1X156 Zweites Blatt
n
mann.
w
r Reichsbeilen im
iderbare rkönnen
Bietzen pe't non o Mn 4OO2C 25-3uli
^ngen. eichenen F Trün- ftneise) Klienten hlold, M und | m Der-
4012C
ptra^en- >el 1934, f934 ge-
40340 weitere age auf
London 1934.
Von Walter Bloem.
Der erste Eindruck ist schon überwältigend. An Utfort, Paris, Berlin, Moskau darf man nicht )mkm, das sind vier Welten aus ganz anderem Mß. London ist wie jene etwas Einmaliges, Un- Mgbichliches. Was ist es?
Tß ist, man kann es wirklich doch am deutlichsten nt einem Wort des alten Homer bezeichnen, es P dcr „Nabel der Welt" — wenigstens der Welt nun gestern. Damit ist vielleicht schon alles gesagt. % it die Beherrscherin des Erdballs — aber ihr Eliron zeigt bedenkliche Rijse — er wackelt sogar cion recht spürbar. Und die in seinem Schatten whren, die haben es gespürt.
Nicht einmal das äußere Bild dieser Ueber-Welt- tirbt ist unbeeinträchtigt geblieben. Freilich, West- nrnfier Abbey ist noch immer eine Walhalla des maischen Ruhmes auf allen Gebieten eines er» f,Mn Menschentums. Aber unter seinen Stein- 1 Q’fcn ruht inmitten von Königen, Gauverneu- bn, Marschällen und Dichtern der unbekannte Sol- itat — der Träger und das Gleichnis der Welt von wram. Und auf der Rasenfläche, die den Dom ungut, stehen noch vom Waffenstillstandstage die »ylzemen Gedächtniskreuze der britischen Regi- rttnkr. Sie erinnern an das größte Augenerlebnis, >«s der englische Krieger mit nach Hause brachte: >m Anblick der von Millionen roter Mohnblumen iAewucherten Schlachtfelder von der Pser bis zur Lmne und Marne, unter denen seine Kameraden Miren; denn sie sind umsteckt mit winzigen Holz» Mulm mit einer Mohnblume.
Äsern unbekannten Soldaten gehört, die Zu- Mfi Britanniens — wenn es noch eine hat. Und m urb nur dann eine haben, wenn es dieser bunt» an Stimme lauscht: Ähr habt mich einem Wahn iqsp'ert. Dem Wahn, als könnten die weißen Völ- er I ben, wenn sie ihr eigenes Herz, Deutschland, Krisen und zertrampelt haben ...
Ä se Stimme hört nur, wer mit feinem Ohr zu ousten versteht. Aber die Zeichen des Verfalls — ms ieht auch der flüchtige Wanderer. Es find die iMofsen leerstehenden und um Mieter und Käu» ei: sehenden Wohnungen, Läden, Häuser — über» iü ii London, im Gebrause der City, im vornehme Schweigen des Westens, im träumerischen Be- «ygtt der äußeren Boroughs. Es sind die un-
' Vorrat igsfoften, : MuL- geden. prechends Juli 1934, ibjugeben.
tuts für allumbau niocrfität
lucrarbei« 'eiten, 5.
7. Dach»' aseraibei» Torheiten, -s, 13. Li- TarbeitenJ iegen auf Tier 4, zur
2M ist überall gleich beklagenswert.
2« neue Deutschland marschiert mit seinem Vius-ocht-Gedanken vorläufig wenigstens ganz ein» kS an der Spitze der Zivilisation.
Dikritt die zweite große Kirche Londons — die ^N.auls-Cathedral! Ihre gotische Vorgängerin überxigt auf Karten des mittelalterlichen London vMverrschend das Stadtbild. Der Anblick dieses »Men englischen Nationalheiligtums ist bezwin- giimt — durch jene kühle Herrscherhaftigkeit, die mit dem italischen Himmel zusammenglüht, im mtblgen Norden aber frieren macht. Und nun Hmt ein Kundiger und erzählt dir, daß dieser Hloale Bau, die nordische St. Peter, in ständiger MMrzgefahr schwebt. Der wäre nur vorzubeugen bittre völlige Neuaufrichtung der Kuppel — und blli3i fehlt das Geld. Man hat die Stützpfeiler un- btrhcht und festgestellt, daß sie schon von ihren Er- trliucn, den Reichen der City, nur for shöw gebaut
Wien Bettler an allen Straßensäumen.
