Nr. 82 Zweiter Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheflen)
Montag, 9. April
Das neue Gesicht Persiens.
Von unserem S.I.-Äerichierstatter.
Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!
Täbris, März 1934.
- heute durch Persien fährt, wird über den Aufschwung erstaunt sein, den das Land unter der Herrschaft des tatkräftigen Nizah-Chan Pech- lawi genommen hat. Mit fester Hand und unbeirrt lenkt der ehemalige Unteroffizier Rizah das Steuer des persischen Staates und unermüdlich ist er bestrebt, sein Land aus der Unwissenheit, Verwahrlosung und dem Verfall herauszureißen. Die Fortschritte des neuen Regimes sind in der Tat verblüffend! Persien ist heute nicht mehr ein heruntergekommenes Land, über das die Europäer noch vor einigen wenigen Jahren mitleidig lächelten. Zwar kann es mit den großen europäischen Staaten noch nicht konkurrieren; aber die Zeit ist nicht mehr allzufern, da Persien in der Welt eine beachtliche Stellung einnehmen und sich an der friedlichen Konkurrenz der Nationen beteiligen wird. Seine hervorragende geographisch-strategische Lage zwischen Rußland und Indien macht es zu einem begehrlichen Objekt.
Zwei uralte Rivalen, der russische Bär und der britische Löwe, buhlen heute um die Freundschaft Persiens. Nizah-Chan ist aber gewandt genug, aus diesem diplomatischen Feilschen Kapital für sein Land herauszuschlagen. Der kluge und weitsichtige Herrscher erkannte, daß Persien seine Bedeutung noch vergrößern könne, wenn es sich Rückendeckung verschaffen und sich zu einem politischen Faktor ersten Ranges hinaufarbeiten würde. Deswegen schloß er 1928 mit Afghani st an einen Freundschaftsvertrag ab. Der Ostnachbar war aber für Persien nicht so wichtig wie der Westnachbar, die Türkei. Hier mußten die alten Zwistigkeiten aus der Welt geschafft und die politische Lage bereinigt werden. Rizah-Chan entschloß sich, reinen Tisch zu machen. Jahrelang hat man sich gegenseitig vorsichtig abgetastet, bis dann plötzlich die Türkei mit dem Plan hervortrat, einen islamischen Staatenblock zu schaffen. Rizah-Chan trat ohne Bedenken in die Verhandlungen ein, und 1931 wurde der Entwurf eines Staatenbundes ausgearbeitet. Bald darauf wurde der Plan zur Wirklichkeit, und Rizah-Chan, Mustafa Kemal Pascha, König Faisal vom Irak, König Jbn-Saud und König Nadir Chan von Afghanistan hoben den islamischen Staatenbund aus'der Taufe. Der Zusammenschluß der wichtigsten islamischen Staaten war Tatsache geworden. Nun brauchte der Islam niemand mehr zu fürchten. Gestärkt durch diese politischen Erfolge, ging nun der persische Schah daran, sein Land aufzubauen und es kulturell und wirtschaftlich zu entwickeln.
Nach längerer Zeit besuchten wir wieder einmal Täbris, die Hauptstadt P^rsisch-Aserbaidschans. Die Bevölkerung Persisch-Aserbaidschans spricht nicht etwa persisch, wie man vielfach annimmt, sondern türkisch. Persisch wird hier kaum verstanden. Der Name „Täbris" bedeutet auf Türkisch „Fiebervertreibender Ort". Die Stadt wurde 790 von Zuleide, der Gemahlin des Kalifen Harun-al-Raschid, erbaut. Die Entfernung von hier nach Teheran beträgt ein bis zwei Tagreisen, nach Erzerum aber braucht man drei bis vier Tage Ueberlandautofahrt. Die Stadt baut sich terrassenförmig am Fuße des 2600 Meter hohen Schenkuhberges längs der kleinen Flüsse Spintscha und Aftchi-Tschei auf. Sie zählt heutd über 200 000 Einwohner. In alten Zeiten bildete Täbris einen wichtigen Verkehrsknotenpunkt im Handel zwischen Europa und Persien (und Mittelasien). Die Linie Konstantinopel—Datum— Tiflis—Täbris—Teheran usw. war der einzige Weg, der Persien urft) Zentralasien mit Europa verband. Auch heute hat Täbris seine Bedeutung nicht eingebüßt. Der Warenaustausch wird immer noch auf dem alten Weg: Teheran—Täbris—Tiflis—Batum— Konstantinopel betrieben. Täbris ist außerdem Hauptumschlaasplatz Persiens mit Rußland und der Türkei. Die Stadt be
sitzt zahlreiche Moscheen und Karawansereien. An Gewerbe und Industrie sind hier vertreten: Baumwollweberei, Seidenwirkerei, Färberei, Druckerei, Töpferei, Stärkefabrikation und Streichholzerzeugung.
