Nr. 25b Drittes Matt
Siebener Anzeiger (Seneral-Anzeiger für Gberhchen) Samstag, 51.®tto6er 1956
Aus der Provinzialhauptstadl.
Straßenspuk.
Es war für die Arbeiter der Straßenreinigung in den letzten Tagen keine einfache Aufgabe, ihres Amtes, der Sauberkehrung der Straßen, zu walten. Insbesondere nicht der baumbestandenen. Denn hier war es so, daß sie, am Ende ein-r Straße angelangt, nur mit Unmut auf das Feld ihrer Tätigkeit zurückblicken konnten, weil das. was sie soeben mühsam entfernt hatten, wie durch Zauberspuk schon wieder dalag, nämlich Hunderte, tausende von Blättern. Und der Missetäter Sturmwind pfiff noch sein Spottliedchen dazu. Es konnte sich aber auch ereignen, daß den Arbeitswilligen die Arbeit sozusagen davonlief. Nun kann man ja wohl seiner Arbeit „nachgehen", aber hinter ihr herzurasen, kann weder verlangt, noch gutgeheißen werden. Und da die Blätter in ihrer tollen Massenflucht sich an nichts kehrten, blieb den wackeren Arbeitsmännern der Straßenreinigung ebenfalls nichts zu kehren.
Aber es gibt ja nicht nur glatte Straßen, sondern auch Vorsprünge, Ecken und Winkel. Und an solchen sammelten sich die leichten Vagabunden des herbstes zu beachtlichen Haufen an. Jede Sache hat ihren Zweck. Er muß nur erkannt werden. Und daß viele Kinder darin genial sind, steht wohl fest. So hatten denn vier kleine Buben entdeckt, daß Kampfhandlungen einen bedeutend schmerzloseren Verlauf nehmen, wenn man den gegnerischen Freund statt auf den harten Bürgersteig auf die schwellende Weichheit eines Blätterhaufens niederwirft. Daher knufften, schubsten und stießen sie sich in reinster Lebenslust und Kameradschaft solange gegenseitig nieder, bis sie fanden, daß das Spiel noch eine Pointe bekommen müsse. Es fielen nunmehr je drei über einen her, warfen ihn auf den Rücken, erklärten: „Jetzt bist du tot!" und bedeckten den offiziell Unglücklichen, tatsächlich aber strahlend Vergnügten über und über mit Laubmassen. Der Schneid bestand darin, es solange wie möglich unter dem „angenehmen" Gemisch von Blättern, Feuchtigkeit und Straßenschmutz auszuhalten.
Besonders großartig wurde die Angelegenheit, wenn nach einem dreistimmigen „Pssst!" der Verschüttete regungslos unter seiner bunten Decke verblieb, bis harmlos vorübergehende Kinder den still daliegenden Blätterberg passierten. Dann hob sich dieser vor ihren staunenden Augen, wie ein Spuk, wonach sich unter johlendem Geschrei der lebendig Begrabene herausarbeitete. Ein Scherz, der jedesmal in erschrockenem oder begeistertem Kreischen der Ueberraschten seinen Widerhall fand.
Ob die Mütter der vier Humoristen später ebenso begeistert vom Zustand der Anzüge, Haare usw. ihrer Sprößlinge waren, kann man nicht wissen. Anzunehmen ist es ja nicht, aber Jungensmütter find schließlich allerhand gewöhnt. E. v. M.
Dornotizen.
Tageskalender für Samstag.
Musikzug der SA.-Standarte 116: 16.00 bis 16.30 Uhr, Platzkonzert auf dem Kreuzplatz; 17 bis 18 Uhr, auf dem Bahnhofsplatz (zur Sammlung , für das WHW.). — NSLB. Gießen-Land: 15 Uhr, Besirksversammlung im „Burghof" (Ebel), Pg. Groß spricht über „Freimaurer und Juden". — Smdttheater: 20 bis 22.30 Uhr, ..Der Bettelstudent" sG schlossene Vorstellung der NSG. „Kraft durch Freude"). — Gloria-Palast, Seltersweg: „Glücks- k'-idcr". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Drei Mädel um Schubert". — Oberhessischer Kunstverein, Turmbaus am Brand: 17 bis 18 Uhr, Ausstellung von Oelgemälden, Aquarellen und Temvera. — Ausstellung „Das Buch" im Foyer des Stadttheaters. — Ski-Klub Gießen: Klubabend auf der Bergschenke. Treffpunkt, 20 Uhr, Universitäts-Bibliothek.
