S)ie echte und die falsche Doralies Roman von Anny von Panhuys.
Urheberrechtsschutz: Fünf-Türme-Derlag, Halle (S.)
11. Fortsetzung. Nachdruck verboten!
Sie fuhr fort:
„Vati bekommt alles fertig: Das siehst du ja daran, daß er mich so im Handumdrehen fortschicken wollte. Vorläufig muß ich still sein, sonst hapert es mit uns beiden:"
Sie küßte ihn: „Oh, du! Hab ich dich lieb, Lutz!"
Er ließ das Thema fallen und küßte den hübschen Jungmädchenmund immer wieder. Dunkelheit lag um sie her, wie ein dichter schützender Schleier, und sie küßten sich und bauten flüsternd Luftschlösser in die Zukunft hinein.
Der Mond kam und verschwand. Das glückliche Pärchen wanderte durch den Park und beide schraken zusammen, als es vom Turm der Hedwig- kirche elfmal schlug, tief und nachhallend.
„Ich muß ins Haus! Bald nach elf Uhr wird Vati heimkommen!" sagte Doralies. „Dati hat di- Gewohnheit, sich davon zu überzeugen, ob die beiden Haustüren verschlossen sind. Bitte, komm übermorgen um dieselbe Zeit wieder. Du sagtest ja schon, morgen kannst du nicht!"
Ein rascher, verliebter Abschied, dann verschloß Doralies hinter Lutz Gärtner leise die Parkpsorte.
Sie betrat sehr vorsichtig das Haus, obwohl sie überzeugt war, daß ihr Vater noch nicht daheim. Es brannte nur ein schwachkerziger Wandarm, aber durch den schmalen Glasstreifen oben an der rückseitigen Haustür ergoß sich das Mondlicht wie ein mattbläulicher Schein, und Doralies stand inmitten des fahlen Lichtes, als sich die Tür zu des Vaters Zimmer öffnete und er heraustrat.
Doralies war wie gelähmt, und wenn es sich auch nur um den Bruchteil einer Sekunde handelte, genügte die winzige Zeitspanne, in der sie durch ihren Schreck zur Regungslosigkeit verurteilt war, in der sie wie eine Statue dastand, vollkommen, um Fritz Wolfram die Tochter erkennen zu lassen.
Im nächsten Augenblick glitt schon wieder eine dichte Wolke am Mond vorbei, und kein Strahl des nächtlichen Himmelslichtes drängte sich mehr durch die Scheiben. Die Lampe vom Dorderflur gab glücklicherweise kein bißchen Helle ab bis hierher, und Doralies hatte sich mit raschem, leichtfüßigem Satz die Hintertreppe hinauf gerettet.
Sie floh zu Frau Hensel, die noch auf war und erstaunt hochschaute von der Zeitung, in der sie gelesen, als Doralies, ohne anzuklopfen, bei ihr eintrat, hinter sich die Tür zuriegelte und auf sie zustürzte.
Doralies sprach gleich erregt auf sie ein.
„Vati hat mich gesehen, glaube ich. Ich muß deshalb bei dir bleiben, Hänschen, falls er mich sucht. Heute abend habe ich keinen Mut mehr zu Erklärungen."
Frau Hensel trug beim Lesen eine Stahlbrille, die schob sie jetzt auf die Stirn hinauf und starrte Doralies erschreckt an. Doralies berichtete mit fliegendem Atem ihr Erlebnis.
Plötzlich vernahmen sie draußen Schritte.
Doralies sagte leise:
„Ich bin nicht hier! Du darfst nichts zugeben. Verstehst du, Hänschen? Du darfst es nicht! Tue, als wenn du schon geschlafen hättest, das erleichtert dir alles. In meinen Zimmern ist kein Beweis von meinem Aufenthalt im Hause."
Schon verschwand Doralies mit geschicktem Sprung hinter der Lehne eines schräg stehenden Sofas, das eine Ecke freiließ, in die sie sich bequem hinhocken konnte.
Im nächsten Augenblick klopfte es sacht an.
Die Wirtschafterin fragte — noch ganz verdattert von Doralies' jähem Hereinstürzen und ihrer Mitteilung:
„Wer ist draußen?"
Und sie wußte doch, außer Herrn Wolfram konnte niemand jetzt klopfen, wenn sich nicht gerade Einbrecher so höflich anmeldeten.
Fritz Wolfram antwortete:
„Natürlich bin ich's, Frau Hensel! Ich muß Sie sofort sprechen!"
Frau Hensel dachte an den befehlsförmig geäußerten Rat ihres Lieblings und rief zurück:
„Wünschen Sie noch etwas, Herr Wolfram? — Dann siehe ich natürlich auf. Ich war eben dabei, einzuschlafen."
