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Erziehung und Wehrwille!
Von ttarl Ludwig von Oerhen, Oberst a. D.
In der Hanseatischen Verlagsanstalt, Hamburg, erschien soeben eine Sammlung wehr- politischer Aufsätze unter dem Titel „W e h r - gedanken", herausgegeben von Generalleutnant a. D. Friedrich von Cochenh-ausen. Wir entnehmen diesem vielseitigen Werk, das den Geist, der eine wehrhafte Nation auszeichnen muß, in vielen Abhandlungen bedeutender Wehrpolitiker nüchtern darstellt, nachfolgenden Abschnitt:
Die wortstarken wehrpolitischen Auslassungen, die man in den letzten Jahren hören konnte, haben häufig, besonders auch im Auslande den Eindruck erweckt, als sei das deutsche Volk, oder doch wenigstens ein erheblicher Teil von ihm, kriegerisch gesonnen, sei angriffslustig und liebe den Kampf um des Kampfes willen. Nichts ist unrichtiger als diese Annahme. Die Deutschen sind ein besonders friedliches Volk-, es bedarf erst eines Angriffes auf ihre Lebensnotwendigkeiten, auf ihre Freiheit und Unabhängigkeit, um ihren kämpferischen Widerstandswillen zu entflammen.
Schädlicher war, daß unter den Wehrwilligender Eindruck erweckt wurde, als fei man in der Lage, mit Aussicht auf Erfolg zu kämpfen, oder könne wenigstens rasch ein Heer unter die Waffen bringen. Dietrich Schäfer, dem sicher niemand nationale Weichheit vorwerfen kann, schrieb auf einer der letzten Seiten seiner Geschichte Deutschlands: „Zur Zeit sind wir ohne Macht. Wir können sie nur in langer Arbeit wiedergewinnen." Wir sprachen von dem Ueberlegenheitsgefühl der deutschen Soldaten, das sie aus dem großen Kriege mit nach Hause brachten. Dies Ueberlegenheitsgefühl darf nicht verloren gehen. Denn in ihm, nur in ihm liegt die Gewähr künftiger Siege. General Graf von der Goltz schrieb vor einigen Monaten einen Aufsatz, dem er die Ueberschrist gab: „Nie wieder Lange- marck", in welchem er ausführte, man dürfe den Opfermut der deutschen Jugend nicht in einem aussichtslosen Kampf verbrauchen. Gewiß hängt es nicht von uns Deutschen ab, ob Krieg oder Frieden in der Welt ist. Unsere Aufgabe ist und bleibt, dem hundertfach überlegenen Gegner keinen Vorwand zu geben, über uns herzufallen.
Heere aufstellen und Heere erziehen ist nicht nur eine kostspielige, sondern auch eine langwierige Arbeit. Wenn wir in die Geschichte rückwärts blicken, sehen wir zunächst die von dem Glanze kriegerischen Ruhmes strahlenden Gipfel. Vor unser geistiges Auge treten die Grenadiere des Großen Königs, deren Fahnen siegreich bei Leuthen und Zorndorf flatterten; vor unser Auge treten die Seydliß- Kürassiere und die Dragoner von Ansbach-Bayreuty; die Regimenter, die Chlum und Roßbach stürmten und den Widerstand der Verteidiger von St. Privat brachen. Vor unser Auge treten die grauen Regimenter des Großen Krieges, deren Hörner auf fast allen Teilen des Kontinents zum Sturm riefen. Im Schatten dagegen bleiben die kargen Stuben, wo an Fienenen Tischen tagaus — tag ein und dazu manche Nacht gedacht, geforscht, geplant, entworfen, verfügt und befohlen wurde, und im Schatten bleiben die Kasernen, die Höfe und Plätze, wo in rastloser, unermüdlicher Wiederholung desselben die einzelnen, die kleinen und die kleinsten Teile des gewaltigen Uhrwerkes zu vollendetem Gleichmaß gebildet' und so glatt geschliffen wurden, daß die Maschine reibungslos lief. Die Größe und die Vielfältigkeit, aber auch die Notwendigkeit und den Segen dieser Arbeit gilt es aufzuzeigen, das geistige Rüstzeug zu schaffen, mit dem man die Grundlagen einer deutschen Wehrpolitik aufbauen kann.
