Schlaf, marschieren heut wie gestern, wie vorgestern. Von Compiegne bis Verdun schieben sich die Marsch-
nach Süden der
die 2.
sind gefallen!
Aus -er Provinzialhauptsia-t
den rückwärtigen des VII. Armeestockdunkler Nacht
kolonnen der deutschen Armeen Marne zu.
Ich hatte zu einer Fahrt zu Staffeln das Generalkommando
Verfolgung! Fast schnurgerade Straßen, von hefigen Pappeln gesäumt, Sonnenglut und maßlose Hitze, Schweiß und Staub, marschieren, marschieren. Vorne, ganz vorne rollt Artilleriefeuer, weihe Schrappnellwölkchen am stahlblauen Himmel. „Rechts ran!" Artillerie trabt vorbei. Halt — eine Stunde, zwei Stunden — dicht an der Straße, bis die feindliche Nachhut den Abschnitt räumt. Wieder vorwärts, marschieren, marschieren. Die Füße sind wund der Tornister drückt. Im Biwak bleierner
Oie Schlacht an her Marne Tagebuchnotizen aus der Zeit vom 6. bis 9. September 1914.
Don Oberarchivrai Gart Henke, Oberstleutnant a. O.
befehl!
Weiter rast der Wagen durch das zerschossen glimmende Joches hindurch. An einer Moorhütte finde ich den Divisionsstab. Am Scherenfernrohr steht Generalleutnant Fleck, der Kommandeur der Division, er dreht uns den Rücken. Als ich dem Generalstabsoffizier den Befehl übergebe, hört er das Wort „Rückzug". „Was", fährt er herum, „Sie find wohl verrückt geworden? Sehen Sie denn nicht? Jetzt?" Ich sage, daß auch General von Einem nichts von „zurück" habe hören wollen, doch das Armee-Oberkommando habe mich geschickt, ich könne nur den Befehl übergeben. „Sie können nicht wissen, wie es steht!" Am Fernsprecher versucht Exzellenz Fleck persönlich den Generalstabschef der Armee zur Zurücknahme des Befehls zu bewegen, doch alle Vorstellungen sind vergebens.— Tief erschüttert, niedergeschlagen fahre ich zurück.
In der Nacht geht die 2. Armee ungeschlagen zurück über die Marne. Ihr Oberkommandierender glaubt der 1. Armee wegen so handeln zu müssen, diese tut selbst im vollen Siege dasselbe, weil sie die 2. geschlagen glaubt. Schicksal —!
Die Würfel der Entscheidungsschlacht im Westen
korps verlassen. Nun bin ist in , auf dem Rückweg. Nicht ohne Mühe finde ich in dem Dörfchen Pargny die von einer Laterne schwach erleuchtete Komandoflagge des Stabes. In der Hoffnung, nun einige Stunden schlafen zu können, betrat ich das kleine Bauernhaus. „Wer ist gekommen?" höre ich die Stimme des Generalstabschefs. Die schmale Treppe hinauftastend, sehe ich ihn durch die offene Tür einer engen Kammer halbausgezogen auf einem Bauernbett sitzen. Mit wenigen Worten erklärt er mir, daß nach dem soeben eingetroffenen Armeebefehl das III. und IX. Korps der 1. Armee über den Petit Morin zurückgenommen würden. Unsere 13. Division müsse daher ebenfalls sofort zurückgebolt werden, um westlich Montmirail den Flankenschutz der 2. Armee zu übernehmen. Beim flackernden Schein eines Kerzenstumpchens schreibe ich den Befehl auf eine Meldekarte und fahre
gelände des Petit Morin vorwärts, denn die den Feind überflügelnden Sachsen sind noch zurück. Noch hält die Kavallerie in der Lücke der 1. Armee die Marnelinie gegen die nur zögernd vorkommen, den Engländer. Doch der linke Flügel ist sehr schwach geworden; die 14. Division fehlt hier. Aller, dings hat die halbe 13. Division westlich von Mont- mirail den Tag über die heftigen französischen An- griffe zurückweisen können, gegen Abend aber muß sie ihren rechten Flügel zurückbiegen vor drohender Umfassung. Als General von Einem, der Führer des