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Nr. 125 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen-

Pfingsten in der Kunst.

Bon Ernst v. Triebestcbüü

Das Pfingstwunder ist von der kirchlichen Malerei und Plastik ungleich seltener dargestellt worden als etwa die österliche Passionsgeschichte mit ihrer rei­chen Szenenabfolge, oder das Weihnachtsmysterium, das in der Geburt des göttlichen Kindes, in dessen Anbetung und der Verkündung an die Hirten Ä*f dem Felde so viele menschliche Züge enthält. Dieses Ausweichen vor Pfingsten wird aber ver­ständlich, wenn man den biblischen Text im zweiten Kapitel der Apostelgeschichte nachliest:Und als der Tag der Pfingsten erfüllet war, waren sie alle ein­mütig beieinander ... Und es erschienen ihnen Zun­gen zerteilet wie von Feuer; und er setzte sich auf einen jeglichen von ihnen; und sie waren all voll dev heiligen Geistes und fingen an zu predigen mit anderen Zungen, nachdem der Geist ihnen gab aus­zusprechen". Also eine Reihe von Aposteln mit feu­rigen Flammen auf den Häuptern und der unsicht­bar bleibende heilige Geist, der die Erleuchtung und das Wunder des gotterfüllten Predigens bewirkt. Das Motiv ist in der Tat nicht übermäßig geeignet, aus der Wortkunst in die Bildkunst übertragen zu werden; das meiste und gerade das wesentliche daran widerstrebt der sinnlichen Gestaltung.

Aber nicht der Künstler, sondern die Kirche be­stimmte im Mittelalter die Themenwahl. Ganz zu umgehen war das Pfingstfest nicht; es gehörte als ein unentbehrliches Glied in den Zusammenhang der christlichen Heilslehre, und so kann es nicht wunder­nehmen, daß wir dem so undankbaren Thema der Geistausgießung auf den Altären und häufiger noch in der Malerei der heiligen Bücher doch zuweilen begegnen, zumal die Kirche ihre Bildwahl nicht nach ästhetisch-künstlerischen, sondern nach kirchlich-theolo­gischen Gesichtspunkten traf.

Schon früh stand die Bildkomposition fest und ist auch später nicht durch neue Züge bereichert worden, höchstens konnte das Zimmer, in dem sich die Jün­ger versammelt haben, durch Zutat von Säulen, Mobiliar und sonstigem Hausgerät im realistischen Sinne mehr verdeutlicht werden. In ihm haben die Jünger, um die Gottesmutter gruppiert, in strenger Symmetrie Platz genommen; über ihnen der Heilige Geist in Gestalt einer weißen Taube, von der Strah­len ausgehen, die sich auf den Köpfen der Apostel jn züngelnde Flämmchen verwandeln. Zuweilen fehlt die symbolische Taube; dann ist es eine feurige Sonne, die ihren Glanz auf die Jünger- runde ausgießt. Jn den mittelalterlichen Pfingstbil- dern wird ohne weiteres klar, daß sich das geschil­derte Ereignis in einer idealen, einer übersinnlichen Erlebnissphäre abspielt. Versuchen wir, uns in die Wunderstimmung der Apostelrunde zu versetzen, an ihrer Ergriffenheit teilzunehmen.

Christis Sendboten sind versammelt zwölf an der Zahl. Nur in der heiligen Zwölf kann sich der heilige Kreis schließen. Darum mußte, bevor Pfingsten geschehen konnte, die durch das Ausscheiden des Judas Jscharioth entstandene Lücke mit der Be­rufung des Matthias zum Apostelamt wieder ge­füllt werden. Hier ahnen wir ein tiefes Geheimnis. Was die zwölf Monate im Jahreskreislauf und die zwöli Sternbilder am Himmel für die physische Sonne und ihre Bewegung am Firmament sind, dasselbe bedeuten die zwölf Boten für Christus, die geistige Sonne, das erwärmende und befeuernde Zentrum der Runde. Das Christentum ist eine Weltreligiongehet hin in alle Welt!" die Zwölf ist die universale Zahl, deren Unantastbar­keit in der Wahl des Matthias ganz unmißver­ständlich zum Ausdruck kommt. Das ist keine will­kürlicheDeutung", auch keine müßige Zahlen- spielerei, sondern eine tiefsinnige Symbolik, deren Bedeutung uns nur darum verloren gegangen ist, weil wir gewohnt sind, mit Zahlen nur noch me­chanisch zu rechnen, anstatt in ihnen das formende und ordnende Prinzip zu sehen. DennGott geo- metrisiert fortwährend" sagt schon Plato, und Mathematik ist die Sprache der Götter", heißt es

