Nr. 151 Zweiter Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefien)
Montag, 2. Juli 1934
Das Ende der GPLt.
Systemwechsel oder Namenwechsel?
Don unserem Ht.-Korrespondenien.
Moskau, Juni 1934.
Die GPU. wird in ihrer Bedeutung auch in Deutschland bekannt sein. Sie ist die Fortsetzung der Tscheka, und diese ist die Fortsetzung der zaristischen O s ch r a n a. Teilweise sind damals die gleichen Beamten übernommen worden, auf jeden Fall ist das System das gleiche geblieben: staatlicher Terrorismus zu Gunsten des jeweils herrschenden Systems. Am 10. Mai starb nach langer Krankheit der letzte Vorsitzende der GPU., Stalins alter Kampfaenosse M e n s ch i n s k i. Sta- lin selbst, der rote Zar des allmächtigen Sowjet» Imperiums, schritt hinter dem Sarge. Es war ein außerordentlich prunkvolles Begräbnis. Und die Gerüchte schweigen nicht, die davon reden, es fei gleichzeitig dasBegräbnis der GPU. selbst gewesen. Ihre Befugnisse sollen der Justizoerwal» tung übertragen werden, ihre Sonderformationen sollen eingegliedert werden in die Rote Armee.
Eines jedoch soll man in Mittel- und Westeuropa niemals verkennen: die GPU. ist mehr als eine Verwaltungseinrichtung, sie ist ein Teil des gesamten Systems und wird niemals als geistige Wirklichkeit verschwinden, solange das jetzige System noch besteht. In Rußland ist man Meister in der Tarnung. Wenn eine Einrichtung des Staates unpopulär geworden ist, so wechselt man den Namen, so tauscht man die Führer aus, so hängt man ein neues ideologisches Mäntelchen darum, und schon ist man für eine Zeitlang wieder einmal gerettet. 1921, nach der ersten großen Terrorwelle der Tscheka, stand ein Volksaufstand gegen diese Henkergarden bevor. Lenin erkannte die Gefahr. Er wechselte den Namen, aus der Tscheka wurde die GPU., und der Terrorbetrieb wurde legalisiert. Nun wurde nicht mehr in aller Oeffent- lichkeit hingerichtet und beschlagnahmt, sondern nun geschah das ganz hinter verschlossenen Türen und mit sorgsamer staatlicher Buchführung. Auch wenn heute die GPU. verschwinden sollte, so ist damit noch nichts gesagt für das Verschwinden des Terrorismus selbst aus dem inneren Gefüge des einzigen marxistischen Großstaates der Erde.
Für ein System, das durch die Diktatur einer kleinen Minderheit ein Volk von 170 Millionen beherrscht, ist eine Terrororganisation geradezu eine Lebensnotwendigkeit. Die GPU., die nicht nur eigene Truppen unterhält, sondern die auch das ganze Land mit einer Armee von Spitzeln überzogen hat, soll alle „Staatsfeinde" verfolgen und vernichten. Seither war sie hierbei vollkommen selbständig. „Je nach Zweckmäßigkeit", das war das Zauberwort, das der hemmungslosen Will- für Tür und Tor öffnete. Ohne an die Durchführung eines ordentlichen Rechtsverfahrens gebunden zu sein, konnten die Machthaber der GPU. Verhaft u n g e n vornehmen, Verbannungen anordnen und Hinrichtungen vollziehen. Die Zahl der ins Eismeer Verbannten wird niemals festzustellen sein. Sie schwankt zwischen 250 000 und einer halben Million. Der Russe, der nicht der Kommunistischen Partei angehörte, konnte aus irgendeinem nichtigen Grunde verhaftet und vor Gericht gestellt werden. Entweder verschwand man dann im Eismeer ober man wurde in einem Keller eines GPU.-Gefängnisses erschossen. War es aus propagandistischen Gründen notwendig, die Verhandlung öffentlich durchzuführen, so inszenierte man regelrechte „S ch a u p r o z ess e", die durchs Radio ins letzte russische Dorf übertragen wurden und im allgemeinen mit einem reumütigen G e - st ä n b n i s der angeblichen Uebeltäter endeten. Diese Prozesse waren politisches Theater, nicht mehr! Das aber war gerade das furchtbare am GPU.-System, daß kein Mensch wußte, ob er nun
zur Stillung des Rachegelüstes eines größenwahnsinnig gewordenen GPU.-Beamten dienen sollte, oder ob er dazu ausersehen sei, unfreiwilliger Statist in einer staatlichen Tragikomödie zu werden, die im allgemeinen mit der Hinrichtung oder Verbannung endete.