Wehr und Waffen
Ein Milk hinter Frankreichs Festungswall an der Ostgrenze
Die
erste Haager Friedenskonferenz 1899 be-
hören Luftschlösser zu bauen und beginnen, in ernster Arbeit Stein um Stein zu formen und herbeizubringen. Denn nur so kann der Dom der deutschen Freiheit wieder errichtet werden.
stimmte in Artikel 25 ihrer „Land-Kriegs-Ordnung" (der ersten Kodisikation dieses Rechtsgebiets): „Es ist untersagt, unverteidigte Städte, Dörfer, Wohnstätten ober Gebäude anzugreifen oder zu beschießen." Und um dieses Verbot auch auf das Bornbard-rnent aus der Luft auszudehnen, fügte die zweite Konferenz 1907 hinzu: „mit welchen Mitteln e s auch se i".
So klar aber solche Regelung schien, so bewies doch sieben Jahre später der Weltkrieg, daß diese Haager Theorien die Praxis nicht genügend berücksichtigt hatten, denn um sich als „unverteidigt" zu erkennen zu geben, mußte eine Stadt doch erst einmal mit der feindlichen Kriegsmacht in Berührung gekommen sein. Wie aber" sollte das anders geschehen, als indem sie eben „angegriffen" wurde, was doch gerade verboten war? Oder wenn
Wandel nachgingen. So wurde das Haager Verbot gegenstandslos, und die feindlichen Fliegerangriffe auf Kinderspielplätze und Krankenhäuser in Freiburg, Karlsruhe, Mannheim zeigten, wie rücksichtslos man nun den Begriff des „Unverteidigtseins" verhöhnte.
Die Nachkriegsrüstungen unserer Nachbarn aber brachten noch eine ganz neue Note in diese Entwicklung. Die Vervollkommnung der Fliegerei, die immer vermehrte Steigfähigkeit, Geschwindigkeit und Traglast der Flugzeuge ließ den Angriff auf die Städte nicht mehr nur als erlaubt, sondern gerade als wesentliches Ziel des Luftkrieges erscheinen. Luftmanöver wurden immer mehr reine Stadtangriffs-Manöver.
Links: Ein unterirdisch eingebautes Geschütz; rechts: Eingang zu einer der Beton-Kasematten, die sich viele Kilometer weit in der Champagne und in den Vogesen hinziehen.
man selbst einen unbehinderten Einmarsch feindlicher Truppen in eine Stadt nicht als „Angriff" auffassen wollte, — wie sollte das Flugzeug den verteidigungslosen Charakter einer Gemeinde erkennen? Sollte der Flieger zunächst keine Bomben abwerfen, sondern harmlos über einem Orte kreisen und sich den Verteidigungsmitteln der Stadt als Ziel darbieten, bis er aus der Ingangsetzung des Abwehrapparates merkte, daß die Stadt „verteidigt" wurde? Und wenn schließlich der Flieger so seine Existenz aufs Spiel gesetzt und sein Entkommen nahezu unmöglich gemacht hätte, — hatte nicht sein bloßes Erscheinen über der Stadt bereits einen „A n g r i f f" dargestellt, eine Bedrohung der Bewohner, zumindest einen militärischen Eingriff in die Hoheit des kriegführenden Staates, wenn auch nur zu Erkundungszwecken? Ja, schon das Ueberfliegen der Frontlinie war doch
Nicht darum handelt es sich, operative, kriegs- geichichtliche, organisatorische ober technische Kenntnisse zu verbreiten, sondern auf ben eigentlichen militär-politischen Gebieten mehr Klarheit zu schaffen. Militärpolitik hat sich mit ben militärischen Dingen zu befassen, die, obwohl eben militärisch boch politischer Entscheidung unb Beeinflussung unterliegen. Auf diesem Grenzgebiet entscheibet nicht der Fachmann, sonbern ber Politiker. Das wirb schon baburch unzweifechaft klar, baß bie höchsten militärischen Stellen unb gerabe die höchsten militärischen Stellen von politischen Instanzen unter Berücksichtigung politischer Gesichtspunkte besetzt werben.
