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Ur. 265 Drittes Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesien)Freitag, 6. November 1934

Seele der Gans umgeht, und finden ihren Nach­hall in der etwas länger vorhaltenden Freude am Gänseschmalz. Das alles sind schöne Dinge, gewiß, aber sie sind nicht das wichtigste. Hauptsache näm­lich ist, daß die Gans uns gestattet, wenigstens für eine winzige Weile und halb im Spiel, einen frü­heren Zustand der Menschenwelt wieder zu genie­ßen: einen Zustand der Fülle, des Noch-nicht-Abge- messenwerdens, der Selbstversorgung, einen Zustand der Unabhängigkeit von all den ungezählten Fak­toren, Gewerben, Zwischeninstanzen und Speziali­sierungen, von denen wir eingeklammert sind. Schrei'bfedern, Daunen, Kinderklappern und derlei mehr, das sind gewiß nur kleine Arabesken und Lebensschnörkel. Aber das ist ja unser Schicksal, daß die Selbstverständlichkeiten von einst uns längst zu begleitenden Arabesken geworden sind.

Literatur-Nobelpreis für pirandello.

Die Schwedische Akademie in Stockholm hat den diesjährigen Nobelpreis für Literatur dem italienischen Dramatiker Luigi Pirandello zugesprochen. Pirandello ist Sizilianer; er wurde am 28. Juni 1867 in Girgenti geboren und studierte in Rom und in Bonn, wo er zum Doktor promo­vierte, Literatur und Philosophie. In seiner Heimat- stadt lebte er lange als schlecht bezahlter Gymnasial­lehrer; seine zahlreichen schriftstellerischen Arbeiten blieben in Italien so gut wie unbeachtet. Vor etwa zehn Jahren wurde Pirandello schon an der Schwelle des Greisenalters in Deutschland ent­deckt; seine Stücke hatten überall großen Erfolg. Das Eigentümliche an diesen nicht immer leicht verständlichen Bühnenwerken war die für Piran­dello charakteristische und vielfach abgewandelte Mischung von Phantasie, Ironie und Realismus. Das beste Beispiel dafür ist die KomödieSechs Personen suchen einen Autor", die übrigens vor einiger Zeit auch in Gießen gespielt wurde; von Pirandellos übrigen Dramen nennen wir noch Heinrich IV.",Diana und die Tuda" undDie neue Kolonie". Außerdem schrieb Pirandello zahl­reiche Novellen und mehrere große Romane, von denen bei uns in DeutschlandEiner, Keiner, Hun­derttausend" undKurbeln" am bekanntesten wurden.

Oie Reichsautobahn in Obecheffen.

63 Kilometer Linienführung zum Bau freigegeben. Absteckung des Gtreckenverlaufs bis Bernsfeld (Kreis Alsfeld). Arbeitsprojekt für 2 bis 3 Lahre.

(Eigener Bericht des Gießener Anzeigerts.)

an der neuen Verkehrseinrichtung nach besten Kräf-

holen.

D. Red.

und nur

Heffen-Nassaus Winterhilfsparole

Im Verlaufe der Arbeiten soll nicht etwa einzig

Projektes bis in die letzten Details zu Papier ge- und allein die Zweckbestimmung der Autobahn um bracht werden. Mittlerweile geht am südlichen Teile, jeden Preis, selbst zum Nachteile des Landschafts- des Projekts, von Frankfurt her, die Arbeit auf der bildes ausschlaggebend sein. Es ist vielmehr ein sehr Strecke selbst schon vor sich. Der nächste Bauab-l maßgeblicher Gesichtspunkt, daß bei diesem Bau-

weiteren gewissen

Gange. Sobald die Absteckung bis Bernsfeld durch­geführt ist, folgt in den Baubüros die Ausarbeitung der genauen Planung, wobei die Einzelheiten des

schnitt wird die Fortsetzung der Linie von Berns­feld in Richtung Homberg, Alsfeld nach Hersfeld bringen.

63 km im ersten oberhefsischenAbschnitt. Oie Gestaltung der Autobahn.

Der jetzt in Angriff genommene erste Bauab­schnitt in Oberhessen, von der Landesgrenze im Süden her bis Bernsfeld, erstreckt sich über eine Entfernung von 63 Kilometer. Auf dieser Strecke werden im Zuge der Linie zahlreiche Ueber- oder Unterführungen erforderlich sein, da die ge­samte Linie plankreuzungsfrei hergestellt, also das Niveau der jetzigen Straßen an keiner Stelle auf gleicher Höhe überquert wird.