Sollte die GPU. wirklich verschwinden, so trägt d i e Armee die Hauptschuld an dieser Maßnahme. Denn gerade die Rote Armee konnte sich auf die
Restaurants auf Rädern.
Es ist nun einmal eine unbestreitbare Tatsache, daß selbst der gesättigte Reisende, der eben noch ein fettes Eisbein mit Sauerkraut verzehrt hat, schon ein paar Minuten nach Abfahrt des Zuges einen mordsmäßigen Hunger bekommt. Familien, die mit ihren Kindern eine kaum dreistündige Reise antreten, nehmen nicht selten Mengen von belegten Broten, Obst und Süßigkeit mit, die sonst für viele Tage ausreichen würden. Eisenbahnfähren macht eben hungrig ...
Die Mitropa, die die rollenden Restaurants der Deutschen Reichsbahn mit allen erforderlichen Lebensrnitteln versorgt, hat die Liebe des Reisenden zu einem guten Hsppen rechtzeitig erkannt.
200 Speisewagen rollen Tag für Tag über die blanken Schienenstränge, die kreuz und quer durch Deutschland laufen, lieber 40000 Fahr- g ä ft e suchen täglich die bequemen Wagenrestaurants der Eisenbahn auf, um sich in' ihrem Innern zu erfrischen und von den Anstrengungen der Fahrt zu erholen. Die Hälfte von ihnen erhält Speisen, deren Zutaten der winzigen Wagenküche ausschließlich von der Reichshauptstadt geliefert werden.
Riesige (Speisekammer.
In der Nähe des Schlesischen Bahnhofs in Berlin, in der Mühlenstrahe, befindet sich das Hauptlebensmittellager der Mitropa. Tag und Nacht find zahlreiche Helfer bemüht, hungrige Mägen zu sättigen. Vollbeladene Lastautos mit Fleisch und Geflügel, Obst und Gemüse überqueren ununterbrochen den Hof. Eine einstige Lokomotivhalle hat man als Lagerraum für die Riesenmengen verschiedenartigster Lebensrnittel eingerichtet. Denn außer zahlreichen Schlafwagen und Eilzügen werden täglich 60 Speisewagen von hier aus „reisefertig" gemacht.
Die Berliner Zentrale der Mitropa gibt aus ihrer gewaltigen Speisekammer sämtliche notwendigen Nahrungsmittel in die geschulten Hände ihrer Küchenchefs. Die Lebensmittelmengen, die hier gekauft und verbraucht werdest, stellen einen nicht zu unterschätzenden Faktor im Rahmen des deutschen Arbeitsbeschaffungsprogramms dar. Zahlen beweisen. 50 Zentner Kartoffeln, 8 Tonnen deutsche Butter, 7000 Portionen Speiseeis sind Durchschnittsrationen über einen warmen Sommertag.
Dann wandert man durch das weite Depot. Hier liegen ganze Berge von frischen Gemüsen, dort lagern unzählige Bier- und Seltersflaschen. In einem anderen eisgekühlten Raum werden große Fleischvorräte aufbewahrt, während im Nebensaal ganze Armeen fertiggemachter Schinkenbrötchen ihrer Bestimmung entgegenharren. Sie sind
Dauer nicht damit abfinden, daß neben ihr noch eine zweite staatliche Truppenmacht bestand, deren Spione im eigentlichen Heer des Staates saßen und den inneren Dienstbetrieb lähmten. Die Intellektuellen an der Spitze der GPU., die eine menschlich wahrhaft verabscheuungswürdige Mischung von überfeinerter Dekadenz und primitivster Grausamkeit verkörperten, wurden von der Armee zusehends mehr gehaßt und abgelehnt. Die Armee aber setzt sich langsam in der Sowjetunion durch. Man darf gespannt daraus sein, welche Methode Stalin nach dem Tode seines Freundes Menschinski jetzt einschlagen wird, um die Form der GPU. verschwinden zu lassen, aber ihren Geist zu erhalten. Denn daß dieser Geist erhalten bleibt, daran zweifelt der Kenner des modernen Rußland nicht.
