Lind nun,Men?
Vornan von Käthe Mehner.
Urheberrechtsschutz: Fünf-Türme-Derlag, Halle (S.)
Schluß.
Der* Professor saß selbst am Steuer. In das Rattern der Maschine hinein sagte er weich:
„Bis gestern zum Prozeß habe ich alles von Ihnen ferngehalten. Nun führe ich Sie selbst in das Leben Zurück, Sind Sie stark genug?"
Ein oankbares Lächeln: „Ich glaube wohl!"
„Gut fahren wir ein wenig zu lieben alten Bekannten. Die wohnen draußen im Vorort. Wunderschön. Wir wollen den Park auf den Kopf stellen. Vielleicht spielen wir Verstecken, vielleicht Blindekuh."
„Herr Professor!" Ellen konnte sich über des Arztes heiteren Uebermut nicht genug wundern. Von dieser Seite kannte sie ihn noch nicht.
„Was denn — muß denn ein Professor immer nur ein feierliches Gesicht machen?! Wir sind doch auch Menschen, die sich einmal richtig freuen wollen. Und — habe ich nicht Grund zur Freude? Ich habe noch eine große, schwere Arbeit vollendet?"
Hinten im Wagen plauderte Bernd Caßler an» ngregt mit der hübschen, freundlichen Schwester Linde. Sie sahen sich mehr als nötig in die Augen und — verstanden sich auch über die Pflege ihres Schützlings hinaus.
Knirschend fuhr der Wagen über den hellen Parkkies, hielt dann vor einem Portal, das ein alter Diener mit der Exaktheit des altgedienten Soldaten öffnete.
„Wir sind da, Kinder! Heraus aus dem Schwitzkasten. Jetzt sind wir im Paradies."
Ellen verstand nicht. Das war ja eine ganz herrliche Besitzung. Hier mußten doch steinreiche Leute wohnen. Und bei denen wollte Professor Glockmann sie einführen?
Zögernd setzte sie den Fuß auf die breite, teppichbelegte Treppe und sah sich scheu in der weiten Empfangshalle um.
Ahnenbilder grüßten von den Wänden. Einen Hauch feierlicher Tradition strömten hier alle die wertvollen Gegenstände aus.
Beinah lautlos öffnete sich eine hohe, schwere Eichentür, und ebenso leise trat Geheimrat von Rakenius auf die Angekommenen zu.
Ellen war vollkommen ahnungslos. Sie kannte Rainers Vater nicht, hatte diesen ernsten, würdigen Mann noch nie zuvor gesehen.
Bet der Verhandlung hatte sie nicht darauf geachtet, daß er in der vordersten Reihe gesessen hatte.
Jetzt kam der alte Herr auf sie zu und verneigte sich:
„Von Rakenius!"
Doch als er das Erbleichen des Mädchens sah, setzte er schnell hinzu, indem er herzlich die zarte Hand ergriff:
„Gott segne Ihren Eingang, Ellen Ehlers! Können Sie einem alten Vater verzeihen, der Ihnen einmal bitter Unrecht tat — nur weil er glaubte, die Ehre seines Hauses reinhalten zu müssen?"
Die Umstehenden wandten die Blicke von den beiden Menschen ab. Da trat Frau Geheimrat leise hinzu, nickte lächelnd nach den anderen und stand dann neben ihrem Gatten.
„Ich habe Ihnen doch nichts zu verzeihen, Herr Geheimrat! Ich bin Ihnen nie böse gewesen. Niemals", fagte Ellen stockend, während tiefe Glut ihr süßes Gesicht übergoß.
„Herr Geheimrat sagen Sie, Kindchen? Es ist nicht üblich, daß Töchter ihren Vater mit dem Titel anreden."
Frau von Rakenius' Worte atmeten so viel mütterliche Güte, so liebevoll zog sie den blonden Mädchenkopf an ihre Brust, daß in Ellen sich alle Angst und Starre seltsam lösten. Ein Gefühl von Ruhe und Geborgenheit überkam sie — doch noch einmal quollen die Tränen gewaltsam hervor. Zuviel war auf sie eingestürmt in den letzten Tagen.
„Nicht ängstlich sein, kleine Ellen! Du warst tapfer genug. Nun sollst du endlich, endlich Ruhe haben. Willkommen hier. Ich habe mich so sehr auf dich gefreut. Weine doch nicht. Nicht weinen. Es ist Rainers Wunsch. Er wird heute noch nach dem Süden fahren. In sechs Wochen ist das Trauerjahr zu Ende. Ihr dürft nicht lange warten."
Voll zärtlicher Liebe küßte sie das Mädchen auf die reine weiße Stirn.
„Kopf hoch, Ellen! Nun ist ja alles vorüber", sagte da auch der Geheimrat.
In diesem Augenblick kam auch schon mit Riesenschritten Rainer von Rakenius. In seinem Gesicht lag die Ungeduld, das liebe Mädchen endlich in seinen Armen zu halten.
„Ellen!" Seine Stimme weckte tausend süße Hoffnungen.
Das Mädchen schaute auf. Ergriffen traten die anderen beiseite.
„Rainer!" Ein Schrei, in tausend Nöten und Gefahren verhalten und jetzt mit elementarer Wucht heroorbrechend, klang durch die Halle.
Keiner sprach ein Wort. Die Liebenden lagen sich in den Armen.
