!Rosemarie,
tRosemarie...
Roman von Käthe Metzner.
7. Fortsetzung. Nachdruck verboten!
Mit andächtigem Staunen hörte Rosemarie Doktor Brunner von der toten Mutter erzählen.
Als er gegangen war, wußte sie, daß sie nun einen Freund hatte, der ihr helfen würde — vor- wärts und aufwärts.
Doktor Brunner aber gelobte sich, Rosemaries Leben schützend in seine Hände zu nehmen. Er wollte ihren Lebensweg ebnen und ihr die toten Eltern ersetzen, mochte sie nun Talent haben oder nicht.
So hatte das Glück in zwei einsamen Herzen überraschend schnell Einzug gehalten.
*
Zweimal war ein Brief Doktor Wangenheims an Rosemarie mit dem Vermerk „Adressat unbekannt verzogen" zurückgekommen! Und wie Wangenheim auch grübelte und grübelte, er konnte sich die Zusammenhänge beim besten Willen nicht erklären.
Der Zustand seines Vaters hatte sich gebessert, das heißt, soweit man bei seinem Alter eben von Besserung reden konnte. Jedenfalls aber war der Schlaganfall nicht so schwer gewesen, wie es für den aufgeregten Direktor im ersten Augenblick den Anschein gehabt hatte, und seine Gesundheit war wenigstens insofern wiederhergestellt, als man nicht jeden Tag das Schlimmste befürchten mußte.
Da hatte er sich gewaltsam frei gemacht, nicht, um, wie er daheim vorgab, verschiedene Angelegenheiten bei Bachstedt & Co. zu ordnen, sondern Rosemarie für sein Verhalten Aufklärung zu geben und sich sein Glück durch einen kleinen goldenen Ring für immer zu sichern.
Mit glücklichem Herzen war er der Stadt ent- aegengefahren, die so wundersame Erinnerungen für ihn barg.
Und nun stand er im Privatbüro seines Onkels. Ach, wieviel Gespräche mußte er über sich ergehen lassen, ehe es die Gelegenheit erlaubte, einmal durch die Büros zu gehen, um von Rosemarie einen flüchtigen Blick zu erhaschen! Er konnte es nicht erwarten, zu sehen, wie sich die Ueberraschung auf ihrem lieben Gesicht malte. Doktor Wangenheim gab sich alle Mühe, seinem Onkel nicht uninteressiert an dessen geschäftlichen Berichten 'zu scheinen; aber in seinen Füßen zuckte die Ungeduld, und er wäre am liebsten aufgesprungen und davongestürmt.
Endlich war es so weit.
„Du scheinst etwas abgespannt zu sein, Wolfgang!" sagte Bachstedt freundlich. „Gehe hinüber in die Wohnung und ruhe dich aus, lieber Junge! Es ist gleich Mittag. Ich komme auch bald."
Wangenheim erhob sich schnell.
„Ja, Onkel, ich bin etwas abgespannt! Die ganze Nacht hindurch gefahren. Aber ehe ich hinübergehe, möchte ich, wenn du es gestattest, erst einmal einen kleinen Spaziergang durch den Betrieb machen. Man freut sich doch, den alten Platz seiner Tätigkeit wiederzusehen."
„Aber gern, Wolfgang! Veränderungen sind inzwischen nicht vorgenommen worden."
Wolfgang ging.
Ueberall, wo er auftauchte und die Abteilungsvorsteher mit freundlichem Handschlag begrüßte, wurde sein Gruß herzlich und respektvoll erwidert.
Endlich stand er vor der Tür der Korrespondenzabteilung. Er mußte sich stark zusammennehmen, um ein recht gleichgültiges Gesicht zu machen. Und Rosemarie — würde sie sich nicht verraten, wenn er so unverhofft eintrat?
Er drückte die Klinke nieder und stand im Rahmen der Tür.
„Ach, der Herr Doktor!" Wie elektrisiert sprang die Lobe von ihrem Stuhl auf.
Dor Ueberraschung wechselte sie die Farbe, und ihr Wesen zeigte eine Unsicherheit, die Doktor Wangenheim nicht entaing.
„3a, ja, Fräulein Lobe, auch mal wieder im Lande. Allerdings nur vorübergehend noch mal. Dann ist meine Gastrolle in dieser schönen Stadt ausgespielt."
Doktor Wangenheim konnte sich nicht entschließen, der Lobe die Hand zu geben wie den anderen Abteilungsvorstehern zuvor. Wieder machte sie auf ihn einen so ungünstigen Eindruck, daß er jede Berührung mit ihr scheute.