In neuerer Zeit ist hier eine große Lederver- arbeitungs- und Schuhfabrik nach deutschem M u st e r eingerichtet worden. Der Leiter dieser Fabrik ist Scheich I t t e h a t, der sich nach europäischem Brauch Generaldirektor nennt. Sein Sohn studiert übrigens zur Zeit in Berlin. Jttehat ist ein begeisterter Verehrer Deutschlands und ist voll des Lobes für die deutsche Wissenschaft, besonders die deutsche Medizin. Ich habe die Ursache seiner Bewunderung der deutschen Medizin gegenüber bald herausgefunden. Scheich Jttehat hat nämlich außer dem obgenannten Sohne auch eine Tochter, die in Persien lebt und die er abgöttisch liebt. Diese Tochter war nun vor eineinhalb Jahren infolge einer Krankheit blind geworden. Der verzweifelte Vater ließ die berühmtesten Aerzte kommen, doch umsonst. Er schickte sie dann nach Berlin, wo sie operiert und ihr das Augenlicht wiedergeschenkt wurde. Seit der Zeit schwört der Generaldirektor der Schuhfabrik in Täbris auf die deutsche Medizin. In der genannten Schuhfabrik werden übrigens ausschließlich deutsche Ingenieure und F a ch a r b e i t e r beschäftigt. Auch die Fabrikationsmaschinen stammen zum überwiegenden Teil aus Deutschland. Die Fabrik ist modern und sehr sauber eingerichtet; es herrscht dort eine mustergültige Ordnung, die sich von dem übrigen orientalischen Getriebe seltsam abhebt.
Das Stadtbild hat sich in den letzten zehn Jahren sehr zum Vorteil geändert. Enge, übelriechende Gassen, kleine schmutzige und halbzerfallene Lehmhütten, Misthaufen und Pfützen haben vor kleinen schmucken Häusern, breiten Gassen und schönen Anlagen weichen müssen. Elektrische Beleuchtung, nach europäischem Geschmack gebaute Geschäfts- und Lagerhäuser usw. geben Täbris das Gepräge einer mitteleuropäischen Stadt. Vor 20 Jahren noch befand sich der Handel zum großen Teil in den Händen der Europäer. Es waren meistens Schweizer Firmen, dann aber auch Armenier und Perser selbst, die deutsche, französische und englische Fabrikate hier einführten und damit Handel betrieben. Heute ist der europäische Einfluß, aus Täbris fast ganz verschwunden. Der Handel wird noch von den Eingeborenen und auch Armeniern betrieben. Daneben findet man hier noch einige wenige jüdische Kaufleute. Vor einigen Jahren noch war Sowjetrußland fast der alleinige Beherrscher des persischen Marktes. Das anmaßende Auftreten der sowjetrussischen Händler und ihre unfaire kaufmännische Handlungsweise machten sie aber bei der persischen Bevölkerung unbeliebt.
Seit kurzem nun ist Japan auf dem persischen Markt als Konkurrent aufgetreten. Japan überschwemmt Persien mit seinen Waren, besonders Baumwollstoffen, die konkurrenzlos billig angeboten wurden. Selbst Moskau kann sich hier mit seiner Dumping-Ware, mit der es Mittel- und Westeuropa aus dem persischen Markte vertrieben hat, gegen die japanische Konkurrenz nicht behaupten. Außerdem war der Japaner dem Eingeborenen gegenüber im Gegensatz etwa zu Engländern, Amerikanern und Russen von ausgesuchtester Höflichkeit und Fairneß, was ihm bald die Sympathien und die Herzen der Perser gewann. Der Perser kauft heute mit Vorliebe beim Japaner, nicht nur deshalb, weil er dort die Ware billiger bekommt, sondern weil er dort höflich und als Gleich- gestellter behandelt wird. Und so wird es nicht mehr lange dauern, daß der japanische Export den persischen Markt ausschließlich beherrschen wird. In Mandschukuo, in der Mongolei, Turkestan, Tibet, Afghanistan und jetzt auch in Persien hat Japan allmählich die europäische Konkurrenz ausgeschaltet und sich zum alleinigen Beherrscher dieser riesigen Märkte hinaufgeschwungen. In Nordafrika und in den Mittelmeerländern klopft der japanische Kaufmann schon an das Tor Europas.
