriefeuer auf bie Stelle lenkten, wo ber Gegner erkannt war. Sturmtrupps ber Infanterie schoben sich in bas Gefechtsfeld, aber sie hatten bei ihrem sprungweisen Vorgehen beträchtliche Verluste unb auch bie nachgeschobenen leichten unb schweren MG.-Züge unb Minenwerfer vermochten es nicht, bie Stellung sturmreif au machen. Die Artillerie bes Gegners war inzwischen nicht untätig unb belegte überall bas ganze Vorfelb ausgiebig mit schwerem Granat- unb Schrapnellfeuer.
Unter dem Signal „D a s Ganze vorwärts" wurden immer neue Verstärkungen eingeschoben. Ununterbrochen raste bas Gewehrfeuer, hämmerte das Teck—teck der Maschinengewehre, krachten die schweren Einschläge ber Artillerie. Sehr geschickt nutzten die vorgehenden Truppen die Deckung, die die beiden Hügel, der Wald und bas Kornfeld boten, aus. Auf dem rechten Flügel gelang es ber angreifenben Partei, den Gegner zu werfen, und nun wurde das Gehöft auch von ber Flanke aus unter Feuer genommen. 3n sausender Fahrt rasten die motorisierten Maschinengewehrzüge auf, nachdem Pioniere die schadhaft gewordene Auffahrtsstraße durch Bretterbohlen wieder fahrbar gemacht hatten. Die Gefechtslage hatte sich jetzt so weit zugunsten der Angreifer verändert, daß die Pioniere unter dem Schuhe eines Sperrfeuers der Artillerie unb ununterbrochener Maschinengewehrsalven eine Bresche in die
Hindernisse legen konnten.
Drahthindernisse wurden zerschnitten, Kellerminen zur Explosion gebracht. Die Stoßtrupps gingen mit Handgranaten vor, und endlich kam die feindliche Linie ins Wanken. Das Gehöft aber wurde mit verwegener Zähigkeit verteidigt, bis die „blaue" Artillerie ihre Valerien vorzog und die tapfer verteidigte feindliche Stellung sturmreif machte.
Wenn auch die räumlichen Ausmaße eine dem Ernstfall entsprechende Situation nicht zuließen, so erweckte das Kampfbild doch einen plastischen Eindruck der Schlachtentwicklung vom leichten Schar- mützel bis zum wirklichen Großkampf. Dichte Pulver- und Nebelschwaben zogen über bas ganze Feld unb erschwerten so bie Sicht für Freunb unb Feinb. Die Sanitätswachen fuhren hinter ber Stellung auf, bie ersten Verwunbeten würben noch auf bem Schlachtfeld oerbunben unb mit Tragbahren in bas Felblazarett geschafft. Das ununterbrochene schwere Artilleriefeuer hatte bie Fern- sprechverbinbung zerstört. Es machte aber auch, zumal bas flache Vorgelänbe unter .schwerem Maschinengewehrfeuer lag, bie Verwendung von Melbegängern unmöglich. Auf beiben Seiten würben jetzt Meldehunde eingesetzt, bie sich mit erstaunlichem Geschick burchzuwinben unb ben Einschlägen auszuweichen wußten.
So war bie feinbliche Artillerie zum Schweigen gebracht. Der Feind verließ fluchtartig das zerschossene und brennende Gehöft. Aber er wagte noch einen letzten Vorstoß mit seinem Kampfwagen, denen nun die eigenen Minen oder aber auch das wohlgezielte Feuer der unmittelbar hinter der angegriffenen Infanterie aufgefahrenen leichten Artillerie zum Verhängnis wurde. Unter Hurra war die fo heiß umkämpfte Stellung genommen.
