Nr. 155 Drittes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für OderWen)
8reitag,6.ZuliM4
- Aus der Provinzialhauptstadt.
Angesichts der Tatsache, daß ...
Wir hören oft Ausdrücke und Redewendungen, die fo umständlich und geschwollen sind, daß man den Sinn eines Satzes erst nach einiger Ueber- legung erfassen kann. Faß dich kurz! sollte nicht nur im Fernsprechraum angeschrieben sein. Es müßte überall stehen.
Merkwürdigerweise sind es keineswegs die alten Herrschaften, die so überflüssige Wort- und Satzbildungen erzeugen, sondern — wie man leicht sest- stellen kann — unsere jugendlichen Volksgenossen. Gewisse Schlagworte waren ja immer in der Mode. Einmal hieß es: Tadellos! Dann wieder: Wird gemacht! Auch einmal: Kolossal oder phänomenal! Solche überschwenglichen Wortbildungen kommen und gehen, genau wie die Schlager, die eines Tages auftauchen, um dann nach einiger Zeit wieder spurlos zu verschwinden.
Früher wurden oft Satzungetüme aus der Amtssprache angeführt und kritisiert. Aber da ist ja nun ein Fortschritt zu verzeichnen. Post, Eisenbahn und andere Behörden bringen klare und kurze Sätze. Rur hier und da tauchen manchmal noch Bildungen auf, die uns an frühere Zeiten erinnern. Ebenso können sich manche Kaufleute nicht von der altmodischen Satzumstellung „und haben wir..." statt „und wir haben ... trennen.
Aber im Leben draußen? In der Unterhaltung? Als Junge schrieb ich nie gern einen Brief. Ich glaubte immer, da müßte man einen ganz besonderen Stil wählen. Bis mir dann eines Tages mein Vater sagte: „Du mußt denken, du stündest bei deinem Freunde und wolltest ihm das erzählen! Genau so mußt du schreiben." Da ging's auf einmal. Das Briefe-Schreiben macht mir auch heute noch keine Beschwerden.
Wenn man aber gewohnt ist, sich kurz und klar auszudrücken, dann fällt einem die umständliche Sprechweise mancher Volksgenossen auf die Nerven. Da fagte gestern jemand in der Eisenbahn zu seinem Freunde: „Angesichts der Tatsache, daß ich schon sieben Semester studiert habe..Der Zug hielt, und ich konnte die Fortsetzung nicht mehr verstehen. Aber diese umständliche Redewendung war mir so fremd, daß ich den ganzen Tag daran denken mußte. Wie kann man eigentlich in der Unterhaltung solche Sätze bilden? Haben wir denn im Deutschen nicht das Wörtchen weil? Da hören wir den alltäglichen Satz: „Er konnte nicht kommen, weil er krank war." Das ist doch deutlich. Soll man hier sagen: „Angesichts der Tatsache, daß er krank war, konnte er nicht kommen?" Ist das schöner? Und der oben angeführte Satz: „Weil ich schon sieben Semester studiert habe..Geht es so nicht?
Da lesen wir in einem Briefe: „Im Anschluß hieran teilen wir Ihnen die zur Veröffentlichung gebrachte amtliche Verlautbarung im Wortlaut mit." Muß das so aufgedonnert gesagt werden? Gibt es nicht eine ganz einfache Form: AnschlieKird teilen wir Ihnen die veröffentlichte amtliche Verlautbarung mit?
„Die Ergebnisse werden der Öffentlichkeit zugänglich gemacht." „Sie treten in Erscheinung." Warum nicht: Sie erscheinen? Sie werden veröffentlicht? Man könnte viel Zeit, Tinte und Druckerschwärze sparen.
