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Fahnen der Vereine des ehemaligen Lahntal-Sän­ger-Bundes. Damit schloß die* eindrucksvolle Kund­gebung, der eine große Menschenmenge beiwohnte.

Am Nachmittag sah man in den prächtig ge­schmückten Straßen einen großen

Festzug

Fast alle 45 Vereine des Ohm-Lumdatalbundes und etwa 20 Vereine vom alten Lahntalbund nah­men daran teil, sowie einige Vereine von Grün­berg. Vor jedem Bunde gingen als gesonderte Gruppe die Fahnen voraus. Gegen 3 Uhr war der Festzug auf dem Festplatz auf der Käswiese ange­kommen. Hier war mittlerweile auch Ministerial­rat R i n g s h a u s e n eingetroffen. Nach kurzen Be­grüßungsworten durch Herrn Gengnagel sprach

Ministerialrat Ningshausen.

Er überbrachte die Glückwünsche des Staatsministe­riums und des Reichsstatthalters Sprenger. Er führte in seiner Rede etwa folgendes aus: Gerne spreche ich hier zu Sängern, denn im Lied, beson­ders im Volkslied, wohnt eine Kraft, die zu gro­ßen Taten begeistern kann. Das zeigt uns sehr deut­lich die Geschichte, die uns lehrt, daß große Zeiten reich an Liedern sind, z. B. die Zeit der Befreiungs­kriege. Das kommt nicht von ungefähr, denn das Volkslied ist der Ausdruck des inneren, seelischen Er­lebens. Je tiefer ein Volk bewegt und erschüttert wird, desto reicher fließen seine Lieder. Das hat auch die kurz hinter uns liegende Zeit der nationa­len Erhebung bewiesen, die über viele wie eine Sturmwelle dahinging und sie mitgerissen hat und uns manches neue Lied geschenkt, oder andere wie­der zu Eyren gebracht hat.

Wer hat in den letzten 14 Jahren gesungen und wer hat nicht gesungen? Gesungen haben z. B. nicht die Herren Bankiers oder Jndustrieherren nach irgendeiner auf materielle Interessen eingestellten Tagung, aber gesungen haben unsere Anhänger, weil sie einen Glauben im Herzen trugen. Der Ge­lang ist der Ausdruck unseres Glaubens an das Volk.

Ein Volk, das singt, hat Glauben an Heimat und Vaterland, ein Volk, das nicht fingt, ist tot.

Daher ist unser Zusammenkommen als Sänger ein Beweis, daß wir leben.

Aber das deutsch^ Lied ist auch ein eini­ge n b e s Band f ü r das Volk, in ihm wohnen Kräfte, sowohl für den Augenblick, als auch für die Zukunft. Es ist etwas Gutes, daß im Gegensatz zu früher, zum Teil schon in der Vorkriegszeit, als der Gassenhauer eine leider allzu große Rolle spielte und geschäftlich eingestellte Kreise diese Art des Gesan­ges für ihre materiellen Vorteile auszubeuten such­ten heute das Volkslied wieder mehr und mehr in den Herzen unseres Volkes Wurzeln zu schlagen beginnt. Wir begrüßen diese Bewegung und wollen sie unterstützen. Schwierige, geschraubte Kunstchöre, die wochenlange Arbeit erfordern, sind nicht volkstümlich.

Weil das Volkslied dem Volke gehört und die Gesangvereine gleichsam als kernlri ? diese Bewegung zu tragen haben, so werden sich in Zukunft auch Wege finden müssen, um die nötige Zeit zur Pflege des Volksliedes zu geben, fei es, um es vielleicht auch nur ein­ober zweistimmig zu fingen. (Bravo.)

Mit einem kurzen Hinweis auf bie Ereignisse in diesen Tagen, betonte ber Redner, jetzt sei für alle doppelte Pflichterfüllung erforderlich und dies ganz besonders im Hinblick auf die h e h r e G e st a l t unseres Führers, der erneut wieder bewiesen hat, daß er das Wohl Deutschlands über alles stellt und mit eiserner Hand gegen alles Minderwertige durchgreift.

