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Nr. 235 Zweites Blatt

GietzenerAnzetger (General-Anzeiger für Gberhesien)

Montag, 8. Moberg

Kette stellen verschiedene Tiere dar, Jagdtiere

des

und

"Was ßalten Sie von SKerrn 2;urrßelm?

Vor zehn Jahren am 8. Oktober 1924 starb an den Folgen der Malaria einer unser bekanntesten Forschungsreisenden und Ethnologen, Theodor Koch-Grünberg, während einer Expedition zu südamerikani­schen Indianern. Koch-Grünberg hat sich zu­erst durch die Teilnahme an der Tingu-Ex- pedition 1898 bis 1900 einen Namen ge­macht, 1911 bis 1913 bereiste er Nordbrasi­lien und Venezuela, 1915 wurde er Direktor am Lindenmuseum zu Stuttgart. Dem an­läßlich seines zehnten Todestages von seiner Witwe herausgegebenen fesselnden Reisewerk Am R o r o i m a. Bei meinen Freunden, den Indianern vom rosigen Fels" (F. A. Brockhaus, Leipzig) entnehmen wir folgenden Abschnitt:

einem fliehenden Ziel, nach den Schwälbchen, die über den Dorfplatz hin und her streichen Ich be­teilige mich auch wohl selbst an dem Wettschießen, " sie lachen mich vergnügt aus, wenn sie es

Ich spiele mit Indianerkindern

Bei meinen Freunden, den Indianern vom rosigen Felo.

Don Theodor Koch-Grünberg.

Leib faßt. Ein größerer Knabe stellt den Jaguar dar. Auf seinen zwei Händen und einem Bein, das andere Bein als Schweif hochgestreckt, hüpft er knur­rend vor der Kette herum. Die Kinder schwenken die Kette hin und her und singen im Rhythmus: Kai-ku-schi ma-gele ta-pe-wai!" (Ich sagte es schon, daß dies ein Jaguar sei!") Plötzlich springt der Knabe, der den Jaguar darstellt, auf und sucht das letzte Kind zu Haschen, indem er bald rechts, bald links an der Kette entlang läuft. Die andern suchen ihn durch Abwehren und rasches Hinundher- schwenken daran zu hindern, wobei bisweilen die Kleinsten, die den Schluß der Kette bilden, zum allgemeinen Jubel zu Boden purzeln. Gelingt es ihm nicht, so muß er auf seinen Platz zurückkehren und die Sache nochmals versuchen. Gelingt es ihm, so schleppt er den Gefanaenen im Triumph als Beute weg. In dieser Weise geht es fort, bis auch das letzte Kind gefangen ist. Die Teilnehmer an der

sie die merkwürdigsten Namen geben. Freilich ge­hört schon indianische Phantasie dazu, um Aehnlich- keiten mit Tieren, Pflanzen, menschlichen Körper­teilen usw herauszufinden Ich schlage mit ihnen den leichten Ball, der aus den Deckblättern des Maiskolbens verfertigt ist. Oft sehe ich den Knaben zu, wenn sie mit Bogen und Pfeil oder mit dem kleinen Blasrohr aus die Scheibe schießen oder nach

Meine besten Freunde sind die Kinder. An man­chen Tagen habe ich dreißig Stück der kleinen brau­nen Gesellschaft in meiner Hütte. Sie schauen ge­spannt zu, was ;ft treibe, und machen leise flüsternd ihre Bemerkungen dazu. Sie stören mich nicht. Sie warten, bis ich mich zu ihnen wende. Ich gebe ihnen eine Torpedopfeife. Ich halte ihnen die Tick­tack-Taschenuhr ans Ohr, und sie wollen auch das Tierchen sehen, das drinnen spricht. Ich lasse sie durch die Lupe schauen und hole dann mit diesem Zauberinstrument die brennende Sonne herunter. Ich zeige ihnen ein großes Tierbilderbuch und er­kläre den künftigen Jägern die Tiere aus einer anderen Welt, den haushohen Elefanten, das Kamel mit dem merkwürdigen Buckel und die Giraffe mit dem langen Hals, die das Laub von den hohen Bäumen zupfen kann Ich setze mich wieder zum Schreiben nieder und beobachte verstohlen, wie ein älterer Knabe den Kleinen die Bilder genau in der­selben Weise erklärt. Er hat gut aufgepaßt Eine Gruppe hat sich abgesondert und spielt eifrig mit einem großen Brummkreisel.