Die Autobahn wird an jedem Teil der Strecke 24 Meter breit werden. Davon entfallen auf beiden Seiten für je ein Seitenbankett je 2 Meter, anschlie­ßend folgt, nach innen zu, auf beiden Seiten je eine Fahrbahn von je 7,50 Meter Breite, in der Mitte der Strecke, als Trennung der Fahrbahnen, wird ein Grünstreifen von 5 Meter Breite verlaufen.

Oie Durchführung der Bauarbeit.

GPA. Frankfurt a. M., 8. Nov. Vor gelade­nen Gästen aus den verschiedensten Berufen der heimischen Bevölkerung, die Frankfurts größten Saal bis auf den letzten Platz füllten, sprach heute abend Gauleiter Reichsstatthalter Sprenger über das Thema:Solidarität Her deutschen Volksgemeinschaf t". Gauleiter Reichsstatt­halter Sprenger ging in seinen richtungweisen­den Worten davon aus, daß

die Arbeit der NS.-Volkswohlfahrt fo lange notwendig wäre, wie noch nicht erreicht sei, daß nationalsozialistisches handeln für jeden Volks­genossen Selbstverständlichkeit geworden wäre.

Diesem hohen Ziel müssen natürlich Interessen des einzelnen Volksgenossen, auch wenn sie an sich be­rechtigt sind, untergeordnet werden. Diesen Gedanken aber' werden sich vor allem d i e Volksgenossen vor Augen halten müssen, von denen jetzt bei der

geht hierbei um den Aufbau eines großen Stückes gedeihlicher deutscher Zukunft unter dem Gesichts­winkel des Nutzens für die große Dolksgesamtheit.

unserer Obersten Führung, kein Volksgenosse in seinen Existenzgrundlagen geschädigt werden. Es ist vielmehr vorgesehen, daß in allen Gemeinden, deren Gemarkungen von der Führung der Reichs­autobahn berührt werden, Landumlegungs­verfahren in Gang gefetzt werden mit dem Ziele, das von den einzelnen Grundstücksbesitzern für den Bau hergegebene Land durch eine entspre­chende Abzweigung von den Grundstücken der übrigen Volksgenossen derart auszugleichen, daß jeder landbesitzende Volksgenosse des Dorfes ein gewisses Opfer an Grund und Boden übernehmen muß und dennoch allen Beteiligten eine ausreichende Existenzgrundlage gesichert bleibt. Wie man uns er­klärte, sind dahinzielende Maßnahmen in aller Kürze zu erwarten. Oberstes Ziel ist dabei, jeder­mann unter allen Umständen volle Gerechtig­keit widerfahren zu lassen, damit kein einziger Volksgenosse etwa die Meinung haben kann, er allein sei als Leidtragender bei dem Bau dieses großen Verkehrsweges auf der Strecke geblieben. Es darf wohl erwartet werden, daß diese Gedanken­gänge und diese festen Vorsätze der maßgebenden Stellen überall wohlverdiente Würdigung finden, damit dem großzügigen Bauwerk keinerlei unnötige Hemmnisse in den Weg gestellt werden und der Verlauf des ganzen Unternehmens rasch und rei­bungslos vor sich geht. Den Nutzen aus einer der­artigen großzügigen Behandlung des Gesamt­projekts werden alle Volksgenossen in Stadt und Land in irgendeiner Form genießen können.

Im Anschluß an den Bau der Reichs- autobahn bei Frankfurt wird nunmehr der durch Oberhessen führende Bauab­schnitt in Lagriff genommen. Wir nahmen gestern Gelegenheit, in einer Unterredung eines Mitglieds unserer Redaktion mit einem der leitenden Beamten der Obersten Bau­leitung für Kraftfahrbahnen in Frankfurt am Main (Reichsbahndirektion) uns näheren Aufschluß über den derzeitigen Stand des Reichsautobahn-Bauprojekts in Oberhessen zu

Reiche, der Gedanke einer weit ausgreifenden Arbeitsbeschaffung. Um diesen Gedanken beschleunigt und umfassend in die Tat umzusetzen und dadurch den Arbeitsmarkt auch schon für die nächste Zu-