Wer so die Treue hält wie der Führer dem deutschen Volke, verdient die gleiche Treue,

bie wir ihm mit einem breifachen Sieg-Heil geloben wollen. Begeistert stimmten die Festbesucher ein, wie auch schon an einzelnen Stellen der Ansprache begeisterte Zustimmungsrufe (Bravo und Heil!) er­folgten. Persönlich überreichte dann Ministerialrat

Ringshausen dem Dereinswalter, Uhrmacher­meister Richard Jöckel, den zweiten Band des Volksliederbuches, für sede Stimme 14 Stück. Wegen anderweitiger Verpflichtung verabschiedete sich Herr Ministerialrat Ringshausen bald darauf.

Im Namen der Stadt begrüßte noch Bürger­meister Dr. M i l d n e r alle Sangesbrüder und Fest­gäste.

Wünsche zum Jubiläum des Männerchores wur­

den noch ausgebracht von den Vereinen Queckborn, Lollar u. a.

Chöre der Gesangvereine, Leben und Treiben auf dem Festplatze setzten alsbald ein. Das herr­liche Wetter, das den Tag über herrschte, hatte großen Zustrom von Festbesuchern gebracht. So nahm das Fest auch äußerlich einen guten Verlaus.

Am Montag wird sich noch ein Jugendfest an- schließen.

Aus der proviuzialhaupistadi.

Ferienzeit.

Ferien! Das Wort hat besonderen Klang. Von überall fliegen Wünsche und Hoffnungen wie schil­lernde Märchenvögel heran, einer immer bunter als der andere und lockender. Sie mußten während der Schulzeit in den Käfigen sitzen und von Tagen der goldenen Freiheit träumen. Nun sind die Tore in ein Schlaraffenland sperrangelweit geöffnet, und hinter ihnen dehnen sich schier endlos die Gefilde, über denen ein blauer Himmel luftige Zelte wölbt, unter dem die Stunden mit schimmernden Segeln endlos dahingleiten und in süßem Nichtstun sich Körper und Seele wohlig an das Losgelöstsein von Zeit und Raum verlieren. Das Klassenzimmer blickt nur ganz von Ferne in verschwommenen Umrissen durch das Fenster der Erinnerung, und die Lehrer leben als bloße Namen in dem Gedächt­nis. Denn nun ist man ganz Ich. Nun darf man es fein.

Ferientage sind gerade für die Jugend ein Jung­brunnen. Denn sie sollen die Jugend an ihren eige­nen Quellen und in den besonderen Bezirken ihres Lebensraums auffrischen. Nur wenn Jugend sich zu Jugend gesellt, werden jene Kräfte frei und ent­falten sich ungehemmt und unbekümmert, in denen das Ureigne im Keime verborgen liegt, was sich später zu der Persönlichkeit entwickeln soll, deren besondere Veranlagung den eigenen Zuschnitt aus­machen wird. Allzuviel Theorie bedrückt die Jugend­erziehung heute an sich schon nicht mehr. Man ist längst vom verallgemeinernden Buchstaben, in dem der junge Mensch der Sklave desPensums" sein mußte, zur Verlebendigung des Einzelwesens vor­gedrungen. Für dieses Einzelwesen sollen die Ferien das sein, was bie Koppel für bie Fohlen ist: Tummelplatz für bas körperliche unb bas see­lische Ich, Märchenwiese unb Sportforum zugleich.

Ferien! Keine Aufgabe wirft ihre beklemmen- ben Schatten auf ben nächsten unb übernächsten Tag. Jeber Tag ist in eitel Wonne getaucht, jeber Morgen voll ber reichsten Möglichkeiten. In biesen Tagen ber Freiheit ist innerlich schon mancher bas geworben, zu was er später langsam reifte. Denn bie Freiheit vermag in ben meisten Fällen erst bie Möglichkeit eines tieferen Hineinhorchens in sich selbst, eines Aufmerkens auf sein noch unbewußtes anberes Ich zu geben.

Ferienfreiheit aber soll nicht in Zügellossigkeit unb öbe Faulenzerei ausarten. Denn ber Mensch mag reifen ober nur bie nähere unb weitere Um­gebung burchwanbern, wo er geht unb steht, spricht mit ber Gegenwart auch bie Vergangenheit zu ihm. In biesen stillen Plauberstunben mit ber Natur kann er reiche Schätze für bie Zukunft sammeln, weil sich aus ber unmittelbaren Schau, wenn sie gleichzeitig Rückschau unb Ausschau wirb, Stein unb Steinchen zu bem Silbe zusammenfügt, bas sich zur Lebens- unb Weltanschauung vervollkomm­nen soll. Wer so seine Ferien genießt, machte seine Freizeit zur Saat unb Erntezeit.