Das alte, viel mißbrauchte Gummi-Fremdwort „Interesse" können wir in der deutschen Sprache durch mindestens zehn bessere und treffendere Ausdrücke ersetzen. Statt dessen lesen und hören wir Überall nur noch von den „Belangen". Oder gar: „Was nun seine persönlichen Belange anbelangt.." Da haben wir alles schön beisammen, einen ganz dummen, umständlichen Satzanfang, eine verkehrte Uebersetzung des Fremdwortes „Interesse" und damit auch die Doppelanwendung von den gleichlautenden Wörtern Belange und belangen. Hätte der Redner oder Schreiber sich kürzer und deutscher aus^edrückt^a^^är^^u^^es^ganzen^mständ^
lichen Kram folgender Anfang geworden: Seine persönlichen Verhältnisse...
Wer als aufmerksamer Hörer auf die Sprache seiner Mitmenschen achtet, wer gewohnt ist, alles Gedruckte sorgsam zu lesen, der wird überall auf Wendungen und Ausdrücke stoßen, die unsere schöne deutsche Sprache entstellen. Bei vielen herrscht eine gewisse Sucht, mit auffallenden Worten etwas Alltägliches zu sagen. „Man muß doch zeigen, daß man sich gebildet ausdrücken kann!"
Solchen Leuten rate ich immer wieder: Lest Luthers Bibelübersetzung, lest Lessing und Goethe! Nehmt einmal die Briefe von Bismarck und Moltke! Das find Meister des Stils. Ihre Sprache ist klar und anschaulich. Aber: „Angesichts der Tatsache, daß die zur Anführung gebrachten Männer schon fo lange tot sind, kommt die Wirkung ihrer Schriften nicht mehr in der vollen Nachhaltigkeit zur Geltung." (Fein! Was?!) H.
Unser Igelbesuch.
Während unserer mehrwöchigen Abwesenheit waren Haus und Hof wie ausgestorben. In dieser Zeit hatten wir ganz unerwartet Jgelbesuch bekommen. Unter der großen und geräumigen Haustreppe hatte sich ein Jgelpaar häuslich niedergelassen. Schon seit Jahren diente der Raum unseren Kindern und ihnen Gespielen bei Regen oder heißer Witterung als Spielplatz. Vom letzten Oster- gärtchen lag noch eine Menge Moos zerstreut umher. Torfmullreste befanden sich in der anderen Ecke. Den dunkelsten Teil der „Höhle", wenn ich so den übermauerten Raum nennen soll, füllten Ueber- reste eines eingegangenen Stachelbeerbusches aus. Ganz ungewollt und ohne Absicht war der Spielplatz in dieser Weise ausgestattet. Und diese vergessene Ecke hatte sich das Igelpaar ausgesucht.
Das neue Heim war bis in die entlegensten Kanten und Winkel besichtigt worden. Die neuen Mieter fanden es außerordentlich geeignet, den Wohnsitz nach hier zu verlegen. Menschen konnten sie nicht stören und Hunde nicht belästigen. So gefiel es hier Herrn und Frau Igel ganz vorzüglich, und sie fühlten sich ganz als die Herren des Anwesens. Von des Nachbars Jungen bemerkt, wurde ihr Tun und Treiben eifrig beobachtet. Unermüdlich, von morgens früh bis in die späte Nacht hinein, waren beide Igel einzeln und auch in Gemeinschaft tätig, für die inzwischen zur Welt gekommenen sechs kleinen Jgelkinder die notwendige Nahrung herbeizuschaffen. Alles was an Schädlingen im Hof und besonders im Garten vor die Igeleltern kam, an Engerlingen, Schnecken, Raupen, Mäusen, Käfern usw. wurde vertilgt oder den stets wartenden Jungen heimgebracht. Sie hatten ja auch genügend Zeit, sich auf die Lauer zu legen, wobei ihr fein entwickelter Geruchsinn ihnen sehr zustatten kam und sie schnell und sicher auf ihre Spur brachte. Nach einiger Zeit hielt es die drolligen Kleinen schon nicht mehr in ihrem engen; aber mollig warmen und weichen Stübchen. Sie gingen mit Vater und Mutter auf die Nahrungssuche. Anfangs auffallend ängstlich und zaghaft. Bald ließen sie sich aber von der unruhigen Nachbarschaft nicht mehr stören.
