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Samstag, 6. Oktober 1934

Giehener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhesien)

Nr. 234 Drittes Blatt

Der Ltniversitäis-Korstgarten am Schiffenberg.

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Manch merkwürdiger Baum steht im Garten.

Am Fischteich.

Dort, wo das Basaltmassiv des Schiffenbergs in die breite tertiäre Niederung übergeht, die sich bis Gießen erstreckt, liegt der sieben Hektar große aka­demische For st garten, seit 1825 das wald­bauliche Demonstrations- und Versuchsfeld des Forstinstituts unserer Landesuniversität. Bis dahin diente diesem Zwecke der jetzige botanische Garten an der Senckenbergstraße.

Der Forstgarten, gliedert sich in drei Abteilungen: nördlich der Wirtschaftsgebäude befindet sich der Park, ein forstliches Arboretum, mit über 200 verschiedenen Bäumen und Sträuchern aus allen Weltteilen, darunter seltene und besonders schöne Exemplare. Es hat die Aufgabe, den Studierenden der Forstwissenschaft die Kenntnis der wichtigsten Bäume und Sträucher des Nadelwaldes und des winterkahlen Laubwaldes zu vermitteln. Gegen Westen schließt sich ein Saat- und Pflanz­garten an, in dem die Aufzucht der jungen Pflan-

Für Kinder gibt es einen schönen Spielplatz.

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zen erfolgt, die zu Versuchen im übrigen, dem größten und wichtigsten Teil des Forstgartens be­nötigt werden.

Die Versuche, die hier angestellt werden, sind außerordentlich vielseitia. Es sind zum Teil Fragen pflanzenphysiologischer Art, die geklärt werden sol­len, wie der Einfluß der Pflanzzeit, der Pflanz­methode, des Wurzeloerschnitts auf die Entwicklung

venienzen aus der Gegend von Grebenau, Lauter­bach, Seligenstadt usw., die daraufhin untersucht werden, wie sie sich gegen Infektion durch Krank­heiten aller Art verhalten, wie sie Kälte und Hitze, vernähten Boden vertragen, ob sie rasch oder lang­sam wachsen, im Kampf mit Gras und Kräutern wi^»rstandsfähig sind. Auch für den Laien beson­ders interessant sind vergleichende Versuche mit früh-

Das Forsthaus, die idyllische Gaststätte.

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junger Waldpflanzen, Untersuchungen mikroklimati­scher Art, die den Einfluß von Schirmbäumen oder von seitlich stehenden Beständen auf das Klima des Bodens und der bodennahen Luftschichten messen und in Beziehung zum Wachstum der jungen Wald­generation, zu ihrer Schädigung durch Frost und Hitze bringen. Versuche über den Einfluß der Größe des Samens auf die Wuchskraft und Widerstands­fähigkeit daraus erwachsener Bäume. Für die forst­liche Praxis äußerst wichtig und aktuell sind aber die Versuche, die sich mit den Rassen unserer deutschen Holzarten befassen und die im akademischen Forst- aarten sich einer besonders liebevollen Pflege er­freuen. Da gibt es Versuchsfelder, die mit Höhen­kiefern aus dem Schwarzwald bepflanzt sind, einer Kiefernrasse, die in ihrer Heimat prachtvolle gerade Schäfte aufbaut, in dem milden Klima Hessens aber vollständig versagt, außerdem stehen hier Kiefern ostpreußischer, märkischer, hannoverscher Rasse, Pro-

und spätaustreibenden Rassen von Fichten und Buchen. Beide Holzarten sind empfindlich gegen Spätfröste, wie sie im April und Mai fast jeden Jahres aufzutreten pflegen. Eine spätaustreibende Rasse ist dadurch, daß sie den Vegetationsbeginn hin­ausschiebt, gegen Schädigungen durch Spätfröste weitgehend geschützt, während frühaustreibende Ras­sen erfrieren.

In der Nähe des kleinen Pavillons, den unlängst die Fünfziger - Vereinigung 1883 b i s 1 933 sich zur Gedenkstätte ausgewählt und sinnig hergerichtet hat, befindet sich ein Vogelschutz- gehölze als Musterstation für rationellen Vogel­schutz im Walde, das der besonderen Aufsicht des Ornithologen des Forstinstituts Dr. Rud. Fischer unterstellt ist. .

