Nr. 152 viertes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen) '
Samstag. 9. Zum 1954
Wandern und weisen • Bäder und Sommerfrischen.
Die ^abrt ins Blaue.
Aus meiner Jugendzeit weiß ich, daß mein Vater, der ein einfacher Landwirt war, keine Tagesarbeit ohne einen bestimmten Plan anfing. Nach dem Morgenkaffee saß er stets noch einige Minuten bei Tisch und besprach alle^Arbeiten des Tages mit uns bis ins einzelne. Wenn dann einmal die Zeit nicht ausreichte, wurde der Plan am Mittagstisch geändert. Wir Buben waren immer froh, wenn dieser Rat über die Arbeit recht lange dauerte, denn die schweren Feldarbeiten waren nie nach unserm Sinn, und je länger wir bei Tische saßen, desto kürzer wurde die Arbeitszeit. Am liebsten war es uns freilich, wenn der Vater sagte: „Euch brauchen wir heute mittag nicht, ihr könnt machen, was ihr wollt!" Das ließen wir uns nicht zweimal sagen. Wir wußten schon, wo wir den Nachmittag zu verbringen hatten.
Das Gefühl der goldnen Freiheit ist das erhebendste. Und an diese freien Nachmittage, die uns der Vater schenkte, werde ich erinnert, wenn ich auf einer Wanderung einmal vom Wege abgehe und so ganz ohne Ziel und Plan einfach drauflos marschiere. Die Nebenwege sind immer am schönsten. Man erlebt da am meisten.
So ein bißchen Romantik schlummert in jedem deutschen Herzen. Unwillkürlich wird sie wach, wenn wir auf uns fremden Wegen wandern. Wir wissen» nicht, wohin wir geraten können, geheimnisvoll umrauscht uns der Wald. Dort zweigt wieder ein Seitenweg ab, der uns lockt. Also gehen wir ihn. Das Blätterdach schließt sich über uns. Wir sind allein auf der Welt. Auf weichen, grasbedeckten Pfaden dringen wir weiter vor. Und immer haben wir das Gefühl: Jetzt muß etwas Geheimnisvolles, Unerwartetes geschehen. Und meistens ist es auch so. Wir sehen auf diesen Nebenwegen oft viel mehr, als wir ahnten. Allgemein werden die Stellen aufgesucht, die im Reiseführer ein Sternchen haben. Die rechten Wanderer finden aber immer noch viel schönere.
Ich denke da oft an eine Wanderung, die uns in die Eifel führte. Einige unserer Gruppe wollten in einem Städtchen allerlei Besorgungen machen, und wir trennten uns für kurze Zeit. Am Tage vorher hatten wir uns etwas überanstrengt, und deshalb war für den Nachmittag eine Ruhepause eingelegt worden. Wir wollten uns bei einer Mühle drunten im Tale, kaum eine halbe Stunde vom Städtchen entfernt, treffen. Die Straße war uns au langweilig, und so wählten wir den ersten beschatteten Nebenweg, um die Mühle zu erreichen. Hier fing der schönste Teil unserer ganzen Wanderung an. Es ging auf schmalem Fußpfad an einem rauschenden Bächlein vorbei, dann über einen Holzsteg steil aufwärts zu einer kleinen Felsgrotte, von da auf holprigen Steinwegen am Abhang hin, dann wieder nahm uns ein schöner Hochwald auf. Der Weg senkte sich. Wir kamen wieder zum Wasser, dort ein kleiner Waldteich, nicht weit davon ein Wasserfall. Alle landschaftlichen Schönheiten waren auf diesem Wege vereinigt. Erst nach drei Stunden erreichten wir die Mühle. Aber dieser kleine Seitensprunq, wenn er uns auch um die Nachmittagsruhe brachte, wird uns unvergessen bleiben.
Also soll man seine Reise ohne Plan, ohne jede Vorbereitung, unternehmen? O nein! Einen Plan sollen wir schon entwerfen, aber wir wollen uns nicht daran klammern. Er sott die Möglichkeit für solch schöne, freie Nachmittage lassen. Der Reiseplan, den wir schon Wochen vorher genau festlegen, macht uns so viel Freude und beschwingt uns so, daß wir ihn nicht entbehren können. Es gibt sogar Leute, die behaupten, die Vorfreude sei schöner als die Reise selber. Wenn die Karten auf dem Tische ausgebreitet werden, wenn wir die Führer zu Nate ziehen und dann überlegen, wohin wir uns wenden sollen: sind das nicht Stunden innerer Erholung, innerer Fröhlichkeit, die uns an vergangene, schöne Wanderungen erinnern?
