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m. 237 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Vberhesien)

Mittwoch, lv. Oktober 1934

Sie englische presse zum Anschlag in Marseille

Opfer eines Zustandes geworden, der allen Euro­päern gemeinsam ist, weil er auf uns lastet: D e s Zustandes des friedlosen Europa, wie er sich seit Versailles immer wieder in elemen­taren Ereignissen äußert. Alexander von Jugo-

M a dr id, 9. Okt. (DNB.) Madrid ist während des Dienstagsoor- und des frühen -nachmittag Der« hältnismäßig ruhig geblieben. Trotz der dringenden Aufforderung an die städtischen Arbeiter und Angestellten, sich sofort wieder an ihrer Arbeits­stätte einzufinden, wenn sie nicht ihres Arbeits­platzes verlustig gehen wollten, ist diesem Befehl nur in sehr beschränktem Maße Folge geleistet worden. Straßenbahnen wie Autobusse ver­kehren nur teilweise und nicht mit eigenem Perso­nal. In Barcelona soll vollständige Ruhe herr­schen und die Arbeit ihren normalen Fortgang neh­men. Auch Schießereien sind hier nicht mehr vorge­kommen.

In A st u r i e n und im Baske nlnnd dagegen setzt sich der Feldzug der Truppen gegen die Aufständischen fort. In San Seba­stian konzentrierten sich die Rebellen im Armen­viertel, wurden von Polizeikommandos und Mili­tär angegriffen und mußten sich nach hartnäckigem Kamps ergeben. In Gi j o n ist der KreuzerJaime I"

Gesittung betrachtet. Mit diesem aufrich­tigen menschlichen Mitgefühl hat Deutschland auch die Nachricht von dem Ableben des französischen Außenministers gehört und weiß den Schmerz der französischen Nation zu würdigen.

Unter der Ueberschrift:Im Dienst gefallen" er­klärt dieK r e u z z e i t u n g": Die Schüsse von Marseille werden überall in der Welt ein weit- lhallendes Echo wecken. König Alexander und Louis 'Barthou, beide gute Patrioten und sorg- ffältige Sachwalter der Geschicke ihrer Länder, haben ein jähes Ende gefunden. Ach- ttung und menschliches Mitgefühl gebührt den Män- mern, die im Dienst Opfer eines verbrecherischen An- ffchlages wurden. König Alexander war ein mo­derner M o n a r ch der mit Zielbewußtsein und Energie sein Land durch die Krisen der Nachkriegs­zeit steuerte. Ungeachtet der Schwierigkeiten seiner Aufgabe hat er es verstanden, im Sinne einer neuen Zeit seinem Lande die autoritäre Regierungsform zu geben, die Südslawien zu einem in sich gefestig- ren Staatswesen und zu wirtschaftlichem Aufstieg zu führen versprach. Er war in er st er Linie Soldat, und als Soldat ist er auf vor­geschobenem Posten gefallen. Seit über 40 Jahren arbeitete Louis Barthou an verantwortlicher Stelle für Frankreich. Ueber alle Gegensätze hinweg wird angesichts seines tragischen Tndes gerade ihm das deutsche Volk das menschliche Mitgefühl nicht versagen. Die deutsche Nation hat ein feines Gefühl für den Begriff:Dienst am Staat" und verleiht die- ern Gefühl an seiner Bahre aufrichtigen Ausdruck.

