_ .tn . 4, k» ___* melodisches Präludieren zum besten gab.
Bach Wielt Die Vsingnvrgel. hörte sogleich, daß hier ein ganz gefälliger, * lZ wie er auch erwartet hatte, durchaus kein
Von Hans Bethge.
s»pih(, inhaltsreicher durch chend hinter den jungen Lehrer und flüsterte ihm 5 Lte7Tö unaen bk- u: „Ich bin ein Schulmeister aus Weimar Der
Bach
■, aber
Er ist nahrhaft und schmeckt stets fein- das kann nur Schrams Pudding sein!
glücklich sei. c e .
Bach sagte' zu, und als die Glocken zu rufen begannen, ' schritt er mit dem festlich gekleideten Wirtspaar durch den sonnigen Tag und seinen Fue- derduft zur Kirche hin. Nach dem Eintritt in die Pforte trennte er sich von dem Paar und schlupfte die Stiege hinauf, um zu seinem Berufsgefährten zu gelangen, der gerade zum Eingang ein leichtes,
Sprache.
Dieses merkwürdige Ereignis, daß in dem Augenblick, wo der Geist in einer Gemeinschaft mächtig wird, jeder die Sprache des andern versteht, bildet einen Hauptpunkt der Pfingsterzählung. Es ist das
der Orgel hinauf, traten wieder in die Kirchenstühle und lauschten. Die schon hinausgegangen waren, kehrten in das Gotteshaus zurück, und so sah Die ganze Gemeinde beisammen und hörte in tiefer Ergriffenheit dem wundersamsten Orgelspiele zu, das sich jemals durch diesen bescheidenen Raum ergossen ^Bach mäßigte sein Spiel nach dem lodernden Aufklang der zu hymnischer Gewalt gesteigerten Gefühle und ließ es endlich in einem zauberhaften Adagio von zartestem Empfinden verströmen.
Der junge Schulmeister, der gleich bei den ersten Klängen des Spiels erschrocken aufgehorcht hatte, sah jetzt erschüttert da. Er blickte den Andern mit fragenden Augen an und sagte: Entweder Ihr seid ein Engel, den der Herrgott in Menschengestalt auf die pfingstliche Erde geschickt hat ober Ihr seid der Bach aus Weimar."
„Das letztere", entgegnete der Meister lächelnd, „was aber die Engel des Paradieses anlangt, so wünschte ich einmal, wenn ich gestorben bin, von ihnen die letzten, verborgensten Kenntnisse des Musizierens zu erlernen. Hoffentlich ist es noch ein Weilchen hin."
Die Beiden schritten hinab, am Fuße der Treppe standen das Wirtspaar und der Pfarrer, um den berühmten Gast ehrerbietig zu begrüßen. „Ihr habt Euch im Fremdenbuch als Sebastian Rinnsal eingetragen", meinte der Pfarrer, „das ist denn doch ein wenig zu bescheiden. Wir wissen wohl, Ihr seid ein schäumender Bach, der von Gletscherhöhen leuchtend herniederströmt zu den Menschen, um sie gluck-
schenden. t .
Und über die gebeugten Häupter der Knienden in dem dumpfen, niedrigen Kellerloch unter der Erde St. Petersburgs weht Atem der Ewigkeit.
licher zu machen."
Bach reichte dem Pfarrer die Hand. Als die kleine Gesellschaft hinaustrat in den sonnigen Tag, sah sie, daß die Gemeinde noch nicht helmgegangen war. Die Leute standen flüsternd zu beiden Seiten des Weges, der in einem leicht geschwungenen Bogen über den blühenden Kirchhof führte. Die Männer nahmen die Hüte vom Kopf, als der Meister dahergeschritten kam, und die Mädchen machten ihre Knickse.
Als Bach die vielen entblößten Häupter sah, deren Augen mit so liebender Ehrfurcht auf ihn gerichtet waren, wurde ihm feierlich und ein wenig beklommen zu Sinn.