Tageskalender für Sonntag.
10.15 Uhr, Feierstunde im Gloria-Palast, Seltersweg: „Die Gefolgschaft des Glaubens marschiert" (NSG. „Kraft durch Freude" und Landschaftsbund Volkstum und Heimat). — Musikzug der SÄ.-Stan-
darte 116: 11 bis 12 Uhr, Platzkonzert in der Plock- straße (zur Sammlung für das WHW.). — Stadttheater: 19 bis 22 Uhr, „Figaros Hochzeit". — Gloria-Palast, Seltersweg: „Glückskinder". — Lichtspielhaus Bahnhofstraße: „Drei Mädel um Schubert". — Oberhessischer Kunstverein, Turmhaus am Brand: 11 bis 13 Uhr, Ausstellung von Oelgemälden, Aquarellen und Tempera. — Evangel. Bund: 20.15 Uhr, im Johannessaal, Pfarrer Germer, Großen-Linden, spricht über „Kirche und Volkstum in Siebenbürgen".
Stadttheater Gießen.
Heute abend findet eine geschlossene Vorstellung für NS.-G. „Kraft durch Freude" statt. Es geht der große Erfolg „Der Bettelstudent", Operette von Carl Millöcker in Szene. Musikalische Leitung: Hans H. Hampel. Spielleitung: Paul W r e d e. Anfang 20 Uhr, Ende 22.30 Uhr.
Sonntag, 1. November, findet die zweite Wiederholung von „Figaros Hochzeit", Oper von W. A. Mozart statt. Die musikalische Leitung liegt in den Händen des Kapellmeisters Paul Walter. Die Spielleitung führt der Intendant. Anfang
19 Uhr, Ende 22.15 Uhr. — Dienstag, 3. November, Anfang 20 Uhr, Ende 23 Uhr. „Don Carlos", Dramatisches Gedicht von Schiller. Spielleitung: Dr. Fr. H e l l m u n d a. G., Dienstag - Miete. 7. Vorstellung. — Mittwoch, 4. November, Anfang 19.30 Uhr, Ende 22.45 Uhr, „Figaros Hochzeit", Oper von W. A. Mozart. Musikalische Leitung: Paul Walter. Spielleitung: Der Intendant. Mittwoch-Miete. 7. Vorstellung. — Freitag, 6. November, Anfang 20 Uhr, Ende 22.45 Uhr, Erstaufführung „Der Zarewitsch", Operette von Franz Lehar. Musikalische Leitung: Hans H. Hampel. Spielleitung: Paul W r e d e. Freitag-Miete. 8. Vorstellung. — Samstag, 7. November, Anfang 20 Uhr, Ende 22.30 Uhr, geschlossene Vorstellung NS.-G. „Kraft durch Freude", „Der Bettelstudent", Operette von Carl Millöcker. Musikalische Leitung: Hans H. Hampel. Spielleitung: Paul W r e d e. — Sonntag, 8. November, Anfang 11.30 Uhr, Ende 12.30 Uhr. 4. Morgenoeranstaltüng, „Kantaten" von E. Wolfgang Möller. Spielleitung: Der Intendant. Für Platzmieter ist der Eintritt frei. — Anfang 19 Uhr, Ende 21.30 Uhr, „Der Bettel
student" Operette von Carl Millöcker. Musikalische Leitung: Hans H. Hampel. Spielleitung: Paul W r e d e. Außer Miete.
Samstag und Sonntag Sammlung für das WHW.
Aus Anlaß der am Samstag und Sonntag von SA., SS. und NSKK. durchzuführenden Sammlung für das WHW. finden durch den Musikzug der SA.-Standarte 116 folgende
Platzkonzerte
statt:
Samstag: 16 bis 16.30 Uhr auf dem Kreuzplatz, 17 bis 18 Uhr auf dem Bahnhofsplatz.