Nach der Generalprobe vor dem Reichswehrminister am Vormittag wiederholte sich das großartige militärische Schauspiel am Nachmittag vor dem obersten Befehlshaber der Wehrmacht, dem Führer und Reichskanzler Adolf Hitler, der mit Jubel begrüßt, vom Reichswehrminister, dem Chef der Heeresleitung General der Artillerie Freiherr von Fritsch und General Göring empfangen und zum Befehlsstand vor der Ehrentribüne geleitet wurde. Kurz nach Beginn des Schauspieles, das das gleiche wie am Vormittag war, erschien auch
das diplomatische Korps. Bei ihrem Ein- und Ausrücken durften die Formationen über dankbaren Beifall quittieren, der auch während ber Vorführungen oft aufrauschte. Man merkt, baß bie Truppen alles daran fetzen, um mit den Hebungen vor ihrem obersten Befehlshaber in Ehren zu bestehen. Dor allem das abschließende Gefechtsbild, an dem alle Waffengattungen teilnahmen, wirkte durch den vervielfachten Einsatz der Artillerie, die ein wahres Trommelfeuer auf die Stellungen legte, außerordentlich wirklichkeitsgetreu. Es war ein ohrenbetäubendes Bersten und Krachen ber schweren Geschosse unb Minen unb ein ununterbrochenes Gehämmer ber Maschinengewehre, fo baß bald bas ganze Feld in einen bidjten Rauch gehüllt war. Um so bankbarer würbe ber enbliche Sieg ber blauen Partei begrüßt.
Parade vor dem Führer.
Die Verbände sammelten sich dann zur Parade vor dem Führer. In wenigen Minuten ist das Feld geräumt. Während noch die Pioniere mit ben auf bem Gelänbe künstlich aufgebauten Waldstücken, Höhen, dem Kornfeld und bem Gehöft burch bas Südtor ziehen, marschieren schon burch bas Norbtor, geführt burch ben Kommanbeur bes Infanterie-Regiments 21, bie beteiligten Truppen zum Vorbeimarsch mit flingenbem Spiele auf. Der Kommanbeur reitet zum Befehlsstanb unb erstattet Melbung. Hinter ber Regimentskapelle folgt in Marfchorbnung bie Fahne nkompanie mit.
Nürnberg, 10. Sept. (DNB.) Als Abschluß bes Reichsparteitages 1934 war für Montagabenb vor bem Hotel Deutscher Hof, bem Quartier bes Führers, ein großer Zapfenstreich ber Wehrmacht vorgesehen. Vor bem Deutschen Hof waren bie Posten ber SS. abgelöst worben von solchen bes Reichsheeres. Am Hotel war eine große Reichskriegsflagge aufgezogen. Gegen 21 Uhr erloschen bie Lichter. Scheinwerfer beleuchteten ben ganzen Platz vor bem Hotel taghell. Im Hotel hatten sich zahlreiche Minister, eine Fülle von Offizieren bes Reichsheeres unb ber Reichsmarine, zahlreiche Reichs- unb Gauleiter ber NSDAP, unb viele Obergruppen- unb Gruppenführer ber SA. unb SS. eingefunben.
Gegen 21.45 Uhr leuchten plötzlich alle Scheinwerfer auf. Vom Bahnhof her naht ber Fackel- zu g heran Schon von ferne hört man Beethovens Porkschen Marsch. Nun ist ber Zapfenstreich heran. Der Beginn unb hen Beschluß bilben Ehrenkompanien mit Fackeln. Kurze Kommanbos. Dann erscheint ber Führer bes Großen Zapfenstreiches Hauptmann Feuchtinger vor bem Hotel, salutiert mit bem Degen unb melbet: „Mein Führer, Großer Zapfenstreich ber beutschen Wehrmacht zur Stelle!"
Der Heeresmusikinspizient Professor Schmibt, ber bie Leitung bes Großen Zapfenstreiches hat, besteigt bas mit ber Reichskriegsflagge brapierte Pobium unter bem Fenster bes Führers. Vor ihm ber Kesselpauker, links unb rechts baoon bie silbernen Fanfahren. Trommelwirbel leitet nun über zum Parademarsch der langen Kerle. Nun erleben wir, was das deutsche Herz von jeher begeisterte unb in ben Bann schlug: Mitreißenbe Märsche, beutsche Militärmusik, bie von jeher von befonberem Reiz war, bie Romantik ber Umgebung, bezau- bernbe Stimmung ber Nacht — bas ganze Erlebnis würbe zu einer erhebenben Feierstunbe.
