Nr. 152 Drittes Blatt
Samstag, 9. Zuni 1934
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesien)
Der Dienst am Gaste.
Kellner vor der Prüfungskommission.
Die Kreisbetriebsgruppe I. Gießen „Nahrung und Genuß", Fachschaft für das Gaststättengewerbe hielt im Saale des Hotel Hindenburg seine Eignungsprüfung für Kellner ab. Dem Prüfungsausschuß, der aus den Herren Hotelbesitzer Klingler, Ludwig Keil, Heinrich Beck, Franz Schwab, sowie Oberkellner Gustav Rühl, Fritz Staats, Wilhelm Birlenbach und Gustav Goltermann bestand, stellten sich 18 Prüflinge zur Prüfung. Außerdem waren
schrieben. Das Aufstellen von Speisefolgen, Preiskalkulationen, das Schreiben von Speisekarten wurde in zahlreichen Aufstellungen behandelt und zur Prüfung gebracht. Sodann wurden die Bier- Arten, Pflege und Behandlung desselben von fachlicher Seite eingehend behandelt. Außerdem dieselben Fragen bei Wein, Likör und allen sonstigen Getränken erörtert. Einen weiten Raum nahmen auch die verschiedenen Speisen ein. Hier entwickelte sich ein reges Frage- und Antwortspiel. Art, Zuberei-
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Prüflinge und Prüfungskommission des Gaststättengewerbes. In der ersten Reihe, Dritter von links: Kreiswalter des Reichsverbandes vom Gaststättengewerbe Pg. Soldan, rechts neben ihm Kreisbetriebsgruppenleiter Pg. Stein, unmittelbar hinter ihm der stellvertretende Kreisbetriebszellenleiter Pg. Hahn.
Vertreter der Berufsschule, des Reichseinheitsverbandes, der Gewerbe-Polizei und der NSBO. als Gäste anwesend.
Kreisbetriebsgruppenleiter Pg. Stein
begrüßte die Erschienenen. Er wies auf die Wichtigkeit der Prüfung hin und verlangte, daß die Vermittlung der Kellner nur durch das Arbeitsamt geschehen müsse. Er wandte sich scharf gegen Schwarzarbeiter. Alle derartigen Fälle, die ihm von jetzt ab bekannt werden, würde er rücksichtslos zur Anzeige bringen. Es könne in erster Linie nur der Kellner beschäftigt werden, der im Besitz einer Berufsausweiskarte ist. Er sprach die Mahnung aus, die Prüfung in echt nationalsozialistischem Sinne vorzunehmen. Daraufhin eröffnete er die Prüfung.
Kreissachschaftswart Otto Schäfer gab noch die Verfügungen bekannt und teilte die einzelnen Fächer und Themen mit, in denen die Prüfungen erfolgen sollten.
Hierauf begannen die schriftlichen Prüfungen mit einem Aufsatz, betitelt: „Der Gast und seine Behandlung von dessen Kommen bis Gehen." Für diesen Aufsatz war eine Zeit von 30 Minuten belassen. Es wurden z. T. recht vorzügliche Leistungen erzielt. Anschließend wurden Rechnungen, wie sie im täglichen Geschäft erforderlich sind, ge-
tung, Bestandteile der Speisen wurden eingehend behandelt.