Die Sonne sinkt. Ich erhebe mich und schlage das Badetuch über den Arm Die Sitzung ist beendet. Sie kommen aus mich zugetrippelt und reichen mir zum Abschied die Händchen.Ataponteng moyi!" sagen die Knaben, die angehenden Männer.Ata­ponteng pipi!" sagen die Mädchen.Ich will schla­fen gehen, mein Bruder!"

Wenn sie die erste Scheu vor dem Fremden über­wunden haben, sind diese Kinder das zutraulichste, llustigste Völkchen, das man sich nur denken kann. Auf (jeden meiner Späße gehen sie mit Jubel ein, aber sie arten nie aus. Sie sind gefällig und höflich gegen mich und von der größten Eintracht unter sich. Gebe ich einem von ihnen ein Stück Schokolade, sofort teilt er es mit den übrigen. Nie habe ich gesehen. Daß sich zwei zankten oder gar prügelten. Freilich .gehen ihnen die Eltern darin mit gutem Beispiel voran und sind in dieser Beziehung auch die besten Lehrmeister für einen Europäer. Aeußerst selten ivird das Jndianerkind von den Eltern mit harten Worten, angefahren oder gar gezüchtigt, und doch find diese nackten, braunen Kinder auch nach un­seren Begriffen wohlerzogen solange sie mit un­serer sogZivilisation" sehr wenig oder gar keine Berührung haben Geraten sie unter den ständigen Einfluß oder gar in die Dienstbarkeit der Weißen, welcher Gattung diese auch angehören, dann werden diese harmlos fröhlichen und dabei taktvollen Kin­der finster und verschlossen oder zudringlich und frech. Der natürliche Schmelz ist dahin.

Die Kinder und ich sind Freunde. Sie zeigen mir stolz ihre einfachen Spielsachen, die sie sich i'elbft verfertigen oder von ihren Eltern und älteren Geschwistern erhalten. Sie zeigen mir auch die zahl­reichenFadenspiele": durch kunstvolles Jnein- anderschlingen eines, selten zweier unendlicher Fä­den bringen sie verschiedene Figuren hervor, denen

Sie kennen ihn schon: er hört auf den aparten Dornamen Reginald, ist zweifel­los ein begabter Mensch,Kunstmaler von Beruf, hat eine ungewöhnlich hübsche Frau namens Barbara und ein Töchter­chen Lilly. . ein guter Mensch, meinet­wegen, aber auch ein halber Mensch,- ein Mann mit Wünschen, ohne Willen je­doch .fo sagt Herr Strombett von ihm. Außerdem ist Zurrhelm in heftiger Geldverlegenheit- na, das ist uns allen schon passiert und ist bei einem Maler nicht einmal etwas Besonderes leider, leider! Aber an dem verhängnisvollen Abend bei Konsul Finkendey hat Zurr­helm, wie Sie sich gewiß erinnern wer­den, auf kurze Zeit das Haus verlassen.

was nur von Wenigen bemerkt wurde: an jenem verhängnisvollen und ereignisreichen Abend, an dem der kostbare Perlenschmuck der Frau Konsulin spurlos verschwand. Trauen Sie Herrn Zurrhelm einen Diebstahl zu? Halten Sie ihn für verdächtig? Eine schwierige Frage, nicht wahr? Noch eins: erinnern Sie sich daran, daß Zurrhelm an diesem Abend auffallend spitze Schuhe trug? Das ist, wie Sie in der heutigen Fortsetzung des NomansDas Halsband" in den Familienblättern lesen werden,, nicht ohne schwerwiegende Bedeutung. Überlegen Sie sich bitte den Fall:

3t£at er das SKalsßand gestoßlen?

besser können. Ich lasse die Knaben um die Wette laufen: immer sind sie mit Leidenschaft bei der Sache. Ein bildhübscher Taulipang mit langem, flatterndem Haar und großen, wilden Augen, der Sieger, erhält den ersten Preis, ein wunderschönes rotes Kopftuch. Als Trostpreise verteile ichBaader­brezeln", die mir meine kleine Tochter für die guten Indianer" mitgegeben hat. Auch der Häupt­ling ißt gern davon. In den kühlen Abendstunden oder in schönen Vollmondnächten führen mir die Kinder stundenlang Gesellschaftsspiele vor. Sie sind mannigfacher Art und recht unterhaltend. In erster Linie sind es Tierspiele Eins der beliebtesten ist das Spiel des Jaguars, Kaikuschi. Knaben und Mädchen bilden eine lange Kette hintereinander, in­dem eins das andere mit beiden Armen um den

Januars, wie Hirsch, Wildschwein, Goldhase, Was­serschwein u. a.