Die „Oberburg" -ei Kranichfeld dm- Feuer vernichtet.
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Ein Riesenbrand vernichtete das aus dem 12. Jahrhundert stammende Schloß Oberburg bei Kranichfeld (Thüringen). Die Burg im Ilmtal war eine der schönsten Burgen Thüringens und barg wertvolle Kunstschätze, die zum größten Teil zerstört wurden.
Deutsche Mineralölversorgung.
Oie Benzol- und Benzinerzeugung wird gesteigert.
Von Dr. Axel von Gelasinsky.
Die durch die nationale Regierung mit besonderer Lebhaftigkeit in Angriff genommene Motorisierung Deutschlands, die im Vorjahre elf Tage nach der Machtübernahme durch den Reichskanzler Adolf Hitler anläßlich der Eröffnung der Internationalen Automobil - Ausstellung programmatisch verkündet wurde, rückt die Frage der Versorgung des deutschen Kraftverkehrs mit heimi- Kraftstoffen in den Brennpunkt der Ereignisse. Die in wenigen Wochen wiederum am Kaiserdamm in Berlin stattfindende Automobil-Ausstellung 1934 läßt die Frage gerade in diesem Augenblick wieder in den Vordergrund treten.
Deutschland ist ein erdölarmes Land. Wenn man auch kräftig am Werke ist, die deutsche Erdölerzeugung, vorzüglich in Niedersachsen und Thüringen, immer mehr auszubauen, neue erdölhaltige Gebiete zu erschließen, so wird doch für absehbare Zeit die deutsche Erdölförderung, die 1933 rund 230 000 Tonnen betrug, im Vergleich mit der Erdölförderung anderer Länder und im Verhältnis zum deutschen Treibstoffoerbrauch immer zahlenmäßig zurückbleiben. Die Verbreiterung der Rohstoffgrundlage ist aber gerade auf dem Gebiete der Treibstoffwirtschaft aus devisenpolitischen und nationalwirtschaftlichen Gründen eine zwingende Notwendigkeit. Diese Notwendigkeit wird noch besonders betont durch die, infolge Ausdehnung des Kraftverkehrs, in den nächsten Jahren zu erwartende Steigerung des Verbrauchs an Treibstoffen.
Bei der deutschen Treibstoffversorgung ist die Sachlage heute so, daß für das laufende Jahr der Verbrauch in Deutschland auf 1,8 Millionen Tonnen Treibstoffe geschätzt wird. In diesen Zahlen sind allerdings Schmiermittel, Gasöle und Schweröle nicht enthalten. Diese Menge kann nach der alten Erzeugungsgrundlage heute schon etwa zu einem Drittel im eigenen Lande erzeugt werden. In diesem Drittel spielen wiederum die deutsche Benzol - und künstlische Benzinerzeugung die größte Rolle. Während die Benzol-
erzeugung durch den Zwang der Verhältnisse — Benzol fällt als Nebenerzeugnis bei der Verkokung von Steinkohle an — immer nur einen bestimmten Umfang erreichen wird, da der Koksverbrauch sich nach dem Stahlverbrauch richtet, sind der künstlichen Benzinerzeugung theoretisch keine Schranken gesetzt.
Durch ein besonderes Verfahren ist Deutschland in der Lage, Benzin aus Braunkohle und Erdöl zu gewinnen. Die in Betracht kommenden Anlagen haben heute bereits eine Leistungsfähigkeit von 100 000 Tonnen jährlich. Diese könnte aber noch erheblich gesteigert werden. Wichtiger noch ist jedoch die Tatsache, daß man in jüngster Zeit soweit gekommen ist, auch Stein ko h l e zur Benzinherstellung verwenden zu können. Um 1 Million Tonnen Benzin zu erzeugen, würde man erst 2,50 v. H. der gesamten deutschen Steinkohlenerzeugung in Anspruch zu nehmen brauchen. Diese neueste Entwicklung hat es mit sich gebracht, daß man schon jetzt daran geht, unwirtschaftliche S t i ck st o f f a n l a g e n der Werke im westlichen Jndustriebezirk in Benzingewinnungsanlagen umzubauen.