Nie wieder ist er durch eine Ehrengasse hingeschritten, die von so rührender Dankbarkeit und so aufrichtiger, beglückender Bewunderung gebildet war. Es war der schönste Pfingstsonntag seines Leben.
wie er auoj eimuiiti yuuc, uuiujuua “>u bedeutender Spieler am Werke sei. Er stellte sich lau-
„Da habt Ihr den Bach", meinte der Lehrer mit ehrfurchtsvoller Miene, „und in ihm einen der Herr- lichsten Orgelkünstler unserer Zeit. Ich wünschte, es wäre mir vergönnt ihn zuweilen zu hören, da könnte man viel lernen, einen größeren Lehrmeister gibt es nicht."
„Ich kenne ihn", meinte Bach.
„Ihr müßt mir nach dem Gottesdienst von ihm erzählen", entgegnete der Andere leise, „und wenn Ihr übrigens nachher den Ausgang spielen wollt, so ist es' Euch gern gestattet. Das Thema bleibt Euch überlassen,' nur etwas Beruhigendes, Getragenes soll es fein."
„Das will ich mit Vergnügen tun", entgegnete der Fremdling aus Weimar und sah sich daraufhin die Orgel genauer an. Dann saßen die beiden Männer schweigend beieinander und hörten der Pre-
zu: „Ich bin em iLtyuimeyier aus xüeiniui. i Andere nickte freundlich und ließ sich in seinem Spiel nicht weiter stören. Nach einiger Zeit wurde er aber unruhig, denn er merkte, daß der Fremde ihm sehr genau auf die Finger sah und das Ziehen der Register mit lebhaftem Atem begleitete, weil er es offenbar schneller oder energischer ausgeführt zu haben wünschte. Nach Beendigung des Eingangsspieles kamen die beiden Männer in em flüsterndes Gespräch.
„Ihr versteht etwas vom Spiel? fragte der junge Organist.
„Ein wenig", erwiderte Bach, "ich pflege in Weimar hin und wieder vorzutragen."
Begeisterung.
Von Wilhelm Michel.
Es mag heute viele Menschen geben, die das Wort von der „Ausgießung des heiligen Geistes , das im Mittelpunkt der Pfingstgeschichte steht, fremd anmutet. Sie wissen vielleicht keinen rechten Be-
Frankreich zwischen -en Zeiten
Don Dr. Paul Rohrbach.
Unterirdische pfingstseier
Don W. v. Dosenstein.
ben, mit dem Romantik-rg-ift, ber Intuitiven Dor- stellungskrast, mit ber Schiller tue Schweiz. Shake- peare die Straßen von Venedig und alle Poeten des alten Europas bas heilig- Hellas sahen. Er hat Begeisterung ausgegossen, Pfingstlich!, das nur ferne Horizonte im bunten Feuer der Begehrlichkeit ^llm^age der Ausgießung des Lichtes schloß er die Augen. Und ich sehe ihn bedächtig, köstlicher Weisheit voll, einen steilen Wolkenweg hinanklim- men, immer ordentlich die Straßen entlang. Und wie er den ersten Bekannten trifft, Archimedes ober Abam Riese, holt er tief Atem, nimmt ihn am Westenknopf unb sagt lächelnb:
„Nun hören Sie mal her!"
bigt zu.
Als bas letzte Amen verklungen war, nahm Bach vor ber Orgel Platz unb fing an, den Ausgang zu spielen. Er setzte mit einigen ätherisch lyrischen Klängen ein, bann aber brauste halb ber Strom ber Melodien unter seinen Händen ganz entfesselt bahin, mit unheimlicher unb geheimnisvoller Gewalt. Aufrauschende Klänge voll inbrünstiger Frömmigkeit ergossen sich zum Lobe ber Allmacht Gottes burch ben Raum, es war wie bas rauschende Flügelschlagen eines riesigen Ablers, ber sich in bem kleinen Hause verfangen hatte, unb nun mit ber anftürmenben Gewalt seiner gestrafften Schwingen bie lästigen Fesseln ber Wänbe zu sprengen suchte.
