Er. 85 Zweiter Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Dienstag, N.April (954
Berlins. Wer es sich leisten kann, fährt mit dem Autobus oder auf Sonntagsfahrkarte; aber die Begeisterung ist so groß, daß sich niemand davon abhalten läßt, auch mit dem Rad zum Uebungsplatz zu fahren, selbst dann, wenn er jedesmal ein paar Stunden strampeln muß. Am Samstag geht es hinaus, am Sonntagabend oder Montagfrüh wieder heimwärts. Da hat man dann einen Sonntag hinter sich, wie er schöner kaum gedacht werden kann. Für diejenigen, bei denen Zeit und Möglichkeit es erlauben, finden auch an den Wochentagen nachmittags Segelflugübungen statt.
Mit welcher Gewissenhaftigkeit und Gründlichkeit gearbeitet wird, ersieht man aus der Dauer der Ausbildung: erst nach zwei Jahren wird es die ersten „Schulentlassenen" geben. Allein, das kann die Liebe zum Segelflugsport nicht beeinträchtigen; auch hier haben die Götter erst hinter Fleiß und Schweiß den Preis gesetzt. Wer einmal dabei ist, kommt nicht sobald wieder los. Die Anmeldungen zum neuen Semester sind schon jetzt ungewöhnlich stark; wenn nicht Raum und Mittel Beschränkung auferlegten, würde wohl am liebsten die ganze Jugend zum Segelfliegen antreten. Max Lenz.
Bekanntmachungen des Beauftragten des Beichssportführers im Gau XII.
Von dem Kreisbeauftragten im Kreis Gießen, Turnlehrer Mohr, gehen uns folgende Bekanntmachungen des Beauftragten des Reichssportführers im Gau XII, Meister - Kassel, mit der Bitte um Aufnahme zu:
1. Um eine leistungsstarke Turn- und Sportbewegung zu erzielen, bedarf es einer Vorbereitung, die eine gewisse Härte unumgänglich macht. Den Turn- und Sportvereinen erwächst daraus eine große Verantwortung, da sie wissen müssen, was jeder Turner und Sportler zu leisten vermag. Die Feststellung, was dem einen zuträglich, dem anderen aber schädlich sein kann, ist Sache des Arztes. Aus diesem Grund habe ich über den Deutschen Sportärzte'-Derband mit dem RS.-Aerztebund eine Arbeitsgemeinschaft angeregt, derzufolge sich die Aerzteschaft den Vereinen zur sportärztlichen Ueber- wachung zur Verfügung stellen will. Die Vereine haben nunmehr sich einen Sportarzt zu verpflichten und bis zum 30. April 1934 an den stellvertretenden Gausportärzteführer des Gaues 12, San.- Rat Dr. Paul Möhring, Kassel, Kronprinzenstraße 25, Meldung zu erstatten. Die Tätigkeit der Aerzte ist zunächst ehrenamtlich, inwieweit später Mittel für diesen Zweck zur Verfügung stehen, wird über den Deutschen Sportärzteverband geregelt werden.
2. Ich verbiete hiermit die Aufnahme von Personen, die aus irgendwelchen Gründen aus der SA. bzw. der Partei ausgeschlossen sind. Die Vereinsführer sind für strikte Befolgung dieser Anordnung voll verantwortlich.
3. Die Werbewarte der Vereine haben bis zum 5. jeden Monats über die im vergangenen Monat durchgeführten Veranstaltungen an die Gaugeschäftsstelle des Hilfsfonds für den Deutschen Sport, Kassel, St. Martinsplatz Nr. 2, einen Bericht einzusenden. Dieser Bericht soll die Zuschauerzahl, aufgestellt nach der Höhe der Eintrittsgelder und genaue Angaben über die Erhebung des Sportgroschens enthalten. Gleichzeitig soll in dem Bericht über die sonstige Werbearbeit im Verein berichtet werden. Auch wenn in dem betreffenden Monat keine Veranstaltungen abgewickelt worden sind, haben die Vereine darüber eine entsprechende Mitteilung zu machen.
Aufruf zurTeilnahme amlv-Mm.-Lauf und LS-Klm.-Gehen.
