Nr. 82 Dritter Blatt__________ Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)_____________Montag, 9.April MH
Die Eröffnung des Verufswettkampses in Gießen
Das Bild unserer Stadt trug gestern wieder einmal festlichen Charakter. Von den Häusern flatterten die Fahnen des Dritten Reiches. In den Straßen war die Jugend unterwegs, die zum Teil auch aus der Umgebung herbeigeeilt war, um den großartigen Auftakt zum Reichsberufswettkampf mitzuerleben.
Oie Lugend marschiert...
Deutsche Jugend unserer Heimat marschierte nicht nur durch die Straßen, weil es notwendig war — der Werbemarsch hatte vielmehr tieferen Sinn. Die Jugend ist geeint, hat ein Ziel und befindet sich im Vormarsch für Deutschlands Zukunft. Das ließ der Werbemarsch am gestrigen Nachmittag äußerlich erkennen. Das Bewußtsein, daß in den Reihen der Jugend heute ein einheitlicher Geist und ein ebenso einheitlicher Wille herrscht, drängte sich lebhafter auf, als je zuvor. Gestern marschierte die arbeitende Jugend ...
Um 14 Uhr sammelte man sich auf dem Landgraf- Philipp-Platz. Immer neue Gruppen kamen an und fügten sich ein. Die Hitler-Jugend im Braunhemd und die Mädchen des BDM. in ihrer kleidsamen einfachen Tracht bestimmten das Bild. Hinter den Schildern ihrer Berufsgruppen sammelten sich alle diejenigen Lehrlinge und Lehrmädchen, die sich zur aktiven Teilnahme am Berufswettkampf verpflichtet hatten.
Vor strammstehenden Kolonnen wurde kurz vor Beginn des Propagandamarsches die in Potsdam geweihte Bannfahne des Bannes 116 an die Spitze
des Zuges gebracht. Unter den Klängen des Spielmannszuges des HI. setzten sich die langen Kolonnen in Bewegung. Die Hitler-Jugend war außerordentlich stark vertreten. Allgemein fiel die Marine-HI. Gießen in ihren schmucken Matrosenuniformen auf. Der Bund deutscher Mädchen war ebenfalls mit vielen Mitgliedern beteiligt, die in erfreulicher Disziplin marschierten und den Erwachsenen mit ihren während dem Marsch gesungenen Liedern viel Freude bereiteten. Im Zuge folgte sodann der Spielmannszug des Jungvolks, dem dann die Berufsgruppen folgten, die im einzelnen durch Schilder kenntlich gemacht worden waren.
Der Marsch führte von der Landgrafenstraße über den Hitlerwall, durch die Walltorstraße, dann über Marktplatz, Schulstraße, Sonnenstraße, Seltersweg, Frankfurter Straße, Liebigstraße, Bahnhofstraße, Kaplansgasse, Neuenweg, Ludwigsplatz und Kaiserallee zur Volkshalle.
Das herrliche Frühlingswetter, das die gesamte Veranstaltung begünstigte, hatte viele Einwohner unserer Stadt auf die Straße gelockt, so daß der Marsch viel Beachtung fand. Ueberall wurden die Fahnen der HI. und die Wimpel des BdM. freudig gegrüßt in dem Bewußtsein, daß die Jugend wohl all das schaffen wird, was die Gegenwärtigen von den Zukünftigen erwarten. So gestaltete sich der Marsch der Jugend nicht nur zu einem Werbemarsch schlechthin, sondern gleichzeitig zu einem Ausdruck der Volksverbundenheit, die heute keine Grenzen zwischen den Ständen und keine Grenzen zwischen Altersunterschieden mehr kennt.
Dre Kundgebung in der Volkshalle
Im Anschluß an den Werbemarsch fand in der Volkshalle, die sehr stark besucht war, eine öffentliche Kundgebung zur Einleitung des Berufswettkampfes statt. Dem Führer des Oberbannes IV/13, Walter Blumenröder, wurde bei seiner Ankunft in der Volkshalle von der großen Versammlung ein herzlicher Empfang bereitet. Nach dem Einbringen der Banner der Hitlerjugend und der Wimpel des BDM. eröffnete der
Berufsreferent des Bannes 116 Becker-Gießen
die Kundgebung mit Grußworten an die Versammlung, insbesondere an die jungen Wettkämpfer, die Mitglieder des Ehrenausschusses und an die Wettkampfleiter, vor allem aber auch an d e n Mann, der es erst ermöglicht hat, eine Veranstaltung wie den Reichsberufswettkampf im ganzen Reich durch-
Hitler-Jugend marschiert voraus. Im Vordergrund die in Potsdam durch den Reichsjugendführer geweihte Bannfahne. — (Aufnahme: Photo-Pfaff.)