Er zeichnete in großen eindeutigen Zügen die Ent­wicklung der deutschen Sozialgesinnung von jener traurigen Wohlfahrtsfestlerei bis zur Winterhilfs­aktion 1933, deren Vorbildlichkeit für alle Welt unbestritten feststehe. Jedoch auch in diesem Jahre seien hier und dort noch Dividenden ausgeschüttet worden, die in gar keinem Verhältnis stünden zu dem Opfergeist all derer, denen man seine Produk­tionsmöglichkeit überhaupt nur zu verdanken hätte. Hier seien die bekannten Worte des Führers rück- sichtslos zu beachten, um so mehr, als auch auf der andern Seite schon wieder hocherfreuliche Ergeb­nisse aus dem Rhein-Maingebiet vorliegen; beson-

Zur Zeit wird eifrig an der Verwirklichung der er st en Etappe des Reichsautobahn­projekts von Frankfurt her durch Oberhessen in Richtung Alsfeld, Hersfeld gearbeitet. Die Be­amten der OBK. (Oberste Bauleitung für Kraft-

in kleineren Einzelheiten während der Bearbeitung des Projekts vielleicht einer Korrektur unterzogen werden könnte.

Der Verlauf der Linie.

werden. Sodann geht die Linie zwischen den Dör­fern Ober-Mörlen und Nieder -Mörlen hindurch, östlich an Nieder-Weisel vorbei, ebenso östlich von Butzbach zwischen dieser Stadt und Griedel, an dessen Westrand dicht vorbei die Strecke führen wird. Von dort verläuft die Linie dicht am Westrand von G a m b a ch entlang, weiter zwischen Holzheim und Grün in gen auf der westlichen, Dorf-Gill auf der östlichen Seite durch den Ostzipfel des Dorf-Giller Mark­waldes hindurch in Richtung Garbenteich, wo der neue Verkehrsweg unmittelbar südlich der Kreisabdeckerei vorbeiführen wird hinüber nach Steinbach, von dort an Albach vorbei, dicht östlich von Oppenrod vorüber am Fußö des Nonnenköppel entlang zur Provinzialstraße Gießen Grünberg, die ungefähr zwischen der Ueber- sührung der Fuldaer Bahn im Busecker Tal und Reiskirchen überschnitten wird, weiter am Walbersberg entlang, so daß Winnerod östlich liegen bleibt. Von hier aus zieht die Linie in Rich­tung Geilshausen weiter, dieser Ort bleibt etwas nordwestlich liegen; am Laubachskopf vorbei geht der Linienverlauf nördlich von Lumda hin, zwischen Atzenhain und Weitershain am Südhang des Bilsberg entlang nach B e r n s f e l d. Bis hierher reicht der gegenwärtig freigegebene Bauabschnitt.

Die Absteckungsarbeiten sind gegenwärtig zwischen A l b a ch und Oppenrod (Kreis Gießen) im

Verwendung finden wird.

Der Anschluß von Gießen.

Da die Reichsautobahn sowohl im Südosten, wie auch im Osten unmittelbar an Gießen vorbeiführen wird, ist die Frage des Anschlusses unserer Stadt an diesen neuen Verkehrsweg naheliegend. Hier werden sich wobei Gießen wohl die Wahl haben wird zwei Möglichkeiten eröffnen: entweder der Anschluß bei Steinbach, oder die Zubringeran­lage in der Nähe von Reiskirchen. Wo die Auf- und Abfahrtmöglichkeit von der Landstraße zur Autobahn bzw. umgekehrt am günstigsten ge­staltet werden kann, läßt sich bei der heutigen Lage der Dinge noch nicht sagen.

Die großen Gesichtspunkte.

Die vom Führer und Reichskanzler Adolf Hit­ler, dem Schöpfer der Reichsautobahnen, bei der Eröffnung der ersten Teilstrecke FrankfurtMann­heim betonten großen Gesichtspunkte des Reichs­

fahrbahnen in Frankfurt a. M.) nehmen gegen­wärtig die Absteckung der Linienführung vor, die hierbei in der Hauptsache festgelegt wird u..t

Wer verdient, hat derer zu gedenken, die ihn wieder verdienen taffen.* Gauleiter Reichsstatthalter Sprenger spricht in Frankfurt.