Oie Wiedersehensfeier der ehemaligen 116er.

Zu ber in unserer Ausgabe vom vorigen Freitag abgebrudten Zuschrift bes Vereins ehe - m'a liger 116er, in ber über bie Vorbereitung ber Wieberfehensfeier ber ehemaligen 116er berich­tet wirb unb auch über bie zur Teilnahme am Festzug aufgeforberten Formationen Mitteilungen

gemacht werben, ist nach einer weiteren Erklärung ber zustänbigen Vereinsführung noch zu berichten, baß zu ben zum Festzug aufgeforberten Forma­tionen auch ber NSDFB. (früher Stahlhelm) ge­hört. Da ber NSDFB. zur Arbeitsgemeinschaft ber Militär- und Regimentsvereine unserer Stabt zählt, hatte der Verein ehemaliger 116er in seiner Zu­schrift vom Freitag von einer besonderen Erwäh­nung des NSDFB. Abstand genommen.

n.5.T)olfsrooblfabrt

Pfundpäckchensammlung ber VSV.-Orlsgruppe Glehen-Osi.

Mittwoch unb Donnerstag, 4. unb 5. Juli, sammeln Mitglieber ber NSD.-Frauen» schäft Lebensrnittel in Pfunbpäckchen. Es wird ge­beten, bie Spenden zum Abholen bereitzuhalten und den Inhalt ber Päckchen durch Aufschrift kenntlich zu machen.

Sprecher der Jugend bei den Dertrauensräten.

Durch bas Gesetz zur Orbnung ber nationalen Arbeit würben an bie Stelle ber alten Betriebsver­tretungen, Dertrauensräte gesetzt, beren Aufgabe bie Fvrberung unb Pflege bes Vertrauens inner­halb ber Betriebsgemeinschaft ist. Bereits vor Mo­naten gab es in ersten Betrieben Jugenbbetriebs- zellenobttute, bie als Sprecher ber Jugenb ben damaligen Betriebsräten beigeorbnet waren. Mit ber Einglieberung ber NS.-Jugenbbetriebszellen in bie HI., kamen biefe jugenblichen Betriebszellen­obleute in Fortfall. Das hat sich nachteilig ausge­wirkt, benn bamit verloren bie Jungens unb- bels in ben Betrieben ben Kameraben, ber als ihr Altersgenosse ihre Sorgen teilte unb zugleich ihr Vertrauensmann ber bamaligen Betrievsvertretung war.

Um bas Vertrauensverhältnis im Betriebe zu stärken unb ber Betriebsführung bie Möglichkeit zur engsten Verbinbung mit bem Betriebsnachwuchs zu sichern, ist zwischen HI. unb ber Arbeitsfront folgende Vereinbarung getroffen worben:

Dem Dertrauensrat wirb ein Mitglieb ber HI. bzw. bei ben weiblichen Jugenblichen ein Mädel bes BbM. alsSprecher ber Jugenb" beigegeben.

Der Sprecher ber Jugenb vertritt feine Kame­raben innerhalb des Vertrauensrates, insbefonbere bei bem Betriebsführer unb nimmt sich aller An­gelegenheiten an, die den Betriebsnachwuchs be­treffen.

Er bekommt feine Anweisungen vom Vertrauens­rat und ist außerdem bem Referenten (Referentin) im sozialen Amt ber HI. (BbM.) verantwortlich. Da die Jugenbleiter ber DAF- bzw deren Verbände als Referenten der HI. zu gelten haben, find bie Sprecher ber Jugenb biesen verantwortlich. Die Verbinbung ber Sprecher ber Jugenb mit ben Re­ferenten ber HI. unb damit dem Sozialamt der

HI. soll ber Pflege ber Kamerabschaft im Betriebe unb ber Heranbilbung ber Jugenb zu einem neuen Berufsethos bienen.