bei Novalis. Zwölf ist die christliche Zahl der Voll­endung. der Ganzheit. Darum zwölf Apostel, nicht mehr und nicht weniger. Diese Zwölf empfangen nun den Heiligen Geist. Von Christus, dem unsicht­bar Gegenwärtigen, strahlt er aus als Flam­men, die sich auf den Stirnen der Begeisterten nie­derlassen und bewirken, daß sie, obwohl in verschie­denen Zungen redend, doch von allen Menschen verstanden werden. Warum? Weil Christus aus ihnen spricht Christus, der alles bisher Ge­trennte verbindet, weil er durch Tod und Aufer­stehung gegangen und so zum Sinn der Erde ge­worden ist.

Mehr aber noch als die Apostel fesselt uns in den Pfingstbildern die in ihrer Mitte feierlich thro­nende weibliche Figur. Wie kommt eine Frau in diese Männerversammlung? Wer ist diese Frau, um die sich die Apostel wie um einen geistigen Mit­telpunkt scharen? Maria ist es, die Mutter des Herrn. Aber nicht in ihrer vergänglichen Gestalt, nicht als irdische Mutter, sondern als geistige Kraftwesenheit, alsdie reine und keusche Jungfrau Sophia", als die göttliche Weisheit. In dieser über­sinnlichen Eigenschaft wird der Mutter Jesu schon in dem hochgeistigen Christentum der Frühzeit eine

beherrschende Stellung zugewiesen, deren Rang am besten daraus erhellt, daß der Byzan­tinische Kaiser Justinian im fünften Jahrhun­dert in der Reichshauptstadt Konstantinopel der Hagia Sophia", der göttlichen Weisheit, die noch heute bestehende, große Kirche weihte, die in Wirk­lichkeit natürlich nichts anderes als eine Marien­kirche ist. Kein Wunder also, daß noch auf späten Altarbildern die Maria-Sophia bei der apostolischen Pfingstfeier zugegen ist, und zwar als die Haupt­person, ohne die sich nach uralter christlicher Üeber- lieferung das Wunder der Geistübertragung nicht vollziehen könnte.

Mit diesen drei Elementen: Taube des Geistes, Maria-Sophia und Apostelkreis, hat die christliche Kunst das Pfingstereignis, das in gewisser Weise ja den Abschluß der Heilsgeschichte bildet, darzu­stellen versucht. Das Bild ist, wie man zugeben muß, weder sehr wandlungsfähig, noch menschlich ansprechend. Es entbehrt aller Intimität dafür er­füllt es jene erhabene Feierlichkeit und Unnahbar­keit, die mit zunehmender Verbürgerlichung der Kunst um so weniger Anklang finden konnte, je mehr sich das Bestreben geltend machte, das Hei­lige der Sphäre des Natürlichen einzuordnen.

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Aufnahme: Bilderdienst Bittner, Berlin SW 68.

An einem Abend im Mai.

Von Hans Thyriot.

Das war an einem Abend im Mai des Jahres 1913, im Park eines märkischen Landsitzes unweit von Berlin. Auf der Gartenterrasse des Herren­hauses in den schlichten, nobel gefieberten Formen des klassizistischen Stiles, das sich hell von den blühenden alten Kastanienbäumen abhob, saß eine kleine Gesellschaft von Männern und Frauen in freundschaftlichem Gespräch. Auf dem Tisch brann­ten in zwei fünfarmigen Leuchtern Kerzen mit stiller Flamme; aus dem dunklen Gebüsch leuchteten da und dort, wie farbige Monde, gelbe, rote und blaue Lampions. Der Himmel war wolkenlos und schon mit den ersten Sternbildern silbern bestickt; gegen Süden hin stand ein rötlicher Schimmer am Horizont, abendlicher Widerschein der großen, brau­senden Stadt. Vom Park her duftete der Flieder in süßer Fülle, vom nahen Seeufer wehte zuweilen ein sanfter Wind herauf.