DieDeutsche Allgemeine Zeitung" schreibt: Die böse Tat wird von der ganzen zivilisierten Welt verurteilt. Unser aufrichtiges Beileid gilt den Angehörigen der Toten wie ihren Völkern. Jugoslawien hat einen klugen

London, 10. Okt. (DNB. Funkspruch). Die Londoner Presse verurteilt einhellig dasabscheu­liche Verbrechen von Marseille". Die Aeußerungen der Presse zeugen von den Bemühungen, die Lage kaltblütig zu beurteilen. ImDaily Telegraph" heißt es, die politische Bedeutung des Verbrechens bestehe darin, daß eine Partei Rache g e ü.b t habe an einem König, der sein Land mit starker Hand gelenkt und sich dabei Feinde gemacht habe. Dies könne den Abscheu vor der Untat nicht verringern, aber vielleicht ihre Folge für Europa mildern. Die Hoffnung, daß die mutige und staatsmännische Füh­rung des Königs zu einer besseren Der- ständigung zwischen Frankreich, Italien und Südslawien führen würde, sei vernichtet worden.

Time s" schreibt, für König Alexander war der Thron kein Bett von Rosen. Die Schwierig­keiten mit Italien hätten kein Ende genommen. Keinem seiner Minister sei es gelungen, die ortho­doxen Serben mit ihren Balkanüberlieferungen und die römisch-katholischen Kroaten und Slowenen zu vereinigen. Er habe wiederholt bewiesen, daß er kein Chauvinist gewesen sei. Seine letzte,

der Name des Königreiches der Serben, Kroaten und Slowenen in die Bezeichnung Königreich Süd- flawien umgeändert worden war. 1933 begann Alexander sich praktisch mit der Balkanpolitik zu be­fassen. Er besuchte den König von Rumä­nien, König Boris von Bulgarien und war bei Kemal Pascha in Istanbul. Die Reise stand unter dem Leitspruch:Der Balkan den B a l k a n v ö l k e r n". Sie hatte eine Anzahl von Friedens- und Freundschaftsverträgen zur Folge, darunter den am 9. Februar 1934 abgeschlossenen Balkanpakt. Als im Juni 1934 Sowjetrußland von der Tschechoslowakei und Rumänien anerkannt wurde, schloß sich Südslawien diesem Schritt nicht an.

Im Jahre 1922 hatte König Alexander sich mit Maria, der zweiten Tochter König Ferdinands von Rumänien, aus dem Haufe Hohenzollern- Sigmaringen, vermählt. Dieser Ehe sind drei Söhne entsprossen. Der älteste Sohn, Kronprinz Peter, wurde am 6. September 1923 geboren, Prinz To- mislaw 1928 und Prinz Andrey 1929. s

Vatthous politische Laufbahn.

Außenminister Barthou, der dem Anschlag in Marseille züm Opfer gefallen ist, hat eine lange po­litische Laufbahn hinter sich. Er war 1862 im De­partement Basses-Pyrenes geboren und trat sehr jung in die Politik ein. Er studierte Rechtswissen­schaften und wurde bereits 1889, nachdem er früher in verschiedenen Provinzialversammlungen eine poli­tische Rolle gespielt hatte, zum ersten Male i n d i e Kammer gewählt, der er unaufhörlich bis zu seiner Wahl in den Senat angehörte. Bereits in den letzten Jahren des vorigen Jahrhunderts be­kleidet er mehrere Ministerposten und wurde 1913 Ministerpräsident. Als solcher wirkte er für die Einführung der dreijähri­gen Dien st zeit. Während der Kriegszeit trat er als Minister ohne Portefeuille in das Kabinett Painleve ein und war später im siebenten Kabinett Briand Kriegsmini st er. Auch fast allen übri­gen Regierungen gehörte er zumeist als Justiz­minister an. Eine besondere Rolle spielte er als Nachfolger Dubois' in der Reparationkom­mission. In den Kabinetten Poincare von 1926 bis 1929 wurde er erneut Justizminister und behielt diesen Posten auch im Kabinett Briand bei. Seine Tätigkeit als A u ß e n m i n i - st e r im Burgfriedenskabinett Doumergue ist hin­reichend bekannt. Er hat versucht, der französischen Außenpolitik eine völlig andere Richtung zu geben. In seine Zeit fällt der Eintritt Sowjetrußlands in den Völkerbund, den er mit allen Mitteln be­trieben hat.

vor Anker gegangen und hat Truppenabteilungen dort ausgeschifft, die sich zur Verstärkung der vor Oviedo zusammengezogenen Truppen nach dort in Marsch gefetzt haben. Es heißt, daß die .Regie­rungstruppen im Begriff sind, in Oviedo einzumar- schieren. Die Gefühllosigkeit der Aufständischen kommt u. a. darin zum Ausdruck, daß Angehö­rige des Roten Kreuzes, das seine auf­opfernde Arbeit auf beiden Seiten tun wollte, von den Rebellen beschossen wurde.

