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Nr. 2?7 vierter Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)Mittwoch. 10. Oktober 1934

Zunge deutsche Nation.

Junger Führer.

Hundert Jungen-Augen schauen dich an, hundert Jungen warten auf den Befehl: Voran!"

In deinen Lippen liegt das Alles und das Nichts, und deine Worte find die Maße des Gerichts. In deiner Macht liegt alles. Liegt Nacht und auch das Licht, und deine Jungen tragen nur dein Gesicht.

Gerhard Dabel.

Vom Laienspiel.

Aus der Kulturarbeit der Hitlerjugend.

Mit Zittern und Zagen sehe ich jedesmal einer Jugendveranstaltung entgegen, in der die Auffüh­rung eines Theaterstückes geboten wird...

In Kostümen, die aus den frischesten Mädeln alte Haubenstäcke, aus jungen Kerlen rauschebartumwogte Karikaturen machen, mit lächerlichem Pathos und unter vernehmlicher Mitwirkung des Souffleurs werden lebensverfälschende Sentimentalitäten dar­gestellt, die leider nur allzuoft auf ein bereitwilliges Publikum stoßen. Die geschäftstüchtigen Verleger frür das Vereinstheater und ihre Stückefabrikaten haben sich auch bereits der neuenKonjunktur" an­gepaßt und bringen serienweise Spiele für HI., BdM. und SA. heraus, in denen die kargen und großen Schicksale und Ideen der Kämpferzeit zu ^riefenden Rührseligkeiten umgebogen werden. Und eider fliegen noch viele Parteiorganisationen, be­sonders auf dem Lande, auf diesen Mist herein.

Wenn wir in der HI. uns für das Laienspiel ein- etzen-, dann machen wir damit scharf Front gegen iebe Theaterspielerei!

Laienspiel hat nämlich mit dem Theater im üb­lichen Sinne nicht das Geringste zu tun. Das wird usfort klar, wenn wir den Schauspieler mit dem Laienspieler vergleichen.

Der Schauspieler, der vermöge seiner künstlerischen Begnadung über eine mehr oder weniger große Ver- wandlungsfähigkeit verfügt, ist heute König, morgen Bettler, heute ein Schurke, morgen ein Edelmann iuf der Bühne. Er ist der Mann der tausend Seelen. Der Laienspieler hat nicht diese schauspielerische Ver- wandlungsfähigkeit. So ein einfacher Junge kann lichtaus seiner Natur heraus". Wenn ein Spiel- wart ihm doch zumutet, sich zu verstellen, gegen seine Natur eine Darstellung zu versuchen, so entsteht mei­stens diese überbetonte Künstelei, die wir als kitschig >mipfinden. Am deutlichsten sichtbar ist das bei der Sestaltung sogenannter Charakterrollen-, mit raben- ichlvarzer'Ueberdeutlichkeit, auf die im w i rk l i che n ' eben kein Mensch hereinfallen würde, schleichen iie Bösewichter über die Bühne, so,daß unwillkür- !ch die Lachlust sich regt.

Daraus folgt zweierlei: zum ersten, daß das Laienspiel sich grundsätzlich vomTheaterstück" i nterscheiden muß. (Ich will nicht damit sagen, daß ! eim Zusammentreffen besonders glücklicher Um- ände, die in der Großstadt häufiger gegeben sein 'rönnen, diese Grenzen überschritten werden können.) Und zweitens: beim Laienspiel sollte jede Rolle so gesetzt werden, daß die Spieler nicht die Grenzen, !iie ihnen nun einmal durch ihre. eigene Art und Ratur gezogen sind, gewaltsam zu überdehnen brau- ooen. Bei allen Charakter- und Bösewichtrollen also Zurückhaltung und weise Mäßigung!

Wir haben in Deutschland eine reiche Laienspiel- Literatur, die leider noch viel zu wenig ausgewertet vird. Angefangen von den unverwüstlichen Hans-

Sachs- Schwänken wie schön stand in der da­maligen Zeit das Volksspiel neben dem Volkslied in Blüte! bis zu den Spielen, die uns in jüngster Zeit Dichter wie Heinz St eg uw eit, Eduard Reinacher und Werner Altendorf schenkten: welch eine Fülle! In diesen Spielen kann die ju­gendliche Natur sich voll ausleben, und dadurch wird eine Wirkung erreicht, die ihre volle Daseinsberech­tigung neben der Kunst der Bühne hat.