Das Gespräch, durch würziges Waldmeister-Aroma angeregt, das der vom Hausherrn betreuten, mäch­tigen Bowle entstieg, war anfangs mit allerlei Scherzreden, oft von Gelächter durchbrochen, rund­um von Mund zu Mund gegangen, und es war von der Gesellschaft niemand gestimmt, der Unter­haltung eine ernsthaftere oder nur minder unver­bindliche Wendung" zu geben, bis irgend jemand unvermittelt die Frage hinwarf, ob sie, die da säßen, vom großen Los gelesen hätten; es habe yeut in der Zeitung gestanden.

Dies war geschehen: ein armer Schuster im Schlesischen hatte einen nicht geringen Teil feines Ersparten daran gewendet, das Spiel mit der Göttin des Glücks zu wagen, als ihm in einem ungewöhnlich und beunruhigend lebhaften Traum eine sechsstellige Zahl in feurig leuchtenden Ziffern erschienen war, die er, aufwachend, noch gewußt und auf ein Kalenderblatt geschrieben hatte Seine Frau, der er's erzählte, hatte erklärt, dies sei ein Wink des Himmels. Nach langem Suchen und schwerer Mühe war es beiden gelungen, ein Los mit der Traum-Nummer aufzutreiben. Und nun, bei der letzten Ziehung, hatte der Mann auf den ersten Anhieb gewonnen: selbst fassungslos über­wältigt von dem, was ihm zugefallen war.

Die Aeußerungen, mit welchen die Tafelrunde die Geschichte aufnahm, waren sehr verschiedener Art; sie reichten von ironischen Betrachtungen über den Nutzen des großen ägyptischen Traumbuches, über dasblinde Huhn" und überdie Seinen, denen es der Herr im Schlafe gibt" bis zu der halb ernstgemeinten, halb heiter aufgeworfenen Frage was wohl die Schustersleute nun mit Der unvorstellbaren Menge Geldes beginnen würden. Der Kunsthändler Heinitz aus Berlin, ein schlanker

Herr mit grauem Haar, aber noch jungem Gesicht, erinnerte sich, vor kurzem in einer Zeitschrift ähn­liche, übrigens sehr lesenswerte Betrachtungen ge­funden zu haben, wie man sie, wenn auch minder grundsätzlich, eben hier anstellte; im Anschluß an eine Umfrage nämlich: was würden Sie tun, wenn Sie eines Tages eine Million bekämen? Aus den Antworten hierauf, so war da geschrieben worden, habe sich so etwas wie ein Gradmesser für die seelische Haltung oder Kulturhöhe einer Nation er­kennen lassen.

Das führte zu schon ernsthafteren Erwägungen, was denn ein Mensch mit so viel Geld alles an­fangen könne, bis schließlich der Gastgeber, Ritt­meister in der Reserve bei den dritten Gardeulanen, ein stattlicher Herr von fröhlicher und gepflegter Gesundheit, das Gespräch auf den Ausgangspunkt und zum schlesischen Schuster zurücklenkend, kurz und unbestreitbar bemerkte, dem Manne sei Heil widerfahren; so großzügig erweise sich jedenfalls das Glück nicht alle Tage. Damit stand er auf, die Gläser zu füllen, und es war noch ungewiß, ob er, wenn jedermann versorgt war, etwa seine Gäste auffordern wollte, mit ihm auf das Wohl des un­bekannten Schlesiers zu trinken da sagte seine Schwägerin, Tante Cornelia, die bis jetzt geschwie­gen und nur nachdenklich zugehört hatte: was ist das eigentlich... Glück?

