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Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)
Nr. 253 Drittes Blatt
Die Flugkunst Kieselers.
Oer Looping nach vorn.
Einer Broschüre „Geflügelte Worte" von Gerhard Fieseler, die von der Deutschen Vacuum Del - AG., Hamburg, herausgegeben wurde, entnehmen wir folgendes über Fiese- lers vollendetste Flugkunst, den „Looping nach vorn", wobei aus der gleichen Quelle zum Vergleich auch einiges über den „Normalen Looping" beigefügt fei. D. Red.
Looping nach vorn.
a) Aus Normallage Der Kopf des Fliegers befindet sich bei diesem Looping auf der Außenseite des geflogenen Kreises, wodurch infolge der Fliehkraft ein erhöhter Blutdruck zum Kopfe eintritt. Es sei hier festgestellt, daß Pegoud bereits im Jahre 1913 durch die erste Hälfte des „Loopings nach vorn" in den Rückenflug ging. Pegoud hat damals den Rückenflua wohl nur deshalb durch
nach unten gesteuert, bis es die Normallage erreicht hat, aus der es dann wieder in die Rückenlage hochgezogen wird. Dieser aus Rückenlage nach unten geflogene Looping kann in körperlicher Beziehung durch den auftretenden Blutdruckwechsel im Kopf unangenehm werden, wogegen der normale Looping keinerlei Unbehagen hervorruft.
Fieseler fliegt bestimmt in Giehen!
Entgegen mancherlei Gerüchten in der Stadt wird von der FührungderFlieger-Orts- gruppe Gießen des DLD. autoritativ festgestellt, daß der Weltmeister im Kunstflug Gerhard Fieseler am kommenden Sonntagnachmittag bestimmt in Gießen fliegen wird. Fieseler ist für diesen Flug f e st verpflichtet, es handelt sich nicht etwa um einen Werbetrick, wie es scheinbar verschiedentlich aufgefaßt wird. Die Flieger-Ortsgruppe Gießen hat es als ihre Aufgabe angesehen, der Bevölkerung eine ganz besondere Fliegerleistung zeigen zu lassen, die weit Über den Durchschnitt hinausragt und nur von einem Meister wie Fieseler geboten werden kann. Das starke Interesse an dieser Flugveranstaltung geht schon daraus hervor, daß in manchen Orten der Voroerkaufsvorrat an Eintrittskarten bereits vollständig vergriffen ist.
Billige Fahrgelegenheitzum Flughafen am Grohflugtag.
Die Flieger-Ortsgruppe Gießen hat durch Verhandlungen mit der Stadtverwaltung Gießen und der Reichspost erreicht, daß am Großflugtag eine bequeme und billige Fahrgelegenheit zum Flughafen geschaffen wird. Die Straßenbahn gibt einen Gemeinschaflsfahr schein aus, für den der Fahrgast zum Betrage von 30 Rpf. vom Bahn- h.os bis zum Flughafen fahren kann. Am Schützenhaus werden Omnibusse der Reichspost bereitstehen, in die unter Weiterbenutzung des Fahrscheins umgestiegen werden kann. Der Gemeinschaftsfahrschein gilt außerdem für alle Strecken und Haltestellen der Straßenbahn Gießen, so z. B. auch von der Marburger Straße mit Umsteigemöglichkeit am Marktplatz und von hier nach dem Flughafen. Während also z. B. für eine Fahrt vom Bahnhof zum Schützenhaus der Fahrpreis zur Zeit 20 Rpf. beträgt, kann man am Sonntag für 30 Rpf. direkt bis zum Flughafen gefahren werden. Für die Rückfahrt gelten die gleichen Bestimmungen.
Konzert der Giehener SA-Kapelle beim Oroßflugiag
Wie uns heute früh mitgeteilt wird, findet bei dem Großflugtag am kommenden Sonntag auf dem Flughafengelände während der flugfport- I lichen Darbietungen ein Konzert des Musik- zugs der Standarte 116 unter Leitung von Musikzugführer Herrmann statt.
