Das gibt'» nur einmal — das kommt nicht wiederI
Samstag, den 10. Februar 1934, abends 8.11 Uhr: Großeröffentl.Maskenball in sämtlichen Räumen der „Liebigshöhe“ Eintritt und Tanzen frei!
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Das Raffel einer Krühlingsnacht
Vornan von Gert Nothberg.
Urheberrechtsschutz: Fünf Türme-Derlag, Halle, Saale
20 Fortsetzung. Nachdruck verboten!
Die Fürstin sah auf den vornehm geschnittenen Männerkopf, auf das Haar, das schlicht zurückgekämmt war. Sie erinnerte sich, daß damals au jenem Feste die Prinzessin Luise Marie eine unglückliche Liebe zu Graf Härtlingen im Herzen trug. Und von den vielen jungen Damen, die noch mit da waren, gar nicht zu reden.
Kurze Zeit darauf hatte sie dann von seiner Vermählung gehört. Einiges Dunkel war darüber geblieben. Es hatte in dieser Ehe, vor allem, was die Herkunft der jungen Gräfin anbetraf, niemand so recht klargesehen. Und dann war auch keine Zeit, groß hineinzuleuchten, denn dann überstürzten sich sozusagen die Ereignisse, in deren Mittelpunkt der Graf von Härtlingen damals stand.
„Ja, was ich noch sagen wollte, ich habe jetzt eine junge Schutzbefohlene bei mir. Ich freue mich; in bin nicht so allein und es ist ein wertvoller Mensch, der um mich ist", sagte die Fürstin wie nebenbei, und ihre beringte Hand schob die Schüssel mit dem goldbraunen Teegebäck etwas zur Seite.
„Durchlaucht haben recht getan, ein junges Menschenkind zu sich zu nehmen. Alleinsein macht müde und alt."
Ein helles Lächeln glitt über ihr Gesicht und machte es ordentlich jung.
„Müde und alt? Ja, das wird man wohl, wenn man immer allein ist!" sagte sie nachdenklich. Dann setzte sie hinzu:. „Wahrscheinlich werde ich aber trotzdem bald wieder allein sein, denn die junge Dame wird sich doch schließlich auch einmal ein eigenes Heim gründen wollen; und ich denke schon, daß das gar nicht einmal so sehr lange mehr dauern wird. Sie ist sehr schön. Beinah könnte ich denken, sie fände auch vor dem verwöhnten Geschmack eines Grafen Härtlingen Gnade."
Ein überraschtes Lächeln legte sich um seinen Mund. Dann sagte er:
„Ich will nicht hoffen, daß ich mit aus der Heiratsliste prange? Es würde mir sehr leid tun, wenn ich mir die Gnade Eurer Durchlaucht verscherzen würde, denn ich — heirate nicht ein zweites Mal."
Die Fürstin Kleven zog sich die Vase mit den La-France-<Rofen näher; sie roch daran und sagte dann:
„Oh! Man soll nichts verreden. So etwas weiß man vorher nie. Doch damit Sie beruhigt sind: auf meiner Liste stehen Sie nicht. Sie machen eine
ganz große Ausnahme, denn sonst habe ich dass ganze junge Volk meiner Verwandtschaft und Bekanntschaft mit auf meine Heiratsliste aufgepackt — damit Sie gleich ehrlich Bescheid wissen, lieber Graf. Selbstverständlich hätte ich mich sehr gefreut, wenn nebenbei auch für Sie noch einmal ein großes und schönes Glück gekommen wäre. Ich habe tiefen Anteil an Ihrem damaligen Geschick genommen!" sagte sie herzlich.
„Wie soll ich Ihnen danken, Durchlaucht? Doch — jene Zeit ließ keinen Gedanken an irgendeinen Menschen in mir aufkommen. Ich habe schwer gelitten damals. Heute ist jene Zeit ausgelöscht."
„Vollkommen ausgelöscht?" fragte sie zweifelnd. „Vollkommen!" sagte er fest.
Sie sann ein Weilchen vor sich hin. Es lag ihr fern, in jene Zeit eindringen zu wollen, und darum konnte sie ihn auch nach nichts fragen. Ganz abgesehen davon, daß er sich nicht fragen lassen würde. Nach einem Weilchen fragte sie:
„Sie waren lange auf Reisen? Gedenken Sie nun wieder hierzubleiben?"
