Das Rätsel einer Frühlingsnacht Vornan von Gert Nothberg.
Urheberrechtsschutz: Fünf Türme-Derlag, Halle, Saale
13 Fortsetzung. Nachdruck verboten!
Die blausamtene Nacht des Südens spann ihn immer mehr ein in dieses bittere Bewußtsein. Und die Gedanken suchten das jüngste Kind: die kleine blonde, schöne, wunderschöne Gertraude.
Wie war das doch gleich gewesen?
Sie hatte zu ihm kommen sollen.
Sie sollte Lelias Stelle einnehmen.
Und sie hatte sich geweigert!
War geflohen!
Hatte recht daran getan!
Dor solch einem Vater konnte man nichts Besseres tun als fliehen.
Er hatte geflucht und gewütet!
Ja, das hatte er! Er hatte Gertraude eine undankbare Kreatur gescholten.
Wie aber hatte sie erfahren können, zu welchem Zweck er sie in dem vornehmen Pensionat der Madame Chere in Genf erziehen ließ? Das blieb ein Rätsel.
Wer konnte ein Interesse daran gehabt haben, ihm dieses Kind zu entfremden?
Müde setzte sich der alte Mann auf eine der Bänke. Süß und berauschend duftete es zu ihm herüber. Vereinzelt gingen Menschen auf den Nebenwegen. Einmal ertönte ein kurzer, scharfer Knall. Nicht weit im Gebüsch.
Der alte Spieler kannte diesen Knall.
Guido Schwarzkoppen stand auf, langsam ging er weiter, ging zu seinem Hotel zurück.
Seine Gedanken schweiften zurück in die Vergangenheit, in die Zeit, als Guido Schwarzkoppen noch ein anständiger Kerl war und zu den Freunden Lord Wellingmoores gehörte. Er hieß damals Mac Kellser und trug die Offiziersabzeichen.
Vorbei!
Lange war das her. Sehr lange. Seit V 'er Zeit kannte man in allen Erdteilen den internationalen Spieler und Lebemann Guido Schwarzkoppen!
Die Vergangenheit kannte niemand. Das war gut so. War gut bis jetzt gewesen. Doch nun mußte einer wissen, wie es in Wirklichkeit im Leben des Guido Schwarzkoppen aussah. Einer mußte und sollte es endlich wissen. Einer, der Ehre im Leibe hatte. Einer, der ein Vertrauen niemals mißbrauchen würde.
Rudolf von Härtlingen!
Er!
Er allein!
Wo war eigentlich der Maler Venjo Holm?
Auf ihn hatte man sich auch immer verlassen können. Bis — Lelia den Grafen nahm. Da war Venjo Holm feindselig gegen die Schwarzkoppens geworden.
Was tat es?
Man brauchte ihn ja nicht. Er hatte längst kein Vermögen mehr. Er mochte wohl verdorben, gestorben sein. Irgendwo in einem einsamen Winkel.
Wo mochte Gertraude sein?
Ein Vermögen konnte er ihr nun hinterlassen. Ein Vermögen, das ehrlich erworben war. Nicht im Falschspiel gewonnen!
Aber — wo war sie?
Er war alt. Sehr alt und müde. Er fühlte nicht mehr die Kraft in sich, sein Kind zu suchen.
Er mußte einen anderen. Jüngeren, bitten.
Graf Härtlingen!
Er, gerade er? Dem Lelia so weh getan hatte? Der ihn, den Vater, verachtete? Der diese Verachtung am vergangenen Abend so deutlich gezeigt hatte? Dieser Mann sollte Gertraude suchen?
„Ja! Er!"
Ganz laut sagte es Guido Schwarzkoppen, dann setzte er sich an den Schreibtisch und schrieb einen fangen Brief. Dann nahm er das Geld, das viele Gelo, das nach einem langen, abenteuerlichen Leben Fortuna ihm in den Schoß geworfen hatte, und packte es in ein Paket. Obenauf legte er sorgfältig den Brief. Adressierte das Paket an Graf Härtlingen. Ganz genau vermerkt stand das Hotel, in dem der Graf Wohnung genommen hatte. Schwarzkoppen hatte sich die Wohnung des Grafen noch an diesem Morgen sagen lassen.
Am anderen Morgen fanden die Hotelbediensteten Herrn Schwarzkoppen tot in seinem Bett. Auf den Lippen glänzte noch ein letzter Tropfen des furchtbaren indischen Giftes, das ihm einst ein reicher Inder in einer kunstvoll geschliffenen Viole geschenkt hatte.