Besuch beim Geigenbauer.
einen halben Looping nach vorn eingeleitet, weil nach einem normalen halben Looping sein Bleriot- Eindecker infolge des Geschwindigkeitsverluftes jedenfalls nicht mehr steuerbar war, wenn er die Rückenlage erreicht hatte Wenn die Kunstflüge Pegouds nach unserem heutigen Begriff auch einfach erscheinen, so gebührt den Leistungen dieses ersten Kunst- fliegers doch eine große Bewunderung Man muß bedenken, daß die Flugzeuge damals noch sehr primitiv gebaut waren und man noch keine Ahnung hatte, welchen Beanspruchungen das Flugzeug bei den verschiedenen Kunstflügen ausgesetzt war. Es mird von Fachleuten oft behauptet, daß bei dem Looping nach vorn das Flugzeug gewaltigen Beanspruchungen ausgesetzt sei. Ich muß dieser Ansicht entschieden widersprechen Der Looping nach vorn beansprucht das Flugzeug bei richtiger Ausführung nicht mehr, als z. B. eine ungesteuerte Rolle ober ein Rollenkreis. Natürlich fetze ich hierbei voraus, daß das betreffende Flugzeug mit einem geeigneten Flächenprofil versehen ist. Genau so versteht es sich, daß eine Rückenfluganlage den Motor auch in Rückenlage Betriebsstoff zuführt.
b) Aus Rückenlage. Diese Figur ist ein Looping aus Rückenlage nach oben. Im übrigen gilt das vorhin Gesagte
Normaler Looping.
a) Aus Normallage. Diese Flugfigur wurde 1 erstmalig von dem russischen Fliegerleutnant Nesterow ausgeführt und nachher durch den berühmten Franzosen Pegoud bekannt. Bei richtiger Ausführung wird das Flugzeug nur wenig mehr als im Normalflug beansprucht. Der inzwischen auf so tragische Weise verunglückte französische Kunstflieger Fronval flog im Jahre 1928 hintereinander 1400 normale Loopings und stellte damit eine Welthöchstleistung auf.
b) Aus Rückenlage. Hierbei wird das Flugzeug aus seiner Ausgangsstellung, dem Rückenflug,
Sicherlich wissen viele unserer Mitbürger nichts davon, daß es in unserer Stadt auch einen Geigenbauer gibt. Es sei hier kurz von ihm gesprochen. Meister Kurt Otto — er wohnt in der Steinstraße — ist kein gebürtiger Gießener. Die Geigenbaukunst wurde in Gießen bisher nicht gepflegt — jedermann weiß aber, daß die Arbeit der Geigenbauer ein Handwerk ist, das sich von Generation zu Generation vererbt und nur in verschiedenen Orten und Dörfern unseres Vaterlandes Stammheimat hat. Meister Otto ist aus Markneukirchen in Sachsen. Schon seine Großeltern waren für die Musikheimindustrie tätig, sein Vater ist Geigenbaumeister und arbeitet heute noch in Markneukirchen. Der Sohn lernte mit 15 Jahren das Handwerk und arbeitet seit dieser Zeit (er ist jetzt 44 Jahre alt) im Geigenbau. In der Heimat des Geigenbauers steht das ehrwürdige Handwerk in hoher Blüte, und es gibt dort kaum eine Familie, die nicht in irgendeiner Weise mit ihm verbunden ist.
Tritt man in die kleine Werkstätte in der Steinstraße, dann spürt man gleich den Charakter eines alten und seltenen Handwerks. Auf der Werkbank, die der Hobelbank eines Schreiners sehr ähnlich sieht, liegen eigenartig geformte Schnitzmesser, in vielen, der Form der Geige entsprechenden Klammern steckt ein Geigenboden, der das Holz in der Naturfarbe zeigt. Ein grob zugefchnittenes Stück Holz verrät schon durch seine Form, daß einmal ein schlanker, eleganter Hals für ein Cello daraus werden soll. Geigen hängen an der Wand und harren auf die Reparatur. Die große Bratsche in der Ecke mit den losen Saiten bedarf eines neuen Steges.
Der Meister erzählt gerne von seinem Beruf, den er liebt, wie jeder Handwerker seinen Beruf lieben muß, wenn er in ihm etwas leisten will. Er spricht auch von den großen Meistern einer vergangenen Zeit und von dem steten Bestreben der gegenwärtigen, es ihnen gleichzutun. Aber noch sei gegen die Namen Guarneri und Stradivari nicht anzukommen, obwohl kein Zweifel bestehe, daß zwischen den besten Geigen der Gegenwart und den historischen Geigen kein großer Unterschied mehr sei. Die Gelegenheit, als einzelner Handwerker neue Geigen anfertigen zu können, sei bedauerlicherweise recht selten geworden. Man müsse damit zufrieden fein, wenn es Reparaturen auszuführen gebe. Er hoffe
aber jetzt, da das Handwerk mehr und mehr zu Ehren kommen solle, auch für feinen Beruf einen gewissen Aufschwung.
