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Nr. 159 Drittes Blatt

Gietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Vberheffen)

Mittwoch, 11.M 1934

Wasserwanderer stoßen vor.

Cin neuer Mensch -erhomo paddelensis.

Sie wissen natürlich alle, was ein Faltboot ist, Wasserflöhe dieser Art haben Sie ja alle zur Genüge auf Ihren Ausflügen gesehen... doch was viele nicht wissen, ist, daß ein solcherSchlauch", zweckmäßig und meisterhaft gehandhabt, aus dem Menschen ein ganz anderes Wesen macht, ihn gleich­sam den Amphibien annähert. Dieser Uebergang von einer Land- zur Wasserkreatur voll­zieht sich natürlich nicht mir nichts, dir nichts, es gehört eine tüchtige Portion Geduld und manches Sturzbad dazu... auch etliche Schwielen an der Hinterseite sind erforderlich... aber eines Tages ist doch der große Augenblick da: dem Paddler wachsen die Wasserbeine und nun ist reines Behagen am neuen Element. Der solcher­maßen umgeschaffene Mensch nennen wir ihn homo paddelensis" bemerkt alsbald, daß sein gesamtes Fühlen und Denken sich umstellt. Ja, auch seine sinnliche Wahrnehmung hat sich rätselhaft ver­ändert. Die Welt erscheint so anders vom Wasser aus gesehen. Man kannte bislang alles nur von der Straße her, und man glaubte, daß alles der L-traße wegen da sei ... nun aber ist die Landschaft vom Wasser her aufgerollt, nun siehst du alles in einer natürlichen Ordnung und du bist sehr glücklich darüber. Ein alter Sinn wird dir bewußt: das Leben dränat demWasser zu . . . wo die Flußläufe das Land durchädern, da ist es kräftig und grün und säftetreibend für Mensch, Tier und Baum. So gleitest du dahin auf schmalem Ge­fährt in einer unbekannten Spannung, die zugleich Entspannung ist. Denn auch das gehört zum homo paddelensis, dieser jetzt so verbreiteten neuen Men­schengattung meist jüngeren Lebensalters: daß mit den Wasserbeinen auch eine bemerkenswerte E n t - deckerfreude gewachsen ist. Die Landkarte wird dir auf einmal wichtig und jene krausen Regen­würmer, die die Flüsse darstellen und die du im Unterricht nur ungern verdaut hast, interessieren dich auf einmal brennend. Da gibt es keine Täu­schung: Paddeln ist immer so etwas wie Auf­bruch ... Gott weiß wohin und jedes Wasseraben­teuer hat einmal im Dämmer des heimatlichen Bootschuppens angefangen.

Lonas in derTeufelsmühle".

Einer der bekanntesten unter den deutschen Wasserflöhen ist Herbert R i t t l i n g e r, der in sieben Gummihäuten von der Pleiße bis zum Kar­pathen-Urwald, ja bis ins wilde Kurdistan trudelte und damit einen sehr wissenswerten und humor­vollen Beitrag zur Kriegsgeschichte des Paddelsports geliefert hat. Fröhlicher Krieg, versteht sich, aber doch Krieg. Täglicher Kampf mit den Teufelsmühlen der Berawasser, die in Gestalt der Goldenen Bistritz (so geheißen weil sie Gold führt) durch die Ostkarpathen stürzen, mit Wirbeln und Stromschnellen reichlich ausgestattet. Das kleine hellblaue Paddelboot heißt ,Lonas" und mit einer nahen Beziehung heißt es so, denn das nasse Ele­ment hat es immer wieder ausgespieen wie weiland der biblische Walfisch seinen Namensvetter. Als Beigabe gewissermaßen gab es für unserenWun­derknaben aus Germanistan" eine Fülle unentdeck­ten Volkstums in jenen felsstarrenden Einöden. Mitten durch Räuber, Hirten und Flößer führte sein Weg... allen Warnungen zum Trotz mischte er sich unter sie ein sportgestähltes Naturkind mit blondem Schopf und die düsteren Söhne der Berge erzeigten ihm rührende Herzlichkeit und