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Der Mann, der Cäsar stahl.
Von Wilhelm Weldin.
Julius Cäsar setzte sich und lockerte seine Toga, denn es war ihm heiß.
„Schlechte Zeiten", sagte er.
„Elend", bestätigte Brutus. „Auch gekürzt?"
„Um fünftausend im Monat."
Pause.
Nachdenklich nippte Brutus an seinem Whiskysoda.
Cäsar zog seine Uhr und seine Stirn legte sich in Falten: „Elf! Und der Regisseur ist noch immer nicht da ... Schweinerei..."
Im Hintergrund der großen Halle saßen die Prätorianer und rauchten Zigaretten. Sie fühlten sich unbehaglich in ihren Rüstungen und machten ärgerliche Gesichter. Die Tonfilmapparatur war bereits fertig adjustiert. Nur zwei Männer in Hemdärmeln machten sich noch an ihr zu schaffen.
Brutus hatte seinen Whiskysoda geleert und warf einen resignierten Blick auf das Durcheinander in der Halle.
„Auch der Triumphwagen fehlt noch", stellte er fest.
Cäsar zog wieder seine Uhr und' sah erwartungsvoll auf das Tor der Halle, das weit geöffnet war, bereit, den Triumphwagen hindurchzulassen. Er war sichtlich nervös. .
In diesem Augenblick rief lemand beim Tor „Achtung!" und sprang zurück.
Wie ein weißer Panther schoß ein Automobil in die Halle. Es war ein schwerer Achtzylinder. Aus jedem Fenster des Achtzylinders ragte' em Maschinengewehr. ±
Der Wagen machte einen Bogen, reversierte blitzschnell und stand mit pochendem Auspuff.
Ein Mann sprang aus dem Wagen, in ieder Hand eine Pistole: „Hände hoch!
Die Prätorianer ließen ihre Schilder fallen, ein Schwert klirrte zu Boden, dann erstarrte das Durcheinander in der Halle, wie von einem elektrischen Schlag gerührt. Todesstille trat ein.
„Wer sich rührt, wird erschossen , sprach der Mann mit den Pistoleü in die Stille hinein. „Wir suchen Lionel Dorban... treten Sie vor. Mr. Dorban..." t „,f , ,
Lionel Dorban, der Darsteller des Casar, erhob sich langsam von seinem Sitz.
„Was wünschen Sie von mir?" fragte er nervös.
„Wir wünschen Sie auf eine kleine Spazierfahrt mitzunehmen. Mr. Dorban... vorwärts... vorwärts ..." ... . I
Noch immer stand Lionel Dorban wie versteinert auf seinem Platz.
„Also wird's?"
„Gekidnapped", flüsterte eine Statistin im Hintergrund. „Lösegeld ... natürlich ... huuu, wie spannend!"
„Ruhe!" donnerte der Mann mit den Pistolen. Etwas Metallisches schnappte an einem Maschinengewehr.
Der Augenblick war dramatisch.
Plötzlich lachte jemand im Hintergrund.
„Aber Kinder", sagte eine Stimme laut in die Stille hinein. „Aber Kinder... laßt euch nicht bluffen..> das ist doch Conny, der Hauptdarsteller aller Gangsterfilme. Wir sind irrtümlich in das falsche Atelier geraten und sie machen sich einen Spaß mit uns und werfen uns hinaus..."
Die Spannung löste sich in ein befreiendes Gelächter. In der nächsten Sekunde kam Leben in die Halle und alles flutete auf den Mann mit den Pistolen zu.
Der trat drei Schritte zurück und lächelte.
„Natürlich", sagte er und steckte die Pistolen ein.
Nur Lionel Dorban war bleich geworden.
