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Oie schluchzende Schwester.

Eine Preisarbeit des Deutschen Zournalisten-Wettbewerbs.

Wir veröffentlichen hier die zweite der fünf preisgekrönten Arbeiten aus dem Deutschen JournalistenwettbewerbMit Hitler in die Macht" und verweisen gleichzeitig auf die in der Samstagausaabe veröffentlichte erste Preisarbeit und die genauen Bedingungen für den Leserwettbewerb. Jeder Be­zieher desGießener Anzeigers" kann sich daran beteiligen. Für die richtige Lösung sind 10 0 0 Mark ausgesetzt.

NSK. Es war zu Anfang meiner Laufbahn, nach- Irn ich den Geruch der Druckfarbe und das Rollen -!- großen Maschinen in mich ausgenommen hatte $Dei Tage wanderte ich durch alle Stuben der R daktion, um endlich am dritten im Vermischten Til und Unterm Strich bei Herrn Achim Zucker- lerm zu landen.

Ich stand vor seiner gezückten Füllfeder wie Win­keried vor den Speeren der Hahnenschwänze, wäh­rend er mit spitzen Fingern meinen ersten Artikel Sr-gegennahm. Er war mit Feuer geschrieben, dlrubt mir, denn ich war mit großen Vorsätzen zu Ackerleim gekommen. Ich wollte beweisen, daß Ehriftleiter Volkstribunen sind und als Banner- tr ger der öffentlichen Meinung eine Sendung hiben.

Sie sind mein Mann", mußte er so glaubte id gleich sagen.Auf Sie haben wir schon immer

Verein lahmer Streichholzhändler noch nachträglich ein Diplom widmen wird. So tüchtig war Zucker­leim.

Er zeigte sich überhaupt als ein Meister der Ver­wandlung. Ich schleppte ihm Berichte herbei über Parlamentssitzungen, die wie Schlafpulver wirkten. Ich stöberte in den Gerichtssälen herum und ent­warf mit der Sicherheit eines Photographen Cha­rakterskizzen abgrundtiefen Untermenschentums. Ich schilderte ihm, wo ich nur konnte, alle die Lockungen und Lockerungen unseres vielgestaltigen Lebens.

Zuckerleim hörte mich aufmerksam an. Dann be­gann er zu schreiben. Meine Parlamentsschilderun- aen lasen sich aus seiner Feder spannender als ein Boxmatsch über fünfzehn Runden mit knockout und Tiefschlag. Unübertroffen geradezu waren seine Ab­handlungen, wenn er die Geheimgänge seelischer Verirrung und Verwilderung erforschte. Der nüch­ternste Tatbestand glich einem Kriminalroman im letzten Kapitel. Die Gestalten der Bösewichter wuchsen unter seiner Feder zu stiller Größe und ihre Taten zu einer Anklage gegen alle, die diese

Armen schuldig werden ließen. Seiner Verteidigung war kein Staatsanwalt gewachsen.

Als er seinen 50. Geburtstag feierte, wagte rch einen Vorstoß.Es ist zwecklos", meinte er.Sie werden niemals erste Garnitur werden. Ein Zei­tungsschreiber Ihrer Art ist ein Mensch, der seinen Beruf verfehlt hat. Sie wollen nur immer Schlach­ten schlagen. Aber unsere Zeit verlangt die Demut. Dann wurde seine Stimme weich und vertraulich, Sie ist hart, diese Zeit", fuhr er fort.Man muß sich anpassen können, einfühlen und mit ihr gehen. Sie wollen sie formen. Aber Sie werden zerbrechen."

Oder siegen", gab ich zurück und war damit für Zuckerleim endgültig erledigt.

Als die Sturmfahnen der braunen Bataillone über alle Straßen wehten, wurde aus Zuckerleims demutsvollem Jammern ein Schrei schmerzlicher Entrüstung. Damals erst erkannte ich, weshalb man ihn die schluchzende Schwester genannt hatte.Ich verstehe die Welt nicht mehr", bemerkte er bitter. Dann verließ er die Stube und räumte mir seinen Platz ein. Er ging freiwilliger als ich gedacht hatte.