Die Leute in ber Kirche waren völlig bestürzt. Sie blickten mit verwunberten Mienen zur Empore
Bach verbrachte eine L..,. , , .
das Emporblühen großartigster Schöpfungen be- ■ deutsamer Jahre in Weimar, wo er vom damaligen Herzog als Hoforganist unb Hofkonzertmeister angestellt worben war. Sein Ruf als Orgelspieler von ' einer nie gehörten, bie Herzen mitreihenben Vollendung erfüllte nicht nur die Stadt, auch das thüringische Land war voll seines Ruhmes.
Nun hatte Bach eine Reise nach Dresden zu unternehmen, er benutzte die Pfingsttage dazu, unb während dieser pfingstlichen Reise ereignete sich em reizendes Zwischenspiel, das aus der Vergessenheit heraufgehoben sein mag. Es herrschte lachender Frühling, Goldregen, Flieder und Rotdorn blühten in verschwenderischer Fülle. Der Musiker hatte das Wichtigste in seinen Koffer getan, und am Pfingst- samstag bot sich ihm Gelegenheit, mit einem ländlichen Fuhrwerk bis in ein Dorf in der Nähe von Gera zu gelangen. Er saß neben dem Bauern auf dem Bock, freute sich an der melodisch gelungenen thüringischen Feld- und Walblandschaft und lauschte den jubilierenden Gesängen ber Vögel, deren Tonfolgen ihn zu stillem Nachdenken zwan- gen. Abends gelangte man in das Dorf, Bach verabschiedete sich von seinem Fahrtgenossen, mit bem er über bie Zeitläufe behaglich geplaubert hatte, unb begab sich in ben einfachen, von einer mächtigen Linde überragten Gasthof. Er lernte bort in dem Wirt unb seiner Frau muntere Leute kennen, bie eine saubere Haushaltung führten, unb trug sich in ihr Fremdenbuch als Schulmeister Sebastian Rinnsal aus Weimar ein.
Der Pfingstsonntag stieg in Sonne unb Heiterkeit herauf. Der Wirt forderte seinen Gast auf, mit zum Gottesbienst zu kommen, benn es fei nicht nur ein Pfarrer im Dorfe, ber eine gute Festpredigt zu halten wisse, fonbern vor allem em junger Schulmeister, der bie Orgel wirklich meister- lich hanbhabe, so baß alles im Ort über bie Em- stellung biefes neuen, jugendlichen Organisten ganz
habe. w .
„Du hast recht, Bruder, deutscher Bruder, wenn ich nicht irre. Gewiß, die Stadt des großen Zaren ist wieder aufgelebt; es pulst ein starker Verkehr durch ihre Straßen, an deren Rändern die alten Paläste gestorben sind. Doch die Hast ist Krampf, starr sind die Gesichter der Menschen. Sie alle scheinen auf etwas zu horchen, auf etwas zu warten, was einmal war und nicht mehr ist. Fremdes lastet über Rußland."
„Hüte dich", erstickt im Zwange der zum Flüstern gepreßten Worte fährt in seine Gedanken verspon-
Vom Okapi.