Im Laienspiel verzichten wir auf die Wirklichkeits­illusion der Bühne. Die Theatermaschinerie, die Künste der Friseurs, die falsche Pracht derechten" Kostüme erdrücken zu leicht öie schlichte Eindring­lichkeit des unverkünstelten und unbefangenen Spiels. Eine Stilbühne, karge Andeutungen einer Dekoration müssen uns genügen. Wenn Kostüme benötigt werden, so fertigen wir sie uns selbst an. Unsere BDM.-Kameradinnen können hier ihre Phantasie und Tüchtigkeit walten lassen. Bunte

Spielkittel, die heute in einem heldischen Spiel, mor­gen im bäurischen Schwank gebraucht werden kön­nen, haben uns schon oft ihre praktische Verwend­barkeit gezeigt. Perücken sind zumeist unnötig. Das Gesicht braucht durchaus nicht bis zur Unkenntlich­keit verschminkt zu werden. Und nun muß der Spiel- roart darauf halten, die störenden Dilettantismen zu tilgen, ohne die Ursprünglichkeit der Spieler zu gefährden. Auch im Laienspiel braucht es geformten Könnens, braucht es des Fleißes und der Hingabe. Ein Souffleur ist unnötig; der Text muß gekonnt werden. Nichts kann im Nebenbei erledigt werden. Nur so hat das Laienspiel Werbekraft für unsere Ideenwelt!

Wenn sich so im Spiel das Lebensgefühl der jun­gen Generation ohne Bombast und Gefühlstrara ausfpricht, werden wir auf die lebendige Anteil­nahme der Zuhörer rechnen dürfen!

Bernd Poieß.

Das Leistungsabzeichen derHitlerjugend.

Neue Wege in der Erziehung der deutschen Jugend.

Die Schaffung des HI.-Leistungsabzei- ch e n s durch den Reichsjugendführer Baldur von Schirach bedeutet einen neuen Schritt in der Erziehung des jungen Deutschen. Da über die Be­deutung des Leistungsabzeichens noch vielerfeits Mißverständnisse herrschen, soll an dieser Stelle ein­mal aufgezeigt werden, welche Ueberlegungen zu der Schaffung dieses Abzeichens geführt haben.

Man hat z. B. die Frage gestellt: Warum muß die Hitlerjugend wieder etwas Besonderes haben? Genügt denn der Jugend nicht das Reichssport­abzeichen, das ehemalige Turn- und Sportabzeichen, als Auszeichnung für sportliche Leistungen?

Wir können darauf nur antworten: Nein! Im Leistungsabzeichen hat sich die Hitlerjugend etwas Neues geschaffen, das der Ausdruck nicht allein der sportlichen Ertüchtigung, sondern einer Gesamt- erziehung ist. Die Hitlerjugend erhebt Anspruch auf den ganzen Menschen, sie will in ihm etwas Ganzes sehen, nicht einen einseitigen Sportler ober einen sonstigen Eigenbrötler, wie ihn verschiebene Jugenbbünbe ber Vergangenheit heranzüchteten. Der junge Deutsche hat sich in ihren Reihen einer Gesamterziehung zu unterwerfen, bie feine körper­lichen, geistigen unb seelischen Kräfte beansprucht unb auch seinen Charakter wertet.

Warum ist biese Gesamterziehung notwenbig?

Die Hitlerjugend hat bie Verpflichtung auf sich genommen, bie deutsche 9 u g e n b zum fommenben beutschen Volk zu erziehen, bem ber National­sozialismus selbstverständliche Lebenshaltung unb Lebensinhalt geworben ist. In jebem Zweig bicfer Erziehungsarbeit muß bie lebendige Kraft ber Jbee wirksam werben. Das Seelenleben bes Einzelnen muß auf biefe Jbee ausgerichtet, feine Weltanschau­ung, fein politisches Denken unb Hanbeln von ihr bestimmt, sein Charakter nach ihr gewertet unb feine körperliche Ertüchtigung von ihr beherrscht werben.

