Nr.ZüZ Drittes Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)Dienstag, 29. Dezember (936
Aus der Provinzialhauptstadt.
Rauhnächte kommen ...
LW. Die Zeit zwischen Weihnachten und dem Dreikönigstag ist seit altersher im Volksglauben, io besonders in süd- und westdeutschen Gegenden, von großer Bedeutung für alles Geschehen im kommenden Jahr. Es sind die zwölf Rauhnächte, in denen der „wilde Jäger" mit brausender Jagd am Himmel daherstürmt. Und es kann nicht wild genug zugehen — denn, so sagt der Dolksmund, nach einer wilden Jagd in den Rauhnächten wird das nächste Jahr besonders fruchtbar sein. So achtet jedermann aufmerksam auf das Wetter, jeder einzelne Tag und jede einzelne Nacht in dieser Zeit bestimmt Sonne und Regen für jeden einzelnen Monat im kommenden Jahr. Auch heißt es, daß in jedem Monat des nächsten Jahres alles das in Erfüllung gehen werde, was man in jeder der Rauhnächte träumt.
Gegen sie dann ihrem Ende zu, so beginnen überall im Lande, besonders aber in den Gebirgs- dörfern, die seltsamen Feste nach uraltem Brauch, die Symbol sind für die Vertreibung des Bösen und für den gewinnenden Aufstieg des neuen Jahres. Werden doch jetzt die Tage sichtbar wieder länger, steht doch jetzt die Sonne wieder höher am Himmel. Mitten in dieser kalten Hälfte des Jahres ist ja das Licht wieder zu Kraft und Macht gekommen, neues Leben wird geboren. Zwar ist es noch schwach und klein, und böse Gewalten bedrohen es, die das kleine Flämmchen des werdenden Lichtes vernichten wollen. Darum zündet die Menschheit in den Weihenächten" ja auch die Lichter an, um so dem neugeborenen Licht nach bestem Können zu Hilfe zu kommen. So sagt es der Volksmund.
Rauhnächte kommen — auch Rauchnächte genannt. Denn in diesen Nächten zünden die Menschen nach altem Brauche erlesenes Räucherwerk an. Harz von der Fichte oder auch Weihrauch, um so zwölf Tage lang und zwölf Nächte hindurch das Böse von Haus und Hof zu vertreiben. Im Volksglauben find die „Zwölften", das find die zwölf Tage vom 25. Tag des Wintermonats bis zum 6. Tag des neuen Eismonats, dem Dreikönigstag, die gefährlichsten Läufe des ganzen Jahres. Hier eben entscheidet sich das Schicksal allen Lebens und Vergehens auf der Erde. Luft und Wolken find mit dem wilden Treiben des Bösen erfüllt. Dämonen jagen dahin, alle unerlösten Seelen im schrecklichen Gefolge. Und auch unter der Erde beginnt es sich zu rühren, Altes und Neues ringen miteinander um die Vorherrschaft. Noch einmal am Abend des Dreikönigstages brennen die Lichter der Weihnachtsbäume, wie zuvor auch in der Nacht des Silvesters. Nicht überall ist das Fest der Neugeburt des kommenden Jahres zu gleicher Zeit gefeiert worden. Mal war es auch der Tag der Taa- und Nachtgleiche, mal die Heilige Nacht, bis die Astronomen die Wende der Jahre auch als die Stunde des Geburt ansahen.
So blieben auch die Bräuche verschieden, die sich um die Jahreswende und um die Rauhnächte bewegten. Ihnen allen gemeinsam aber ist das sinnfällige Streben der Menschen, das Bös« zu vertreiben. Sei es, daß Feuer angebrannt wurden, daß lärmende Umzüge mit der Darstellung der bösen Gewalten, schreckliche und verhöhnende Fratzen, veranstaltet wurden oder die Menschen durch Singen und das Aufsagen heiliger Sprüche die bösen Geister zu bannen suchten. Darin mag auch das Lärmen und Treiben der Neujahrsnacht begründet sein, das Peitschenknallen der Burschen am Neujahrsmorgen, das Neujahrssingen und auch das Dreikönigssingen, das aber mehr noch den Reigen der kommenden Fasenacht und des Karnevals eröffnet. Mit dem Dreikönigstag sind die zwölf Rauhnächte zu Ende, in denen der „wilde Jäger" als das Sinnbild der Urgewalt des Bösen dahinstürmt, in denen die Menschen sich zu wehren suchen, daß das Böse überhand nehme im kommenden Jahr.