In weitem Umkreis um die Spielenden sitzen m malerischen Gruppen stolze Mütter und erwachsene Mädchen und regen durch Zurufe die Kleinen immer wieder zu neuen Spielen an. Sie lieben den Wei­ßen, der von weit her in ihr Land kam, der so ganz anders ist als die mischblütigen Brasilianer, die von Zeit zu Zeit ihr Dorf besuchen und die jungen Burschen mit sich führen in ihre Dienste, jo daß sie erst nach Jahren zurückkehren und nichts mehr wissen wollen von den alten Sitten. Sie lieben den Weißen, weil er sich nicht mehr dünkt als sie, weil er mit ihnen lebt wie einer der Ihrigen, mit ihnen jagt, mit ihnen trinkt, mit ihnen tanzt.

Front junge Wissenschaft.

Oer wissenschaftliche Arbeitsplan der Deutschen Studentenschaft.

Don Dr. F. A. Six.

Studentenschaft hat ihre Arbeit um die Gestaltung einer nationalsozialistischen Hoch­schule nicht begonnen in einem neuen Wissenschafts­programm, sondern mit der Erziehung eines natio- nastozlalistischen studentischen Nachwuchses. Solange der Student nicht selbst im Kampf seines Volkes gestanden hatte, solange er nicht neben dem ein­fachen Volksgenossen das tiefste Erlebnis aus der Not feines Volkes, das der Volksgemein­schaft gewonnen hatte, konnte er auch nicht mit neuen Wertsetzungen auf die Hochschule kommen. Die Deutsche Studentenschaft hat aus dieser Er­kenntnis auch nicht teilgenommen an dem Gerede um Krise und Begriff der Wissenschaft und die Smndeutung der deutschen Universität, sondern hat den Angriff auf die liberale Hochschule ausgenom­men durch die Neuformung des jungen Studenten. In einigen grundsätzlichen Ent­scheidungen, die ohne Mithilfe der Hochschule, zum Teil gegen sie, gefällt wurden, mit der Durchfüh- runa der studentischen Arbeitsdienstpflicht, dem Landdienst und der Erntehilfe, sowie der Kamerad­schaftserziehung hat sie die nationalsozialistischen Grundlagen der zukünftigen studentischen Erziehung verwirklicht und die Voraussetzung eines tatsäch- lichen Arbeitseinsatzes in der Wissenschaft geschaf­fen. Der Student mußte erst in der einfachen Be­währung seiner Person neben dem Arbeiter und Bauern in dem Arbeitsdienst stehen,' er mußte weiterhin auf der Hochschule durch die Gemeinschaft des Kameradschaftshauses als geschlossene Mann­schaft eingesetzt werden, bevor er aus diesen Kampf­erlebnissen weiter vorstoßen konnte.

Durch diese Erziehungsformen und die sich aus ihr ergebende Lebenshaltung des deutschen Stu­denten waren nun die Grundlagen geschaffen für die wissenschaftliche Zielsetzung. Wenn die Deutsche Studentenschaft in ihrem Kampfe um eine nationalsozialistische Hochschule und in der Durchdringung der Wissenschaft zu klaren Ergeb­nissen kommen will, so darf sie nicht stehen bleiben bei der Ablehnung der bisherigen Form der Hoch­schule. Die Studentenschaft kann heute zu einer nationalsozialistischen Wissenschaft nur kommen, wenn sie die liberale von innen her überwunden hat. Aus diesem Grunde wird die erste Forderung der Zukunft sein: Aneignung des Fach­wissens. Hinein in die Seminare und die For­schungsinstitute! Heran an die Arbeit in der deut- jchen Wissenschaft!