VII. Armeekorps, von der 14. Division, deren Angriff er den Tag über beobachtet hat, nach Montmirail zurück zum rechten Flügel will, ist dieses geräumt. Da die Meldungen kein klares Bild ergeben, werde ich vorgesandt, die Lage der 13. Division festzustellen. Als wir — ein junger Ordonnanzoffizier war mir mitgegeben — über Eorrobert vorfahrend das Hügelgelände jenseits des Ortes erreichen, ist es dunkel geworden. Da hören wir Stimmen. Der Kraftwagen stoppt die Fahrt. Eine Kompanie kommt uns entgegen. Auch die neue Stellung sei in der Dunkelheit durchbrochen, sagt ihr Führer, er gehe über Eorrobert zurück, hinter ihm folge der Feind. Langsam fahren wir weiter. Durch einen Hohlweg steigt die Straße einen Hügel hinan. Wir lassen halten. Die Pistolen in der Faust, erreichen wir zu Fuß die Höhe. Vor uns Pferdegetrappel; Lanzen heben sich gegen den helleren Abendhimmel ab. Es ist eine Ulanenpatrouille. Hinter ihr sei feindliche Kavallerie, meldet sie. Also zurück. An dem Abschnitt des Verdon-Baches kommt die Division in breiter Front zum Halten. Der Feind ist nicht gefolgt.
Kaum dämmert der Morgen, eilt das Generalkommando, das, im Bestreben die Verbände und rückwärtigen Staffeln zu ordnen, schlaflos die Nacht in Orbais verbracht hat, auf die Höhen des Abschnitts vor. Die 13. Division Ijebt Schützengräben aus, bereit, den Feind blutig zu empfangen. Doch die Lücke zur 1. Armee klafft noch weiter, dem Feind muß der Weg nach Chäteau Thierry offen stehen.
Es ist Mittag. Am Straßenkreuz von Champeaubert,
aufzustellen und den Tisch zu decken. Schön geschichtet liegen die Kuchenstücke auf den Tellern und auch mit knusperigem Bauernbrot kann man sich bedienen.
Doch wo ist der Herr des Hauses? Nur einmal ließ er sich zum Abendaruh blicken. Sein Platz ist in der Küche. Er hat den Saft zu bereiten. Am Tage wurden Zuckerrüben fein geputzt, geschnitzelt, gekocht und gekeltert. Es war ein großes Stück Arbeit, wobei Kind und Kegel mithelfen mußten. Manche Leute verwenden zur Saftbereitung auch Dickwurzeln oder Honigbirnen. Es sind dies lokale Birnsorten von ungemein großer Fruchtbarkeit. Steinlinge und Buckelbirnen heißen sie auch hin und wieder. Der gewonnene Saft wird mehrere Stunden gekocht und dabei öfters geschäumt. Eimerweise wird das entkernte Honiggut der kochenden Brühe einverleibt. Nun ist auch die Zeit zum Rühren gekommen, soll der Honig nicht anbrennen. Schon tags zuvor wurde der Honiarührer, der sich in einzelnen Häusern von Geschlecht zu Geschlecht vererbt, geholt. Immer sind es die männlichen Familienglieder, die dem Honigkochen eine Nacht guten Schlafes opfern müssen. Wenn auch die Wärme des Kesselfeuers den Schlaf herbeizieht, so kann dieser doch immer nur ein kurzes Nickerchen sein, da die „Spritzer" des kochenden Kesselinhaltes bald in unangenehmer Weise das Wachwerden veranlassen. Vor diesen Spritzern werden die Wände der Räume und die nahen Möbel mit Packpapier behängt. Um die zehnte Stunde des neuen Tages ist der Honig gut. Mehrmals schon wurden Proben auf Untertassen erkalten lassen. Der Honig muß
Zwetschenhonig-Kochen.
Nun kommt die Zeit des Honigkochens wieder. Wenn man durch die Dorfstraßen geht, kommen aus den geöffneten Küchenfenstern lange weißgraue Schwaden Wasserdampfes, desien eigenartiger Geruch verrät, daß das Brotaufstrichmittel des Haushaltes, der Zwitschenhonig, landläufig Hoink genannt, hier und da auch als Latwerge oder Honig- mus bezeichnet, bereitet wird.