Sonntag: 11 bis 12 Uhr in der Plockstraße.
Sonntag früh 8 Uhr: Weckruf durch den Spielmannszug der Standarte.
Auch bei diesen Platzkonzerten werden die braunen und schwarzen Kämpfer des Führers das in fünf verschiedenen Ausführungen hergestellte, mit einem Edelstein besetzte Abzeichen verkaufen. Volksgenossen,
IM
v'y-
Vildbmcht von der Vereidigung der Rekruten in Gießen.
Links: Vereidigung der Rekruten auf ihre Waffe, das Geschütz.
Rechts: Vereidigung der Infanterie auf den Degen des Offiziers.
Unten links: Vorbeimarsch der Vereidigungsparade an Generalleutnant Oßwald.
Unten rechts: Generalleutnant O ß w a l d begrüßt die zahlreichen Ehrengäste.
(Aufnahmen [4]: Pfaff, Gießen.)
JKÄII
»MX Ä
L M
-
Wicklung.
*
Man muß sich daran erinnern, daß noch „Kabale und Liebe", das letzte Drama Schillers vor dem „Carlos", den Zeitgenossen, welche es lasen oder auf dem Theater sahen, die Möglichkeit gab, gleichsam mit Fingern auf die unter ihnen lebenden Urbilder einiger Gestalten des Schauspiels zu weisen; es war, was uns heute meist nicht mehr recht klar wird, ein ganz aktuelles und ein ungeheuer aggressives Stück. Die Entstehung des „Don Carlos" reicht zwar in den ersten Ansätzen noch bis in die Bauerbacher Zeit von „Kabale und Liebe" zurück, aber - mit Schillers eignen Worten - „Karlos bleibt liegen, bis Luise Millerm fertig ist". *
Noch war, 1783, die Zeit für den Jnfanten von Sp^nl»n nicht gekommen, noch zitterte in Schiller der oft unterdrückte Aufschrei „in tyrannos« nach, der sich in drei elementaren Ausbrüchen eines vergewaltigten Herzens und eines vom Herzog Karl Eugen und seinen Kreaturen geknechteten Menschentumes Luft machte: m den Räubern im „Fiesco", in der „Millerm". Selbst im Don Carlos" ist er noch zu spüren, abersehr viel leiser und gedämpfter; was dort eine ansage war, ist hier geläutert, vergeistigt und überlegen auf eine höhere Stufe der Auseinandersetzung gehoben. Auch das Generationsproblem aus den „Räubern" klingt noch nach, aber reilich schon seiner Aktualität entkleidet und ms Hlstorisch-Poli- tische gewendet. Die seelischen 1 'f?ie
„Luise Millerm" noch mie
sind aus dem Bürgerlichen tn die kühlere Luft und die entrückteren Bezirke der großen.Staatsaktion übertragen. Der Frelheitsgedanke des. ''Fiesco endlich wird zwar ebenfalls in historischer Em-
Gießener Gtadttheater.
Schiller: „Don Carlos".
Es gibt ein zeitgenössisches Porträt der Prinzessin Eboli, das den heutigen Betrachter einigermaßen in Erstaunen zu setzen pflegt: man sieht darauf eine keineswegs besonders jugendliche, auch durchaus nicht hübsche Dame, deren eines Auge noch dazu mit einem schwarten Lappen bedeckt ist; alles in allem nicht gerade das Bild einer schönen und fürstlichen, einer anmutigen und zur Liebe verführenden Frau. Der Vergleich zwischen diesem historischen Porträt und dem Bilde der Gestalt, das uns von der Bühne her geläufig und vertraut ist, scheint uns charakteristisch zu sein, denn er bezeichnet gewissermaßen sinnfällig einen entscheidenden Wendepunkt in Schillers künstlerischer Ent
kleidung, aber auf einer nicht nur räumlich andern Ebene wieder ausgenommen; er wird zur gültigen Idee erhöht, ins rein Geistige übertragen, nicht mehr auf die Befreiung einer Stadt oder eines Standes angewendet, sondern auf die Freiheit und Würde des menschlichen Herzens, und also über alle zeitliche und nationale Begrenzung hinaus- gehoben.