Der deutsche Student soll damit nicht reuig und bekehrt zum alten Wissenschaftsbetrieb zurückgeführt werden, er muß vielmehr aus dieser Arbeit die geschichtliche Lage der Wissenschaft und die Not­wendigkeit einer vollständigen Wendung aus dem Geist des Nationalsozialismus erkennen, um die neuen Grundlagen selbst zu fassen und zu festigen. Er muß den Schein nationalsozialistischer Wissen­schaftlichkeit überwinden, der sich darin erschöpft, liberalen Inhalt mit nationalsozialistischen Formen zu Überdecken, und dabei der letzten Verpflichtung einer klaren völkischen Ausrichtung ausweicht

Die klare Folgerung liegt darin, der deutschen Hochschule eine politische Aufgabe zu stellen. Die Deutsche Studentenschaft sieht die Aufgabe der deutschen Hochschule in der Landschaft. Es hat sich ergeben, daß die Hochschule heute keine Verbindung zu einem politischen Raum besitzt. Sie hat sich in gerader Linie von der Arbeit des ge­samten Volkes gelöst. Die wesentlichen technischen und chemischen Erfindungen, die sonstigen geistigen Durchbrüche werden heute großenteils außerhalb der Hochschule in den privaten Laboratorien und Arbeitsstätten gemacht. Die Bewegung, der Staat, die Wissenschaft haben bis heute noch keine Ant­wort auf diese ober jene aus dem Arbeitsrhythmus und'dem Lebenskampf des deutschen Volkes gestellte

Regensomitag. '

Don Hedda Woldsen

Rrrrr rasselt der Wecker. 6 Uhr morgens. Ein Iriff, altgewohnt, noch im Halbschlaf wird das - narrende Ding unter die Bettdecke gestopft. Fünf Minuten drehe ich mich noch wohlig im Bett. Beim langsamen Aufwachen höre ich's tropfen, nein rau­schen. Nanu, Regen? Raus aus dem Bett und ans Fenster Ach, du liebe Zeit, unsere schöne Tour zur Möllentalklamm. Wie schade Ein bißchen wollte ich iiaurig werden. Aber, ach was: Jst's nicht auch chön, mal einen Sonntag zu faulenzen? Begeistert ivieder rein ins Bett und nochmal zwei Stunden geschlafen, wo man doch sonst jeden Tag so früh heraus muß um pünktlich im Dienst zu sein.

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Wißt Ihr, die Ihr jeden Tag so viel Zeit habt, t)Q5 es heißt, sich genießerisch langsam anzuziehen? An den Schubfächern zu kramen und hier und da t in bissel Ordnung zu machen? Und wenn man dann :crtig ist, mal nicht im Stehen das Frühstück herun- lerzustürzen, immer die Augen auf der Uhr, daß es p noch auf die Straßenbahn reicht!

Nun sitze ich wunderbar gemütlich und finde, daß ter Tee so ganz anders als sonst schmeckt, so richtig lach Sonntag

Gutes Grammophon, du hast lange genug ae- schlafen. Das Adagio aus dem Violinkonzert in Es- Our von Johann Sebastian Bach soll meine Mvr- : enandacht sein, und andere Sachen von Bach, Zeethoven und Mozart und wie sie alle heißen, meine Plattenfreunde. Ganz still sitze ich und träume «abei Sonntagmorgen still und behaglich

*

Schon lange wollte ich Briefe ordnen, und Helga muß eine Antwort haben, und Anneliese meine hefte Freundin noch von der Schule her hat ein Kindchen bekommen und ich denke mir schnell aus, wie glücklich sie jetzt sein wird. Gut, daß ich sie so I eb Hube, sonst würde ich sie jetzt beneiden.

*

Neue Briefe, ältere und ganz alte liegen in trautem Durcheinander zusammen. Man hat ja kaum Leit, seine täglichen Sachen in Ordnung zu halten rmb' an den Sonnensonntagen muß man doch an Ire Luft. Wie nett mein alter Jugendfreund Leopold tDch schreibt: jeder Satz gibt etwas zum Nachdenken. I nd Martin, ach, daß er jetzt so weit fort ist, der trnfe und frohste Kamerad. Ob er wohl noch an die Ehrten im kleinen Fiat durchs Wallis denkt? Das S'arzissenfest in Montreux, Der See lag in unglaub- lch schönem Licht, die ganze Stadt war ein Duft. Lbends fuhren wir zurück, ein schweres Gewitter

kam auf und der Wind spielte Fangball mit dem Wägelchen und warf es von einer Straßenseite zur andern. Im Val dAnnivier, von Viktor Hugo in feinen schönsten Liedern besungen, die Weinprobe bei kleinen Bauern: Ein kalter Keller, ein paar Fässer Wein von denen allen wir kosten mußten, Käje so groß wie Wagenräder, alte Zinngeschirre und geschnitzte Löffel, die wir geschenkt bekamen. Martin erzählte vom heiligen Jahr in Rom, und die frommen Bauern hörten begeistert zu. Als ich aber wieder an die heiße Julisonne kam... Na, Martin hat nicht schlecht gelacht