Inzwischen waren wir wieder anwesend. Welch' große Freude durften unsere Kinder an der lieblichen Jgelsamilie erleben! Unbeschreiblich war der Jubel, wenn sie „Ausgang" hatte und geführt von dem Oberhaupt der Familie gar einen Spaziergang unternahm! Welch' herrlicher Anblick, diese gestreckten, stacheligen Halbkugeln mit ihrem niedlichen, heroorlugenden Schnäuzchen und klugen Aeugelchen zu beobachten, wie sie durch das Gras und die bewachsenen Beete huschten! Die dünnen, aber flinken Beinchen schienen zu schwach für den ausgedehnten Körper zu sein. Ihre drolligen Bewegungen erregten manches Lachen. Anfänglich etwas überängstlich, eilten sie schon beim Nahen der Menschen in ihre Behausung. Bald aber war ihre Scheu überwunden.
Uhr beaann Herbert Brenken damit, senden Zornesausbruch des Chefs austoben lassen. MÄ unauffämaTn Srbnung Fräulein Menzing - die Sette arin - herbei-
Scherben.
Von Knut Bornes.
Was Barber Söhne auf ihre Reklamation geantwortet hätten, verlangte der Chef zu wissen. Zurück ins Büro — den Brief von Barber Söhne in Düsseldorf hervorkrameü. Einen sieben Minuten wäh-
holen und sich von ihr anfauchen lassen. Untätig dabeistehen, während der Chef einen von Beleidigungen strotzenden, ganz und gar unmöglichen Brief an Barber Söhne diktierte. Und draußen wurde der Frühlingshimmel immer blauer, die Sonne immer strahlender--
„So. Aber lassen Sie den Brief bis Montag liegen, Fräulein Menzing — ich will ihn in Ruhe noch mal lesen. Vergnügten Sonntag, meine Herr-
Urn halb ein Lv—y-------,
seinen Arbeitsplatz leise und unauffällig in Ordnung zu bringen. Es war genau ausgerechnet: Zwanzig Minuten Heimfahrt — zwanzig Minuten für Umkleiden, Rasieren, Kofferpacken — eine Viertelstunde Fahrt bis zum Bahnhof. Wie es verabredet war, konnte er also fünf Minuten vor zwei am Zuge sein — vorausgesetzt, daß er das Büro pünktlich um ein Uhr verließ.
Allerdings, einige Briefe und die Abrechnung für Fehling & Co. in Wiesbaden blieben unerledigt. Lächerlich, sich darüber Gedanken zu machen. Man lebte ja sowieso mehr für die Firma als für sich selbst — wenn man alle Überstunden zusammenrechnen wollte, und die Sonntagsarbeit dazu ... So war man eben mal — daß man sich alles aufpacken ließ — daß man immer an andere dachte als an sich selbst. Zu gutmütig. Diel zu gutmütig. Das spürten die Menschen und nutzten es aus. Hier im Geschäft — und draußen im Leben. In der Liebe. Wenn sich die Hilde nicht fo fest auf feine Gutmütigkeit verlassen hätte, so hätte sie
nie gewagt--
Ach was — nicht mehr daran denken. Das war vorbei. Erledigt. Abgetan für immer. Fünf Minuten vor zwei stand eine andere an der Bahn — eine, die so hübsch und fesch war, daß alle Männer sich nach ihr umsahen — und wartete auf ihn, Herbert Brenken. Er holte tief Atem, das Herz schlug schneller. Herrgott, es war doch ein wunderbares Gefühl — man wußte eigentlich erst so recht, wer man war, wenn einen1 so ein Mädel anlachte — so eine, der die Verehrer gleich in Dutzenden nachliefen. Was die anderen raunzten — von Leichtsinn und so — das war Neid und Gehässigkeit, nichts weiter. Und wenn es wahr war — man mußte ja nicht immer gleich an Heirat uqb ewige Bindung denken — man konnte auch mal leichtsinnig sein! Sich die gleichen Rechte herausnehmen wie die anderen! Die Hilde hatte ja immer selbst gesagt, er sei viel zu ernst und zu schwer — nun wollte er beweisen ...