Gesehen habe ich ihn selloem nicht wieder. Eines Tages erfuhr ich, daß er nun doch wieder am Roll­ruf entdeckt habe. Er sei jetzt Hilfsbremser am Roll­wagen einer durch Europa ziehenden Zirkustruppe.

Theateraufführungen unter freiem Himmel

Eine Anordnung der Reichstheaterkammer.

fltrnrtet."

.Natürlich", war alles, was Zuckerleim heraus- biichte.Ein Anfänger."

Dann warf er die Arbeit in den Papierkorb und er pfähl mir, zunächst seine Korrekturen zu lesen, äoi wurde zwar blaß wie weißer Käse, aber das äoerte nichts an der Tatsache, daß ich zunächst ein teer Mann blieb und meinem Ehrgeiz und meine Endung unter Zuckerleim-Artikeln begraben mußte.

fines Tages lief ich dem Direktor über den Weg. .Wo sind Sie denn jetzt?" fragte er beiläufig. .Bei Herrn Zuckerleim ', gab ich höflich zurück.

.Sehr gut für Sie", meinte er kurz. 'Bei der ftt ächzenden Schwester. Das ist gerade die rechte Siule. Diese Leute können wir brauchen."

rrst viel später begriff ich, was er damit meinte. Indessen blieb ich viele Monate an Herrn Zucker- len angehängt. Sein Wesen glich einer gleißenden, ftrchen Scheibe. Er war mehr als ein tüchtiger Z^riftleiter oder ein gewürfelter Reporter. Er war ei' Dichter eigener Art. Wenn er hinterm Tinten­gis hockte, wuchs er über sich selbst hinaus. Dann dwhte sich das Kaleidoskop seiner Einfälle und wurde ZU vielen hundert kleinen und kleinsten Geistern, die uir ihn herumsaßen und ihm lauschten. Sie erzähl­ter ihm tausend Geheimnisse, die er in seine Schil- dkiiungen einwob. Die zähe Masse der belanglosen To^esereignisse, die er bearbeitete, wurde unter ihi-m Einfluß zu einem glitzernden, schillernden Buroerf, lockend und seltsam wie eine hauchdünne St fenblase.

Neist schrieb er neckische Dingerchen, die ihn zu mts verpflichteten. Nur mitunter sprach tiefe Et-wermut aus seinen Abhandlungen.

,5)ie Börse war schlecht", erwiderte er mir ein- mc, als ich ihn nach dem Grund fragte.Aber Sie mcFen das nicht. Sie haben keine Fingerspitzen. Eii werden es zu nichts bringen."

deshalb blieb ich im Schlepptau des Herrn ZuLerleim. Endlich bot er mir eine Gelegenheit. Es war ein Bericht über einen Dauertanz in der Haiolulu-Bar. Acht Tage lang sah ich dort stumm vi.'Am neunten brachte ich meinem Zuckerleim einen icht, der unbedingt zur Schließung des Lokals füllen mußte. Ich hatte mal ordentlich vom Leder ae^gen, wie man so sagt. Es war mir sehr ernst fonit.

.Sind Sie denn total übergeschnappt?", fragte lüi-j Zuckerleim, und seine Augen kamen be- dtitklich aus den Höhlen.Die Honolulu-Bar ist nn'-'r bester Auftraggeber im Anzeigenteil."

lags darauf erscheint ein Zuckerleim-Tanzbericht Bo ich befangen war, muß ich es ablehnen, darüber zu urteilen. Ich bezweifle aber nicht, daß ihm der

Der Leiter der Landesstelle Hessen-Nassau des Reichsministeriums für Volksaufklärung und Propaganda, Müller-Scheid, gibt bekannt: Nachfolgende Anordnung gilt für das Gebiet der Landesstelle Hessen-Nassau. Es wird nochmals darauf hingewiesen, daß die Landesstelle Hessen-Nassau des Reichs­ministeriums für Dolksaufklärung und Pro­paganda die Provinz Hessen-Nassau und das Land Hessen umfaßt, d. h. die Gebiete des Gaues Hessen-Nassau sowie Kurhessen der NSDAP.

