Nr. 211 Drittes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Montag, 10. September 1934
eine Gabe des Schicksals, die zu höchster Verantwortung verpflichtet.
Neben seinen anderen großen Ausgaben hat der Deutsche Luftsport-Verband den fliegerischen Nachwuchs zu erfassen, ihn zu betreuen und die Jugend zu tüchtigen Flieaern zu erziehen. Die Flieger sind, nach einem Ausspruch Hermann Görings, die Elite jeder Nation. Tagtäglicher Einsatz ihres Lebens, beispiellose Treue und vorbildliche Kameradschaft kennzeichnen ihren Weg.
Fliegende Jugend — fliegendes Volk! Fliegendes Volk — siegendes Volk i m Weltenringen der Völker! Deutscher Volksgenosse, und du stehst noch abseits? Hilf deutscher Luftfahrt, denn sie erzieht auch die Jugend deines Volkes zu Männern der Tat! Werde Mitglied im Deutschen Luftsport-Verband!
Anmeldungen bei der Flieger-Ortsgruppe Gießen (Kreisamt), Fernruf 2951, 2952.
Heute Rückkehr der ES. mit der neuen Standarte.
Am heutigen Montag, um 14.40 Ahr (nachmittags 2.40 Ahr) wird der Abschnitt XXX der SS. vom Reichsparteitag in Nürnberg nach Gießen zurückkehren. Die Ankunft der SS. erfolgt um 14.40 Uhr i m Gießener Bahnhof. Die Formationen bringen die vom Führer verliehene und in Nürnberg mit der Dlutfahne geweihte neue Standarte, die die Bezeichnung „Standarte Gießen" führt, mit und werden das ehrwürdige Feldzeichen feierlich in unsere Stadt einbringen. Anter Vorantragung der neuen Standarte wird der Marsch der SS. vom Bahnhof aus nach dem Cafe Leib gehen, wo die Nürnberger Marschkolonne des Abschnitts wieder aufgelöst wird.
Oer Erweiterungsbau der katholischen Kirche.
Veranlaßt durch das starke Anwachsen unserer katholischen Gemeinde einerseits und durch den sehnlichen Wunsch der Gemeinde nach Vollendung ihres Gotteshauses andrerseits soll jetzt der endgültige Ausbau der katholischen Kirche in Gießen in Angriff genommen werden. Die Pläne liegen fertig vor, mit dem Bau soll in aller Kürze begonnen werden. Man hofft, den Erweiterungsbau bis zum Beginn des kommenden Winters auf Sockelhöhe bringen zu können, so daß vom Frühjahr nächsten Jahres ab flott weilergebaut werden kann. Die Fertigstellung des Kirchenerweiterungsbaues erhofft man zum Herbst nächsten Jahres. Die Baukostensumme ist auf rund 190 000 Mark veranschlagt.
Zugehörigkeit des Lebensmitteleinzelhandels zum Reichsnährstand und zum Rekofei.
Durch ein zwischen dem kommissarischen Führer der Wirtschaft Graf von der Goltz und dem Leiter der Reichshauptabteilung IV des Reichsnährstandes Karl Vetter getroffenes Uebereinkommen ist für die Betriebe des Lebensmitteleinzelhandels die Frage der Zugehörigkeit zum Reichsnährstand und zum Rekofei (Reichsverband Deutscher Kaufleute des Kolonialwaren-, Feinkost- und Lebensmitteleinzel- handels), sowie die Anmeldepflicht geregelt. Danach besteht für jeden deutschen Kolonialwaren-, Feinkost- und Lebensmittelhändler die gesetzliche Pflicht zur Anmeldung beim Reichsnährstand oder beim Rekofei. Eine Doppelmeldung ist nicht erforderlich, lieber die Zugehörigkeit des einzelnen Betriebes zum Reichsnährstand oder Rekofei bzw. bei gemischten betrieben zu beiden, entscheidet in Zweifelsfällen eine besondere Kommission. Aus der Pflicht zur Doppelmitgliedschaft wird für die davon Betroffenen keine Mehrbelastung in der Beitragshöhe eintreten.
8,1,6 Die Gießener SA. in Nürnberg.
Als wir noch zur Schule gingen und die Glei- chungen mit mehreren Unbekannten auftauchten, lernten wir diese kniffligen Aufgaben auf verschiedene Weise lösen. Wenn die eine Art versagte, versuchte man's mit einer anderen. Einer besonderen Sorte von Gleichungen gingen wir mit der sog. „Additionsmethode" zu Leibe. Wir zählten die unbekannten und bekannten Größen zusammen und gelangten so zu einer Lösung.
