1H Jahrgang
Gießener Anzeiger
Nr. 155 Erstes Blatt ,8-,. Jahrgang Montag. „Juni 1954
-WZW > B=
Heimat im Bild Die Scholle ffi HW H Ä W M T jjj^Ä ■ M ® ▼ NE M K F ffl wB A W \äkgSfv Grundpreise für l mm höhe
Monatz-Vezugrpreir: DR ■ ■ ■ B/^ IMk 1/ ■ H 1/ H NF WWW WWW Wx W für Anzeigen von 22 mm
Mit 4 Beilagen NM. 1.95 ■Vl||f | W ■ Bf W / H BI Bf WWW Bf W Breite 7 Npf., für Text-
Ohne Illustrierte „ 1.80 H MS B B WK B W W 1M Mk W M ' W anzeigenvon70mrn Brette
Zustellgebühr .. I -.25 W B ■ W | I BM & 60Rpf..Platzvorschrist oder
Auch bei Nichterscheinen ■ ■ ™ W schwieriger Satz 25% mehr
»VF V -rmähigt- ©tunöpteife:
-Mi- Seneral-Anzeiger für Sberheffen WW gtnntfutt am Main 1168s Druck und Verlag: vrühl'sche UniverfilStr Such- und Steindruckerei «.Lange in Sichen. Schriftleitung und Geschäftsstelle: Schulstraße 7 Mengenabschlüsse Staffel B
Oer Ingenieur in der Krönt des deutschen Ausbaus.
Eine Gaarkundgebung -es VOI. in Trier.
Trier, 10.Juni. (DNB.) Der Verein Deutscher Ingenieure hielt hier seine 72. Hauptversammlung ab, die heute mit einer Sa arkund- g e b u n g ihren Höhepunkt erreichte. Auf ihr führte als erster
Oer Vorsitzende des VOI., Or.-Ing. H. Schult
u. a. aus: Saar und Mosel seien seit Jahrzehnten mit dem VDJ. verbunden. In diesem Gebiet sei man Zeuge einer Technik, die weit über 2000 Jahre zurückreiche. Heute liege das Land an der Saar, in dem seit Beginnüer EisenzeitSchmelz- öfen in Betrieb gewesen seien, und das zp einem der wichtig st en Kohlengebiete des Reiches geworden sei, noch jenseits der deutschen Zollgrenzen. Aber Anfang nächsten Jahres werde die Abstimmung der ganzen Welt einen schlagenden Beweis dafür liefern, daß dieses Land zu unrecht 15 Jahre dem Mutterlande entrissen war.
Dr. Schult warf dann einen kurzen Ausblick auf die Arbeit und die Aufgaben des VDJ. und führte aus: Wir wollen uns bemühen, vor allem j yAi g e Kräfte an die Front zu bringen und ihnen die Arbeit und wenn möglich auch die Führung anzuvertrauen. Wenn wir unsere Bemühungen im verflossenen Jahre noch nicht so zum Erfolg führten, wie wir es gewünscht hatten, dann lag das daran, daß uns nicht sogleich geeignete junge Fachgenossen in genügender Zahl zur Verfügung standen. Nach der Neuordnung der Zusammenarbeit in der Technik sind wir in der Lage, uns mehr den dringlichen Arbeiten zuzuwenden, zunächst auf technisch-wissenschaftlichem Gebiet, dann aber auf dem Gebiete des Luftschutzes, der Ernährung, der Siedlung und der Rohstoffwirtschaft. Er habe den Eindruck, so fuhr er fort, als ob man die großen Möglichkeiten, die der Einsatz der Technik für die Wirt- schafisführung biete, noch nicht genügend erkannt habe. Die Ingenieure seien bereit, für eine organische Wirtschaftsgestaltung einzutreten. Man fei sich bewußt, daß dieser Einsatz Widerstände Hervorrufen werde und daß man kämpfen müsse. Aber man dürfe Schwierigkeiten nicht scheuen, wenn man feine Aufgabe darin sehe, die Möglichkeiten, die die Technik biete, voll in den Dienst des Dolksganzen und des Vaterlandes zu stellen.
Prof. Or. Friedrich hielt dann einen Vortrag über „Die Führer- pflichten des Ingenieurs im Aufbruch des Volkes". Er führte u. a. aus: „Wenn es Aufgabe des Ingenieurs ist, die Kräfte der Natur dienstbar zu machen den schaffenden Menschen, dann ist es selbstverständlich, daß ihr gewaltiges Werk nur Segen bringen kann, wenn es erwächst aus der Stärke innerer Gesinnung. Nicht darauf allein kommt es deshalb an, daß der Ingenieur d-e Kräfte der Natur erkennen, erschließen und beherrschen lernt, nicht darauf allein, daß er sie in bezwingender Organisation umschließt, zu ungeheurem Wirken! Wesentlich ist, welches die innere Richtung ist, die er diesem feinem Werk gibt, ob diese innere Richtung dem lebendigen Sinn seines Volkes entspricht.