Indem wir sehen, wie sich der „Carlos" aus den drei vorausgehenden Dramen Schillers innerlich entwickelt, begreifen wir zugleich, wie entscheidend er sich von ihnen entfernt und über sie hinaus- wächst. Es würde zu weit führen, die verwickelte Entstehungsgeschichte des „dramatischen Gedichtes" hier im einzelnen zu verfolgen; die Bemerkung über jenes anfangs erwähnte Bildnis der geschichtlichen Eboli soll nicht zu der Annahme verführen, daß sich Schiller um das Historische überhaupt nicht gekümmert habe: er hat im Gegenteil, wie wir aus der Kenntnis der benutzten Quellen wissen, sehr gründliche Vorstudien getrieben, wie in allen seinen späteren Stücken auch. Aber das Historische war ihm bloßer Rohstoff im gleichen Sinn, wie er das persönlich und aktuell Gegenwärtige innerlich überwunden und künstlerisch in der ihm gemäßen Form zum Austrag gebracht hatte.
*
Schiller hat sich damals so leidenschaftlich in das Stoffliche der Fabel vertieft und verbissen, daß er zuletzt fast die Uebersicht über die „chaotische Masse" verlor, die er mit „Kleinmut und Schrecken" betrachtete; man mag selber nachlesen, wie er mit dem Stoff wahrhaft gekämpft hat, und mag — immer das Bild der vorausgegangenen Jugenddramen zum Vergleich vor Augen — ermessen, welch eine dramatische Energie, welch ein künstlerischer Wille einzusetzen war, um die verschiedenen Elemente eines Freundschafts- und Liebesdramas und eines politischen Schauspieles zur reinen, zeitlosen Dichtung zusammenzuschweißen, in der die Freiheit des Gedankens, die" unantastbare Würde des Menschentums verkündet und das „kühne Traumbild eines neuen Staates" errichtet wurde.
*
Rein äußerlich wird die entscheidende Stufe der Entwicklung, die im „Don Carlos" erreicht war, gekennzeichnet durch den Uebergang von der leidenschaftlich erhitzten, aufgewühlten und aufwühlenden Prosa der jungen Sturm- und Drangzeit zum klaren, kühleren Blankvers, zum edeln und strengen Maß der Klassizität und der echten Tragödie; dieser Uebergang muß als ein Symbol der inneren Wandlung und Entwicklung begriffen werden, in der das bittere Jugenderlebnis ins Unpersönliche sich mäßigt und mildert und zugleich zur großen.
menschheitlichen Idee geweitet wird; im vollen Akkord der fünf mächtig ausladenden Akte verkündet sich eine neue geistige Form des absolutistischen und aufgeklärten Jahrhunderts: im streng stilisierten Szenengefüge Bekenntnis und Forderung oes deutschen Idealismus. —
*
Die Spielleitung hatte Dr. Friedrich Hell- mund a. G. Wir haben im allgemeinen gegen Gastspiele nichts einzuwenden, hatten allerdings erwartet, die erste große Klassiker-Aufführung durch den neu verpflichteten Oberspielleiter oder durch den Intendanten in Szene gesetzt zu sehen. Das Stück ist im Laufe einer jahrelangen Entwicklung zu einem .Umfang angewachsen, der das auch bei klassischen .Stücken gewohnte Maß beträchtlich überschreite^; einen völlig ungekürzten „Don Carlos" befommt,‘man kaum noch zu sehen, und so taucht bei jeder neuen Begegnung eigentlich nur die Frage auf, ob die vorgenommenen Streichungen zu billigen sind, was meist einer Gewissensfrage gleichkommt; in unserem Falle wird sie, wie wir glauben, im wesentlichen zu bejahen sein, obwohl manche Besucher die Schlußszene des fünften Aktes mit den berühmt gewordenen letzten beiden Versen vermißt haben werden.
Wir glauben auch, daß der ideelle Gehalt des Werkes, von dem zuvor die Rede war, ebenso wie die Verknüpfung der wichtigsten Handlungselemente auf eine angemessene Weise herausgearbeitet waren; sie gipfelten in Posas großer Freiheitsrede vor dem König (III, 10). Daneben war die Regie sichtlich bestrebt, die starken theatralischen Qualitäten des Dramas gebührend auszuspielen, was vielleicht in der von Weihrauch umwölkten Schlußszene des Großinquisitors mit einer etwas äußerlichen Uebertonung geschah.