Es war, als habe sie nur auf das Stichwort ge­wartet, das der Rittmeister, gewiß ohne ernstere Absicht, soeben hingeworfen hatte, und es entstand eine kleine Stille, weil sich niemand einer so grund­sätzlichen Ansprache oder Aufforderung zur Mei­nungsäußerung versehen hatte. Doch war die Tafel­runde so angeregt vom Frühling, vom Trinken und belebten Gespräch, daß die Frage, wie em ins Wasser geworfener Stein in immer weiteren Kreisen die Oberfläche bewegt, am Ende zu der Ueberein- kunft führte, jene erste, von der vorhin die Rede war, auf etwas andere Weise, jetzt und hier, noch einmal zu stellen und beantworten zu lassen: in­dem nämlich jeder am Tisch mit wenigen Worten und ohne sich lange zu besinnen, sagen solle welche Stunde seines Lebens ihm als die schönste oder glücklichste erschienen sei..

Inzwischen war es völlig Nacht geworden, die Luft aber noch immer warm und von mancherlei Duft erfüllt; einmal zog, aus dem Grünen kom­mend mit leisem Gebrumm und wieder im Dunkel des Gartens verschwindend, ein Maikäfer um die silbernen Leuchter, daß ein metallischer Glanz von seinen Flügelschilden blitzte.. Die Kerzen schon tiefer brennend, gaben grabe soviel Licht, daß die Gesichter ringsum, von Dämmerung verschleiert, eben noch zu erkennen waren. So von den andern ein wenig entrückt und eingehllllt gleichsam in den i Mantel der Nacht, sagte jeder leicht und unbefangen, Iwas ihm als Antwort durch den Kopf ging... was

er auszusprechen im Hellen Licht des Tages viel­leicht gezögert oder sich gescheut hätte.

... Die schönste Stunde, auf die ich mich besinnen kann, das war an einem Nachmittag im März, ich weiß es noch wie heute... ich war eben zwanzig geworden, und mein Vater rief mich in fein Ar­beitszimmer, sah mich blinzelnd und prüfend an und sagte ganz beiläufig, ohne die Stimme zu heben, es habe sich so gefügt, und er habe eben vom Zoologischen Institut endgültig Bescheid bekommen: er reise in vierzehn Tagen nach Italien ob ich mit wolle, nach Neapel und nach Sizilien hinüber... Ich weiß noch: ich konnte erst nicht antworten vor Freude, und ich sah in Sekunden traumhaft und greifbar vor mir, was nahe und beglückende Wirk­lichkeit werden sollte: blaues Meer im steigenden südlichen Licht, dunkle Zypressen über weißen Häusern, silberumrandete Möoenschwinge und grie­chisches Kapitell, Fischersegel und mittäglichen Strand...

Das war der Kunsthändler, und als ob seine kleine Erzählung Phantasie und Erinnerung der andern beflügelt hätte, wußte nun jeder etwas zu berichten, und die Worte, die um den Tisch gingen im Dunkel, fügten sich aneinander wie eine bunte Kette von Bildern und Gestalten; Sekunden, Minu­ten und Stunden erfüllter Sehnsüchte, Wünsche und Träume; die seltenen Höhepunkte gesteigerten Lebensgefühls... es war wie eine kleine, glitzernde, erregende Vision vom menschlichen Glück. Der Haus­herr erzählte vom unbändigen, herzklopfenden Stolz, da er als junger Leutnant fein Patent in Händen hielt und zum ersten Male zärtlich das Portepee betastete... Der Doktor Dupre, einer Berliner Hugenottenfamilie entstammend, schaute nachdenk­lich dem Rauchgekräusel seiner Zigarre nach und sah sich noch einmal, wie vor Jahren, im Morgen­grauen aus dem Operationssaal der Charite treten, erschöpft und übernächtig, aber im Bewußtsein, den hoffnungslos scheinenden Kampf mit dem Tode gewonnen zu haben... Eine Schauspielerin er­zählte von jenem unbeschreiblichen, in gleicher Stärke nie wieder erfahrenen Gefühl, als sie zum ersten Male, eine blutjunge Anfängerin, die Luise Millerin gespielt und nach Augenblicken entsetzlicher Angst, da ihr jedes Wort der schweren Rolle völlig entfallen zu fein schien, von Szene zu Szene den Triumph der Verzauberung an sich erfahren habe, jenes gleichsam geflügelte Außerfichsein und das mächtige Rauschen des großen Erfolges ... Jemand schilderte, wie er, in aller Sommerfrühe mit einem Luftballon aufsteigend, die Seligkeit des Fliegens, der Schwerelosigkeit und des stillen Schwebens im Raum erlebt und unvergeßlich genossen habe; ein anderer seine Rettung aus einem bayerischen See; wieder einer, wie er, mit Tränen in den Augen, zum ersten Male die Appassionata gehört habe. . Die Hausfrau aber sagte leise: als unser Joachim