B^fallszeichen trägt auch die Volksmenge, die Mi diese verkehrsdurchwimmelten Squares und sttds und Avenues füllt. Unendlich selten ist, MAßstens unter der jüngeren Generation, der der mini^ nirt ch englische Typ. Die Proletarisierung der 4025D ZüMtriebevölkerung im Bunde mit einer Hygiene, )te idet zu viel lebensunwürdiges Leben erhält und |nir Fortpflanzung anregt, hat die biologische Sfrtriblage des Jnselvolkes verderbt und einen )?a|j inner fall herbeigeführt, der erschreckt. Die ein« »iinuube Mode kommt dazu. Es ist heute ganz das- Mc ob man durch Menschenmassen in Berlin ober y»einort ober ßonbon ober Paris hinburchgeht. Das
i, worum j elend? erjagen, iocht die itandsfö'i
>gesund, Nerven*
i undson- iden gibt jftigungs-
Flosche 5RM.
1,50 Bestehenden rankf-str"
'M-
tt u. sämtL ;olms-UU'
nehmend.
temerkb ibn u.
[uw 6
[habet 0000 w
Ml.
ijlüntt««*
“Ä sB
flhabek d rnj^'unj.
"LA
Korbinian
und der Rechenkünstler.
Von Wilhelm von Hebra.
ftr erste Teil ber Vorführung ist beendet. Der iUch nkünstler hat seine beträchtlichen Fähigkeiten in floplredjnen gezeigt und damit zuerst Erstaunen hetoo rgerufen, dann Gleichgültigkeit und schließlich fcbciroeile.
Sis Stimmung des Publikum ist einigermaßen als der zweite Teil beginnt, den der Rechen- [MftCer mit den folgenden Worten einleitet:
,<2tzt werde ich eigenartige und lustige Dinge auf Uten Gebiete des Rechnens zeigen, wie sie sich im ^Mschen Leben ereignen können. Ich bitte den fljeriT, der mir zunächst sitzt, heraufzukommen."
Korbinian sagt zu seinem Nachbarn: „Was wui iietn der daherglaffane Jahrmarktsgloiffi", besteigt Äbrr doch das Podium, setzt sich auf einen Stuhl Lirö lblickt den Rechenkünstler an, halb neugierigen, kB abweisenden Gesichts.
fcitr Rechenkünstler sagt:
|,$ Ifo, Sie brauchen einen neuen Hut."
1$ brauch koan Hut net."
iß-ie sollen ja nur annehmen, daß Sie einen lltitn Hut brauchen."
ko do net onehma, daß i an neichn Huat I »nch, wann i koan net brauch."
7Mellen Sie sich, bitte, vor, daß Sie sich beson- I i’t gut herausstaffieren wollen, um einem Mädchen j j (efallen, und daß Sie sich zu diesem Zweck einen lurnn Hut kaufen, ob Sie ihn gerade brauchen ober IM-"
[I„5i wui koan Mabl net gefalln. Diese jungn Ifflkboa san ma z'bleeb."
,2*)ann sagen wir also, baß Sie einer reifen Frau IItalien wollen."
„Hene gefall i sowieso, da brauch i koan neichn inat: net bazua."
,Gagen wir also, baß Sie nach München fahren, 1 ir. Sßermanbte zu besuchen, unb baß Sie dort be» 1 jor.tsrs nobel auftreten wollen."
,^ier Minka waar vielleicht so was meegli. I ht, ma aba grab vor ana Wochn an neichn Huat kct Den hab i no gaar net aufghabt. Der is no It Papiersackl brin, pfeigrab wia i ihn in Dorda- fllismwalb käst hab. Da wer i ma bo koan neichn &C7 net fafa. I bin bo koa Viech net."
.Stellen Sie sich vor, daß Sie sich diesen Hut noch Ah gekauft haben, und daß Sie sich jetzt einen für M-chen kaufen wollen."
hurbinians Stirnader schwillt an.