„Herr Brenken, Sie möchten zum Chef kommen." „Was? Ich? Jetzt? Himmelkreuzmillionen — feit acht Uhr ist man im Geschäft — fünf Stunden hätte der Alte Zeit gehabt — und fünf Minuten vor eins, ausgerechnet--!"
Der kleine Botenjunge stand tief erschrocken. Die Kollegen glotzten wortlos verwundert. Der Brenken in Wut — der Brenken rebellisch — respektlos — gab es so etwas auch —
schäften!"
Herbert Brenken dachte etwas Mörderisches gegen den Chef. Vergnügten Sonntag! Es war neunzehn Minuten nach eins.
Trotzdem! Los — im Sturmschritt zur Straßenbahn. Wenn er da nicht warten muhte — sich zu Haus nicht mehr rasierte — und sich für die Fahrt zum Bahnhof ein Auto leistete, dann konnte er den Zug immer noch... Da bog die Bahn um die Ecke. Ein kurzer Wettlauf — gut, daß man sich von keiner sportlichen Hebung gedruckt hatte! — ein kühner Aufsprung — oben war man.
Der Schaffner knurrte em bißchen — Herbert Brenken lachte. Heiß war ihm vom Rennen — aber gut tat es, seine Kräfte zu spuren. Sehr vergnügt war er jetzt. Schöner konnte der Tag nicht fein — und auch morgen würde die Sonne scheinen, ganz gewiß, morgen trieb man sich mit einem hübschen Mädel im Wald und auf dem Wasser herum sang und lachte und trank den besten Wem — morgen kostete man einmal die Lebensfreude gründlich aus und vergaß alles, was Monats lang gedrückt und gequält hatte.
Nein — keine Zufallstücke durfte ihn um dieses Sonntagsglück betrügen. Und das Schicksal zeigte nun auch ein freundliches Gesicht - es war ferne Täuschung, die Bahn fuhr wahrhaftig schneller als sonst. Vielleicht stand da vorn ein Mann, der auch 3U seinem Mädel wollte.. Brenken hatte die Uhr in der Hand, als der Schillerplatz in Sicht kam — sechzehn und eine halbe Minute hatte die Fahrt 9e©enau vor der Haustür herunter von dem Wagen — in großen Sätzen die zwei Treppen hinauf — ftrau Mielke aus der Küche herbeigebrullt: sie mußte den Handkoffer packen, während Brenken den Anzug wechselte. Wie beim Alarm ging das, es blieben sogar Minuten übrig — am Ende könnte man sich doch noch rasieren - - Nein — nichts leichtsinnig aufs Spiel setzen. Mochte es ein
Eifrige, aber liebevolle Kinderhände wurden ihnen jedoch auf die Dauer zuviel und unbequem. Die Jgelfamilie hielt es nicht mehr länger unter den neugierigen Augen der Kinder und Erwachsenen. Vielleicht mag sich auch einmal der Störenfried Hund eines Nachts angeschlichen haben. Kurzum: eines Tages war die gesamte Igelfamilie verschwunden. Wir alle, besonders unsere Kinder, unser Garten und die von zahlreichen Schädlingen heimgesuchten Gewächse betrauerten den Weggang der lieben, nützlichen Tierchen. B.