in fettdichte Tüten verpackt, deren Inhalt regelmäßig genau berechnet ist: 40 Gramm Schinken, 20 Gramm Butter und 45 Gramm Backware.
Konserven und Hülsenfrüchte, Fische und Wurstwaren werden hier in Rationen aufbewahrt, von denen man annehmen möchte, daß sie für Monate ausreichen würden. „Das genügt noch nicht einmal für drei Tage", klärt der Leiter des Lebensmittellagers auf und führt den Besucher in einen Raum, in dem das Geflügel und die verschiedenen Fleischsorten für die rollenden Eisenbahnküchen zurechtgemacht werden. Hühner werden ausgenommen, saftige Filets gespickt, während aus der Räucherkammer ein scharfer, würziger Geruch bringt! Kasseler und Salamiwürste hängen wie rote Tropfsteingebilde an den Decken dieser Kammer. Unaufhörlich ist man in den riesigen Speisekammern daraus bedacht, selbst den verwöhntesten Reisenden zufrie- denzustellen, ihm eine schmackhafte Kost vvrzusetzen.
Das Wirtschastslager.
Dann wirst man einen Blick in bas umfangreiche Berliner Wirtschaftslager 40 00 0 Bier- gläser gehören zum eisernen Bestanb biefer größten deutschen Gastwirtschaft. „Geht nicht während des Fahrens viel Glas und Porzellan entzwei?" fragt man einen zuständigen Herrn und erfährt, daß der Gesamtbestand der Mitropa innerhalb eines Jahres fünfmal erneuert werden muß. lieber 200 000 Gläser werden also jährlich gekauft, um den Betrieb aufrechtzuerhalten! Ein Blick in die Ausstellungen der Speisewagengeschäftsführer macht diesen fast unerklärlichen Massengebrauch leicht verständlich.
„In der Nähe von Wittenberg fiel einem Herrn eine Kaffeetasse aus der Hand und zerschlug" heißt es in einem Bericht. „Bei einer Kurve fiel eine Dame gegen einen Tisch, auf dem sich sechs Teller, drei Gläser und zwei Flaschen befanden." „In der Nähe von Bitterfeld geriet ein zum Abwaschen aufgestapelter Tellersatz ins Rutschen und ging in Trümmer
Schon während einer einzigen Fahrt ist der Porzellanverschleiß recht erheblich. Dor einiger Zeit hat die Gesellschaft daher eine stabile Kaffeetasse eingeführt, die selbst, wenn sie mal die Bekanntschaft mit dem Wagenboden machen sollte, nicht unbedingt zu Bruch gehen muß. 20 Heimatstationen sorgen bereits während der Fahrt schon für eine schnelle Auffrischung der entzweigegange- nen Geschirrteile.
Wenn dann zur Mittagszeit der Kellner von Abteil zu Abteil durch den Zug geht, an seinen Gong schlägt und die Fahrgäste aufforderte: „Bitte Platz nehmen zum ersten Mittagessen", so sollte sich der Reisende auch einmal darüber Gedanken machen, wieviele Vorarbeit und fürsorgliche Voraussicht jeder Happen einem vielköpfigen Personal verursacht, bevor er in seinen Magen wandert. H.
200Speisewagen rollen durch Deutschland
Die Lebensmittelkammer der fahrenden Restaurants.
Oberheffen.
Lanokrcls Plenen.