Alle Versuche werden in regelmäßigen Abständen den Studenten vorgezeigt und mit ihnen besprochen. Manchem mag es dabei ergehen, als ob ihm Schup-

pen von den Augen fielen und er plötzlich sehend wepde. Aber das ist ja eine der Aufgaben des Forstgartens, die jungen Forstleute im biologischen Sinne sehend zu machen, sie anzuleiten, den Wald, den sie später pflegen sollen, vom naturwissenschaft­lichen Standpunkt aus zu beobachten und auf Grund ihrer so gewonnenen Kenntnisse zu bewirtschaften.

Der Besuch der Versuchsfelder steht jedermann nach Anmeldung beim Verwalter des Forstgartens, der stets gerne Auskunft erteilt und Interessenten führt, frei.

Aber nicht nur der ernsten Wissenschaft ist der aka­demische Forstgarten gewidmet. Seit seinem Be­stehen ist mit ihm eine kleine Gaststätte verbunden, in der sich gut rasten läßt im Schatten der alten Bäume, auf den unzählige Vögel aller Art ihre Lie­der fingen, zum Dank gleichsam für die Hege und Pflege, die ihnen jahraus, jahrein in diesem schönen Fleckchen Heimat zuteil wird.

Vielfältiger Baumbestand am Teich.

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Gießener Erinnerungen an den Oktober 1914.

Das ehemalige mobile Landsturm- Inf. ° Batl. Gießen (XVIII/9) begeht am morgigen Sonntag im Cafä Leib zu Gießen eine Wiedersehensfeier. Bei dieser Gelegen­heit möchten wir an den Tag des Aus­marsches des Bataillons aus Gie­ßen erinnern, über den wir imGießener Anzeiger" vom 5. Oktober 1914 folgendes lesen:

Der Landsturm zieht aus.

Der Wind treibt graue Wolken am Himmel, fährt durch die bunten Bäume und fegt den Staub um die Straßenecken. Es ist Herbst und der Land­sturm zieht aus.

In allen Gassen schallt der Tritt der genagelten Stiefel, und einzeln oder in kleinen Gruppen zie­hen die Landsturmmänner zum Sammelplatz, mit Rucksack und Tornister, Kochgeschirr und Schanzzeug, Zeltbahn und Mantel, Gewehr und Patronentasche, Fausthandschuhe und Feldflasche feldmarschmäßig. Hinter manchem schleppt der Sprößling der Quar­tiergeber das Gewehr; anderen geben diese selbst mit der ganzen Familie das Geleit; viele, viele tun den Gang unter ihren Lieben, begleitet von Frau und Kind, und ins Straßenbild mischt sich allent­halben die hessische Bauerntracht. Auf den Höfen der höheren Schulen, und wo sonst in der Nähe der Ludwigstraße die Häuser einen Platz freigeben, strömt es von allen Seiten zusammen. Der Ernst der Stunde malt sich auf allen Mienen; des Hände- schüttelns, der Abschiedsworte ist kein Ende. Und selbst in den Augen so manches Unbeteiligten quillt es heiß auf, wenn er den Vater mit treuem Blick och einmal den Aeltesten umfassen, dem Kleinsten die Wange klopfen und dem Mädel den Abschieds- kuh geben sieht, wenn er hört, wie er der Gattin

mit erstickter Stimme durch ein Scherzwort über die Stunde hinweghelfen will.

Ein Kommando fährt ins Gedränge, und die Kompanien treten an. Richten ... und Rühren ... und Abzählen... und Stillgestanden .. Der Haupt­mann spricht. Zu den Zuschauern bringt es wie: Kameraden ... Abschiednehmen ... ins Feld rücken ... werden unsere Pflicht tun ... der Hei­mat wert erweisen ... erhabenes Vorbild ... Se. Majestät ... Kaiser .. Großherzog ..., und ein stürmendes Hurra aus Hunderten von Männer­kehlen braust zum Herbsthimmel auf ... und wieder ein Kommando, und die Kompanie setzt sich in Marsch. Und da und noch einmal und wieder schließt sich eine Kompanie nach der anderen an, und die Musik setzt sich an die Spitze, die Degen fliegen aus der Scheide, und mit klingendem Spiel, hellen Auges, die Brust heraus so marschiert das Bataillon zum Bahnhof. Die Fenster fliegen auf. Tücher winken. Tausende bilden Spalier. Dort bringt ein frisches Mädel einem Hauptmann einen Strauß roter Rosen. Hier drängt sich eine Frau in die marschierenden Reihen, noch ein Wort vom scheidenden Gatten zu erhaschen. Da fliegt ein Scherz aus der Menge unter die Marschierenden und wird mit Lachen und Widerrede zurückgegeben. Keine blanken Gamaschen, funkelnden Helmspitzen, neuen Monturen. Aber unterm ehrwürdigen Tschako ein bärtig, entschlossen Gesicht, in der Faust eine gute Waffe und unter dem blauen verschallten Waffenrock ein zuversichtlich, treues Herz, so ziehen sie dahin. Vorbei am Lazarett geht der Marsch, wo aus wissenden und doch so sehnsüchtig heißen, ungeduldigen Augen die Verwundeten auf den Landsturm schauen. Und sieh! In der letzten Kom­panie wird der Ehrgeiz rege, den Jüngeren, die I schon den Feind sahen, zu zeigen, daß auch die Alten noch Kerle sind: durch die Reihen fliegt's