Gastfreundschaft. Dann kommen nach den eisigen Gewitternächten die Sonnentage: nackt sitzt unser Freund im Kahn, das Knie fest an den Süllrand gepreßt, hinjagt der Jonas durch die Katarakte, zischend haut das Wasser über die strasfgespannte Spritzdecke ... jetzt ein kühner Unterwasserritt, dann kommt es prustend hervor und ein Jubelgeheul aus junger Kehle schmettert gegen die Felswände ... Das Tempo wird wahnwitzig. Schon geht es einen Wasserfall hinunter, auf Haaresbreite zwischen zwei mörderischen Felsen hindurch. Sekundenlang be­leuchtet ein Blitz die Schlucht Rittlinger droht das Herz zu stocken, denn quer vor dem Wasserfall liegt eine Gesteinsbarre. Da nützt keine Kunst. Jonas" schmettert gegen die Felsen und legt sich quer. Ist das das Ende? Sackt er ab? Im Nu ist Rittlinger mit einem Hechtsatz auf dem Felsen und läßt sich bis zu den Schultern in das Wasser glei­ten. Den Nacken unter das Boot gestemmt. Zoll für Zoll rückt es aus seiner Querlage. Nach zehn Minuten keuchenden Ringens ist es flott und wie durch ein Wunder unbeschädigt. Ein glücklicher Mensch, der in diesem Felsenlabyrinth der Karpa­then unter Einsatz seines Lebens für sein Boot kämpfte, setzt zitternd vor Kälte und Nässe, doch jubelnd, seine abenteuerliche Fahrt fort.

Oer schwimmende Oiwan.

Die ersten tausend Kilometer sind immer die schwersten." Dieser Ansicht ist wenigstens ein leiden­schaftlicher Kanute, namens Bernhard Grü- g o r, ein bemerkenswert zäher Westfale, der mit Faltboot und Fahrrad von Deutsch­land nach Nordafrika wanderte. Die wirt­schaftliche Grundlage für dieses gewiß nicht alltäg­liche Unternehmen war eine Wette über 300 Mark, nicht eben viel für ein solches Wagnis aber mehr brauchte unser ebenso munter paddelnder wie plaudernder Kanute überhaupt auf der ganzen Reise nicht. Reise? Was sage ich Expedi­tion wäre die treffende Bezeichnung, denn er ent­deckte ebenfalls eine neue Welt. Diesen Umstand schienen auch unsere westlichen Nachbarn zu wür­digen, denn er fand manche Unterstützung und sport­liche Sympathie auf dem Doubs, der Saone, der Rhone, auf dem Ebro, den das schnittige Faltboot elegant durchpflügte. Da sind denn alle Zauber der großen Südstrecke: Nächte im hohen Uferschilf, Nebelmassen von rosigem Licht durchflutet, das Gleiten durch Felder von Wasserrosen... die alten versponnenen Uferstädte. Ein so herrliches Nichts­tun überkommt das romantische Gemüt. Und was tut man als Kanute, wenn man faul ist? Man hängt sich an Schleppzüge oder Motorfrachter, man lehnt sich zurück, über sich den blauen Himmel, unter sich den aufblasbaren Gummisitz... jetzt noch ein Gummikissen in den Rücken der schwim­mende Divan ist fertig! Wenn man aber die Arbeit sehr liebt, ißt man von Zeit zu Zeit eine Banane oder Feige oder Orange... nirgends kann man so göttlich genießen wie auf dem Wasser. Von Arles geht es hinüber zu den Pyrenäen. Der libellenblaue Himmel Spaniens ist aufgeschlagen. Brandung stürmt gegen bronzeglänzende Felsen­gestade. Und da ist das ganze Paradies an der Küste, das wir Nordischen meist nur von Ansichts­karten kennen: schwarzgrüne Zypressen, schirm- artige Pinien, das Durcheinanderglühen und -düften von purpurroten, kanariengelben, violetten Blumen, Schlingkakteen. Lorbeerrosen, gefiederten Palmen. Hunger und Durst der Sinne und des Leibes wech­seln planvoll ab. Was aber tut man in Spanien, wenn man Hunger hat! Man klaut Weintrauben ... und der Besitzer, der unversehens hinzutritt, sagt

obendrein:Ich wünsche Ihnen den besten Appetit, mein Herr, nehmen Sie doch, bis Sie nicht mehr können". Ein vorzügliches Rezept, nicht wahr? Aber leider für unsere Verhältnisse gänzlich un­geeignet.

