Kinder verkauft. Die Not in China ist Rußland sehr willkommen zur Ausbreitung kommunistischen Ideengutes. Eine zweite große Gefahr ist die Uebertragung des Freidenkertums nach China vom Abendlande her. Die dritte Gefahr ist, daß die Europäer dort ein Absatzgebiet für ihre Waffenindustrie sehen. Und endlich die vierte innere Gefahr ist der Aberglaube und die Furcht und der Kampf mit ihren starken Leidenschaften. Hier müssen wir unsere Aufgabe klar sehen. Wir müssen mit allen Mitteln uns dagegen wenden, daß China für ganz Europa das Schicksal wird. Darum noch einmal der Aufruf zur Mission.
Nach diesem eindringlichen Appell sprach Dekan Guß mann den Segen.
Kameradschoftsabend im NGOZB.
Dom NSDFB. (Stahlhelm) wird uns geschrieben: Am Samstagabend hatten sich die Kameraden der Kameradschaft I (S ü d) mit ihren Frauen zum ersten Kameradschaftsabend nach dem Urlaub auf der Bergschenke recht zahlreich eingefunden.
Kameradschaftsführer Wilhelm Grün begrüßte die Anwesenden mit herzlichem Willkomm, insbesondere begrüßte er als Gäste die Kameraden Dr Dehner, Petri und die Kameradschafts ührer Zimmer und Mangold. Dann führte er u. a. aus, daß der Zweck und das Ziel der Einladung sei, von neuem nach dem Urlaub und dem ereignisreichen Sommer den Kameradschaftsgeist, der über allen Veranstaltungen des Stahlhelm schwebt, zu fördern. Nie solle und dürfe der alte Frontgeist verblassen, so lange es Stahlhelmer gibt. Von diesem Geiste erfüllt solle auch dieser Abend sein. Wenn das Wort Kameradschaft besonders betont würde, so solle der Beweis erbracht sein, daß es von jeher kein Klassenunterschied gab, nur echte Volksverbundenheit im Sinne des großen Führers Adolf Hitler. Kameradschaftsführer Grün schloß mit den Worten: „Bist du Graf, Fürst oder Knecht, im neuen Reich hat jeder das gleiche Recht. In Kameradschaft wollen wir treu zusammenstehen, bis der letzte wird zur Ruhe gehen."
Hierauf sprach noch Kamerad Gauführer Dr. Dehner. Er gab manches treffende Wort den Kameraden mit auf den Weg, vor allem wünschte er unbedingte Treue dem Führer und Frontsoldaten Adolf Hitler, dann würde auch der echte Stahlhelmgeist bis in Ewigkeit bestehen bleiben.
Der weitere Abend verlief in angeregter Stimmung. Für den humoristischen Teil sorgte Kamerad Henn. Die Stahlhelmkapelle hatte sich in liebenswürdiger Weise zur Verfügung gestellt und erfreute mit schöner Musik. Mit Tanz endete die schön verlaufene Feier.
Bunte Welt im Aquarium.
Der Aquarien- und Zierfischverein zeigt in diesen Tagen im Hotel Köhler eine Werbeschau der Aquarien seiner Mitglieder. Selten tritt wohl auf so kleinem Raum die unerschöpfliche Erfindungskraft der Natur so lebendig entgegen wie hier, und selten sieht man so viele Spielarten von Lebewesen auf kleinem Raum beisammen. Jedes Aquarium ist schlechterdings eine Welt für sich. Zunächst fallen die Schleierschwänze auf, jene unbeholfenen Fische, die schon seit Jahrtausenden gezüchtet werden. In mehreren Gemeinschaftsbecken ist eine Fülle der verschiedensten Tiere vereinigt. Fische mit silbernen und goldenen Streifen über den langgestreckten Leib huschen