Nun folgen brei Lieber aus ben Befreiungskriegen: „Vater, ich rufe Dich!", „Lützows roilbe verwegne Jagb" unb „Der Gott, ber Eifen wachsen
ben brei Fahnen bes Regiments List, bem ber Führer währenb bes Krieges angehörte. Der Musikzug bes zweiten Bataillons bes Infanterie-Regiments 19 schwenkt ein, unb bann ziehen bie Kompaniefronten mit aufgepflanztem Seitengewehr, bas zweite Bataillon Infanterie-Regiment 19 unb bas zweite Bataillon Infanterie-Regiment 21 mit bem Maschinengewehr- unb bem leichten Minenwerferzug vorbei. Eine Abteilung unserer „Blauen Junge n" in ben schmucken weißen Blusen wirb mit braufenbem Hänbeklatschen empfangen. Ihnen schließt sich bas vierte Pionierbataillon an, bas für ben Bau ber Straßenüberbrückungen in Nürnberg ebenfalls einen Sonberapplaus erhält. Mit allgemeinem Jubel aber wirb bas 18. Reiter-Regiment empfangen. Dor allem ber Kesselpauker, ber im gestreckten Galopp in großem Bogen beim Einschwenken feine Stelle einnimmt, hat es ben Hunberttausenben angetan. Dem brüten Bataillon bes Infanterie-Regiments N r 7 schließen sich bie motorisierten Truppen, bar» unter ber Pontonzug bes 17. Pionierbataillons, an, bas nicht nur bas Material zum Bau einer ganzen Flußbrücke, fonbern auch ein Motorboot mit sich führte. Den Abschluß bilden die 7. Nach» richtenabteilung unb der Kraftradschützen- zug, der schnurgerade ausgerichtet über das Feld braust, und endlich der Maschinengewehr- kraftwagenzug ber 7. Kraftfahrabteilung.
Damit hatte kurz nach 17 Uhr die Vorführung ihr Ende gefunden. Die Zuschauer bringen in das Felb, um ihrem Führer Beweise ihrer Liebe unb Verehrung zu geben. Aber bie Absperrmann- schäften kommen ihnen boch noch rechtzeitig zuvor unb können eine schmale Gasse bahnen, bie ber Führer, sreunblich lächelnb unb grüßenb, burch- fährt.
ließ". — „Deutsch ist bie Saar" spielen bie Musikzüge: Ein Gebenken an jene ©rüber im Westen, bie noch unter frember Herrschaft leben müssen. An bas Saarlieb reiht sich nun bie berühmte Folge historischer Märsche in ber Bearbeitung bes hoch- oerbienten verstorbenen Heeresmusikinspizienten Pros. Hackenberger.
Nun locken bie Flöten unb dröhnen die Trommeln. Der Große Zapfen st reich klingt an. Er wird in ber bayerischen Fassung gespielt, ber für ben Nordbeutschen etwas weicher unb weniger wuchtig anmutet als ber preußisches dessen Melodien sich aber dem Ohre einschmeicheln. Zum Gebet klingt das Kommando: In den grauen Reihen der fackelumringten Ehrenkompanien fliegen die Hände salutierend an die Stahlhelme: Die Töne des Gebetes des bayrischen Zapfenstreichs klingen weich und getragen auf. Von fern her Fanfarenstöße. Plötzlich sieht man im Dunkel der Nacht: Drüben hinterm Frauentorgraben stehen auf einem Dache die Fanfarenbläser der Reichswehr. Erneuter Trommelwirbel. „Präsentiert das Gewehr", ein schneidiges Kommando, die Arme recken sich, das Deutschland- und Horst-Wessel-Lied brausen zum Nachthimmel empor. Im gleichen Augenblick flammen am Frauentorgraben rote Feuer auf und werfen einen flammenden Schein über die langen grauen Kolonnen des Reichsheeres.
Wieder Kommandos: Die grauen Kolonnen formieren sich neu und unter Marschklängen hallen nun wieder die Stiefel über das Pflaster wie ein Schlag. Noch einmal grüßt ber Führer bankend hinab. Dann schließen sich roieber bie Fenster. Die Menge durchbricht an vielen Stellen bie Sperren unb wälzt sich wie eine Woge zum Hotel heran. Da hört man von fernher aufs neue Marschmusik, unb bie Begeisterung steigt auf bas höchste, als unter ben Klängen bes Babenweiler Marsches bie Leib st anbarte Aböls Hitler auf bem Wege zum Bahnhof am Hotel vorbeimarschiert.
Der Große Zapfenstreich der Wehrmacht.
Eine nächtliche Huldigung vor dem Hause des Führers.
Die braunen Marschkolonnen der hessischen SA. in der Nürnberger Altstadt. Die Standarten- unb Fahnengruppe der hessischen SA. beim Vorbeimarsch vor dem Fühver.
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