Die Betriebsgruppenjugenbleiter unb beren Re­ferentinnen werben in allen Betrieben mit minbe- ftens 5 Jugenblichen aus ber Zahl berfelben einen Jungen bzw. ein Mäbel auswählen unb im Ein- oerftänbnis mit bem Vertrauensrat bes Betriebs alsSprecher ber Jugenb" einfetzen. Der Spre­cher ber Jugenb muß Mitglieb ber HI. e i n unb bas Vertrauen feiner Kameraben be« itzen. Sämtliche Betriebsgruppenjugenbleiter unb )eren Referentinnen müssen mir bis zum 1. Juli 19 3 4 bas Einsetzen berSprecher ber Jugenb" in allen ihren Betrieben mit genauer Personalangabe gemelbet haben. Es ist weiterhin eine Selbstver- stänblichkeit, baß alle Kreis- unb Betriebsgruppen­jugenbleiter barauf sehen, baß alle jugenblichen Mitglieber ber DAF. auch Mitglieber ber HI. sinb. Die Betriebsgruppenjugenbleiter haben mir bis zum obengenannten Termin ihre genaue Anschrift einzusenden, weiterhin haben sie mir sämtliche ju­gendliche Mitglieder der DAF. in ihren Betrieben zu melden (Mitglieder der Betriebsgruppen sind auch Mitglieder ber DAF.). Die Betriebsgruppen­jugenbleiter melden ebenfalls bis zum 1. Juli 1934, wo noch Heimabende der Betriebsgruppen statt- finben.

Der Kreisjugendleiter ber DAF. unb Referent für zusätzliche Berufsschulung im Bann 116: gez.: Walter Fritzges, Scharführer.

(Meine Anschrift: Gießen, Schanzenstrahe 18.)

Oberhessische Gesellschaft für Natur- und Heilkunde.

Die Oberhessische Gesellschaft für Natur- unb Heil- funbe (Naturwissenschaftliche Abteilung) hielt dieser Tage im Zoologischen Institut eine Sitzung ab.

Der Vortragenbe bes Abenbs war Prof. W. I. S ch m i b t. Er sprach zuerst über ben Wanbel ber Doppelbrechung bes Chitins bei der Nitrierung. Chitinsehnen kehren unter der Wirkung starker Salpetersäure ihren optischen Charakter um, wie durch Mikroprojektion in polari­siertem Licht vorgeführt wurde. Diese Reaktion ist vergleichbar ber Nitrierung unb Azetylierung ber Zellulose, bie ebenfalls von einem Wechsel des Vor­zeichens ber Doppelbrechung begleitet ist. Zellulose I unb Chitin stehen sich nach neueren Untersuchungen strukturchemisch sehr nahe unb sinb beibe aus sub­mikroskopischen Kriställchen aufgebaut. Da jeboch bie Kristallite bes Chitins negativ boppelbrechend sinb, im Gegensatz zu ben positiven ber Zellulose, so hanbelt es sich beim Chitin nicht um Umkehr bes optischen Charakters ber Eigenboppelbrechung durch bie Nitrierung, fonbern nur um Derstär - kung ber ursprünglichen negativen Doppelbre­chung. Nun wirb aber bie negative Eigenboppel­brechung bes Chitins von starker positiver Form- boppelbrechung überlagert unb überkompensiert; steigt also bie negative Eigenboppelbrechung durch bie Nitrierung, so kommt es zu einer Umkehr bes optischen Charakters. (Die geschilberte Reaktion ist ausführlich behanbelt bet W. I. SchmibtDer Wanbel ber Doppelbrechung bei ber Nitrierung bes Chitins", Z. f. miss. Mikr. 50 (1933), 296304.)

Die zweite Mitteilung betraf ein seltsames Gänseei. Es würbe ein im Nilsanb gefunbenes Gänseei vorgelegt, bas eine merfroürbige, kalkige Ueberschale besitzt, bie in ihrer sphäritischen Struk­tur auffaUenb an bie einer wirklichen Vogeleischale erinnert. Eine genauere strukturelle unb chemische Untersuchung ber Ueberschale unb ber ähnlich ge­bauten Kruste auf ber Innenseite ber Gänseeischale ergab aber, baß bie Ueberschale unb bie Jnnen- frufte Kalksinterbilbungen sinb, bie sich auf ber Gänseeifchale abgefetzt haben, während sie sich in kalkreichem Wasser befand. Ausführlich wirb bas seltsame Gänseei in ben Berichten ber Oberhess. Ges. f. Natur- unb Heilkunbe (naturwissenschaftliche Abi.) geschildert werden.

Zum Schluß wurden lebende Skorbione vorgeführt. Nach einer kurzen Erläuterung von Bau unb Lebensweise ber Skorpione würben brei lebende Stücke von Euscorpius carpathicus L.

Jagd nach Heinrich IV.