,£ans mi sei ja net dableckal Oda moanang viel-
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
$amstag,7.3uli (934
waren, und im Innern mit Schotter gefüllt sind. Den hat man jetzt mit Beton ausgegossen und dadurch eine vorläufige Scheinfestigkeit erzielt.
Architekturwerke sind Gleichnisse. Das ist ihre Bestimmung.
Meine sonstigen Erlebnisse gruppieren sich um den Vortrag, den ich gehalten habe, vom deutschen Verein hierher gebeten. Thema: „Hindenburg und Hitler". Der Verein besteht aus 90 v. H. aus englischen Staatsangehörigen deutscher Abstammung. Der Vortrag war als großer Gesellschastsabend im Hyde-Park-Hotel aufgezogen. Der deutsche Botschafter Dr. von H o e s ch mit den Herren seines Stabs und ihren Damen befand sich unter den Gästen. Ein Bankett von 50 Gedecken schloß sich an. Ich hatte eine empfängliche und dankbare Hörerschaft und darf annehmen, daß meine Schilderung der heimischen Nachkriegsentwicklung mancherlei Besorgnisse und Irrtümer bei unseren Landsleuten und ihren britischen Freunden zerstören konnte.
Im Anschluß an den Vortrag bekam ich mancherlei Einladungen und hatte Gelegenheit zu unzähligen aufschlußreichen Gesprächen.
Die Engländer sind durch eigene Sorgen so stark in Anspruch genommen, daß sie die deutsche Entwicklung nicht aus objektivem, sondern aus äußer st verengertem Blickpunkt betrachten. Der Tiefstand des wirtschaftlichen Niedergangs scheint überwunden. Ännerpolitisch sieht man auf die geklärten und gefestigten deutschen Verhältnisse mit einem gewissen uneingestandenen Neide. Das Ministerium der nationalen Konzentration hat immerhin einen Marxisten als Vorsitzenden. Macdo- nald ist gewiß ein „guter Engländer", aber ber Sozialbemokrat in ihm ist noch besser. Eine unerhörte Steuerlast brückt bas englische Bürgertum, ohne ber Gesamtheit nennenswerte Vorteile zu schaffen. Die brutale Erbschaftssteuer unterhöhlt bas englische Privateigentum. Dies aber ist bas Rückgrat Britanniens unb seiner Dominions unb Kolonien. Es ist unmöglich, ein so verwickeltes Gebilbe wie bas Empire bürokratisch zu verwalten ohne
Einsatz bes mächtigsten Lebensantriebes: bes Pri» vat-Jnteresses.
Außenpolitisch ist ber Blick bes Englänbers völlig von Europa abgelenkt zu feinen fernöstlichen Herrschaftsgebieten, vor allem zum Stillen Ozean. Das japanische Dumping oerbrängt bie britische Einfuhr von einem Markt nach bem anberen. Gegen wen richtet sich ber Zusammenschluß Amerikas unb Rußlands? Wie, wenn beide Mächte, um mit bem aufftrebenben Japan schieblich-frieblich auseinanber« zukommen, ihm bie Auseinandersetzung mit einem — Dritten freigäben?
Für biefe mögliche Inanspruchnahme braucht Englanb ein befriebetes Europa. Nur von biesem Stanbpunkt aus vermag es bie europäischen Fragen zu bewerten. Was für eine Bedeutung kann es in biesem roeltumfpannenben Zusammenhang ben innerbeutschen Fragen beimessen?
So hört benn ber Englänber gerne, was zu glauben er sich nicht recht getraut: baß bie innerdeutschen Verhältnisse sich unerschütterlich verfestigt haben. Daß Hitlers Friebensbeteuerungen tiefernster Ausbruck einer gereiften Uebergeugung find. Daß auf Deutschlanbs Neutralität bei einer pazifischen Auseinandersetzung unbebingt zu rechnen ist.
Für bie Frage einer enbgültigen Verstänbigung ber beiben verwanbten Nationen ist ein Hinbernis bie unweigerlich feststehenbe Tatsache, baß die ganze englische Nation noch heute fest von der Heber» zeugung burchbrungen ist, Deutschlanb, unb zwar der Kaiser, seine Ratgeber unb bie „Militärpartei", aber auch bas gesamte Volk habe ben Krieg 1914 gewollt unb mit allen Mitteln erzwungen. Wir seien nun einmal „Militaristen" und strebten nach ber Weltherrschaft. Weil wir im großen Kriege besiegt worben find, wollten wir es nicht mehr Wort haben, baß wir ihn angefangen. Aber wie wir heute alle kriegerische Absichten ber Vorkriegszeit ableugnen, so seien auch Hitlers Friebenskunb- gebungen nur als Maske zu bewerten, hinter ber sich ber alte teutonische Welteroberungsfuror versteckt ...