Als Erster über die Straße von Gibraltar.

Da nun aber alles untätig Genießende einmal eine Entsprechung im Kämpferischen haben muß so tritt auch in den Erlebniskreis dieses Buches ein sportliches Abenteuer ersten Ranges. Herr Grügor darf sich rühmen, als Erster die Straße von Gibraltar im Paddelboot überquert zu haben. Im Reitsitz, die Füße fest eingestemmt, durch die Spritz­decke hermetisch gegen Wassereinbruch gesichert, die Knie am Süllrand, den Rücken gegen die Lehne gepreßt so schob er sich bei Tarifa aus spanischer Seite in die Brandung. Bald hüpfte der Wasser­floh über die steilen Kämme des über 1000 Meter tiefen Meeres. Die schmalen Rennpaddel peitschen die Flut, immer geht es zickzack, jeder Schlag muß berechnet werden. Schweiß und Salzwasser rinnen Über die Augen, rote Sterne tanzen im Blickfeld, im Magen tobt Seekrankheit. Stunden werden zu Ewigkeit... nach mancherlei Zwischenfällen, die mit der sprichwörtlichen westfälischen Dickköpfigkeit überwunden werden, erreicht Grügor bei Punta Leona, dem starren Vorgebirge, das wie eine Gralsburg aus dem Tosen der Brandung sticht, den schwarzen Erdteil. Er fiel bewußtlos in den Sand, doch in kurzer Zeit war sein Zustand so weit wie­der gehoben, daß er in sein Tagebuch schreiben kann:Meine Stimmung war so rosig, daß ich am liebsten alle Welt umarmt und geküßt hätte." Wenigstens so weit sie weiblichen Geschlechts und

hübsch war" fügt er mit der Standhaftigkeit des Kanuten hinzu.

Das deutsche Grenzland ruft!

Wieviel Sehnsüchte richten sich gerade in diesem Monat des großen Paddleraufbruchs auf neue Ziele. Da fei der Ruf der deutschen Grenzlande zu­erst vernommen! Es lockt der deutsche Osten mit seinen 3000 Seen, seinen Haffs, die silbern gebreitet sind zwischen den Sandhügeln der Nehrung. Wie beglückend der Gedanke, daß nament­lich die deutschen Grenzlande dem Kajakfahrer so viel des Sehenswerten bieten und eine vater­ländische Pflicht zum reinen Genuß erheben. Denn nicht nur die in dicken Urwald eingebetteten Stra­ßen des Ostens (wie die verwunschene Crutinna) auch die eigentümliche Schönheit der Saar wartet noch auf ihre Erschließung. Welche Tummelplätze bieten sich für junge deutsche Volksgenossen in die­sem Jahre in Saar und Blies, in Schwarzbach, Hornbach, Nied, Sauet und Mosel. Alle die wasser­wandernden Gesellen, denen Natur und Kamerad­schaft letzte Erfüllung bedeuten, seien hier ausge­rufen.

Der Morgen frisch, die Winde gut, die Sonne glüht so helle, und brausend geht es durch die Flut wie wandern wir so schnelle!

E. H. Burg.

(Wer sich weiter in die Welt der Faltbootfahret vertiefen will, sei auf die folgenden Bücher ver­wiesen:Faltboot stößt vor" von Herbert Ritt­linger, Verlag F. A. Brockhaus.Mit Faltboot und Fahrrad nach Afrika" von Bernhard Grügor, Ver­lag Deutsche Buchwerkstätte.Paddelfahrten im Westen" von Rudolf Rehanek, Verlag Saarbrücker Druckerei.)