Den Auftakt der Suche nach dem unbekannten Sportsmann bildet am kommenden Sonntag (15. April 1934) die Veranstaltung eines 10- Kilometer-Laufes und eines 25-Kilo- meter-Gehens (Tag der Langstreckler). Entsprechend den Anordnungen des Gaubeauftragten des Reichssportführers sind die Instanzen des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DSB.) für die Durchführung verantwortlich. In meiner Eigenschaft als Leichtathletikwart des Kreises Gießen (umfassend die politischen Kreise Gießen, Alsfeld, Schotten und Wetzlar) habe ich die Ausrichtung der Veranstaltung in fünf Gruppen angeordnet:
Gruppe Gießen durch Spielvereinigung 1900 e. V. Gießen (z. Hd. von Herrn W. Schmidt, Gießen, Grünberger Straße 54).
Gruppe Grünberg durch FC. Flensungen- Mücke (zu Hd. des Herrn Theis, Flensungen).
Gruppe Alsfeld durch Sportverein Alsfeld (zu Hd. des Herrn Geisel IV., Alsfeld).
Gruppe Schotten durch Sportverein Schotten (zu Hd. des Herrn Z e f ch k y, Schotten).
Gruppe Wetzlar durch Sportverein 05 Wetzlar (zu Händen des Herrn A. Kuhlmann, Wetzlar, Moritz-Budgestraße).
Meldungen haben bis spätestens 13. April an die aufgeführten Vereine zu erfolgen. Ort und Zeit der Durchführung wird von diesen noch bekanntgegeben. Startgeld wird nicht erhoben. Beteiligen kann sich jeder Deutsche ohne Rücksicht auf irgendwelche Vereins- oder Verbandszugehörigkeit. Nicht zugelassen find Preisträger in bisher stattgehabten 10-Kilo- meter-Läufen bzw. 25-Kilometer-Gehveranstaltun- gen.
Es ist kein Geheimnis, daß die noch für den Sport, insbesondere für die Leichtathletik, zu erfassenden Talente in den kleineren Städten und auf dem Lande zu suchen sind. Hier muß jetzt der Hebel angesetzt und die Erkenntnis geweckt werden, daß nur eine planmäßige und auf lange Sicht aufgebaute Körper- und Trainingsarbeit erfolgversprechend ist. Vielfach wird auch mit falschen Vorstellungen, die über gestellten Anforderungen in weiten Kreisen noch herrschen, aufzuräumen sein. Es muß gerade in dieser Hinsicht als eine äußerst glückliche Lösung betrachtet werden, daß auf Wunsch des Reichssportführers SA., SS. und Hitlerjugend
Die schwimmende Jugendherberge wurde im Hamburger Hafen durch den Reichsjugendführer Baldur von Schirach (unten rechts bei seiner Ansprache) übernommen.
Tausend Jungens wollen fliegen.
Besuch in der ersten Segelflugzeugbauschule. — Eine neue Industrie ensteht.
der Technik einweihen, da werden physikalische Gesetze besprochen und Versuche gemacht, da wird der Segel- und Gleitflugzeugbau durchgegangen, Modelle werden geschnitzt, Motoren auseinandergenommen; ja, die Lehrer bauen absichtlich Fehlerquellen hinein, damit sich die Schüler freuen, wenn sie sie entdecken. Da wird Funken, Blinken und Morsen geübt, da wird gesendet und empfangen, Karten werden gelesen, da erhält man Unterweisung über Schutzmaßnahmen gegen die Unbeständigkeit des Wetters, da wird einem die „Ortung" (so nennt man das Auffinden von Orten aus der Luft) beigebracht. Die Schüler — meist 15 in eitler Klasse — sitzen an Hobelbänken und Leimtöpfen, sie schneiden sich die Flugzeugbestandteile zurecht; sie schnitzen und sägen, hämmern und bohren, messen und prägen. Holzrippen entstehen, Gleitstangen; die einzelnen Teile fügen sich ineinander, und falls es nicht klappen will, wird so lange gesucht, bis der Fehler entdeckt ist.
