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Das Rätsel einer Frühlings nacht

ZRoman von Gert Nothberg.

Urheberrechtsschutz: Fünf Türme-Verlag, Halle, Saale 18 Fortsetzung. Nachdruck verboten!

Ich schwieg. Aber heimlich nahm ich das Bild. Und heimlich habe ich eines Nachts das vornehme Heim der Madame Chere in Genf verlassen.

Wohin?

Ich besaß noch etwas Geld. Ich hatte mein Ta­schengeld nie verbraucht. Nun sah ich mit Grauen auf dieses Geld. Wem mochte mein Vater es im Spiel abgenommen haben?

Ich saß im Zuge, hatte instinktiv, ohne zu über­legen, ein Billett nach Deutschland gelöst.

Wo aber sollte ich hin? Was sollte jetzt mit mir geschehen?

In meiner Handtasche ruhte zusammengefaltet die Zeitung mit dem Bilde des Grafen Härtlingen. Und nun las ich zum erstenmal aufmerksam die Zeilen, las den langen Artikel Wort für Wort. Las, wo Schloß Härtlingen lag, las auch, daß man den Grafen auf freien Fuß gesetzt, da große Zweifel an seiner Schuld aufgetaucht seien.

Er war unschuldig. Ich wußte es. Was nützte alle Findigkeit der Menschen der Mann auf dem Bilde war unschuldig!

Und ich fuhr zu ihm! Ich wollte mit ihm sprechen, wollte mir bei ihm Rat holen, was ich tun könne, um meinem Vater entgehen zu können. Er sollte mir helfen, der Mann, dessen große schöne Augen es mir angetan, daß ich ein grenzenloses Vertrauen zu ihm fühlte. Grenzenlos war dieses Vertrauen.

Venjo Holm hatte mir gesagt, daß ich den Grafen Härtlingen aufsuchen solle. Er sei sehr gütig und würde es bestimmt auch zu mir sein.

Während der langen Fahrt habe ich nur immer wieder dieses Gesicht angesehen immer, immer wieder. Die Mitreisenden mochten sich wundern: ich habe es nicht einmal gesehen, ob sie gelächelt haben.

Nach einigem Aufenthalt in den verschiedenen Um­steigstationen und nach vielem Fragen stand ich eines Abends auf der kleinen Station, von wo aus man Schloß Härtlingen erreichen konnte. Es war ein wundersamer Abend. Ich habe mich nicht ge­fürchtet, als ich auf schmalen Wegen, am Walde hin, die einsame Wanderung unternahm. Als ich dann im Mondscheine die Türme von Schloß Härtlingen wahrnahm, kam es mir plötzlich zum Bewußtsein, daß ich nicht jetzt, nicht mitten in der Nacht zu meinem Schwager kommen konnte, um ihn um Rat zu fragen, was aus mir werden sollte. Ich lehnte an dem hohen Tor, dem Haupteingang von Schloß Härtlingen. Ich sah den wundervollen Park, den Teich, die vielen Marmorfiguren. Ganz versonnen

stand ich da, ein fremder Eindringling, der nichts in diesem Paradies zu suchen hatte.

Paradies?

Venjo Holm hatte mir gesagt, er sei seit Lelias Tod nicht mehr in Schloß Härtlingen gewesen. Nur kurz vorher. Er könne mir nicht sagen, wie ich mich am besten zu verhalten hätte, um mit Graf Härt­lingen sprechen zu können. Aber soviel sei gewiß, daß der Schloßherr wie ein Einsiedler, von allem Verkehr zurückgezogen, lebe.

Während ich noch dastand und sann, ganz an die Schönheit des blühenden, duftenden, nächtlichen Gartens versunken, kam plötzlich zwischen dem Ge­sträuch eine hohe Männergestalt hervor. Hell beschien der Mond sein Gesicht.

Es war mein Schwager, Graf Härtlingen!

Regungslos blieb ich stehen. Ich war wie hyp­notisiert, konnte mich nicht rühren, starrte nur immerfort auf ihn hin. Da sah £r mich!

Denn der Mond beschien ja auch mich!

,Lelia!' Diesen Ruf werde ich nie vergessen! Nie!

Er hielt mich für seine Frau die doch längst tot war. Er hielt mich für meine Schwester Celia!