Herr Otto hat sich bereits einen recht respektablen Kundenkreis erworben. Mitglieder der
Reichswehrkapelle, des Orchestervereins, des Stadt- theater-Orchesters und des NSLB., nicht zuletzt auch die Musiklehrer und ihre Schüler gehen bei ihm ein und aus. Auch die Besitzer von Zupfinstrumenten wissen ihn zu finden. Es ist erfreulich, daß im Kranze des ehrsamen Gießener Handwerks nun auch der Geigenbauer nicht fehlt.
Würdige Ehrenmale.
Der Hessische Staatsminister Jung hat den Kreisämtern zur Mitteilung an die Bürgermeistereien eine Verfügung über die Errichtung von Ehrenmalen für die im Weltkrieg oder als Opfer der nationalen Revolution Gefallenen, sowie für hervorragende Persönlichkeiten zugehen lassen. In dieser Verfügung, die von der Kanzlei der Landeskirche auch den evangelischen Kirchenvorständen zur Beachtung mitgeteilt wurde, sagt der Staatsminister folgendes:
„Eine vergleichende Zusammenstellung der in den vielen hessischen Gemeinden bis jetzt errichteten Kriegerehrungen für die im Weltkrieg Gefallenen hat gezeigt, daß ein großer Teil dieser Ehrungen keineswegs die Forderung erfüllt, wonach ein solches Denkmal den Gedanken der Heldenehrung sinnfällig zum Ausdruck bringen soll.
Die erhabene Größe des Opfers des schlichten deutschen Soldaten, der sein Leben für sein Vaterland hingibt, soll einfach, ernst und überzeugend dargestellt werden. So wird ein schlichtes, in einfasten Linien gehaltenes Erinnerungsmai in dem erforderlichen Ausmaß mit kurzer Aufschrift den Gedanken des heldischen Opfers eindringlicher und natürlicher zum Ausdruck bringen, als ein in gesuchten architektonischen Formen gestaltetes, im Größenmaßstab oft vergriffenes Denkmal, das zudem mit allem möglichen Zierat und einem Ueber- maß von Schriften versehen wird. Solche Denkmäler, die die Künstlerhand vermissen lassen, müssen zur Wahrung des guten Geschmacks vermieden werden.
Ganz besonders gilt dies von Ehrenmalen, bei denen eine Figur, wie-ein betender oder sterbender Krieger, ein ööwe, ein Adler oder gar eine symbolische Frauengestalt die heldische Tat zum Ausdruck bringen soll. Auch hier hat sich schon ein auf fabrikmäßige oder mindestens Serienherstellung eingestellter Geschäftszweig breitgemacht. Gerade aber bei schmückenden Zutaten und Denkmalsteinen aus dem Gebiet der bildenden Kunst kann nur der schaffende Künstler Vollwertiges geben, wenn nicht verzerrte Gebilde entstehen sollen.
Wo die Mittel nicht vorhanden sind, etwas einwandfrei Figürliches zu schaffen, muß es bei der würdigen und schlichten Art der Darstellung des heldischen Gedankens bleiben, die nicht weniger monumental und eindrucksvoll wirken wird, als eine Figur. Wir sind es den Gefallenen und auch der Nachwelt gegenüber schuldig, daß unser Dank in wahrhafter und würdiger Weise zum Ausdruck gebracht wird.
Um den Gemeinden, die ein Ehrenmal für Gefallene des Weltkrieges ober der nationalen Revolution ober ein Denkmal für hervorragende Persönlichkeiten errichten wollen, bie Durchführung bie- fer befonberen unb verantwortungsvollen Aufgabe zu erleichtern, wirb hiermit angeordnet, baß bie Hessischen Hochbauämter als Fachstellen bie Gemeinden hierbei in weitestgehenber Weise, gegebenenfalls unter Zuziehung anberer Sachverständiger, z. B. auch ber Denkmalpfleger, beraten unb unterstützen, auf Wunfch ihnen auch Kräfte benennen, bie für Entwurf unb Ausführung in Frage kommen. Die Ge- meinben haben sich beshalb schon bei ber Wahl bes Platzes für bas Denkmal — ber ja für bie Gestaltung unb bie Art bes Ehrenmals mitbeftimmenb ist — unb bevor mit irgenb einem Grabsteinlieferanten in Fühlung getreten worben ist, an bie Hochbauämter Zwecks Beratung zu wenden. Kommt bie Ge- meinbe biefer Forberung nicht nach, so kann bie Aufstellung eines als nicht roürbig erachteten Denkmals auf Grunb ber Verorbnung, bas Verbot bes nationalen Kitsches angehenb verboten werben.