funft zu entlasten, sollen die Arbeiten im südlichsten Teil des Abschnitts so rasch wie möglich in Angriff genommen und im Verlaufe des Winters etwa bis in die Gegend von Bad-Nauheim durchge­führt werden. Daran anschließend wird dann Zug um Zug der Beginn der Arbeiten nach Norden hin durch die Kreise Friedberg und Gießen hin­durch bis Bernsfeld folgen. Wenn alles ohne Hem­mungen so verläuft, wie man es sich wünscht, könnte vielleicht im Verlaufe des kommenden Frühsommers die Aufnahme der Arbeiten in unserer engeren Heimat erwartet werden. Da die Arbeiten für den südlichsten Teil schon vergeben sind, die Vorarbeiten für die weiteren Teile aber noch in den ersten An­fängen stecken, brauchen wie uns ausdrücklich von der zuständigen Stelle erklärt wurde Un­ternehmer und Lieferanten jetzt noch nicht zur Obersten Bauleitung zu gehen, da zunächst noch keine Arbeiten zu vergeben sind Also noch ein biß­chen warten!

Von besonderer Bedeutung ist, daß bei der Ver­wirklichung dieses Projekts natürlich der heimische Arbeitsmarkt und neben anderen Lieferanten auch die in der Bauzone oder in der nächsten Nachbar­schaft gelegenen einschlägigen Betriebe (Steinbrüche u. dgl.) in weitestgehendem Ausmaß Beschäftigung bzw. Absak finden werden. Die Arbeiten werden zur Durchführung an Unternehmer vergeben, die Einstellung von Arbeitskräften erfolgt unter maß­geblicher Mitwirkung der Arbeitsdienststellen. Die OBK, (Oberste Bauleitung für Krastfahrbahnen) läßt die Arbeiten durch örtliche Bauabteilungen überwachen. Insgesamt dürfte der oberhessische Bau­abschnitt bis Bernsfeld eine gute Arbeitsbeschaffung auf die Dauer von zwei bis drei Jahren bringen.

Größte Hircksichtsnahme auf das Landsckastsbild

ten zu fördern.

Die Kosten.

Einer der Hauptgefichtspunkte bei dem Bau des ersten oberhessischen Abschnittes ist, ebenso wie bei ' dem Bau der bisherigen Autobahnen im

werk das Landschaftsbild in seiner Eigenart und; autobahn-Unternehmens sind natürlich auch für den Schönheit nach besten Kräften erhalten und ge-; Bau der oberhessischen Teilstrecke oberste Richt­wahrt werden soll, ja, wo es möglich ist, will man ; schnür. Es handelt sich darum, ein auf Generativ»

sogar durch zweckdienliche Maßnahmen darauf sehen, nen hinaus eingestelltes Werk zu schaffen, das so­daß das Bild der Landschaft von der Autobahn wohl verkehrspolitisch, wie auch wirtschaftlich von

aus noch eine Verbesserung (Schaffung von hüb- gewaltiger Bedeutung sein wird. Neben diesen weit-

ichen Durchblicken, Ausblicken usw. entsprechende; hin in die Zukunft weisenden großen Gesichtspunk- Baugestaltung) erfährt. Es liegt daher auch an ten kommt aber gegenwärtig auch der höchst be- allen Freunden des Landschaftsbildes, die Arbeit deutfame arbeitsmarktpolitische und wirtschaftsbe- an der neuen Verkehrseinrichtung nach besten Kräf- lebende Gedanke sehr maßgeblich in Betracht. Es

Die Linie durch Oberhessen schließt im Süden an die Reichsautobahnstrecke bei Frankfurt an. ; oem Sie geht von dort aus zwischen Sossenheim und Rödelheim nach N i e d e r u r s e l, wo sie über eine große Talbrücke führen wird. Dann ver­läuft sie zwischen Ober-Eschbach und Nieder- Eschbach nach Seulberg Holzhausen KöppernOber-Rosbach (Kreis Fried­berg). Don dort aus geht die Strecke auf den Waldhöhen westlich von Ockstadt und westlich von Bad-Nauheim entlang, wobei sich reiz­volle Ausblicke in die herrliche Landschaft ergeben

Wenn man sich die Länge der Strecke von 63 Kilo­meter vergegenwärtigt und dabei im Auge behält, daß. die Bauarbeiten ja nicht nur das flache Ge­lände in Anspruch nehmen, sondern auch Unter» und Ueberführungen in ziemlicher Zahl erforder- Dor Taigen gauen munen, uun uenen jtgi uei üb­lich sein werden, wenn man ferner bedenkt, daß Absteckung der Linie die Hergabe von Ackerland schon ein Kilometer Landstrabenbau annähernd oder Wald für das Bauunternehmen gefordert wird. 70 bis 80 000 RM. kostet, für die Gestaltung der ] Dabei soll aber, nach dem ausdrücklichen Willen Reichsautobahn in der projektierten Form aber noch *' " rr- ? *

viel größerer Materialaufwand aller Art erforder­lich ist, so ergibt sich von selbst, daß die Kosten des ersten Abschnitts der oberhessischen Strecke heute schon auf manche Millionen Mark veranschlagt werden können Hiernach dürfte wohl jedermann die große wirtschaftliche Bedeutung dieses Projekts eindringlich vor Augen stehen. Dabei ist noch beson­ders zu beachten, daß zu dem Bau nur Material des deutschen Bodens und der deutschen Erzeugung

Lob dem Martinsvogel.