Gemäß § 25 der ersten Verordnung zur Durch­führung des Reichskulturkammergesetzes vom 1. No­vember 1933 wird hiermit nachstehende Anord­nung getroffen:

I. Alle Theaterunternehmer einschließlich der Lei­ter der von deutschen Ländern, Städten und sonsti­gen Körperschaften des öffentlichen und privaten Rechts betriebenen Theater sowie die Inhaber von Theaterkonzessionen, die beabsichtigen, im Jahre 1934 Theater-Aufführungen unter freiem Himmel (Freilichtaufführungen) zu veranstalten, müssen bis spätestens 1. Februar 1934 der für ihren Sitz zuständigen Landesstelle des Reichsministeriums für Volksaufklärung und Pro­paganda über diese Pläne unter Angabe des Spiel­orts und der aufzuführenden Werke Anzeige er­statten.

Der unter Leitung des Präsidenten der Reichs- theaterkammer stehende Reichsbund der deutschen Freilicht- und Volksschauspiele e. V., dem alle Frei- llcht-Unternehmungen als Mitglieder angehören sol­len, ist mit der Durchführung des Organisations­planes der Freilichtspiele beauftragt. Er wird tn Verbindung mit den Leitern der Landesstellen des Reichsministeriums für Volksaufklärung und Pro­paganda die Absichten der einzelnen Theater prü­fen und auf dem Wege der Verhandlungen zu er­reichen suchen, daß bei diesen sommerlichen Spielen in erster Linie

solche Schauspieler und Regisseure beschäftigt werden, die während der Wintermonate er­werbslos waren,

und erforderlichenfalls die Theaterbetriebe veran­lassen, auf ihre Absichten zugunsten der unter der Leitung der Landesstellen des Reichsminifteriums für Volksaufklärung und Propaganda stehenden Spielgemeinschaften für nationale F e st g e st a l t u n g" zu verzichten. 'Wenn zwischen den Beteiligten eine Einigung über die Durchfüh­rung der Sommerspielzeit nicht erzielt wird, so wird

die Reichstheaterkammer auf Antrag der Beteiligten entscheiden.

II. Die Bestimmungen unter I beziehen sich auch auf alle sonstigen Vereine und Einzelpersonen, die im Jahre 1934 öffentliche Theateraufführungen mit Berufsdarstellern oder Dilettanten veranstalten wol­len. Ihre Anträge werden in gleicher Weise geprüft.

Öffentliche Theateraufführungen unter freiem Himmel durch Dilettanten sollen jedoch nur aus­nahmsweise und nur dann zugelassen werden, wenn Grenzland- oder reichswichtige Interessen vorliegen,

oder wenn es sich um Dheateraufführungen vor einer beschränkten Öffentlichkeit und irn Zusammen­hang mit Kundgebungen oder ähnlichen Vereins­veranstaltungen handelt, und die Veranstalter durch Beitritt zum Reichsbund der deutschen Freilicht- und Dolksschauspiele sich dem Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda unmittelbar un­terstellt haben. Wenn zwischen dem Anttagsteller und dem Reichsbund der deutschen Freilicht- und Volksschauspiele eine Einigung nicht erzielt wird, so wird die Theaterkammer auf Antrag 5er Be­teiligten entscheiden.

III. Die Vorschriften über die Erteilung einer Theaterspielerlaubnis nach § 32 der Reichsgewerbe­ordnung werden nur hinsichtlich der Prüfung der Bedürfnisfrage gemäß Bekanntmachung des Bun­desrats vom 3. August 1917 berührt. Sämtliche für die Erteilung von Theaterkonzessionen im Gebiete des Deutschen Reiches zuständigen Behörden werden ersucht, vor Entscheidung über Anträge auf Ertei­lung von Konzessionen für Freilicht-Theaterunter­nehmungen der Reichstheaterkammer Mitteilung zu machen und deren Entscheidung zu beachten. Die Konzessionsbehörden werden ferner ersucht, in allen Fällen in Freilicht-Theaterunternehmen betreffen­den Konzessionsangelegenheiten ein Gutachten des Neichsbundes der deutschen Freilicht- und Volks­schauspiele in Berlin-Südende einzuholen.