Azana verhaftet.

Madrid, 10. Okt. (DNB.) In der ersten Mor­genstunde traf die Meldung ein, daß der frühere spanische Ministerpräsident Azana, der gelegent­lich des katalanischen Aufstandes zum Präsidenten der beabsichtigten spanischen föderativen Republik ausgerufen wurde, in Barcelona zusammen mit dem Syndikalistensührer Angel P e st a n a und einem Hauptmann der Armee verhaftet wor­den ist.

slawien wird in die Geschichte als der Fürst ein­gehen, der aus seinem Reich den st arten Einheitsstaat machen wollte und mußte, weil nur so das stolze Programm Aussicht auf Erfolg verhieß, das er in das Königswort:Der Balkan den Balkanvölkern" eingekleidet hat. Für das neue Deutschland bedeutet sein Tod den Verlust eines Freundes.

Das Echo in Italien.

Rom, 9. Okt. (DNB.) Die Nachricht von der Er­mordung König Alexanders versetzte die gesamte Oeffentlichkeit in heftige Erregung und Bestürzung. Die Zeitungen gaben in den späteren Abendstunden Extrablätter heraus. DasGiornale d'Jtalia" bringt über die ganze erste Seite einen ausführlichen Be­richt über das Marseiller Attentat. Im Nachruf für König Alexander und Barthou heißt es u. a.: Das gesamte italienische Volk verabscheue ein­mütig dieses doppelte politische Ver­brechen, für das es keine Rechtfertigung geben könne. Der Abscheu wende sich in erster Linie gegen die Ermordung König Alexanders. Die p o - litischen Unstimmigkeiten mb nationalen Konflikte, die die Beziehungen zwischen Italien und Südslawien trübten, hätten in der Seele des faschi­stischen Italiens nicht im mindesten das Ge­fühl menschlicher Humanität und So­lidarität sowie einer loyalen P o - litik abzuschwächen vermocht. Das politische Verbrechen sei stets roh und nutzlos. Es löse die Probleme nicht, sondern bringe nur die Kreise in Verwirru n g, in denen ihre natur-

Berliner Pressestimmen znm Attentat von Marseille Märtyrer einer neuen europäischen Gesittung."

Wiederherstellung der Ordnung in Gpanien.

Hoch immer heftige Kämpfe in Asturien und im Baskenland.