Wir wissen, baß eine solche Erziehung viel schwerer unb härter sein muß, als eine nur körper­liche Ertüchtigung ober eine rein geistige Durch- bilbung. Wer sich aber zur Hitlerjugenb bekennt, unb bieses Bekenntnis ist ein freiwilliges, be- funbet bamit zugleich, baß er sich ber von ihr durch­geführten Gesamterziehung unterworfen hat. Die Hitlerjugend will den jungen Deutschen nicht dazu zwingen, denn sie weiß, daß bloßer Zwang und das bloßeDu sollst" zur Unfruchtbarkeit ver­dammt sind, wenn nicht zu bem verpflichteten Du sollst", bas bie Gemeinschaft der HI. bewußt an jeden richtet, das freudigeIch will" derer tritt, die sich zu ihr bekennen. Pflicht und Bejahung

werden zu bleibenden Erfolgen führen und den Typ des kommenden deutschen Menschen formen, aber nur im Rahmen einer Gesamterziehung, deren deutlichster Ausdruck das Leistungsabzeichen ber HI. ist. Man kann dieses Abzeichen daher nicht von der nur sportlichen Seite werten wollen ober es mit bem Reichssportabzeichen auf eine Stufe stellen. Es ist Anerkennung für Leistungen auf jebem Gebiet ber Gefamterziehung. Wer es er­ringen will, muß in ernster Schulungsarbeit auf Heimabenben, Lehrgängen unb Lagern unb burch bas Leben in der Gemeinschaft eine "feste innere Einstellung zum Nationalsozialismus gewonnen haben, muß Kamerad sein können unb einen un­erschütterlichen Charakter besitzen. Wem ber verant­wortliche Führer ein Zeugnis für Leistungen auf bem genannten Gebiet ausstellt, ber barf sich auch zu ben sportlichen Uebungen melben, um sich hier ebenfalls ein Anrecht auf bas Leistungsabzeichen zu erarbeiten.

Im Leistungsabzeichen vereinigen sich körper­liche Ertüchtigung mit weltanschau­licher Schulung unb charakterlicher Erziehung. Das ist bas Neue an ihm, bas mit ber HI. zum ersten Male Wirklichkeit geworben ist. Kein Gebiet ber Erziehungsarbeit steht mehr verein­zelt ba, fonbern ist ein Teil eines umfafsenben Ganzen. Auch bie Leibesübungen haben sich ber Gesamterziehung einzuorbnen. Sie bürfen nicht mehr um ihrer selbst willen getrieben werben, sie sinb nicht mehr bas Privatvergnügen Einzelner, bie burch sie zu höchstpersönlicher Gesundheit unb eigenem Wohlergehen gelangen wollen, ohne Rück­sicht, ob ber Volksgenosse nebenan sich ihrer Seg­nungen nicht auch erfreut, fonbern sinb nunmehr Angelegenheit ber Gemeinschaft, bie burch sie zur Härte, Entschlossenheit, Kampfeswillen unb Mann­schaftsgeist erzogen werben soll. Sie bienen nicht ber Züchtung vonKanonen", sie sinb vielmehr ein Mittel, eine gleichmäßig gut burchgebilbete unb körperlich leistungsfähige Gemeinschaft heranzubilden.

Zugleich mit bem Leistungsabzeichen würbe bas HI. - Leistungsbuch geschaffen. Dieses Buch ist gleichsam ber Paß bes Hitlerjungen für sein weiteres Leben. Aus ihm ist ber Entwicklungsgang bes Hitlerjungen von seinem 10. bis 18. Lebensjahr ersichtlich. In ihm ist alles verzeichnet, was für bie totale Erziehung bes jungen Nationalsozialisten wesentlich ist, bie Teilnahme an Führerlehrgängen, weltanschaulichen Schulungskursen, Jugenblagern, Wettkämpfen, größeren Fahrten unb Aufmärschen.

Damit wirb bas Leistungsbuch zum Dienstaus­weis eines jeben nationalsozialistischen Jugenblichen.

Das neue Leistungsabzeichen für bie HI. wird in brei Graben verliehen: für bas 16. Lebensjahr in Schwarz, für das 17. in Bronze unb für bas 18. in Silber.

Seine Anschaffung unb gewissenhafte Ausfüllung ist für jeben selbstverstänbliche Pflicht. Der alte Sport wollte ben jungen Menschen für sich ganz bie Hitlerjugenb aber will für ihre Erziehungsarbeit ben ganzen Menschen!

Otto Zander.

Wir suchen ein Heim!

Wir hatten einmal ein Heim. Schon war es nicht, aber es war doch ein Raum. Rechts neben uns im Zimmer hatte die Hitler-Jugend ihr Heim, links davon das Jungvolk. Das gab manchmal ein schönes Durcheinander, wenn dann alle drei Grup­pen zusammen sangen, natürlich jede ein anderes Lied ...