Samstag, 50. Mai 1936

Der selige Wanderer.

pfingstliche Erinnerung von per (Sckwenzen.

Im Leben eines ordentlichen Menschen spielt der Kalender eine gebieterische Rolle. Besonders der Letzte" und derErste", und dann die roten Zif­fern, die wie Rosen der Freude durch die schwarzen Arbeitslettern leuchten... Auf meinem Kalender stehen Namen vermerkt, manche klein und mit Chiffren hingekritzelt, manche fett und mit Aus­rufungszeichen, manche lassen den Tag mit Geläch­ter beginnen, manche stimmen ihn nachdenklich, manche reißen die Vergangenheit, die wie ein altes Bild nachdunkelte, ins Grell der Gegenwart. Und am Pfingstsonntag steht der Lehrer Kannenbier mit einem Kreuz. Er verstarb an diesem Tage vor zehn Jahren. Und es leuchtet hinter diesem Todeszeichen wie ganze Wolkenbütten pfingstlichen Goldes, es schmettert durch die Erinnerung wie Lerchenstim­men, und eine Heiterkeit in diesem Gedanken spricht allem Tode Hohn ...

Der alte Kannenbier war ein gelehrtes Haus, das sich seit einem weit zurückliegenden Konflikt mit der Schulbehörde durch Privatunterricht ernährte. Das machte er nun allerdings ausgezeichnet. Er wohnte in der schönen Stadt Kassel im Bodenraum eines Giebelhauses aus dem 17. Jahrhundert, den er sich mit Hilfe von Säcken, Brettern, Matratzen und alten hessischen Webereien sowie einem Arrange­ment von Lampions und Messingleuchtern sehr ro­mantisch hergerichtet hatte. Hier gab er seinen Nach­hilfe-Unterricht, neben einigen fetten Grammatiken und Wörterbüchern waren Tabakspfeife und Bier- syphon hervorragende Lehrmittel.

Er war einer jener Zu-fpät-Geborenen, die von der Physiognomie bis zur Redeweise, vom Schlips bis zu den Pantoffeln einem anderen Jahrhundert angehören, und Kannenbier persönlich schien mit etwa 150 Jahren Verspätung durch das Leben zu schlendern. Er litt an Asthma und konnte nur schwer längere, und durchaus keine steilen Strecken gehen. Er liebte die Natur auf feine Art unsäglich, er las mit warmer, erschütterter Stimme die Stelle vor, da Homer das veilchenblaue Meer und die wie 10 000 Stiere brüllende Brandung beschreibt, er züchtete Kakteen und hielt Stichlinge.

Einmal traf ich ihn, wie er die gichtigen Finger in das ftaubflimmernbe Sonnenbad der Butzen­scheibe hielt und ein Volkslied summte:Die Sonne kennt das fernste Land..." Und hier lag fein Ge­heimnis: er, ein kurzatmiger Stubenhocker, kannte die Erde. Aus Büchern, aus Liedern, aus hundert Schmökern und Kupferstichen, aber dieses alte Leh- rerherg schmolz das stumpfe Blei der Lektüre in das lebendige Gold des Erlebnisses um.

Kannenbier besaß eipen Rucksack, einen Knoten­stock und Lodenmantel. Wenn man ihn nun an einem sonnigen Tage traf, Eonnae er mit leuchten­den Augen fragen:Wollen wir mal wandern?" Man hatte dannJa" zu sagen. Man ging ein Stück Weges und entwarf den Plan.