Bei den praktischen Arbeiten wurde das Tisch- und Tafeldecken, beginnend mit dem einfachen Frühstückstisch bis zur reichsten Festtafel gezeigt. Beim praktischen Servieren zeigten die Prüflinge ihr berufliches Können in hellem Lichte. Kreisfach- fchaftswart Otto Schäfer führte dann eine Reihe von Fallen aus der Praxis an, die sich im täglichen Geschäftsgang ergeben, wie z. B. bei Beschwerden, Irrtümern, Zechprellereien, Klagen usw. und wies darauf hin, daß der Kellner sich individuell auf den Gast und Kunden einstellen müsse. Sodann hielt
pg. Soldan
eine Ansprache. Er führte u. a. aus: Ich freue mich, daß ich als Kreiswalter des 'Reichsverbandes vom Gaststättengewerbe, die Feststellung machten kann, daß der größte Teil der Prüflinge die Prüfung geradezu glänzend bestanden hat. Im Gaststätten- gepjerbe ist es von größter Wichtigkeit, daß nickt mehr die Ansicht vertreten wird: „Wer nichts wird, wird Wirt". Der Angestellte. des GgsMttengewer- bes soll aber auch andererseits mit dazu beitragen, daß wir diesen Miesmachern, diesen Nörglern die gebührende Antwort geben. — Der
stellv. Kreis betriebszellenobmann pg. Sahn
prach noch über das Leistungsprinzip. Er ührte u. a. aus: Der nationalsozialistische Staat hat die Aufgabe, ein neues Verhältnis zwischen Staat, Wirtschaft und den einzelnen Volksgenossen zu schaffen. Dazu ist notwendig, daß auf allen Gebieten die großen Grundsätze des Nationalsozialismus unbedingt Geltung besitzen. Alles Tun und Treiben des Einzelnen, auch auf wirtschaftlichem Gebiete', mllß bewußt unter dem Gesichtspunkt der Ehre erfolgen. Da nun die Wert- chätzung eines Volkes zu einem großen Teil im Fleiß und der Leistung begründet liegen, sind wir Verfechter des Leistungsprinzips. Der Nationalsozialismus beurteilt den einzelnen Volksgenossen nach seiner Leistung. Und zwar nicht nach der Leistung an sich, sondern nach dem Werte dieser Leistung für die Gesamtheit. Damit hat jeder Deut- che die Möglichkeit, zu der Anerkennung zu kom- nen, die seinen Fähigkeiten entspricht, das Leitungsprinzip ist Die Grundlage der nationalsozialistischen Gerechtigkeit: „I e d e m d a s S e i n e" ist hier Wahlspruch. Die Eignungsprüfungen sollen nichts anderes bezwecken, als die Ungeeigneten von den Geeigneten zu scheiden. Gerade der Kellnerberuf, der besondere Eigenarten in sich birgt, auf der anderen Sekte besondere Umgangsformen erfordert, hat gar manchmal darunter gelitten, daß nicht Fach
kräfte vorhanden waren. Wie man nun im Handwerksberuf Qualitätsarbeit von Schund unterscheidet, so wird man durch diese Prüfungen die Tauglichen von den Untauglichen unterscheiden können. Die Entwicklung der Deutschen Arbeitsfront wird es mit sich bringen, daß neben der unbedingt notwendigen Schulung und Erziehung auf politischem und charakterlichem Gebiete der Schulung und Erziehung aus beruflich, fachlichem Gebiete mehr Beachtung geschenkt wird. Es soll wieder der Arbeitsmensch Berufsehre und Stolz besitzen, Eigenschaften, die man in dem marxistischen Zeitalter verwechselte mit den Begriffen Standesdünkel und Ueberheblich- feit. Im nationalsozialistischen Staate kommt es nicht darauf an, was ich arbeite, sondern das Entscheidende ist immer, daß ich arbeite. Dankbar wollen wir aber auch in dieser Stunde sein dem Führer des deutschen Volkes, der uns den Glauben an uns selber wieder gegeben hat, denn letzten Endes liegt die Kraft zur Gesundung des Volkes in ihm selber.
Es ist diese Kluft nicht mehr vorhanden zwischen Wirtschaftsführer und Wirtschaftsgefolgschaft, sondern beide Schichten haben erkannt, daß sie eine Schicksalsgemeinschaft bilden und infolgedessen auf Gedeih' und Verderb aufeinander angeroic^n sind. Jy dieser Erkenntnis laßt uns weiter arbeuen, ein jeher an seinem Platze zum Nutzen von Volk und Staat!
Aus Der provinzialhaupistadi.
3m Zeichen des Roten Kreuzes!
„Die sich deinem Dienst verschworen, Ach, sie sind nicht auserkoren Zu der Waffen blufgem Ruhm.
Doch der Kampf im Friedenskleide Mit dem Tod um feine Beute Ist auch schönes HelLentum."