Berlin, 10. Okt. (DNB.) Die Berliner Preste i Monarchen, Frankreich einen klugen. Außenminister gibt ihrem Abscheu über das Verbrechen Ausdruck.! verloren. Wenn die Tragik des Schicksals diese bei- DerVölkische Beobachter" schreibt: Er-1 den Männer jetzt im Tode vereint,^ so sind sie die schüttert steht heute die Welt vor den furchtbaren Folgen des verbrecherischen Attentats von Marseille. Die jugoslawische Nation hat durch dieses Verbre­chen ihren König verloren, das französische Volk steht an der Bahre seines Außenministers. Auf- richtiges Mitgefühl erfüllt das ganze deutsche Volk, das über der reinen Politik niemals das Bedürfnis nach menschlich-persönlichen Be­ziehungen zu unterdrücken gewillt ist. In Jugo­slawien trauert ein Volk um feinen König, der in unermüdlicher, zielbewußter Sorge für das Land gewirkt hat und es verstand, feinem Staat auch in den Jahren der schweren europäischen Krisen eine ruhige Entwick­lung zu sichern. Mit Jugoslawien aber muß ganz Europa voll Teilnahme an der Bahre dieses Königs stehen, dessen oberstes politisches Ziel es war, den Frieden zu wahren. In allen Fragen der jugoslawischen Politik zeigte sich König Alexander bemüht um die Schaffung wirklich dauernder Frie­densverhältnisse zwischen den Völkern; diese staats­männische Weitsicht machte den König von Jugosla­wien zu einem Bürgen ruhiger europäischer Politik, der abseits von aufgeregten politischen Kombinationen, sein Land zu einem starken und in sich selbst ruhenden Machtfaktor gestaltete. Selbst tödlich verletzt hatte sich der französische Außenmini st er noch um den sterbenden König bemüht. Kurze Zeit, nachdem König Alexander ge­storben war, verschied auch Barthou. Wir glauben im Sinne des französischen Volkes zu sprechen, wenn wir erklären, daß gegenüber einem derartigen furchtbaren Verbrechen das ganze seiner selb st bewußte Europa in einer Front st e h t und die Opfer dieses Verbrechens ungeachtet vorher ausgetragener politischer Gegensätze a l s Märtyrer einer neuen europäischen

liche und gerechte Lösung zu finden fein müßte.

Zum Tode Barthous heißt es u. a., mit Bar­thou sei, für das italienische Volk nicht nur ein wert­voller Diener der französischen Interessen, sondern auch ein erprobter und wohlwollender Freund Italiens verloren. Die italienische Nation habe die diplomatische Tätigkeit Barthous, die einer Annäherung Italiens und Frankreichs ge­golten habe, stets hochgeschätzt und neige sich in Trauer vor seiner Bahre.

Das Leben Alexanders.

König Alexander wurde 1888 in Cetinje als zweiter Sohn des nachmaligen Königs Peter Karageorgewitfch geboren. Seine erste Ausbildung genoß er im russischen Kadettenkorps. 1909 wurde Alexander zum Thronfolger ausgerufen, nach­dem fein älterer Bruder Georg abgedankt hatte. Von nun an widmete er sich vor allem der Armee. Im ersten Balkankriege 1912 über­nahm er das Kommando der Ersten serbischen Armee und siegte in der Schlacht von Kumanovo. Als König Peter schwer erkrankte, übernahm Alexander am 24. Juni 1914 d i e Regentschaft.

Nach dem Tode seines Vaters bestieg er im Jahre 1921 als König der Serben, Kroa­ten und Slowenen den Thron. Er leistete am 29. Juni 1921 den Eid auf die Verfassung, die er am 6. Januar 1929 außer Kraft setzte. Mit Hilfe des Kabinetts Z i v k o w i t f ch führte er die absolute Regierungsform ein.

Die konstitutionelle Regierungs­form wurde im September 1931 jedoch wieder eingeführt, nachdem bereits am 3. Oktober 1929

so verhängnisvolle Reife habe den Zweck gehabt, mit feinen französischen Verbündeten die Voraus­setzungen für bessere Beziehungen zu Italien als einer unvermeidlichen Vorbedingung für die fran­zösisch-italienische Verständigung zu erörtern, von der soviel abhänge. Barthou habe sich mit Eifer an die Aufgabe gemacht, die Bündnisse und Ver­ständigungen mit anderen Staaten des europäischen Festlandes wieder herzustellen, die sozusagen etwas baufällig geworden seien. Das Mitgefühl mit den Franzosen werde allgemein sein, daß Barthous Einfluß gerade in diesem Augenblick, wo er im Be­griffe war, die langwierigen Meinungsverschieden­heiten zwischen seinem Lande und Italien zu schlich­ten, so unbarmherzig aus der europäischen Diplo­matie entfernt worden fei.

Du große Zarin."

Lichtspielhaus.