Es ist noch viel zu tun für eine beutsche Außen- propaganba.
Die nationalen Werte der Geschichte
Von Geheimrat Dr. Hermann Oncken, o. ö. Professor der Geschichte an der Üniversttät Verlin.
Wenn ein Volk tiefe unb grunbftürgenbe Erschütterungen in ber Gegenwart erlebt unb ein neues Funbarnent bes Lebens für bie Zukunft zu errichten sucht, bann beobachtet man immer wieber, baß sich ihm auch bas Bilb seiner geschichtlichen Vergangenheit wanbeit unb verschiebt.
Solche Staublungen im nationalen Geschichtsbilbe vollziehen sich zu allen Zeiten, aber in revolutionären Zeiten nehmen sie ein heftigeres Tempo, einen gewaltsameren Charakter an. So ist es benn an sich ein natürlicher Vorgang, baß bie Erlebnisse, burch bie wir seit mehr als einem Jahre hinburch- schreiten, auch auf bas bisher geltenbe Verhältnis zu unserer Vergangenheit übergreifen, um es in ihrem Sinne umzugestalten unb zu erneuern; schon erheben sich vielerorts Stimmen, bie selbst ehrfürchtig anerkannte Werte, als wenn sich bas von heute auf morgen tun ließe, von ihrer früheren Höhe her- abstürzen möchten. Wieber einmal brängt sich einem bas Wort aus Goethes „Braut von Korinth" auf: „Keimt ein Glaube neu, wirb oft Lieb' unb Treu' wie ein böses Unkraut ausgerauft". Man ruft von vielen Seiten nach einer neuen Rangorbnung ber großen Gestalten der Nationalgefchichte, nach einer Umgruppierung ber entfcheibenben Ereignisse, ja ganze Epochen werben einer Umwertung unterzogen. So sieht sich mancher in einem Gebränge von Auseinanbersetzungen, in benen ber Laie sich nicht ohne weiteres zurechtfinbet. Es wirb babei nicht eigentlich bie geschichtliche Wissenschaft befragt, ober gar ber Befunb ber echten Quellen ftubiert — es hanbelt sich vor allem barum, bas innere Ver
hältnis ber beutschen Gesamtheit zu gewissen Grunb- tatsachen unserer Geschichte einer Revision zu unterziehen.
Unb bamit werben wir alle vor bie Entscheibung gestellt, was in biesem Umwertungsprozeß, ber bie Nation fast unvermutet erfaßt hat, eine tiefere Berechtigung hat, unb an welchen Stellen ihm bvch wieber Schranken gesetzt find, bie kein Menschenwitz nieberlegen kann.
Das Problem läßt sich nur burch Beispiele Der» beutlichen.
Wenn bie Umwälzung, in ber wir stehen, sich ein ihr gemäßeres Bild ber Vergangenheit zu schaffen anstrebt, so geschieht bas einmal baburch, baß sie bas bisher geltenbe Bilb zu erweitern ober zu ergänzen sucht, sobann aber baburch, baß sie in bas bisherige Bilb anbere Wertakzente, eine neue Verteilung von Licht unb Schatten hineinträgt.
Zunächst also, es rücken Zeiten in eine hellere Betrachtung, bie bisher mehr im Dunkel gelegen hatten. Indem bie Staatsführung sich bazu bekennt, überall bie ursprünglichen Wurzeln bes Volkstums au pflegen, wirb sie biefes beutsche Volkstum als solches zu bem vornehmsten Gegenstanbe ber historischen Forschung zu erheben trachten. So wirb man heute bie Anfänge dieses germanischen Volkstums, bereu Bruchstücke erst von ben neuen vorgeschichtlichen Stubien aufgeberft würben, in bas volle Licht ber Forschung hineinziehen unb deren Früchte ber Allgemeinheit zugänglich machen. Entsprechenb strebt man, innerhalb ber Entwicklung ber sicht
3k ■'
Dr. Erwin Sumte, ber Präsibent bes Reichsgerichts in Leipzig, feiert am heutigen 7. Juli feinen 60. Geburtstag.