)( Hungen, 27. Juni. Gestern nachmittag fand im „Solmser Hof" dahier unter dem Vorsitz von Dekan Engel (Obbornhofen) eine Konferenz der evangelischen Geistlichen unseres Dekanats statt. Nach einer biblischen Einleitung und Gebet durch Pfarrer K ö d d i n g begrüßte der Vorsitzende zunächst den neu in das Dekanat eingetretenen Pfarrer Eitel (Wölfersheim) und gedachte feines aus dem Dekanat infolge Uebertra- gung der Pfarrstelle Mainz-Weisenau ausgeschiebenen Vorgängers, Pfarrer Herber (Wölfersheim). Im Mittelpunkt ber Verhanblungen stand ein Referat des ßanbesjugenbpfarrers ber Laubes- kirche Nassau-Hessen, Pfarrer Haas (Mainz), über „Jugenb unb Kirche". Einleitend zeigte der Redner auf Grund reicher Erfahrung die Stellung der Jugend zur Kirche und den letzten Fragen des Menschenlebens auf und legte dann die Aufgaben der Kirche klar. Die Arbeit an der Jugend ist vom Mittelpunkt alles kirchlichen Lebens, der Gemeinde, aus zu treiben, je besser die Gemeinde, um so besser ihre Arbeit an der Jugend. Neue Möglichkeiten bieten sich nur vorn Boden ber Gerneinbe aus. Die Arbeit im Äinbergottesbienft, Religions- unb Äon» firrnanbenunterricht, in ber Christenlehre, im Ge- meinbejugenbabenb fanb eine eingehenbe Besprechung. Die Kirche muß sich erneut auf ben Ernst ber Botschaft besinnen, nicht Resignation, fonbern zurück zu Christus unb vorwärts mit ihm ist auch für biefe Arbeit bas Gebot ber Stunbe. Eine rege Aussprache schloß sich an ben Vortrag an. An- schließend lud Pfarrer C h r i st i a n (Gambach) zum Missionsfest am 4. Juli in Holzheim ein. Das Gustav-Adolf-Fest bes Zweigvereins Solms soll in diesem Jahr in Münzenberg stattfinden.
Kreis Büdingen.
LPD. Nidda, 1. Juni, In ber Nähe von Salzhausen, wohin er sich zu einer geschäftlichen Besorgung begeben hatte, spielte ber 15 Jahre alte Metzgerlehrling Wilhelm Hühn, ber bei einem hiesigen Metzgermeister in ber Lehre ist, mit einer gelobe- nen S ch e i n to b pi st o 1 e. Dabei hielt ber Junge bie Pistole so unglücklich, baß ihm ein plötzlich los- gehenber Schuß in das Gesicht ging unb ein Auge ausriß, währenb das andere Auge schwer in Mitleidenschaft gezogen wurde. Der Verunglückte mußte bewußtlos der Chirurgischen Klinik in Gießen zugeführt werden.
Kreis Alsfeld.
# Ober-Ohmen, 29. Juni. Wie alljährlich kreist auch in diesem Jahre der „rote Mila n", gewöhnlich Gabelweihe genannt, Tag für Tag über dem Tal nach Beute spähend. Sein majestätischer Flug läßt immer wieder zu dem stolzen Segler der Lüfte aufblicken. Auf der Futtersuche weist dieser seltene Vogel weniger räuberische Veranlagung auf, als feine Artverwandten Habicht unb Bussard, die nicht selten bis in die Hühnerpferche bringen um bort ein Kücken ober gar altes Huhn zu schlagen. Bemerkt sei noch, baß ber Milan unter gesetzlichem Schutze steht.
Preußen.
3<n Streit erstochen.
LPD. Frankfurt a. M., 28.Juni. Ein Ingenieur aus Frankfurt a. M.-Schwanheim würbe heute Nacht nach dem Verlassen eines Cafss in ber Kaiserstraße gegen einen Passanten tätlich. Der Angegriffene brachte bem Angreifer eine Verletzung mit einem Dolch bei. Der Verletzte, ber sofort ins Krankenhaus überführt unb dort operiert werden mußte, ist an den Folgen der Verletzung gestorben.
Kreis Wetzlar
! Waldgirmes, 28. Juni. Der Reichtum an Erdbeeren in unserem Walde ist in diesem Jahre sehr groß. Hunderte von Eimern voll werden
Neue Rilke-Briefe.