Nach altem Brauch ist das Honigkochen die erste kleine häusliche Festlichkeit nach vielen Wochen saurer Arbeit, gewissermaßen die Ueberleitung zu Den noch weit und breit in Hebung befindlichen Spinnstuben. Gute Nachbarn, treue Bekannte und werdende Verwandte finden sich am Abend ein. Die Lampe ist in die Mitte der Bauernstube gehängt. Im Kreise sitzen fleißige Frauen und Mädchen, Schüsseln auf dem Schoße und daraus vie entkernten Zwetschen in den im Mittelpunkt stehenden Zuber werfend. Für die Kinder ist der Abend eine besondere Freude. Ihnen kommt die Arbeit zu, die Steine aus den Schüsseln zu bringen und diese von neuem zu füllen. Da „muntere Reden sie begleiten, fließt die Arbeit lustig fort." Viel Gesprächsstoff hat sich ja auch seit Winters Ausgang angehäuft. Da hat man sich von neuen Paaren, von beginnendem jungem Leben und von anderem Freud und Leid zu erzählen. Ab und zu hängt dabei die Zunge recht locker und nicht immer könnten die Worte durch einen Eid erhärtet werden. Die Kinder horchen dabei rote die „Hechelmäuse". Schon hat sich die Hausfrau ganz unauffällig entfernt, um das Kaffeewafser
wo ein französisches Denkmal an die Schlacht von 1814 erinnert, steyt General von D ü l o ro. Schwerer Ernst liegt auf seinen Zügen. Da trifft mit feinem Stabe General von Einem ein. Wir ehen, wie er lebhaft auf den Armeeführer einspricht, hören die mit erhobener Stimme gerufenen Worte: „Das ist unmöglich, Exzellenz!" Unser Generalstabschef, Oberst von Wolff, spricht aufgeregt mit General von Lauen st ein, der verantwortlich für den Generalstab der 2. Armee zeich- net. Schließlich dreht er sich heftig um und tritt zur Seite. Da werde ich gerufen: Ich soll den Befehlzum Rückzug der 2. Armee über die Marne der 14. Division bringen!
Als der Kraftwagen über die letzte Höhe vor dem Abschnitt des Petit Morin kommt, wird der Blick frei. Jenseits der breiten Niederung brennende Dörfer, deutsche Jnfanterielinien. Offen aufgefahren stehen dicht hinter, ja zwischen ihnen Feldbatterien der 14. Division im Feuer. Links am Horizont ein Berg, der Mont Aoüt. Seinen Westhang steigen feindliche Schützenlinien hinab, in der hellen Sonne leuchten ihre roten Hosen. Man sieht die Wirkung des Flankenfeuers: sie kommen in Verwirrung, Teile der Truppen laufen wild den Berg hinab. Dort bringt die Garde nach — man sieht ^ieg — Sieg, und i ch habe den Rückzugs
roieber in bie Nacht hinaus.
Der neue Auftrag hat alle Müdigkeit genommen, heißt es doch scharf auf den Weg achten. Durch ein großes Dorf, Waldgelände, in Montmirail ein großer Bogen, die Straße senkt sich in die Ebene hinab, noch eine Chausseegabel — sie darf nicht verfehlt werden, will ich nicht beim Feinde landen — dann aeht's im 60-Kilometer-Tempo schnurgerade nach Süden die Straße nach Esternay. Langsam beginnt es zu dämmern. Dor mir die Schattenrisse eines Dorfes. Plötzlicher Anruf, die Bremsen knirschen — Morsains. Bald ist der Divisionsstab gefunden. Doch der Divissionskommandeur ist beim Führer des IX. Armeekorps, den Angriffsbefehl besprechen. Nur Generalmajor von Unruh, der Führer der 25. Brigade, ist dort. Er kann es sich nicht denken, daß die Division jetzt unmittelbar vor dem Einsatz zurück soll. Dazu ist sie ja vormarschiert, und das IX. Armeekorps weiß jedenfalls noch nichts von einem solchen Befehl. Doch der Befehl ist klar, nicht miß- zuverstehen. Schweren Herzens leitet der General Den Rückmarsch nach Montmirail ein.