„Kaum, Durchlaucht! Ich hatte damals alles verpachten lassen, und der Mann hat noch ein paar Jahre Kontrakt. Ich habe nicht viel zu tun in Härtlingen, denn das, was es wirklich zu tun gibt, wird vom Vorwerk mit erledigt. Ich kann also gut fort, ohne daß es mir besonderen Schaden machte."
„Ja, freilich! Wenn nichts Sie in der Heimat hält, dann ist es vielleicht doch am besten, Sie gehen wieder fort. Denn sonst kommen nur Erinnerungen, wenn man nicht genügend beschäftigt ist, diese Erinnerungen durch Arbeit zu bannen."
„Ganz meine Meinung, Durchlaucht! Ich dachte an eine Weltreise. Vielleicht drei Jahre? Vielleicht bleibe ich auch noch einmal ganz da draußen? Wer kann das heute wissen? Jedenfalls danke ich Ihnen von ganzem Herzen, daß Sie sich meiner so freundlich erinnerten und ich nun einige schöne anregende Wochen hier in Kleven verbringen darf."
Die Fürstin erhob sich.
,,Ich wollte Sie gern meiner Schutzbefohlenen vorstellen: sie ist nicht mit im Park bei der übermütigen Gesellschaft. Ich will doch einmal nachsehen, wo sie bleibt. Entschuldigen Sie mich einen Augenblick, Herr Graf. Vielleicht sehen Sie inzwischen einmal in diesem Buch nach, ob die Skizzen wirklich alle echt sind. Nur nichts Falsches um mich herum. Ich habe mein Leben lang nur der Echtheit gehuldigt.
Lächelnd nickte sie ihm zu, und dann ging sie, auf ihren Stock gestützt, hinaus.
Die schwere Seide ihres mausgrauen Kleides rauschte diskret. Und es war, als hinge dieses Rauschen noch im Zimmer, als die alte Fürstin es chon längst verlassen.
Graf Härtlingen vertiefte sich in das kunstvoll ein- gelegte Buch, dessen Malerei japanische Kunst war.
Die Skizzen interessierten ihn. Cs waren echte Sachen; er stellte das sofort fest, darin war er Kenner.
Die Tür öffnete sich. Er wandte sich schnell herum, in der Meinung, die Fürstin käme zurück.
Da zuckte er zusammen. Seine Augen flammten auf in wildester Erregung. Seine Hände ballten sich.
„Guten Tag! Ich war zu ihrer Durchlaucht befohlen."
Eine süße, leise Stimme, die ihm das Blut wild durch die Adern peitschte, dazu diese Aehnlichkeit, die ihn erstarren ließ. Er konnte nicht mehr denken, nichts tun, nicht einmal verbeugen konnte er sich, so lähmte ihn diese Aehnlichkeit, die alles Leid der Vergangenheit wieder in ihm emporzerrte.
Da, endlich, er schüttelte den Bann ab.
Was konnte diese Fremde dafür, daß sie aussah wie jene Lelia, die er bis zum Wahnsinn geliebt, und deren wahrer Charakter und deren Vergangenheit alle Ideale in seinem Herzen zerstört hatten?
Tief verbeugte er sich.
„Verzeihung! Eine Aehnlichkeit frappierte mich. Gestatten, Graf Härtlingen!"
„Graf Härtlingen? Ich bin Gertraube Schwarzkoppen!"
Der Graf stand hoch aufgerichtet da. Ein spöttisches Lachen brach sich Bahn. Dann sagte der Mann:
„Gertraude Schwarzkoppen? Ah, wie interessant! So darf ich wohl zu meiner Sicherheit gleich noch fragen, ob Gnädigste eine Tochter, die jüngste Tochter des Herrn Guido Schwarzkoppen sind, der in Monte Carlo starb?"
Verständnislos, mit unnatürlich weit offenen Augen sah sie ihn an.
„Mein — Vater — ist tot? Ich wußte das nicht. Doch — es — ist wohl gut so. Ja, es ist gut so!" sagte sie leise, kaum verständlich. Er trat einen Schritt auf sie zu, fragte zornbebend:
„Darf ich fragen, was diese Komödie bedeuten soll? Die Vergangenheit ist tot! Ich habe keine Sehnsucht, mit der Familie Schwarzkoppen noch einmal-in Verbindung zu treten. Ich hätte gern auf dieses Kennenlernen verzichtet."