„Tapfere kleine Ellens Selbst der Geheimrat schämte sich seiner tiefen Erschütterung nicht.
„Sie hat ein schweres Schicksal auf ihren schmalen Schultern getragen. Mein Gott — nicht einmal trocken Brot an manchen Tagen gehabt. Armes Hascherl! Nun wird es anders werden." Frau von Rakenius stützte sich. Halt suchend, auf Professor Glockmanns Arm.
Rainer strich in verhaltener Zärtlichkeit immer und immer wieder über den feinen, blonden Mädchenkopf.
„Komm, Liebes! Nicht weinen. Immer, immer fröhlich sein! Willst du?"
„Ich will es, Rainer! Ich will es ja immer sein — aber es ist alles noch so schwer, so unbegreiflich. Ich dachte nicht mehr daran — nie mehr."
„Potztausend, wer wird wohl glauben, daß Sie an etwas anderes gedacht haben als wieder an Arbeit", platzte der Nervenarzt dazwischen und erzielte fröhliche Heiterkeit.
Frau von Rakenius lud zum Frühstück auf der Terrasse ein. Auf dem Wege dorthin hielt Rainer seine Ellen fest am Arm.
„Nun kann ich beruhigt fahren, Ellenkind! Du wirst daheim bleiben bei Vater und Mutter. Ach — sie sind gut zu dir! Du mußt nur Vertrauen haben, mein armes, kleines Mädchen!"
„Zu allen, Liebster, die dich lieb haben — zu allen!" Ellen schaute voll kindlicher Gläubigkeit in die Augen des geliebten Mannes, der ihr zärtlich die Hand drückte.
Und dann saßen auf der übersonnten Terrasse die glücklichen Menschen, die ein böses Geschick so seltsam zuzusammengeführt hatte. Schweigend aß man. Nur Professor Glockmann warf ab und zu ein ermunterndes Wort in die Runde. Dann traf ihn jedesmal ein dankbarer Blick Rainers und feiner Mutter.
Endlich nahm der Geheimrat das Kerngespräch dieser unverhofften Zusammenkunft auf.
Er hatte in die Tasche seines dunklen Anzuges gegriffen und hielt ein Blatt in den Händen.
„Ich habe mir vor einigen Tagen erlaubt, das Haus deiner lieben Eltern zu kaufen, Ellen! Haft du etwas dagegen? Es soll für immer Familieneigentum bleiben. Doch jetzt will ich es mit deiner Erlaubnis dem Direktor der Fabrik in Wahren zum Aufenthalt geben. Ich habe schon eine Garage einbauen lassen."
In Ellens wundersamen Augensternen stand zum ersten Male wieder der volle Glanz ihrer Jugend. Ihre Wangen malte die Freude mit einem leisen
Rot, und der knospenhafte Mund war staunend leicht geöffnet.
„Herrn Direktor Meinhardt?" fragte sie freund« lich.
„Meinhardt? Ach nein, Ellen! Der ist nicht mehr dort. Er ist jetzt im Hauptwerk. Nein, nein — für Herrn Direktor Bernd Caßler!" Der Geheimrat unterdrückte ein fröhliches Schmunzeln.
„Ich bitte doch, Herr Geheimrat!" Bernd Caßler fuhr mit hochrotem Kopf auf.
„Nichts, lieber Herr Caßler! Sie haben um nichts zu bitten — höchstens um eins, daß die Braut meines Sohnes Sie nun endlich aus Ihrem Kameradschaftsdienst entläßt, damit Sie ganz frei sind für die Arbeit, in der ich viel verlange."
„Das wird Bernd schaffen. Jetzt freue ich mich. Ach, er ist ja so gut, so gut", sagte Ellen in gedämpftem Jubel.
Bernd Caßler brachte kein Wort über die Lippen. Doch in seinem klugen offenen Gesicht arbeitete es.
Schwester Linde aber nickte mit glücklichen Augen, biß sich aber rasch auf die Lippe, als Professor Glockmann ihr lächelnd mit dem Finger drohte.
„Vorläufig aber sollen Sie sich auch erst mal Ruhe gönnen, damit Sie Ihre neue Tätigkeit in wirklicher Frische antreten. Es ist breits alles besprochen. Wir hatten gedacht, Sie fahren morgen mit mir und Schwester Linde nach dem Süden. Na, und die alte, liebe Frau Zimmermann, die sich so sehr um meine kleine Braut gesorgt hat, nehmen wir natürlich auch mit", nahm Rainer von Rakenius das Wort.
Dann aber sah er auf seine junge, blühend schöne Braut:
„Du aber, mein Ellenkind, du bleibst hier? Mutter gibt dich nun nicht mehr her — auch keine sechs Wochen."
„Und mich vergißt du wohl, Rainer?"
„Ach ja, richtig — Vater auch nicht!"
„Und doch ist einer dabei, der dieses Teusels- mädchen gern hingibt." Alle schauten staunend auf. Professor Glockmann hatte fein gefülltes Weinglas erhoben.
„Ich, ich bin das — und weil ich das gar zu gern tue, und ehrlich genug bin, es einzugestehen, darum — Licht und Wärme dem jungen Glück!"
Man erhob sich.
Sekundenlang tauchte Rainers Blick in den feinet geliebten Ellen.
„Und nun, Ellen?"
„Nun bin ich so glücklich, Liebster! Du hast an alle gedacht!"
„Weil ich an dich dachte, Liebes!"
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