Sontreaömiral Lühow.
lieber den Redner bei dem morgigen Kolonicst- abenö auf der „Liebigshöhe" wird uns von dem Frauenverein vom Roten Kreuz für Deutsche Ueber- fee, Abteilung Gießen, folgendes mitgeteilt:
Kontreadmiral a. D. Frdr. Lützow trat im Jahr 1899 in die kaiserliche Marine ein. Vor und während des Krieges befand er sich in führenden Stellungen der U-Bootswaffe, bei Kriegsende als Chef der ersten U-FIotille in Pola. Er ist der Bearbeiter des amtlichen Seekriegsgefchichtswerks über den"U-Bootkrieg und wurde im Jahre 1921 als Chef des Stabes zum Kommando der Marine- ftation der Nordsee kommandiert. In dieser wichtigen und verantwortungsvollen Stellung hatte er hervorragenden Anteil an dem Wiederaufbau der Reichsmarine, im besonderen an der Erziehung des Seeoffizierkorps in feinem Befehlsbereich. Aus Gesundheitsrücksichten schied er im März 1929 als Kontreadmiral aus dem aktiven Dienst, um bald darauf durch das uneingeschränkte Vertrauen feiner aktiven und inaktiven Kameraden in die Stellung
Der Sternhimmel im Juli.
(Nachdruck verboten.) Sonnenaufgang von 3.40 bis 4.15 Uhr. Sonnenuntergang von 20.25 bis 19.55 Uhr. Lichtgestalten des Mondes: Letztes Viertel am 3. um 21 Uhr, 1. Viertel am 19. um 20 Uhr, Vollmond am 26. um 13 Uhr.
Die lange Dauer des Sommertags beschränkt die
fein, daß ihn seine rechtläufige Bewegung der Spika in der Jungfrau wieder nähert. Die Venus ist Morgenstern und als solcher gänzlich unschuldig daran, wenn sie bei dem gar zu frühen Anbruch des Morgens in diesem Monat dem einen oder andern eher als Abendstern denn als Morgenstern erscheinen mag, obwohl sie im Osten und nicht im Westen steht.
STERNBILDER:
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Mars Jupiter Saturn
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Sterne:
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Mond: D I.Viertel @ Vollmond d letztes Viertel
Der die 24 Stundenzahlen von Mitteri nacht bis Mitternacht eines Tages ent• haltende Kreis und die dick punktierte Linie, der sogenannte Horizont, sind feststehend zu denken. Der Sternhimmel dreht sich samt dem auf Mitternacht zeigenden geraden Pfeil — gewissermaßen dem Zei- ger der Himmelsuhr — in 23 Stunden und 56 Minuten im Sinne des gebogenen Pfeils einmal um seinen Mittelpunkt. Der eingezeichnete Horizont umrahmt die zu der Stunde, auf die der gerade Pfeil zeigt, um die Monatsmitte sichtbaren Sterne. Unsere Karte zeigt, also den Zustand um Mitternacht der Monatsmitte. Will man zu einer anderen Stunde beobachten, so denke man sich den Sternhimmel samt dem geraden Pfeil so gedreht, daß dieser auf die Beobachtungsstunde zeigt; dadurch werden die zu dieser Zeit sichtbaren Sterne in den nicht mitzudrehertden Horizont hineingedreht. Für je 5 Tage vor der Mo- natsmitte ist der gerade Pfeil Vg Stunde früher, für je 5 Tage nach der Monatsmitte Vg Stunde später zu stellen. Man vergleiche die nächste Monatskarte. Der Mond nimmt die gezeichneten Stellungen ein. wenn er die angedeutete Lichl- Qestalt zeigt.