Das fiel mir dieser Tage so nebenbei ein, als ich bei einem Bauern stand, der die Dreschmaschine im Hofe hatte und nun aufschrieb, wieviel Säcke von jeder Fruchtart aus den Speicher getragen wurden. Ich meinte: „Das ist doch schön, wenn man so zusammenzählen kann!" Der Bauer nickte und sagte: „Freilich! Aber wenn nun die Ausgaben beglichen werden sollen, dann müssen wir auch wieder gehörig abzählen."
So ist es: Tausende und aber Tausende von goldenen Körnlein rieseln in den Sack, bis er gefüllt ist. Dann gesellt sich Sack zu Sack. Ein hoher Berg von Getreide sammelt sich auf dem Speicher. Die anderen Früchte füllen auch bald das Haus: Kartoffeln, Gemüse und Obst. Der Bauer überschaut alles, und sein Herz freut sich. Keine un- befannte Größe stört mehr die Aufgabe. Alles liegt klar und deutlich vor ihm. Das find die Herbstfreuden des Bauern. —
Wollen wir nicht auch einmal die Methode des Zusammenzählens anwenden? Der Herbst zieht in das Land. Noch aber überflutet die goldene Sonne Wald und Feld. Haben wir nicht auch viel Schönes geerntet? In einer stillen Stunde lassen wir die Sommerwochen noch einmal im Geiste vorüberziehen. Wie war es doch bei der Pfingst- Wanderung so schön! Und dann im Sommerurlaub! Denken wir noch an die sorglosen Tage an der See oder an den Ausblick von hohen Bergen? Wollen wir unsere Scheunen nicht auch mit Ernteschätzen füllen? Zusammenzählen! Es gibt eine'gewaltige Menge. Aus vielen Einzelbildern gestaltet sich hier ein großes Gemälde. Und dankbar bewahren wir die Erinnerung an diese schönen Tage.
Es gibt freilich Menschen, die nur das zusammen- zählen, was sie an Bösem und Unangenehmem erlebt haben. Alles, was sie an Leid und Trauer erfuhren, verbuchen sie sorgfältig und seufzen dazu. Aber die Freuden vergessen sie, oder sie wollen sich nicht daran erinnern lassen. „Das ist doch alles nichts!" Oder: „Die paar kleinen Freuden! Was sollen wir damit?"
Einen Augenblick, bitte! Wie ist es im Leben? Setzen sich nicht alle Ernten, alle Erfolge aus kleinen, manchmal ganz kleinen Teilchen zusammen? Denken wir doch an die Getreidekörnchen, die sich hn Sacke sammeln!
Mein Junge hat eine Sparuhr. Sie wird jeden Abend aufgezogen. Das ist aber nur möglich, wenn zuerst ein Geldstück eingeworfen wird. Meistens ist das ein Groschen, manchmal, bei Festlichkeiten, Geburtstagen usw. auch einmal ein Silberstück. Alle paar Monate wird dann die Uhr geleert. Wir sind oft erstaunt, was sich da im Laufe der Zeit angesammelt hat. Und wenn ich verraten wollte, was nun in den letzten vier Jahren zusammengekommen ist, würdest du ungläubig den Kops schütteln. Aber es ist schon so: Eine ganz schöne Summe steht im Sparkassenbuch. Nun zählen wir ruhig weiter zusammen. Noch einmal vier Jahre, und noch einmal vier Jahre! Ich will aber nicht vorgreifen. Jedenfalls ist diese Sparuhr ein sehr lehrreiches Beispiel für die beste Art des Zusammenzählens. Aus Dielen kleinen Posten wird hier eine große Summe gebildet, ganz ähnlich wie bei der Getreideernte.
Bist du nicht auch schon einmal an einem Nachmittag ausgegangen, um „ein paar Kleinigkeiten" einzukaufen, die dir gerade fehlten? Und am Abend
Die Ankunft. — Im Vordergrund In der Mitte Standartenführer Lutter.
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Beim Essenempfang. — Im Vordergrund in der Mitte Standartenführer Lutter, nach links stehend Standartenadjutant Sturmbannführer Münker, nach rechts stehend Sturm- bannführer Walther. — (Aufnahmen: Photo-Pfaff.)
beim Nachzählen des Geldes merktest du, daß ein ganz schönes Häufchen Geld draufgegangen war. Du rechnetest nach, und siehe: es stimmte. Aus vielen kleinen Ausgaben war eine große Summe geworden.