blitzschnell hin und her; leuchtendes Rot und zartschimmerndes Blau, mattes Gelb und perlmuttartiges Grau, alle diese Farben find in vielen Tönen oftmals auf einen einzigen Fischleib von wenigen Zentimeter Länge in verschwenderischer Fülle vereinigt. Es glänzt und blitzt in diesen Becken, daß es nur so eine Art hat. Wieder andere Fische liegen in stoischer Ruhe im Wasser. Nur hin und wieder verrät eine Bewegung der Flossen, daß Leben in ihnen ist. Viele der Fische stammen aus den indischen Gewässern, aus der Südsee, aus afrikanischen und amerikanischen Gewässern. Merkwürdige, bizarr geformte, lang-
stengelige Wasserpflanzen füllen die Aquarien und bilden für die Fische die natürliche Umgebung. In einem Salzwasserbecken kann man einen Taschenkrebs beobachten, der mit großer Geschicklichkeit über Steine und die Mitbewohner des Aquariukns, Schnecken, Muscheln und fleischrote Seerosen, hinwegturnt. Nicht weniger Aufmerksamkeit wird man dem merkwürdigen Axolotl schenken, jenem Tiere, das in seiner Form an Tiere der Urwelt erinnert und uns so im Geiste um Jahrmillionen zurückführt. Eines der merkwürdigsten Tiere, die Stabheuschrecke, ist ebenfalls in dieser interessanten Schau zu sehen. Ferner werden verschiedene Arten Kröten gezeigt, und wer über seine Vorurteile Herr zu werden vermag, wird feststellen, daß auch Kröten schön sind — ganz davon abgesehen, daß sie sehr nützliche Tiere sind. Angeregt wird jedermann diese Ausstellung verlassen, die hier von Liebhabern geschaffen wurde, viel Sorgfalt verrät und eine Welt erschließt, der wir sonst fernestehen.
Gietzener Wochenmarktpreise.
* Gießen, 4. Sept. Auf dem heutigen Wochenmarkt kosteten: Molkereibutter, das Pfund 1,45 bis 1,50 Mark, Landbutter 1,35 bis 1,40, Matte 20 bis 25 Pf., Käse, das Stück 4 bis 10, Eier Klasse S 11, Klasse A 10»/-, Klasse B 10, Klasse C 9'/-,
Klasse D 8»/-, Wirsing, das Pfund 15 bis 20, Weißkraut 12 bis 15, Rotkraut 15 bis 18, Gelbe Rüben 10 bis 12, Rote Rüben 8 bis 10, Spinat 15 bis 20, Römischkohl 8 bis 10, Bohnen (grün) 15 bis 20, (gelb) 20 bis 25, Erbsen 30 bis 40. Feldsalat 110, Tomaten 5 bis 12, Zwiebeln 12, Meerrettich 50 bis 80, Rhabckrber 8 bis 10, Kürbis 8 bis 10, Pilze 40 bis 60, Kartoffeln, das Pfund 5 Pf., der Zentner 4,50 bis 5 Mark, Frühäpfel, das Pfund 12 bis 15 Pf., Falläpfel 3 bis 5, Pfirsiche 13 bis 35, Brombeeren 30 bis 35, Preißelbeeren 35, Birnen 8 bis 20, Zwetschen 8 bis 10, Mirabellen 15 bis 18, Tauben, das Stück 50, Blumenkohl 10 bis 60, Salat 8 bis 10, Salatgurken 15 bis 25, Einmachgurken, 100 Stück 70 bis 80, Endivien 10 bis 15, Oberkohlrabi 5, Lauch 5 bis 10, Rettich 5 bis 10, Sellerie 15 bis 25, Radieschen, Bündel 10 Pf.
*
** Die Geldsammlung für das Hilfswerk „Mutter und Kind" am vorigen Sonntag hat in der Stadt Gießen das erfreuliche Ergebnis gehabt, daß sämtliche Abzeichen der Sammlung abgesetzt wurden. Der Gesamterlös der Sammlung beziffert sich auf rund 1110 Mk. Dieser erneute Beweis der Opferfreudigkeit unserer Gießener Volksgenossen ist mit dankbarer Anerkennung zu vermerken.
Oberheffen.
Zum Keuerwehr-Äerbandstag in Leihgestern.