Von Werner Bergengruen GOS.

Das Jahr des Großstädters hat viel von seinem natürlichen Rhythmus verloren. (Der Tag hat es auch, seit es Bogenlampen gibt.) Zum Ersatz hat es einen neuen Rhythmus erhalten, seine Meilensteine sind Ausverkauf im August, Beginn und Ende der Theatersaison, Weihnachtsgeschäft, Inventurausver­kauf im Januar, sommerliche Urlaubszeit; an die Stelle der vier astronomischen Jahreszeitanfänge sind die vier Termine zur Zahlung der Einkommen­steuer getreten. Die salomonische Weisheit, daß jedes Ding seine Zeit hat, gilt nicht mehr in allem. Der Berliner Fasching hört keineswegs am Ascher­mittwoch auf, sondern erstreckt sich weit in die Fastenzeit. Aber da er ja kein richtiger Karneval ist, sondern ein von allen Entstehungswurzeln ab­gelöstes Ding des Vergnügungsgewerbes, so mag es damit seine Richtigkeit haben. Im Sommer werden Schlittschuhmeisterschaften m geschloßenen Räumen ausgetragen, im Winter wird m Hallen um die Wette geschwommen. Premieren gibt es das ganze Jahr über. Nur die Krebse halten sich^ vor­läufig noch wenigstens mit leidlicher Zuverlassigkell an ihre R=Iofen Monate, wofür sie es sich freilich gefallen lassen müssen, als Rückschrittssymbole an- geprangert zu werden. , ..

Zu den freundlichsten Hütern des Jahresrhythmus gehört die Gans. Auch die fortschreitendste Zivili­sation hat es nicht hindern können, daß junge Gänse im Frühjahr am wohlsten tun, während die fetten Mastgänse im Spätherbst ihre große Zeit haben. Dies trifft sich prächtig, denn gerade wenn Nässe und Kälte anrücken, ist ds heizende Fett des Gänsebratens am willkommensten.

In meinem Elternhause war es nicht üblich, daß vor Martini eine Gans auf den Tisch kam. Dies gab dem Martinstag die Würde einer Zensur. Mein Vater hat mir oft erzählt, wie dieser Tag in seiner Kinheit begangen wurde. Nach dem Gänsebraten ging meine Großmutter mit allen Kindern vor eine verschlossene Tür. Sie sangen:

Martin ist ein guter Mann, dem man nichts vergelten kann. Laß uns nicht so lange stehn, wir müssen ja noch weiter gehn. Schöne Stadt, Rosenblatt, Holde Jungfrau, schenk uns wat!"

Jungfrau mein vollbärtiger Großvater dastand, in den Händen eine große Schüssel mit Aepfeln, Nüssen

Ich liebe es, wenn die Daunen von den Deck­federn der Brust entblößt und gepflückt werden. Ich freue mich im Gedanken an das weiche Kissen, obwohl die Erfahrung mich gelehrt hat, daß die sorgfältig aufbewahrten Daunen unauffindbar sind, wenn es an die Herstellung des Kissens gehen soll. Alle Kiele beschlagnahme ich. Es läßt sich auch heute noch unterhaltsam mit ihnen schreiben, na­mentlich wenn man für eilige Falle eine Maschine hat. Man muß sie nur richtig spalten und beschnei­den hierzu eignen sich ausrangierte Rasierklingen; (es empfiehlt sich, sie möglichst frühzeitig auszu- ranqieren). Der Schädel ist das gegebene Objekt für einen erwachenden Naturforschertrieb: als Quartaner habe ich mit Begeisterung einen Gänse- fchädel präpariert und ihn nachher im Tausch gegen einen Karl-May-Band veräußert; zu spät entdeckte ich, daß ihm achtzehn Seiten fehlten, die ich heute für die wichtigsten des Buches zu halten geneigt bm Die Speiseröhre wiederum gibt eine prächtige Kleinkinderklapper: ein paar Erbsen kommen hin­ein dann wird das dünnere Ende in das dickere qeftecft- wer will, kann darin ein Ewigkeitssymbol erblicken, vergleichbar der Schlange, die in den eigenen Schwanz beißt.