baren Nation, banach, sich nicht auf bie herrschen- ben politisch-geistigen Oberschichten zu beschränken, sonbern vor allem auch bie stillen unb unvergänglichen Tiefen zu erschließen, in benen zum Beispiel bas beutsche Bauerntum seine säkulare Arbeit in einem namenlosen Helbentum auf bem oater» limbischen Boden geleistet hat. Oder, es entspricht dem neuen Bilde, das unsere Zeit von dem Wesen und der Ausdehnung der Nation formt, eine wissenschaftliche Neigung, nicht nur den jeweiligen deutschen Staat und das in ihm lebende Volk zum Träger und Gegenstand der deutschen Nationalgeschichte zu machen, sondern dieses Volkstum selbst, in seinem ganzen über bie Staatsgrenzen hinausgreifenben Bereiche, in ben Mittelpunkt zu rücken. Unb schließlich, um ein Beispiel zu nennen, bas schon in bie Sphäre ber ethischen Wertungen übergreift, bie heroischen Momente im Ablauf ber beutschen Geschichte werben entsprechend der Haltung, die der Staat von heute bewußt nach innen und außen einnimmt, wieder stärker betont werden, als es zeitweilig geltender Ansicht entsprach.
Wer wollte leugnen, daß auf solchen Wegen eine Vertiefung und Bereicherung des nationalen Geschichtsbildes erreichbar ist. Es liegt ja nicht so, daß die Forschung die eben berührten Richtungen gar nicht gepflegt hätte, sie ist vielmehr längst damit Dorangegangen, und es handelt sich häufig darum, diese Akzente in dem Geschichtsunterricht und in dem allgemeinen Geschichtsbewußtsein zugunsten neuer Einsichten bewußter zu verteilen. Daß solche Umstellungen zunächst auch mit Ueberfpannungen verbunden sein können, durch die das echte Bild der Ueberlieferung wieder getrübt ober verzerrt wirb, liegt auf ber Hanb, aber bie Dinge werben sich schon durch sich selber korrigieren: neue wissenschaftliche Erkenntnisse gehen in der Regel durch eine vorübergehende Phase der Uebertreibung hindurch. Man kann zum Beispiel auch die ältere deutsche Geschichte nicht vorwiegend als B a u e rage schichte aufbauen; neben dem mittelalterlichen Bauerntum steht das mittelalterliche Städte- wesen und die unabsehbare, reiche Kulturauswirkung, bie von biefer deutschen Stabt bes Mittelalters über halb Europa hinausgegangen ist.
Es ist auch nicht erforberlich, bie stärkere Belichtung eines historischen Gegenstandes baburch eindrucksvoller zu gestalten, baß man sie mit Verdunkelungen anderer Gegenstände umgibt. In ber englischen Revolution bes 17. Jahrhunderts konnte man beobachten, baß bie sächsischen Untergrünbe des englischen Staates, die seit einem halben Jahrtausend von der normannischen Eroberung überdeckt waren, sich von neuem zu rühren begannen — und damit erweiterte sich auch das herkömmliche Geschichtsbild. Wir haben dazu ein Gegenbild, das
leicht, daß i ma zweng eahn a allawei wieda was andas vorstoi, was ehana Sie mit eahnen saudummen Schädl z'sammdenken?"
1 „Ich bitte Sie, guter Mann .. .*
„I bi koa guta Mo net, wann man oana koa Ruah net laßt."
Korbinians Stirnader schwillt stärker an.
Im Publikum werden Stimmen laut.
„Dees is bei Sach unb geht eahm nix o."
„Laß ba nix breirebn, Korbinian, obsb an Huat brauchst oba net."
„Rechts- hast, baß bie net an ba Nasn umananba» sührn laßt do bem zuagroasten Bahzi."
„Vom Hut wollen wir nicht mehr reben. Nehmen wir an, baß Sie mit mir in ein Geschäft gehen, um sich eine neue Leberhose zu kaufen."