Auch bereits vorhandene Entwürfe aller Art von Ehrenmalen finb ben Hessischen Hochbauämtern zur sachverstänbigen Begutachtung mitzuteilen: notwen- big roerbenbe Abänderungsvorschläge finb bann von ihnen ben Gemeinben alsbalb mitzuteilen.
Kommt eine Einigung zwischen ben Stellen, bie Ehrenmale zu errichten beabsichtigen, unb ber bera« tenben Baubehörbe nicht zustanbe, ist bie Entschei- bung ber Bauabteilung im Hessischen Staatsministerium einzuholen. Diese entscheidet enbgültig.
Freundliche Erinnerung.
Von Dorothea Hofer.
Wie schön bie kleine Dobo ist. Wenn man sie onsieht, lächelt man. Sie hat ein vollkommenes Gesichtchen von sanftem Oval, gefärbt mit ber ganz gleichmäßigen Tusche aus alter Ambra, fast ohne alle rosigen Tönungen. Ihre Augen, groß, braun, feucht unb süß, haben auch biese ovale Formung.
Wenn sie spricht, hört man nicht zu. Es genügt, ihr Sprechen zu sehen. Sie ist sehr lieblich
Als sie sehr klein war, hatte sie eine Ausein- onbersetzung mit ihrem Vater wegen Knöpfelut- Ichens. Er wünschte, Dobo solle bas aufgeben, unb er versuchte ihr einbringlich vorzustellen, wie er sich cnberenfalls ein anberes, netteres, kleines, folgsames Kinbchen anschaffen werbe, wenn seine Dobo ihrer- ■feits nicht gesonnen sei, ihm in biefer Angelegenheit nachzugeben. Aber Dobo machte ihn aufmerksam auf bie vermutliche Zwecklosigkeit solchen Unternehmens „Das neue Kind", sagte sie, „lutscht auch Knöpfe."
In diesem Sommer nun war Dodo mit ihren Eltern auf dem Land. Es war wundervoll dort, und sie ist so ungern wieder nach Hause gefahren, aber was kann man tun, wenn dieser Vater sagt: „Ich muß heim und Geld verdienen."
Ach, und es war so schön gewesen auf den Wiesen am See und bei den Kühen in den Ställen! Wenn die Bäuerin mit dem Schemel kam, um die Bläß zu melken, und die Milch blasig wie Schlagrahm in den Eimer schäumte. Ach, Dodo melkt zur Erinnerung, wo sie etwas Geeignetes findet. 2ln Mutters Fransenschal, am Tischtuch, an Vaters Rockschößen. Sie macht dazu ihr unwahrscheinlich süßes Madonnengesicht, andächtig und sanft geneigt. Es ist eine schöne und wehmütige Erinnerung, unb es hanbelt sich babei gar nicht um bas Melken allein. Dobo atmet ben Duft ber gemähten Wiesen, bes Heuwagens, auf bem sie hoch oben thronenb in ben abenbbunflen, kühlen Schober schwankte. Sie hört bie Stimme ihres bicken Freundes Hans-Jörg mit ben nackten Beinen, sie sieht unb fühlt ben See unb ben Sanb, in bem sie bubbeite unb morgens Burgen baute, sie schmeckt ihr Früh- ftütfsbrot, bas man ihr braute, unb bie weißen Sanbförner barauf, bie immer zwischen Haar unb 2lDas ^Schönste von allem aber ist bas Kälbchen □eroefen’ Es war ein blonbes Kälbchen, semmel- blonb mit einem weißlichen Fellwirbel mitten auf Oer bicken guten Stirn. Es ftanb herum unb schaute nur immer "mit feinen großen, feuchten Augen, unb
wenn Dobo ihm ein Grasbüschel brachte ober grünen Klee, bann schob es bas so brollig herum im Maul, schaute ganz wie zuvor unb sagte nicht „Danke" mit seinen Augen.
Das Kälbchen, bie Kuh unb ber Ochs, bas war eine Familie.