Im Anschluß an unseren gestrigen Bericht über den 14. Herbstverbandstag der Freiwilligen Feuerwehren des Kreises Gießen ist zu der Wiedergabe der Ausführungen des Kreisfeuerwehrinspektors Bouffier zur Feuerschutzwoche die Berichtigung eines Mißverständnisses hinsichtlich des Brandes in Dorf-Gill erforderlich. Kreisfeuerwehrinspektor Bouffier hat nicht der Pflichtfeuerwehr von Dorf-Gill ein Versagen zum Vorwurf gemacht, sondern sich im Sinne eines Vorwurfes nur gegen diejenigen Einwohner von Dorf-Gill gewandt, die bei jenem großen Brande müßig herumstanden, anstatt der Feuerwehr bei der Bekämpfung der Flammen und bei dem späteren Abbau des Löschmaterials behilflich zu fein. Der Pflichtfeu erwehr und dem Bürger- meifter von Dorf-Gill hat Kreisfeuerwehrinspektor Bouffier schon damals unmittelbar am Brandort und auch am folgenden Tage bei der Besichtigung der Brandstelle durch den Feuerwehrdezernenten des Kreisamts Gießen volle Anerkennung für ihre zweckmäßigen Maßnahmen und ihre guten Dienste bei der Bekämpfung des Brandes ausgesprochen.
100 Jahre Kleinkinderschule in Lich.
)( Lich, 3. Sept. Unsere Kinderschule kann im nächsten Monat ihr 100jähriges Be- st e h e n feiern. Sie ist eine der ältesten Kinderschulen in Hessen. Dem Vernehmen nach sind größere Festlichkeiten des Jubiläums geplant.
Lehreriagung in Schotten.
rl. Schotten, 3. Sept. Die erfte amtliche Kreislehrerkonferenz im Schuljahre 19 3 4/35 fand am Samstagvormittag in der hiesigen Turnhalle statt. Ebendort tagte am Nachmittag der Kreisverein des NSDLB.
Unter Leitung des Kreisschulrats Dr. M e u e r begann um 8 Uhr die amtliche Tagung mit einem ehrfürchtigen Gedenken an den Hingeschiedenen Feldmarschall und Reichspräsidenten und einem Treuebekenntnis zu dem neugekürten Reichsführer.
Dr. Günther vom Landwirtschaftsamt Nidda sprach dann an Hand von Lichtbildern sehr anregend über „die hauptsächlichsten Kartoffel- krankheiten und ihre Bedeutung für unsere Volkswirtschaft". Es war für alle Teilnehmer neu,
von der vorläufig nicht recht abzuwendenden Gefahr zu hören, die unserem Kartoffelbau von einem oisher der Allgemeinheit fast unbekannten, an den Faserwurzeln schmarotzenden Fadenwurm, der Kartoffel-Nematode, droht. Auch seine klaren Ausführungen über den Kartoffelkrebs und den Kartoffelkäfer, sowie den auch vom Landlehrer mitzuführenden Kampf gegen alle diese Schädlinge haben die beabsichtigte Wirkung sicher nicht verfehlt.
Im Mittelpunkt des zweiten Teiles der amtlichen Tagung stand der Vortrag des Professors Weiß- bart (Büdingen) über „das deutsche Volks- l i e d". Von der Klärung des Begriffes „Volkslied" ausgehend eröffnete der Vortragende tiefe Einblicke in das Wesen dieses völkischen Schatzes. Text und Weise gehören wohl zusammen, aber>doch ist Textgestaltung kein wesentliches Merkmal des Volkslieds; Pflicht ist es, in die Gefühlswelt des Liedes einzudringen und es als lebendes Wesen zu erkennen, das schicksalhaften Veränderungen unterworfen ist. Echtes Volkslied ist all das, was vom Volk ausgenommen und weitergesungen wird, und zwar auswendig gesungen. Volksliedsammlungen sind für die Pflege des Volksliedes von zweifelhaftem Wert, viele volkstümlichen Konzertgestaltungen ebenfalls. Kraft des Liedes liegt im Selbstsingen und im Gemeinschaftssingen.
Nach Erledigung einer umfangreichen Tagesordnung wurde die amtliche Konferenz um 13 Uhr geschlossen.
Auch die Tagung des NSLB. nahm mehrere Stunden in Anspruch. Kreisobmann Schneider gedachte zu Anfang ebenfalls in weihevollen Worten des Stückes Weltgeschichte, das uns letzthin begegnet. Auch das große Erlebnis der Reichslehrertagung in Frankfurt rief er noch einmal in den Herzen aller Teilnehmer wach. Verschiedene Feststellungen und geschäftliche Angelegenheiten, sowie Neuordnungen in der Fachschaft Volksschule, die der Fachschaftsführer Rektor Düll (Laubach) bekanntgab, hielten die Konferenz bis um 17.30 Uhr zusammen.
Landkreis (tzietzen.