IV. Die Landesstellen des Reichsministeriums für Volksaufklärung und Propaganda werden ersucht, in allen Fällen der Zuwiderhandlung gegen die Anordnungen zu Ziffer I und II unverzüglich der Reichstheaterkammer und der zuständigen Kvn- zessionsbehörde Anzeige zu erstatten und die ört­lichen Pvlizeiverwaltungen zu veranlassen, die be­absichtigten unerlaubten Theateraufführungen zu verhindern.

Ausgefertigt

Reichstheaterkammer. Der Präsident:

Der Geschäftsführer. gez. Otto Laubinger.

im

ese

Der Acker des Jürgen Ooskocil

Don Ernst Wiechert.

Aus dem von der Raabe-Stiftung mit dem Volkspreis für deutsche Dichtung ausgezeich­neten neuen RomanDie Magd des Jürgen Doskocil" von Ernst Wiechert bringen wir mit Erlaubnis des Albert Langen/Georg Müller Verlags, München, folgende Lese­probe zum Abdruck.

3«er Hafer stand dicht und grün. Jürgen begriff es «nicht. Er konnte, wenn er nicht aufs Wasser Ionien mußte, lange auf dem Findlingsstein sitzen, btr wie eine Bank der Unterirdischen geformt war, ün Kopf in beide Hände gestützt, und nachdenken. Es konnte der Wald sein, der den Acker umgab, ürfcie Halme vor dem Verschmachten schützte. Aber rillt andere Aecker lagen am Walde und waren »tri rannt und tot. Es konnte die unverbrauchte Qu' tererbe sein, die seit Jahrhunderten ruhig ct!i"f. Es konnte das Grundwasser sein, wenn es )iti höher stand als auf den Feldern. Er wußte es ilich: und begriff es nicht. Er starrte auf die dunkel- pihe Fläche, in der es sich mitunter leise rührte, ib striche eine Hand an den Wurzeln entlang, ntb immer mehr, wenn auch verstohlen, nährte er )en Gedanken, daß es die Unterirdischen sein könn­ten, die für den Hafer sorgten. Vielleicht hatten sie S kühler in ihren Wohnungen, vielleicht hörten jie -ie Halme über sich wie einen Wald rauschen, iDiell2id)t erwarteten sie, daß Jürgen ihnen von der «ihie einen Teil zu winterlicher Speise ließ. Er :ret leise auf, wenn er zu seinem Steinsitz ging, :nid er unterließ nicht, sich zu verneigen, wenn er miet er aufftanb, um in fein Haus zurückzukehren.

MiglN gingen mit seinen Stiefeln mit, den schwe en, I Wen Wasserstiefeln, deren Leder rötlich schimm rte I Mn Der täglichen Nässe. I

2ber eines Morgens, lange vor der Ernte, stand Der Hafer nicht mehr da. Jürgen konnte von der 15c) jeüe feines Hauses das grüne Feld sehen, und mfm er den ersten oder den letzten Fuß auf die «shivelle setzte, pflegte er nicht nach dem Strom zu lÄn ober zum Himmel über bem Moor, wo bie iiiunlrigen Wolken immer zuerst aufzogen, fonbern noi] ber Lichtung im Hochwalb, von ber bas einzige 'Mn in ber ganzen Runbe schimmerte.

Uitb eines Morgens war ba<5 einzige Grün er« kbchm. Er rieb sich nicht bie Augen, er lief aÄch wii)t er rief auch nicht nach Marte. Langsam, jmt Widm Knien, ging er ben Steig zum Acker, tun CSdiippen vorbei, vor bem bas Eisen gelegen ha te, otni Zaun entlang, wo er bie Spur des Frem »en tiimls gesehen hatte, über bie vertrocknete A M id)ief hängenden Birke an der Waldecke. S ine

Am Stein erst blieb er stehen und sah langsam auf. Der Hafer war geschnitten, mit Sicheln, dicht über der Erde. Er sah es an der Unregelmäßigkeit der Stoppeln. Hier und da lag ein verstreuter Halm, der sich in der Mvrgenschwüle schon krümmte und bräunte. Sonst lag das Feld wie das Gesicht

Ernst Wiechert.