Eine solche Beherrschung bes militärpolitischen Stoffes setzt Kenntnisse unb Urteilsfähigkeit voraus. Gewiß kann jeder sich diese aneignen. Autodidakten gibt es sicher auch auf diesem Gebiet. Wer aber wünscht, daß der Besitz solcher Kenntnisse für jeden
Die Städte im Lustkrieg
Von Dr. jur. H. von Frankenberg.
sorts unb glaubte sie beim Knogsminlstermm unb Generalstab wohl aufgehoben. Wesentlich hat sich auch heute die Lage noch nicht geändert. Das Schlagwort beherrscht das Feld, unb von einer planmäßigen Unterrichtung ber Jugend ist nur wenig zu merken. In selbsterarbeiteter Klarheit werden die Redensarten bald absterben, man wird auf-
Und auch die Abwurfmittel wurden mehr und mehr aus Waffen gegen die Truppe umgewandelt in Instrumente der Städtebekämpfung. Vor allem ist es hier die kleine Brandbombe von 1 bis 2 Kilogramm, die für den Frontkrieg nahezu wertlos sein würde, sondern ausschließlich zurJnbrandsetzung der Städte bestimmt ist. Von ihr kann der Flieger mehr als 1000 Stück mitführen, wirft sie reihenweise über die Häuser ab und erreicht durch das geringe Gewicht der Bomben, daß sie nur den Dachstuhl durchschlagen und in dem Boden-Gebälk sehr leicht zünden. Die Bomben (Elektron-Thermit) entflammen sofort und entwickeln eine Hitze bis zu 3000 Grad. Das wäre im Sand der Schützengräben und TrichterfeDer ohne große Bedeutung. Für die Städte aber stellt gerade diese Waffe eine gefährliche Bedrohung dar, der nur durch planmäßig organisierten Brand- s ch u tz zu begegnen ist.
Die Sprengbomben, die während des Weltkrieges noch die einzige Waffe des Flugzeuges gegen die Wohnstätten bildeten, sind durch Verstärkung ihres Kalibers (bis 2000 Kilogramm) und die Erhöhung der Brisanzkraft ebenfalls stark vervollkommnet worden. Ihre Gefahr für die Städte hat sich jedoch vor allem durch die technische Verbesserung des Flugzeuges, die Erweiterung seines Aktionsradius und größere Genauigkeit der Ziel- und Abwurfsvorrichtungen wesentlich erhöht. Ein absoluter Schutz der Städte gegen Brisanzangriffe ist fast nur in der Verteidigung durch eine eigene starke Luftflotte und ausreichende Luftabwehr vom Boden aus gegeben: Flak- Ge-fchütze, Steilfeuer-Maschinengewehre, Scheinwerfer, Horchapparate.
Die Wirkung der Brand- und Sprengbomben auf die Städte wird vermehrt, wenn sie zugleich m i t giftigen Gasen gegen die Bevölkeruna angewandt werden. Denn obgleich es gegen die düngen» und Hautgase an sich einen ausreichenden Schutz durch Masken unb imprägnierte Schutzstoffe gibt, obgleich also die Gasgefahr als solche bürd), passive, zivile Maßnahmen wirksam genug bekämpft werden kann, so vermag ihre Kombination mit den übrigen Luftwaffen doch die Verteidiger stark zu behindern. Ein Gasangriff auf Städte ist während des Weltkrieges noch nicht erfolgt. Er war jedoch bereits für Frühjahr 1919 auf Berlin vorgesehen. Jeder Luftschutz muß daher auch den Gasschutz umfassen. Die Lage der Städte im Luftkrieg erfordert somit umfassende Vorbereitungen zu ihrem Schutze. Es ist ein neues Aufgabengebiet für die Zivilbehörde, dem sie nicht früh genug ihre Aufmerksamkeit widmen kann.