Aber das war noch nicht einmal das Schlimmste. Wenn wir unseren Raum nur selbst ein wenig hätten ausgestalten dürfen. Der Gastwirt wollte es nicht. Wir hatten also nichts als eine alte kahle Stube, den ganzen langen Winter hindurch.

Im Heim sollen wir uns wohl fühlen, sollen wir daheim sein. Manchmal fiel es uns sehr schwer in dieser ungemütlichen Umgegend. Aber trotzdem waren wir, froh, wenigstens diesen einen Raum zu haben bis dann eines Tages der Traum aus war. Die drei Zimmer waren als Wohnung ver­mietet. Was nun?!

Wir standen auf der Straße und wußten nicht wohin.Also ins Grüne", sagte unsere Grup­penführerin. Nur gut, daß es jetzt wärmer wurde... Wir gingen also hinaus ins Freie, Heimnachmittag für Heimnachmittag, den ganzen Sommer hindurch.

Manchmal war es ja ganz schon, wenn ein Dutzend Kinder um uns herumstanden; wir sangen unb spielten bann mit ihnen. Propaganbaarbeit!

Aber immer? Wir wollten doch auch einmal unter uns sein, um richtig arbeiten zu können.

Warum basteln wir nicht roieber? Das war boch immer so fein!" fragten bie Mäbel. Ja, w o sollten wir benn basteln? Auf einer Wiese geht bas schlecht. Unb bann kam ein Nachmittag, ba regnete es, was vom Himmel herunter wollte. Nach langem Ueberlegen ftanben wir schließlich vor unserer Schule. Ob uns ber Hausmeister wohl hin­einließ? Es beburfte schwieriger Verhanblungen, bis er sich enblich aufraffte unb uns eine Klasse aufschloß.

Wir haben ein neues Heim! Eine erzählte es ber anberen. Voller Freube unb Erwartung zogen wir

Durch Moor und Heide.

BdM -Mädel aus Herbstfahrt.

Ach bitte, konnten Sie uns sagen, wo bas schloß liegt?"

Da links burch ben Park!"

Danke."

So finbet man sich langsam in ben bunklen Straßen von Celle zurecht. Da ist ja auch schon ber Eark. lieber eine Holzbrücke geht's, unb bann hallen unsere Schritte laut in einem finsteren Torbogen, hm Eingang zur Jugendherberge. Schlafen ht bas einzige, was wir noch benfen.

Früh weckt uns bie Sonne. Wir sinb ben ganzen Vormittag burch Celle gelaufen wie burch eine lxrwunschene Stabt. Die spitzgiebligen Hauser hocken licht aneinanbergefauert am Straßenraub unb er­zählen von glanzvollen Zeiten. Am Nachmittag sinb mir im Heidemuseum. Ehrfürchtig bestaunen wir feen uralten bäuerlichen Hausrat, bie Trachten, bie Schmuckgegenstänbe. Imniedersächsischen Bauern- Inus" vergißt man ganz, baß man im Museum ist; man schaut sich unwillkürlich um, ob nicht bie Bäuerin mit bem Milcheimer übers Flett kommt.

Unb abends in der Herberge flüstern wir noch hnge im Dunkeln.Du, ich freu' mich ja auf die 5 eide!"Na, und ich erftT'

Worpswede. Ein seltsamer Zusammenklang non Wasser, Moor und Heide. Tiefgrüne Wiesen, roeite, braune Heideflächen, zerfahrene Sandwege mit windverwehten Birken. Dazwischen die dunklen, faiegelglatten Moorkanäle, bie kleinen Höfe ber jQoorbauern. Die schlichten Häuschen ber Künstler Ix gen halb versteckt in oerroilberten Gärten, bie Töpfer-, Tischler- unb Weberwerkstätten, in benen cH bie einfachen, schonen Worpsweber Geräte ent- sxhen.

Wir haben in bie Werkstätten hineingeschaut, laben im Abenbbämmern braußen an einem ein- Lmen Torfstich gelegen unb haben ganz still bas 8 ilb biefer herben, norbbeutschen Lanbschaft in uns cjfgenommen.

Auf bem Hamberg stehen wir. Aus tief ausgefallenen Sanbwegen sinb wir gemanbert, manchmal wollte einem ber Rucksack zu schwer wer- t n, aber weiter, immer weiter! Das Heibekraut schlägt rauh gegen bie Beine ... Stunbenlang be» g gnet uns kein Mensch wir wußten nicht, ob , niir auf richtigen Wegen waren.