00 Klein-Linden, 3. Sept. Der für kommenden Sonntag angeordnete Jugendsonntag wird hier mit einem Festgottesdienst und mit einer Abendfeier, bei der die Jugend besonders mitwirken wird, begangen werden. — Am Sonntag, 30. September, hält der Kreis- verband Gießen der evangelisch-kirch- lichen Reichsfrauenhilfe in unserer Ge
meinde eine Kreisverbandstagung ab. Als Redner wurde Pfarrer Weinberger (Darmstadt) gewonnen.
CO Klein-Linden, 3. Sept. Die Bautätigkeit im laufenden Jahre war hier etwas reger als in den verflossenen Jahren. Es wurden insgesamt drei Einfamilienhäuser, zwei am Friedhof und eins in der Wetzlarer Straße, und ein Zweifamilienhaus in der Kirchstraße erbaut, die alle vis zum kommenden Winter bezogen werden sollen. Ferner wurden noch der Bau eines Lagerhauses und einige kleinere Umbauten an Wohnhäusern und landwirtschaftlich benutzten Gebäuden vorgenommen. — Die Arbeiten am Kriegerdenkmal schreiten rüstig voran; gegenwärtig ist der Bildhauer mit dem Aushauen des Kriegers beschäftigt. Sämtliche Arbeiten dürften in einigen Wochen beendet sein.
I Garbenteich, 2.Sept. Am vergangenen Samstag, 1. September, feierte Herr K. Schöck von Garbenteich ein doppeltes Jubiläum. 25 Ihre versieht er nun den Dienst eines Kirchendieners und ebenso lange den Dienst eines P o • lizeidieners. Herr Schöck hatte diesen Doppeldienst von seinem Vater übernommen, der ihn auch 25 Jahre versehen hatte. In seltener Treue und Gewissenhaftigkeit, in steter Unermüdlichkeit hat Herr Schöck zu jedermanns Zufriedenheit seinen Dienst versehen. Im Gottesdienst am Sonntag gedachte Pfarrer Steiner des Jubilars und dankte ihm im Namen der Kirchengemeinde für alle treuen Dienste, die Herr Schöck der Kirche in feinem langjährigen treuen Dienen erwiesen hat. Am 1. Januar kommenden Jahres werden es ebenfalls 25 Jahre, daß Herr Schöck die P o st a g e n - tun in Garbenteich verwaltet. Möge es dem Jubilar vergönnt sein, noch recht lange in alter Frische und Gesundheit zum Wohle von Kirche und Gemeinde zu wirken.
§ Beuern, 3. Sept. Unsere Hebamme Frau Marie Huber, geb. Sommerlad, konnte auf eine 2 5jährige segensreiche Tätigkeit als G e m e i n d e h e b a m m e zurückblicken. Sie hat während dieser Zeit bei 411 Geburten Hilfe geleistet und sich in ihrem schweren Beruf die Liebe und Achtung aller Einwohner erworben. Für ihr gewissenhaftes Arbeiten im Dienst am Dolkswohl wurde ihr auch behördlicherseits oftmals Anerkennung gezollt. An ihrem silbernen Jubiläum wurden ihr von, allen Seiten Ehrungen entgegengebracht. Selbst die Kinder standen nicht zurück und brachten der „Tante Huber", wie sie bei den Kleinen allgemein genannt wird, unter Überreichung von Blumensträußen ihre Glückwünsche dar. Möge der Jubilarin auch weiterhin ein segensreiches Wirken in unserer Gemeinde beschieden sein!
cxd Eberstadt, 3. Sept. Auf Anregung der NSV. wurde durch die NS. - Frauenschaft und dem BDM. hier eine größere Menge Honig gekocht. Die Kelter- und Einschälbirnen lieferte die Gemeinde. Das Obst konnte in der Hofreite unseres Beigeordneten Karl Rühl mit der hiesigen Genossenschaftskelter gekeltert werden. Hier wurden auch die Birnen von den Mitgliedern der NS.-Frauen- schaft abends geschält und der Most zu Honig gekocht. Das Ergebnis war eine große Menge Honig, der der NSV. zur Verfügung gestellt wurde.