Dornotizen.
Tageskalender für Dienstag.
Stadttheater, 20 bis 22 Uhr: „Der Kampf mit dem Tatzelwurm". — Gloria-Palast, Seltersweg: „Truxa". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Die Nacht mit dem Kaiser".
SA.,GE>.und TlSKK.
sammeln am 2. und 3. Januar 1937.
NSG. Es ist zur Tradition geworden, daß die Männer der SA., der SS. und des NSKK., sich immer und immer wieder in den Dienst des Winterhilfswerks stellen. Diesmal stürmen sie gegen die Not des Winters gleich mit Beginn des neuen Jahres; sie sind fest entschlossen, mit dem gleichen Eifer, den sie m der Kampfzeit gegen alle Feinde bewiesen haben, heute für den sozialen Frieden zu kämpfen. Die eiserne Rose ist ihr Symbol: sie wollen Freude schaffen in einer harten Zeit, die die Einsatzbereitschaft aller fordert.
Wenn sie mit ihren Sammelbüchsen wiederum, wie vordem, durch die Straßen gehen, dann rütteln sie die Herzen der Deutschen zur Opfertat auf.
Die 4. Reichsstraßensammlung will aller Welt beweisen, daß die Männer des Kampfes von einst nunmehr mithelfen, die größte Friedenstat der Welt zu vollbringen. Die Parole der SA., der SS. und des NSKK. heißt am 2. und 3. Januar: W i r schlagen d i e Not, wo wir sie treffen! Sie sind gewiß, daß sie bei jedem anständigen Deutschen das Echo finden: Wir sind bereit 5u opfern, weil unser Opfer dem Frieden, der Freiheit und der Würde unseres Vaterlandes dient!
Jedem Erwachsenen ein Abzeichen!
NSG. Arbeitsfreudige Menschen in den kärglichen, kleinen Wohnungen der Heimarbeitsgebiete können mit dem Gefühl der Geborgenheit dem Winter entgegengehen. Der Riesenauftraggeber Winter Hilfswerk hat ihnen Arbeit und damit Brot und Kohlen gegeben. Nun brauchen die
Erwachsenen nicht mehr trübsinnig herumzusitzen. Die Mutter braucht nicht mehr besorgt hohlwangigen Kindern, die in der Zeit der Arbeitslosigkeit nur unzureichend ernährt werden konnten, Über das farblose Haar zu streicheln. Im Herbst kommen, seitdem der Führer das Winterhilfswerk ins Leben rief, stets größere Aufträge für Abzeichen. Ja, nachdem in anderen Teilen des Vaterlandes Gruben und Essen wieder in Gang sind, wird auch die Nachfrage nach Schmuck aus Metall, Kunstharz, Achat usw. allmählich reger, und besonders im letzten Jahre kommen wieder mehr Bestellungen 00m Handel herein. Was 1933 noch niemand zu hoffen gewagt, ist Wahrheit geworden. Es wird wieder deutscher Schmuck gekauft, so daß die Zahl der Arbeitswochen auch in Der Heimarbeit zunimmt. Der Führer hat das unmöglich Erscheinende zur Wahrheit werden lassen. Die Nachfrage nach Arbeitskräften ist wieder selbstverständlich geworden.
Am Tag der Reichsstraßensammlung ohne Abzeichen über die Straße zu gehen, gilt als unehrenhaft. Alle haben Arbeit, alle spüren wieder Lebensfreude in sich. Deshalb hilft auch jedermann gern im Kampf gegen Hunger und Kälte, zumal es so leicht gemacht wird. Wohltätigkeit ist nicht mehr eine Sache der Wohlhabenden, die aus ihrer Fülle Almosen gaben, sondern eine Sache des Volkes! Alle stehen ein für den in Not geratenen Volksgenossen. Der Sammler und der Geber sind Kameraden, die den durch ungünstigen Arbeitsplatz oder Krankheit in Bedürftigkeit gekommenen Kameraden ihre Hilfe leihen.