(Lineliterarische" Kriminalgeschichte von Andreas polher.

Gleich nachdem der aufgeregte Klient unser Büro verlassen hatte, wurde ich zum Chef gerufen. Schmidt", begann er,jetzt ist endlich Zeit, daß Sie aufwachen. Ich habe mir redlich Mühe ge­geben, aus Ihnen einen brauchbaren Privat- Kriminalisten zu machen: Sie aber schreiben Verse hundsmiserable Gedichte..."

Ich wollte protestieren. Doch mein Chef ließ mich gar nicht zu Worte kommen.Schmidt, ich gebe ihnen eine letzte Chance! Man hat Heinrich IV. ent­führt ... Suchen Sie nach ihm, finden Sie ihn, und ich will Sie als Sherlock Holmes preisen..."

Der Alte war erregt; es handelte sich also keines­wegs um eine Bagatellsache. Da ich auf den Turf nur selten und in Hundeausstellungen niemals gehe, wußte ich nicht, ob ber entführte Heinrich IW ein edles Rennpferd oder ein preisgekrönter Terrier war. Mein Chef legte mir wortlos das Stenogramm feiner Sekretärin vor. Es gehörte zu den Gepflogen­heiten des alten Fuchses, bie Aussagen seiner Klienten im Wortlaut durch seine Sekretärin auf­nehmen zu lassen. Sie saß, dem Besucher unsichtbar, hinter einem Vorhang und schrieb mit.

Aus bem Protokoll erfuhr ich folgendes: Der be­kannte Antiquar Wiesinger war gestern nach Ham­burg gekommen und hatte auf einer Kunstversteige­rung eine äußerst seltene Ausgabe von Shake­speares Heinrich IV. erworben. Es handelte sich um einen sogenannten Raubdruck des Dramas aus dem Jahre 1594, mit einer eigenhändigen Unterschrift des großen Briten. Da von Shakespeare bekanntlich nur insgesamt sechs eigenhändige Namenszüge der Nachwelt erhalten blieben, war diese ungebundene, aus einigen Dutzend vergilbten Blättern bestehende Quartausgabe ein Unikum. Bei der Versteigerung war um ihn ein heißer Wettstreit unter ben aus zahlreichen Ländern erschienenen Sammlern unb Händlern entbrannt, aus dem Wiesinger als Sieger hervorgegangen war.

Nach der Auktion wollte er sich zu Fuß nach seinem Hotel begeben. Seine kostbare Erwerbung trug er unter dem Arm in einer blauen Ledertasche. Als der Antiquar am Jungsernstieg den Damm überquerte, wurde er von einem Radfahrer umge­stoßen. Nachdem er sich wieder aufgerichtet, ge­wahrte er mit Entsetzen, daß bie Mappe mit bem wertvollen Inhalt verschwunden war. Da Wiesinger aus gewissen Gründen es vermeiden wollte, bei ber Polizei Anzeige zu erstatten, wandte er sich an uns. In seiner Wut unb Verzweiflung traute er jetzt jedem seiner Kollegen ben Gewaltstreich zu.

Ich fühlte mich im gleichen Maße geehrt unb er­drückt von biefem Auftrag.

Mit einem Spesenvorschuß unb bem Segen meines Chefs versehen, machte ich mich auf ben Weg. Er war ber selbstverständlichste, den ich gehen konnte er führte mich zur Polizei. Leider hatte der Finder der blauen Aktenmappe vergessen, sie an ber Fundstelle abzuliefern.

In einem Kaffeehaus, in dem ich einen starken, ben Geist anregenden Mokka zu mir nahm, schrieb ich die Adressen sämtlicher Hamburger Trödler auf. Es gab ihrer nur allzuviele. Für meinen augen­blicklichen Bedarf hätte auch die Hälfte genügt.

In den nächsten Stunden wanderte ich, geduldig unb ergeben, von einem Altwarenhänbler zum anderen. Man legte mir Aktenmappen vor, alte und neue, aber die gesuchte war leider nicht dar­unter. Mit nur geringer Hoffnung suchte ich bei Eintritt der Dunkelheit in einem kleinen Gäßchen am Schulterblatt nach dem nächsten Trödler, den meine Liste verzeichnete. Als ich endlich vor «dem düsteren Kellerladen stand, pochte mein Herz laut. Ich hatte in dem kleinen, trübe beleuchteten Schau­fenster, zwischen von Herrschaften abgelegten Klei­dern, alten Photoapparaten und einer verbeulten Sprechmaschine eint beinahe noch neue Akten­mappe aus blauem Saffianleder erblickt! Ich besaß eine genaue Beschreibung der geraubten Mappe sie lag vor mir im Schaufenster, ein Irrtum war ausgeschlossen.