Noch ehe die Division dort eintrifft, hat sich die Lage weiter geklärt. Weit im Osten von uns, bei der 5. Armee, ist ein Heeresbesehl Iosfres gesunden worden. Das französisch-englische Heer hat Front gemacht und greift mit allen Kräften an. D i e große Entscheidungsschlacht im W e st e n ist da.
In drei Gruppen wird sie ausgefochten. Im Westen, nordöstlich von Paris, kämpft die 1. Armee. Dann klafft eine über 30 Kilometer breite Lücke bis zum rechten Flügel der 2. Armee bei Montmirail. Sie wird durch zwei Kavalleriekorps nur unvollkommen gedeckt. Die deutsche 3. Armee, die ihrerseits keinen Feind vor sich und an der Marne ihren erschöpften Truppen einen Ruhetag gegönnt hatte, teilt sich, den Flügeln der Nachbararmeen zum Siege zu helfen. Von Ditry le Francois bis zur Maas ringen in schweren Angriffskämpfen als dritte Gruppe die 4. und 5. Armee.
In der Nacht zum 8. September zieht General von Bülow die 14. Division des VII. Korps, feine letzte noch nicht eingesetzte Reserve, nach dem linken Flügel, wo er die Entscheidung erstrebt. Bei Joches zwischen dem X. und dem Gardekorps wird sie eingesetzt. Nur langsam kommt der Angriff der Garde und Westfalen über das weite Sumpf-
Lob -es Rebhuhns.
Von G. G. v. Maaffen.
Jeden Tag Rebhühner!
„Toujours perdrix!“ pflegt einer zu sagen, der begründen will, warum ihn auch etwas an sich sehr Vortreffliches nicht mehr reizen kann. Es ist nun einmal so: Selbst das Schönste und Beste kann ekelhaft, ja hassenswert werden, wenn man es allzu oft und bis zum Ueberfluß genießt.
Den Ursprung dieses geflügelten Wortes führt Büchmann auf eine Anekdote aus dem Leben Heinrichs III. von Frankreich zurück. Diesem genußsüchtigen Fürsten wurden einmal von seinem Beichtvater Vorstellungen wegen seiner vielen Liebschaften Gemacht. Der König suchte sich nicht weiter zu recht- ertigen, ließ aber von nun an dem geistlichen Herrn jeden Tag gebratene Rebhühner vorsetzen. Und zwar so lange, bis der Beichtvater sich ernstlich darüber beschwerte, daß er „immer Rebhühner" („toujours perdrix“) essen müsse. Heinrich erwiderte, daß er selbst diese Anordnung getroffen habe, um ihn zu überzeugen, wie wichtig die Abwechslung bei allen Genüssen des Lebens sei.
Sieht man es dieser Anekdote nicht sofort an, daß sie ein Treppenwitz, ein Histörchen ist, das man erst erfunden, als der Ausspruch: „Toujours perdrix“ längst in aller Munde war? Und tatsächlich weiß Büchmann keine Quelle für ihn anzuführen, ja, er gibt nicht einmal an, auf welchem Wege er zu der Anekdote gekommen ist. Er bemerkt aber, daß kein französisches Wörterbuch das Zitat verzeichne. Demnach ist die Anekdote nicht historisch, und es wäre der Mühe wert, alle Spüryunde hinter diesem ewigen Rebhuhn herzujagen.
Vielleicht geht das geflügelte Wort auf die Erfahrung jenes Wettenden zurück, der sich anheischig machte, acht Tage hintereinander Rebhühner zu essen, und dann die Wette verlor. Die Beziehung auf das Allgemeine ist dann später durch irgendeinen witzigen Kopf dazu gekommen. Wann diese Wette stattfand, weiß ich allerdings nicht. Ich habe auch nicht ausprobiert, ob es wirklich unmöglich ist, eine Woche lang nichts weiter als Rebhühner zu essen. Wenn ich aber meine Zunge bei meinem Magen anfragen lasse, wie er sich zu diesem Experiment stellen würde, so macht er eine abwehrende Geste.