Weiter: die Flugzeuge müssen durch Drähte verbunden, durch Nieten ineinander befestigt und bespannt werden; alte, unbrauchbar gewordene werden wieder in ihre Bestandteile aufgelöst. Was noch verwertet werden kann, wird neu aufgebaut. Brüche werden geheilt, am Windkanal Studien getrieben — daneben werden Tische und Stühle gehämmert. Denn die Gelder sind selbstverständlich stark beschnitten; was man an Motoren, Hobelbänken, Kreissägen, Bohrmaschinen usw. vorfindet, ist meist gestiftet, die alltäglichen Gebrauchsgegenstände sind größtenteils selbstangefertigt. Ja, mit einem Vermögen Flugzeuge zu bauen, ist keine große Kunst; hier heißt es aber mit den gering st en Mitteln das Beste schaffen. Das Segelflugzeug soll erschwinglich sein; und das wird gelingen. Zwölf Apparate sind im Bau, zwei bereits gebrauchsfertig.
llebungen im Kreien.
An jedem Sonntag geht es hinaus ins Freie, auf einen der Plätze in der Umgebung
Die schwimmende Zugendherberge „Hein Godenwind"
Ein Sport wird volkstümlich
Kein Gedanke ist in der letzten Zeit so volkstümlich geworden wie der Segelflugsport. Unsere Jugend ist von einem wahren Feuereifer ergriffen. Es gibt wohl heute kaum ein Kind, das auf die Frage: „Willst Du fliegen?" ängstlich mit „nein" antworten würde. Aber nicht allein fliegen wollen sie; das wäre keine rechte Jugend die nur genießen will, was andere mühselig erarbeiteten, die Jugend will sich ihre Segelflugzeuge selber bauen.
Diesem Wunsch ist man an den maßgebenden Stellen gern entgegengekommen, und so entstand vor einiger Zeit in Berlin die erste Segelfliegerschule— oder genauer genommen: die erste Se g e l- f l u g z e u g b a u s ch u l e. Ihre Arbeit ist soweit gediehen, daß man heute schon einen Ueberblick über das bisher geleistete geben darf.
Jetzt geht das erste Semester zu Ende, und der Erfolg ist ganz außerordentlich. Die Erzählungen der Teilnehmer waren so begeisternd, daß sich zu Beginn des neuen Semesters allein von der Hitlerjugend tausend neue Schüler angemeldet haben. Dazu werden sich dann noch die Erwerbslosen gesellen, die Liebe und Freude an dieser Sache haben und denen man die Ausbildung kostenlos zuteil werden läßt; ferner noch ein Teil der Berufsschüler von der Berliner Gewerbeschule, für die der Segelflugzeugbau ein willkommener Pflichtunterricht bedeutet.
Tausend lernen schon.
Gleich auf den ersten Anhieb hatten sich rund tausend Jungens und Männer gemeldet; über ein Viertel davon allein Erwerbslose, die froh sind, sich hier bei einer interessanten und nutzbringenden Beschäftigung die Zeit vertreiben $u können. Wenn sie ihnen heute auch nichts einbringt, so wird es sich vermutlich doch eines Tages bezahlt machen: dann werden sie leichter in der Segelflugzeugbau- Jndustrie unterkommen. Segelflieger gibt es nämlich im Augenblick genug — genug wenigstens, wenn man ihre Zahl mit der Zahl der zur Verfügung stehenden Maschinen vergleicht. Es mangelt an Apparaten: so ist hier ein neuer Zweig für die Industrie im Entstehen begriffen. Die Segelflugzeugindustrie wird aller Voraussicht nach in den nächsten Jahren stark beschäftigt sein.
Die übrigen Teilnehmer der Schule setzen sich größtenteils aus Berufsschülern und sonstigen zukünftigen Segelfliegern zusammen; auch für sie ist der Unterricht fast kostenlos. Die Minderbemittelten zahle» nichts, die andern eine Mark. Dann gibt es noch eine Gruppe für Studenten und zwar für die der Universität und Handelshochschule, während die der Technischen Hochschule einen eignen Lehrgang haben.