An seinen Verleger: 1906 bis 1926.
Mit diesem neuen Band, den der Insel-Verlag kürzlich vorgelegt hat*), erfährt sowohl die schöne sechsbändige Gesamt-Ausgabe als auch die bisher erschienene und früher bereits hier angezeigte Briefreihe eine höchst bedeutungsvolle Ergänzung. Bedeutungsvoll einmal deswegen, weil die Sammlung sich zum ersten Mal über einen größeren Zeitraum von Rilkes Leben und dichterischem Schaffen erstreckt, und weil sie außerdem, im Gegensatz zu den vorhergegangenen Bänden, nur Briefe enthält, die an einen einzigen Menschen gerichtet sind: an seinen Verleger, Anton Kippe n b e r g , den Leiter des Leipziger Insel-Verlages. Das Besondere ist im vorliegenden Fall in dem Umstande zu erblicken, daß Kippenberg nicht nur Rilkes Verleger, sondern auch sein treuer Freund und stets sorgender Berater gewesen ist. Das gibt diesem Briefbande seine Sonderstellung innerhalb der Briefreihe, und neben der Gestalt des Schreibers wächst die Persönlichkeit des Empfängers zu einem lebendigen Gegenbilde auf, obwohl, da es sich nicht um einen Brief wechsel handelt, dessen Erscheinung nur indirekt, also in der Spiegelung der an ihn gerichteten Briefe, erkennbar wird. Im Ganzen sind hier etwa zwei Drittel aller Briese Rilkes an Kippenberg abgedruckt: ausgeschlossen wurde, was rein geschäftlicher Natur, minder wichtig oder auf noch Lebende bezogen mar; dagegen haben die Herausgeber alles aufgenommen, was auf Rilkes Werk Bezug hat. Abgesehen also von der durch die Person des einzigen Empfängers bedingten Einheitlichkeit und Geschlossenheit der Briefreihe gewährt die Sammlung den Dorzug unb den ganz intimen Reiz, in der unmittelbar persönlichen Form der Aeußerung und Anrede über einen Zeitraum von zwei Jahrzehnten hinweg die sehr wesentliche Entwicklung gespiegelt zu sehen, die vom „Stundenbuch" bis zu den „Duineser Elegien" und zur Gesamtausgabe führt und also die entscheidenden Jahre der Reife unb ber Dollenbung umschließt. Soll man den Eindruck der vielfältig aufschlußreichen Lektüre äu» sammenfassen, so wird man sagen dürfen, daß Die Herausgeber mit diesem Bande nicht nur der unvergeßlichen Gestalt des Dichters, sondern ebenso»
♦) Rainer Maria Rilke: Briefe an feinen Verleger. 1906 bis 1926. Heraus- gegeben von Ruth Sieber-Rilke und Carl Sieber. 479 Seiten. Insel-Verlag zu Leipzig, 1934. — (188.) —
sehr auch der Persönlichkeit Kippenbergs ein bleibendes Denkmal gesetzt haben: in ihm vereinigte sich der Verleger mit bem Freunbe auf eine einzigartige und vorbildliche Weise. Jeder der vielen Briefe, so verschieden sie untereinander sein mögen, ist erfüllt von dem Gefühl eines großen Dankes und vom Bewußtsein, von wahrhaft freundschaftlicher Fürsorge jederzeit begleitet und umgeben zu sein. Nichts bezeichnender für das Verhältnis zwischen Rilke unb Kippenberg als jene Bemerkung des Dichters zu seiner Tochter Ruth, „es sei wohl noch nie zwischen einem Autor und seinem Verleger so wenig von Summen die Rede gewesen und habe sich alles so wie von selbst geregelt wie bei ihnen." Diese menschliche Beziehung gibt dem Bande seinen eigentümlichen und unverwechselbaren Charakter. Darüber hinaus ist die Sammlung ebenso wie die vorhergehenden eine höchst persönliche und unmittelbar sich mitteilende Ergänzung zum dichterischen Werk, das man hier indirekt in seiner schrittweisen Entwicklung von Buch zu Buch verfolgen und nacherleben kann. Dabei ist es besonders anziehend, in Rilkes Briefen zu erkennen, wie er bis ms Einzelne unb Aeußere besorgt war, jedem seiner Bücher die ihm angemessene Form zu geben — m Satzanordnung, Druck, Papier und Emband; und wie jede seiner kleinen Anregungen und jeder seiner großen Wünsche berücksichtigt und erfüllt wurden auf die selbstverständlichste, nobelste und taktvollste Weise. Was im Einzelnen zum Verständnis der Briefe notwendig war, haben die Herausgeber in den ebenfalls sehr lesenswerten Anmerkungen zusammengefaßt. Das Vorwort schließt mit dem Wunsche, daß es später möglich sein werde, dem Bande seine natürliche Ergänzung zu schaffen durch die Herausgabe des Briefwechsels zwischen Rilke und Katharina Kippenberg, der vom Dichter verehrten Gattin des Verlegers und Freun- des, deren Name schon in den meisten Briefen dieses Bandes, oft in umschriebener Form, immer wieder auftaucht. —Y
Tiere in Hypnose.