Der Film, der sich bisher häufig genug und immer bann, wenn der Ideenreichtum des Gegen­wärtigen nicht ausreichend erschien, großer histo- ischer Ereignisse entsann, ging eigentlich sehr lange up dem hochdramatischen, in steiler Kurve zu phan- mstischer Höhe ansteigenden Lebensweg der Zarin Katharina II. vorüber. Die Amerikaner haben es n un aber doch unternommen und sind dabei ihren mimischen Traditionen in allen Stücken treu ge­rieben. Man mag es vielleicht einen Augenblick lang bedauern, daß das Schicksal der deutschen Vrinzessin Friederike Sophie aus dem Hause Anhalt- Zerbst nicht zuerst in einem deutschen Film seinen künstlerischen Niederschlag gefunden hat, man wird (her hoffen, daß sich die deutsche Filmkunst auch inmal des Themas annimmt, dabei vielleicht aus hem amerikanischen Werke lernt und manches besser nacht, als es die Amerikaner machen konnten, die loch den europäischen Kulturkreisen insbesondere lenen der Vergangenheit ferne standen und viel­leicht immer stehen werden. Das bedeutet nicht (troa, daß der FilmDie große Zarin , der seit ceftern im Lichtspielhaus läuft, nicht einem großen § unstwerk gleichzuachten wäre. Nur wird der Film, botz seines bisherigen starken Erfolges tn Deutjch- Imb, von vielen Besuchern mit einem ganz be- fnmmten seelischen Abstand betrachtet worben sein tmb betrachtet werben.

Daran finb nicht zuletzt verschiedene äußere um- hänbe schulb. Der Film, ber in seiner Original assung läuft (an sich ein großer Vorzug), iöht die Darsteller in einem amerikanischen Englisch fp^ch^ unb bie deutsche Sprache erscheint nur im Schnst- tilb, bas jeweils in bas eigentliche Bilb eingefügt iüt. Ein zweiter manchmal heftig ftörenber Umftanb itt die Prachtentfaltung, die weit über das uns csmäße Dorstellungsvermögen hinausgeht. Die ) aramvunt-Film-Gefellschaft hat sich nur in einer Einsicht Beschränkung auferlegt: im Stofflichen. Der siilm schildert bas Leben ber beutschen Prinzessin nur bis zu ihrer Krönung zur Herrscherin über alle Reußen.

So erlebt man in ausführlicher Schilberung die Situation am herzoglichen Hofe zu Anhalt-Zerbst ir den Tagen schwerwiegender Entscheidungen, die Werbung durch den Kurier des Großfürsten, den Dschied der Prinzessin und die biederen Errnah- mngen des Herzogs, ihres Vaters (hier bedauert Iran wohl am meisten den klanglichen Ausfall der brutschen Sprache), bann bie Reise, den Empfang

in Moskau, bie Gegenüberstellung mit ber Zarin Katharina I. unb bem Großfürsten. Man erlebt ferner bie prunkvolle Hochzeit unb bann bas all­mähliche Sichhineinfinben ber Prinzessin in bie Sitten am russischen Hofe. Die Höhepunkte bilben bas historische Bankett, bei bem Katharina II. und Zar Peter III. zum letzten Male gemeinsam am Tische sitzen, die Ermordung des Zaren sowie die Ergreifung der Macht durch die Zarin.