politisch Gebildeten eine Selbstverständlichkeit ift,feine Angriffshandlung, das ganze Land stellte wird sich auf den Selbstunterricht nicht verlassen bei dem heutigen Stande der Kriegführung —-eine dürfen. Verbreitung von Kenntnissen setzt Unter-! verteidigte Festung dar. Jede -stabt, ja alle Dörfer richt und Unterricht voraus, Urteilsfähigkeit eine । und Wohnstätten waren Instrumente der natwna- gewifse Tradition. Wenn wir uns in unserem Vater-1 len Kraftentfaltung. Es gab keine wirksamen -Lren= lande umsehen, so sehen wir nur geringe Ansätze i nungsstriche mehr zu ziehen wie in früheren Ärie» dazu. Vor dem Kriege behandelte man die militari» gen, wo nur hier und da die Heerhausen aufeln- schen Angelegenheiten gemeinhin als Sache des Res-1 ander stießen, während die friedlichen -stabte im sorts unb glaubte sie beim Kriogsministerium unb wesentlichen unbehelligt ihrem alten Handel und
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Es kann hier nicht ber Platz sein, bie Kämpfe im einzelnen zu schilbern. Mit einer Erbitterung unb
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Die Angriffsbebingungen auf Verbun waren nicht ungünstig, da ber oorfpringenbe Winkel ber französischen Verteidigungslinie eine zusammenfassende Feuerwirkung von mehreren Seiten gestattete. Der Angriff wurde auf dem östlichen Maßufer festgesetzt. Vorbedingung war die U e b e r r a f d) u n g. Ursprünglich sollte ber Angriff am 12. Februar 1916 beginnen. Die Wetterlage, grunblofe Wege unb starker Nebel, ber ein Einschießen der Artillerie unmöglich machte, verhinberte ben Beginn ber Operationen. Der Angriff würbe immer wieder verschoben, baburch gingen Tage von ausschlaggebenber Bebeutung verloren. Die Franzosen, benen bie Vorbereitungen nicht mehr verborgen bleiben konnten, verstärkten ihre Stellungen unb zogen Reserven heran. Endlich, am 21. Februar ging der Vorhang zu einer der gewaltigsten Tragödien der Kriegsgeschichte hoch
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Wert der Festungen für die moderne Kriegsführung schien zu sinken, nachdem Lüttich. Namur, Antwerpen unb Maubeuge bem beutschen Ansturm nur kurze Zeit Wiberstanb leisten konnten. Die gesamte Front entwickelte sich allmählich zu einem langgestreckten Festungsgürtel.
Als General von Falkenhayn nach ber Marneschlacht an Stelle von General von Moltke ben Oberbefehl über bas beutsche Heer übernahm, war zwar bie beutsche Front noch in Teilbewegung, sie erstarrte aber immer mehr, anmentlich als bie Schlacht an ber Pser, von ber Falkenharm eine entscheidenbe Wirkung auf ben Krieg erhofft
August 1916 erfolgte bie Kriegserklärung Italiens an Deutschland, Rumäniens an Oesterreich und unsere Kriegserklärung an Rumänien.
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falkenhayn hoffte durch einen großangelegten, Mb-wutz,en Angriff, durch feine „Ermatlunqs: ftrategie Frankreich zum Verbluten bringen zu tonnen, erhoffte weiterhin die anderen Frontteile des Westens von französischen Reserven zu entblößen und dadurch die Gefahr eines erfolgreichen Angriffs der Feinde zu bannen und er entschloß sich — zum Angriff auf Verdun. Er sagt in
hatte, im November 1914 zu Ende ging und bie „ „ . , ___
Ruhe bes Todes sich über die blutgetränkte Erbe; einem Heldenmut ohnegleichen wurde auf beiden Flanderns legte.
Falkenhayns Grundauffassung ging im Gegensatz zu Hindenburg und Ludendorff dahin, daß man die Kriegsentscheidung nur i m W e st e n suchen könne. Er wollte aber nichts von einer Durchbruchsschlacht mit Entscheidung suchender Tendenz wissen, sondern zog einen begrenzten, des Erfolges sicheren Offensiv- schlag vor. Ludendorff sagt an einer Stelle seiner Erinnerungen: „Immerhin konnte der Angriff auf Verdun mit stärkeren Kräften — das war möglich einen sehr erheblichen örtlichen und bedeutenden politischen Erfolg haben. Er konnte zu einem gro- °Cnc.tatS!^en E^olg führen, wenn man sich dieses Zrohe Ziel gesteckt unb planmäßig verfolgt hätte. Wir wissen es jetzt aus ben Veröffentlichungen bes
seiner Denkschrift: „Noch ist Verdun bie mächtigste Stütze für jeben feinblichen Versuch, mit verhältnismäßig geringem Kraftaufwanb die ganze beutsche Front in Frankreich unb Belgien unhaltbar zu machen. Die Beseitigung biefer Gefahr als Neden- ziel ist militärisch so wertvoll, daß dagegen ber bei einem Angriff auf Belfort sozusagen „nebenbei" abfallende politische Erfolg ber Säuberung bes süb- westlichen Elsaß nicht wiegt." Unb er wußte, daß Frankreich schon aus Prestigegründen für Verdun feinen letzten Mann einsetzen würbe. Die Eroberung ber Festung selbst kommt für Falkenhayn erst in zweiter Linie in Frage. Die Hauptsache ist für ihn bie „Ausblutung" Frankreichs. Ein völlig neuer Gebanke im Kampf um ben Enbsieg.