Das Reichsjagdgesetz!

Von Siudienrai Ernst Hölzel.

Am 3. Juli 1934 hat die deutsche Reichsregierung das Reichsjagdgesetz verkündet und damit ein Sehnen erfüllt, das Generationen von Jägern schon empfanden. Nur der Jäger weiß, in welch un­heilvoller Weise sich die vielstaatliche Jagdgesetz­gebung auf die Wildstände unserer Heimat aus­wirkte. Das Reichsjagdgesetz ist ein Gesetz für das ganze deutsche Volk, nicht allein für den Jäger. Was es will, ist in seiner Einleitung gesagt, die wegen ihrer weittragenden Bedeutung wörtlich wie­dergegeben sei.

Die Liebe zur Natur und ihren Geschöpfen und die Freude an der Pürsch in Wald und Feld wur­zelt tief im deutschen Volk. Aufgebaut auf uralter germanischer Ueberlieferung, hat sich so im Laufe der Jahrhunderte die edle Kunst des deutschen Woidwerkes entwickelt. Für alle Zukunft sollen Wild und Wald als wertvolle deutsche Volksgüter dem deutschen Volke erhalten bleiben, die Liebe des Deutschen zur heimatlichen Scholle vertiefen, seine Lebenskraft stärken und ihm Erholung bringen von der Arbeit des Tages.

Die Pflicht eines rechten Jägers ist es, das Wild nicht nur zu jagen, sondern auch zu hegen, damit ein artenreicher, kräftiger und gesunder Wildstand entstehe und erhalten bleibe. Die Grenze der Hege muß freilich sein die Rücksicht auf die Bedürfnisse der Landeskultur, vor allem der Land- und Forst­wirtschaft.

Das Jagdrecht ist unlösbar verbunden mit dem Recht an die Scholle, auf der das Wild lebt und die das Wild ernährt. Die Ausübung des Jagdrechts aber kann nur nach den anerkannten Grundsätzen der deutschen Weidgerechtigkeit zugelassen werden.

Treuhänder der deutschen Jagd ist der Reichsjager­meister; er wacht darüber, daß niemand die Büchse führt, der nicht wert ist, Sachwalter anvertrauten Volksgutes zu sein.

Dem deutschen Volk ein einheitliches Jagdrecht zu geben, das diesen Grundsätzen entspricht, ist die Auf­gabe des neuen Reiches."

Wenn ich im folgenden versuche, einen kurzen Ueberblick über seinen wesentlichen Inhalt vom Standpunkte des praktischen Jägers aus zu geben, so muß zunächst folgendes festgestellt werden: Das Gesetz regelt die Jagdausübung im ganzen Reich nicht bis in die letzten Einzelheiten. Es gibt vor allem die großen, zwingenden Richtlinien und ord­net auch manche Einzeloinge in gleicher und zwin­gender Weise für alle Länder. Diesen aber bleibt es überlassen, ihrerseits manche Fragen in ihrem Be­reich in den Einzelheiten festzulegen und lieber« leitungsvorschriften zu erlassen. Dies muß nach vor­heriger Zustimmung des Reichsjägermeisters bis zum 31. März 1935 geschehen sein. Denn am 1. April 1935 treten sämtliche die Jagd betreffenden Gesetze der Länder außer Kraft. Bis dahin er­langen nur gewisse Paragraphen des Jagdgesetzes Wirksamkeit, bezüglich der übrigen dient die Zeit bis April nächsten Jahres der Umstellung.

Nach Umgrenzung des Jagdrechtes bestimmt das Gesetz den Begriff des jagdbaren Tie­res. Dazu gehören: Wisent, Elch, Rot-, Dam-, Sika-, Stein-, Muffel-, Reh-, Gams- und Schwarz­wild, Murmeltiere, Hasen, Alpenhasen, wilde Ka­ninchen, Biber, Robben, Ottern, Dachse, Füchse, Wildkatzen, Edelmarder, Steinmarder, Iltisse (Haarwild), ferner Auer- und Birkwild, Rackel-

Zwei Mmierimd Hilda

Roman von Hermann W. Walder.

