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Nr. 264 viertes Blatt Gietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen) §amstag,lv. November 1934

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OerWeg der Milch zu den Haushaltungen.

Llnierhalifamer Spaziergang durch die Milchzentrale Gießen.

Die Milchwirtschaft kann altmodisch und neu­zeitlich betrieben werden. Diese beiden Begriffe kann man auch übersetzen: Die altmodische Art kann nach bestem Bemühen hygienisch fein, die moderne Art der Milchverarbeitung aber ist ab­solut hygienisch. Bielleicht verdanken wir die Steigerung der Volksgesundheit in den letzten bei­den Jahrzehnten der neuzeitlichen Verarbeitung der Milch und ihrer Produkte.

Zweifellos hat die altväterliche Art der Milch- verarbeitüng etwas durchaus gemütvolles an sich, vielleicht aber ist diese Tatsache unwichtig, wenn man an die Volksgesundheit denkt. Das eigene Butterfaß

Wandlung durch und wird in der Bewegung und im Drange zwischen Quetschwalzen zur goldgelben, schönen festen Butter. In mächtigen Klumpen wird der edle Stoff aus der Buttertrommel gehoben, in einem einfachen besonderen Apparat in gleichmäßige Stollen gepreßt, geschnitten und verpackt. Diese Butter ist, da sie durch die Pasteurisierung des Rahms von allen schädlichen und eventuell zersetzend wirkenden Keimen befreit ist, sehr lange haltbar. Der Milchwirtschaftsverband hat in diesem Zusam­menhang einen besonderen Vorstoß unternommen, indem er neuerdings die Forderung erhob, alle nicht im eigenen Haushalt des Bauern verwendete

Milch an die Molkereien zu liefern, da diese ja durch ihre neuzeitlichen Einrichtungen allein imstande seien, solche lang haltbare Butter herzustellen und der Fettversorgung unseres deutschen Volkes da­durch ein starker Rückhalt verschafft wird.

Die Käsebereitung aus den verwendbaren Wer­ten der Magermilch spielt in der Zentralmolkerei Gießen keine wesentliche Rolle. Die Herstellung des Quartes aus Magermilch, jenes vielgeschätzten Pro­duktes für den schmackhaften und gern gegessenen Quarkkuchen wird aber mehr gepflegt.

kann der Bauer nach wie vor verwenden, er soll es aber nach den neuesten Bestimmungen des Milchwirtschaftsverbandes nur für seinen eige­nen Bedarf tun. Diese neuen Bestimmungen wollen die Dolloerantwortlichkeit der Volksgemeinschaft gegenüber. Der Bauer kann auch die Milch von seinen Kühen verwenden wie er will, aber er soll es nur in seinem eigenen Hause. Es könnte doch sein, daß unter seinen Kühen ein krankes Tier ist. Er weiß es vielleicht gar nicht.

Die Volksgemeinschaft aber und insbesondere die Heranwachsende Generation, der die Milch ja in erster Linie dienen soll, müssen vor allen Gefahren geschützt werden. Deshalb muß die Milch den neuen Weg gehen. Der Bauer, der Milcherzeuger, hat das ja auch längst begriffen wie wäre es sonst auch möglich, daß die Milchzentrale Gießen im Umkreis von 25 Kilometer um unsere Provinzialhauptstadt bereits nahezu alle anfallende Milch erfaßt so­weit sie nicht im Haushalt des Bauern selbst Ver­wendung findet.

Doch genug der Vorrede! Verfolgen wir einmal den Weg, den die Milch in der Zentralmolkerei Gie­ßen zu gehen hat:

Aus weitem Umkreis wird die Milch in großen Kannen auf Lastkraftwagen zumeist an die Rampe der Molkerei gefahren. In der Molkerei herrscht in den Stunden des Vormittags Hochbe­trieb, denn der Inhalt einer jeden Kanne tritt so­fort seine Reise über die Waage durch die ver­schiedenen Maschinen an. Der Besucher, der sich in die Batterien der Milchkannen verirrt, hat gut auf­zupassen, daß ihm nicht, während er sich mit dem Be- triebsführer unterhält, unversehens eine der gefüllten Milchkannen auf dem Fuße landet. Es ist ein ständiger An- und Abtransport von vollen und leeren Milch­kannen. (Dir leeren Kannen werden übrigens so­fort mit Heißdampf ausgespült!) Das Klappern der Kannen mischt sich mit dem Geräusch von Motoren und Transmissionen zu einem einzigen disharmo­nischen Krawall.