Schon befand ich mich unten im Keller. Als ich ihn zehn Minuten später verließ, wußte ich, daß die Mappe die leere Mappe vor wenigen Stunden ein gewisser Hans Bleikugel dem Trödler verkauft hatte. Ich erwarb sie von ihm unb erhielt als Zugabe die Adresse des Verkäufers.

Es war schon spät abenbs, als ich in Sankt Pauli zögernd vor einer kleinen Kneipe stand. Ich hatte Hans Bleikugel nicht angetroffen. Der Mann wohnte schon lange nicht in dem angegebenen Haus. Sein früherer Wirt kam erst spät heim: Von ihm erfuhr ich, daß sein einstiger Mieter einen Bruder besaß, der in der Nähe der Reeperbahn eine kleine Kneipe unterhielt. Ich trat ein.

Hinter der Theke des engen, unfreundlichen Raumes stand ein baumlanger Kerl mit wenig ein­ladender Miene. Ich grüßte'und verlangte ein Glas Bier. Noch während ich überlegte, wie ich es am besten anstellte, mich nach dem Bruder zu erkundi­gen, betrat dieser bas Lokal. Ich erkannte ihn nach der Beschreibung bes Trödlers sofort. Er übertraf noch an Körperlänge unb finsterer Miene feinen Bruder.

In dem Raum war ich im Augenblick der einzige Gast. Plötzlich bemerkte ich, daß Hans Bleikugel, der mich bisher kaum beachtet hatte, zu meinem Tisch herüberstarrte. Ich spielte den Harmlosen unb bestellte ein zweites Glas Bier. Hans Bleikugel

brachte es persönlich. Er stellte es auf ben Tisch, unb wie zufällig stieß er den Stuhl neben mir um. Auf biefem aber lag, in Papier nur schlecht ein­gewickelt, bie blaue Aktenmappe. Hans Bleikugel hob sie auf, legte sie, ber Hülle entlebigt, wortlos auf ben Tisch und sah mich an.

Ich begann mich unbehaglich zu fühlen. Hans Bleikugel wechselte leise mit feinem Bruber einige Worte; bie beiden näherten sich mir. Ich legte auf den Tisch ein Geldstück, griff nach meiner Mappe unb trachtete bem Ausgang zu. Doch Hans Blei­kugel war mit einem Satz vor der Tür. Als ich feinen Blick sah, lief es mir kalt über den Rücken.

Im Bruchteil ber Sekunbe überlegte ich: Ich mußte bem Kerl einen Schwinger versetzen unb auf bie Straße stürmen. Jeber mutige Mann hätte an meiner Stelle ähnlich gehandelt. Nun, ich gestehe: mir fehlte dieser Mut. Ich flüchtete nach dem Neben- raum des Lokals und schob eilig den Riegel vor. Hier wollte ich mich verbarrikadieren, bis Hilfe kam.

Ich -hatte Glück: das kleine Fenster des ver­schwiegenen Ortes führte nach einem, trotz der späten Stunde noch belebten Hof und war nicht vergittert. Ich war schon im Begriff, mich durchzu­zwängen, als mein Blick zufällig auf das Päckchen Papier fiel, das, wie an ähnlichen Orten üblich, auf Bindfaden aufgezogen an einem Nagel hing. Hastig griff ich danach und stopfte es in meine Manteltasche. Dann flüchtete ich.

*

Mein Chef gebärdete sich höchst ungnädig, als ich ihn mitten in der Nacht aus dem Bett holte. Ich ließ ihn ruhig austoben, dann legte ich wortlos ein Päckchen vor ihn. Es war das säuberlich auf Bind­faden ausgezogene Papier aus der Bleikuqelschen Kneipe. Mein Chef warf einen Blick darauf, dann brüllte er:

Mensch, Schmidt! Wie ist es Ihnen bloß ge­lungen?!"

Vor ihm lag die berühmte Quartausgabe von ShakespearesKing Henry" mit ber eigenhänbigen Unterschrift bes Dichters. Nicht ein Blatt fehlte; bie kleinen Locher, bie ber Binbfaben verursacht hatte, waren unbebeutenbe Schönheitsfehler.