eines Erschlagenen, mit offenen Augen, Schatten in den grauen Falten, Schmerz um den verzogenen Mund. Er setzte sich auf den kühlen Stein und blickte in das erschlagene Gesicht. Zorn und Haß schliefen noch in seiner schweren Seele. Ueberlegun- gen schliefen noch, wer es gewesen sein könnte. Er hatte einen Schlag empfangen, aus dem Hinterhalt, und sein Blut stürzte in ihn hinein. Wie Regen von den Aesten eines Baumes, den die Axt an der Wurzel trifft. Matte, verfließende Bilder standen auf und schoben sich vor seinen offenen Augen: das weiße Tuch, in das er das Kind gehüllt hatte, das Pferd, dem er die Haferkörner in die Krippe schüttete, das Kruzifix, das er mit den Händen ge­

rade bog, die Axt, die sie ihm heimlich angesägt hatten. Aber hinter allen Bildern, die wie Nebel über dem Strom vorüberzogen, lag unbeweglich das Gesicht des Feldes. Und dann wußte er es plötzlich: daß es nicht der Diebstahl war, noch der Verlust einer Ernte, sondern daß sie gemäht hatten, bevor es Zeit war. Daß es dasselbe war wie mit dem Kind. Daß sie den Hafer aus der Muttererde gerissen hatten, wie das Wasser fein Kind aus dem Mutterleib gerissen hatte. Daß sie nicht gestohlen, sondern gemordet hatten.

Er stand auf und umschritt das Feld in immer größeren Kreisen. Er fand ein paar Halme zwischen Feld und Strom und wußte, daß sie mit Kähnen gekommen waren, weil es keine Spuren gab. Er sah Marte vom Hause kommen und ging ihr ent­gegen. Sie meinte, lautlos, ohne die Tränen abzu- wischen, ohne ein Wort. Sie gingen zusammen zurück, bis zur Fähre, und blickten von dort nach dem grauen Dorf hinüber. Die Ziehbrunnen schnit­ten wie Galgen in den dunstigen Himmel. Ein Wagen fuhr die Dorfstraße hinunter, dem Walde zu, und eine gelbe Staubsäule stand hinter ihm auf, mit leise mahlenden Rändern, und ging hinter ihm her wie ein Gespenst...

Leben unter Tag.

Don Peter Bauer.

Es verrät sich durch die vielen kleinen Hügel, die die niedrigen, winterfahlen Grasbüschel der Wiesen mit dem frischen Braun aufgeschichteter Erde über­ragen. Größe und Form dieser Erdhaufen sind so charakteristisch und einmalig, daß sie untrüglich auch auf das Tier schließen lassen: den Maulwurf.

Er hält keinen Winterschlaf wie viele andere Vierfüßler, sondern ist unermüdlich zu jeder Jahres­zeit Hintern den Engerlingen und Würmern her. Seine Jagdleidenschaft kennt keine Schonzeit. Mögen sich die Weichtiere des Frostes wegen in tiefere Erd­striche zurückziehen oder bei zunehmender Erwär­mung des Bodens durch die stärker werdenden Strahlen der Sonne der Oberfläche näherkommen, der Maulwurf bleibt ihnen stets auf der Spur. Sein scharfer Geruchsinn wittert jedes Lebewesen, und seinem feinen Gehör entgeht nicht der leiseste Fall eines beiseitegeschobenen Erdkorns. Rasch füylt der oielneroige Rüssel des spitzen Kopfes in der Richtung des verdächtigen Geräusches vor, und die­ses unvergleichliche Tastwerkzeug erspürt sofort jedes Opfer.

Wühlt sich der Maulwurf mit feinen breiten Schaufelhänden, deren kräftige Finger scharfe Grab­krallen tragen, vorwärts, so scharrt er die Erde solange hinter sich, bis ihn ihre Ansammlung beim Weiterarbeiten hindert. Dann stößt er ein Loch

Gin Riesenprozeß im Hinterland.