Die Sache verhält sich nun, wie mir ein eßfroher, genießerischer Freund mitteilt, folgendermaßen: Die ersten fünf Tage soll es ein wahres Vergnügen fein, Rebhühner zu verspeisen. Es geht spielend leicht. Am sechsten Tage aber soll einem bas Rebhuhn wie
ein Truthahn Vorkommen, am siebenten wie ein kleines Schwein, und am achten Tage wie ein riesiger Ochse. Einen ganzen Ochsen aber vermochten nur wenige Heroen des Altertums zu verzehren, nämlich Der unüberwindliche Herakles, der bei einem Eßwettstreite den berühmten Lepraeus Claus überwand, dem man den ehrenden Beinamen des „Ochsenfressers" gegeben hatte. Ferner Milo von Kroton und der Fechter Theogenes aus Thasos, der sogar nach einer solchen Mahlzeit erklärte, daß er sich noch nicht gesättigt fühlte. Mit solchen Leuten können die heutigen Rohköstler aber nicht mehr konkurrieren.
Wie man Rebhühner fängt.
Unsere Vorfahren machten es sich mit der Jagd auf Rebhühner nicht leicht. Noch in Werken des 18. Jahrhunderts wird das Schießen in der Wildbahn als gar schädlich verworfen, da man dabei leicht die alten Hühner treffen und mit ihnen eine zu erwartende Nachkommenschaft vernichten kann. Daher wird geraten, sie in besonders konstruierten Netzen zu fangen, um den alten wieder nach Gutdünken die Freiheit geben zu können. Wie man es anfangen muß, Die scheuen Vögel in die Netze hin- einzutreiben, ist sehr belustigend zu hören. Menschen und Hunde, vor denen sie sogleich in die Höhe fliegen, sind dazu nicht zu gebrauchen. Geeignet sind jedoch Pferde und Kühe, die langsam dahin- trotten und den Anschein erwecken, als ob sie weideten. Vor ihnen pflegen die Hühner nicht hochzugehen, sondern nur ein Stück davonzulaufen. Statt der lebendigen Tiere kann man auch eine Scheibe, auf die ein Pferd ober eine Kuh möglichst naturgetreu gemalt ist, langsam vor sich herschieben.
Ebenso vermag ein besonders dressierter Hund sie in die Netze zu treiben, und von ihm wird in einem alten ökonomischen Werke aus der Mitte des achtzehnten Jahrhunderts gesagt: „Jetztgedachter vorstehender Hund hat die artige Eigenschaft an sich, daß er beym Anblick der Vögel nicht sogleich auf sie losrennt, sondern mit einem lieblichen Schwantz- wedeln ein Zeichen giebt, wodurch sie denn gar nicht verunruhigt, sondern alsobald niederducken." Um dieses Ducken zu fördern, läßt man einen Falken fliegen, kann auch einen geschnitzten künstlichen Vogel geschickt in die Luft werfen. Die gefangenen Hühner kann man dann entweder gleich toten oder für späteren Gebrauch in einer Kammer unterbringen, deren Decke und Wände man mit Strohbündeln oder Buschwerk auspolstern muß, damit sie sich bei schreckhaftem Auffliegen nicht die Köpfe einstoßen. Deshalb rät der alte Autor: „Noch dieses hat man endlich zu beobachten, daß man bey Besuchung dieses anmuthigen Gevögels vorher etwas an die Tür
poche und poltere, damit es sich unter das Stroh verberge, denn bey unversehenem Hineintritt die armen scheuen Thiere sich mit ihrem jählingen Fliegen die Köpfe leicht einstoßen können."
Rebhühnerpa stete.
Ich möchte gar zu gern wissen, warum man heutzutage so gut wie gar keine Rebhühnerpasteten mehr auf unseren Tafeln zu sehen bekommt. Offenbar verzichtet man aus reiner Bequemlichkeit auf einen der allerhöchsten kulinarischen Genüsse. Wie mit jeder anderen Romantik ist es auch mit der Romantik der Küche für alle Zeiten vorbei, und man wird mir selbst bei anderer Einstellung wenig- ftens erlauben, daß ich das im Hinblick auf meine eigene Person von Herzen bebaure. Man höre nur die Verse unseres wackeren Homeriden Johann Heinrich V o ß , wie er einen Abendschmaus schildert:
„Jetzo bracht' ein Lakai die Ehrenkrone des Gastmahls. Aechzend hob er norm Gastherrn ein ungeheures Backwerk, rund und hohl, voll edlen Gehalts: Rebhühnerpastete
nannt* es der Wirt und schwur, aus Bordeaux, im Schiffe des Markus, hab' ihm gesendet ein Freund dies Werk vom berühmtesten Kochheld."