Ich wallte fliehen, das Entsetzen packte mich, doch da war er schon bei mir, riß mich an sich, küßte mich, stöhnte:

,Celia, ich habe dich wieder. Du bist es ja doch, Celia. Warum fliehst du vor mir, Ceüa?

Regungslos lag ich in seinen Armen. Und er küßte, liebkoste mich, flüsterte:

,Jch habe es ja gewußt, Celia, daß meine Sehn­sucht nach dir nicht unerfüllt bleiben konnte. Du bist gekommen, du! Du!'

Ich wußte, jetzt war er seiner Sinne nicht mächtig. In dieser Stunde waren sie es nicht, in der er mich ganz und gar für Celia halten konnte. Für eine längst Gestorbene!

,Weißt du nicht, wie sehr ich dich liebe, Celia?'

Mit einem Caut des Entsetzens wollte ich mich von ihm befreien. Doch die Riesenkräfte des Mannes konnte ich nicht von mir abschütteln.

Er hob mich empor, küßte mich wie wahnsinnig:

,Celia, ich liebe dich, nur dich! Du gehst ein zwei­tes Mal nicht von mir fort. Hörst du, Celia?'

Er ließ mich nicht mehr aus seinen Armen, auf denen er mich in den Park hinein trug. Das Tor fiel hinter uns zu.

Und mich befiel eine willenlose Mattigkeit. Eine glückselige Ermüdung? Ich liebte diesen Mann. Hatte ja schon sein Bild geliebt!

Noch einmal wehrte ich mich.

,Lassen Sie mich gehen, ich bin ja nicht Celia!'

Ein glückliches Cachen antwortete mir zuerst, dann antwortete mir der Graf:

,Du bist Celia, du hast ihr goldenes Haar, hast ihren Mund, ihre schlanke Gestalt. Und wenn es nur für diese eine Nacht ist, Celia aber du bist wenigstens noch einmal zu mir zurückgekommen.'

Und ich verübte den Betrug! Ich war für ihn Celia. Zwischen Zorn, Ciebe und Schmerz stahl ich Celia für Stunden die Ciebe ihres Mannes, der sie

nicht vergessen konnte; durch den ich nun selbst er­fuhr, wie sehr er sie geliebt hatte. Nur ein einziger klarer Gedanke lebte noch in mir: Wußte denn Graf Härtlingen noch immer nicht, wie Celia in Wirklich­keit gewesen war?

Als er mich für kurze Zeit verließ, floh ich heim­lich. Und er mag alles für einen Traum gehalten haben.

Und ein Traum sollte es auch für mich fein und bleiben. Ein überirdisch schöner Traum...

Ich hatte eine Stellung bei einer alten, vor­nehmen Dame als Vorleserin gefunden.

Niemals durfte ich dem Grafen Härtlingen wieder begegnen ihm, der noch immer Celia liebte, und an dem ein Betrug verübt worden war.

Was nun? Ich ging zugrunde an meiner Ciebe; ich wollte daran zugrunde gehen, mit vollem Be­wußtsein!

So liebevoll und gütig Frau Natalie Zerkaulen auch zu mir war für das, was in meinem Ceben war, hätte sie nie Verständnis gefunden. So schwieg ich, aber nachts weinte ich heiße Tränen.

Sterben! Ich wollte sterben! Jetzt wußte ich, was mein Weg fein mußte!

Frau Natalie Zerkauten reifte nach Cugano. Ich begleitete sie, wie ich ja immer in ihrer Nähe zu sein hatte.

Und hier, hier sollte es geschehen. Habe gesehen, wie auch einzelne Boote auf den See hinausfuhren, Boote, in denen eine oder zwei Damen saßen. Als wir einige Wochen in Cugano weilten, mietete ich mir auch ein Boot und fuhr hinaus auf den See. Das Wetter war plötzlich an dem Morgen um- aeschlagen, nachdem es bisher Tage mit ewig blauem Himmel und warmen Sonnenstrahlen gegeben hatte. Es war stürmisch, und die Wellen gingen hoch. Jetzt, jetzt war es passend; jetzt konnte man an ein Unglück glauben. Und es würde sich niemand um die Vorleserin der deutschen Dame kümmern, die höchst leichtsinnig bei dem Wetter auf den See hinausgefahren und nun verunglückt war.

Ich ruderte weit hinaus. Blitze zuckten auf, der Sturm trieb kalten Sprühregen über den See. Ich weiß gar nichts mehr. Ich habe mich bann wohl weit über den Rand des Bootes gebeugt, wollte es zum Kentern bringen.