Was die szenische Behandlung betrifft, so hätte gerade bei diesem Stück mit seinen zahlreichen Verwandlungen der Einsatz der neuen Drehbühne nahegelegen. Die Regie bevorzugte statt dessen einen durch Säulen und Pilaster begrenzten, feststehenden Szenenrahmen, innerhalb dessen der Schauplatzwechsel durch Vorhänge, Kerkergitter usw., auch durch eine nicht ungeschickte Zweiteilung in Vorder- und Hinterbühne angedeutet wurde. Die Bühnenbilder, aus Herrn Löfflers Werkstatt, waren auf eine strenge und großzügige Stilisierung zugeschnitten.
♦
Herr Rosenthal spielte den Carlos, und er konnte sich kaum eine Rolle wünschen, die ihm mehr Entfaltung seiner darstellerischen Mittel geboten und feiner Eigenart besser entgegengekommen wäre: er trug die große und schwierige Aufgabe sicher bis zum Ziel, er war ein jugendlicher und •
leidenschaftlicher Prinz, zu heftigen Ausbrüchen eines edlen und feurigen Herzens geneigt, aber nirgends in feinen Möglichkeiten, auch stimmlich, so übersteigert, daß er Beherrschung und lieber« sicht verloren hätte. Eine schöne und klare Leistung; eine Gestalt, die am unverstelltesten den geistigen und gefühlsmäßigen Schwung des Schiller-Dramas in sich versammelte.
Herr v. G e s ch m e i d l e r gab den Posa: sehr vornehm, sehr ritterlich, in Haltung und Sprache als der Reifere sich kennzeichnend, als der an Erfahrung und Lebenseinsicht Ueberlegene im richtigen Verhältnis zum Jnfanten; in manchen Szenen, auch in jener großen vor dem König, die den Scheitelpunkt des Dramas bildet, vielleicht um eine Spur zu kühl, zu bewußt, zu sehr vom Intellekt her sich äußernd; erst gegen Ende wieder von dem Gefühlsstrom getragen, der auch und gerade von der Gestalt des Posa ausgehen muß.
Fräulein Birkmann (Elisabeth) bewies an dieser Rolle aufs neue ihre starke und ursprüngliche Begabung; ihr fehlte nichts von der maßvollen und fürstlichen Gehaltenheit, die die Gemahlin Philipps von jeher umgeben hat und umgeben muß, und entbehrte doch nicht der menschlichen Wärme und fraulichen Weichheit, die oft genug auf dem Theater hinter höfischem Zeremoniell und spanischer Tracht verschwindet.
*
Als Philipp sah man Herrn Neuhaus; er gab den König nicht durchaus in jener undurchdringlichen, absolutistischen Starrheit, die ihn in der Darstellung häufig kennzeichnet, sondern problematischer und aufgewühlter, doch schien uns die Betonung mehr auf der menschlichen als auf der politischen Seite seines Wesens zu liegen; dieser Philipp äußerte sich nicht so sehr als Monarch vielmehr als Gatte und Vater am unmittelbarsten — Herr Geiger gab den Alba ein wenig gebämnfter und verhaltener, als man ihn sonst fo zu sehen pflegt, nicht so völlig in abgründigen Fanatismus getaucht, dennoch unheimlich und für die Atmosphäre am spanischen Hofe charakteristisch genuq. — Frl. Prinz als Eboli: sehr jugendlich wirkend, eine zierliche Figur, mehr rührend als gefährlich, mehr Liebhaberin als Intrigantin
Don den übrigen feien die Herren Geistler (Domingo), Kühne (der der Szene des Groß- inquiftitors einen ausaesprochen theatralischen Impuls gab), Volck (Lerma) und H u b (Medina Sidonia) hervorgehoben. —
*
Der Beifall, anfangs sehr zögernd, rief zuletzt anschwellend mit den Darstellern auch den Spiä« (eiter an die Rampe. httu