Länge der für Himmelsbeobachtungen zur Verfügung stehenden Zeit. Das bekommen in erster Linie die Wandelsterne zu spüren, von denen eigettt- lich nur einer, nämlich der sonnenferne Ringplanet Saturn, unbeschränkt sichtbar ist: nur in der ersten Woche des Monats läßt er abends noch eine immer kürzer werdende Weile auf fick warten. Im Vorjahr erregte er durch die Erscheinung des weißen Fleckes urplötzlich die allgemeine Aufmerksamkeit. Die erste Beobachtung des immerhin recht seltenen Ereignisses ist ja einem Freunde der Himmelskunde, keinem Berufsforscher, geglückt, und dies zeigt, daß aufmerksame, gewissenhafte Himmelsbeobachtung trotz allen Sternwarten immer noch ungeahnte Früchte tragen kann. Der Jupiter, der nun schon seit Monaten der hellste Stern des Abendhimmels ist, bleibt auch in diesem Monat noch sichtbar, aber er steht schon bei seinem Auftauchen in der Abenddämmerung weit im Westen: wer ihn genau beobachtet, merkt auch, daß er sich allmählich nach links bewegt, also sozusagen vor der ihn verfolgenden Sonne'herflieht: das kündet immer das nahe Ende feiner Sichtbarkeit an. Es wird nicht schwer zu sehen
Wesentlich später als sie und auch weniger hell erscheint dann der Mars.
Am abendlichen Fixsternhimmel überstrahlt die Wega als hellster Stern allmählich den nach Westen absinkenden Arctur. Neben und unter ihr erstrahlen die ausgedehnten Sternbilder des Schwans und des Adlers. Von den Tierkreisbildern ist am besten der Skorpion zu erkennen, zumal seine Form — drei Sterne in gleicher Entfernung von dem helleren, links von ihnen stehenden Antares — außerordentlich bezeichnend ist. Links von ihm folgt dann der Schütze, für dessen Beobachtung diese Jahreszeit die günstigste ist: dies hindert freilich nicht, daß er auch jetzt noch dem Horizont sehr nahe steht, was natürlich feine Sichtbarkeit beeinträchtigt. Zwischen ihm und dem Adler steht das seines Namens wegen merkwürdige Sternbild „Schild des Sobieski". Denn Sobieski, gewöhnlich als „der edle Polenkönig" bezeichnet, hat als einziger unter allen Helden der neueren Geschichte das Kunststück fertig bekommen, sich sein Plätzchen in dem von den Alten schon dicht besiedelten Himmel zu sichern, womit die Unsterblichkeit seines Namens oerbür^Mf^^
bißchen kratzen beim ersten Kuß — die Hauptsache war, daß er rechtzeitig zur Bahn kam. Auch das Auto sollte nicht gespart werden.
Gleich um die Ecke am Platz hielten immer ein paar Wagen. Rasch ging Brenken die Straße hinunter — und schreckte plötzlich zusammen, wandte sich hastig um — dicht hinter ihm hatte es geflirrt, als wäre ein Stein in eine große Glasscheibe geprallt —
Auf dem Fahrdamm, an der Schwelle des Gehsteiges eine weiße Flut, die langsam verrann — Scherben, dicke braune Tonscherben — und ein kleines bezopftes Wesen mit dünnen nackten Beinchen, das sich mühsam, so mühsam vom Boden aufrichtete--
Weitergehen! — befahl sich Herbert Brenken kurz. In einer Viertelstunde — der Zug--Aber das
Kind — es kam ja gar nicht wieder hoch — und fein Weinen, kein Laut--Wenigstens auf die
Füße stellen mußte man das Mädchen doch wohl, es war ja auch niemand sonst in der Nähe — — Gott, wie wenig so ein Würmchen war, man spürte gar fein Gewicht--
„Na, Heines Fräulein — kannst du stehen? Hat s sehr weh getan?"
Ein Gesicht, weiß wie die Milch auf der strotze — ein schmerzverttampfter Mund, der sich zu keiner Antwort öffnen konnte — und zwei große rehbraune Augen--Heiß durchrann ihn der Blick
— Hilde — so hatte sie ihn damals angesehen, als er ihr die letzten harten Worte sagte — so schreck- verstört — so in tränenloser Klage--Das war
der Blick, der ihn in vielen Nächten--
Unsinn! Alberne Fantasien! Trotz und Verstocktheit war es damals bei Hilde, nichts weiter — — Aber bei dem armen Kerlchen hier, das den Henkel des zerschlagenen Milchkruges noch immer fest umkrampft in der kleinen Faust hielt — beide Beine hatte sich das Kind beim Fallen blutig zerschunden, und der Schreck dazu — es zitterte in feinem ausgewaschenen Kleidchen--
„Ja, Kleines, das tut gewiß weh. Du bist sehr tapfer, daß du gar nicht weinst —" wenn es doch meinen wollte! — „aber paß auf, es geht bald vorbei--Wird nun die Mutter schelten — daß
der schöne Krug zerplatzt ist?"