Korbinians Stirnaber schwillt noch stärker an.
„Da brauck i eahna bazua, pfeigrab eahna, zum Ledahosn fafa!" . .. .
„Aber ich meine boch eine Leberhose, rote sie auf bem Lanbe noch unbekannt ist, von ber allerneuesten norwegischen Art, aus breimal gegerbtem Renntier- leber." .
„I soi ma ra Renntierledahosn fafa, wo bei uns be greeßte Depp woaß, baß a boarische Hosr» nuar aus a ra Gams- oba Hirschbeckn sei berf?"
Korbinians Stirnaber ist bem Platzen nahe. Er geht auf ben Rechenfünstler zu, hebt bie rechte Hanb ... v ..
Da springt ber Rechenkünstler burch em Fenster ins Freie unb warb nicht mehr gesehen.
Seit diesem Abend steht Hinterstoi^enwald auf der schwarzen Liste der Artisten.
Der Naturapostel auf Minnefahri.
Dor ein paar Jahren noch konnten Naturapostel und Wanderprediger eine große Schar von gläubigen Anhängern um sich versammeln heute ist es füll um sie geworden, und wenn wirklich einmal wieder ein solch merkwürdiger Zeitgenos e inmitten einer Großstadt austaucht, so findet er au seinem einsamen Weg nur eine schau, und spottlustige Gesolg chaft So fand sich auch kürzlich mitten im Derkehrstrube an der Tower-Brücke in London em Naturapostel schnell von einer großen Menschenmenge umgeben, hie ihm auf Schritt und Tritt folgte und gern das billige Vergnügen einer solchen Abwechstung im Straßenleben der Weltstadt genoß. Das Aussehen des Mannes war aber auch ganz dazu angetan, Auf- (eben zu erregen. Er hatte eine blaue ärmellose Tunika an, die in einem welchen Kragen endete, der durck große weihe Knöpfe am chals geschloffen mar; darüber trug er einen meinroten Mantel und an I seinem Ledergürtel eine große Tasche von der gle,- i chetl Fgrbe, in Lek glle i-m« Habseligkesteg enthalten
waren. Natürlich hatte er keine Strümpfe an, sondern seine Füße steckten sichtbar in offenen Sandalen. Gassenjungen, Müßiggänger und geschäftige Leute, die ihre Eile und ihr Ziel vergaßen, starrten ihn mit offenen Mäulern an und störten schließlich den Verkehr so sehr, daß ein Polizist herantrat und ihn aufforderte, beschleunigt weiterzugehen. Und nun entstand zur Belustigung der Zuschauer ein groteskes Zwiegespräch. „Ich warte auf eine Dame", entgegnete der Wanderer stolz dem Polizisten. „Mber Sie dürfen hier nicht mitten in der Straße stehenbleiben", wandte der Polizist ein. „So werde ich zunächst ein paar notwendige Einkäufe machen, und dann wieder hierher zurückkehren", entgegnete der Fremde würdevoll und fragte dann nach dem nächsten Pferde-Vermietungs-Geschäft, wo er Maiskolben für seine Mahlzeit erstehen könnte. Und mit düsterem Lächeln fügte er hinzu: „Ich werde dort auch einen Zügelriemen erstehen können, um damit den Freund meiner Frau dingfest machen zu können." Zunächst wurde allerdings er selbst dingfest gemacht, und bie Zuschauer erfuhren über bie verwickelte und höchst tragische Liebesgeschichte des Wanderers nichts weiter. Auch vor dem Richter gab er darüber keinen Bescheid. „Ich bin Cedric Carle, der Graf Potocki von Montalk", stellte er sich vor und fügte erklärend hinzu, es handle sich um einen polnischen Adelsnamen. Er sei allerdings nicht in Polen, sondern in Neuseeland geboren, aber glühender Royalist und Poet von Beruf. Und dann wiederholte sich das Frage- und Antwortspiel von ber Straße; er blieb babei, auf eine Dame gewartet zu haben, deren Namen er als Kavalier selbstverständlich nicht nennen könne, und daß er im übrigen einige Einkäufe besorgen wolle, und er zeigte sein gesamtes Barvermögen in Höhe von 35 Pfennigen vor. Nach seinem Kleid befragt, antwortete er, es sei gesund und schön, und er trage cs immer, er habe im übrigen auch kein anderes. Wegen Erregung öffentlicher Aergernisse wurde er zu 1 Pfund Geldstrafe ober fünf Tagen Gefängnis verurteilt; er legte Berufung ein. Die Ritterfahrt dieses Don Quichote nach seiner Dulcinea mit bem Troß von Neugierigen wird also ein Enbe nehmen, unb ßonbon« Strahenbild ist nun einen Farbenton ärmer.