Und deshalb find zwei Forderungen, die wir an den schaffenden Ingenieur stellen. Einmal, daß er sich im Büro, in Werkstatt, in der Stube des Erfinders, wie in dem saufenden Getriebe des Betriebes ständig bewußt ist, daß alles, was er schafft, feinem ganzen Volk zu dienen hat. Daß fein Werk nicht Hilfsmittel fein darf einer Sondergruppe von Menschen, sondern Werkzeug ist des ganzen Volkes. Daß seine Arbeit nur dann Wertarbeit ist, wenn sie den Geist des Volkes atmet und diesem wertvollsten Dienst leistet. Darüber hinaus aber steht noch eine andere Forderung. Daß in dem Ringen um die Kräfte der Natur in den deutschen schaffenden Menschen selbst immer neue Kräfte erwachsen, daß in unseren Arbeitsstätten, Büros und Betrieben völkisches Leben frei wird und in ihnen der deutsche Mensch erstarkt. Beide Forderungen aber wachsen auf einem Boden, und nur derjenige wird sie zu vereinen verstehen, der in seinem ganzen Leben und Schaffen nur ein Ziel trägt: Deutschland. Wir erwarten von dem Ingenieur unseres Dritten Reiches daß er an seiner Arbeitsstelle und m seinem Betriebe als Mitarbeiter oder Führer m i t- kämpft für den Aufbruch unseres Volkes! Kommerzienrat Or.-Ing. e h.
Röchling
sprach als letzter Über di- Wirtschaft des Saargs- biets und di- Aufgaben, di- dort den Ingenieur erwarten. Die Kohlengruben befinden sich heute m einem Zustand-, der demjenigen ähnelt, dem sie sich nach der französischen Herrschaft im Jahre 1815 befunden hatten. Damals wie heute sind sie in der technischen Entwicklung zurückgeblieben, — an den wichtigsten Stellen sind die notwendigen Ausgaben zur Aufrechterhaltung der dauernden Lebensfähigkeit der Gruben nicht gemacht — wo Geld ausgegeben wurde, ist es meistens infolge mangelnder Jnge- nieurkunft fehlinvestiert — kurzum e i n technischer und wirtschaftlicher Ti es st an d. Infolgedessen schlechte Ware, schlechte Selbstkosten, schlechte Geschäftsergebnisse, Schwierigkeiten aus allen Absatzmärkten, denn die Kundschaft will oll-
lig und anständig beliefert werden. Nach der Rückgliederung die Saargruben in Ordnung zu bringen, wird eine wunderbare Aufgabe für uns Deutsche sein. Daß diese Aufgabe mit voller Begeisterung angepackt werden wird, daran kann nur der zweifeln, der keinen Hauch von dem Geist und der Schaffenskraft unseres Jngenieurftandes verspürt.
Unter diesen Umständen brauchen wir uns u m den Absatz der Saarkohle keine Sorge zu machen. Gute Ware empfiehlt sich selber. Wir sind das Kohlengebiet, das im westlichen Europa am weite st en nach Süden vorgeschoben ist. Wir haben eine Kohle, die einen außerordentlich hohen Gasreichtum hat, und aus der man mit modernen Mitteln einen hochwertigen Koks machen kann. Wenn also die Franzosen, deren sämtliche östlichen Provinzen naturgemäß auf den Bezug der ihnen so nahegelegenen Saarkohlen angewiesen sind, aus Politik auf unsere Kohle verzichten wollten, so müßten sie sie durch westfälische Kohle verdrängen.
Aber selbst wenn sie so dumm sein wollten, so wären die vier Millionen Tonnen Kohlen, die heute jährlich nach Frankreich gehen, leicht auf dem deutschen Markte unterzubringen.