Während die durch Hypno-se bewirkte veränderte Körperhaltung bei manchen Tieren die Muskeln so entspannt, daß Kopf und Glieder ben Eindruck größter Gelöstheit machen, sind sie bei andern straffer als sonst. Die Umwelt mit ihren Sinnesreizen ist fast gänzlich ausgefchaltet, auch die Schmerzempfindung ist weitgehend zurückgedrängt. Wenn man den hypnotischen Zu stand auch in mancher Beziehung mit dem Schlaf verwechseln kann, so unterscheiden beide sich doch schon grundlegend in ihrer Entstehung, denn der Schlaf tritt
regelmäßig ein, und zwar beim Fehlen äußerer Reize, die Hypnose aber wird gerade durch bestimmte äußere Reize hervorgerufen, zumeist auf künstliche Weise. Das kann durch einen plötzlich auftretenden Schock erfolgen, so wenn wir ein Meeschweinchen mit einer schnellen Wendung auf den Rücken werfen oder einen Flußkrebs mit einem kräftigen Druck auf den Kopf stellen, worauf er, auf die Scherenarme gestützt, in dieser Haltung regungslos verharrt. Allmählichere üßirtuna als diese rohen Mittel üben, wie Dr. Wolfgang Weyrauch in der im Hugo Bermühler-Verlag in Berlin erscheinenden Zeischrift „Der Naturforscher" ausführt, sanfte unb wiederholte Reize aus, was der bekannte Versuch mit bem Huhn beweist, das wir mit ruhiger Bewegung auf ben Boden niederbrücken und solange festhalten, bis es auch bann in dieser Stellung bleibt, nachdem wir bie Hänbe fortgenommen haben. Wie schon der berühmte Forscher Pawlow bargeftellt hat, „führt jeber einförmige, länger wirksame Sinnesreiz den Schlaf herbei, wenn bie Umgebung eintönig ist unb bie natürliche Bewegungsfreiheit verhinbert wirb. Ein derartiger Schlafzustanb ist eine zuerst nur örtlich auftretenbe Ermübung, bie sich aber allmählich auf die übrigen Nervengebiete ausbreitet, so- baß bie verschiedenen Körperteile nacheinander einschlafen. Diese Hypnosen, bie beim Tier in der,Freiheit nicht auftreten, können jederzeit erzeugt werben. Ein wichtiger Unterschieb ist zwischen muskelschlaffen unb mustelftraffen Hypnosen, bie natürliche Erscheinungen sind, die eigentümliche Körperstellungen des Tieres aufweisen und sich bis zum Starrkrampf steigern können. Wohl gibt es zwischen beiben Zustänben llebergänge, jeber von ihnen aber ist das äußere Kennzeichen von zwei tieferen physiologischen Tatsachen. Die muskelschlaffe künstliche Hypnose kann auf verschiedene Weise bewirkt werden, während bie muskelstarren Hypnosen fast nur auf einen bestimmten Reiz auftreten. Bei ben natürlichen Hypnosen werben stets reflexartige Zustände besonberer Prägung ausgelöft, wobei bie Dauer bei jebem Versuch abnimmt, bis sich bas Tier nicht mehr weiter hypnotisieren läßt. Die Dauer der künstlich erzeugten Hypnosen steigert sich hingegen von Versuch zu Versuch. Den natürlichen regungslosen Zustänben kommt im Leben der Tiere eine große Bebeutung zu, sie finb eine sich als not» roenbig erweisende Einstellung auf einen äußeren Sinnesreiz, so wenn eine Kröte bei einem bestimmten Reflex die sogenannte Brückenstellung einnimmt, also hoch "erhoben auf ihren straff gespannten Bei- nen dasteht. Dieser Reflex würbe jebesmal beob- achtet, wenn sich das Tier auf schädlichem Boben aufhalten mußte. Er erklärt sich als Schutzmaßnahme zugunsten der empfindlichen und durchlässi-
gen Haut der Kröte, um der Eintrocknungsgefahr zu begegnen, die z. B. bei ständiger Berührung mit staubigem Boden vorhanden ist.