gebachte, weder bei ber Hebern ahme meiner neuen Stellung noch später." Beide erwirkten unmittelbar nach der Uebernahme ihrer neuen Stellungen vom Kaiser ben schwerwiegenben Befehl zur Einstel- lung bes Angriffs auf Verdun.
Wenn man nun rückschauend, unvoreingenom- men und unter Berücksichtigung der feindlichen Quellen das Unternehmen von Verdun betrachtet, so kann man feststellen, daß die Beeinflussung ber französischen Kriegsführung burch das deutsche Ver- bun-Unternehmen schon im April-Mai 1916 gewaltig war. Schon im März 1916 konnten bie Franzosen nicht mehr auf das unmittelbare (Eingreifen des englischen Heeres rechnen, bas russische Heer war noch nicht wieder kampfbereit, in Italien war wegen ber Jahreszeit keine militärische Hanblung grö- ßeren Stils zu erwarten unb General Joffre mußte bte Verbündeten bitten, an ihren Fronten ein Höchstmaß von feinblichen Kräften zu hinten, man müsse baburch bie Deutschen hindern, alle verfügbaren Kräfte vor Verdun gegen bie Franzosen zu werfen. Ja, es gab im französischen Hauptquartier schon Stimmen, bie bie Preisgabe von Verbun verlangten. Man hoffte auf französischer Seite, daß die Deutschen sich vor Verbun ausbluten würden, baß ihre Wiberstanbskraft an ben anderen Fronten gelahmt würbe. Frankreich hatte sich nach ben Abmachungen von Chantilly (6. bis 8. Dezember 1915) seinen Bunbesgenossen gegenüber verpflichtet, 39 ausgeruhte kampfkräftige Divisionen für bas Somme-Unternehmen zur Verfügung zu stellen, infolge des Angriffs ber Deutschen auf Verbun konnte es aber am 1. Juli nur 15 Divisionen bereitstellen. Frankreich war infolge ber ungeheuren Menschenverluste (bis 31. Dezember 1916 1294 000 Tote unb bis 1. September 1916 1 862 000 Verwundete) gezwungen, zwei Jahrgänge der Jahre 1896 unb 1897 ber Front zuzuführen. General Pätain mußte seinem Generalissimus Joftre melben, daß eine Reihe von Einheiten für Verdun nicht mehr brauchbar seien und es vieler Wochen bedürfe, um diesen Truppen wieder den inneren Halt zu geben. „Mit dem Tode im Herzen" mußte Petain für Verdun immer neue Divisionen anfordern. Diese Aeuße- rungen größter moralischer Depressionen ließen sich aus ben feindlichen Quellen vervielfachen.
War Verdun ein deutscher Sieg oder eine deutsche Niederlage? Das deutsche Kviegsarchiv steht auf bem Stanbpunkt: „Auch bie Lichtblicke großer offenkundiger Waffenerfolge können nicht darüber hinwegtäuschen, daß Verbun eine beutsche Niederlage von erschreckenb weittragender Bedeutung gewesen ift." Das neu erschienene Buch von Hermann Ziese- Beringer „Der einsame Feldherr, die Wahrheit über Verbun", kommt auf Grunb bes Studiums ber feinblichen Quellen zu einem entgegengesetzten Ergebnis. Auch über Verdun wirb ber Kampf in ber Fachliteratur noch lange hin- unb herwogen. Auch von Verdun kann man, wie von der IDtarnef'' "" sagen: Schuld oder Schicksal? h 1
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Seiten gekämpft. Douaumont, Vaux, Fleury, Thiau- mont, Louvemont, Pfefferrücken, Cote de Talou, der Tote Mann unb Höhe 304 waren bie Brennpunkte bieses unerhörten Ringens. Nach anfänglichen Erfolgen lief sich der Angriff fest. Am 4. Juni begann in Rußland die erste große Brussilow-Offensive, am 22. Juni die Entlastungsoffensive an ber Somme. Die beutschen Verluste vor Verbun standen nicht mehr im Verhältnis zu bem Gewinn an Raum. Im
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Verdun.