Das (StA für unsere Hochöfen bekommen wir aus Lothringen. 1V< Milliarden Tonnen Eisen liegen als Erz dort im Schoß der Erde und warten darauf, gehoben zu werden. Auch hier wäre es sinnlos, einen Tiel dieses Reichtums dem nur 80 Kilometer entfernt liegenden Saarkohlengebiet vorzuenthalten. Wer so handelte, würde sich i n das eigene Fleisch schneiden. Selbst wenn die Franzosen so verrückt sein sollten, so würde die deutsche Jngenieurkunst durchaus in der Lage sein, diesen Schlag durch die Aufbereitung und Anreicherung der in Süddeutschland in gewaltigen Mengen lagernden minderwertigen Erze zu hochwertigen Produkten abzuwehren. Dazu brauchen wir eine Kanalverbindung zum Rhein, da es nicht länger angängig ist, daß wir zwar eine Wasserstraße haben, die uns mit dem Herzen Frankreichs verbindet, aber keine, die in das Herz Deutschlands führt. Der geplante Kanal wird unsere exzentrische Frachtlage zu den deutschen, aber auch zu den Weltmärkten in Ordnung bringen und damit die große Aufgabe erfüllen helfen, dem deutschen Volk an der Saar, das sich in schwerster Zeit in unwandelbarer Treue zum deutschen Daterlande bekannt und große Opfer auf sich genommen hat, die Lebensmöglichkeit auf dem ihm zugewiesenen engen Raume zu gewähren, auf die es Anspruch hat.
Aerhörie marxistische Ausschreitungen gegen die deutsche Kolonie in Madrid.
Steinhagel gegen Botschafter und Kolonie. — Acht Verletzte, ein deutsches Kind im Sterben. — Was tut die spanische Regierung?
Madrid, 11.3uni. (DNB. Funkspruch.) Die deutsche Kolonie von Madrid veranstaltete am Sonntag ein 5 po rtfest auf dem platz des deutschen Turnvereins. Es war dies das erstemal, daß die sämtlichen sportlichen Vereine im Geiste des neuen Deutschland als ein geschlossenes Ganzes antraten. Obwohl mit Absicht alles vermieden worden war, was der Veranstaltung den Charakter einer öffentlichen Kundgebung hätte geben können, kam es zu einem geradezu unerhörten tätlichen Angriff einer etwa SOföpfigen marxistischen Horde, die in dem Augenblick, als der deutsche B ot s ch a f t e r, Graf Welczeck, mit Gattin die Preisverteilung vornehmen wollte, ein Bombardement mit s a u st g r o h e n Steinen auf die versammelte Kolonie eröffneten. Unter dem Gröhlen der Internationale und dem Schwenken einer roten Fahne verwundeten die Rohlinge durch Steinwürfe fünf Kinder, von denen eines mit eingeschlagenem Schädel im Sterben liegt, zwei Frauen und einen Mann. Erst einem lleberfall-
kommando gelang es, die Angreifer auseinander- zutreiben.
Der Botschafter brachte das schwerverwundete Kind, die achtjährige Tochter eines Madrider deutschen Gastwirtes, in seinem Kraftwagen sofort ins deutsche Krankenhaus, wo es operiert werden mußte und hoffnungslos darnieder- liegt. Die nachfolgenden Wagen bzw. deren Insassen wurden auf dem Wege vom Sportplatz zum Krankenhaus von den in drohender Haltung postierten Marxisten angepöbelt.
Angesichts solcher Ereignisse in Verbindung mit den seit längerer Zeit täglich auf der deutschen Botschaft einlaufenden Drohbriefen, .die sich jetzt unter der Parole „Freiheit für Thälmann" ins Märchenhafte häufen, angesichts der gerade in den letzten Tagen auch gegen antimarxistische spanische Persönlichkeiten sich häufenden Attentate muß man für die Zukunft leider noch eine wefenttiche Steigerung dieses Terroristenunwesens voraussagen, es sei denn, daß die spanische Regierung jetzt endlich schärfstens durchgreift.
„Zweideutig und gefährlich."
Italienische Enttäuschung über die in Genf geschaffene Lage.
London, 11. Juni. (DNB.-Funkspruch.) Der Korrespondent der „Times" in Rom meldet, die italienische Enttäuschung und Unzufriedenheit über das Ergebnis der Abrüstungskonferenz habe in den bestunterrichteten Kreisen zu der Ansicht geführt, daß Deutschland jetzt ein natürliches Recht zur Aufrüstung besitze, und daß es diese Ausrüstung damit begründen könne, daß die letzte Entschließung von Genf keinerlei bestimmte Bezugnahme auf das Versprechen der Gleichberechtigung vom 11. Dezember 1932 enthielt und ferner mit der Haltung, die Frankreich eingenommen habe. Die von dem Hauptausschuß angenommene Entschließung werde in Rom als zweideutig und deswegen gefährlich getadelt, und es werde als beklagenswert angesehen, daß sie nicht ein deutliches Wort, nicht eine Zahlenangabe und nicht ein Datum für die Abrüstung oder auch nur die Begrenzung der Rüstungen enthalte.
