Ausgabe 
30.5.1936
 
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Nr. »25 vierter Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefsen)

Samstag, 30. Mai »936

Die Heimat im Krühlingsschmuck.

Ein Krastquell der schaffenden Menschen in Stadt und Land.

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Ein Frühlingsbild amProfessoreneck" in Gießen.

Schafe genießen den Frühling.

Blumen und Blüten in den Gärten und Straßen der Stadt, an den Häusern und in den bescheidenen Nutzgärten der Dörfer, in den Obstanlagen der Gemeinden, zu beiden Seiten der Landstraßen, am stillen Waldesrand oder auf der leuchtend grünen Wiese überall sind sie eine Freude für das schön­heitsdurstige Auge und das empfängliche Menschen­herz. Wer hätte nicht in den langen Wochen der Winterszeit oftmals von der Blüten- und Blumen­pracht des Frühlings als von einer schönen Hoff­

findungswelt loslöst von der harten Pflicht des Be­rufes, die den Mann irgendwo in dem Arbeitssaal einer Fabrik, in der Werkstatt des Handwerkers, in den Schreibstuben eines kaufmännischen Geschäfts oder einer Behörde tagsüber festhält, oder die Frau mit den vielfachen Obliegenheiten der Haus­haltsführung oder einer wirtschaftlichen Berufsaus­übung in Anspruch nimmt. Für alle diese Men­schen ist ein vom Abendsonnenschein übergoldeter Erholungsgang unter blühenden Bäumen und an

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samer Vollendung einer

Idyllisches Plätzchen in den Kliniksgärten.

nung gesprochen! Wem wäre die Welt nicht schöner vorgekommen beim Anblick des jungen Grüns an Busch und Baum, beim Schwellen der Knospen und beim Aufbrechen der Blüten, bei dem wunder­baren Blütenduft, bei dem Anblick der üppig blü­henden Blumen in den Gärten und öffentlichen An­lagen oder in Feld und Wald! Es ist in der Tat eine Erquickung der Seele, die wir in den Wochen des Frühlings und Frühsommers in Stadt und

langen Spanne Zeit vom frühesten Morgen bis zum späten Abend eine Freude. Da wird, wenn auf dem Bauernhöfe die Ruhe des Feierabends allmählich einkehrt, noch einmal ein kurzer Gang in den Gar­ten oder zu dem Baum­stück unmittelbar hinter dem Wohnhause unter­nommen; da nimmt die Hausfrau beim Herein­holen von Gemüse gerne noch einige Blumen mit zur Zierde der Stube und damit zur seelischen Er­quickung ihrer Hausgenos­sen; da verbindet der Landmann seinen Gang unter den blühenden Bäu­men mit der wirtschaftlich nützlichen Erkundung, ob etwa Maßnahmen zur Schädlingsbekämpfung

zwecks Sicherung eines guten Ernteertrags not­wendig sind, erfreut sich auch sein Herz und Auge

leuchtenden Blumenbeeten vorbei gewissermaßen die Oase des täglichen Lebens, in der sie sich neue Kraft holen für den kommenden Tag mit seinen erneuten schweren Pflichten.

Aber auch für den Landmann und die Landfrau sind Blumen und Blüten im Frühling und in den ersten Sommerwochen bei dem schweren Ar­beitswert des Alltags und am Abend nach müh-

an der Pracht der. Frühlingsblumen am Wegrand oder auf dem Blumenbeet.

Für alle diese schaffenden Menschen in Stadt und Land ist eine solche Stunde des schönen, von Sonne, Blumen und Blüten, leuchtend-blauem Himmel und würziger Luft erfüllten Abendfriedens eine Art Gottesdienst, bei dem die Menschen froh und dank­bar werden für das unendlich reiche Geschenk, das ihnen setzt in der Natur zuteil wird

Land erleben, in denen uns die herrliche Schönheit der Natur hinauslockt in die Weite des großen Gottesgarten, um dort die Erhabenheit und Große der göttlichen Allmacht zu erleben.