Aber da erklang schon ihre Stimme:
„Ach, der Herr Doktor leiten dann wohl die Werke des Herrn Vaters? Der Herr Kommerzienrat ist doch hoffentlich wieder wohler?"
„Ja!" sagte Wolfgang kurz und abwesend. Jeder Nerv in ihm bebte. So, nun konnte er sich nach Rosemarie umwenden. Sie war inzwischen gewiß ihrer Verlegenheit Meister geworden.
Langsam drehte er sich um. Doch — er riß die Augen auf.
Rosemarie war ja nicht mehr hier.
An ihrem Platz saß eine Fremde.
Doktor Wangenheim schien wie erstarrt zu sein. All sein Freuen war aus — gelöscht. Also hatte es doch seine Bedeutung mit den zurückgegangenen Briefen „Adressat unbekannt verzogen"?
Ahnte die Lobe, was in ihm vorging?
Sie sah, daß sein Gesicht bleich war, als er sich umrmlndte, und hörte, daß seine Stimme zitterte, als er gelassen fragte:
„Nanu! Personalveränderungen vor sich gegangen in der Korrespondenz?"
In den Augen der Lobe blitzte ein unverkennbarer, gemeiner Triumph:
„Ja, die Neuß ist nicht mehr hier."
„Die Neuß?" Wolfgang ging ein Stich durch das Herz. Seine Augen flammten zornige Empörung. Wie konnte diese falsche Katze es wagen, so respektlos von seiner künftigen Braut zu sprechen.
„Ja, Herr Doktor, diese unverschämte, scheinheilige Person ist an demselben Taye, als Herr Doktor von hier weggingen, wegen Diebstahls entlassen worden. Sie hat vierhundert Mark gestohlen!"
Ah! So tief saß es also doch noch bei ihm. Oh, wie gut tat es ihr, ihn jetzt so zu demütigen. Alle Reue, die sie manchmal wegen ihrer gemeinen Tat doch empfunden hatte, war in diesem Augenblick wie weggeblasen. So, nun gab es keinen Weg mehr zu ihr. Dessen war sie sicher.
Doktor Wangenheim konnte es nicht mehr verhindern, daß sein Gesicht sich erschreckend veränderte. Kein Wort kam über seine Lippen.
Sein Glück hatte er sich holen wollen?
Sein Glück???
Klang von den Wänden herab nicht ein höhnisch gellendes Lachen?
Kein Wort, keinen Blick sandte er mehr zu der Lobe.
Mochten sie von ihm denken, was sie wollten! Es war ihm alles so gleichgültig. Er kam ja sowieso nicht wieder hierher.
Mit einem Ruck wandte er sich zum Gehen. An irgend einem schuldlosen Gegenstand mußte er seinen Schmerz ausrasen. Mit furchtbarem Krach flog die Tür hinter ihm ins Schloß.
Auf dem schnellsten Weg eilte er auf sein Zimmer.
Was war hier zu tun?
Nicht einen Augenblick zweifelte Wangenheim an Rosemaries Unschuld. Was hatte das geliebte Mädchen durchlitten? Wie hatte sie es ertragen? Hatte sie nicht auch an ihm zweifeln müssen, als er an jenem Abend zur verabredeten Stunde nicht gekommen war?
In Wangenheims Brust tobte ein Schmerz, wie er ihn in seinem Leben nicht gekannt hatte.
Er zermarterte sein Hirn. Wie sollte er sie wiederftnden? Und wo?
Endlich, nach langem, hoffnungslosem Grübeln kam ihm ein Gedanke.
Er würde sofort zu ihrer Tante gehen. Die mußte wissen, wohin Rosemarie sich gewendet hatte. Eine ganz, ganz kleine Hoffnung war da, die ihn aber im Augenblick belebte.
Als sein Wagen vor dem Hause hielt, das über sein Schicksal entscheiden sollte, griff wieder die Angst mit würgenden Händen nach seinem Herzen.
Drei Treppen hinauf! Etwas atemlos stand er vor der Tür, die den Namen „Bergmann, Damenschneiderin" trug. Vorsichtig klingelte er.
Ein junges Mädchen öffnete die Tür und ließ ihn in das kleine Besuchszimmer eintreten, nachdem sie nach seinem Namen gefragt hatte.
Seine Augen überflogen mit unsagbarer Zärtlichkeit die einfache, aber geschmackvolle Einrichtung. Da, auf dem kleinen Ziertisch ein Bild von Rosemarie. Hastig griffen seine Hände danach und seine Lippen preßten sich in heißem Schmerz auf das kühle Glas. Dann stellte er das Bild wieder an seinen Platz.