Bootskrieg auf der Themse.
Es entspricht in den bürgerlichen Schichten Englands einer alten Ueberlieferung, im Sommer den Samstag- und Sonntagnachmittag im Hauboot auf ber Themse zu verbringen. Es hanbelt sich bei diesen Bootfahren weniger um ein eifriges Paddeln unb Rudern, sondern mehr um ein geruhsames Sichtreibenlassen in bem bequemen flachen Boot, das mit langen Ruderstangen gemächlich fortbewegt wird. Dieses Treiben auf der Themse gehört zu dem Bild des englischen Sonntags, und hat auch vielen englischen Malern schon als Vorwurf gedient. Ohne daß es bestimmte Regeln und Ordnungen gibt, vollzieht sich das Wocyenendleben auf dem Wasser immer ganz reibungslos. In dieses friedliche Idyll von Hunderten unb aber Hunberten von großen unb kleinen Booten, bie sich gegenseitig nie be- heiligten, ist nun neuerdings ein Störungsfaktor eingetreten, ohne baß man einen einzelnen Schuldigen dafür verantwortlich machen konnte. Es ist vielleicht ein neues unruhigeres Geschlecht aufgerückt, das sich nicht damit begnügt, den ganzen Sonntag 'N gemütvollem Hin- unb Herpendeln zu verbringen, ober es finb neue Bootsbesitzer aufgetaucht, benen bie altehrwürbigen Überlieferungen ber Lonboner Bürger nicht mehr Herzenssache sind. Plötzlich saust nun ein Motorboot ober ein Segler in gefährlicher Rücksichtslosigkeit durch bie friedfertigen Sonntagsfahrer, mit einem Kielwasser wie ein Zerstörer. Die alten Bootsbesitzer beklagen sich bitter, daß es nun mit ihrer Ruhe dahin sei, daß sie nicht mehr unter ihren Sonnendächern liegen unb von da aus dem bequemen Boot den Weg bahnen können, sondern baß sie jetzt immer auf der Hut fein müssen, um nicht burch eines der temperamentvoll gesteuerten neuen Fahrzeuge gerammt zu werden. Sie forbern, daß die neuen ungebetenen Gäste der Themse sich nach ben alten ungeschriebenen Regeln richten und Rücksicht darauf nehmen sollen, daß sie nicht allein auf dem Fluß find, unb daß sie ihre sportlichen Uebungsfahrten unb ihre Rekorbrennen auf einem anderen Wasserlauf unb an anberen Tagen austragen. Vielleicht wäre auch eine Verkehrsregelung auf der Themse einzuführen, aber bann wäre eben etwas von bem Zauber bes Sonntags unb bem unbekümmerten Genießen ber Bootsfahrt dahin; ben» der höchste Genuß für die Bootsfahrer besteht gerade darin, daß sie dem Großstabttreiben entfliehen, sich hier ber ruhigen aleichmäßigen Strömung des Flusses hingeben und feinem Naturgesetz gehorchen.