Es gab außerbem noch bie kleinen quifenben Ferkel auf bem Hof, bie wie Zwetfchen an ber Mutter Sau hingen unb zuzzelten, unb bazu ben Eber, von bem Dobo richtig bemerkte, baß er „ganz aus Schwein" fei, wie bas Osterhäschen ganz aus Schokolabe ist. Auch sie alle miteinander waren eine Familie.
Dobo nahm zum Abschieb ein paar Haare aus bem Schwanz bes Kälbchens mit, bie sie nach Ueberroinbung von mancherlei Mühsal unb Gefahr glücklich an sich gebracht hatte, ein Fläschchen Seewasser unb ein Tütchen Sanb. Es war ein schwerer Abschieb.
Jetzt sitzt sie roieber baheim, wie bie entführte Wiesenprinzefsin, unb versucht, bas versunkene Reich, so gut es eben gehen will, roieber heraufzuzaubern.
Bon deutschen Ehen in Llebersee.
Wenn auch bie Aufgaben, bie ber Frau in ber Ehe gestellt finb, nicht daran gebunden sind, ob eine solche eheliche Gemeinschaft innerhalb oder außerhalb ber Landesgrenzen besteht, fonbern immer dadurch bestimmt werden, von welcher volklichen Kultur die Menschen geprägt sind, so sind doch die An- forberungen an ine Frau braußen in Ueberfee um vieles schwerer als in ber Heimat. Es fehlt ben Ehegatten bort braußen ber ihnen gewohnte Rhythmus ber Landschaft unb ber Jahreszeiten, ber ihnen gemäße Boben, auf bem sie aufwuchsen, unb sie müssen versuchen, sich Entbehrungen gegenseitig leichter tragbar zu machen Zubern ist bie Arbeit, burch bie ber Mann braußen ben Lebensunterhalt für seine Familie erwirbt, körperlich schwerer unb ihm oft ungewohnt, wenn er erst braußen nach eigenem Willen ober auf Grunb bittersten Notstandes zu einem neuen Beruf hingelenkt wurde. Die Aufgabe der Frau besteht bann, wie Heibe Lüthi- A n t h e s aus Okahanbjy in Sübwestafrika in ber „Deutschen Frauenkultur" schreibt, vor allem darin, bem berufstätigen Manne einen gewissen Ausgleich auf geistigem Gebiet zu ermöglichen, bem Farmer, Siebter, Mechaniker, Viehhänbler, Hanbroerker ober Gelegenheitsarbeiter eine lebendige Beziehung zu all dem zu bewahren, was ihm in ber Heimat unb in seinem bisherigen Leben selbstverständlicbe geistige Güter waren. „Es hieß früher allgemein, der Mann
sei in ber Ehe meist ber geistigere Teil, bie Frau sei naturfyafter, erdgebundener Wenn heute wohl in Europa diese Gliederung kaum mehr zutrifft, sondern die Geistigkeit sowohl als auch die Erdnähe gleichmäßiger verteilt ist, so ist es hier in Ueberfee in vielen deutschen Ehen oft gerade umgekehrt. Sehr viele unserer Männer haben Berufe, die vollkommen ungeistig finb. Da ber Alltag ben Mann stark belastet, so bleibt ihm kaum bie Zeit und bie Kraft, sich ganz aus eigenem Entschluß die so wichtige Beziehung zu bem geistigen Besitz ber Heimat zu bewahren. Zwar wirb in Ueberfee verhältnismäßig viel gelesen. Aber Sinn unb Erfolg kann bieses Lesen, das einem echten Bedürfnis entspricht, nur haben, wenn es auch ben richtigen Stoff finbet, bei bem ber Leser ausruhen kann. Unmerklich muß es ba bie Frau übernehmen, auszuwählen unb manches Wertvolle an Büchern unb Bildern davor zu bewahren, baß es unter einem Stapel alter Zeitschriften untergeht. Wohl leidet bie Frau in Ueber= fee oft schwer unter ben klimatischen Bebingungen, unter Hitze ober Regenmangel, aber sie muß bie darin liegende Gefahr, müde unb gleichgültig zu werden, sehen unb sie bekämpfen, um der in den entnervenden Tropen so leicht aufkommenden Hoffnungslosigkeit zu begegnen. Nur burch ein Bewahren und Neuerwerben ber kulturellen Güter ber Heimat unb burch innere Anteilnahme an ben Fragen ber Gegenwart kann biefer Hoffnungslosigkeit entgegengetreten werden, und es ist im besonderen in die Hand der Frau gelegt, bem Gatten die lebendige Beziehung zur Heimat und zur Welt zu erhalten."