Während die Milch Kanne für Kanne in die gro­ßen glänzenden Aluminiumbottiche der Waage ent­leert wird, während des ständigen Ausladens der vollen und der Einladung der leeren Kannen, steht der Mann an der Waage (der fast wie ein Matrose in Galauniform aussieht) wie der Turm in der Schlacht. Er zählt, sieht auf die Skala der Waage, notiert, zählt, guckt, notiert ... Aber er schreibt nur Kilogramm auf. lieber die Umrechnung der Kilo­gramme Milch in Liter Milch (nach dem spezifi- schen Gewicht) muffen sich die Herren vom Büro den Kopf zerbrechen. Der Bauer erhält 14täglich fein Geld für die abgelieferte Milch.

In der Molkerei unterscheidet man scharf: Frisch- (T r i n k -) M i l ch und W e r k m i l ch. Beide gehen verschiedene Wege. Frischmilch wird in einer Reini­gungszentrifuge von jeder Spur, die an Unrein­lichkeit in ihr enthalten sein könnte, befreit, vor­erwärmt, dann in der Pasteurisierungsanlage auf eine Temperatur von 65 Grad Celsius gebracht, auf dieser Temperatur etwa eine halbe Stunde ge­halten, dann mit Pumpen weiterbefördert. Die Pa­steurisierung hat den sicherlich jedermann bekann­ten Zweck, alle schädlichen Keime in der Milch zu vernichten, ihre wesentlichen Werte aber und ihre spezifischen Eigenarten voll zu erhalten.

Die Milch fließt von der Pasteurisierungsanlage über einen verdeckten Vorkühler und gelangt dann in einen besonderen Raum, um dort über dem Tief- kühler auf eine Temperatur von nur 3 Grad Cel­sius gebracht zu werden, um nun in große Glas- emaille-Bottiche zu fließen. Mystisches Blaulicht herrscht in diesem Raum, in dem die ultravioletten Strahlen des Tageslichtes gebrochen werden sollen, damit sie nicht eventuell der Milch schaden können. Damit für die Abfüllung völlig gleichmäßig fett­haltige Milch den Bottich verläßt, sind Rührwerke eingebaut, die die Milch während der Abfüllung (die ein halbe Stockwerk tiefer geschieht) in ständi­ger Bewegung halten. Ein raffiniertes Stück Ma­schine ist der Flaschenabfüllapparat, der die Flaschen nicht nur füllt, sondern sie auch gleich nut einer pappen gedichteten Blechkapsel verschließt und tm*itej> transportiert Ein besonderes Kapitel, ist auch dh Flaschenreinigungsmaschine, in der jede einzelne Flasche innen und außen abwechselnd mehrere Male hintereinander ein Heißwasser- und em Kaltwasser­bad über sich ergehen lassen muß. Keimfrei kommt jede Flasche aus diesem Apparat herausspaziert.

Die Werkmilch wird ebenfalls vorgewärmt. In besonderen Separatoren, die mit phantastischer Tourenzahl laufen 16000 Umdrehungen in der Mi- nutel. wird der Rahm vgn der Milch geschieden und der Rahm, wie auch die Magermilch in getrennten Leitungen weiterbesördert. Die zurückfließende Ma­germilch und der zurückfließende Rahm werden dann getrennt im sogenanntenPlattenerhitzer" pasteurisiert, der in sinnreicher Konstruktion durch einen Wärmeausgleich die zu den Separatoren flirftonhe Vollmilch vorwärmt.