Die Schmausetage sind nicht ewig, aber ihre Zeit währen sie Sie beginnen mit den Innerlichkeiten und dem Gänseklein, setzen sich fort mit dem Bra­ten halten Abschiedsfeier mit dem gefüllten Ganse- hal's, endigen mit der Suppe, in der nur noch tue

und Rosinen.

Geflügel kam in mein Elternhaus nur in leben­digem Zustand. Dies verlangte Anna, unsere Köchin. Allen den Kennzeichen, an denen man die Frische einer Gans zu erkennen meint, etwa daß die Ränder der Schlachtwunde noch nicht eingesunken sind und der Schnabel noch unverfärbt ist, mißtraute sie gegenüber dem einen: der eigenhändig vorgenom- menen Schlachtung.

Gute, alte, dicke Anna! Du konntest weder lesen noch schreiben, aber dein Handwerk verstandest du besser, als hättest du alle Kochbücher der Welt und dazu die ganze moderne Literatur über Rationa­lismus des Haushalts durchstudiert. Du konntest Schnaps trinken wie ein Kosakenwachtmeister und dann zum Herzbrechen schluchzen über deinen treu­losen Jndrik, der dich vor dreißig Jahren verlassen hatte. Weiß Gott, ich habe mit dir gemeint, mit dir um Jndrik gelitten. Gute Anna, ich habe viel Liebe von dir erfahren, und der Abschied wurde mir schwer Man ließ es noch hingehen, als du im vierzehnten Dienstjahr meiner Mutter erklärtest, im Zweispänner auf den Düna-Markt fahren zu wollen. Aber als du Sitz und Stimme usurpieren wolltest in einem Familienrat, der sich mit der Zu­kunft eines durch alle Examina fallenden Vetters befaßte, da wurdest du, als zu mächtig geworden, entlassen; entlassen unter Tränen. Gute Anna, mir warst du nie zu mächtig.

Von dem Augenblick an, da Anna mit der Gans vom Düna-Markt heimkam, waren alle Schwer­punkte verrückt. Nicht nur Anna und die große, düstere Küche, nein, Familie und Haus, alles schien mir nur um der Gans willen dazusein.

Ich habe diese Atmosphäre der Gans geliebt, ob­wohl ich gleich den meisten Kindern eine Abneigung gegen das fette Gänsefleisch hatte, und ich liebe sie noch heute. Darum bin ich um ihre möglichste Voll­ständigkeit besorgt. Was das fachmännische Idiom alsff. ausgeschlachtete Gänse-Artikel" anrühmt, darf mir nicht über die Schwelle. Daß die Gans nicht lebend kommt, dies mag noch hingehen; aber sie sei unangetastet, will heißen: ungerupft. Denn es soll mir ja ein Tier mit all seiner Fülle ins iHaus, nicht ein bloßes Lebensmittel.

Dazu wurde mit den Fäusten gegen die Tür ge-1 Als Kind liebte ich das Rückertsche Gedicht vom donnert, bis sie sich endlich öffnete und als holde Männlein m der Gans. Darum mußte ich Anna -..... ~ r -i beim Ausnehmen zuschauen, das war unerläßlich.

Ich wußte ja, es war nicht denkbar, daß dabei ein Männlein, und gar noch ein lebendes im blauen Röckchen, zum Vorschein kam; zugleich jedoch war ich von der Hoffnung erfüllt, es könne sich einmal dennoch ereignen. Selbst diese geringe Chance spricht auch heute noch gegen den Ankaufs ff. aus­geschlachteter Gänse-Ärtikel. Das Rupfen und Sen­gen, das Abreiben mit warmem Kleiewasser, das Ablösen des Fettes, das kunstgerechte Ausnehmen undDressieren", jede einzelne dieser Verrich­tungen will nicht erledigt, sondern zelebriert wer­den, und ich nehme gern Anteil an diesen Zele- brationen. Sie erlauben mir die Illusion, ich sei einHausvater", der es versteht, Braten zu tran­chieren, Uhren aufzuziehen, Brotlaibe anzuschneiden und für die Seinen zu sorgen.