Grüne, rote, gelbe Bändchen haben die verschie­denen Briefpäckchen, in denen so viele Gedanken, Wünsche und Grüße verborgen liegen

Wenn der Pullover zu Margas Geburtstag fertig werden soll, müßte ich doch heute ein Stück daran stricken. Da kann man so schön an unsere gemein­samen Streiche denken, ans Bäumeklettern, an die Schlachten auf dem Heuboden, an die ganze schöne Jugend auf dem Gut. An wilde Morgenritte ohne Sattel mit fliegenden Zöpfen: unsere gute alte Jm- mel rannte immer entsetzt hin und her, wie die gackernde und flatternde Rückenmutter, wenn unser Kater Daniel in den Hühnerhof geschlichen kam. Papa nachher nach Ernst ringend: Mit einem stra­fenden und einem oergnügt blinzelnden Auge gab er uns einen Klaps,Rangen, Rangen, wenn das mal nicht ein schlechtes Ende nimmt, Ihr sollt doch junge Damen werden!"

*

Bum, Bum: Himmel: Schon zwei Uhr, da muß ich aber schnell zu Mittag essen. Ein großes Stück ist der Pull gewachsen und vor lauter Sin­nen habe ich alles um mich vergessen. Bei Tisch fällt mir ein: Meine Kollegin Christa wollte doch so gern den dritten Band von der Tagebuch-Trilogie der Alexandra RachmanovaMilchfrau in Otta­kring" haben. Das will ich heute noch auslesen und es ihr morgen früh mitbringen.

Wie schön, daß ich noch Keks von Muttis letztem lieben Paket habe und von Freund Bob die Scho­kolade, die ich bekam, weil ich ihm eine Arbeit über Plastiken tippte Mit den Leckereien, dem Buch und einer Decke kuschele ich mich auf meine Couch und finde es herrlich Vergessen ijt, daß ich Sonne trinken und Bergluft atmen wollte. Das Mit-mir- allein-sein hat mich ganz gefangen genommen. Wer doch auch so schreiben könnte wie die Rachmanova: Tagebuchform: So natürlich so lebendig

Es fangt schon an dunkel zu werden, wie ich auf-

atmend und etwas betrübt das Buch fortlege; es

geht mir jedesmal so, wenn mich ein Buch gefesselt hat: Ich bin traurig, wenn es zu Ende ist

*

Wenn man zu viel Zeit hat, hat man immerzu Hunger. Es ist doch noch viel zu früh zum Abend­brot, aber was geht mich die Zeit an, wenn's mir bloß schmeckt. Kaltes Ei, Milch, Käsebrot und eine Tanzmusik als Tafelkonzert. Jede Platte weckt eine bestimmte Erinnerung an luftige Abende mit den Studenten in Freiburg.

Vergnügt summend gehe ich früh ins Bett. Schön war der heimelige Sonntag: Ich denke nett an den guten alten Petrus, der bestimmt heute nur Ver­wünschungen gehört hat, von denen, die schlechter Laune waren und Langeweile hatten am Regen­sonntag.

M i r hat er ein Geschenk damit gemacht.

Dampferfahrt vor 125 Jahren.