Während die Magermilch zum Teil zur Ver- sütterung an das Vieh an die Milchlieferanten zu­rückgegeben wird, geht der süße Rahm seiner Wei­terverarbeitung entgeaen. Er fließt über eim> Tief­kühlanlage in einen Bottich, in den ein Rührwerk eingebaut ist. Durch den Zusatz eines Säureweckers, dar durch die Impfung mit Milchsäurebakterien in Reinkulturen in bestimmten säuernden Eigenschaf­ten geführt ist, wird der Rahm für die Butterher- fteüunq vorbereitet Durch den Zusatz von Säure­bakterien wird der notwendige Umwandlungsprozeß von Süß- in Sauerrahm beschleunigt. Er ist in knapp 18 Stunden vollzogen. In den großen But­tertrommeln macht dann der Rahm seine endgültige

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Links oben: Die vollen Milchkannen, im Lastkraftwagen angefahren, werden an der Rampe der Milchzentrale ausgeladen. Rechts oben: Ein Blick in das Laboratorium der Molkerei. Vor dem Ausleeren der Milch werden Proben genommen. Mitte links: Die Milch wird in große Aluminiumbottiche geschüttet. Mitte rechts: Der Mann an der Waage registriert die angelieferte Milch nach dem Gewicht. Unten links: Gleich nach dem Ausleeren werden die Kannen mit Heißdampf gereinigt. Unten rechts: Die Pasteurisierungsanlage, eine der Bearbeitungsstationen für die Frischmilch.

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Links oben: Im Maschinenraum. Zwei leistungsfähige Separatoren entrahmen die Werk» milch. Reckts oben- Ein Blick auf den Plattenerhitzer für die Verarbeitung und Pasteuri. sierung des Rahmes und der Magermilch. Mitte links: Das Abfüllen der Frischmilch m Kannen. Mitte rechts: Am Flaschenabfüllapparat. Unten links: Bei der Butterverarbei- tung. Im Hintergrund die Buttertrommel. Die Butter wird geschnUten und verpackt. Unten rechts In der Abtellung Käserei. Die fertig bearbeiteten Frühstuckskase werden zum Reifen aufgestellt

Der Besucher wird die Zentralmolkerei nicht ver­lassen, bevor er nicht auch in das Untersuchungs­laboratorium einen Blick geworfen hat. Ständig wer­den täglich Hunderte von Milchproben (sofort bei der Einlieferuna der vollen Kannen) genommen und aus Reinlichkeit, Säuregrad wie auch auf den Fettgehalt untersucht. Jede Feststellung, insbeson- dere die der Fettprozente, wird genau notiert. Die Filter, mit denen die Reinlichkeitsproben durchge­führt werden, erhält meist der Milchlieferant, der dann aus dem Aussehen des Filters Schlüsse und Lehren ziehen kann, die der Qualität der Milch dienen.

Die Milchzentrale Gießen, die vor etwa 3 Jahren noch dem damaligen Stande auf das Modernste eingerichtet wurde wir berichteten damals dar­über hat in der Zwischenzeit bereits wesentliche Verbesserung erfahren. Die damalige Leistung von 15 000 Liter Milchverarbeitung konnte auf nicht weniger denn 30000 Liter tägliche Milchverarbeitung gesteigert werden. Diese große Menge Milch wird in einer Zeit von 5 Stunden bewältigt.

Am Nachmittag herrscht dann stets großes Reine­machen im Betrieb und es dauert meist nicht lange, dann sind die durchweg mit weißen Kacheln aus- gelegten Werkräume blitzblank geputzt, in den Stangen und Röhren kann man sich spiegeln, und wenn das hierfür zuständige, besonders einge­arbeitete Personal das Feld geräumt hat, dann herrscht in der Molkerei eine sonntägliche Stille, die erst am anderen Morgen um 6 Uhr wieder unterbrochen wird.

Wen am frühen Morgen die Hausfrau in der Stadt ihre Milch vor der Türe findet, sei es in der Flasche oder im Topf, dann kann sie die Gewißheit haben, daß sie gute Milch hat, denn sie weiß, wie viele verantwortungsbewußte Geister dafür wirken, daß unsere Gesundheit von dieser Seite her gewähr­leistet ist. Gleichzeitig wirkt sich hier eine Segnung der modernen Technik aus, die wir dankbar be­grüßen sollen, wenn sich unsere Gedanken einmal mit der Milch beschäftigen.

Der Leberfall auf das Personen­auto bei Klein-Linden.

Amtsgericht Gießen.