Wortloses Kopfschütteln. Ein starrer Blick zu Boden. Und bann wollte das Kind sich niederbeugen, um die Tonscherben vom Boden aufzulesen —
Ganz flüchtig durchzuckte es Herbert Brenken schmerzhaft: Sonntag — der Zug — Inge Brandt wartet auf mich--Wenn das Auto schnell
fährt--Aber er war schon dabei, das Mädel-
chen aufzurichten.
„Nein, laß nur die Scherben, Kleines. Die rau
men wir ein bißchen bei Seite —" er ,chob sie mit dem Fuß zusammen — „damit niemand darüber fällt, weißt du. Und jetzt — du, ich habe eine feine Idee! Hier gleich nebenan ist ein Laden — da holen wir uns einen neuen Krug. Einen schönen bunten. Den lassen wir sauber auswaschen — und dann kaufen wir frische Milch! Wollen wir —?"
Noch immer kein Wort. Nur ein stummes Fragen in seine Augen hinein. Und ein scheues kurzes Nicken dann.
„Na also — komm. Oder soll ich dich tragen? Wenn das Laufen zu weh tut--Nicht? Dann
gib mir deine Hand--"
Es fand sich ein Krug, der so fröhlich bunt war wie ein Blumengarten im Frühling — ein Lächeln erhellte das Kindergesicht bei seinem Anblick, die Lippen und die Wangen bekamen wieder ein wenig Farbe. Hinüber zur Milchfrau — eine kurze Erklärung — und Herbert Brenken erfuhr wenigstens den Namen seiner stummen kleinen Freundin.
„Da hast du ja mal Glück gehabt, Lottchen — so einen guten Onkel findet man nicht alle Tage — Paß' man jetzt schön auf, daß du nicht wieder fällst!"
Eine Schwierigkeit — Lottchen wollte den Krug nicht nehmen. Sie schüttelte heftig den Kopf, versteckte die Hände hinter dem Rücken, zitterte wieder. Die Vorstellung, dieses wunderbare Gefäß zu zerschlagen, war gar zu beängstigend--Macht
nichts, dachte Herbert Brenken — er hatte das sonderbare Gefühl, neben sich selbst zu stehen und sich heimlich auszulachen — ich habe ja nun Zeit genug — —
„Sei nur ruhig — icht trage dir die Milch nach Haus. Komm!"
Den Krug in der einen, Lottchen an der anderen Hand — der Sonntagskoffer war der Milchfrau in Verwahrung gegeben — so wanderte Herbert Brenken die Straße hinunter. Sehr bemüht, keine Milch zu verschütten. Ging durch einen Hausflur und über einen grauen Hof. Stieg vier Treppen hinauf und erklärte der jungen Frau, die genau so blaß und so mager war wie ihr Töchter- chen, sein Erscheinen. Wurde herzlich genötigt, näherzutreten, daß er nicht nein sagen konnte — eine Tasse Kaffee müsse er wenigstens annehmen zum Dank — und saß dann in einem Zimmer, das die Lebensumstände seiner Bewohner ohne Worte erklärte. Ein großes Bett, auf dem Stapel von Wäsche lagen — Wäsche auf dem Tisch, auf allen Stühlen — ein ausgestelltes Bügelbrett — in der Ecke ein Korb, in dem ein Baby ruhig schlafend atmete — und an einer Wand die uov