Viele der sich ergebenden hochdramatischen Sze­nen sind mit wirklicher Meisterschaft und ausge­feilter Technik gestaltet. Einzigartig fein die Szene der väterlichen Ermahnung durch den Herzog, fast dämonisch das erste Auftreten des wahnsinnigen Großfürsten, und vollkommen in ihrer Wirkung die heftigen herrischen Auftritte der alten Zarin, die keinen Hehl daraus macht, daß sie von der Groß­fürstin nur den Thronfolger, die Sicherung der Dynastie, erwartet. Fast verwirrend durch die Prachtentfaltung ist die Schilderung der Trauung in der Kathedrale zu Kasan (durch eine großange­legte chorische Untermalung zu starker Wirkung gesteigert) und ebenso die des Hochzeitsmahles, aus dem eine tatsächliche-und eine filmische Orgie wurde. Der Film wird im gleichen Geiste würdig beschlossen durch den stürmischen Ritt der Zarin und ihrer getreuen Kosaken, durch den Ritt über Gänge und Treppen des Kremls direkt in den Thronsaal. Daß die aus der Handlung sich ergebenden Liebesszenen mit allem Raffinement gestaltet wurden, kann fast als Selbstverständlichkeit gewertet werden. Die Regie (Josef von Sternberg) hat zweifellos das Aeuherste getan.

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Die Darstellung entspricht völlig dem Charakter des ganzen Filmes. Marlene Dietrich verkörpert die Zarin Katharina II. Ihre universellen schau­spielerischen Fähigkeiten machen sie zum geistigen Mittelpunkt. Von der Darstellung des beim ersten Anblick des wahnsinnigen Großfürsten zu Tode er­schrockenen Kindes bis zur Verkörperung der triumphierenden alleinigen Herrscherin ist ihr jede Nuance des Ausdrucks möglich. Ihre künstlerische Meisterschaft ist unbestreitbar. Starken und über­zeugenden Eindruck macht Louise Dress e r als Zarin Katharina I., besonders in den bereits er­wähnten herrischen Szenen. Sam I a f f e hat die schwere Aufgabe, den halbidiotischen Großfürsten Peter darzustellen, und er tut es mit über­raschendem Geschick. Als Kurier und Vertrauter am Hofe, als selbstsicherer Verführer und Lebenskunstler hat John L o d g e eine dankbare Rolle, der er stets gerecht wird. Ruthelma Stevens als die leidenschaftliche Vertraute des Großfürsten, als

i Gegenspielerin der zweiten Katharina und intri­gante Spekulantin auf die Würde der Zarin, weiß ihrer Rolle einen starken dämonischen Zug zu geben. Erwähnenswert der würdige Archimandrit von Davison Clark, C. Aubrey Smith und Olive Teil als die Eltern der deutschen Prinzessin und der schneidige Kapitän Orlosf von Gavin G o r d o n.

Die Photographie arbeitet mit einer überraschen- ben Fülle von neuartigen Effekten und bewegt sich auf beachtlicher künstlerischer Höhe, die Ausstattung ist in jeder Szene phantastisch und überschreitet alle Grenzen; die Musik läßt an Leidenschaftlichkeit nichts zu wünschen übrig.

Angeregt, etwas verwirrt vom Tempo und der Vielfalt der Erscheinungen, insgesamt aber gut unterhalten, verläßt man das Lichtspielhaus. N.

©er Zufall als Detektiv.

Ein Zusammentreffen, das ohne Beispiel in der Geschichte der Kriminalistik ist, hat zur Entdeckung zweier geheimnisvollen Morde in dem englischen Ort Brighton geführt, wobei die Leiche des Opfers in einem Koffer verborgen war. Solche Verbrechen sind an und für sich schon selten, aber daß zwei derartige Fälle sich innerhalb weniger Tage in der­selben Stadt ereignen, und daß man durch die Nachforschungen nach der einen Untat auf die Spur der anderen geführt wird, ist eine Verkettung von Umständen, die kein Verfasser von Kriminalroma­nen ersinnen dürfte, ohne sich den Vorwurf der Unglaubhaftigkeit zuzuziehen. Solche Zusammen­treffen spielen manchmal eine rätselhafte Rolle