Machen mir es mit unfern Freuden ebenso. Zählen wir sie zusammen und schaffen uns so eine schöne Erinnerung! Daß es beim Auflösen der Gleichungen auch eine sogenannte „Subtraktionsmethode = Abzählmethode" gibt, vergessen wir einfach.
So sorgen wir uns für eine reiche Ernte, von der wir noch lange zehren können.
Fliegende Jugend - fliegendes Volk.
Jede Flugveranstaltung zeigt immer dasselbe: die große Begeisterung der Jugend als Ausdruck der Sehnsucht, selbst einmal Flieger zu werden. Solche Begeisterung ist Zeichen der Kraft zu Leistungen, die weder durch Schulung noch durch Hebung erreichbar find.
Die Zukunft eines Volkes ist feine Jugend. Je tatkräftiger und entfchlußbereiter sie ist, um so größer wird ihr Wert für die Nation fein! Die Sehnsucht der Jugend, selbst zu fliegen, ist deshalb
Löwengebrüll in Mexiko.
Von Hans Riebau.
Sie saßen auf dem Bootsdeck des blitzblanken „Kraft-durch-Freude"-Dampfer, die Musik spielte irgendwo auf einem der unteren Decks, und die Sonne schien so heiß über die silbrigfunkelnde, von keinem Windhauch bewegte Nordsee, daß sie glauben mochten, irgendwo im Golf von Aden und nicht in der Helgoländer Bucht zu schwimmen. Unter diesen Umständen war es kein Wunder, daß sich die Gespräche auf dem durchglühten Bootsdeck sozusagen der tropischen Wetterlage alsbald angepaßt hatten. Kebing, der blonde Dreher aus Neu-Kölln, im Kriege Funkerunteroffizier bei der türkischen Armee, erzählte von einem Flugzeugangriff in der Wüste. Dann fing Korlsen von den fünfzig und mehr Graden an zu berichten, die er als Heizer auf Trampfahrt im Indischen Ozean vor den Kesseln über sich hatte ergehen lassen müssen, und als Obersteiger Jsengrimm nun gar einen Stollenbrand schilderte, bei dem das Thermometer bis auf sechzig Grad geklettert sein sollte, da statten sie alle Kragen und Schlips abgebunden, und der Schweiß stand ihnen auf der Stirn.
Buchhalter Janking hatte es unter diesen Umständen nicht leicht, in feinem Abenteuer, das er als Handlungsgehilfe in Mexiko erlebt hatte, all diese Erzählungen und alle diese Temperaturen noch zu übertrumpfen. Trotzdem fing er, nachdem er einen Augenblick überlegt hatte, mit derselben Einleitung an, die in solchen Fällen ehernes Gesetz ist: „Kinder", sagte er, „das ist ja alles noch gar nichts! Als ich vor zwei Jahren in Mexiko-City war..
Und dann ging es, nachdem der Steward noch einmal eine Runde Eiswasser abgeladen hatte, los: „In Mexiko-City, müßt ihr wissen, ist nicht viel zu erleben, und auch Sonntags, wenn wir jungen Leute raus in die Natur zogen und uns dann einbildeten, in der „Prärie" gewesen zu sein, konnten wir uns nichts anderes holen, als Mückenstiche und Appetit auf Münchener Bier. Zu Pfingsten aber lhatte mir Vollmöller, unser Prokurist — ein lang- iwelliger Bürokrat übrigens, aber immerhin schon | feit 1919 in Mexiko — versprochen, eine richtige Urwaldpartie zu veranstalten. Rulf, der Porto- Ikassendirektor, und Hermin, der Korrespondent, woll- Iten auch mit, und als ich ein bißchen skeptisch und maseweiß war und meinte, was man denn schon so iim Urwald erleben könnte, da machten sie alle »ernste Gesichter. — „Warten Sie nur ab", sagte "Vollmöller. „Wenn wir Glück haben, werden Ihnen foie Haare zu Berge stehen, wie noch nie in Ihrem Beben!"
Janking nahm einen Schluck aus dem Eiswasserglas. Dann fuhr er fort: „Die Sache ging dann also am ersten Pfingsttag in aller Frühe tatsächlich los. Zwei Stunden fuhren wir in einem vorsintflutlichen Auto, dann stiegen wir aus, und Vollmöller übergab jedem von uns einen geladenen Revolver, während er selbst sein Gewehr fertig machte. — „Es gibt hier allerlei gefährliche Tiere", sagte er und guckte uns ein bißchen merkwürdig dabei an, „und noch gefährlicher als die Tiere sind — die Menschen."