Für Schüler und Lehrlinge ist das Alter begrenzt. Sie sollen nicht jünger als sechzehn und nicht älter als achtzehn Jahre sein. Bei den Er- wcrblosen spielt das Alter keine Rolle; so kann es geschehen, daß Vierzigjährige neben Sechzehnjährigen noch einmal freiwillig die „Schulbank drücken" und mit ihnen lerneifrig durch die verschiedenen Uebungs- und Hörsäle der Segelfliegerschule wandern. Da sitzen nebeneinander der Oberprimaner und der ungelernte Arbeiter, der Maschinenschlosser und der Verkäufer, der Lehrling und der Akademiker, der Friseur und der Volksschüler. Den Unterricht erteilen geprüfte Gewerbefchullehrer.
Ein umfangreiches Arbeiisprogramm.
Aber was gibt es hier alles zu lernen? Erst müssen vierzig Arbeitsstunden überstanden sein, ehe die Schüler überhaupt an die Flugapparate herangelassen werden. Da gibt es theoretischen Unterricht, da werden seltsame Zeichnungen an die Wandtafel gemalt und erläutert, da werden Filme vorgeführt, welche die Zuschauer in die Geheimnisse
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„Abe! mit der Mundharmonika"
Das Lichtspielhaus Bahnhofstraße bringt seit gestern den Ufa-Tonfilm „Abel mit der Mundharmonika" nach dem Roman von Manfred Hausmann zur Vorführung. Der Schriftsteller Hausmann verdient im Zusammenhang mit diesem Film der besonderen Erwähnung. Vielen Lesern des Gießener Anzeigers ist er längst kein Fremder mehr. Schon lange, bevor man in Frankfurt und Berlin auf ihn aufmerksam wurde, waren Beiträge von Hausmann im Feuilleton und im Familienblatt des Gießener Anzeigers erschienen. So haben unsere Leser Gelegenheit gehabt, sein Werden von der Wurzel an zu verfolgen. Sie werden den Mann und seine Art dabei schätzen gelernt haben, der es wie wenige versteht, mit an- deutenden Wortei? das Verständnis für Dinge zu fördern, die nicht mit Worten auszusprechen sind, oder aber, die nicht ausgesprochen werden dürfen, wenn sie nicht Glanz und Farbe verlieren sollen. Trefflich, wie er die Verhältnisse von Mensch zu Mensch und von Mensch zu Tier und Natur zu schildern vermag.
Der Name Hausmanns muß aber auch aus einem zweiten Grund oorausgenannt werden, und zwar deshalb weil dieser Bildstreifen in jeder Szene seine Hand und seine Mitarbeit verrät. Es ist zweifellos als eine sehr glückliche Lösung zu betrachten, wenn der Dichter an der Verfilmung seines Werkes im Drehbuch Mitarbeiten kann und feine Gestalten nicht völlig dem Regisseur ausgeliefert sind Die Handlung entfernt sich nur wenig von der Handlung im Roman — ja, sie wird an verschiedenen Stellen durch die außerordentlichen Mittel, die dem Film zur Verfügung stehen, in ihrer Wirkung gesteigert. Der Film vereinigt eine Fülle der Ereignisse und Erlebnisse, der Stimmungen und der geistigen Spannungen in sich, er schenkt un Bilde so viel Schönes, daß einem das Herz aufgehen muß über Gottes herrliche Welt, über seine Sonne auf Wasser und Wolken. Ganz abgesehen von dem Humor, den die jungen Burschen, die Hauptpersonen des Films, um sich breiten. Vor allem aber ist der Film weit entfernt von jenem oftmals peinlichen happy-end=<5til, der fo manchem Regisseur und Filmstückschreiber noch allzusehr in den Knochen liegt.