Der Mann, der „Conny" genannt wurde, winkte ihn mit einer Kopfbewegung zu sich heran.
An allen Gliedern zitternd, leistete Lionel Dorban der Aufforderung Folge.
Eine Lachsalve explodierte in dem Atelier.
„Hasenfuß!" schüttelte sich der Darsteller des Brutus. „Er versteht den Spaß noch immer nicht."
Wie hypnotisiert ging Lionel Dorban auf den Mann mit den Pistolen zu. Er hatte ihn kaum erreicht, als die Läufe der Maschinengewehre gegen die Galerie empor zuckten.
Tak-taktaktaktaktak-taktaktaktak-tak.
Fünf zerstörte Jupiterlampen auf der Galerie gingen als Regen von Glasscherben auf das Atelier nieder.
Im selben Moment packten zehn Hände den Darsteller des Cäsar und rissen ihn in den Wagen, der mit Vollgas aus der Halle schoß.
*
Zwischen acht Pistolen und vier Maschinengewehren hockte Cäsar bleich im Fond.
Die Portiers der Filmgesellschaft sahen den schwer armierten Wagen mit dem Mann in der Toga und lachten: „Filmaufnahme! Conny dreht einen neuen Gangsterfilm..."
Die Verkehrspolizisten auf der Straße lachten:
„Filmaufnahme... kennen wir!"
So raste der Wagen aus Hollywood hinaus.
Hinter den letzten Häusern richtete sich Lionel Dorban plötzlich auf. Er war nicht mehr bleich. Er zitterte nicht mehr. Er klopfte dem Mann mit den Pistolen gönnerhaft auf die Schulter.
„Alea jacta est!" sagte er vergnügt. „Der Würfel ist gefallen ..."
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Der Mann mit den Pistolen nahm seinen Schnurrbart ab, wischte sich mit einem Tuch über das Gesicht und enthüllte eine ziemlich gewöhnliche Gauner- visaae.
„Geht in Ordnung", bemerkte, er lakonisch.
„Fein haben Sie das gemacht", lobte Lionel Dorban. „Nur einen Augenblick fürchtete ich, d'aß alles schief gehen würde, als man Sie ernstlich für Conny hielt... den Schreck, den ich hatte ..."
„Geht in Ordnung", wiederholte der Mann lakonisch.
„Und abgesehen von dem Lösegeld, das wir jetzt teilen", fuhr Lionel Dorban vergnügt fort. „Die Reklame! Und die Gesellschaft muß zahlen, da hilft ihr nichts, ohne mich kann sie den Film jetzt nicht mehr weiter drehen und sie hat schon zu viel Kapital in ihn investiert..."
„Geht in Ordnung, Mr. Dorban."
Das Lösegeld war bezahlt: 300 000 Dollar.
Julius Cäsar saß wieder im Atelier.
Er plauderte mit Brutus.
Er sah gedrückt aus.
„Weißt du", flüsterte er, „jetzt kann ich es dir ja verraten, schließlich bist du mein bester Freund, und man will sich aussprechen: also, die Gangster, die mich entführten, traten vorher ganz offiziell an mich heran und schlugen vor, daß wir das Lösegeld teilen..."
Brutus ließ sein unvermeidliches Whiskysodaglas fallen, daß es klirrend am Bodden zerbrach.
„Kapitale Idee!"
„Aber", fuhr Cäsar fort und ein Schatten legte sich über seine Züge. „Nachher stellte es sich heraus, daß das nur ein Trick der Gangster war, um mich leichter zu bekommen. Sie haben das ganze Lösegeld eingesteckt, und ich mußte noch aus eigenem 50 000 'dazuzahlen... schlechte Zeiten, das!"
Dom Erbgut der Familie.