Zeitschriften
— Die in diesem Frühjahr begründete Zeitschrift „Das Innere Reich" (Herausgeber: Dr. Paul A l v e r d e s und Karl Benno von Mechow: Verlag Langen/Müller in München :Preis 1,80 RM.) beginnt mit dem Oktoberheft ihr zweites Halbjahr. Dieses Heft wird eröffnet mit der „Rede vom Inneren Reich der Deutschen", die A l v e r d e s vor der Münchener Studentenschaft hielt. Noch einmal faßt hier der Herausgeber zusammen, was die Gesamtarbeit der Zeitschrift trägt und bedingt: Die unerschütterliche Ueberzeugung von der lebendigen Wirklichkeit des Inneren Reiches, daß kein Wölkenkuckucksheim und kein Park für volksfremde Schöngeister ist, sondern Besitz der gesamten Nation! Als wichtigsten dichterischen Beitrag bringt dies Heft die ,Hirtennovelle" von Ernst W i e ch e r t, deren tragende Elemente die zwei Urerlebnisse des Dichters sind: Dis unendliche Melodie seiner heimallichen
Landschaft und der Krieg. Mit Gedichten sind u. a. Adolf von Hatzfeld, Diemar M o e r i n g unb Hans Leifhelm vertreten. Dem Kriegserlebnis ist Bruno Brehms bichterischer Bericht „Der finn- länbische Reitermarsch" gewibmet. Josef Hofmil- l e r, ber leiber zu früh verstorbene Essayist, lieferte in ben „Augsburger Kalenbern aus vier Jahrhun- berten" einen aufschlußreichen Beitrag zur deutschen Volkskunbe, währenb Hermann H e r r i g e I in einer Betrachtung über „Das beutsche Wörterbuch ber Brüber Grimm" tiefe Einblicke in Werben unb Wachsen ber beutschen Sprache gibt.
— Die Oktobernummer von Westermanns Monatsheften enthält einige wichtige Beiträge, bie sich mit Fragen, bie für Volk unb Staat von gleich großer Bebeutung finb, auseinanber- fetzen. Dr. H. H. Schacht stellt bie Bebeutung bes Bauerntums als bes stärksten Bewahrers beutfcher Sprache unb beutfcher Volkskultur für bas Grenz- unb Auslanbsbeutschtum heraus. Die Neuformung ftubentifchen Lebens burch bie Arbeits- unb Wohngemeinschaft bes Kamerabschaftshauses wirb aus eigner tätiger Anschauung von ftub. rer. nat. Kurt Nabel in bem Aufsatz „Das Kamerabschaftshaus — bie neue Lebensform bes beutschen Stubenten" ge- schilbert. Eine mit ber Schinkel-Plakette 1934 ausgezeichnete Arbeit „Das neue Dorf" von Architekt Regierungsbauführer Alfreb Cuba oerbinbet bie beste Ueberlieferung aus früheren Jahrhunberten mit ben Forberungen ber Gegenwart. Zwei mit farbigen Bilbwiebergaben versehene Beiträge zeigen seltene Beispiele kunstvoller Scherenschnitte polnischer Bauernfrauen unb beantworten bie Frage, wer ein Familienwappen führen barf unb soll. Tiefbruck- aufsätze veranschaulichen ben Tagesablauf in bem weiblichen Seglerheim bes beutschen Hochsee-Sport- oerbanbes am Chiemsee unb zeigen bie Verwen- bungsmöglichkeiten für ben beutschen Rohstoff Bernstein. Die Novelle „Unb was ist mein Haus?" erzählt eine Begebenheit aus ber Geschichte bes Hauses von Hinbenburg. Die „Neuen Grübeleien" finb bisher unveröffentlichte Betrachtungen bes 71jährigen Gustav Frensfen. Auch biefes Heft enthält viele künstlerisch wertvolle Bilbwiebergaben, Gebichte unb anbere kleine Beiträge, bie ben Reichtum ber wertvollen Zeitschrift veroollstänbigen.
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Professor Dr. Erwin F u e s, Orbmarius für theoretische Physik an ber technischen Hochschule Hannover, erhielt einen Ruf an die Universität Breslau.