D Lich, 3. Sept. Wie schon im „Gieß. Anz." berichtet, ist Pg. Otto Wahl zum kommissarischen Beigeordneten unserer Stadt ernannt worden. Der neue ehrenamtliche Beigeordnete, ein langjähriger Parteigenosse der NSDAP., ist ein Sohn des vor einigen Jahren verstorbenen Bahnvorstehers und Kirchenvorstehers Johannes Wahl; er steht im 27. Lebensjahr. Er ist als Kaufmann auf dem Büro der hiesigen Brauerei Jhring- Melchior angestellt und mit den Verhältnissen unserer Stadt bestens vertraut. Seine Verpflichtung durch das Kreisamt Gießen wurde Ende voriger Woche vorgenommen.
= L i ch, 3. Sept. Unter großer Beteiligung wurde gestern Nachmittag der allseits beliebte und in Berufskreisen wegen seiner Tüchtigkeit hochge- schützte Kupferschmiedemeister Friedrich 3 im-
IMkMlkiWWW
Roman von Anny von panhuys.
Urheberrechtsschutz: Fünf-Türrne-Verlag, Halle (S.)
8. Fortsetzung. Nachdruck verboten!
Heute aber lief Donata Olden nicht davon. Sie erwiderte den Kuß und dachte beseligt nichts weiter als das eine: sie liebte Detlef Westkamp, trotzdem sie ihn erst so kurze Zeit kannte.
Sie saßen Hand in Hand, versunken in Schweigen, durch das sich Liebende oft mehr als mit vielen Worten sagen können.
Eine dicke Frau kam des Weges, nahm auf der Bank Platz, fragte, nachdem sie bereits saß:
„Es ist doch erlaubt?"
„Natürlich!" gab Westkamp zurück. „Wir wollten sowieso gehen. Komm, Donata!"
Die Frau sagte mit etwas gequetschter Stimme:
„Guck mal an, die Donata Olden, jetzt erkenne ich Sie erst. Wie geht's — wie steht'?"
Donata antwortete kurz: „Sehr gut!" Und nachdem sie ein Stückchen gegangen waren, erklärte sie ihrem Begleiter verstimmt: „Die Frau war eine Nachbarin von uns, ein Klatschweib schlimmster Sorte. Morgen weiß ganz Bornheim, daß ich heute abenb mit einem Herrn auf einer Bank am Nußberg gesessen habe."
Er meinte beruhigend:
„Das ist doch nicht schlimm! Jedermann darf kdoch erfahren, daß wir uns lieb haben."
Sie seufzte.
„Ich weiß nicht recht. Vater ist ein bißchen alt- vnodisch in seinen Ansichten und hat schon öfter Neäußert, der Mann, der mid) liebt, müsse zuerst Au ihm kommen und um mich anhalten. Gräßlich «wäre es ihm, wenn der mich vorher in den Mund Aer Leute brächte. Hättest du mich in Gegenwart l)er Schwätzerin vorhin wenigstens nicht mit mei- ’nem Vornamen angesprochen und ,du< genannt."
Er lachte.
„Mach dir doch keine Gedanken, Donata! Ich will gern schon morgen zu deinem Vater gehen. Und nun sei lieb! Wollen noch einen kleinen Umweg machen."
Sie ließ sich beruhigen und gab nach. Die verwitwete Frau Dörner aber war nicht lange auf leer Bank sitzengeblieben. Keine liebere Beschäftigung gab es für sie als den Klatsch.
Wenn sie etwas Nachteiliges oder Belastendes über ihre Mitmenschen in Erfahrung gebracht hatte, Zählte sie sich wohl wie ein Fisch im Wasser. Es Dar ihr ureigenstes Element.
Sie mußte die Neuigkeit noch brühwarm ihrer .Hausgenossin Dittenhoff erzählen, daß Donata Alden, die immer so prinzessinnenhaft durchs Tpillingsgäßchen schwebte, sich genau so benahm
wie andere Mädchen zwischen siebzehn und fünfundzwanzig.
Sie wußte ja noch mehr, als die „Prinzessin" ahnte.
Sie watschelte, so schnell das ihre geschwollenen Knöchel erlaubten, heimwärts.
Als sie an Werner Oldens Haus vorbei mußte, sah sie den Musiklehrer vor der Tür stehen. Sie wünschte einen „Guten Abend!" und blieb stehen. Man kannte sich ja gut in der Nachbarschaft.