Die Erbpflege, die gegenwärtig so stark gefördert wird, muß sich vor allem die Erziehung des einzelnen zu einer gesunden Familienpolitik zur Aufgabe machen, denn hier wird der beste Teil des geistigen Erbgutes erhalten und übertragen. Die Eltern vererben ihren Kindern ja nicht nur körperliche und geistige Eigenschaften durch die Keimzellen, sondern sie wirken auch, wie Dr. G. R o e s l e r in der „Deutschen Medizinischen Wochenschrift betont, im empfänglichsten Lebensabschnitt auf das Kind mit der ganzen Macht ihrer Kultur, ihrer Sitte, ihres Standesbewußtfeins usw. ein, mit einer Macht, die sie selbst zum großen Teil von ihren Eltern und Voreltern empfangen hatten. Diese samiliengebun-
Die Marine-HI. schwenkt in die Liebigstraße ein. In kleidsamer Tracht folgt der BdM (Aufnahme: Photo-Pfaff.)
zuführen: unseren Führer und Volkskanzler Adolf Hitler. Der Redner wies darauf hin, daß Adolf Hitler immer wieder der Welt kund- getan hat, daß Deutschland nur Werke des Friedens bauen und die schaffenden Hände aller deutschen Volksgenossen im friedlichen Wettbewerb mit allen anderen Nationen einsetzen will. Don diesem Gedanken geleitet, hat der nationalsozialistische Staat auch der zusätzlichen B e r u f s s ch u l u n g durch die Hitlerjugend einen ersten Platz eingeräumt. Für die HI. gilt die Parole: wenn wir unserem Berufe recht dienen, dienen wir Deutschland!
Die HI. ist bereit, die Derufsleistungen ihrer Kameraden auf den höchsten Stand zu bringen und dafür zu sorgen, daß jeder hitlerjunge jetzt und auch späterhin an seinem Arbeitsplatz voll und ganz seinen Wann steht.
Im ganzen Reiche nehmen nahezu IV2 Millionen junger deutscher Volksgenossen an dem Wettkampfe teil. In Gießen liegen dazu rund 250 0 A n - Meldungen vor. Der Redner dankte am Schluffe seiner Ansprache den Mitgliedern des Ehrenausschusses, den Prüfern und Wettkampfleitern, den Arbeitgebern und Handwerksmeistern, die ihre Arbeitsstätten zur Durchführung des Wettkampfes zur Verfügung gestellt haben und schloß mit einem Bekenntnis zur echten deutschen Volksgemeinschaft unter der Parole: Alles was wir tun, nur f ü r D e u t s ch l a n.d ! (Lebhafter Beifall.) Beigeordneter Bartholomäus-Gießen sprach sodann als erster Hauptredner. Er wies einleitend darauf hin, daß die Eröffnung des ersten Berufswettkampfs in Deutschland einen Umbruch der Arbeit durch die nationalsozialistische Revolution bedeutet und daß das deutsche Volk nicht nur das Volk der Dichter und Denker, sondern auch ein Volkder Arbeit ist. Weiter betonte er die Notwendigkeit, sich mit der Frage der deutschen Jugend ernstlich auseinanderzusetzen und sich dabei vor Augen zu halten, daß die Jugend das k 0 st - barste Gut der deutschen Nation ist. Der Redner sagte sodann u. a.: Die Jugend ist der Träger der deutschen Zukunft. Sie muß von
uns geformt und auf ihre hohe Aufgabe der Arbeit im nationalsozialistischen Geiste für Deutschland vorbereitet werden. Schon in der Schule ist ein grundsätzlicher Umschwung durchzuführen. Die Schule der letzten Jahrzehnte hat viel zu großen Wert auf das reine Wissen gelegt, dabei aber die Charakterbildung und die Schaffung von Persönlichkeiten außer Acht gelassen.
Im Dritten Reich wird ein grundsätzlicher Unterschied in der Jugendbildung zwischen dem Gestern und dem heute kommen.
Es wird vor allem schon in der S ch u l e die C h a - rakterbildung stark in den Vordergrund treten, ferner wird die Art der Bildung nicht abhängig gemacht werden von der Familienzugehörigkeit, vom Besitz oder bergt, sondern nur derjenige soll die höchste Schulbildung erhalten, der in sich s e l b st dazu befähigt ist. Die Ausbildung in der Schule darf nur nach der eigenen persönlichen Leistungsfähigkeit erfolgen, aber nicht nach dem Gesichtspunkt, daß nur derjenige die höchste Bildung genießen kann, der das nötige Geld dazu hat. (Beifall.)
Auch in der Berufswahl muß ein grundsätzlicher Wandel gegen früher vorgenommen werden.