Für die deutsche Mineralölwirtschaft der Zukunft ergeben sich also folgerichtig zwei Wege: Ausbau der deutschen Erdölindustrie und geologische Erfassung der deutschen Erdvölvorkommen sowie Förderung der Benzol- und künstlichen Benzinerzeugungsindustrie. Diese Bestrebungen können jedoch nur auf weite Sicht durchgeführt werden. Für den Augenblick kommt es darauf an, auf dem innerdeutschen Markt gemeinsam mit den Betriebsstoff einführenden Firmen Ruhe und Ordnung wieder herzustellen. Im Interesse aller beteiligten Kreise, insbesondere aber der deutschen Treibstoffindustrie, liegt es, wenn geregelte Absatz- und P r e i s Verhältnisse eine ruhige Fortentwicklung gewährleisten. Der deutsche Kraftfahrer kann von sich aus schon dadurch die Entwicklung fördern, daß er — wie auch auf anderen Gebieten — dem deutschen Erzeugnis den selbstverständlichen Vorzug gibt.
Oberhessischer Kunstverein.
Aus dem Nachlatz von Professor Otto Greiner, Rom.
Die 4. Jahresausstellung des Oberhessischen Kunstvereins, die gestern im Turmhaus am Brandplatz eröffnet wurde, unterscheidet sich wesentlich von der Reihe der bisherigen Ausstellungen. Der Leitung des Oberhessischen Kunstoereins ist es gelungen, dem Interessierten Gießener Publikum einen Teil des Nachlasses des allzufrüh verstorbenen Prof. Otto Greiner zu vermitteln. Die zur Schau gestellten Zeichnungen und Skizzen führen den Beschauer in starkem Maße an den Künstler als Menschen heran. Vollendete Werke, wie sie meist in Ausstellungen an den Besucher herangebracht werden, gestatten selten, der Arbeit des Künstlers nachzuspüren, oder das Werk in seinem Entstehen zu verfolgen — diese Schau aber läßt erkennen, wie der schöpferische Mensch sein Werk erarbeitet, wie er seine Objekte studiert, in Einzelheiten wiedergibt und sie schließlich als ein geschlossenes Ganzes an die Oeffentlich- keit bringt. Der besondere Sinn der Ausstellung ist der, daß'man dem eifrigen Meister gewissermaßen über die Schulter sieht.
Der dem Oberhessischen Kunstverein zur Ausstellung überlassene Nachlaß des Künstlers ist verständnisvoll und übersichtlich geordnet. Das war hier um so notwendiger, als der Künstler die verschiedensten Techniken pflegte (Bleistift, Tusche, Pastell Rötel, Aquarell) und sich außerdem zwei verschiedenen Hauptgebieten künstlerischen Schaffens zuqewandt hatte: dem Menschen und der Landschaft.
Seine größte Liebe galt dem Menschen. Hier ersparte sich der Künstler nichts. Da war keine Schwierigkeit zu groß. Hierher gehören die immer wieder in Erscheinung tretenden, schwer zu zeichnenden perspektivischen Verkürzungen. Er zeichnete Menschen in vielen verschiedenen, immer neuen Stellungen denen wir ober im täglichen Leben immer wieder' begegnen können. Natürlichkeit verbindet sich mit Wahrheitsliebe. Otto Greiner nahm es sehr ernst mit seiner Kunst. Jedes seiner Blatter löst im aufmerksamen Beschauer stille Bewunderung über die in ihnen zum Ausdruck kommende Intensität der Arbeit und Sorgfalt des Studiums aus. Da ist'eine Hand, ein Fuß, ein Arm, ein Profil drei- und viermal gezeichnet, immer wieder etwas anderes, anscheinend ebenso oft gezeichnet, bis der Künstler mit sich zufrieden war. Ueberraschend ist, datz sich Otto Greiner in Rom, inmitten der Fülle der klassischen Kunstschätze, seine reine deutsche Art bewahrt hat. In seinen Blättern befindet sich nichts,
was eine Kopie klassischer Vorbilder gleichkommen könnte. Kaum daß in der Haltung seiner Akte irgend etwas anklingt, was aus der Umgebung gewonnen sein konnte. Das muß dem deutschen Künstler besonders hoch angerechnet werden.