Wahrend man allgemein der Ansicht ist, daß das erst seit einigen Jahren bekannte Okapi, eine den Giraffen verwandten Antilopenart, auch im afrikanischen Urwald nur noch selten ist und bald aussterben dürste, hat der Italiener Attilio Gatt: bei seinen Expeditionen in das unbekannteste Afrika, zu den Zwergvölkern des Jturi-Waldes, festgestellt, daß sie in Belgisch-Kongo noch in großer Zahl vorhanden sind und von den Zwergen viel gejagt und erbeutet werden. Gatti berichtet jetzt über seine Erfahrungen in der Frankfurter Wochenschrift „Die Umschau". Am Rande des großen Waldes, wo gewöhnlich gejagt wird, ist das Okapi tatsächlich sehr selten. Im Inneren des Waldes, einem Gebiet, bas Hunberttausenbe von Quadratkilometer umfaßt, die der Weiße noch gar nicht kennt, lebt das Okapi jedoch in erstaunlicher Anzahl. Es erhoben sich auch die größten Schwierigkeiten, wenn ber Versuch gemacht würbe, in biefes Gebiet einzubringen, ba die Pygmäen und die anderen Eingeborenen es als ein Tabuland betrachten, in dem böse Geister unb riesenhafte Tiere wohnen. Bei ben Zwergen entbecfte Gatti zu seiner Ueberraschung, baß man in jebem Dors Dutzende von großen Okapifell-Gürteln sah, benen bie Eingeborenen magische Kräfte gegen Verbau- ungsbeschwerben zuschreiben; es gab auch eine Art Liegestühle, bei benen ganze Felle bes Okapi bie Stelle ber Stoffbahn einnehmen. In einem Dors mit 155 Pygmäen würben 120 Okapifellgürtel unb sieben ganze Felle gezählt, in 14 Tagen fingen diese Zwerge 8 Okapis, 5 in Gruben, 2 in Netzen und eins töteten sie mit Speeren. Gatti kommt auf Grund seiner Beobachtungen zu dem Schlug, baß jährlich über 1000 Okapis von ben Eingeborenen getötet werben. Die Zwerge, bie viel Fleisch brauchen, um sich in guter Verfassung zu erhalten, jagen äußerst geschickt mit Fallen und Schlingen unb Speeren, unb sie finb sehr tapfer. Sie können es auch kaum verstehen, wenn man ihnen bas Toten ber Okapis verbietet. Wenn man erreichen will baß sie bavon ablassen, muß man alle jetzt vorhanbenen Felle burch Marken kennzeichnen unö schwere Strafen androhen, wenn in Zukunft einer der Pygmäen mit einem unmarkierten Fell ,ge' troffen wirb. Dann wirb ber Hanbel, den sie W damit treiben, bald aufhören. Gatti ist es gegluckt, einige lebende Okapis zu fangen und in die zoologischen Gärten von Antwerpen und London zu bringen.
eigentliche Pfingstwunder. Die Apostel, vom Geist ergriffen, fangen an zu predigen vor einer Zuhörerschaft, die ein buntes Dölkeraemisch ist. Porcher unb Meber, Elamiter unb Thraker, Aegypter unb Romer finb darunter. Aber zu ihrem Er- staunen, ja zu ihrer Bestürzung erfahren diese Fremdlinge, daß sie alles verstehen, was bie Menschen da oben mit leuchtenden Augen zu ihnen sagen: „Wir hören sie mit unfern Zungen bie großen Taten Gottes reben!" Weil es ber Geist ber unbebingten, letzten Gemeinschaft ist, aus bem sie reben, nämlich ber Geist ber Gemeinschaft unter Gott, deshalb fallen in diesem Augenblick selbst die Unterschiede der Völkersprache hinweg; Gott allem „hat das Wort". .
Mit diesem Zuge stellt das Pfingsterelgnis das Urbild aller Begeisterungen dar, die es unter Menschen geben kann. Dieser Zug heißt: In der Be- qeifterung wird jeder Mensch dem andern erst richtig verständlich, weil jeder sich selbst und den andern als Glied einer ungeschiebenen Gemeinschaft erlebt. .