„Na" — Janking fuhr sich mit dem Taschentuch über die Stirn — „das war ja nun gerade das Nichtige für mich. Wir zogen also, die Hände um unsere Schießeisen gekrampft, los, und bald umfing uns — wie es so schön in den Reisebüchern heißt — der dunkelgrüne Dom des tropischen Urwaldes. Es war, trotzdem uns kein Sonnenstrahl traf, unerträglich heiß, und noch heißer wurde es uns, als wir den Waldpfad verließen und unseren Weg mit Handbeil und Messer durch das Gestrüpp bahnen mußten.
Nach einer Stunde aber gab es einen kleinen Zwischenfall. Halloh! rief ich, „was ist denn dies hier? Ein Wegweiser mitten im Urwald? Und ich zeigte auf einen veritablen Wegweiser, der an einen Baum genagelt war und auf dem in deutlicher Schrift stand: „Bodega Panera 4 minuta."
Vollmöller, der Prokurist, machte, wie es schien, ein verlegnes Gesicht. Dann lachte er. — „Kinder", rief er, „irgendein Spaßvogel hat sich einen Witz erlaubt, und das Schild bort angenagelt. Das ist etwa gerade so wie Anno 16, als wir im Schützengraben über den Stolleneingang das Emailleschild schraubten: „Zum Wartesaal 1. und 2. Klasse." Oder mitten in einem Granattrichter die Warnungstafel errichteten: „Das Ausfpucken auf den Boden ist bei Strafe verboten."
„Nun" — Janking griff von neuem nach dem Wasserglas — „wir lachten denn auch ein wenig über den Spaßvogel, dann zogen wir roeitef mit Messer und Axt durch das Gestrüpp, und als meine Hände voll von Schwielen waren, befahl Vollmöller: „Halt! Zelt auspacken. Hier wird übernachtet."
Eine halbe Stunde später war das Zelt aufgeschlagen, das Lagerfeuer brannte, die Nacht senkte sich, ganz wie es sich gehört, hernieder und auch die Moskitos waren programmäßig zur Stelle. Wir tranken noch einen Whisky, und noch einen, und dann sagte Vollmöller: „Tja, meine Herren, ich glaube, wir gehen schlafen. Janking, Sie übernehmen wohl die erste Wache?" Und damit drückte er mir sein Gewehr in die Hand.
„Nun saß ich also" — Janking räusperte sich — „allein vor dem Zelt und neben dem Feuer. Es war nach wie vor unheimlich heiß — der Wald, müßt ihr wissen, läßt ein Abströmen der Hitze nicht zu — der Whisky hatte mich auch nicht gerade ab-1
gekühlt, und die summenden Moskitos, das ununterbrochene Knacken in den Zweigen um mich herum, das glotzende Dunkel überall da, wo der Flackerschein des Feuers nicht hinfiel — das alles versetzte mich in einen Zustand nicht nur körperlicher, sondern auch seelischer und nervöser Ueberhitzung. Eine Viertelstunde mochte ich so, das Gewehr auf den Knien, gesessen haben, da hörte ich plötzlich ein Geräusch, das — so empfand ich unbewußt — nicht in den Urwald hineingehört. Sprach dort nicht jemand mit monotoner Stimme? Ich beugte meinen Kopf vor und lauschte. Aber jetzt war es still, und es schien mir, als ob auch das Knacken im Unterholz aufgehört hatte. Ein leichtes Gruseln lief mir über den Rücken, und ich muß schon sagen, es wäre mir lieber gewesen, wenn Vollmöller und die anderen, anstatt im Zelt zu schnarchen, hier neben mir gesessen hätten."
Janking wischte sich mit dem Aermel den Schweiß von der Stirn. Dann fuhr er fort: „Das leichte Gruseln aber, meine Herren, dauerte nicht lange. Denn plötzlich schnellte ich, wie von der Tarantel gestochen, von meinem Klappstuhl auf, umklammerte mein Gewehr, entsicherte es mit einem Griff und starrte mit weitaufgerissenen Augen in das Dunkel des Urwaldes. Ich hatte ein Brüllen gehört, ein fauchendes, verzerrtes Brüllen — in nächster Nähe — und jetzt" — Jankings Stimme sank zu einem Flüstern herab — „wiederholte sich das Geheul, einmal, zweimal, dreimal — und so laut war es, daß das Tier wenige Meter von mir entfernt fein mußte."