In einem und einem viertel Jahrhundert hat sich die Dampfschiffahrt die ganze Welt erobert. Ein Bild der ersten Dampferfahrt unter Führung des Erbauers Robert F u 11 o n ruft alle die Schwierigkeiten wieder ins Gedächtnis, die jene epochemachende Erfindung zu überwinden hatte. Nachdem Fulton seine ersten Probefahrten gemacht hatte, war er sich über die Bedeutung seiner Er­findung für den Verkehr im klaren und suchte nun sogleich zwischen Neuyork und Albany eine feste Verbindung mit seinem Dampfschiff einzurichten, deren Abfahrts- und Ankunftszeiten genau festge­setzt wurden. Zum erstenmal strebte dieser Künstler und Träumer, der sich bisher nur mit der Aus­führung feiner genialen Ideen beschäftigt, einen materiellen Nutzen seiner Erfindung an. In den ersten Tagen des Septembers 1807 brachte die Albany Gazette" die erste Ankündigung eines Dampfschiffverkehrs:Das ,Nvrd-Fluß-Dampfbvof wird die Anlegestelle um 9 Uhr am Freitag ver­lassen morgens und am Sonnabend um 9 Uhr abends in Älbany eintreffen. Man wird an Bord an Nahrung und Bequemlichkeit alles finden, was man nur wünscht. Die Fahrpreise betragen: nach Newburgh drei Dollar bei vierzehnstündiger Fahrt, nach Eso'pus fünf Dollar bei zwanzigstündiger Fahrt, nach Albany sieben Dollar bei sechsundreißigstün- diger Fahrt." Dierundzwanzig wagemutige Reisende meldeten sich auf diese Annonce hin und fanden sich am 7. September 1807 frümorgens ein, um sich an Bord des DampfersClermont" einzu­schiffen. Viele Leute erfüllte diese neue Einrich­tung mit großer Furcht. Ein angstvoller Vater schickte einen seiner Freunde noch nach dem Kai,

um seinen Sohn zum letztenmal anflehen zu lassen, von dieser Reise abzusehen:John, willst du dein Leben um einer solchen Sache willen aufs Spiel setzen? Ich wiederhole dir, es ist die entsetzlichste Erfindung, die es gibt, und dein Vater schickt mich, um dich unter allen Umständen daran zu verhin­dern." Aber John ließ sich nicht erweichen und stieg mit den anderen an Bord, und eine große Menge erfüllte den Kai. Die Sache verzögerte sich etwas; es funktionierte nicht alles richtig, und erst nach einiger Zeit wurde das Signal zur Abfahrt ae- geben. Spöttische Bemerkungen regneten von allen Seiten auf die Passagiere ein, aber die ruhige und feste Stimme Fultons übertönte den Lärm. End­lich stieg der Rauch zischend empor, die Räder liehen ungeheure Wasserstrahlen aufwirbeln, und in dem allgemeinen Hurra- und Beifallsgeschrei verloren sich die letzten Bemerkungen der Spötter. Die Reise war eine einzige lange Triumphfahrt; die Ufer des Hudson waren mit Menschen dicht be­setzt; Boote erwarteten überall mit Ungeduld die Vorbeifahrt desClermont", der mit endlosen Jubelrufen begrüßt wurde. Bei Hawerstraw-Bay näherte sich ein wackerer Mann in einem Kahn und bat um die Erlaubnis, an Bard zu kommen; man warf ihm ein Seil zu und zog ihn hinauf. Es war ein Müller, der erklärte, er hätte noch niemals eine Mühle über das Wasser fahren sehen, und er wolle sich überzeugen, was das sei. Fulton ließ ihm die Maschinerie zeigen und den Mechanismus des Triebwerkes erklären. Als er alles besichtigt hätte, wollte er auch noch die Mühlsteine sehen; man antwortete, daß das ein Geheimnis wäre, und ein Spaßvogel unter den Passagieren fügte hinzu, er solle nur eine tüchtige Ladung Getreide an Bord bringen, dann würde er schon das Mehl heraus­stieben sehen. Die Garnison von West-Point emp­fing die kühnen Reisenden begeistert, ebenso die Bevölkerung der Städte, an denen man vorbeikam. Endlich langte dieClermont" in Albany an, vier Stunden vor der festgesetzten Zeit.

Oocbfcbulnodiricbfen.

Professor Dr. Friedrich Meggendorfer von der Universität Hamburg wurde vom 1. Oktober d. I. an zum Ordinarius für Psychiatrie an der Universität Erlangen als Nachfolger von Geh. Rat Professor Dr. Specht ernannt.

Der frühere Ordinarius für Römisches und Bür­gerliches Recht an der Universität Freiburg, Professor Dr. Andreas Scharz, der seinerzeit auf Grund des § 3 der Berussbeamtengejetzes in den Ruhestand versetzt wurde, hat einen Ruf auf da» Ordinariat für Zivilrecht an der Universität Kon» ft a n t i n o p e l erhalten.