Wir müssen ben Sinn ber Pfingstler barm finben, daß wir in ihr diejenige Gewalt feiern, bie uns immer roieber aus unsrer burren Vereinzelung herausholt unb ein größeres Leben m uns zur Geltung bringt. Wir feiern in ihr ben schöpferischen Geist, ber als ein „schnelles Brausen ins enge Haus unsres Lebens einbricht und uns bie Kraft zu großen Gebauten unb Entschluss en gibt. „Komm, Schöpfer Geist!" ruft ein Lieb her alten Kirche aus. Jede Menschenseele, bie um bas wirkliche Leben weiß, stimmt in biefen Ruf mit ein. Die rettenben Eingebungen, bie Durchbruche aus der Enge in die Weite, ber große Mut, aus bem die meltänbernben Gesinnungen unb„ Taten aufblitzen — sie stammen nicht „aus uns", b. h. sie stammen nicht aus unsrem privaten, trockenen Alltagsbasein. Sie stammen jedesmal aus ber Ge- walt, bie uns aus unsrem Alltag heimholt in das große Leben des Ganzen. Sie finb Geschenke des Schöpfers Geist, ber ewig, als eine Einstrahlung der unbedingten Lebenskraft, unsre Herzen erfrischt.
Sein Reich ist der Zone jener mächtigen Einwirkungen vergleichbar, denen wir in den höheren Schichten ber Erdatmosphäre begegnen. Wir nennen sie bie kosmischen Strahlungen. Sie kommen von „außen". Wir wissen von ihnen nicht viel. Aber , wir wissen, baß sie eine schlechthin entscheidenbe Bedeutung für das Leben ber Erbe haben muffen.
Unser Alltag weiß nicht viel vom Schöpfer Geist. Aber in seltenen festlichen Augenblicken, in den pfingstlichen Augenblicken der Begeisterung ersah- ren wir, baß von ihm, von seinen gnadenvollen Einbrüchen in unser Haus, alles lebt, roas Wert, Kraft unb Feuer in unsrem Denken unb Handeln hat.
Im fahlen Zwielicht träumt die nordische Nacht, i Bleifarben rauscht der Strom an granitnen Boschun- • gen vorüber. Dunkel ragt ber Riesenbau bes ’ Winterpalais, unbeutlich, schemenhaft fast, ber Turm > der Peter-Paul-Festungskirche. t ri
lieber die Granitbalustrade gebeugt steht ein Mann mit grauen Schläfen über jungem Gesicht, i Wie er dem Raunen und Murmeln des Flusses lauscht, gehen die Gedanken in traumhaftem Wandern uferaufwärts, tief hinein in die Unendlichkeit russischer Lande. Kurz nur ist die eigentliche Newa, doch riesenlang das Flußsystem, dem sie entspringt. Ilmen-, Onega- und der riesige Ladogasee, sie sind die drei Stationen des Laufes.
Geheimnisvolles Dämmern unendlicher Nadelwälder, Sonnenglast im lichten Birkenbestand ist einst gewesen in der Endlosigkeit des Nordlandes. Ob sie heute noch stehn, die einst Ingermanland vor grimmen Nordstürmen schützten und mit ihrem Holz wärmten? Lichtgrün, herb duftend mußten sie jetzt im Psingstschmuck prangen. . .
Ja, die Zeit hat sich gewandelt! Wo sind sie geblieben, die hunderttausend flinken, gutmütigfrethen Jswostschiks, wo die glänzenden Prunkladen des Newskiprospektes, wo der Name, der schöne deutsche Name, den Peter der Große, der diese Sprache liebte, seinem bevorzugten Patenkinde gab? Panslawistischer Nationalismus verrußte ihn in Petro-, roter Fanatismus vier Jahre später in Leningrad.