)( Gladenbach, 3. Febr. Unter großem Äu- Hörerandrang begann gestern vormittag vor der Großen Strafkammer in Marburg, welche aus Ersparnisgründen die Sitzuna im Ge­bäude des Gladenbacher Amtsgerichts abhält, die Verhandlung gegen die feit Ende Juli vorigen Jah­res in Untersuchungshaft bfinblichen Viehhändler Adolf und Felix Adler (Vater und Sohn) aus Gladenbach. Die Anklage leat den Adlers Betrug und Wucher in insgesamt 40 Fällen zur Last. Sie sollen in den letzten Jahren beim Vieh- Handel viele Landwirte und Arbeiter des hessischen Hinterlandes durch unrichtige Angaben über Alter und Eigenschaften der verkauften oder vertauschten Tiere getäuscht und durch wucherische Gewinne über­vorteilt haben. Da ßur Beweisaufnahme 124 Zeugen und drei Sachverständige ge­laden sind, rechnet man mit einer mehrtägigen Prozeßdauer.

Die am Freitag zur Sprache gebrachten betrüge« rischen Handlungen lagen in den meisten Fällen so, daß die Angeklagten den Landwirten Kühe mit Fehlern (schlechter Milchertrag, keine Zugfestigkeit usw.) billig abkauften und sie dann als erstklafsige Tiere mit gutem Gewinn weiterverkauften oder vertauschten. Mehrfach konnten die Angeklagten auch Tiere abfetzen, nachdem sie den Käufern erklärt hatten, daß die Kühe bald kalben würden. Die meist kleineren Landwirte wurden aber in ihrer Hoff­nung, eine alsbald frischmelkende Kuh in den Stall zu bekommen, getäuscht, denn die Kühe kalbten oft Wochen ober Monate später. Die Angeklagten stritten bei ihrer Vernehmung in den meisten Fällen ab, beim Verkauf oder Tausch der Tiere die angeb­lichen Zusicherungen gemacht zu haben und bezeich­neten ihre Händelchen ols Risiko- ober sogar Ver­lustgeschäfte. Zeugen, bie bei ben Angeklagten ver- schulbet waren, mußten bei ben Angeklagten eine viel höhere als bie Schulbensumme betragenbe Hypothek auf ihr Grunbstück eintragen lassen. Die Angeklagten machten babei noch allerlei Verspre­chungen in bezug auf Viehlieferung usw., bie aber nicht innegehalten würben. In einem Falle hatten bie Angeklagten auch eine alte Kuh gekauft, sie burch Verschönerung Der Hörner verjüngt unb bann als junges Tier weiterverkauft. Sein früherer Be­sitzer konnte bas Tier bei einer Besichtigung kaum roieberertennen.

Am Samstag kamen roieber zahlreiche Fälle zur Verhanblung, in benen sich bie beiben Angeklagten beim Viehhanbel bes Betrugs ober Wuchers schul- big gemacht haben sollen. Der Geschäftsbereich ber Angeklagten war, wie aus ben zur Sprache ge­brachten zahlreichen Füllen hervorging, äußerst umfangreich: er vefchrünkte sich nicht allein auf bie Orte in unmittelbarer Umgebung Glabenbachs, Jon» bern bis in bie Gegenben von Herborn, Laasphe unb Biebenkopf. Viele Zeugen meist hanbelte es sich um kleine Lanbwirte unb Bergleute mit ge­ringem Grunbbefitz unb 1 bis 2 Kühen bekun­deten, daß sie immer wieder mit den Angeklagten handeln mußten, wenn sie auch in vorhergehenden Jahren von diesen ein- oder mehrmals übervor­teilt worden waren. In manchen Fällen waren die Leute jahrelang arbeitslos, benötigten aber zum Lebensunterhalt eine Kuh, bie sie natürlich nicht auf einmal bezahlen konnten. Sparkassen unb Ban­ken bewilligten keinen Krebit. Um so bereitwilliger waren bie Angeklagten mit ber Krebitgewähruna. Sie gaben nicht nur Vieh, fonbern sogar Bargeld zu weiterer Schulbentilgung unb ließen sich bann Hypotheken auf bie kleinen Besitztümer überschrei­ben. Hohe Zinsen trugen bazu bei, baß bie Leute immer mehr verschulbeten. Sie waren gezwungen, mit ben Angeklagten weiter zu hanbeln, weil biefe sonst mit Künbigung ber Hypotheken brohten. Inter­essant ist babei, baß viele Schulbner über ihre Gelb­geschäfte mit ben Angeklagten überhaupt kein Buch führten, Abzahlungen vielfach ohne jebe Quittung leisteten unb sich bezüglich ber Gelbgeschäfte ganz auf bie Angeklagten verließen, bie natürlich keine Abrechnungen zu eigenem Nachteil aufstellten. Vor Gericht konnten in biesen Fällen mehrere Zeugen überhaupt nicht angeben, wieviel Schulben sie bei ben Angeklagten hatten. Die Männer erklärten auf Befragen bes Gerichts, baß ihre Frauen hie Geld-