Aus den italienischen Berichten über Genf läßt sich entnehmen, aus welchen Gründen im einzelnen Italien den Beschluß des Hauptausschusses nur unter Vorbehalt angenommen hat. Der zweite Paragraph fei dazu bestimmt, einige Ausschüsse am Leben zu erhalten, lediglich um die Vorstellung hervorzurufen, daß die Arbeiten noch weitergingen. Der erste Punkt gehe auf Frankreich zurück, um die Blockbildung und die militärischen Allianzen gewissermaßen unter b e n Schutz des Völkerbundes zu stellen. Was die vorgesehene Ernennung eines Sonderausschusses zum Studium der Durchführungsgarantien und die zur Wiederaufnahme der die Kontrolle betreffenden Arbeiten anlange, so bedeute das soviel, als wenn man den Wagen vor die Pferde spanne. Denn solange es keine Abrüstung gebe, gebe es auch nichts zu kontrollieren und durchzuführen. Auch der zweite Punkt über die Luftfahrt sei überflüssig. Diese Punkte seien alle hinlänglich besprochen worden ohne jede Möglichkeit
der Verwirklichung. Man könne in Zukunft nur die Entwicklung einer Politik der Waffen und der b e- waffneten Koalitionen erwarten. Die Verantwortung hierfür brauche man nicht mehr lange zu suchen. Frankreich habe feine gradlinige, halsstarrige und kämpferische Politik wieder ausgenommen.
Italien sucht die politische Aussprache zu fördern.
Berlin, 9. Juni. (DNB.) Mik Bezug auf Nachrichten in der ausländischen presse über eine b e - vorstehende Zusammenkunft zwischen dem italienischen Regierungschef Mussolini und dem Reichskanzler Adolf Hitler wird von zuständiger Stelle erklärt, daß zwar Erwägungen nach dieser Richtung schweben, daß aber Abschließendes über Zeit und Ort der Zusammenkunft noch nicht bekannt ist.
Nach übereinstimmenden Meldungen aus Rom und Berlin beurteilt die pariser presse das bevorstehende Treffen zwischen dem Reichskanzler und Mussolini als feststehendes Ereignis. Frankreich wird indessen nicht als dritte Macht bei einer Zusammenkunft Hitler - Mussolini zugegen sein. Barlhou erklärte im Ministerrat, Baron Aloisi habe wohl vorgefühlt, und Mussolini habe i h n offiziös nach Italien eingeloden. Bar- thous diplomatisches Reiseprogramm soll aber während der nächsten Wochen derart überlastet sein, daß er in nächster Zeit nicht nach Italien fahren könne. Barihou wird nach D u k a r e st und im Juli nach £ o n b on reisen. Man rechnet also nicht vor Oktober mit einem Besuch des französischen Außenministers in Rom.
Umsiedlung.
Von Or. Heinz potthoff.
Aus den Vereinigten Staaten kommt die Kunde, daß dort systematisch die A n s i e d l u n g von Industrien in den vorwiegend agrarischen Staaten geplant wird. Es wird also dort in vergrößertem Maße geschehen, was auch in Deutschland bereits in die Wege geleitet ist: eine Verstärkung der Industrie in den vorwiegend ländlichen und landwirtschaftlichen Bezirken. Am bekanntesten ist der Plan des Obcr- präfiöenten Erich Koch-Königsberg zur Industrialisierung Ostpreußens. Neuerdings find ähnliche Bestrebungen in der bayerischen Ostmark laut geworden. Auch Pommern will seinen gewerblichen Charakter verstärken. Es bedarf keines besonderen Hinweises, daß damit Aufgaben von weittragender Bedeutung in Angriff genommen werden. Der vordringlichste Anlaß zu diesem Unternehmen ist die große Not unserer Gegenwart: in Deutschland wie in Amerika soll die Industrialisierung vor allem der Bekämpfung der Arbeitslosigkeit dienen. Sicher ist das ein äußerst erstrebenswertes Ziel. Aber da die Massenarbeitslosigkeit zum größten Teile auf Ursachen beruht, die hoffentlich bald vorübergehen und an deren Beseitigung die Reichsregierung mit äußerster Energie und mit erfreulichem Erfolge arbeitet, so müssen bei solchen Jndustrialifierungsplänen nicht nur die Wirkungen in der Gegenwart, sondern auch die in der Zukunft, nicht nur die Wirkungen auf eine Provinz, sondern auch die auf das gesamte Land bedacht und beachtet werden. Denn unsere deutsche Volkswirtschaft ist eine Einheit, von deren Gesamtschicksal das Blühen aller einzelnen Teile abhängt. Und die Ansiedlung von Industrie, die Umstellung von Menschen aus der Landwirtschaft in gewerbliche Tätigkeit oder die Verpflanzung von Menschen aus dem Westen in den Osten ist nicht etwas Vorübergehendes oder etwas, das sich mit wechselnder Konjunktur leicht wieder rückgängig machen läßt. Die Einrichtung von gewerblichen Anlagen erfordert erheblichen Kapitalaufwand, der verloren ist, wenn die neuen oder auch die von ihnen verdrängten alten Fabriken keinen lohnenden Absatz finden. Und der Uebergang von Arbeitern aus der landwirtschaftlichen in die gewerbliche Tätigkeit bedeutet in der Regel eine dauernde Verschiebung in der Zusammensetzung der deutschen Bevölkerung, die im Interesse der künftigen Volksgesundheit und Volksvermehrung nicht erwünscht ist. Deswegen sind drei Richtlinien von Anfang an zu beachten, wenn nicht die vorüberaehende Erleichterung der Wirtschaftslage einer Provinz mit einer künftigen, dauernden und bedenklichen Erschwerung der gesamten Wirtschaft erkauft werden soll.