Urheberrechtsschutz: Fünf-Türme-Verlag, Halle (S.)

1 ^ortlefiung Nachdruck verboten!

Am nächsten Morgen war Hans Kirchhoff ver­schwunden und mit ihm das wenige Geld, das sein Freund als Arbeitsverdienst aus dem Zuchthaus mitgebracht hatte, und das ihn über die erste schwere Zeit des Wiederzurechtfindens in der Welt hinweg- helfen sollte.

Das war ein schwerer Schlag für den um fein Geld und um mehr, um seine Freundschaft Be­trogenen.

Damals schwor er dem treulosen Kameraden bittere Rache.

Jetzt nun, jetzt sah er ihn zum erstenmal wieder. Instinktmäßig beugte er sich tief über feine Arbeit, als die Besucher nähertraten, und er bezeichnete es als ein Glück, daß man ihn nicht anredete.

Der andere sollte ihn nicht wiedererkennen, noch nicht. Erst mußte er sich darüber klar werden, was gegen ihn zu unternehmen war.

Da stimmte nämlich ganz sicherlich wieder etwas nicht.

Der ehemalige Zuchthäusler trug letzt einen adligen Namen ...

Gewiß lagen neue Betrügereien vor.

Hatte der Verbrecher sich vielleicht die reiche und schöne Tochter seines verstorbenen Wohltäters als Opfer auserkoren?

Walter Knauer mußte in dieser Verbindung an einen Vorfall denken, der sich vor drei Jahren ereignete.

Mildtätige Menschen hatten dem armen Straf­entlassenen neue Geldmittel gegeben, mit denen er nach Berlin reifte, wo er Arbeit zu finden hoffte. Seine Hoffnungen wurden zuschanden. Wer wagte es wohl, einen Zuchthäusler einzustellen?

Auch bei den Geyerling-Werken sprach er vor und wurde, wie überall, abgewiesen.

Verzweifelt stand er vor dem Portal der Werke, bereit, den letzten Schritt zu tun und aus diesem Leben zu scheiden, das ihm nichts mehr zu bieten hatte. Seit Tagen hatte er kaum mehr etwas gegessen.

Da fuhr ein Auto vor.

Ein alter Herr entstieg dem Wagen, etwas zu eilig. Er stürzte.

Walter Knauer sprang hilfsbereit zu und trug den Alten, der sich den Fuß verstaucht hatte, mit Unterstützung des Chauffeurs ins Portierhaus und lief dann auch eilends zum Arzt.

Kurz und gut: Geheimrat Geyerling, er war der Verunglückte, wußte dem jungen Menschen, der ihm tatkräftig zur Seite gestanden hatte, Dank, gab ihm Arbeit, gute, einträgliche, bevorzugte Arbeit, und das, obwohl er dessen Vorleben erfuhr.

Seitdem ging es ihm gut; die Lebenskurve stieg aufwärts. Vor einem Jahr heiratete er. Seine Frau wußte, was er erlebt und hinter sich hatte; sie ver­stand ihn und stützte ihn und war fein Sonnen­schein. Die Vergangenheit wähnte er tot, ausgelöscht. Sie war es nicht. An diesem Tage riß sie ihn erneut in ihre unbarmherzigen Bande.

Und nun kam er auch allmählich mit sich ins reine.

Er beschloß, die Augen aufzumachen und acht­zugeben auf diesen Menschen, der ihn einst verriet und betrog. Wahrscheinlich war Kirchhoff weiter abwärts gerutscht auf der Lebensbahn, wenn es ihm scheinbar auch gut dabei ging. Aber allem Anschein nach hatte er neue Tücken und Betrüge­reien im Schilde, und ihn darin zu stören und schachmatt zu setzen, sah er jetzt als seine Aufgabe an.

So ging er denn nach Hause, gewillt, die Spuren Kirchhoffs zu verfolgen, sobald sich die Gelegenheit dazu bot. Seiner Frau erzählte er von der Begeg­nung nichts. Sie sollte sich nicht unnütz beunruhigen.