Unb nun sind wir hier oben. Rings breitet sich

die Heide in Wellen unb Hügeln. Rötlichbraun schirn- mert's in ber Nähe, nach bem Horizont zu schieben sich Wälder dazwischen, blau und dunstig verdäm­mert das Land in der Ferne.

Braun ist die Heide nur ganz vereinzelt wagen sich noch blaßrote Blüten hervor ... Ernst und schwarz steht ber Wacholber ...

Müssen wir schon roieber weiter? Die Wärme, ber Sanb unb bie schweren Rucksäcke!"Da brü­hen hinter bem Walbe sinb bie Hünengräber, bas müssen wir noch schaffen!" Nun geht's auf ein­mal roieber; vergessen ist glle Mübigkeit, wir haben ja ein Ziel!

Durch den Totengrunb steigen wir hinaus nach Wilsebe. Die Höfe ber Heibebauern liegen alle in einem Ring von Eichen, strohgebeckt bie Dächer, am Giebel gekreuzte Pserbeköpfe. Barfüßige, flachsköp­fige Kinber laufen über bie Dorfstraße.

Auf birfenumfäumtem Heiberoeg roanbern wir. Da macht sich plötzlich ber Sturm auf bunt le Wolken haben sich aufgetürmt. Sanb fliegt uns in bie Augen. Dann zucken bie ersten Blitze, rollt ber Donner Herbstgeroitter. Die Birken biegen sich tief hinunter zur Erbe ...

Aus dem Flugplatz.

Wir sinb mit ber ersten Sonne zu Rab hinaus­gefahren. Es ist eine Unenblichkeit bis zum Flug­platz. Jetzt hängen wir über bem Gelänber unb warten.

Endlich kommt ein Start. Schon lange ftanb bie Möwe", ein kleines blaugestrichenes Sportflugzeug, vor ber Halle. Ein Mechaniker läßt ben Motor lau­fen ... Der Rasen unter ber Maschine legt sich flach. Ein leises Beben läuft burch ben Apparat. Aber bie blitzenben Räber stecken fest in ben Halte­klötzen. Der Motor läuft nur mit halbem Gang. Der Kapitän unb ber Pilot treten aus bem Der- roaltungsgebäube. Ihr blankes Leberzeug spiegelt in ber Sonne. Der Kapitän lacht uns zu unb wirft einen prüfenben Blick nach oben.

Prachtvoll ... Etwas NNO. allerbings."

Dann klettern sie in bieMöwe". Der haben un­sichtbare Hänbe auf einmal bie Halteklötze abge­nommen. Der Motor springt in volle Gangart. Die Möve" rollt bavon. Sie läuft, hebt ben Schwanz, bis er genau horizontal liegt, breht auf bie weiße Betonbahn zu. Zwei- breimal knallt sie blauen Dampf ab, springt ein letztesmal febernb in ihrem Fahrgestell und fliegt! Gelöst von allen Un­

ebenheiten bes Gelänbes gewinnt sie in glatter, fteigenber Bahn bas Weite.

Droben, wo ber Walb an den Flugplatz stoßt, legt sie sich in eine Rechtskurve, kommt zurück und zieht in hohem Bogen über unsere Kopfe weg. Ein letzter Gruß des Kapitäns, ber Motor singt aus voller Brust, bann ist sie vorbei. Balb sinb Rumpf unb Flügel nur noch ein feiner Strich. Unb nun ertrinkt auch ber im Hellen Aether.

Inzwischen fahren sie benEnglänber" aus ber Halle. Das ist ein Dreimotoriger. So ein Groß­flugzeug wiegt! Das ist wirklich schwerer als Luft. Dieser stabile, gerippte Metallrumpf, biefe mäch­tigen Steuer unb Verspannungen. Unb erst bie Benzinfässer, bie ber schluckt! Wieber vergeht eine Ewigkeit, bis bie sechs, sieben Reisenben mit all ihren Schachteln unb Schächtelchen in ber Kabine verstaut sinb. Aber enblich klettern auch bie ver­mummten Piloten in ihre hohen Sitze bort oben. Der Signalball geht hoch. Die Motoren schwirren. Drei große Propeller. Unb langsam torkelt ber große Luftomnibus zur Startbahn. Was für eine Kutsche!