Wir wandern deshalb mit einem Reiseplan, aber wir haben doch das Gefühl der Freiheit, weil wir uns einfach nicht an den Plan halten. Wir machen es so, wie es uns paßt. Wir gehen die Wege, die uns gefallen. Das Endziel können wir ruhig
einige Tage später erreichen. Und wenn wir nicht hinkommen, ist auch nicht viel verloren.
Wir können doch nicht zu einem Kriegskameraden, den wir unterwegs treffen, sagen: Leider muß ich jetzt weiter, mein Zug geht um drei Uhr! So wandert man nicht. Wir müssen stets einen Tag haben, über den wir selbständig und freiherrlich verfügen können. Wir verleben ihn mit unserm Freunde. Das gibt einzelne Höhepunkte auf der Reise.
Bei jeder Sommerreise, ja bei der kleinsten Wanderung schon, soll ein Teil „Fahrt ins Blaue" enthalten sein. Es darf sogar soweit gehen, daß wir auf eine Frage: Wohin wollen Sie denn? antworten: Das weiß ich eben noch nicht!
Deshalb noch einmal: Einen schönen Reiseplan, dann aber doch eine „Fahrt ins Blaue!"
So erst wird es richtig.
R. S.
Von der Deutschen Siedlungs-Ausstellung in München.
M
II
Wanderfahrten
Ein Straßenzug der Ramersdorfer Mustersiedlung, die im Rahmen der Münchner Siedlungs- Ausstellung aufgebaut wird. Diese Siedlung, die sogar eine Kirche ihr eigen nennt, weift verschiedene Bautypen auf. Nach Schluß der Ausstellung wird die Siedlung bewohnt werden.
Veilstein — knoten — Mengerskirchen — Merenberg — Weilburg.
Wir benutzen den Frühzug über S.tockhausen nach dem lieblich in Bergen eingebetteten Beilstein, das j von einer Burgruine überragt ist. Von hier folgen wir blauen Strichen, die uns über Odersberg, größtenteils durch Wald, nach dem 604 Meter hohen Knoten führen, der auf einer Viehweide zwischen zwei bewaldeten Kuppen eine weite Fernsicht bietet. Den Abstieg nehmen wir über Arborn nach dem freundlichen Flecken Mengerskirchen mit altem i Schloß; hier finden wir gute Unterkunftsmöglich- ! keit. Der Weitermarsch erfolgt durch eine über- ' aus anmutige Landschaft, den sog. Schepp-Grund über die Orte Probbach, Selbenhausen und Barig nach Merenberg, um Abhang eines Basaltkegels gelegen, dessen Gipfel eine weithin sichtbare Burgruine Front. Von der Plattform des mächtigen Bergfrieds (Schlüssel in der am Fuße gelegenen Wirtschaft) genießt man eine prachtvolle Rundsicht nach allen Seiten. Auf guter, von alten Linden umsäumter Landstraße wandern wir nun nach unserem Endziel Weilburg, der Perle des Lahntals, das sich uns auf unserem Wege besonders reizvoll darstellt. Wanderzeit etwa 6 Stunden.
Ehringshausen — Feldatal — Mucke — Grünberg.
Diese Wanderung ist, da sie wenig Schatten bietet, mehr für kühlere Tage geeignet. Von unserem Ausgangspunkt Ehringshausen (Oberhessen) gehen wir ohne Zeichen über Oberndorf dem Feldatal, im Volksmund: Hohler Grund genannt, aufwärts. Nach Inständiger genußreicher Wanderung durch das Tal, das landschaftlich von hoher Schönheit ist, erreichen wir die Oberförsterei Schellnhausen, um von hier die Straße über Ermenrod nach Ruppertenrod
einzuschlagen, wo wir gelbe liegende Kreuze treffen, Denen wir jetzt folgen. Wir überschreiten die Ohm und bei Mücke den Seenbach und gelangen näch etwa bftünbiger Wanderung nach dem hochgelegenen Grünberg, von wo wir heimfahren.
Aeisewinke.
Hanau feiert das Lamboyfest.