„Warten Sie aufs Töchterchen, Herr Olden?" fragte sie und redete sofort weiter: „Sie wird wohl gleich kommen — ich hab sie eben oben am Nußberg auf einer Bank getroffen. Es ist aber abends auf dem Nußberg noch wunderschön. Gar nicht kalt ift’s, und junge verliebte Leute brauchen noch keine Angst zu haben, daß ihnen die Lippen beim Küssen zusammenfrieren."
Werner Olden anroortete nicht, weil er nicht begriff, was die Schwätzerin andeuten wollte. Aber das glucksende Lachen, das der Bemerkung folgte, klärte ihn rasch auf.
Er fragte rauh:
„Wie meinen Sie das mit dem Küssen? Was hat das mit meiner Tochter zu tun? Das Mädel ist übrigens alt genug, um auf dem Nußberg abends frische Luft zu schöpfen."
So sprach er zwar, aber er dachte erstaunt: Was hat Donata jetzt auf dem Nußberg zu tun? Er erwartete sie doch von Tante Röschen zurück.
Witwe Dörner gurgelte wieder ein Lachen hervor, „Aber, Herr Olden, ich hab doch gar nix dagegen, wenn Ihre Tochter auf 'dem Nußberg frische Luft schöpft. Und wenn ihr ein junger Herr dabei hilft, ist das auch in Ordnung. Und wenn sich die zwei beim Luftschöpfen küssen, daß man Lust kriegt, noch einmal jung zu fein und mitzumachen — das ist auch in Ordnung. Ich habe mich gefreut darüber, Herr Olden. Und Sie werden sich auch freuen — nicht wahr? Gute Nacht, Herr Nachbar."
Sie schlurfte davon und war sehr zufrieden, dem „verdrehten Musiker" eins ausgewischt zu haben. Sie hatte ja ganz deutlich gemerkt, wie er sich über ihre Neuigkeit geärgert hatte.
Das bereitete ihr großen Spaß, und sie schlurfte vergnügt weiter. Ihr heutiges Erlebnis sollten noch viele erfahren.
„Begleite mich nicht bis vors Haus!" bat Donata. „Wir treffen uns, wie verabredet, übermorgen in dem kleinen Cafe am Main — ich möchte meine Eltern auf dich vorbereiten. Vater ist ein bißchen nervös, ich will nidjt, daß er dich vielleicht unfreundlich empfängt.
Detlef Westkamp war mit allem einverstanden, und sie trennten sich mit warmem, innigem Händedruck.
Elftes Kapitel.
Mit freundlichem Abendgruß betrat Donata des Vaters Zimmer.
Er sagte leichthim
„Es hat heute wieder mal lange bei Tante Röschen gedauert!"
Donata nickte.
„Ich mußte eine lange Eingabe wegen der Steuer aufsetzen und dann erst was essen. Tante läßt vielmals grüßen."
Er fragte:
„Läßt sonst noch jemand grüßen?"
Sie schüttelte etwas befremdet den Kopf.
„Nein, Vater!"
Bis jetzt hatte er sich zusammengenommen. Jetzt aber glückte es ihm nicht mehr, mit seinem Wissen hinter dem Berg zu halten. Er polterte los:
„Ich dachte, dein Liebhaber ließ uns vielleicht auch grüßen! Guck mich nicht so blöd an, Mädel! Oder hast du mehr Liebhaber als einen, daß du nicht weißt, von welchem die Rede ist? Ich meine den, mit dem du dich auf der Bank am Nußberg geküßt hast. Heute abend. Die Spatzen pfeifen’s ja schon von den Dächern."
Er hatte ihr ziemlich laut seinen Groll entgegen» geschrien, und seine Frau bat:
„Sage alles, wenn es durchaus gesagt werden muß, doch ein bißchen gedämpfter, Werner! Und laß doch überhaupt Donata erst mal reden."
Er schlug mit der Faust auf den Tisch.
„Was kann sie mir viel sagen! Daß alles wahr | ist, was die Tratsche Dörner mir verabreicht hat wie ne Giftpille, sieht man dem Mädel ja auf den ersten Blick an. Jedenfalls ift’s eine ganz tolle Geschichte, Fräulein Tochter. Und jetzt haben Sie die Gnade, mir mitzuteilen, wer der Seladon vom Nußberg gewesen ist, damit ich mir das Herrchen etwas anschaue, das mit Werner Oldens Tochter umspringt wie mit — ad), ich finde da gar keinen Vergleich."