H. Nagel.
Es ist in hohem Maße zu begrüßen, daß wir im ganzen Deutschen Reiche am „Roten-Kreuz-Tage", der für den 10. Juni in diesem Jahre anberaumt ist, Gelegenheit finden werden, einer hervorragenden vaterländischen und sozialen Organisation die sehr notwendige Dankesschuld abzutragen und gleichzeitig die großen volklichen und nationalen Aufgaben uns vergegenwärtigen zu lassen — ohne jede Voreingenommenheit — die auch in der Zukunft dem Roten Kreuz zufallen müssen.
Die bedeutendste Aufgabe des Roten Kreuzes liegt bekanntlich darin, im engen Zusammenwirken mit den entsprechenden, naturgemäß aber nur in geringem Umfange vorhandenen Organisationen des Heeres freiwillig im Kriegsfälle tatkräftige Fürsorge an den verwundeten und erkrankten Soldaten zu üben und alle für die freiwillige Kriegskrankenpflege erforderlichen Vorbereitungen sowohl durch ordnungsgemäße und sachliche Ausbildung des Personals als auch durch Bereitstellung aller Materialien sorgfältig zu treffen.
Wie wichtig die Kriegskrankenpflege ist, zeigt uns allein die Tatsache, daß zu allen Zeiten die Völker derartige Einrichtungen geschaffen haben. Es sei nur erinnert an die Johanniter-Brüderschaft des Hospitals von Jerusalem, welche zur Zeit der Kreuzzüge den Wallfahrern, die erkrankt oder im Kampf verwundet waren, Unterkunft gewährte, oder an die Brüderschaft des Deutschen Ordens, der mit der besonderen Bestimmung der Krankenpflege für verwundete deutsche Ritter in Jerusalem gegründet wurde und aus dem sich später um 1190 vor Akkon im dritten Kreuzzug der geistliche deutsche Ritterorden entwickelte und dem nach der Zeit der Kreuz
züge die große Kolonisationsausgabe im Osten unseres Vaterlandes zufiel.
Auch die berühmte Abmachung der Genfer Konvention vom 22. August 1864, nach der unter dem Zeichen des Roten Kreuzes auf weißem Grunde den Verwundeten Schutz und Neutralität im Kriege gewährt werden soll, ist nicht erst eine Errungenschaft des 19. Jahrhunderts. Wir kennen schon aus dem Jahre 1581 Abmachungen zwischen der Stadt Tournay und dem Prinzen von Parma, Alexander Farnese, durch welche die Kriegsgegner gegenseitig ihren Verwundeten und Kranken Schutz zusagten. Und ähnliche Verträge sind zwischen Fürsten, Staaten und Städten des öfteren geschlossen worden; annähernd 300 derartige Übereinkünfte liegen vor.
Leider sind im Weltkriege die Zeichen des Roten Kreuzes auf weißem Grunde nur zu oft nicht beachtet worden, häufig zweifellos in voller Absicht, häufig aber auch als eine Folge der neuzeitlichen Kriegführung, die selten noch einen Kampf der Menschen miteinander darstellt als vielmehr ein Aufeinanderprallen ungeheurer materieller und maschineller Kräfte.
Aber um so ruhmvoller bleibt die selbstlose und aufopferungsfreudige Arbeit, welche im Weltkriege vom Roten Kreuz im Dienste der freiwilligen Kriegskrankenpflege geleistet worden ist. Man hat von den freiwilligen Kriegskrankenpflegern dieselbe militärische Zucht und Disziplin verlangt wie von jedem Heeresangehörigen und auch die allerletzte Hingabe an den Dienst, die unter Umständen das Leben forderte. Sie haben diesen Dienst am Vaterlands mit Freudigkeit und Selbstverständlichkeit geleistet, obwohl sie im strengen Sinne des Wortes nicht „kriegsverwendungsfähig" waren und obwohl mancher „Garnisondiensttaugliche" inzwischen daheim für das eigene Wohl und die eigene Zukunft sorgte! Man hat das Verdienst dieser Kriegsteilnehmer oft zu Unrecht geschmälert. Und dennoch kann der Sanitätsdienst in der Gesamtorganisation eines kämpfenden Heeres überhaupt nicht entbehrt werden! Am wenigstens der freiwillige!!
Es ist darum an der Zeit, daß das deutsche Volk endlich den Sinn der Arbeit erkennt und die Arbeit
)as mein einst war.