Die Aktstudien, die in großer Fülle in der Schau zusammengetragen sind, verraten schärfste Beobachtung. Es wird schwer fallen, irgend eine Verzeichnung nachzuweisen. Mit außerordentlicher Sicherheit sind die Körper in der Bewegung festgehalten. Jede der vielfältigen Darstellungen atmet unverfälschtes Leben. Manche, insbesondere die ganz durchgeführten Arbeiten sind in ihrer zeichnerischen Feinheit zu großer Realität gesteigert worden, ohne jedoch der Vergeistigung, die man bei einem Kunstwerk nie missen möchte, zu entbehren. Ein besonderer Zauber geht von den Porträts aus, von denen einige die Gattin des Künstlers darstellen. Sehr eindrucksvoll ist der Kopf eines Römers (auf rotem Papier!). Für die Bewegungsstudien, für die Akte und Bildnisse bediente sich Professor Otto Greiner meist des weichen Bleistifts und des Rötels. Mit wenigen Pastellstrichen erhöhte er den Glanz der Lichter und vertiefte die Schatten. So wurde eine überzeugende Plastik erreicht.
Auch die ausgestellten Landschaften verdienen alle Aufmerksamkeit. Der Künstler ist auch hier seinem Wesen treu geblieben und ließ in der Landschaft die gleiche Sorgfalt walten, die er seinen vorerwähnten Arbeiten angedeihen ließ. Oft waren es nur Einzelheiten, die ihn gefesselt zu haben scheinen: ein Bretterzaun, eine alte Mauer in verwilderter Umgebung; einige Bäume sind mit besonderer Liebe gezeichnet. Ja selbst ein Büschel hoher Gräser erregte seine Aufmerksamkeit. Im Gegensatz hierzu überraschen Landschaften von unendlicher Weite. Besonders zu erwähnen sind einige Aquarelle: ein von Bauarbeitern eben verlassener primitiver Frühstückstisch, ein Bauernwagen in einem niedrigen Schuppen und ein Ausschnitt aus einem lichterfüllten Wald, der in einer verwirrenden Fülle der Formen und Farben wiedergegeben ist. In einigen Pastellskizzen beschäftigte sich der Künstler mit dem Meer. Hier macht er es allerdings dem Betrachter schwerer, ein rechtes Verhältnis zu gewinnen. Sehr intensive Blautöne herrschen vor.
Die Ausstellung in ihrer Gesamtheit ist das Spiegelbild eines deutschen Menschen, der als gottbegnadeter Künstler hoch über dem Durchschnitt stand. Reger Besuch dieser Ausstellung würde der Erfüllung einer Ehrenpflicht dem toten Künstler gegenüber gleichkommen.
Zur Eröffnung der Ausstellung hielt Geheimrat Professor Dr. Olt einen aufschlußreichen Vortrag, der insbesondere mit dem harten Lebensweg des stets um seine Existenz ringenden Künstlers vertraut machte. Den Ausführungen des Redners seien kurz einige bemerkenswerte Tatsachen aus dem Leben Otto Greiners entnommen. Der Künstler, 1869 in Leipzig geboren, wurde unter ärmlichsten Verhältnissen erzogen, fiel schon als lOjähriger durch sein Zeichentalent auf, erlernte den Beruf des Lithographen, wuchs aber bald über das rein Handwerkliche hinaus. Gönner ermöglichten ihm Aufenthalt und Studium in München. Die Verbindung mit gleichgearteten Künstlern, insbesondere aber seine Freundschaft mit Max Klinger halfen der Prägung des Künstlers. Im Jahre 1891 erfüllte sich das große Sehnen Greiners nach Italien. Er lernte Florenz kennen, und Rom wurde seine zweite Heimat. Auf der Höhe seiner Schaffenskraft wurde er im Alter von 47 Jahren aus dem Leben gerissen. — Mit einer feinen Würdigung des künstlerischen Schaffens des verstorbenen Meisters beschloß Professor Dr. Olt seine dankbar aufgenommenen Ausführungen. N.
Der Tiadio-pirat.