Am 21. Februar jährte sich ber Tag, an dem vor 18 Jahren die „Hölle von Verdun" ihren Anfang nahm. Allen Frontkämpfern, die aus dieser Hölle entkamen, wird das Erlebte und (Erlittene unauslöschlich in der Seele haften. Um diese Festung haben zwei Völker mit einer (Erbitterung, mit einer Heldenhaftigkeit gerungen, wie bie Geschichte ber Menschheit solche noch nie erlebt hat. Hier sind nahezu 700 000 Menschen den Heldentod fürs Vaterland gestorben, von denen etwa zwei Drittel auf die Franzosen, ein Drittel auf uns entfallen. „Verdun lag", so schrieb Kronprinz Friedrich Wilhelm in seinen (Erinnerungen, „wie ein Alp auf den beteiligten Stäben unb Truppen. Unsere Verluste waren für uns zu schwer. Es kam noch ber seelische Druck hinzu, ber burch Verdun bas gesamte Westheer belastete." Dieser seelische Druck war verständlich, weil dieser übermenschlichen Kraftanstrengung kein sichtbarer Erfolg beschieden war, wie z B. in den Schlachten von Tannenberg und an den masurischen Seen. Eine tiefe Schwermut lag über diesem unfaßbaren Geschehen. Marne-Schlacht und Verdun sind in dem Bewußtsein unseres Volkes und namentlich der Mitkämpfer, als zwei rätselhafte Ereignisse verankert, bie schon bald von ber ßegenbe überwuchert wurden.
Warum, so taucht immer wieder die Frage auf, warum wurde dieses Unternehmen ins Leben gerufen, warum hat man gerade diese gewaltige Festung zum Angriffsgegenstand gewählt, wer hat diesen Plan gefaßt und zur Tat werden lassen, welchen Zweck verfolgte man mit diesem Angriff? Alles Fragen, die erst jetzt, nachdem auch feindliche Veröffentlichungen vorliegen, der Beantwortung entgegenreifen.
Mit dem Namen Verdun ist untrennbar ber Name bes Generals Erich von Falkenhayn oerbunben, ber sich später in ber Durchbruchsschlacht von Gorlice, bei ber (Eroberung Serbiens unb ber Niederwerfung Rumäniens als ausgezeichneter Felbherr erwiesen hat.
Als bie beutschen Heere im August unb September 1914 burch Belgien weit ausholenb nach ber Marne strebten, würbe ber Name Verbun kaum in ben Heeresberichten genannt, obwohl bie Truppen bes deutschen Kronprinzen die Festung bis auf eine Lücke im Süden des Befestigungsgürtels von etwa 20 bis 25 Kilometer umzingelt statten. Die große Kette der französischen Festungen Verdun—Toul— Epinal—Belfort blieb nahezu unberührt. Der Franzose sah sich durch ben siegreichen Vormarsch ber Deutschen burch Belgien unb Nordfrankreich gezwungen, alle nur irgendwie entbehrlichen Truppen aus bem Bereich ber Festungen an die Marne zu werfen, um hier ben Zusammenbruch der Front zu verhindern. Nach unserem Rückzug an ber Marne erstarrte die Front in Frankreich langsam. Der
Neue gewaltige Ausgaben unb Entscheibungen brängten zur Lösung. Unsere Bundesgenossen mußten gestützt unb bie Lage auf dem Balkan gemeistert werben. Dieser Verlauf der Dinge gab wohl ben letzten Anstoß zur (Ernennung bes Generalfelbmar- schalls von Hinbendurg zum Chef des Gene- ralftabs unb Lubenborffs zum Ersten Generalquartiermeister. Hindenburg schreibt in seinen Lebenserinnerungen darüber: „Welche Gründe unsere plötzliche Berufung in ben neuen Wirkungskreis veranlaßten, erfuhr ich aus bem Munde meines Kaisers, der meines Vorgängers stets ehrend
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