Die naturfrohen Stadtmenschen erfreuen sich dieser Zeit der Blüten und Blumen mit besonderer Hin­gabe, denn den meisten von ihnen ist ja nicht der Besitz eines eigenen Gärtchens vergönnt, m dem sie sich ebenso zu Hause fühlen könnten wie inner­halb ihrer vier Wände. Da suchen ste denn die Schönheit der Blüten und der Blumen auf Spa­ziergängen durch die Straßen und die offenlllchen Anlagen, über die Friedhöfe und durch die Felder in nächster Nähe der Stadt in sich aufzunehmen Und es gibt für die Männer und Frauen der Stadt wohl keine schönere Erholung nach der Arbeit und der Hast des Alltags, als einen geruhsamen Spa­ziergang am Abend, bei dem sich die ganze Emp­

Wenn wir uns heute inmitten der Städte an Blumen und Blüten und leuchtenden Rasenbeeten, an herrlichen Baumbeständen der Anlagen und an reizvoller, parkartiger Gestaltung mancher Anlagen­teile unter Einfügung von Teich- und Brunnen­anlagen oder dergleichen erfreuen können, so wol­len wir nicht vergessen, daß alle diese Schönheit der Stadt in vielen Gemeinwesen erst ein Werk von verhältnismäßig jungem Alter ist. DieLun­

Ein lonnlges M-nIch-nktnd am Blumenbeet. (Ausnahmen 18]: Neuner, Gießener Anzeiger.)

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gen der Stadt", wie man die Gärten und An­lagen mit Recht bezeichnet, hatten noch vor nicht allzu vielen Jahren, etwa von der Jahrhundert­wende ab bis zum Kriegsausbruch, in vielen Städ­ten nicht die Würdigung gefunden, die sie damals schon verdienten. Und leider ist es auch heute noch in zahlreichen Städten so insbesondere an den Plätzen der zusammengeballten Industrie, daß Gär­ten und ausgedehnte öffentliche Anlagen noch nicht vollwertig in die Reihe der lebensnotwendigen Dinge eingeordnet sind.

Zum Glück und zur Freude für ihre Bewohner hat aber schon seit Jahren in unserer Stadt G i e- ß e n in dieser Hinsicht ein anderes und besseres Gesetz gegolten, und steht die hohe Bewertung der Grünanlagen alsLungen der Stadt" heute noch stärker als je im Vordergründe der privaten und öffentlichen Gestaltung der Lebensgrundlagen. Dankbar erkennen wir immer wieder, mit welcher Liebe und Sorgfalt unsere Anlagen ausgestaltet und gepflegt werden. Ein Gang durch diegrüne Welt" am Htndenburgwall, am Hitlerwall, oder am Wernerwall, eine beschauliche Stunde unter den prächtigen Bäumen des Alten Friedhofs oder an der Licher Straße, eine Rast auf dem Neuen Fried­hof mit seinem prächtigen Schmuck der Bäume, Blumen und Zierbüsche, oder eine abendliche Aus­spannung in dem neuen Anlagenbezirk an dem Eichgärtenteich offenbart soviel Naturschönheit, wie man sie in nicht allzuoielen Städten von der Größe unseres Gemeinwesens antrifft. Hier sehen wir neben dem allgemein angewandten Anlagenschmuck zahlreiche seltene Bäume und Büsche, wobei man klar erkennt, daß weitschauender fachmännischer Blick bei der Schaffung unserer Grünstätten nutzbar gemacht wurde. Hier finden wir, wie Uni­versitätsgarteninspektor i R Rehnelt vor eini­gen Jahren in seinemFührer durch die Grün­anlagen durch die Stadt Gießen" in fesselnder Schilderung beschreibt, u. a. an Nadelholzbäumen schöne Blautannen, morgenländische Fichten, Dou- glasfichten, Eiben, Weymouthskiefern und Zirbel- kiefern, an Laubbäumen prächtige Eichen, Rot­buchen, Birken, Ulmen, Pappeln, Linden, Ahorne, Esche, Akazie, Götterbaum, Goldregen, Mehlbeer- ,baum usw. Die weitausladenden Grünflächen sind geschmückt mit prächtigen Blumenbeeten, bei deren Gestaltung guter gartenkünstlerischer Geschmack die Arbeit leitet. In vorbildlicher Verfassung präsen­tiert sich dem erholungsbedürftigen Menschen auch stets der Botanische Garten der Universität, der mit seinen herrlichen Bäumen und seinen wunder­baren Blumenanlagen, den erlesenen Gruppen sel­tenster Pflanzen und den vielerlei Beständen aus den Gewächshäusern geradezu als ein gärtnerisches

Blüten über dem Gartenzaun.