Mit einer heftigen Bewegung streicht der Mann sich über Stirn und Augen. Wird sie wohl immer so heißen, bie einst so schimmernde erste Metropole bes russischen Reiches, in ber boch eigentlich fett ihrer ©rünbung ber Totenwurm tickt? Denn, auf den Sumpfboben des Newabeltas gebaut, finb weite Strecken nach venezianischem Muster auf Pfahlrosten errichtet. Sie können lange halten — unb vielleicht wirb bie Technik ber Neuzeit hier em Segenswerk schaffen. Aber bie Regierung ber Neu- zeit, bie mit Menschenleben spielt wie ein Kinb mit Kieselsteinen — was ist ihr bie Stabt ber Zaren! Mag ber Sumps sie fressen. —
Hat er all bas nur gebaut, hat er es ausgefpro- chcn...? Eine Hanb berührt seinen Arm, eine dunkle Stimme spricht im Flüsterton: „Auch dich, Bruder drückt das Leid darnieder, das uns alle traf. Auch du klagst um Verlorenes, klagst stumm, doch die Ohren der Machthaber sind fein und selbst Gedanken ein todwürdiges Verbrechen. Komm, Bruder, ich will dich führen, Pfingsten ist heut."
„Wo seid ihr Glocken, die das Fest einlauteten, ehe der Antichrist Herr wurde in dem Lande, das seine Söhne Mutter nennen? Warum schweigst du, St. Michael, warum singt nicht dein Glockenspiel, du Gottesschwert von Peter und Paul? Wo blieben die wuchtigen Klänge eurer lutherischen Schwestern unb bu, gotischer Spitzturm an ber Moika vom reformierten Bekenntnis?" flüstert ber Angeredete wie unter einem Zwange unb als ob er bie Worte des hohen Greises da neben ihm nicht vernommen
nen der Erste fort, „hüte dich, art- und landfremder Tyrann im Kreml; bu kennst Norblandskinber mchtt Aus Trübsal unb unerträglichem Druck blicken dich einst bie flammenben Augen bes Wikings an, Rechenschaft forbernb. Trotz beiner Experimente, trotz Zwangsverordnungen unb Verschickung und Aufteilung läßt sich die Eigenart bes russischen Menschen nicht verwischen, noch vernichten. Wahre bich, Grusinier! Einmal vergeht auch bie längste Nacht; im Glanz ber neuen Sonne wirst bu schwinben gleich einem finsteren Spuk!"
„Schweig, Bruber! Die Spurhunbe ber Tscheka finb überall. Keine Straße ist sicher vor ihnen, fein Garten, kein Winkel, kaum bie Abgeschlossenheit eines Hauses. Unb ber Haß biefer Boten bes Antichrist ist höllisches Feuer. Wage nicht bein Leben unnütz, gib bich nicht in bie Klauen Satans, ben ber Herr vernichten wirb, sobalb es ihm gefällt. Dock) nun komm. Laß uns bas Fest ber Pfingsten feiern.
Noch immer unter bem Banne bes Traumhaften stehend, bas über feiner Seele liegt, feit er aus ben grauen, rinnenben Wassern so stark bas Sieb ber Jugendheimat vernommen, folgt ber Eingelabene seinem Führer. Durch Straßen, bie er einst kannte unb bie nun ein frembes Gesicht unb fremde Flamen tragen, schreiten sie bahin, weiter unb weiter. An ber Türe eines altertümlichen Hauses, dessen schadhafte Läden geschlossen sind, hält der Alte an. Schweigend und ohne sich zu bewegen stehen me Beiden eine lange Weile und horchen hinein tn Die grünliche Dämmerung. Dann pocht der Greis in eigenartiger Weise mehrere Male; geräuschlos öffnet und schließt sich bie Tür. Sie tasten in völliger Dunkelheit eine bröcfelnbe Treppe hinab, treten tn ein niebriges, feuchtes Gelaß, bas früher zum Aufbewahren von Holz gebient haben mag. Eng unb dumpf ist es hier, voller Winkel unb Ecken und ganz ohne Fenster. Wenige Kerzen erhellen spärlich den dicht mit Menschen gefüllten Raum. In der Mitte ein wackeliger Tisch, darauf ein Kruzifix und auf goldenem Grunde das braune Antlitz eines Apostels ober Heiligen, bas helle Grün einiger Birkenzweige, ein leiser Flieberbuft.