Der Hoteldirektor war außer sich und ließ eine Bemerkung fallen, dahingehend, daß die Anlagen des Kasinos für unglückliche Spieler da seien und nicht sein honettes Hotel.
Die Adresse, die sich auf dem sorgsam verschnürten Paket oorfand, besänftigte die hochgehenden Wogen der Entrüstung etwas.
Graf Härtlingen? Ließ sich hören! Hoffentlich würde der Herr nun wenigstens alles Weitere veranlassen.
Sorgfältig verschloß der Direktor einstweilen die Tür. Dann verständigte er die Polizei.
8. Kapitel.
Graf Härtlingen im schwarzen, eleganten, seidenen Hausanzug, betrat soeben sein Wohnzimmer. Er setzte sich in die gemütliche Nische ans Fenster, wo der kleine runde Tisch schon sorgfältig gedeckt war. Er klingelte, damit man ihm das Frühstück bringen konnte.
Nachdenklich lehnte er sich zurück.
Merkwürdig, wie wenig ihn dieses Wiedersehen mit Lelias Vater erregt hatte! Eigentlich hatte er sich das schlimmer vorgestellt. Nun war er mit sich zufrieden.
Gottlob, er war endgültig mit dieser Episode in seinem Leben fertig.
Episode?
War es nicht vielmehr eine furchtbare Tragödie gewesen?
Nein!
Doch nur eine Episode!
Frauen dieses Schlages konnten nur eine Episode bilden.
Für ihn! Für Venjo Holm war es eben doch eine Tragödie gewesen.
Aber nun auch an nichts mehr denken! Schade war es um Venjo Holm, um ihn und feine große Kunst! Er war an der Frau zugrunde gegangen!
Aber — ging er, Graf Härtlingen, denn nicht auch zugrunde an dieser Frau, wenn auch auf eine andere Weise wie Venjo Holm?
Das Zimmermädchen brachte Frühstück, Zeitungen und die Post. Ein dickes, längliches Paketchen!
Der Absender?
Guido Schwarzkoppen!
Soso! Was hatte denn um alles in der Welt dieser Herr noch mit ihm zu korrespondieren? Und noch dazu war es ein Paket, das er ihm schickte? Doch nicht etwa irgendein Andenken an Lelia?
Nun gut — man legte das eben einstweilen beiseite; es hatte ja Zeit.
Das Zimmermädchen war ein hübsches Ding. Blond, blauäugig, lieblich und schlank.
Graf Härtlingens große graue Augen gingen über das Mädchen hin. In feine Augen kam es wie Haß.
War — Lelia nicht blond und blauäugig gewesen, und traf jene Philosophenweisheit nicht zu — von der blonden Bestie?
Er mied feit der Episode „Lelia" die blonden Frauen. Grundsätzlich mied er sie.
Die Hand des Grafen Härtlingen griff lässig nach dem Einglas.
„Wollten Sie mir etwas sagen?"
Stotternd, halb schluchzend kam die Antwort:
„Nein, Herr Graf."
Und das junge Mädel ging hinaus.
Sinnend sah Härtlingen ihr nach. Dann legte sich ein hartes Lächeln um seinen Mund. Es war das grausame Lächeln eines Mannes, der keine Frau mehr achtet.
Härtlingen trank seinen Kaffee, nahm das vorzügliche Frühstück zu sich und brannte sich nachher eine Zigarre an.
So, nun die Postsachen.
Nichts Wichtiges. Ein Brief von Daisy Leden- brook, einer von Jeanette Versy, eine dringende Einladung zu Baron von der Greve, eine Menge Angebote von Geschäftsleuten.
Das Paketchen: Von diesem Herrn Schwarzkoppen!
Mißtrauisch ging der Blick über das kleine Paket. Sollte man es öffnen?
Wozu? Sicher suchte doch dieser Herr da Anschluß. Erneuten Anschluß!
Hm! Geld würde er vorläufig nicht haben wollen, denn er hatte doch am Vorabend da unten im Kasino ein beinah fabelhaftes Glück gehabt. Bestimmt!
Fabelhaft war diese ganze Geschichte gewesen. Also?
Was wollte man bann von ihm? Eine Geldforderung wäre zu erfüllen gewesen. Nur keine persönliche Annäherung! Die nicht! Die bestimmt nicht!
Wie auf einen Feind blickten die grauen Augen auf das kleine Paket. In Ruhe sollte man ihn lassen von dieser Seite her.