Tritt halten .. links links links, und takt­fest geht's am Tor vorbei.

Vorbei und um die Ecke, lieber den Köpfen nicken in den Läufen die bunten Herbstblumen, die die Heimat den Scheidenden mitgab. Ab und an trägt der Wind noch wie einen abgerissenen Fetzen ein paar Takte der Musik, ein paar Töne eine^ Lieds heran ... Ein verspäteter Unteroffizier, den Kriegshund an der Leine, eilt dem Zuge nach ...

Die Straßen sind so ernst ...

Sind das nicht verweinte Augen? ...

Der Landsturm zog aus ...

Der Dank des Landsturms.

ImGießener Anzeiger" vom 7. Oktober 1914 lesen wir folgende Notiz:Die 1. Kompanie unse­res am Sonntag ausgerückten Landsturmbataillons bittet uns, der Bevölkerung der Stadt Gießen auf diesem Wege nochmals für die gewährte Gast­freundschaft und den herzlichen Abschied aufrich­tigen Dank zu sagen, desgleichen den freundlichen Spendern von Liebesgaben, sowie der Direktion der Oberrealschule für die Bereitstellung von Räumen für die Kompaniegeschäfte."

Große Fahrkartenfälschungen

Seit 6 Jahren die Reichsbahn betrogen.

Frankfurt a. M., 5. Oft. (LPD.) Der Fahn­dungsstelle der Reichsbahndirektion Frankfurt ist es in Zusammenarbeit mit der Kriminalpolizei ge­lungen, einen raffinierten Fahrkarten- falscher festz unehmen und zu überführen, der schon seit 1928 mit selbsthergestellten Fahrkarten durch ganz Deutschland reist.

Am 2. Oktober beobachtete em SA.-Scharführer in einer Wirtschaft in der Bahnhofsgegend einen Mann, der in auffälliger Weise an verschiedenen Fahrkarten herumzeichnete Als er sich beobachtet fühlte, steckte er die Karten ein und ver­suchte, sich zu entfernen. Dem Eingreifen des SA.- Mannes ist es zu danken, daß der Täter gestellt und der Bahnpolizei übergeben wurde. Bei feiner Vernehmung stellte sich heraus, daß es sich um einen 42jährigen Mann aus Braunschweig handelt, der seit längerer Zeit bei Verwandten in Frankfurt iU Besuch ist. Bei einer Durchsuchung wurden im ganzen 10 Fahrkarten gefunden, von denen nur zwei echt waren. Vier zweiter Klaffekarten waren völlige Falschherstellungen, vier weitere dritter Klassekarten waren verfälscht. Die Karten an sich

waren zwar echt, Zielbahnhof, Kilometerzahl und Preis waren aber geändert.

3m Gepäck des Mannes fand man schließlich einen kleinen Holzkasten mit im ganzen 88 Fahr­karten und außerdem zahlreichen Bahnsteigkar­ten. Bon den 88 Karten lauteten 25 auf zwei­ter Klasse, der Rest auf dritte Klasie.

Unter dem Eindruck des gefundenen Belastungs­materials legte der Verhaftete bann ein umfassendes Geständnis ab. Die ersten Fälschungen wurden be­reits 1928 begangen. Der Mann löste gewöhnlich bei der Abfahrtsstatwn eine Bahnsteigkarte, um erst einmal auf den Bahnsteig zu kommen In der Tasche trug er unterdessen die gefälschte Karte, die er mit einer eigenen Lochzange gelocht hatte. Um eine Abgabe der Karte an der Zielstation zu vermeiden, pflegte er sich die Karten über sein Ziel hinaus auszustellen", er konnte dann jedesmal unter dem Vorwand, feine Reise nur zu unterbrechen, durch die Ausgangssperre kommen.

Bei den gefundenen Fahrkarten handelt es sich ausschließlich um solche über große Strecken.