Kannenvier, vom Asthma geplagt, blieb alle fünf Minuten stehen, hielt einen am Westenknopf fest und sagte tief Atem holend:Nun hören Sie mal her!" Er begann dann irgendeine Episode von Artaxerxes ober Byron langsam und feierlich zu erzählen, bis seine Atemnot sich behoben hatte, worauf die Geschichte abgebrochen und der Weg fortgesetzt wurde.

Pünktlich, wie verabredet, fuhr man dann mit der Bahn nach einer nicht allzu fernen Ausgangs- ftation der geplanten Wanderung. Der Magister war gerüstet, gestiefelt und verproviantiert, als wolle man ins Elsaß wandern. An der Station an­gekommen, seufzte Kannenbier über Hitze oder Kälte, Nässe oder Trockenheit und bat, rasch ein­mal in die nahe Wirtschaft einzukehren. Hier ließ man sich bei einem Korn und Schoppen Bier nieder. Der Magister erzählte, während draußen die hessi­schen Berge lockten, von den Iberischen Alpen, von Ossa und Pelion. Aber und darum steht er im Kalender eines Wanderseligen vermerkt er er«

geboren war, ich hörte den ersten Schrei, Vater beugte sich strahlend über mein Bett so glücklich war ich nie wieder.

Der große blonde Junge, dem sich bei so unver­muteter Erinnerung an sein Erscheinen auf dieser Welt lächelnde Gesichter zuwandten, errötete ein wenig und sagte, auf mehrere Fragen, nach einer kleinen Stille, er selber wisse nichts vorzubringen, er habe noch nichts erlebt, was ihm nennenswert schiene... Joachim, seiner Mutter sehr ähnlich, studierte in Charlottenburg Maschinenbau im zwei­ten Semester und war über Sonntag bei den Eltern zu Besuch; er besann sich weder, wie manche hier am Tisch wohl erwartet hatten, auf sein vor nicht langer Zeit mit Auszeichnung bestandenes Abitu­rientenexamen, noch auf den roten Bock, den er kürzlich, neben dem Vater in dessen Revier, ge­schossen hatte... Er schwieg, und erst drei Jahre später es ist aber ungewiß, ob er sich des nächt­lichen Gesprächs im heimatlichen Park dabei ent­sann gab er die Antwort; er war auf feinen sehnlichen Wunsch nach vielen Schwierigkeiten zu einer Feldflieger-Abteilung im Westen versetzt wor­den. Als er den Bescheid erhielt, schrieb er eine Postkarte nach Hause: dies ist die schönste Stunde meines Lebens. Sechs Wochen später war er schon gefallen.

Nun saßen außer ihm nur noch zwei Menschen in der Runde, die nichts erzählt hatten, und es fragte auch niemand mehr. Das waren der junge Hauslehrer und die kleine dunkelhaarige Bildhauerin aus Lichterfelde. Deren Antworten würden sich, wenn sie ausgesprochen worden wären, wohl be­gegnet sein, aber ringsum wußte niemand, wie es mit den beiden bestellt war; sie selber ahnten es vielleicht erst im innersten Herzschlag... Da ging, während sich das Gespräch schon andern Gegen­ständen zugewandt hatte, ein leichter Nachtwind durch den Park und wehte aus den Kastanien eine Handvoll hellroter Blüten über den Tisch hin; zwei von ihnen fielen in die Gläser, die jenen beiden gehörten, und schwammen als helle Schiffchen auf grüngoldener Flut. Und da beide, der Mann und das Mädchen, von den andern kaum beachtet, sich oorbeugten aus dem Dunkel ins Licht, jedes voll Eifer, aus feinem Glase das Rötliche zu fischen, da begegneten sich, weil sie einander schräg gegen- übersaßen, ihre Augen, und sie mußten lächeln zu­gleich, in einer stummen Gemeinsamkeit verbunden ...

Ein wenig später dann, als man sich erhob, um Abschied zu nehmen, ins Haus zu treten oder heim­zugehen durch den Park, standen die beiden wie von ungefähr ein wenig abseits im Schatten der alten Bäume. Sie sahen sich an, lächelnd noch immer, jedes mit einer winzigen, hellroten Kasta­nienblüte in der hohlen Hand indessen Gespräch und Gelächter der andern sich im nächtlichen Garten verlor.