Weihnachten im Dienfl bei der Reichsbahn.
geordneten Behörden, Gemeinden, Gemeindever« bände und sonstigen Körperschaften des öffentlichen Rechts ist auf Grund eines Beschlusses der Reichsregierung der Dienst am 2. Januar 1937 nach den Vorschriften über den Sonntagsdienst zu regeln.
Oie norwegische Ehrung für Professor Engel.
Von der Pressestelle der Ludwigsunioersität Gießen wird uns im Anschluß an unseren gestrigen Bericht mitgeteilt:
Professor Dr. phil. Dr. phil. h. c. Friedrich Engel, der emeritierte Ordinarius für Mathematik an der Universität Gießen, erhielt zu seinem 75. Geburtstag am 26. Dezember 1936 von der Norwegischen Gesandtschaft in Berlin und vom Rektor der Universität Oslo folgende Telegramme:
„Die Gesandtschaft beehrt sich auftragsgemäß mitzuteilen, daß der König Sie zum Kommandeur des Olafordens ernannt hat. Die Gesandtschaft bittet Sie, die herzlichsten Glückwünsche zum 75. Geburtstag entgegenzunehmen.
Norwegische Gesandtschaft."
„Mit Dank für Ihre hervorragende Arbeit als Sophus Lies Mitarbeiter und geistiger Erbe und Ihr treues Interesse für norwegische Kultur sendet die Universität Oslo Ihnen ihren Gruß und Glückwunsch zum 75. Jahrestage.
Saeland, Rektor."
Großes Neujahrs-Wecken der Wehrmacht.
Am Neujahrstage findet im Standort Gießen großes Wecken statt. Es wird ausgeführt von Teilen des Jnf.-Regts. 116.
Der Abmarsch beginnt um 7 Uhr an der Bergkaserne und führt durch die Kaiserallee, Moltkestraße, Hitler-Wall, Walltorstraße, Lindenplatz, Kirchen»
Die Weihnachtsfeiertage haben — wir berichteten bereits gestern darüber — den Beamten und Angestellten der Reichsbahn ein großes Ausmaß an Arbeit und Verantwortung gebracht. Der Personen- und der Güterverkehr überstieg den normalen Verkehr bei weitem. Das läßt sich schon daraus erkennen, daß im Dezember 10 862 Personen mehr befördert wurden, als im November. Welches Verkehrs - Ausmaß in der Gießener Güterabfertigung zu bewältigen war, wird erkennbar, wenn man hört, daß in den Tagen vor und während des Weih- nachtsfestes täglich bis 415 Güterwagen mit Frachtstück ent- und verladen und 600 Tonnen Stück-
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gut täglich bewegt werden mußten. Aus diesen wenigen Zahlen spricht übrigens deutlich die fortschreitende wirtschaftliche Gesundung.
So weit es möglich war, hat aber auch der Eisenbahnbeamte und -Angestellte das Weihnachtsfest begangen. Der Mann, der im Dienst für die Allge- m"inheit den Heiligen Abend verbringen mußte, hatte ein Tannenbäumchen, auch wenn es noch so
klein war, mit brennenden Lichtern bei sich im Dienstraum, so daß auch ihm etwas Weihnachtsstimmung vermittelt wurde. So stand auch in der Auskunftsstelle des Bahnhofs Gießen ein Weihnachtsbäumchen, während der Beamte die vielen Fragen, die in den Zeiten des Hauptoerkehrs auf ihn einstürmten, beantwortete. (Aufnahme: Fatz.)
platz, Mäusburg, Kreuzplatz, Seltersweg, Hindenburg-Wall, Gartenstraße, Ludwigsplatz, Kaiserallee, Licher Straße.
Einstellung von Freiwilligen
in das Regiment „General Göring" im herbst 1937.
DNB. Das Reichsluftfahrtministerium gibt bekannt: Anfang Oktober 1937 erfoltzt die nächste Einstellung von Freiwilligen im Regiment General Göring (motorisiert). Standort Berlin.