Um biefen Tisch brei, vier haaere Mannergestal- ten mit blassen, verhärmten Gesichtern — frühere Popen wohl —, baneben einer ober zwei, um beren verarbeitete Hänbe bie Perlenschnur bes Rosenkranzes geschlungen ist, bann einer, ein junger, blonber, mit deutschem Gesicht, dessen fast zur Faust gekrampfte Finger das Bibelbuch umklammert halten. Nun tritt er hervor, blättert, lieft: „Und als der Tag der Pfingsten erfüllt war, waren sie alle einmütig beieinander ... und sie wurden alle voll , des heiligen Geistes."
Tiefes Schweigen, ein wehes Aufschluchzen dann, [ ein Wimmern aus irgend einem Winkel, ein halb i unterdrücktes Stöhnen. Und nun knien sie, Recht- ; gläubige, römische Katholiken, Lutheraner und wer sie alle sein und auf welche Weise sie Gott dienen mögen, gefahrumdroht, von Entdecktwerden und Verrat umlauert, nieder und beten, ein jeder tn der Sprache seines Herzens, zu Gott, dem heiligen Geiste, bah er als Retter sich herniederneige, als Helfer unter bas todesmutige Häuflein ber Seinen.
„0 komm, bu Geist ber Wahrheit, und kehre bet uns ein, verbreite Licht unb Klarheit, verbanne Trug unb Schein ...", geht es wie bas Gebet feiner deutschen Mutter durch Die Seele des stille Lau
zählte so, daß die hessischen Berge versanken, daß die Ferne und all ihre belebende Vergangenheit, Sage und Sehnsucht emporstiegen. Der Tag wurde zu einem Bacchanal im Zeichen orbis terrarum. Der alte Hexenmeister lieh Europa wie einen farbenschimmernden Kreisel tanzen. Schließlich ermüdete er unter der Gewalt der Darstellung unb bes Korns unb nickte ein. Man hatte bann noch Zeit, ein Bab im Fluß mit anschließendem Dauerlauf zu nehmen, bevor man ben erschöpften Doktor zum letzten Zuge weckte.
Der Privatlehrer Kannenbier starb am Pfingstsonntag 1926. Zehn Jahre sieht er die bunte Welt von oben. Ich aber sah sie mir von unten an. Er hat mich hinausgejagt mit seinen flammenden Re
Pari s, Mai 1936.
Man lebt in Frankreich jetzt in einer seltsamen Atmosphäre zwischen Vergangenem unb Kommendem. Sonntag ab es einen sozialistischen Massenaufmarsch auf bem Friebhos Pere Lachalse mit großen Ovationen für Läon Blum an ber „Mauer der Föderierten". Mit dieser Mauer hat es folgende Bewandtnis. Nach dem Abzug der deittschen Truppen von Paris, im Frühjahr 1871, wurde die republikanische französische Regierung allmählich des Kommunistenaufstandes, der bie Stabt verwüstete und massenhaft Opfer sortierte, Herr. Die Kommunisten hatten bas Palais ber luilenen unb eine Menge anberer öffentlicher Gebäube verbrannt, ben Erzbischof von Paris unb anbere kirch- liehe unb bürgerliche Gefangene von Rana er- schossen, unb wichen nun unter ständigen Varn- kabenkämpfen auf ben hochgelegenen ummauerten Friebhof als ein letztes Bollwerk zurück. Als bie Truppen auch ben Pöre Lachaise erstürmt hatten, sammelte sich ein Rest ber Communarbs innen unter der Mauer, wurde hier von den erbitterten Soldaten zusammengeschossen und später an Ort und Stelle begraben. Das ist die „Mur des F6d6res — — ein etwas seltsamer Ort für die politische Kundgebung einer an sich so „staatserhaltenden" Partei, wie es die französischen Sozialisten sind.