Zweifelhafte Tafelfreuden.
Von ber märchenhaften Eßlust mancher Feinschmecker vergangener Jahrhunberte weiß die Kulturgeschichte viel Ergötzliches zu berichten. Aber diese Nimmersatten hatten auch ihren schweren Kummer, denn bei all ihrer auf Erfahrung wohlgegründeten Kenntnis der Speisen und ßerferbiffen der bama- kgtzü Seit, mußtA S5 doch HiöMDLN» dsb Pß
von ben Kochkünstlern genasführt wurden. Von bem schönen Ansehen mancher ihrer ßieblingsspeisen haben sie sich in ihrem guten Geschmack irre machen lassen und so recht zweifelhafte Tafelfreuden genossen. Es war nämlich damals ein weitverbreiteter Brauch geworden, die Speisen, die noch nicht oder nicht mehr recht genießbar waren, ein wenig zu bemalen, damit sie schöner und appetitlicher aus» sahen. So erhielt oft ber Käse baburch ein appetitlicheres Aussehen unb vor allem am Obst erprobte ber Koch seine Malkünste. Wenn bie Aepfel noch grün waren, schminkte man ihnen mit roter Tusche prächtige rote Backen an; baneben würben sie schön gelb angemalt, bamit sie reif und saftig erschienen. Auch die Butter erhielt durch künstliche Mittel ein schönes leuchtendes Goldgelb, und mit Hilfe von Alaun gab man dem Kabeljau eine appetitliche bleiche weiße Farbe. Am liebsten aber betrieben bie Küchenmeister das lohnende Geschäft aus Wasser Wein zu machen, wobei sie nicht davor zurückschreckten, dem „Wein" Chemikalien zuzusetzen. So wackere Zecher bie großen Herren bes 14. und 15. Jahrhunderts auch waren, auf einen Pokal wirklich reinen natürlichen Weines konnten sie nicht mit Bestimmtheit rechnen. Die Weinfälschungen wurden mit solcher Gelassenheit und Frechheit vorgenommen, baß im Jahre 1371 in Paris ein strenger Erlaß erscheinen mußte, ber es unter Androhung schwerer Strafen verbot, dem Wein Gips, Kalk ober pulverisierten Marmor zuzusetzen. Aber die Meister von Küche und Keller kümmerten sich wenig um diese Verfügungen, die sie als einen ungebührlichen Eingriff in ihre Privilegien und als eine Herabsetzung ihrer Kunst in der Weinbehandlung betrachteten, und 1396 mußte der Prvfoß ber Kaufleute ein neues geharnischtes Dekret gegen bie Benutzung von Bleiglätte bei der Weinzubereitung erlassen. Ein früherer Erlaß weist mit melancholischer Bitterkeit darauf hin, baß bie Wein- unb Nahrungsmittelsälschung auf eine große Ueberlieferung zurückblicken könne, unb warnend wird ein Text des Plinius zitiert, ber von bem Kummer und den Sorgen der großen Herren handelt, die niemals für ihre Tafel einen wirklich reinen Wein finden können. Sogar dis Echtheit des biblisch bezeugten Rausches Noahs wurde angezweifelt, sicher sei auch er einer Weinfälschung zum Opfer gefallen. Aber man hatte in jenen guten alten Tagen einen gesunden Magen, bem ein wenig Gips, Kalk ober Bleiglätte wenig anhaben konnte. Hatte man sich aber ben Magen gründlich verdorben, so kurierte man ihn durch einige Mahlzeiten mit Ochsenbraten unb Hammelkeulen! Denn diese blieben ben Kranken vorbehalten, die sich an Geflügel und Fisch den Magen verdorben hatten. Heute macht man es gerade um- gekehrt! , w ,