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zog sie schnell ihren kleinen Pelzhandschuh aus ufib bückte sich. Aus dem Schnee, der hart den Boden bedeckte, löste sie einen kleinen Brocken, den sie zu einem Ball zusammenzukneten versuchte.
Nun reckte sie sich auf die Zehenspitzen und warf mit aller Kraft das Geschoß hinauf zu dem erhellten Fenster. Aber es verfehlte sein Ziel — und sie mußte sich noch mehrmals bücken, um neuen Schnee loszulösen und einen Ball zu formen. Endlich, beim dritten Male, gelang es. Der kleine Schneeklumpen flog gegen die erhellte Fensterscheibe.
Kaum hatte das Wurfgeschoß mit einem leise klirrenden Klang die Scheibe getroffen, da öffnete sich das Fenster.
Ein Jungenskopf sah heraus und versuchte die Dunkelheit des winterlichen Nachmittags zu durchdringen.
„Ist da jemand?" rief er herunter.
Da kam ein leiser Pfiff zu ihm herauf, ein Signal — von oben antwortete es ebenso — und das Fenster wurde hastig geschlossen. Edele stand, in die dunkle Türnische gelehnt, wartend da — schon kamen laute, schnelle Schritte die Treppe hinab, die Haustür wurde aufgerissen.
„Edele?" sagte Malte Blomberg atemlos, mit einem glücklichen Leuchten in seinen grauen Augen, und drückte mit solcher Kraft Edeles Hände, daß sie leise aufschrie.
„Oh — hab ich dir weh getan?" fragte Malte erschrocken. „Ich freue mich nur, ich freu mich so unbändig, Edele, daß ich dich wiederfehe! Wie hast du es nur gemacht, fortzukommen?"
Edele lachte leise, es klang wie eine kleine, feine Silberglocke.
„Wie ich es gemacht habe, Malte? Mußt mal den alten Kersten fragen. Der steht jetzt sicherlich mit einer heißen Schokolade vor Holgersens Gasthaus und sucht mich — ich hab ihn nämlich reingeschickt und bin dann ausgerissen. Nun — mag er stehenbleiben."
lieber das offene, klare Jünglingsgesicht Maltes kamen Unruhe und Unbehagen.
„Aber Eedele, du kannst doch den alten Mann nicht da draußen stehen lassen, bei der Kälte. Und wie wird er sich ängstigen, wenn du auf einmal fort bist! Gleich gehn wir hin und beruhigen ihn!"
Er wollte Edeles Hand nehmen und sie in Richtung des Gasthauses fortziehen.
Mit blitzenden Augen machte sich Edele frei.
„Was geht es dich an, Malte, ob Kersten sich änftigt ober nicht? Ein Diener ist es gewohnt, zu warten!"
Ihr reizendes Mädchengesicht sah hochmütig aus.
„Auch ein Diener ist ein Mensch, Edele!" war die Antwort des Freundes. „Mein Vater hat mich gelehrt, gegen Menschen, die uns dienen, doppelt höflich und rücksichtsvoll zu sein. Er sagt immer, wir müssen sie so wenig wie möglich fühlen lassen, daß wir ihnen befehlen können."
(Fortsetzung folgt.)
Vornan von Klothilde von Stegmann
Urheberrechtsschutz: Fünf-Türme-Verlag Halle (S.) Nachdruck verboten.
Er st es Kavitel.
Die Glocke der kleinen Holzkirche von Serrebro läutete zur Adventsandacht.
Ganz hoch und klar stand der reine, feierliche Klang in der Winterluft. Die Frauen von Serrebro gingen, in dunkle, weite Mäntel gehüllt, das Gesangbuch in den gefalteten Händen, langsam über Den Kirchplatz, dem lichterhellten Gotteshause entgegen. Die Männer folgten langsam, schwerer. Ihre halblauten Gespräche waren noch in den alltäglichen Sorgen gefangen: dem Fischfang, dem Verkauf, den Geschäften der kleinen norwegischen Stadt, die ihren Winterschlaf hielt.