Wenn man mit hiesigen Beobachtern über die Lage spricht, so kann man das charakteristische Wort
griff damit zu verbinden.
Aber alle wissen von der Begeisterung und glauben an sie. Alle kennen das Erlebnis, daß sie zu irgendeiner Stunde mit vielen zusammen waren und daß bann der „Geist" über die Gemeinschaft kam. Sie erfroren ihn als den Geist bes Vaterlandes ober als den Geist bes Dolkszusammenhangs ober als ben zu einer bestimmten Tat aufrufenben Geist bes Augenblicks. So weiß z. B. Jeher, was gemeint ist, wenn vorn Geist des 2. August 1914 gesprochen wirb.
Um ben Geist, ber bie Begeisterung stiftet, geht es auch in der Pfingstgeschichte.
Was ist der eigentliche Inhalt dieses Erlebnisses „Begeisterung"? . ..
Es hebt ben einzelnen über sich hinaus m Die höhere Gemeinschaft. Es läßt eine breitere Woge Leben durch fein Dasein rollen. Das Wort „Geist ist mit bem Worte „Gischt" verwandt; an manchen Stellen der Wasserkante wird die Brandung und insbesondere die heranrollende Flutwelle als „Geischt" bezeichnet. Der Geist, der in der Begeisterung wirkt, ist immer das höhere, das allgemeinere Leben, das in mächtigem Heranwogen unser enges, kleines Leben ergreift. Es wird plötzlich festlicher; es wird breiter und schwungvoller. Der Geist schließt uns in der Begeisterung von einem Augenblick zum andern an bas Ganze an, zu dem wir gehören. , _
Wir merken das sehr deutlich an einer bestimmten Einzelheit: Im Erlebnis der Beaeisterung haben wir mit einem Male Freunde, Brüder unb Schwestern um uns her. Der Nebenmensch ist uns nicht mehr ein Fremder. Er wird uns zum „Nächsten . Er reicht uns die Hand, wir blicken ihn mit einer rechtschaffenen, ehrlichen Freundschaft an, unsre Herzen schlagen zusammen. Bildungsunterschiede und Standesgrenzen sind ausgewischt. Aus einmal empfangen wir von diesem Nebenmenschen, an Dem wir sonst fremd vorübergingen, ein neues Wissen. Wir kennen ihn plötzlich, mir lieben ihn, wir fühlen mit, was er fühlt. Wir verstehen in einem überströmenden Einklang sein Handeln und seine
Wort hören: Frankreich lebt jetzt in einer Art von Links-Mystik! Was heißt das? Es heißt, daß die Leute an ein Heil von Links glauben, weil sie erstens verärgert sind über bie vielen burch bie Nöte bes Bubgets erzwungenen Sparmaßnahmen, Gehalts- unb Pensionskürzungen unb bergleidjen, wozu noch ein Steigen ber Preise unb wachsende Arbeitslosigkeit hinzukommen, unb weil zweitens allgemeines Mißbehagen und Ueberbruh an ber Ideenlosigkeit der aufeinanderfolgenden Regierungen der Mitte, mit wechselnden Anhängseln von links oder rechts, sich gebildet haben.
Man muß bedenken, daß das französische Vu-k seit über einem Jahrhundert im allgemeinen gute Seiten gehabt hat. So lange das dauerte, h t man sich auch nicht viel um finanzielle Skandale, um etwas Korruption und dergleichen, getummert. Man machte sich luftig über die „Republique des Camarades", in der bei denen, die oben faßen, keine Krähe der anderen die Augen aushackte, aber man nahm es nicht allzu tragisch. Das hat sich jetzt geändert: teils wegen der unverschämten Profite, die von den Kriegs- und Nachkriegs-Gewinnlern gemacht wurden, teils wegen ber fortschreitenden Einengung bes Lebens infolge ber Krise. Das Volk, die breite Masse, macht sich jetzt unfreundliche Ge-