Am 13. Juni feiert Hanau am Main sein Lamboyfest, das ähnlich wie die Dinkelsbühler „Kinderzeche" ober der „Meistertrunk" von Rothenburg an eine Episode aus dem 30jährigen Krieg, nämlich an die wunderbare Rettung der Stadt durch den Landgrafen Wilhelm V. von Hessen aus den Händen des Belagerers, des Grafen von Lamboy, erinnert. Ursprünglich war dieser historische 13. Juni für Hanaus Bürgerschaft ein Buß- und Bettaa, der im Laufe der Zeit zu einem großen Volksfest geworden ist. Schon am Morgen des Festtages strömte ganz Hanau und Umgegend seinem Lamboywalde zu; denn das Lamboyfest ist ein Waldfest. Die Hausfrauen lassen es sich ganz besonders angelegen sein, gerade an diesem Tage die besten Vorräte aus Küche und Keller anzufahren, um draußen im Walde Verwandte und Freunde zu bewirten. Große Eßkörbe werden mit hinaus- genommen und inmitten freier Natur, auf grünem Waldboden, wird der Tisch gedeckt. Da zeigt sich dan der familiäre Charakter dieses Festes. Familien, Gesellschaften, Vereine, Verbände — alles strömt geschlossen und in heiterer Einigkeit dem „Lambe- wald" zu. Frohsinn, Zufriedenheit, Musik, Tanz halten die Festteilnehmer bis in die Nacht zusammen. Wenn dann unzählige Feuer und bunte Laternen aufblitzen, dann bietet der nächtliche „Lambewald" ein wundervolles Bild.
3m sommerlichen Spessart.
Von Emil Baader
Aus dem fommerblauen Maintal bei Miltenberg ging's durch das schöne Tal der Elsava ins Herz des Spessarts: nach Mespelbrunn, und durch traumtiefe Wälder in das einst wohlhabende Spessarter Glasbläserdorf Weibersbrunn. Die Fähre trug mich über den sommerlichen Strom von Klein- heubad) hinüber nach Großheubach, wo der Dor- spessart beginnt.
Schöne Dörfer kommen: Röllbach, Mönchbarg, Eschau, Sommerau, umgeben von fruchtbaren Ackerflächen. Am Rand der Aecker stehen die großen Wälder. Schloß Sommerau, von Wasser rings umgeben, auf dem Millionen grüner Wasserlinsen schwimmen, ist ein sommerlicher Traum. Eine Platanenallee, Tore und Brücken führen hin zu diesem romantischen Schloß.
In Hobbach komme ich mit einem Spessartbguern ins Gespräch. Er berichtet mir von den einst berühmten Spessarter Hammerschmieden, von der Arbeit der Köhler, von den Sorgen des Dorfes. Das Tal der Elsava wird enger. Kaum schaut man noch Ackerland; überall Wald, ewiger Wald. Irgendwo muß hier das „W irtshaus im Spessart" stehen. Man begreift es, daß dieses ungeheure Waldaebiet für Räuber einst ein trefflicher Unterschlupf war. Nicht nur das „Wirtshaus im Spessart" gehört in diese Landschaft, sondern als Gestalt gewordenes Märchen auch das Schloß Mespelbrunn.
Von Neudorf aus erreichen wir es in wenigen Minuten. Es liegt im Herzen eines stillen Talgrundes, über den sich ein seidener Abendhimmel spannt. Im stillen Schloßweiher spiegeln sich Türme und Bauten; Mücklein schweben flimmernd überm Wasser; stahlblaue Schwalben sausen drüber hin. Ein Wallenstein-Landsknecht, die Feder kühn auf dem Hut, die Hellebarde in der Rechten, steht als getreuer Wächter auf dem Schloßbrunnen. Diele Wanderer kommen. Alle stehen ergriffen vor dem Waldschloß.
In den Wäldern hinter Mespelbrunn wohnt das Märchen. Da kann man wandern, Stunde um Stunde, ohne einem Menschen zu begegnen. Kaum vernimmt man einen Vogellaut. Hört nur den eigenen Wanderschritt. Bei Echterspfahl stößt man auf die Straße Aschaffenburg—Würzburg, die übers Waldgebirge führt. Rasende Wagen rufen uns aus der Märchenwelt zurück in die Gegenwart.
Wir überqueren die Straße. Schmale Waldwege führen hinunter nach Weibersbrunn. Wem es darum 3u tun ist, den Spessart wahrhaft kennen zu lernen, der darf nicht nur seine traumdunklen Wälder, seine alten Schlösser besuchen; er muß auch den Einwohnern dieses Landes, die einen harten Kampf ums Dasein führen, nahe treten. Weibersbrunn ist seit Jahren ein Dorf der Not. Einst war die Glasindustrie, die der Kurfürst von Mainz hier begründete, ein guter Erwerbsquell. Viele Jahre fanden die Spessarter in großen Städten als Arbeiter das Brot. All das ist anders und schwieriger geworden. Der Kleinbauer des Spessarts ist auf sich gestellt. Aber es fehlt an Land. Der Ernteertrag reicht nur für wenige Monate; für die übrige Zeit des Jahres muß das Brot gekauft werden. Alles geschieht, um der Not zu steuern. Im Wald gibts Arbeit. Der Staat läßt Wald roden, wo Brot wachsen soll. Adolf Hitler kennt und liebt den Spessart. Das Spessartvolk ist voller Zuversicht.
Die Dörfer der Not gehören wie die Wälder und Schlösser zum Spessart.
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