Vor der Kirchtür verstummten sie, nahmen die Pelzkappen von den Köpfen und gingen hinein in den rötlichen Lichterglanz der weihnachtlichen ^Sber nicht überallhin schien der Klang der Adventsglocken zu bringen. — In ber Herrenstube des Gasthofs von Holgerfen wußte man nichts von bem reinen Winterfrieben, ber braufeen über ßanb unb Stabt lag, ber aus ber lichterhellten kleinen Holzkirche sich in die Gemüter ergoß, bte zur Abventsanbacht bereit waren.
Hier lagerte schwerer, beizenber Rauch im Raum, verhüllte halb bie Gesichter, bie aus bem Dunst heraussahen. Es waren verzerrte, gierige Gesichter, die sich über den Tisch beugten, verkrallte Hande, die die Karten hielten. - Ein schaler Dunst von Wein Bier und Likör mischte sich mit dem kalt gewordenen Rauch. — Hier in dem Gasthause von Holqersen wurde gespielt wie nirgends sonst in der kleinen norwegischen Stadt. - Ker vergaßen bie Bürger unb bie Ebelleute bie Lange bes norme* gischen Winters - hier vergaßen sie aber auch über ihren Karten nur zu oft ihre eigene Existenz unb bas Glück ihrer Familien.
An einem kleinen Extratisch saß Baron von Glyn, ein breitschultriger, kräftiger Mann, einem zweiten gegenüber. Dieser anbere war sehr groß sehr schlank - in seiner leicht vorgebeugten Haltung lag etwas wie von einem Raubtier, das vor dem Sprung zusammenduckt - m fernen grünlichen, scharfen Augen, die ein wenig zu eng an Der scharf gebogenen Hakennase standen, war etwas, was an einen Raubvogel erinnerte.
Seine Hände waren lang, aber sehr mager; sie hatten gleichfalls etwas an sich, das das Bild Des Raubtierhaften verstärkte.
Sehr ruhig faß dieser Mann da und blickte aus halb geschlossenen Augen auf den Baron von Glyn.
Dessen Gesicht war von einer beängstigenden, fleckigen Röte — die blauen Augen blickten wie die eines Irren auf die Karten, die er in den Händen hielt.
Jetzt warf er mit einem unterdrückten Fluch die Karten auf den Tisch:
„Sie haben gewonnen, Liewen!" kam es dumpf, wie ein Aufstöhnen aus feinem Munde.
„Ja — ich habe gewonnen!" wiederholte der andere höflich — und nach einer kleinen Pause fuhr er fort: „Nun — und wie denken Sie es mit der Bezahlung zu halten, Baron Glyn?"
Der Baron von Glyn sah den Fragenden mit einem Blick der nackten Verzweiflung an:
„Wie ich es zu halten gedenke? Wozu höhnen Sie noch, Liewen! Sie wissen ebenso gut wie ich, daß ich fertig bin — daß es aus ist. Daß ich nicht zahlen kann."
„Oh!" Siemens Gesicht drückte ein kühles Bedauern aus. „Das würde mir leid tun, Glyn, aufrichtig leid! Sie wissen doch, Spielschulden sind —" „Jawohl!" schrie der verzweifelte Mann so laut auf, baß selbst bie anderen Spieler an ben Nebentischen, bie ganz in ihrer Spielleibenschaft gefangen mären, zur Wirklichkeit zurückkehrten unb aufsahen. „Jawohl, ich weiß, Spielschulben sinb Ehrenschulben — sie müssen in vierunbzwanzig Stunben bezahlt werben! Aber wenn ich boch nicht kann —"
Dom Nebentisch kam einer ber Herren herüber:
„Nun, nun, Herr Baron", sagte er begütigend, „vielleicht findet sich doch noch eine Hilfe! Sie haben doch Freunde in der Stadt?! Versuchen Sie es einmal, Geld aufzutreiben!"
Liewen erhob sich langsam:
„Ja, versuchen Sie es, Herr Baron!" sagte er zuredend. „Ich kann mir nicht denken, daß man ben Baron von Glyn abweisen wirb. Ich warte bis heute abenb, um zu hören, ob Sie etwas erreicht haben. Dann können wir meiterreben —"
Er wollte noch etwas sagen, aber ber Baron von Glyn war bereits aufgesprungen, riß Pelz unb Hut vom Kleiberhaken unb ging, wie ein Trunkener schwanken!), zur Tür hinaus.