Dr. John Brinkley ist ganz auf der Höhe seiner Zeit und seines Landes. Sein ausgesprochener Sinn für Fortschritt und Technik hat sich schon ver- jchiedentlich bewährt, allerdings des öfteren in einer Weise, die von der Polizei nicht gern gesehen wurde. Jetzt wird er im Reich der Radiowellen sein Frei- beutertum ausüben. Aber dieses Ereignis hat eine lange Vorgeschichte. John Brinkley hat eine wildbewegte Vergangenheit hinter sich und gehört bestimmt nicht zu den Menschen, die sich vorschnell auf ihren „Lorbeeren" zur Ruhe begeben. Vor ungefähr zwanzig Jahren machte er in der amerikanischen Oeffentlichkeit zum erstenmal durch eine Verjüngungskur von- sich reden, die in der Verpflanzung von Ziegendrüsen auf Menschen bestand. In Milford in Kansas hatte der geschäftstüchtige Mann ein vielbesuchtes Sanatorium und war modern genug, für seine Tätigkeit mit einer großzügig angelegten Radiostation überall im Land die Werbetrommel zu rühren. Das war damals immerhin eine ungewöhnliche und aufsehenerregende Methode. Schon seit dieser Zeit befand sich Dr. Brinkley sowohl mit den Gesundheitsbehörden, als auch mit den Regierungsstellen in beständigem Streit. Das hinderte ihn aber nicht, sich im Laufe der Jahre ein schönes Vermögen zu erwerben. 1930 wurde ihm endlich auf Grund „berufsunwürdigen
Verhaltens" von der Gesundheitsbehörde in Kansas die Zulassung zur ärztlichen Praxis entzogen. Da ging er zum offenen Gegenangriff über. Zweimal ließ er sich auf den Wahlen für den Posten eines Gouverneurs von Kansas aufstellen und ließ es dabei nicht an den notwendigen Beeinflussungsmitteln fehlen. Trotzdem endeten beide Unternehmen mit einer kläglichen Niederlage. Aber dieser Mißerfolg konnte seinen Unternehmungsgeist nicht brechen, auch dann nicht, als die Bundesregierung nun auch die Radiolizenz zurücknahm. John Brinkley siedelte kurz entschlossen nach Acuna in Mexiko über, wo er eine mächtige Sendestation errichtete, die den amerikanischen Radiodienst empfindlich belästigte. Die Regierung der Vereinigten Staaten legte in Mexiko Protest ein, so daß Brinkley vor kurzem gezwungen wurde, seine anregende Radiopraxis in diesem Land aufzugeben. Wer aber glaubte, er würde sich nun auf ein behagliches Rentnerdasein zurückziehen,sollte sich irren. Brinkley begründete jetzt den Beruf des Radiopiraten. Er hat sich eine stattliche Jacht gekauft und will auf ihr eine Sendestation errichten, die auf hoher See tätig sein soll. Außerhalb der Dreimeilen-Grenze, die so lange in den Zeiten der Prohibition eine berüchtigte Rolle gespielt hat, will er dieses Handwerk ausüben, sehr zum Mißbehagen der amerikanischen Behörden. Radiosachverständige sind jedoch der Meinung, daß es keine Gesetze gibt, die es Dr. Brinkley unmöglich machen können, eine der von der Internationalen Radio-Konferenz zu Genf freigegebenen Wellenlängen zu benutzen. Der Radio- Pirat will sich mit seiner Jacht auf der Höhe von Neuyork vor Anker legen.
3eiffd)riffett.
— Westermanns Monatshefte (Aprilheft). — Einen kurzen Rundgang durch die deutschen Gaue macht der Aufsatz von Rotraut Kutscher „Frühling allerorten". Man erfährt, wie der Frühlingsanfang im Hannoverschen begrüßt wird, daß es in Ostpreußen zu Ostern eine Wasserschlacht gibt, daß in Bayern der neue „Maibaum" mit Tanz und Gesang gefeiert wird usw. Die große volkserzieherische Aufgabe, die das Landjahr zu erfüllen hat, erörtert Franz Clemens Schiffer. Die Schönheit von Riemenschneiders Creglinger Muttergottesaltar beschreibt und veranschaulicht Wolfgang Miiller- Clemm. Von dem kürzlich in Berlin stattgefundenen internationalen Reifturnier handelt ein Beitrag von Richard Wolff. Die Novelle von Paul Steinmüller „Herzwunde" und der Aufsatz von Dr. Bernhard Kutsche „Ottmachau, die Staubeckenstadt" beschließen das schöne und vielseitige Heft.