Der Gedanke bedrängte sie plötzlich, wenn er die Klinke niederdrücken und eintreten würde, wäre sie sofort der Lüge überführt. Aber nein, das brauchte sie nicht zu befürchten. Doralies hatte ja hinter sich zugeriegelt. Ihr wurde bei der Feststellung ein bißchen leichter; aber auch nur ein ganz klein wenig.
„So! Sie befinden sich schon im Bett!" kam es von draußen zurück, und dann folgte eine Pause. Es war, als besänne sich der vor der Tür Stehende, ob er noch etwas sagen sollte oder nicht.
Frau Hensel erwartete mit Herzklopfen sein Weitersprechen.
Fritz Wolfram stand vor der Tür und kam sich ein bißchen dumm vor. Er war vorhin nach Hause gekommen, ein paar Minuten in seinem Arbeitszimmer gewesen und hatte sich dann, gewohnheitsgemäß, überzeugen wollen, ob die Haustüren verschlossen waren. Da hatte er in dem geheimnisvoll vom Mond erhellten Stückchen Flur, dicht an der Hintertür, Doralies gesehen. Er verbesserte sich jetzt schon in Gedanken: Z u sehen geglaubt. Aber als die Mondscheinbeleuchtung verschwand, war auch sie verschwunden.
Keinen Laut hatte er gehört und nichts mehr
gesehen. Wie ein Traum erschien ihm jetzt, was er erlebt ober erlebt zu haben glaubte.
Ein bißchen schwer fiel es ihm jetzt aufs Herz, daß er beim Bürgermeister drei kräftige, würzige Gläser Rotweinpunsch getrunken; er war es im allgemeinen nicht gewöhnt, so viel zu trinken.
Er sagte kurz:
„Es ist nichts, Frau Hensel! Ich hatte noch Appetit auf eine Tasse Kaffee, aber ich habe es mir Überlegt — ich fürchte, nach Kaffee nicht schlafen zu können."
Wieder eine kleine Pause, dann sagte Fritz Wolfram nur noch:
„Entschuldigen Sie die Störung, Frau Hensel, und gute Nacht."
Berta Hensel erwiderte den Gutenachtgruß höflich und lauschte ein Weilchen an der Tür. Ganz deutlich hörte sie, wie sich Wolfram entfernte und die Treppe hinunterging.
Schon war Doralies wieder aufgetaucht. Sie sagte sehr leise: „Ein bißchen befremdend, daß er nichts weiter gesagt hat — nicht wahr? Er hat mich doch gesehen, und er kam doch auch nur deshalb."
Frau Hensel machte ein brummiges Gesicht.
„Eine schöne Geschichte kann das werden. Morgen wird es schon irgendwie losgehen. Das Schweigen ist ungemütlicher, als wenn dein Vater losgetobt und das ganze Haus nach dir durchsucht hätte — viel schlimmer ist es. Morgen früh wird der Tanz losgehen! Ach!, hätte ich mich doch nicht auf den verflixten Schwindel eingelassen! Ich sehe schon, daß mir dein Vater die Tür zeigt."
„Pst!" warnte Doralies. „Wenn du dich so gehen läßt, könnte Vati etwas hören!" Sie streichelte die Frau und flüsterte ganz hauchleise: „Wenn's nicht anders geht, werde ich bei Dati morgen mit der ganzen Wahrheit herausrücken. Ich habe es Lutz auch versprochen; aber eigentlich erst für später, wenn Lutz abgereist ist. Wollen aber erst mal abwarten, was Dati morgen zu dir sagt. Etwas kann da nicht stimmen, sonst wäre er nicht so still hinuntergegangen."
lieber ihr Gesicht zuckte es spitzbübisch.
„Du — Hänschen! Ich glaube fast, Dati hat mich für’n Spuk ober so etwas Unwirkliches gehalten!"
„Laß bie Witze!" verwies sie ihre Getreue verstimmt. „Wirst morgen schon sehen, für was er dich gehalten hat. Ich werde mein Bündel schnüren müssen, und dich bringt er in eine scharf geleitete Pension, wo du dich nicht mehr heimlich mit einem gewissen Lutz treffen kannst!"
Doralies machte ein Gassenjungengesicht.
„Ich sehe noch ganz vergnügt dem nächsten Tag entgegen. Irgend etwas stimmt nicht, und die Gefahr für uns ist vorläufig beseitigt. Morgen wirst du schon mehr erfahren. Dann stelle dich dumm. Du darfst mich nicht verraten, wenn es nicht dringend nötig ist. llebermorgen wird Lutz wieder- fommen — und du kannst dich darauf verlassen.
bann werde ich vorsichtiger fein." Sie schmeichelte: „Verrate mich nicht, Hänschen, wenn es auch ohne Verrat geht! Ich renke ja bald alles ein!"
Frau Hensel sah ihren Liebling an.
„Du machst mit mir, was du willst! Aber das sage ich dir, wenn's durchaus nicht anders geht, erzähle ich die Wahrheit!"