Maßgebend muß hier neben der körperlichen Eignung auch die Lust und Liebe zu dem Beruf, d. h. die innere Eignung sein. Ferner ist auf das L e i st u n g s p r i n z i p das größte Gewicht zu legen. Es muß auch jeder Beruf als gleichwertig im Deutschen Reiche für das Dolksganze angesehen werden und damit der einzelne deutsche Mensch die gleiche Achtung und Wertschätzung für das Leben der Nation erhalten. Damit muß Hand in Hand gehen die Ausbildung des einzelnen Menschen in seinem Beruf zur Vollbringung von H ö ch st l e i ft u n g e n,
Vor allem ist Gewicht darauf zu legen, daß die Liebe zum Handwerk im deutschen Volke wieder geweckt und gestärkt wird.
Die handwerkliche Ausbildung der Jugend muß mit der geistigen Förderung und der Ausstattung mit fachmännischem Wissen gleichzeitig erfolgen. Es muß auch darauf gesehen werden, daß diejenigen, denen die große Ausgabe der Erziehung junger deutscher
bene Trabition, bie von größter Bebeutung ist, hat ihre ganz eigenen Gesetze, bie sich in ber Vererbung ber sog. „genealogischen Eigenschaften" zeigen. Solche Eigenschaften schließen innerhalb einer Summe von verwanbten Personen biejenigen zu einer genealogischen Gruppe zusammen, in ber ein besonders lebendiger Zusammenhang durch die Familienüberlieferung gegeben ist. Die Gruppeneigenschaften können sehr verschiedener Art sein; am deutlichsten sind die, welche aus einer ständischen oder beruflichen Gleichheit hervorgehen. Auf einem Erbhof, der jahrhundertelang im Familienbesitz ist, werden durch Boden und Blut die Geschlechtsgenossen über Generationen hinweg zu einer Einheit zusammengeschlossen. Im Gegensatz zu den biologischen Eigenschaften sind die genealogischen nicht starr, sondern entstehen und vergehen sichtbar und ihre bewußte Entwicklung vollzieht sich hauptsächlich durch Selbst- und Fremderziehung, erst in zweiter Linie durch Ausmerzen ungünstiger und Anhäufen günstiger biologischer Erbanlagen. Diese Entwicklung ist durch mannigfache Gesetze bestimmt, die in der geschichtlichen Umgebung oder den sozialen Verhältnissen begründet sein können. So führt der Weg der Familie vom Lande in die Stadt, vom Handwerk zur Industrie. Aufstieg und Niedergang lassen sich oft deutlich aus äußeren und inneren Ursachen erklären. Man denke etwa an das Geschlecht der Fugger, die sich 1367 in Augsburg als Weber und Färber niederließen, bann zu Kaufleuten unb schließlich zu ben Leitern eines Weltunternehmens würben, bas über 300 Jahre lang alle Fa- milienmitglieber umfaßte. Auch für bieses Familien- Erbgut ist bie Heirat von entscheibenber Bebeutung, je nachbem es sich um bas Zusammentreffen gleicher Erbstämme hanbelt, wodurch „S t a m m e s f e st i g- keit" entsteht oder um die Verbindung ungleicher Erbstämme, die „S t a m m e s v e r m i s ch u n g" hervorruft. Die Stammesvermischung, die verschiedenartige Elemente zusammenschmilzt, ruft unter den Nachkommen eine stärkere geistige Regsamkeit, zugleich aber auch Auflockerung der Ueberlicferung hervor. Man hat darin eine wesentliche Ursache für die Entstehung des Genies gesehen. In der stammfesten genealogischen Gruppe dagegen werden Charakterfestigkeit und Traditionsgebundenheit gezüchtet, wobei andererseits die Gefahr der Erstarrung und ber Entsrembung gegenüber ber Umgebung entsteht. Wenn man aus ber Geschichte unb aus ber ver- gleichenben Familienforschung bie segensreiche Wirkung eines gefunben unb tüchtigen Familien-Erb- gutes erkannt hat, bann muß man bie Pflege der Familien-Ueberlieferung unb festgefügter genealogischer Gruppen für bie Erzielung eines tüchtigen Volksganzen für unbebingt notwenbig hatten.