Gegenstand der gestrigen Sitzung war u. a. der Ueberfall auf Öen Personenkraft­wagen, der sich bekanntlich am 10. Oktober d I. auf der Straße Klein-LindenDutenhofen zutrug.

Die Hauptoerhandlung ergab folgendes: Am 10. Oktober 1934 gegen 19 Uhr tarn ein Einwohner von Gießen in Begleitung eines Berufskollegen mit einem Personenauto von Dutenhofen in Richtung Klein-Linden. Kurz vor Klein-Linden, am Wald­rande, bemerkten die Insassen des Wagens einen Angetrunkenen, der später als der 1912 in Gießen geborene Händler P. K. ermittelt wurde, auf der Straße. Um ein Unglück zu verhüten, hielt der Wagenlenker auf der Straße an. Der Angeklagte kam an das Auto heran und schlug gegen die Scheibe. Als die Wagentür geöffnet wurde, zog der Angeklagte den Führer des Autos auf die Straße und verletzte ihn ganz erheblich, indem er ihm mit beschuhten Füßen an Kopf und Brust stark zusetzte. Der Verletzte, der nach ärztlichem Befund einen Kiefer-, Nasenbein-, sowie mehrere Rippenbrüche davontrug, mußte sich drei Wochen in ärztliche Be­handlung begeben.

Zu seinem Schutz wandte der Angeklagte ein, in Notwehr gehandelt zu haben. Die eidliche Verneh­mung der beiden Autoinsassen ergab jedoch, daß der Angriff einzig und allein von feiten des Angeklag­ten ausgeführt wurde.

Entsprechend dem Antrag des Vertreters der An­klage erkannte das Gericht auf eine Gefängnis­strafe von 6 Monaten. 25 Tage erlittener Untersuchungshaft werden auf die erkannte Strafe angerechnet. Der Angeklagte nahm das Urteil an.

Oie Lohnsteuer 1935.

In den vom Wirtschaftsprüfer Hermann Will zu Gießen herausgegebenenAktuellen Steuerfra­gen" lesen wir im Rundschreiben Nr. 16 vom 1. November:

Ein Erlaß des Reichsfinanzministers vom 25. September 1934 (S. 2230 88 III) bringt die neuesten Bestimmungen über die Ausschreibung der Steuerkarten für 1935. Eine Anzahl von Bestim­mungen des demnächst erscheinenden neuen Einkom­mensteuergesetzes hat hier bereits Berücksichtigung gefunden:

1. Für den Arbeitnehmer.

Steuerermäßigung wird nicht nur für minder­jährige Kinder, sondern auch für volljährige bis zum Alter von 25 Jahren gewährt, sofern diese noch auf Kosten des Steuerpflichtigen eine Berufsaus- bildung genießen. Die Eintragung dieser Kinder in die Steuerkarte erfolgt nur auf Antrag.

Die Bestimmung, daß auch für Hausgehilfinnen ein steuerfreier Betrag gewährt wird, bleibt für die Dauer aufrechterhalten.

In der Steuerkarte muß die Frage nach der Religion des Arbeitnehmers beantwortet werden, nicht um seine innere Überzeugung, sondern feine rechtliche Zugehörigkeit zu einer Religionsgesellschaft zu ermitteln. Diese Regelung ist deswegen durchge- führt worden, weil die Kirchensteuerveranlagung von den Kirchensteuerbehörden weitgehend auf Grund der Steuerkarte durchgeführt wird.

2. Für den Arbeitgeber.

Der Arbeitgeber hat über alle Einzelheiten der Lohnzahlung Buch zu führen. Die Führung eines Lohnkontos ist nur für solche Arbeitnehmer vor- geschrieben, deren Arbeitslohn wöchentlich 15 RM. übersteigt. Der Arbeitgeber hat in seinen Büchern insbesondere zu trennen zwischen laufenden und einmaligen, zwischen Bar- und Sachbezügen des Arbeitnehmers und evtl, gezahlte Aufwandsentschä- bigungen gesondert zu verbuchen.

Die Lohnsteuerbe^cheinigung auf Seite 2 der Steuerkarte ist am Ende des Kalenderjahres ober bei früherer Beendigung des Arbeitsverhältnisses zu diesem Zeitpunkt dem Vordruck entsprechend sorg­fältig auszufüllen.