Gras von Härtlingen hüllte sich in den blauen
Rauch seiner vorzüglichen Zigarre. Das Paket lag vor ihm auf dem Tisch.
Aus dem blauen Rauch bildete sich eine Gestalt, ein Gesicht: Lelia!
„Fort, du! Ich hasse dich!"
Der Rauch zog durch das offene Fenster hinaus. Warm sandte die Morgensonne des Südens ihre Strahlen ins Zimmer.
Rudolf von Härtlingen griff nach dem Paket, öffnete es. m
Geld? Wozu dieses viele Geld? Und em Brief? Ein Brief von dem Vater jener Lelia?
Und Graf Härtlingen las das Bekenntnis Guido Schwarzkoppens. Er wußte, daß jener inzwischen sterben würde! Er las die letzten, verzweifelten Worte dieses Mannes; er nahm, zunächst ohne jedes Verständnis, die Worte in sich auf:
„Meine jüngste Tochter Gertraude floh vor mir. Weil sie nichts mit meinem Leben zu tun haben mochte. Ich weiß nicht, wer sie aufgeklärt haben muß. Genug, als ich glaubte, nun könne ich sie meinem Leben dienstbar machen, sie, die jung und schön, noch schöner als Lelia war, da, als ich sie holen wollte, war sie geflohen, hatte sie heimlich die Pension der Madame Chere in Genf verlassen. Ohne Geld! Wo mag sie sich aufhalten? Ich wollte sie suchen, aber ich kam immer wieder nicht dazu. Das Leben ließ mir keine Zeit. Jetzt, nach dem großen Glück, das endlich auch einmal zu mir gekommen ist, wäre es möglich, nach Gertraude zu forschen. Doch ich bin müde. Unsagbar müde. Ich kann nicht mehr. Und ich will auch nicht länger leben. Doch Ordnung will ich erst schaffen. Ordnung! Gertraude ist meine Erbin! Sie allein. Es ist Geld, an dem keine Unehre klebt. Sie kann es also nehmen. Die kleine, stolze Gertraude.
Nun kommt meine Bitte an Sie, Graf Härtlingen: Suchen Sie Gertraude! Uebergeben Sie ihr das Geld! Seien Sie ihr ein Freund!
Sie hat keinen Menschen auf der Welt, der es gut mit ihr meint. Es läge fo nahe, daß Gertraude mit einem Manne geflohen wäre! Doch Madame Chere legt ihre Hand dafür ins Feuer, daß dies nicht der Fall ist. Sie ist nirgends hingekommen, hat gelebt wie eine Nonne. Trotzdem war sie im ganzen Pensionat beliebt. Es wäre doch möglich, daß sie zu dieser oder jener Bekannten, die inzwischen das Pensionat der Madame Chere verlassen hat, gegangen ist. Vielleicht müßte man dort den Hebel zuerst ansetzen.
So viele Freunde hatte ich im Leben. Aber nicht einer ist darunter, dem ich die kleine Gertraude anvertrauen möchte. Nur Ihnen!
Unfaßlich wird Ihnen das scheinen nach all dem, was die Familie Schwarzkoppen Ihnen angetan. Und dennoch!
Ich bitte Sie, bitte Sie von ganzem Herzen, Graf Härtlingen, Gertraude zu suchen. Weil sie anders ist. Ganz anders als ihre Schwester!
Und wenn Sie die Kleine finden, dann sagen Sie ihr ein gutes Wort von mir: Ich bin froh, daß sie vor mir floh; denn es war das Beste für sie.
Guido Schwarzkoppen."
(Fortsetzung folgt.)
Todesanzeige
Heute verschied nach langem, schwerem, in Geduld getragenem Leiden unser lieber Vater, Schwiegervater, Großvater, Bruder und Onkel
Herr Anton Huber
im Alter von 74 Jahren
Im Namen der trauernden Hinterbliebenen:
Familie Huber
Familie Hartmann
Großen-Buseck, Gießen, den 31. Januar 1934
Die Beerdigung findet am Samstag, dem 3. Februar, nachmittags 2.30 Uhr, statt
____________655 D
Be annimachung.
Der Voranschlag der Gemeinde Heuchelheim für das Rj. 1934 liegt vom Donnerstag, dem 1. Februar 1934, ab eine Woche auf der hiesigen Bürgermeisterei zur Einsicht der Beteiligten offen. Einwendungen können daselbst während dieser Frist schriftlich oder zu Protokoll vorgebracht werden.
Heuchelheim, den 30. Januar 1934. 629D
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