Und des weiteren schildert der Dichter, wie der Duft dieser Pastete aller Sinne benebelt, wie der Gastgeber den Deckel löst und lüftet, das Fett abschöpft und sanftlächelnd den wunderköstlichen Inhalt herausschöpft. Malt sich schon beim bloßen Anblick und Geruch die elementare Wirkung dieser Pastete auf den Mienen aller Gäste, so entfesselt der reale Gaumengenuß die letzten Gefühle.
„Meine Herren und Damen!
Das nenn' ich mir treffliche Mischung! Welch ein seiner Geschmack in dem Fleische des südlichen Rebhuhns, das mit besonnterem Korne sich ätzt und der Beere des Weinstocks!
Dann das Gewürz, wie mit Sinne erwählt! Wie im wahrsten Verhältnis!"
Und nun zählt der Sänger in klangvollen Rhythmen alle die vielen Zutaten auf, die diese Pastete zu dem Wunderwerk, das sie nach ihrer Vollendung dar- stellt, gemacht haben. Tempi passati!
*
Voltaire, Friedrichs Freund, wußte sehr genau, was so eine Rebhuhnpastete an geheimen Kräften in sich birgt. Nach der ersten Ausführung seiner Tragödie „Zaire" wurden ihm aus Zu- schauerkreisen allerlei Vorschläge zur Verbesserung
beim Schräghalten der Tasse stehen, heißt es. Dann ist er gut gekocht, und es besteht dann auch keine Gefahr, daß er in heißen Sommern gärt. Das Feuer ist schon verglommen. Wenn der Honig erkaltet ist, wird er in irdene Töpfe gefüllt, gut zugebunden und in der Vorratskammer aufbewahrt.
Am Morgen schon war des Nachbars Kleiner im Hof. Flugs bekam er in ernstem Tone den Auftrag, bei dem und dem die gläsernen Stiefel und das Honigleiterchen zu holen. Welcher Bub wäre nicht schon das Opfer dieses uralten Uzbrauches geworden! Schreiber dieses schleppte keuchend die berüchtigten gläsernen Stiefel in Gestalt einiger nicht allzuleichter Steine in einem Sacke aus dem Unterdorfe, und die Honigleiter, die angeblich zum Einsteigen in Den Kessel benutzt werden soll, wurde ihm auf einen zweiten Gang als niedrige Hühnerleiter zur Beförderung übergeben.
Es war Mitternacht geworden, bis in der Stube Kaffeeschmaus und Schwatz zu Ende waren. Doch die Zwetschenkerner gingen nicht wie sonst üblich nach Hause. Die Jungen im Kranze hatten im Verlaufe des Abends schon mehrmals die Köpfe beieinander gesteckt. Gerade war der Nachtwächter durch die Enggasse in das Wachtlokal geschritten, als sich zwei „kuraschierte" Mädchen daran machten, ein „Pfädchen" aus Zwetschensteinen zu streuen. Noch war die neue Liebschaft zwischen dem Schmieds Konrad und der Bäckers Ida im Werden. Nun aber war es kein Geheimnis mehr. Das Pfädchen zwischen den Häusern der beiden wirkte besser als des Ortsdieners Schelle und lieferte neuen Unterhaltungsstoff für andere Kernabende.
Aus parteiamtlichen Bekanntmachungen
Die Geschäftsstelle der Kreisleitung der NSDAP. Gießen ist während der Dauer des Reichsparteitags vorn 6. bis 12. September vor» mittags nur von 10 bis 12 Uhr und nachmittags von 3 bis 6 Uhr geöffnet. Die Sprechstunde am Samstagnachmittag fällt aus.
TLMolfsm oblfabrt
NSOAP. - Amt für Volkswohlfahrt.
kreisamlsleitung Gießen.