Hart, zornig, voll eisiger Abwehr fielen die Worte, und das am ganzen Körper zitternde junge Weib konnte sich kaum noch auf den Füßen halten.
Er sah es, fand sich langsam wieder, lächelte flüchtig und sagte:
„Verzeihung! Was geht denn Sie die Vergangenheit an? Und — diese Aehnlichkeit hat mich ganz und gar aus der Fassung gebracht, denn ich habe sogar vergessen, daß ich Sie seit langem suchen lasse."
Gertraude wankte ins Zimmer hinein, tastete sich zu einem Sessel und fragte:
„Mich? Sie haben mich suchen lassen, Herr Graf?"
Er strich sich über die heiße Stirn; der Anblick der süßen, blonden Frau dort drüben wühlte alles in ihm auf.
Gewollt gleichgültig klang feine Stimme:
„Ja, ich habe Sie tatsächlich suchen lassen, meine Gnädigste. Ihr Herr Vater und ich trafen uns in Monte Carlo, nachdem wir lange Zeit nichts mehr voneinander gehört hatten. Zufällig, ganz zufällig trafen wir uns. Dies nur nebenbei. Ja, Ihr Herr Vater starb dort, und er hinterließ einen Brief und einen ganzen Haufen Banknoten, die er am Abend zuvor von der Bank im Kasino in ehrlichem Spiel gewonnen hatte. Der Brief war an mich gerichtet. Herr Schwarzkoppen bat mich, feine jüngste Tochter zu suchen und ihr das Geld auszuhändigen."
Während er sprach, hatte Gertraude sich wieder aufgerichtet. Ihre wundersamen tiefen blauen Augen sahen ihn an und er dachte:
Sie ist ja das Original des Bildes, das daheim im Gartensaal von Härtlingen hängt und das Denjo Holm als letztes Zeugnis seiner bedeutenden Kunst malte. Sie sieht ihrer Schwester zum Verwechseln ähnlich, und doch ist sie anders, ganz anders, denn ihr Vater hat es mir selbst gesagt, daß sie vor ihm und seinem Abenteuerleben floh. Und — wäre sie denn hier bei meiner alten Freundin, wenn auch nur der geringste Makel an ihr haftete? Doch sie war und blieb Celias Schwester, und er wollte nichts mehr mit Verwandten seiner ehemaligen Frau 3U tun haben. Nicht das geringste. Es war gut so, oaß der Zufall sie mit ihm zusammenführte, so war er nun wenigstens einer lästigen Pflicht enthoben. Er konnte ihr das Geld geben, und dann sollten ihre Wege wieder auseinandergehen. Freilich, wie sollte es denn nun hier werden? Die Oeffenttichkeit wußte nichts von der Tragödie, die sich auf dem See hinter Schloß Härtlingen abgespielt. Sollte er da dieses kleine schöne Mädchen als seine Schwägerin ausgeben oder nicht? Wenn er es tat, bann würde doch wieder Getuschel entstehen.
„Gnädigste gestatten eine Frage: Weiß die Frau Fürstin Kleven, daß Sie meine Schwägerin sind?"
Das blasse, schöne Gesicht hob sich ihm entgegen. Gertraude sagte leise, wahrheitsgetreu:
„Ja! Sie weiß es!"
„Ich dachte es mir!"
Die Gedanken jagten sich abermals hinter feiner Stirn.
Die Fürstin wußte die Wahrheit!
Selbstverständlich wußte sie diese. Aber — es blieb doch so urfoerftänblid). Sie würbe boch niemals bie Tochter eines Abenteurers bei sich ausgenommen haben, noch bazu auf biefe vornehme Weife? Sie war boch immer sehr korrekt gewesen in solchen Dingen? Kühl unb überlegenb! unb sie verbanb bestimmt nichts mit Guibo Schwarzkoppen, baß sie sich nun verpflichtet fühlen konnte, seine jüngste Tochter als Schutzbefohlene bei sich aufzunehmen? Und wenn sie nicht bie Wahrheit wußte, bann war sie eben boch auch betrogen worben von biefem schönen blonben Geschöpf.
Betrogen, wie Lelia einst ihn betrog!
Gefährlich waren sie, biefe Schwarzkoppens!
(Fortsetzung folgt.)
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