Endlich kam das junge Mädchen wieder:
„Frau Bergman ist leider nicht zu sprechen. Sie ist außerordentlich stark in Anspruch genommen."
Doktor Wangenheim hörte die Ablehnung.
Aber noch einmal raffte er sich zusammen:
„Dann möchte ich die gnädige Frau doch herzlich bitten, mir wenigstens die Adresse von Fräulein Rosemarie Neuß zu geben."
Das junge Mätzchen verschwand, kam aber sehr schnell zurück:
„Die Adresse von Fräulein Neuß ist Frau Bergmann leider unbekannt."
Da wußte Wangenheim, daß hier für ihn nichts zu hoffen war. Frau Bergmann ließ sich vor ihm verleugnen, obwohl sie ihn aus Rosemaries Er- iählungen doch genau kannte. Und Rosemarie hatte )och immer mit so herzlicher Liebe von ihr ge- prochen und ihm gegenüber oft gerühmt, was für eine wundervolle gütige Frau ihre Tante Berta sei.
Mit einer stummen Verbeugung ging er.
Als er in derselben Nacht nach Haufe zurückfuhr, wußte er, daß er nicht Rast noch Ruhe finden könnte, bis er sie wiedergefunden hatte.
Das gleichförmige Hämmern der Lokomotive und das Raffeln der Wagen legte sich endlich betäubend auf fein schmerzhaft arbeitendes Hirn.
Zur Musik wurden ihm die eintönigen Geräusche in seinem Zustand zwischen Schlaf und Wachen. Er sah sich wieder mit Rosemarie in jenem kleinen, hübschen Cafe, hörte plötzlich des Sängers wundervolle, tränendurchzitterte Stimme:
Rosemarie, Rosemarie, sieben Jahre mein Herz nach dir schrie... aber du hörtest es nie ...
Er schaute Rosemarie neben sich mit ihren schreckhaft geweiteten Augen, die ihm wie die einer Seherin erschienen waren.
Plötzlich wußte Doktor Wangenheim in heller Erkenntnis, daß Rosemaries Seele damals den Dingen in banger Ahnung vorausgeeilt war.
Der D-Zug bornierte durch die Nacht. In Wolfgang Wangenheim wühlte ein grausamer Schmerz.
Am Bahnhof stand sein Wagen. Der Chauffeur hatte ihm eine ernste Mitteilung zu machen. Aber als er in das fahle, leidverzerrte Gesicht feines Herrn sah, hielt er zurück. Wahrscheinlich hatte er es schon erfahren...
Etwa eine Stunde noch summte der große, elegante Wagen über die Landstraßen den Rhein entlang, an dessen Ufer die herrliche, schloßartige Besitzung der Wangenheims lag.
Als Wolfgang das Haus betrat, schaute er in die blassen, verweinten Gesichter des Personals. Unheimliche Stille herrschte in den hohen Räumen.
Was war geschehen?
Da trat ihm aus dem Zimmer seines Vaters der alte Hausarzt entgegen und drückte ihm in stummem Mitgefühl die Hand.
„Der Herr Kommerzienrat... Die Besserung feines Befindens hat uns getäuscht..sagte er leise und stockend.
Am Totenbett feines Vaters sank Wangenheim in die Knie. Seine Hände falteten sich, aber feine Lippen fanden keine Worte für das Schicksal, das ihm an einem Tage die beiden liebsten Menschen genommen hatte.
4. Kapitel.
Zwei Jahre waren vergangen, seit Rosemarie an jenem naßkalten Oktoberabend die Heimat verlassen hatte, um im großen Berlin ein neues Leben zu beginnen.
Eifrig waren die Briefe zwischen Tante Berta und Rosemarie hin und her gegangen, aber alle inständigen Bitten der alten Dame hatten nicht vermocht, Rosemarie auch nur für wenige Tage nach Hause zu holen, wenn auch zwischen den Zeilen ihrer Briefe oftmals schmerzliches Heimweh zu lesen gewesen war.
Wangenheim war von Rosemarie nicht wieder erwähnt worden, aber Tante Berta wußte auch, daß Rosemarie nie wieder Interesse für einen anderen Mann gehabt hatte. Soviel sie von ihrem „Onkel Brunner" zu Gesellschaften mitgenommen wurde, soviel die junge, knospenhafte Schönheit Rosemaries die Zielscheibe heißer, werbender Männerblicke war, es schien, als sei sie durch ihr erstes urchtbares Erlebnis vor weiteren Enttäuschungen gefeit.
Ihr Herz gehörte der Kunst. Eifrig widmete sie ich ihrem Studium, und Doktor Brunner, an dem ie einen wahrhaften Vater gefunden hatte, blieb ihr einziger Vertrauter.