Draußen auf bem Marktplatze vor bem Gasthause ftanben bie Schlitten. Die Pf erbe bampftcn vor Kälte. Die Kutscher waren abgestiegen, gingen in hohen Schaftstiefeln hin unb her, schlugen bie Arme um sich, um sich Wärme zu verschaffen. Emer ober ber anbere stahl sich auch einen Augenblick hmem in bas Gasthaus von Niels Holgersen, um die erfrorenen Lebensgeister mit einem Grog ober einem norwegischen Korn roieber anzufachen.
In einem großen, eleganten, schwarz lädierten Schlitten, vor bem zwei ausgesucht schöne Pferbe geschirrt waren, saß ein junges Mäbchen von viel- leicht fünfzehn Jahren. Aus einem weißen Pelz- käppchen sah ihr rosiges Gesichtchen wie eine Apfelblüte heraus. Golbene Locken stahlen sich übermütig aus ber verhüllenben Kapuze. Die schlanke Gestalt
in dem Mantel aus dem gelblich weißen Pelz war tief in ein dunkles Bärenfell gehüllt.
Der schwarze Schlitten wartete immer noch auf dem Markt. Der alte Kutscher auf dem Kutschbock drehte sich um:
„Wird Fräulein Edele auch nicht falt?" fragte er besorgt. „Dann soll ich, hat der gnädige Herr gesagt, die Pferde einstellen und mit dem Fräulein Edele ein wenig spatterengehen."
Ein ungeduldiger Ausdruck prägte sich auf bem lieblichen Gesicht bes Mäbchens aus unb gab ihm einen Zug von Eigensinn.
„Ich will aber nicht mit bir spazierengehen, alter Kersten — ich will allein gehen!"
„Das geht nicht, Fräulein Ebele! Der gnäbige Herr haben es streng verboten — Fräulein Ebele soll nur mit mir gehen!"
Eine trotzige Falte grub sich in Ebeles Gesicht, sie schien nachzusinnen — bann glitt ein übermütiges Lächeln in ihre blauen Augen.
„Na — bann bleiben wir eben hier im Schlitten, Kersten, bis mein Vater kommt! Aber weißt bu, bu könntest mir aus bem Gasthause schnell eine heiße Schokolabe holen!"
„Werben Fräulein Ebele auch bestimmt hier warten?"
Statt einer Antwort hatte sich bas junge Mädchen aus dem Bärenfell herausgeschält, griff über den Kopf des alten Kutschers und nahm ihm einfach die Zügel aus der Hand.
„Nun geh schon, Kersten", befahl sie scharf, „ich halte die Pferde!"
Schwerfällig stand der alte Kutscher auf und kletterte mit seinen steifen Beinen herunter. Bald war er in der Tür des Gasthauses von Serrebro verschwunden, nicht ohne sich noch einmal mißtrauisch nach dem Schlitten umzuschauen.
Aber Edele saß ganz still und sah mit aufmerksamem Gesicht auf die beiden Pferde, deren Seine sie in den kleinen, weißbehandschuhten Fäusten hatte.
Kaum aber war ber alte Kersten in ber Haustür verschwunben, ba gab Ebele ben Pferben ein Zeichen burch einen kleinen schnalzenben Laut, sie setzten sich in Bewegung, fuhren auf bem weichen Schnee lautlos an bem Gasthaufe vorüber. Ebele lenkte sie an bie Stallung, wo ein Bursche erstaunt herauskam.
Mit einer hochmütigen Bewegung winkte Ebele ben Stallburschen heran:
„Halte bie Pferbe, bis unser Kutscher aus ber Gaststube herauskommt!" befahl sie mit heller Stimme.
Dann kletterte sie leichtfüßig aus dem Schlitten und war im nächsten Augenblick um die Ecke des Hauses verschwunden.
Schnell lief sie den verschneiten Weg hinab, durch einige Gassen, bis sie auf einem großen Platze angelangt war, an dessen Ecke ein großes, reich geschnitztes Bürgerhaus stand. Es lag dunkel da, nur aus einem schmalen Fenster schimmerte Licht. Da