Die Handlung kann nicht als jedermann bekannt vorausgesetzt werden. Sie sei deshalb kurz Umrissen. Zwei Hamburger Jungens schwimmen mit ihrem
Segelboot zu großer Fahrt auf der Elbe; ein Berliner Junge fährt mit feinem Paddelboot die Elbe herab, hat Pech, fein Kahn versackt und das Segelboot bekommt drei Mann Besatzung zuzuzüglich einer Mundharmonika, die Abel aus der Seenot rettete. — Von Münster sind Freiballons aufgestiegen, deren einer, von zwei jungen Männern und einem Mädchen besetzt, über der Elbe in schlechtes Wetter und große Gefahr gerät. Hurry, der Deutschamerikaner wirft resolut Corinna über Bord, weil sie im Segelboot aller weiteren Gefahr enthoben ist. Er tut es aus Liebe. Corinna will das nicht glauben, nennt ihn „Schuft", muß sich aber während des Aufenthalts auf dem Segelboot von ihren neuen Kameraden eines anderen belehren lassen. Abel beginnt Corinna zu lieben, muß aber diese Liebe in Bremervörde vergessen lernen, denn Hurry wird am Kai von Corinna freudig begrüßt. Der Segler sticht wieder in See, auf ihm treiben nun sorglos drei junge Leute ihr Wesen, die das Leben schön meistern werden. Hurry und Corinna gehen landeinwärts.
Der Film greift die Handlung in flottestem Tempo auf, das erst etwas abklingt, als Boot und Ballon vor raumem Winde liegen. Erst Abels Bootsunglück verdrängt wieder die Ruhe des Sommertages auf dem Segelboot. Dramatischer Höhepunkt wird dann die Begegnung des Segelboots mit dem Ballon und die aufregende Uebernahme Corinnas. Diese Szenen sind künstlerisch und regietechnisch ausgezeichnet gestaltet und reißen in jedem Bilde mit. Ebenso meisterhaft ist bann aber auch das schöne Verhältnis Abels zu Corinna geschildert, wie er das Mädchen liebt und in Bescheidenheit und Zurückhaltung um sie ist. Einzigartig sind jene Bilder, da Abel und Corinna an der Leuchtbake sitzen, umspielt von Sonne und Wind, umsungen von den Klängen der Mundharmonika, die Abel für sich sprechen lassen will. Fein ist auch die Unterhaltung zwischen Corinna, Abel und Peter über das Wesen von Liebe und Treue. Der Film bewies hier die größten Ausdrucksmöglichkeiten, die in sorgfältiger Hand zu absoluter Kunstform werden können. In nachdenklicher Stimmung entläßt der Film mit seinen bedeutsamen schlichten Schlußbildern die Zuschauer.
Die einzelnen Rollen forderten von den Darstellern wenig Problematik, dafür um fo mehr unbekümmerte Natürlichkeit und jugendliche Frische. Die Künstler lassen es nicht daran fehlen. Kann Hardt als Corinna vereinigt in glücklicher Ver
bindung zarte Mädchenhaftigkeit mit dem Ernst des liebenden Weibes. Ihr Liebreiz gibt vielen Bildern erhöhten Glanz. Karl Ludwig Schreiber steht als Abel dem Mädchen in großer jungenhafter Scheu gegenüber. Daß aber auch feine Fröhlichkeit den rechten Ton trifft, zeigt sich besonders in der Raufszene mit Jumbo. Seine tadellos an den Mann gebrachten Jiu-Jitsugriffe sprechen ganz für die männliche Seite in ihm. Als stets lustiger und entschlossener Kamerad im Segelboot (Peter) ist Carl B a l h a u s der rechte Mann am rechten Platz. Den aus härterem Holz geschnitzten Jumbo gibt Götz Wittgenstein recht selbstbewußt. Heinz von Cleve macht als draufgängerischer entschlossener Deutschamerikaner eine glückliche Figur und Hans Brausewetter, der sich nicht viel zeigen kann, gefällt als Ballonführer besonders in der Szene vor dem Mikrophon.
Die Regie (Erich Waschnek) wurde bereits gerühmt. Die Musik ergänzt das Bild mit gebotener Zurückhaltung. Die Photographie läßt alle Mittel der modernen Technik spielen, ist dabei vollendet künstlerisch. Das Meer, der breite Fluß, das Licht über den Wassern, die großen und kleinen Schiffe, das stets dekorative Segelboot, der Freiballon, das Segeln in großer Höhe, die in der Tiefe liegende Landschaft, das Licht der Sonne über den leuchtend weißen Wolken — das alles schenkte dem Photographen die schönsten Bilder, dem Film aber den prächtigen Hintergrund und interessanten Schauplatz der Handlung.