burch bie Bobenoberfläche ins Freie unb wirft mit energischem Kopfbruck bie Erbe hinaus, woburch bie kleinen Hügel sich anhäufen. Ihre Zahl unb ihre Verbreitung über ein Wiesenstück hin geben bie Größe eines Jagbgebietes zu erkennen, in bem ein Tier sich unumschränkter Herr fühlt. Denn ber Maulwurf ist ein Eigenbrötler unb Einsiebler, ber sich bie kleinste Zeit seines Lebens, wohl nur wäh- renb feiner Kinberstubenwochen, mit feinesaleichen verträgt, im übrigen aber abgefonbert lebt unb bissig sein Revier gegen {eben Einbringling unb lästigen Mitfresser oerteibigt. Die schwere Erbarbeit hat ihn zum Vielfraß gemacht. Er durchstreift nicht nur öfter währenb bes Tages feine Jagbgänge, fonbern er legt auch immer roieber neue Kanäle an unb wirst frische Erbhaufen auf.

Ein Laufgang führt aus bem Jagbbezirk zum Kessel unb zwar zunächst zu einem mehrfachen Gürtel von Gängen, bie um ben kugelförmigen Wohnraum gezogen unb untereinanber selbst ver­bunden finb. Von ihnen zweigen vereinzelte Vor­ratsröhren ab, in bereu Wänben ber Maulwurf lebenbe Regenwürmer einmauert, nachbem er ihnen zuvor ben Kopf abgebissen unb sie damit unfähig gemacht hat, sich in ber Erbe fortzubohren. Diese Konserven speichert er sich in feuchten Tagen bes bes Ueberflusses für trockene Sommerwochen auf. Mehrer Ausgänge bes Kessels münben in Flucht­kanäle, burch bie sich bas von einem Einbringling überrumpelte Tier in höchster Not zu retten sucht. Alle zum unmittelbaren Wohnbezirk gehörenben Gänge haben, im Gegensatz zu ben Jagbkanälen, glatte, gefestigte Wänbe.

Selten wirb biefes Leben unter Tag zu einem kurzen Ausflug an bie Oberfläche unterbrochen. Die feiste, etwa hanbgroße, samtschwarz bepelzte Walze, rutscht unb humpelt nur unbeholfen vorwärts. Weber bie schlechten Gangbeine, noch bie schwachen Augen finb geeignet, ben Maulwurf zu einer län­geren Wiesenpromenabe zu verführen. Die kleinen Augen, bie wie Mohnkörner tief im Pelz sitzen unb nur an Finsternis gewöhnt finb, versagen in ber Tageshelle, auch wenn sie, wie bei einer Gefahr, großer unb weiter hervortreten.

Gestern sah ich einen Maulwurf am Wege zwischen einer Wiese unb kleinen Schrebergärten liegen. Von einiger (Entfernung aus konnte^ man meinen, er habe sich bei einem Spaziergang über­raschen lassen. Sein Fell war stark bestaubt. Aber als ich mich bückte, gewahrte ich einen kleinen blutigen Fleck, ber im schwarzen Pelz klebte. Da hatte ihn wohl bie Hacke bes entrüsteten Klein­gärtners getroffen, als er, im Jagbeifer sein Gebiet erweiternd, ahnungslos in bas Besitztum bes Man­nes einbrach unb unter feinem bescheidenen Pflanz- stück Wege wühlte unb Erbe warf.