Alter: 18 bis 25 Jahre; Größe: nicht unter 1,68 Meter. Voraussetzung für die Einstellung ist, daß der Bewerber a) die deutsche Staatsangehörigkeit (Reichsangehörigkeit) besitzt, b) wehrwürdig ist, c) tauglich ist, d) nicht Jude oder Mischling ist, e) gerichtlich nicht vorbestraft und auch sonst unbescholten ist (auch schwebende Gerichtsverfahren schließen die Einstellung aus), f) unverheiratet ist, g) die Gewähr bietet, daß er jederzeit rückhaltlos für den nationalsozialistischen Staat eintritt.
Dem Bewerbungsgesuch ist beizufügen: Lebenslauf, Freiwilligenschein bzw. beglaubigter Auszug über Seiten 1 und 3 bis 5 des Wehrpasses und zwei Paßbilder in bürgerlicher Kleidung ohne Kopfbedeckung.
Freiwillige der Jahrgänge 1915 bis 1919 werden im April 1937 zur Erfüllung ihrer Arbeitsdienstpflicht herangezogen.
Meldeschluß für die Herbsteinstellung 1937 ist der 15. Januar 1937. Gesuche, die nach diesem Termin eintreffen, können nicht mehr berücksichtigt werden.
Für jeden wehrfreudigen, jungen Deutschen ist es eine Ehre und Auszeichnung, wenn er im Regiment des Oberbefehlshabers der Luftwaffe Ge»
Sladtthealer Gießen.
Heute abend findet zum letzten Male die Aufführung des Lustspiels „Der Kampf mit dem Tatzelwurm" von Leo Lenz und Ralph Arthur Roberts statt. Die Spielleitung führt Wolfgang Kühne. Die Vorstellung findet als 14. Vorstellung der Dienstag-Miete statt und beginnt um 20 Uhr, Ende 22 Uhr.
Rilke-Uraufführung im Sladtthealer.
Aus dem Stadttheaterbüro wird uns geschrieben: Am Sonntag, 3. Januar, findet im Rahmen der
8. Morgenveranstaltung die erste Uraufführung dieser Spielzeit statt. Zum 10. Todestage Rainer Maria Rilkes gelangt das Frühwerk des Dichters „Die weiße Fürstin" zur alleinigen Uraufführung in Gießen. Die Rolle der Fürstin spielt Inge B i r k m a n n.
Oer Behördendienst in Hessen am 2. Januar.
Lpd. Nach einem Runderlaß des Reichs- und Preußischen Ministers des Innern an die nach-
Froh und unbeschwert, gesund und munter? Dann bleiben Sie zuSilvesier beiSchaumwein.Er beschwingt und ist so bekömmlich?
SCHAUMWEIN
Das fremde Gesicht
Vornan von Caren.
3. Fortsetzung. (Nachdruck verboten!)
Dr. Alland setzte sich plötzlich in Trab. Blindlings rannte er in der gleichen Richtung, von Argwohn zerrissen. Zwängte sich zwischen Fahrzeugen durch, stieß Passanten an, ohne sich zu entschuldigen. Bis er Evelyns roten Mantel wieder in sein Blickfeld bekam. In gleichmäßigem Abstand folgte er diesem unverlierbaren Wegweiser. Einmal schrak er zusammen und versteckte sich rasch hinter dem breiten Rücken eines vor ihm gehenden Arbeiters. Es hatte ausgesehen, als ob Evelyn sich umdrehen wollte. Aber sie blieb nur plötzlich stehen, um sich über ein Kanalgitter zu beugen, in dem sie rasch eine Handvoll Papierschnitzel verschwmden ließ.
Ein paar Schritte weiter war sie am Ziel. Alland sah sie ein Lokal betreten, ein unscheinbares Cafe, in dem Geschäftsreisende verkehrten und biedere Kleinbürger ihren Nachmittagsskat klopften. Die Vorhänge waren zurückgezogen, um das Sonnenlicht einzulassen. Unmöglich, daß man Vorbeigehen konnte, ohne von drinnen gesehen zu werden. Was nun? Der Arzt blieb unschlüssig stehen. Warten, bis Evelyn wieder herauskam — vielleicht in Begleitung? Darüber konnten Stunden vergehen, und daheim wartete seine Praxis auf ihn. Alland machte eine zornige Kehrtwendung. Es kam ihm plötzlich überaus lächerlich und grotesk vor, daß er, ein vielgesuchter Chirurg, ein Mann der Wissenschaft, wie ein Polizeispitzel hinter der eigenen Frau herlief. Gab es nichts Wichtigeres für ihn zu tun? Wichtiger ...? Was konnte wichtiger für ihn sein als Evelyn? Sie, der doch im Grunde all sein Tun galt, für die er freudig Tag und Nacht gearbeitet hätte, um sie glücklich und heiter zu sehen ...!