Nachdem der Alte meinen Bericht zu Ende gehört, rief er:

Schmibt, Schmidt! Wissen Sie, was geschehen wäre, wenn Sie den Kerl niedergeboxt hätten? Kaum wären Sie hinausgestürzt, hätten bie Briiber in größter Eile bas verräterische unb ihrer Mei­nung nach wertlose, alte Papierbündel vernichtet, das ihnen ber Zufall in bie Hände spielte. Ihnen, Schmidt, verdanken wir es, daß diese kostbare Reliquie der Weltliteratur der Menschheit erhalten blieb. Ja, Mut ist eine schöne Sache, aber manch­mal kann ein bißchen, hm ... taktischer Rückzug mehr nützen."

Schwaben in aller Welt.

Eine kleine Geschichte, die in die Zeit der Ent­deckung Amerikas zurückreicht, wird im schwäbischen Volksmunde erzählt: Ein Begleiter des Kolumbus ber aus Schwaben stammte, hatte sich nach ber Entbeckung einer neuen Insel bei ber Rückkehr aufs Schiff verspätet. Als er deswegen von Kolumbus zur Rede gestellt wurde, sagte er zur Entschuldigung: I han e Landsmann tröffe!" Wenn auch nicht wahr, so ist die Anekdote doch insofern gut erfun­den, als sie die Verbreitung der Schwaben über das ganze Erdenrund treffend kennzeichnet. Dr. Her­mann Rüdiger, der in dem Württemberger-Heft ber Jllustrirten Zeitung", Leipzig, biefes Weltfchickfal bes Schwabentums behanbelt, geht von ber Fülle bebeutenber Schwaben aus, bie überall auf ber Welt ihre Spuren hinterlassen haben. Da zieht sich von Peter Parier aus Gmünb, der im 14. Jahr­hundert ben Dom zu Prag erbaute, eine lange Reihe bis zu Karl Feucht, bem Monteur ber Dornier- Werke am Bobensee, ber mit Roalb Arnunbsen ben Norbpol überflog. Da sinb Ottmar Mergenthaler, ein einfacher Mann aus ber Gegenb von Mer­gentheim, ber in Amerika bie Linotype-Setzmaschine erfanb, unb Johann Friebrich Schöllkopf aus Kirch­heim unter Teck, ber bie Niagara-Kraftwerke er­baute. Doch nicht nur um ben einzelnen Schwaben hanbelt es sich, ber in allen Erbteilen Hervorragen­des vollbracht hat, fonbern um bie große Masse ber schwäbischen Auswanberer, bie als Missionare in bie Weite zogen unb z. B. im Herzen bes Schwarzen Erbteils zuerst bas Wort Gottes lehrten, bie als Solbaten für frembe Herrscher Länder eroberten, ober bie als Hanbwerker unb Bauern blühenbe Sieblungen errichteten. Infolge ber Kulturtaten bie­fes beutfchen Stammes ist bie Bezeichnung Schwabe" im Auslanb ein Ehrenwort geworben, mit bem man in Ungarn, in Sübflawien unb Ru­mänien, in Polen unb Rußlanb jeben Deutschen be­zeichnet. Auf biefem Ruf bes fchäbifchen Stammes beruht es auch, baß einer ber hervorragenbsten mit- telbeutschen Auslanbskolonisatoren, als er am Aus­gang bes 19. Jahrhunberts in Sübbrasilien eine beutfche Mustersieblung anlegte, biefeNeu-Würt- temberg" taufte unb als ersten Leiter einen schwä­bischen Pfarrer berief. In großen Teilen bes Süb- oft- unb Donauraumes hat mit bem Zusammen- bruch bes Magyarentums 1918 ein Wiebererwachen bes Donau-Schwabentums unb bamit eine deutsch- schwäbische Erneuerungsbewegung eingesetzt. So stehen bie Schwaben im Kampf um bas Deutschtum überall mit an erster Stelle, aber sie bebürfen babei auch ber Unterstützung ber Heimat, unb es ist für sie ein Trost, baß bas Schwabenlanb seine Söhne in aller Welt nicht vergißt unb sich mit ihnen in ber großen beutfchen Volksgemeinschaft über Gren-> zen unb Meere hinweg eng verbunden fühlt.