An die Ortsgruppenkassenführer der NSV. des Kreises Gießen.
Betr.: Sammlung „Mutter und Kind" am 2. September.
Wir machen die rückständigen Ortsgruppenkassenführer Darauf aufmerksam, daß die Sammelbeträge von der am vergangenen Sonntag stattgefundenen Sammlung bis spätestens den 7. d. 7N. eingezahlt sein müssen. Meldung und Einzahlung mußte bereits schon bis zum 5. September erfolgt sein.
Heil Hitler!
Gez.: Klöß, Kreisamtsleiter.
F. d. R.: gez.: M o h a u p t, Kreisgeschäftsführer der NSV.
Nationalsozialistische
Kriegsopferversorgung e. S.
Ortsgruppe Gietzen.
t|r
Samstag, 8. September, 8.30 Uhr abends, im Caft Leib, Walltorstraße, Mitgliederversammlung.
Erscheinen ist unbedingt Pflicht. Kriegsopfer, die noch nicht in unseren Reihen stehen, sind kameraö- schaftlichst eingeladen.
Der Ortsgruppenobmann: Moll.
des Dialogs zugesandt. Da er sie für gut hielt, wollte er sie befolgen, brachte es aber nicht fertig, die Schauspieler zum Umlernen ihrer Rollen zu be» wegen. Am heftigsten weigerte sich der berühmte Dufresne. Da griff Voltaire zu einer List und schickte an einem Tage, an dem Dufresne feinen Kollegen ein Festessen gab, eine prachtvolle Rebhühnerpastete in dessen Wohnung. Sie wurde zum Entzücken der Teilnehmer auf die Tafel gesetzt, und als sie ausgeschnitten wurde, erblickte man darin aroölf Rebhühner, die in ihren Schnäbeln Zettel hielten, auf denen die Rollenänderungen verzeichnt waren. Diese gute Idee besiegte den Widerstand der eigensinnigen Schauspieler, und sie lernten ihre Rollen um. Der einmütige Beifall Derer, die ihre Ratschläge befolgt sahen, belohnte sie bet der zweiten Ausführung der „Zaire" reichlich für alle aufgewandte Mühe.
Don Jüan fällt in die Gpree.
Ein junger Mann hatte sich mit seiner Braut einen lustigen Abend in einer Berliner Gastwirtschaft gemacht. Gegen Mitternacht begleitete er sie ritterlich nach Hause, verspürte aber danach keine besondere Lust, ins Bett zu gehen, und kehrte kurz entschlossen in eine andere Restauration ein. Sein Lebensgefühl steigerte sich mehr und mehr, und schließlich bekam der junge Mann Sehnsucht nach seinem Mädchen Er gedachte sie mit feinem ®e‘ such zu überraschen. Mit kühnem Wagemut kletterte der Don Juan die Rückwand des betreffenden Gebäudes hoch — daß dicht unter ihm die Spree fto», schreckte ihn in keiner Weise. Als er jedoch ein Fenstersims erklimmen wollte, verlor er das Gleichge* wicht und fiel ins Wasser. Glücklicherweise konnte der unternehmungslustige junge Mann schwimmen, es fand sich auch schnell ein Boot, mit dem er W die Nähe seiner Wohnung rudern wollte, benn tn seinem klatschnassen Zustand konnte er sich unmog' lief) durch die Straßen Heimwärtswagen. Der Sturz in die Spree brachte aber mehrere Anwohner aus die Beine, die in dem nächtlichen Bootfahrer eine*1 Dieb vermuteten und schnell die Polizei Derftan» bigten. Auf ber Polizeiwache weigerte ber Pech' vogel sich zunächst, sein rätselhaftes Tun unb Treiben zu erklären — was ihm feine Braut hoffentlich einmal hoch anrechnen wirb — und erst auf dem Polizeipräsibium, wohin man den Jüngling, der an an allen Gliebern zitterte unb mit ben Zahnen klapperte, gebracht hatte, geftanb er bie Zusammen* hänge ein. Man setzte ihn zwar auf freien uWy aber er wirb inzwischen davon überzeugt fein, DaB bas Fensterln in Berlin gar nicht so einfach tfL
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