Er wollte dem Herrn von Kirchhofen hinter die Abenteurerschliche kommen, und ihre Aufdeckung sollte seine Rache sein. *

Hans von Kirchhofen warf sich mit leichtem Schwung auf den Liegestuhl, steckte sich eine Ziga­rette an und klingelte. Dem eintretenden Diener befahl er, ein Glas Rotwein einzugießen. Wieder allein, trank er das Glas in einem Zuge leer und füllte es dann von neuem.

Er sah dem Zigarettenqualm nach, der, durch einen leichten Luftzug bewegt, gegen die Decke wirbelte.

Dann lachte er laut auf.

Eifersüchtig scheint er zu sein, der Wolterstorff! Hat wahrscheinlich selber Hoffnungen auf den Gold­vogel, diese Geyerling, gehegt, und muß nun zu­sehen wie ihm ein anderer den Wind aus den Segeln nimmt." So sagte er zu sich selbst.

Er dachte an den Nachmittag zurück, an die Stunden in den Geyerling-Werken, die ihm deutlich machten, daß sich hier ein Fischzug lohnte. Er war äußerst zufrieden mit sich '

Die Hilda hat eingeschnappt!

Er hatte es gemerkt an verschiedenen untrüglichen Zeichen vor allem aber daran, wie sie beim Tanz so selbstvergessen in seinem Arm lag. Hans von Kirchhofen kannte sich auf diesem Gebiet aus. Nur zuzugreifen brauchte er.

Und damit wollte er auch nicht mehr allzulange warten. Dieses war auf alle Fälle besser.

Er streckte behaglich seine Glieder. Herr von Millionen werden und als Zugabe die hübsche Tochter der Geheimrätin! Er erwärmte sich ordent­lich an dem Gedanken .

Allerdings es galt noch mancherlei Schwierig­keiten vorher aus ,bem Wege zu räumen. Beispiels­

weise würde er damit rechnen müssen, daß man seiner Herkunft nachspüren dürfte.

A bah! Frechheit siegt! Mit dieser Parole war er bis jetzt Dorroärtsgefommen und sie würde ihm auch weiterhelfen.

Er wußte, eines Tages würde ihn das Schicksal erreichen, dann würden alle seine Karten aufgedeckt werden, aber voraussichtlich würde er dann schon über alle Berge sein, untergetaucht in der weiten Welt, und mit ihm der Reichtum der Geyerlings ober wenigstens ein großer Teil von ihm.

Und bie Hilba?

Ach! Nur keine Sentimentalität aufkommen lassen!

Der Mann auf bem Liegestuhl lachte mieber höhnisch vor sich hin.

Es wirb einen gewaltigen Skandal geben. Aber die Frau des Betrügers dürfte schlau genug sein, ihn nicht unnötig aufzubauschen. Sie liebt mich und wird nicht hinter mir herfahnben lassen, wirb mir... vielleicht... sogar noch folgen...

Eine Uhr schlug.

Hans van Kirchhofen sprang auf

Donnerwetter! Es ist ja bie höchste Zeit!"

Er ging in sein Ankleibezimmer. In wenigen Minuten stand ein Gesellschaftsmensch fertig da. Er sah in den Spiegel und war zufrieden. Seine Augen trafen auf einen eleganten schneidigen Kavalier, in schwarzem Paletot, mit weißem Schal, glänzen­dem Zylinder.

Und er warf dem Spiegelbild einen Blick zu, in dem deutlich zu lesen stand: Das hättest du dir, lieber Kirchhoff, vor nicht allzulanger Zeit nicht träumen lassen!

Das Auto brachte ihn in knapp einer Viertel­stunde nach dem Vorort Friedenau und hielt dort vor einem zweistöckigen Hause.

Hans von Kirchhofen durchschritt den Torweg und klopfte dann zweimal an die Tür des Hinter­hauses.

Ein Mann in Bedienstetenkleidung empfing ihn mit tiefer Verbeugung und nahm ihm die lieber« fleibung ab.