Ich wußte nur noch: Jetzt kommt der Frieden. Und ich spürte die heißen Küsse des Grafen Härt­lingen, sah sein geliebtes Gesicht.

Ich erwachte! Ungläubig sah ich ein freundliches Schwesterngesicht, von einer weißen Haube um­rahmt, dicht über mir.

Ja, lebte ich denn? Ich hatte doch sterben wollen?

,Na, nun sind wir ja wieder munter', klang die gütige Stimme der Schwester. ,Sie waren auf den See hinausgerudert, und im letzten Augenblick, als Sie schon unterzugehen drohten, hat ein junger Engländer Sie gerettet.*

Gerettet! Dieses Wort, sonst wohl beglückend, drückte mich nieder.

Also auch das blieb mir nicht erspart. Ich wurde gerettet, um den Kampf von heuern aufzunehmen.

Frau Natalie Zerkauten war abgereist. Sie schrieb mir, solche Aufregungen schadeten ihr nur, und ich sei ja selbst schuld an allem, da ich mich höchst leicht­sinnig ohne ihre Erlaubnis bei diesem Wetter auf den See hinausgewagt hätte. Sie hatte mir aber für drei weitere Monate Gehalt überweisen lassen.

Nach einer Woche verließ ich das Krankenhaus. Ich irrte umher, wohnte in einer kleinen, billigen Pension. Da sprach mich eine liebe, gütige Frau an, als ich wieder einmal allein am Cuganosee stand und in das blaue Wasser blickte.

Ich durfte zu dieser Dame kommen. Sie nahm mich bei sich auf. Und nun diene ich ihr, werde ihr dankbar sein bis in meine letzte Stunde hinein."

Fürstin Agnes Kleven lächelte gütig. Ja, sie zwei­felte nicht daran, wie dankbar ihr dieses schöne, holde Menschenkind war

Ein Roman, der sich mitten im Ceben abspielte. Und sie, die alte Agnes Kleven, sie wollte ein wenig Vorsehung spielen. Sie mußte es. Es war ganz un­möglich, daß Graf Harttmgen sich von Gertraude abwenden würde, auch wenn er die ganze Wahrheit erfuhr.

Die Wahrheit? Wie sah diese Wahrheit aus?

Voriges Jahr hatte sie Gertraude in Cugano kennengelernt. Und sie war mit ihr zusammenge- blieben.

Das war das Geheimnis um Gertraude Schwarz­koppen, die der Fürstin lieb wie eine Tochter ge­worden war?! Ganz still und verborgen hatte sie, nachdem sie von der Reise gekommen war, :m Rosenschloß dahingelebt. Sie empfing nie Briefe, sie schrieb selbst nicht, sie besaß keinen Menschen und die Fürstin, die nie an diesen blauen, wunder­schönen, wahrhaftigen Augen gezweifelt, die wußte nun schon längst, daß Gertraude in allem, aber auch in allem die Wahrheit gesprochen.

Und nun?

Gertraude wußte, daß Rudolf Härtlingen hier­herkommen würde. Sie wußte, daß die mütterliche Freundin ihr Geschick in die Hände genommen.

Willenlos ließ Gertraude jetzt alles geschehen. Freilich, wenn sie daran dachte, daß sie schon binnen ganz kurzer Zeit den Mann ihrer heißen Ciebe wiedersehen sollte, dann erschauerte sie bei diesem Gedanken bis ins Herz hinein. Was die Fürstin hoffte, daran glaubte sie nicht. Es wäre ein Glück gewesen, viel zu unirdisch, um wahr zu sein.

Fürstin Agnes lächelte noch immer. Sie kannte ja jeden Gedanken dieses schönen Geschöpfes. Offen und klar lag der Charakter, das Ceben Gertraudes vor ihr. Sie konnte darinnen lesen wie in einem offenen Buch. Da war keine Falte, kein Winkelchen, wo ihr etwas verborgen gehalten worden wäre. Und das eben machte ihr diese blonde, blutjunge Frau so wertvoll. Und aus diesem Grunde mußte sie versuchen, die beiden Menschen zueinander zu führen; der Herrgott selbst würde seine Hand da­zu reichen, daran glaubte die Fürstin Agnes Kle­ven fest.

(Fortsetzung folgt.)

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