Mit zögernden Schritten wechselte er auf die andere Straßenseite hinüber und blieb vor dem Schaufenster eines Friseurladens stehen. Ganz in seiner Nähe spielten zwei halbwüchsige Jungen Schlagball. Der eine schlug mit seinem Prügelholz so kräftig zu, daß der Ball über die Köpfe der Fußgänger hinwegschoß und einem soeben um die Ecke biegenden Herrn in blaugrauem Ulster unmit
telbar zwischen die Beine rollte. Der Herr stolperte, glitt aus und wäre beinahe hingefallen, hätte ihn nicht einer der Vorübergehenden beim Aermel fest- gehalten. Er brummte verärgert und schleuderte mit seinem Spazierstvck den Unglücksball auf den Fahrdamm, gerade unter die Räder eines herantutenden Lastkraftwagens. Dann setzte er seinen Weg fort, unbekümmert um das Geheul der beiden Bengel, die hinter ihm her schimpften.
Der komische Zwischenfall entlockte Frank Alland unwillkürlich ein Lächeln, das aber sogleich wieder verschwand und einem Ausdruck von Befremdung Platz machte. Der Mann dort im Ulster — war das nicht fein Patient Bertrand, der Seidenfabrikant aus Lyon, der so gut Deutsch sprach, und den er schon lange im Verdacht hatte, daß er sich bei seinen Ausgängen für die alkoholfreie Lebensweise in der Klinik schadlos Hilt? Kein Zweifel — der Arzt erkannte ihn von weitem an der noch frischen Operationsnarbe, die ihm unter dem linken Auge quer über die ganze Wange lief.
Sekundenlang überlegte er, ob er nicht in den Friseurladen eintreten sollte, bis der Mann außer Sehweite war. Aber Herr Bertrand schien gar nicht die Absicht zu haben, auf dieser Straßenseite weiterzugehen. Er ging, den dünnen Spazierstock schwingend, quer über den Fahrdamm und steuerte pfeilgerade auf das kleine Caf6 zu, in dem wenige Minuten zuvor Evelyn verschwunden mar.
Im selben Augenblick flammte in Allands Gehirn blitzartig die Gewißheit auf, daß die seltsame Duplizität dieser Ereignisse kein Spiel des Zufalls war. Ein innerstes Gefühl sagte ihm, daß Bertrand es war, den Evelyn dort in dem entlegenen Cafä erwartete, daß zwischen ihr und diesem Menschen eine geheime Beziehung bestand. Nur ganz schwach wehrte sich sein Instinkt gegen die Vorstellung, daß eine Frau wie Evelyn auf diesen Männertyp hereinfallen könnte.
„Glaube mir, Frank — daß ich mich nie an unserer Liebe versündigt habe", hörte er sie sagen, und ganz flüchtig sah er dabei im Geist ihr schmerzlich zuckendes junges Gesicht Nur für die Dauer einer Sekunde. Dann schob Eifersucht sich dazwischen wie eine eherne Wand an Der jeder logische Einwand zerschellte ...
„Willst du dir zwei Franken verdienen, Kleiner?", wandte er sich, einer plötzlichen Eingebung
folgend, an den älteren der beiden Schlagballspieler, der mit verdrossener Miene an der Mauer herum- lümmelte. Der Junge war rot bis hinter die Ohren vor Glück.
Zwei Franken — und ob! Das gab gleich einen neuen Ball ...!
„Hast du dir den Herrn gemerkt, der eben dort ins Cafe ging? Würdest du ihn wiedererkennen?"
Der Kleine nickte so energisch, daß ihm der rote Haarschopf in die Stirn fiel. Sein funkelnder Blick sagte deutlich, daß er diesen gemeinen Kerl, der ihn um seinen Ball gebracht hatte, sein Lebtag nicht vergessen würde.