So wirkten alle Kräfte und Geister harmonisch zusammen und schufen einen Film, der allen, die ihn sehen, eine Stunde reiner Freude bereitet. N.
Geschichten um die Nummer 13.
Die ominöse Nummer 13 hat kürzlich in Tilbury, einem Städtchen in der Grafschaft Essex, den Gemeinderat beschäftigt. Man hat sich dort entschlosfen, dem Haus St. Chad’s-Road die bisherige Nummer 13 zu nehmen und ihm 115 zu verleihen. Die Bewohner, die nach oiefer Abänderung wie von einem Alpdruck befreit waren, schickten das alte Nummerschild mit der Bemerkung zurück „hiermit die Nummer 13! Achtzehn Jahre lang sind wir vom Unglück verfolgt worden". Und wirklich, die Familie wurde in der letzten Zeit von Tod, Verlusten und Unannehmlichkeiten weidlich heimgesucht. Dieses kleine Ereignis hat einem unternehmungslustigen Reporter Londons den Anstoß zu einer Forschungsreise durch die Wohnstraßen der englischen Haupt
stadt gegeben, um sich nach dem Schicksal der „Häuser Nummer 13" zu erkundigen. In der ersten Straße begrüßte ihn vor dem Hause Nummer 13 ein lebensfroher Ladenbesitzer, mit einem gewaltigen Schnauzbart. „Was mir die Nummer 13 getan hat? Gar nichts; Glück hat sie mir gebracht, seitdem ich hier eingezogen bin. Ich hatte meinen Laden noch nicht zwei Tage geöffnet, als mir ein durch die Straße geführter Zirkuselefant mit feinem Rüffel den halben Warenvorrat ausräumte. Sie mögen es glauben oder nicht, der Besitzer des Tieres war fo großzügig, daß er mir zum Schadenersatz mehr bezahlte, als ich sonst durch.den Verkauf der Waren erzielt hätte. Nein, mein Herr, ich habe keinen Grund zur Klage." Die kleine Dame in der Nähe des Buckingham-Tors hatte mit ihrer Nummer 13 trübere Erfahrungen gemacht. „Ich habe lange gezögert, bevor ich mir das Haus nahm", bekannte sie dem Besucher. „Meine Freunde haben mich auch gleich gewarnt. Und wirklich, denken Sie, meine Kaffeemaschine platzte schon gleich in der ersten Woche dreimal hintereinander. Außerdem hatte ich soviel Aerqer mit den Dienstboten. Hier stimmt also etwas niclst, aber ich kann es mir nicht erklären." Eine Frau in der nächsten Straße hat sich über den Fall der Nummer 13 nicht lange Gedanken gemacht, sondern kurz entschlossen als Gegenmittel ein silbernes Hufeisen über der Tür befestigt. „Obgleich auch vorher eigentlich nichts Außergewöhnliches passiert ist, so fühlen wir uns seitdem doch viel ruhiger", meinte sie. Es kann eben nichts schaden! — Der Verwalter eines größeren Häukerblockes erklärte nüchtern-geschäftsmäßig: „Ein Haus Nummer 13 ist von vornherein eine Pleite. Kein Mensch würde einziehen. Ich entsinne mich, daß sich vor einigen Jahren in einem Haus Nummer 13 als erstes gleich ein Selbstmord ereignete. Das mag Zufall gewesen sein, aber so etwas wirkt . .?" Unter den Hotelbesitzern herrscht über den Punkt heftiger Meinungsstreit. Der größere Teil von ihnen löst das Problem sehr einfach, indem man die Numerierung der Zimmer bei 101 beginnt und damit um die geheimnisvolle Nummer 13 herumkommt. In drei kleineren Gasthöfen wurden sehr verschiedenartige Antworten erteilt. „Wir lassen die Nummer 13 einfach aus", sagte der eine Besitzer. „Wir nennen sie 12a", erklärte ein zweiter. — „Wir behalten die Nummer 13" berichtete der Dritte. „Denn wir haben festgestellt, daß einige Leute sie für ihre Glückszahl halten. Wir werden sogar ausdrücklich nach dem Zimmer 13 gefragt."