Der Ankömmling schien hier zu Hause zu sein. Er schritt die teppichbelegte Treppe hoch und wurde oben schon erwartet.

Kommst du endlich, Lieber?!"

Mya Körber warf beide Arme um seinen Hals und wollte ihn küssen, zuckte aber sogleich zurück, als sie nur kalte Abwehr auf seinen Zügen las.

Haben der gnädige Herr schlechte Stimmung mitgebracht?"

Es sollte spöttisch klingen, und doch schwang ein banger Unterton durch diese Worte.

Laß mich!" war die unwirsche Antwort.

In einem kleinen Zimmer neben dem Flur warf sich Hans von Kirchhofen in einen Sessel.

Gib mir ein Glas Rotwein, Mya!" sagte er bann, schon um einen Grad freundlicher. Er durfte das Kind nicht mit dem Bade ausschütten. Schließ- lich konnte ihm Mya zur Gegnerin werben. Soweit

burfte es keinesfalls kommen. Wenn sie auch feine Vergangenheit nicht kannte ober boch nur weniges baraus, so ahnte sie sicherlich etwas, unb Frauen mit Ahnungen finb unter Umständen gefährlicher als die, denen die volle Wahrheit bekannt ist. Er hatte darin feine Erfahrungen.

Die schwarze Mya beeilte sich, ihm bas Gewünschte zu bringen. Er trank bas Glas hastig leer unb zog bann das schöne Weib, das Aufklärung heischend vor ihm stand, zu sich auf die Sesfellehne.

Ich habe mir auf der Fahrt hierher meine Ge- danken gemacht, Mya; weißt du, über mein Doppel­leben. Das muß aufhören!"

Ein Freudenschimmer zog über ihr Gesicht.

Willst du endlich mit mir ein solides Leben beginnen?"

Nein, Mya! Davon kann keine Rede fein!"

Hans von Kirchhofen liebte auf feine Art die stolze, stattliche Frau, der er es zu verdanken hatte, daß er nicht untegegangen war, und die ihn aus einem Leben der Armut in ihre Kreise gebracht hatte, bei denen es satt zu essen und ein Leben in Glanz gab, mochte es auch im allgemeinen Talmi- glanz sein. Daß es letzten Endes ein Leben war, bas ber Oeffentlichkeit Licht zu scheuen hatte, störte ihn wenig. Unb bennoch wollte er heraus aus biefer Eingeengtheit. Er wollte heimisch werben in jener großen Welt bes Besitzes unb bes Namens, in ber er seit einiger Zeit bereits Fuß gefaßt hatte.

Ein schweres Stück Arbeit, bieses Ziel zu er- reichen. Darüber war er sich völlig klar. Es bebingte vor allem, sich von ber Gegenwart lvszureißen, alle Hemmnisse und Fesseln zu beseitigen, unb bazu gehörte auch bie Trennung von ber Frau, ber er manche süße Stunbe verbankte unb so unenblich viel materielle Vorteile.

Mya Körber beobachtete bas Gebärbenspiel bes Geliebten unb kannte ihn so gut, baß sie balb schon merkte, es war nichts mehr für sie zu hoffen. So war sie benn auch nicht weiter überrascht, als Kirchhofen fortfuhr:

Wir müssen uns trennen. Ich will mich ver­loben!"

Nun war es heraus.

Mya stand erregt vor ihm.

Also soweit ist es schon?" Kann man benn den Namen der Glücklichen erfahren, die du zu deiner Braut und Frau machen willst?"

Er erwiderte:

Du wirst ihn schon früh genug erfahren. Laß die Verlobung erst mal Tatsache werden!"

In diesem Augenblick schallte eine Klingel durch das Haus. Weitere (Erörterungen waren damit un­möglich gemacht.

Allem Anschein nach kamen die ersten Gaste. Hans von Kirchhofen war froh, daß das Gespräch auf diese Weise abgebrochen werden mußte. Mya wußte nun Bescheid, mochte sie sich mit dem weiteren abfinben.

(.Fortsetzung folgt.)