Aber es ist, als erwache er langsam unb straffe sich im Anlauf. Seine vorgeschobene Nase wittert Weite. Seine Schwingen erzittern unter ben Luft­wogen, bie sich unter sie hinschmiegen. Was eben schwerfällig schien, hat sich in Wucht unb Würbe verwanbelt ...

Es gelingt uns, in bie Halle zu kommen. Wir setzen uns in eine Kabine. Wir kriechen unter ben Tragflächen herum. Wir bürfen sogar in ben Füh- rerftanb hinauf. Ist bas ein Gewirr von Hebeln unb Knöpfen, von Steuern unb Manometern unb ben verschiebenden Instrumenten ...

Mein Kamerab war schon längst unten unb rief ungebulbig nach mir. Da faß ich immer noch über bem Steuerrab unb träumte von bem unermeß­lichen Ozean ber Luft, unb wie es wohl sein muß, wenn ein Hauptmann Köhl ober Gronau so am Steuer sitzt unb in stolzer Bahn die Kontinente der Welt miteinander verbindet.

Wildstreife.

Morgens 4 Uhr. Irgend jemand knöpft am Zelt unb zerrt an meinen, tief im Schlafsack vergrabe­nen Füßen. Eine Taschenlampe blenbet.Zum Don­nerwetter, wer ...!?"Aufstehen, es ist soweit!" Langsam komme ich zu mir. Taste nach Kompaß unb Jacke, klettere vorsichtig über schnarchet? Bündel, bin fast draußen, als ich mit voller Kraft

gegen bie Kochgeschirre stoße. Sekutenlanger Lärm. Unwillige Stimmen unter ben Decken murmeln Un- verstätliches, einer sieht mich schlaftrunken an, dreht sich wieder auf bie anbere Seite. Ruhe ... Am niebergebrannten Feuer flüstere ich noch einen Augenblick mit ben abenteuerlich vermummten Wa­chen. Morgenkälte schüttelt mich.

Etwas später bin ich tief im Forst.

Langsam roinbet sich ber Walbweg burch taunaffe Schonungen unb neblige Wiesen, bann liegt ein niebriges Birken- unb Erlengehölz vor mir.

Kein Laut, nur wenige frühe Vogelstimmen im Hochwalb.

In ber Nähe eines kleinen, schon stark verlanbe- ten Sees lege ich mich hinter eine halb im Wasser hängenbe Weibe unb warte.

Links von mir ist ber Boben tief aufgewühlt: ein Suhle.

Der Walb erwacht allmählich, hoch über mir streicht ein Schwarm Wilbenten, fern ertönt ber Schreckruf bes Rehbockes. Es ist kein Vergnügen, hier auszuharren! Ungebulbig rupfe ich Gras und wehre mit verzweifelt gegen unzählige Mücken. Mit einem feinen, vielstimmigen Kriegsgeschrei landen ihre Geschwader auf ungeschützten Angriffspunkten, wie Knie, Händen und Gesicht. Eine Schande, daß ich mich nicht bewegen darf! Doch was war das? Jetzt wieder. Alle Ungeduld und Mücken find ver­gessen:

Ein tiefes Schnaufen und Grunzen, Lärm bre­chender Aeste.

Da sind sie auch schon, Mutter Sau mit Frischlin­gen. Vorsichtig schiebt sich ber massige Körper ber Alten an bie Suhle, tief stößt ihre Schnauze in ben Morast, bann wirft sie Erbklumpen in bie Höhe. Schon sinb ihre Söhne unb Töchter, kleine buntfar­bige Geschöpfe, ba unb verzehren mit großem Appe­tit unb lautem Schmatzen einen fetten Engerling ober eine schmackhafte Buchecker. Immer roieber sichert bas Muttertier herüber, brohenb erhebt es ben schwarzen, zottigen Kopf. Sollte etwa ...?

Vorsichtig schaue ich mich nach einem nahgelege­nen, besteigbaren Baum um, ... aber bann will ich meinen Ohren nicht trauen, gellet zerreist ein Pfiff ben morgetlichen Frieben. Wilbschwein unb Frisch­linge empfehlen sich, rasen ganz bicht an mir vor­über unb sinb im nächsten Augenblick verschwunben.

Da kommen zwei Jungen angekeucht. Ich springe auf. Atemlos rufen sie mir zu:Komm schnell, eben hat bie anbere Jungenschaft unsere Wachen gefan­gen unb bas Zelt umgeriffen! ..."

Verdammt ...! ha ja