„Schön ... Dann spring mal schnell ins Cafe und hol mir eine Schachtel Zigaretten. Einerlei was für welche. Und sag mir bann, wo der Herr sitzt, verstehst du, und mit wem. Aber fix, ich warte hier auf dich." Er gab dem Kind ein Geldstück und zog sich in den Schatten eines Torbogens zurück.
Der Kleine rannte wie ein Wiefel über die Straße und verschwand in dem Lokal. In weniger als drei Minuten war er zurück und streckte Alland die Zigarettenschachtel entgegen, während er atemlos seinen Rapport erstattete.
„Also — der sitzt ganz hinten in der Ecke — beim Billard. Mit einer Dame ..
„So. Einer jungen?"
„Glaub schon." Der Junge überlegte. „In einem roten Mantel glaub’ ich."
„Schon gut. Mehr wollt' ich nicht wissen."
Geistesabwesend griff Alland in feine Tasche und suchte nach dem Botenlohn.
„Das sind ja fünf", stammelte der Kleine verblüfft. Seine ausdrucksvolle Mimik besagt, daß er an dem Verstand dieses freigebigen Fremden erhebliche Zweifel hegte. Erft als der Herr schon ein gutes Stück von ihm entfernt war und feine Jrr- jinnstat nicht mehr rückgängig machen konnte, stieß er einen grellen Freudenpfiff durch die Zähne und sauste wie besessen davon, feinem jüngeren Kameraden nach.
Kurz nach fünf kehrte Alland in die Klinik zurück. Es war die Stunde, um die er für gewöhnlich feine Visite machte. Er ging direkt in fein Ordinationszimmer. Hängte sein Jackett an den Kleiderrechen. Wusch sich die Hände und zog seinen wei
ßen Mantel über. Er fühlte sich erschöpft wie nach einem Fieberanfall. Rauchen, denkt er. Bloß ein paar Züge, das beruhigt. Seine Zigarettendose ist leer. Aber richtig, in feiner Rocktasche muß ja noch eine Schachtel stecken, die ihm der Junge aus dem Cafe geholt hat ...!
Hastig durchwühlte Alland das aufgehängte Jackett. Wie er in die Tasche faßt, gerät ihm ein zusammengeballtes Papier zwischen die Finger — das Löschblatt, das er auf der Post entwendet hat! Erst jetzt erinnert er sich wieder dieses Beutestücks, das er über der Sache mit Bertrand völlig vergessen hat. Seine Finger zittern wie die eines Verschütteten, als er das Papierknäuel langsam entfaltet und auf der Schreibtischplatte zu glätten versucht.
Warum nur, warum diese feige Schwäche...? Besser, man schafft sich Gewißheit. Zehnmal besser als dieses qualvolle Tasten im Dunkeln...
Mit ein, zwei Schritten ist er am Spiegel und hält das Blatt gegen das Glas.
„Vorschlag unausführbar — bitte Geduld."
Ganz deutlich heben sich die wenigen Worte von dem hellgrauen Löschpapiergrund ab' Auch der Bestimmungsort Mailand ist noch halbwegs leserlich. Mailand — Hotel Manin. Ja.. Nur das Wich- ttgste, der Name des Empfängers, hat sich unöeut- * lich abgedrückt. Vergebens bemüht er sich, die fehlenden Buchstaben aufs Geratewohl zu ergänzen. Es gelingt ihm nicht, einen einigermaßen möglichen Namen zusammenzubringen.
Enttäuscht schob er das Löschblatt unter seine Schreibmappe. Manin — Hotel Manin? Nie gehört! Man kann doch nicht nach Mailand fahren und aufs Geratewohl ins Hotel Manin gehen: Sie, Herr Hotelportier, wissen Sie zufällig, welcher Herr aus Zürich ein Telegramm bekommen hat? Total blödsinnig...! Wie stand da? Vorschlag unausführbar... Komisch — das reinste Geschäftstelegramm! Viel zu geschäftlich für Evelyn. Wird sicher was ganz anderes bedeuten. Sicher irgendein Deckwort oder ... „Herein ...!"
Es hatte geklopft. Aha — Dr. Lutze, fein Assistent, der sich zur Visite meldete..
„Ja, ich — komme sofort."
(Fortsetzung folgtI)