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den schaffenden Menschen auch die seelische Erhebung durch den Anblick schöner Grünanlagen ist. Heute gel­ten diese Aufwendungen mit Recht auch als produk­tives Schaffen der Gemeinden, das sich immer mehr in vielfältiger Gestalt zum Nutzen der Gesamtheit aus­wirkt. Daß die Gemeinden dabei auf dem richtigen Wege sind, wird allein schon durch den Gedanken an den Nutzen eines gesteigerten Fremdenverkehrs bewiesen, der doch meist nur dann zu erzielen ist, wenn sich der Ort dem fremden Besucher in schönem Gewände zeigen kann. Hierzu gehören aber nicht nur saubere Straßen und altertümliche Gebäude und dergleichen, sondern in hervorragendem Maße auch geschmackvolle Grünanlagen mit fein gestaltetem Baum- und Blumenschmuck. Welche Freude nicht nur der Ortsbewohner, sondern auch der von aus­wärts kommende Wanderer an dieser Schönheit im Stadtbereich genießt, kann jeder ermessen, der bei­spielsweise durch den Schloßpark in Lich oder in Laubach, oder durch die schönen Anlagen des Brun­nentals der Stadt Grünberg gegangen ist. Dort

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Im Brunnental der Stadt Grünberg.

Frühlingsmotiv aus Lich.

Paradies angesprochen werden muß. Manche Augenweide kann man ferner im Bereiche der Kliniksgärten finden. Erfreulicherweise zeigt sich auch dieVisitenkarte der Stadt" in der oberen Bahnhofstraße, in nächster Nähe des Bahnhofs, feit mehreren Jahren in bestem gartenkünstlerischem Schmuck. Wer sich erinnert, daß dieser Platz noch vor einigen Jahren ein recht ärmliches Aussehen zeigte und in keiner Weise eine Empfehlung unserer Stadt für den fremden Besucher bedeutete, der wird immer wieder mit Genugtuung und Dankbarkeit anerkennen, daß die Gartenbauverwaltung unserer Stadt gerade an dieser Stelle ein Werk geschaffen hat, mit dem jeder Einwohner nur zufrieden sein kann. Ein weiteres Werk der Schönheit ist nun im Eichgärtengebiet im Werden begriffen, wo in Ver­bindung mit dem Ausbau eines neuen Stadtviertels mit Recht Wert darauf gelegt wird, auch wieder die Lungen der Stadt" in ausgedehntem Maße zur Geltung kommen zu lassen.

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Bäume. Blumen und Blüten im Zuge einer neu­zeitlichen, schönen Gestaltung des Ortsbildes sind seit einigen Jahren in zunehmendem Maße auch in den kleinen Städten und in den Landorten immer mehr der Gegenstand be- sonderer Wertschätzung ge­worden. Zwar hat es dort auch früher nicht gefehlt an Bäumen und Blumen, aber ihreAnordnung war mancherorts vielfach so wenig von den Grund­sätzen einer guten Land­schaftsgestaltung geleitet, daß man niemals eine rechte Freude an diesem Grün haben konnte, zu­mal es auch meist noch an der erforderlichen Pflege fehlte. Der Sinn für Schönheit in der Land­schaft findet jetzt erfreu« licherweise eine sehr dan­kenswerte Stärkung durch das Wirken der öffent­lichen Hand. In früheren Jahren haben manche Ver­waltungen die Ausgaben für Baum- und Blumen­schmuck oft als unnütz an­gesehen, da man nicht er­kannte, wie wertvoll für

findet man manches idyllische Plätzchen, das zum Verweilen einlädt und immer wieder Anlaß gibt zu neuem Besuch. Und so wie in diesen Städten, die hier nur als Beispiele genannt sind, sollte es allent­halben in den kleinen Städten und in den Dörfern sein. Es ist durchaus nicht notwendig, daß für diese Zwecke Geldausgaben gemacht werden, die im Rahmen der Gesamtwirtschaft der Orte nicht zu tragen wären. Mit verhältnismäßig bescheidenen Mitteln läßt sich auch schon sehr viel Schönes er­reichen, wenn man nur zweckmäßig nach den Ge­sichtspunkten der guten Gartenbaukunst und der schönen Landschaftsgestaltung handelt.

Bäume, Blumen und Blüten sind gerade tn der Zeit der verstärkten Anspannung aller Kräfte beim Werke des deutschen Wiederaufbaues wichtige Fak­toren, denn sie geben dem schaffenden Menschen Freude im Älltagswerk und bereiten ihm eine seelische Schönheit des Lebens, die mit materiellen Maßstäben nicht zu messen ist. Darum mögen gerade die Wochen des Frühlings und der Frühsommerzeit allenthalben ein neuer Anstoß sein für das Werk der schönen Heimat- und Landschaftsgestaltung durch geschmackvollen Grünschmuck in Stadt und Land!

DieVisitenkarte" der Stadt Gießen am Bahnhof.»

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