„Donnerwetter", murmelten die anderen, „und dann —?"
„Dann", fuhr Janking fort, „war es einen Augenblick ruhig, unheimlich still. Ich fühlte, wie mir die Schweißtropfen Stirn und Nase hinunterliefen in das offene Hemd hinein. Und bann, meine Herren, sträubten' sich mir — Vollmöller hatte also mit seiner Voraussage recht gehabt — buchstäblich bie Haare, benn was ba wenige Meter von mir entfernt zu brüllen, zu kreischen, zu toben anfing, bas war nicht ein Tier, bas waren nicht zwei Tiere — das mußten mindestens sechs oder sieben Löwen sein ..."
„Momang mal", sagte da Obersteiger Isen- grimm, „Löwen in Mexiko? Wenn ich nicht irre, gibt es in ganz Amerika überhaupt keine —"
Janking machte eine Handbewegung. „Es waren Löwen , sagte er, „mein Wort darauf. Ich verstehe mich auf Tierstimmen, und dieses dumpfe Brüllen, das durch drei Oktaven hindurch in katzenhaftes Fauchen überging, um bann mit einem Ruck wieder im tiefsten Baß zu grollen — das konnten nur Löwen fein, und es waren auch I Löwen. Ich faß also da, mit schußbereitem Gewehr, und wenn ich überhaupt irgendeines Gedankensj
fähig war, so war es der: Warum springen Vollmöller und die anderen nicht aus dem Zelt? Sie müssen, wenn sie überhaupt schon schliefen, von diesem furchtbaren Konzert der Bestien aufgewacht fein, sie müssen doch —
Aber auch diesen Gedanken konnte ich nicht zu Ende denken, denn als ich — unter dem fortgesetzt sich steigerndem, fauchendem, näherkommenden, und sich wieder entfernendem Gebrüll der Löwen — einen Blick auf das Zelt werfe, sehe ich, wie die Zeltwand sich unter heftigen Bewegungen bauscht, wie sie angespannt wird, zusammenfallend wieder angespannt wird--und wie ein Blitz kommt
mir die Erkenntnis: Eines der Tiere ist von der dunklen Waldseite her, ohne daß ich es gesehen hatte, in das Zelt gedrungen ..
Der Obersteiger, der Dreher und der Heizer saßen wie (Steinfiguren. Die Sonne schien nach wie vor heiß und prall auf das weiße Bootsdeck. Aber niemand empfand mehr, daß es warm und eigentlich schon fast unerträglich war. „Und dann?" flüsterte schließlich Korlsen.
„Und dann", fuhr Janking, der Buchhalter, fort, „löste sich plötzlich meine hilflose Erstarrung. Jetzt wußte ich, was zu tun war. Was kümmerte mich noch das Gebrüll der Tiere, was kümmerte mich der dunkle Urwald! Hier, in dem durch das Lagerfeuer beleuchteten Zelt, hatte ich zu helfen und zu retten, was noch zu helfen und zu retten war. Ich packte also mein Gewehr mit der Linken, sprang auf das Zelt zu und riß mit der Rechten die Ein- gangsplane weg. Hell leuchtete das Lagerfeuer in das Zelt hinein, und deutlich sah ich —" Janking seufzte — „wie sich Vollmöller, der Prokurist, Rulf, der Portokassenverwalter, und Hermin vor Lachen aus dem Boden wälzten. Ihre Taschentücher hatten sie sich vor den Mund gepreßt, und ihre Körper zitterten vor Anstrengung, Taschtentuch und Lachsalven nicht hinauszuspucken in den dunklen Wald.
„Na, aber", sagte Kebing, „was war denn nun los?"
„Was los war, erfuhr ich zwei Minuten später", lächelte Janking. „Wir waren überhaupt nicht im Urwald, sondern im Naturschutzpark von Caressa, und zwanzig Meter von unserem Zelt entfernt stand ein kleiner Kofferapparat. Vollmöller hatte eine Platte auf dem Apparat spielen lassen und die hieß: „Raubtierfütterung im Berliner Zoo."
„Na", sagte Jsengrimm, der Obersteiger, „ich glaube, jetzt gehen wir aber doch lieber in den Schatten."
Sie standen aus und gingen, die Eiswassergläser in den Händen, die steile Treppe hinunter in den Schatten.