„Wenn's nicht anders geht, rufe mich, Hänschen, dann beichte ich!" versprach Doralies und fragte: „Nicht wahr, ich darf doch heute nacht in deinem Zimmer schlafen? Auf dem Sofa. Ich brauche nur Kissen und Decke. Die hast du von deinem vielen Bettzeug übrig. Besser ift’s auf jeden Fall, heute nacht nicht in mein Schlafzimmer zu gehen, es könnte Vati doch noch einfallen, sich für meine Zimmer zu interessieren, und ich verspüre jetzt kein Verlangen mehr nach einer Auseinandersetzung."
„Ich noch viel weniger!" gab die Aeltere mit einem aus tiefstem Herzen kommenden Stoßseufzer zurück und begann, für Doralies ein Lager auf dem Sofa zurechtzumachen.
Doralies lächelte:
„In meinen Stuben sieht es für alle Fälle jetzt immer fo aus, als wenn ich abgereist wäre. Dort fände Vati nichts! — Na, und morgen ist ein anderer Tag!"
Doralies schlief trotz des unvorhergesehenen Erlebnisses glücklich und froh ein. Sie war ja jung und dachte an ihren Lutz. Frau Hensel aber fand — mit Aufbietung allen Willens zum Schlaf — nur in einen unruhigen Halbschlaf hinein, in dem sie sich selbst sah, wie sie weinend das Schloß verlassen mußte, in dem sie zwanzig Jahre lang gelebt und sehr zufrieden gewesen. *
Seitdem Doralies offiziell abgereist war und das kleine Tagesmädchen nur während ein paar Mittagsstunden ins Haus kam, brachte Frau Hensel all- morgendlich um acht Uhr den Kaffee in das Arbeitszimmer Fritz Wolframs'. Mit übernächtigtem Gesicht, dem sie vergebens Fassung zu geben versuchte, trat sie diesmal nach kurzem Anklopfen ein.
Fritz Wolfram war eben erst aus dem Schlafzimmer gekommen und wartete, am Fenster stehend, auf das Frühstück. Er drehte sich nach dem Hereinrufen um, erwiderte den Gruß. Nun beobachtete er die Wirtschafterin, die stumm das Geschirr auf einen kleinen Tisch aufbaute, und meinte freundlich:
„Ich habe Sie wohl gestern abend sehr erschreckt, liebe Frau Hensel? Sie sehen aus, als ob Sie schlecht geschlafen hätten. Entschuldigen Sie, daß ich Sie geweckt hatte. Es tut mir leid, aber ich nahm an, Sie wären noch auf." Er machte eine kleine Pause, lächelte dann: „Beim Bürgermeister gab es gestern einen Punsch, der hatte es in sich. In dem Rotwein muß noch ein ordentlicher Schuß Rum gewesen sein. Jedenfalls hatte das Gesöff meine Phantasie etwas zu sehr angeregt."
(Fortsetzung folgt.)
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Gießen, den 9. April 1934.
Bürgermeisterei Gießen. J.V.: Bartholomäus.
Amtliche Bekanntmachungen des Kreisamts Alsfeld.
Vetr.: Den Geschäftsgang bei dem Kreisamt, der Vezirksfürsorgestelle und dem Jugendamt Alsfeld.
Durch Verfügung des Hessischen Staatsministers — Personalamt —, Darmstadt, vom 13. März 1934 sind die Dienststunden für die Zeit vom 1. April bis 30. September von 7 bis 15 Uhr, Samstags von 7 bis 12 Uhr festgesetzt worden. 2170C
Amtstag bei dem Kreisamt, der Bezirksfürsorgestelle und dem Jugendamt ist Freitags während der festgesetzten Dienststunden.
Die vielfach bei der Kreisbevölkerung bestehende Annahme, daß auch der Dienstag Amtstag sei, ist nicht zutreffend. Der Dienstag ist kein Amtslag. Die ordnungsmäßige und rechtzeitige Erledigung der Dienstgeschäfte erfordert es, daß die Kreisbevölkerung für Angelegenheiten, die das persönliche Erscheinen erfordern, den Amtstag — Freitag — benutzt. Nur eilige und dringende Angelegenheiten, die nicht bis zum Amtstag verschoben werden können, können an jedem anderen Werktage von 9 bis 12 Uhr bei dem Kreisamt vorgebracht werden.
Personen, die sich nicht an die in dieser Bekanntmachung angegebenen Zeiten halten, haben es sich selbst zuzuschreiben, wenn sie bei ihrem Erscheinen abgewiesen werden müssen und ihnen unnötig Zeitverlust und Kosten entstehen. Es wäre nicht zu verantworten, daß der Kreisbevölkerung dadurch Nachteile erwachsen, daß ein Teil derselben durch Nichteinhaltung der Amtsstunden verspätete Erledigung ihrer Angelegenheiten verursachen würde.
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