„Detlef Westkamp wird zu dir kommen, Vater, wann du es wünschest", gab Donata zurück.
„Detlef Westkamp?" wiederholte Olden ärgerlich. „Das ist ja der Mensch, der dich vor kurzem nachts von unerwünschter Gesellschaft befreit hat."
Er lachte ärgerlich.
„Ob das auch stimmt? Kamst damals wohl auch nur so spät von einem Stelldichein mit ihm zurück? Hattest dich einfach so lange mit ihm herumgetrieben. Ich glaube gar nicht mehr, daß du an dem Abend so lange bei Tante Röschen gewesen
„Vater!" Wie ein Schreckensruf brach das kurze Wort über Donatas Lippen. Sie kannte den Vater. Er war nervös und ließ sich gelegentlich zu Zornes- ausbrüchen hinreißen. Aber die Beschuldigung eben traf sie wie ein Schlag ins Gesicht, traf sie so schmerzhaft, wie vorher der bittere Satz: „Oder hast du mehr Liebhaber, daß du nicht weißt, von welchem die Rede ist."
Sie hob stolz den Kopf.
„Vater, es gibt Dinge, die dürftest auch du nicht zu mir sagen. Habe ich dir je Grund gegeben, so niedrig von mir zu denken?^
Er antwortete nicht. Es war totenstill in dem großen, behaglichen Zimmer. Auch draußen in der schmalen Gasse regte sich nichts.
Werner Olden trat an das Fenster und zog den Vorhang zurück, öffnete einen Flügel. Er spurte das Bedürfnis, einen Hauch frischer Luft einzuatmen. Der Rolladen blieb heruntergelassen. Plötzlich hörte man ziemlich nahe eine laute, gequetschte Stimme:
„Komisch, nicht wahr, Frau Dittenhoff, daß die Prinzessin Donata so ne Heimliche ist. Ich komme rauf zu Ihnen. Ich muß Ihnen das erzählen!"
Die Witwe Dörner wohnte schräg gegenüber und hatte ihre Neuigkeit von der Straße aus zu ihrer Herzensfreundin Dittenhoff hinaufgerufen, unbekümmert darum, daß es noch andere Nachbarn hören konnten.
Werner Olden schloß heftig das Fenster. Dis Scheiben klirrten.
Seine Frau machte Donata ein Zeichen.
„Geh schlafen, Kind. Morgen bei hellem Tageslicht sieht alles ganz anders aus. Für den Vater und für dich!"
Donata hatte große Tränen in den Augen. Sie sagte „Gute Nacht r und wollte gehen.
Ihr Vater vertrat ihr den Weg.
„Hast doch eben selbst gehört, daß dein guter Ruf schon im Gassendreck liegt."
Donata gab zurück:
„Du beleidigst mich mehr, als mich eine bekannte Gassenschwätzerin beleidigen kann."
„So? Beleidige ich dich? Ist ja ausgezeichnet! In meiner Zeit konnte ein Vater seine Tochter überhaupt nicht beleidigen! Das ist auch so ne neumodische Einrichtung, die ich aber hier bei mir nicht einführen lasse — merke dir das!"
Seine Frau legte ihm die Hand auf den Arm.
„Werner! Besinne dich doch und laß Donata überhaupt erst erklären, wie alles zusammenhängt. Wir waren doch auch einmal jung, und ein Kuß ist schließlich kein Verbrechen."
Er schüttelte ihre Hand ab.
„Ein Verbrechen nicht, aber ein Kuß kann, wie in diesem Fall, eine Blamage fein, ein Skandal." Er sah Donata an. „Was ist dieser Westkamp? Ich meine von Beruf?"
Sie antwortete erzwungen ruhig:
„Gärtner. Er hat einige Semester Medizin studiert, will aber jetzt nur in der Gärtnerei feiner Mutter arbeiten, weil..."
Er unterbrach sie:
„... weil er entweder ein zu armes Luder ist. um weiter zu studieren, oder zu dämlich dazu ist/
Donata liefen jetzt große Tränen über die Wangen.
. „2ch sage jetzt gar nichts mehr. Wie du mit mir hier sprichst, klingt ja doch alles häßlich, was mit Detlef Westkamp zusammenhängt/
(Fortsetzung folgt.)