Und weil Tante Berta das alles' mit feinem Verständnis und einem Herzenstakt, wie er oft chlichten Menschen so wundervoll eigen ist, ahnte, jatte sie Rosemarie auch von dem damaligen Beuch Doktor Wangenheims nichts geschrieben. Wozu dem Kinde das Herz schwer machen, das kaum wieder ein wenig Mut zum Leben gewonnen hatte? Wozu Wunden, die kaum sich geschlossen, wieder aufreißen?
(Fortsetzung folgt.)
1349V
Berghöfe r.
1352V
Mittwochabend
20.30 Uhr ansterordentl. Mlgllever-
Gießen, den 28. Februar 1934, Hessisches Amtsgericht.
Bekanntmachung.
Der vom Rat der Gemeinde Treis a. d. £ba_ durchberatene Voranschlag für das Rechnungsjahr 1934 liegt von Montag, den 5. l. M., ab acht Tage lang auf der Bürgermeisterei zu jedermanns Einsicht offen. Einwendungen können während dieser Zeit schriftlich oder mündlich vorgebracht werden.
Treis a. d. Lda., den 4. März 1934.
Bürgermeisterei Treis a. d. Lda.
5tflöttOeatet
Gießen. imiD
Dienstag 6. 3. 20—22 Uhr
21. Dienst. - Ab. Gewöhnt. Preise Hokuspokus
in 3 Akten von Curt Goetz.
Nach Gottes unerforschtem Ratschluß verschied am 2. März 1934 plötzlich und unerwartet mein innigstgeliebter Mann, unser guter treusorgender Vater, unser Heber Schwiegervater, Großvater, Bruder, Schwager und Onkel
Wilhelm Knipp
im 76. Lebensjahre.
Im Namen der Hinterbliebenen in tiefer Trauer: Eva Knipp, geb. Blesgen Wilhelm Knipp und Familie Franz Knipp und Familie Otto Knipp, Maria Knipp.
Gießen, Düren/Rhld., Berlin, Frankfurt/M„ Ahlen/Westf., 3. März 1934
Das Seelenamt ist am Dienstag, dem 6. März, 7.30 Uhr.
Die Beerdigung findet am Dienstag, dem 6. März, um 14.30 Uhr statt.
Von Beileidsbesuchen bittet man Abstand zu nehmen. 01195
Lw. E. 26 (a) / 33.
Beschluß.
Ueber den landwirtschaftlichen Betrieb des Landwirts Friedrich Karl Brod und feiner Ehefrau Elisabeth, geb. Eonrad, beide in Oppenrod, wird das Ent- schuldungsoerfahren gemäß dem Gesetz zur Regelung der landwirtschaftlichen Schuldverhältnisse vom I.Juni 1933 heute um 2.15 Uhr nachmittags eröffnet.
Die Landesbauernkasfe Rhein-Main-7leckar e. G. m. b. h. in Frankfurt a. M., Bockenheimer Landstraße 25, wird zur Entschuldungsstelle ernannt.
Die Gläubiger werden aufgefordert, ihre Ansprüche bis zum 10. April 1934 bei dem unterzeichneten Amtsgericht anzumelden und die in ihren Händen befindlichen Schuldurkunden dem Gericht einzureichen bei Meldung der in § 11 Abf. 2 des Entschuldungsgesetzes angedrohten Rechtsnachfeile.
Kann abgegeben werden eine beschränkte Anzahl Dorbeftellter, jedoch unanbrtng» lid) geroordenerAuflagenstücke des neuen MWUS
SNSlMMMeWMm
Abgabe nur gegen Kasse in der Geschäfts- stelle des Oberhess. Adreßbuchverlages
Bietzen • Schnistratze 7
Giebener Konzertverein
Sonntag, 11. März, 17 Uhr, Univ.-Anla. Achtes Konzert
n , Klavier-Abend
Professor
Wilhelm Backhaus
Beethoven-Sonaten op 26 (mit demTrauermarsch) op. 272 (Mondschein) - op. 54 F-Dur - op. 81a (Lebewohl) — op. 109 E-Dur
Der Bechstein-Konzertflügel ist vom Pianohaus Schönau, Bahnhofstraße 76
Eintrittskarten: 1.50, 2.25 und 3KM. bei Ernst Cha Ilie ■ und abends an der Kasse. Studentenkarten 80 Pf. bei Herrn Sekretär Ritter und im neuen Studentenhaus. Mitglieder der Deutschen Bühne und Erwerbslose 30 Pf. gegen Ausweis an der Abendkasse. 13*00
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