Der Fall des Deutschen Oskar Slater wird in die Erinnerung zurückgerufen, der wegen Er­mordung einer alten Dame, Miß Gilchrist in Glas­gow, zum Tode verurteilt wurde, 16 Jahre im Zuchthaus faß, und dann nach Wiederaufnahme des Verfahrens, für die besonders Conan Doyle eingetreten war, für unschuldig erklärt, freigelaffen und mit 120 000 Mark entschädigt wurde. Die 82jährige Miß Gilchrist, die viele Ju­welen besaß und sich stets vor Ermordung fürch­tete, war an einem dunklen Dezemberabend, als sie zwanzig Minuten in ihrer Wohnung allein blieb, getötet und ihrer Schmuckfachen beraubt wor­den. Slater wurde nun im Besitz eines Pfand­scheines auf eine halbmondförmige Diamanten­brosche gesunden, die in der Liste der geraubten Sachen aufgeführt war. Der Zeuge behauptete m ihm den Mann wiederzuerkennen, der nach dem Mord aus der Tür kam. Seine Schuld schien klar. Aber im Wiederaufnahmeverfahren konnte nachge­

wiesen werden, daß Slater die Diamantenbrosche, das Hauptbeweisstück, schon mehrere Tage vor der Ermordung der Miß Gilchrist verpfändet hatte und nur ein merkwürdiges Zusammentreffen von Umständen ihn schuldig erscheinen ließ.

Ein Verbrechen, das ebenfalls großes Aufsehen erregte, war die Ermordnung von Harriet Staun­ton. Das Verbrechen wäre wohl nicht entdeckt wor­den, wenn nicht zufällig ihr Schwager, der sich um die Schwägerin nie viel gekümmert hatte, bei einem Drogisten etwas gekauft hätte. Als er in dem Laden wartete, kam ein junger Mann aufge­regt herein und erkundigte sich, wo er einen Todes­fall anzeigen könne. Das WortCudham", das da­bei fiel, ließ den Schwager aufhorchen. Denn er hatte kürzlich gehört, daß dort Harriet Staunton lebte. Sein Argwohn war wach geworden, und er nahm nun die Verfolgung der Angelegenheit auf, mit dem Ergebnis, daß der Ehemann Staunton und ein Mädchen namens Alice Rhodes, die die Nachfolgerin von Harriet werden wollte, als Mör­der entlarvt wurden. Da Staunton sich sofort nach dem Morde von einem Arzte ordnungsmäßigen Todesfchein verschafft hatte, wäre die Ueberführung sicherlich nicht gelungen, wenn nicht der Schwager zufällig das einzige WortCudham" gehört hätte.

Auch in einer Lebensbeschreibung des großen eng­lischen Schauspielers K e a n wird eine seltsame Ge­schichte erzählt. Er sollte die Rolle eines Unschul­digen spielen, der des Mordes beschuldigt wird, und zerbrach sich den Kopf darüber, wie ein solche Anschuldigung wirken müsse. Würde der Unschul­dige entrüstet aufbegehren, würde er die Farbe wechseln, Verwirrung zeigen? Der Schauspieler sprach darüber mit zwei guten Freunden, und sie beschlossen, die Sache durch einen praktischen Ver­such zu entscheiden. Als angebliche Detektive be­gaben sie sich zu einem ihnen persönlich unbekann­ten, angesehenen Bürger, dessen Charakter und Ruf ihn über jeden Verdacht eines Verbrechens erhaben erscheinen ließen. Als sie sich des Abends in seinem vornehmen Hause melden ließen, empfing sie der Herr mit höflicher Zurückhaltung. Kean ging mit schnellen Schritten auf ihn zu und sagte mit seiner tiefen, packenden Stimme:Mister Blank, wir sind Detektive, und wir haben einen Haftbefehl gegen Sie wegen Mordverdachts!" Nach diesen Worten blickte er gespannt in das Gesicht des Angeschul­digten, um das Notige für feine Rolle zu bevbach- ten.Aber der andere drehte sich fpornstreichs um und lief fort. Er halte fünf Jahre vorher seine Frau ermordet, ohne daß der geringste Verdacht auf ihn gefallen war. Deswegen wandte er sich nun zur Fluchk.