An erster Stelle steht der Satz, daß jede Vermehrung der gewerblichen Erwerbsmöglichkeiten in landwirtschaftlichen Gegenden dann erwünscht ist, wenn sie eine sonst drohende Abwanderung von Menschen nach bereits industriellen Gegenden hindert. Das ist weniger ein wirtschaftliches als politisches und hygienisches Erfordernis. Die ländlichen Gebiete sind der Brunnquell der Volkskraft. Daß feit 50 Jahren der gesamte Geburtenüberschuß der ländlichen Gebiete in die Städte und Jndustrie- bezirke abgewandert ist, hat die unheilvolle, falsche Gliederung des Volkes gebracht, die den letzten, tiefsten Grund der gegenwärtigen Arbeitslosigkeit bildet. Diesen Zug vom Osten zum Westen, der zugleich ein Zug von Landwirtschaft zu Industrie ist, ein- zudämmen, ist die wichtigste bevölkerungspolitische, aber auch wirtschafts- und sozialpolitische Ausgabe. Zu ihrer Lösung kann auch eine Verstärkung der gewerblichen Erwerbsgelegenheiten in den ländlichen Bezirken dienen. Wenn Landarbeiter von ihrer früheren Tätigkeit zur Industrie übergehen wollen, dann ist es weit besser, sie finden den neuen Beruf in der Heimat, als daß sie unmittelbar oder in Etappen die Massenbevölkerung Berlins oder des rheinisch-westfälischen oder des sächsischen Jndustriebezirkes vermehren.
Die Aufgabe, die ländliche Bevölkerung in der Heimat festzuhalten, wird doppelt bedeutsam, wenn sie dahin führt, die Familien auch in der landwirtschaftlichen Berufstätigkeit festzuhalten. Das tritt namentlich dann ein, wenn der Hof nicht imstande ist, die ganze Familie zu beschäftigen und zu ernähren. Es wird erhöhte Bedeutung gewinnen unter der Herrschaft des Erbhofgesetzes, das den Hof ungeteilt einem Nachkommen erhält. Es kann sehr gefördert werden durch Siedlungen, die nicht volle Bauernstellen, sondern nur Halbsiedlungen, Zuschußwirisch a f t e n schaffen. Der Industriearbeiter mit eigener kleiner Landwirtschaft ist eines von den sozialen Idealen, denen mir zustreben. In Württemberg ist es weithin verwiklicht, Ostpreußen und Ostbayern haben durchaus die Voraussetzungen dafür.
Dann zweitens: die Vermehrung der Bevölkerung in den agrarischen Provinzen muß eines der Hauptziele sein. Deswegen erfüllt die Industrialisierung des Ostens ihren Zweck erst ganz, wenn sie zu einer Rückwanderung führt. Und zwar kommt es nicht darauf an, daß überhaupt Menschen aus den Jndustriebezirken in die landwirtschaftlichen Gegenden verziehen, sondern wenn irgend möglich, sollen es die Menschen sein, die hier geboren sind. Rückkehr in die Heimat ist nicht nur leichter zu erreichen als die Einbürgerung Fremder, sie ist auch wichtiger. Denn wer in die Heimat zurückkehrt, findet dort Beziehungen vor, die ihm das Einleben erleichtern und ihn festhalten. Er stammt meist aus bäuerlichen Kreisen und ist nicht nur zum gewerblichen Arbeiter, sondern auch zum Siedler befähigt. Er bringt eine Frau mit, die einen ländlichen Haushalt zu bewirtschaften versteht, ober er gewinnt leichter als der Fremde eine


