Ausgabe 
28.11.1936
 
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nr. 279 Wertes Matt

Kietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesfen)

Samstag, 28. November 1056

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Das Lederlager ine Lederausgabe.

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An der Stanzmaschine für Sohlen und Absätze.

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Letzte Etappe: Kontrolle der fertigen Schuhe vor der Verpackung.

An besonders langarmigen Maschinen werden die Langschäfte genäht.

An der Holznagelmaschine (Aufnahmen [8j: Neuner, Gießener Anzeiger.)

Der Schaft erhält auf maschinellem Wege vesen und Haken.

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fer wohl weniger Gedanken darüber, welche Un­summe der geistigen und körperlichen Arbeit des Menschen der Herstellung der Schuhe oorausging, für ihn ist es nur wichtig, daß der Schuh paßt und

Der Zuschneider schneidet den Schaft nach festen Schablonen.

Es ist immer eine kleine Freude, in Butzbach, unserer kleinen Nachbarstadt, Einkehr zu halten. Die Eisenbahnfahrt von Gießen aus dauert nicht lange, kurz ist der Aufenthalt in Großen-Linden, bald zeigt der stattliche, vielgestaltige Kirchturm von Lang-Göns sich, Bäuerinnen steigen aus und stellen geschickt die Körbe auf ihre Köpfe, Kirch- Göns kommt dann als nächste Station. Drüben tauchen dann, meist von zarten Nebeln umflossen, die Türme der Burg Münzenberg auf das kennt man eigentlich alles schon und doch leidet es den Freund unserer schönen oberhessischen Heimat nicht auf dem Sitzplatz. Schließlich kreischen dann die Bremsen des Personenzugs undButzbach! Butz- Ibach!" ruft der Schaffner den Zug entlang. Und wenn man auch Pflichten hat, in dieser unserer kleinen Nachbarstadt undPerle der Wetterau", wie sie von den Einwohnern gerne genannt wird, so wird man doch die wenigen Minuten Zeit fin­den, um zum Marktplatz zu gehen mit seinen schö­nen Fachwerkbauten der Bürgerhäuser, dem statt­lichen Rathaus und dem hübschen Brunnen. Das Ganze: ein Urbild des Marktplatzes einer schönen deutschen Kleinstadt.

Die Fräsmaschine

verhilft der Sohle zum sauberen Rand.

in sich. Der Fachmann wird deshalb kaum den Versuch unternehmen, dem Laien die vielen Unter­schiede klarzumachen, die es in der Lederbranche, fei es von dem Charakter der Tierhaut und des Tieres her, oder von der der Gerbung und Fär­bung her, gibt. Erwähnt fei nur. daß in der Nie-

für ihn ist es nur wichtig, b . daß er vor allem nicht drückt ...

derwekfeker Straße einer Fabrik in erster Li­nie für Arbeits-, für Sol­daten- und Marschstiefel derbere Leder das Rohmaterial sind.. Rind­leder vor allem! Es wird zwar auch feineres Schuh­werk hergestellt, allerdings in geringerer Menge.

Aber wenn es sich auch um einfacheres Schuh­werk handelt, das hier von etwa 120 Volks- aenoffen angefertigt wird, so ist der Weg des Roh­materials bis zum ferti­gen Schuh doch vielfach gewunden, und erst aus einer unendlichen Fülle von Arbeitsgängen geht das Fertigfabrikat her­vor. lieber 450 Paar Stiefel am Tage beträgt dieKapazität des Be­triebes".

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So entstehen viele Tausend Schuhe.

Wir besuchen eine moderne Schuhfabrik. Spaziergang zwischen Maschinen.

Maschinen, die fast durchweg sehr geräuschvoll ar­beiten. Auch hier findet das Auge zwischen vielen blitzenden Maschinenteilen, zwischen den vielen Re- gaken, auf denen die halbfertigen Schuhe in den verschiedensten Stadien ihrer Entwicklung stehen, keinen Ruhepunkt. Hier reißen für Minuten die Zwick", bzw.Ueberholmaschinen", mit denen der Schaft über den Leisten gespannt und auf der soge­nanntenBrandsohle" befestigt wird, die Aufmerk­samkeit an sich. Hier ist eine der wichtigsten Etappen des Betriebs. Erfahrene und geübte Facharbeiter schaffen mit äußerster Konzentration. Nicht anders ist es an der Holznagelmaschine, an der (nachdem die feste Sohle vorbereitend mit einigen Stahlstiften auf dem fertig gezwickten Schaft und der Brand­sohle befestigt ist) in einem erstaunlichen Tempo Sohle und Schaft mit vielen Holznägeln innig ver­bunden werden. Der Arbeitsgang, der mit der Hand vielleicht erst in einer guten halben Stunde zu bewältigen wäre, kann von der Maschine in etwa einer Minute erledigt werden.

Es gibt neben der Holznagelung auch noch zwei andere Möglichkeiten der engen Verbindung von Sohle und Schaft, und zwar das Durch nähen oder Doppeln und ein einfaches Klebeverfahren. Auch für das Durchnähen stehen Volksgenossen vor außerordentlich hochentwickelten und leistungs­fähigen Maschinen. Der holzgenagelte oder genahte Schuh geht dann über eine hydraulische Formpresse, in der die Sohle vollkommen der geschwungenen Leistenform angeglichen wird. Schließlich erhäit der Schuh auf einer weiteren Maschine den fertigen Absatz aufgenagelt, der in einem Arbeitsgang mit fünf oder mehr Nägeln befestigt wird.

Alle weiteren Arbeitsgänge dienen nun dem Ausputz". Sohlen und Absätze werden an Maschi- nen, die mit hoher Tourenzahl laufen, gefräst, so daß sie am Rande Glätte und Form erhalten, sie werden geschmirgelt, mit Farbe versehen, und schließlich poliert. Auch diese Arbeiten gehen zum größten Teil an Maschinen vor sich, und der schas­senden Menschen Aufgabe ist es, mit empfindsamer Hand den Stiefel, den Schuh, so an die rotierenden Messer, an Schmirgelscheiben und Polierbürsten zu halten, daß der erstrebte Zweck erreicht wird

Der Arbeitsgang, wie er hier geschildert ist, kann nur die wesentlichsten Etappen der Herstellung eines Schuhes aufzeigen. Je nach der Art der abzuferti­genden Schuhe ist der Arbeitsgang im einzelnen abweichend, vielleicht komplizierter oder überhaupt schwieriger. Ein Damenschuh aus feinem oder fein­stem Leder wird naturgemäß eine andere Behand­lung erfahren müssen, wie ein Arbeitsschuh, der be­stimmt ist, von einem Erdarbeiter bei der Reichs­autobahn getragen zu werden. Zwischen den Haupt­arbeitsoorgängen liegt auch noch manche ergänzende Arbeitsleistung und der letzten Kontrolle des Schu­hes vor der Verpackung geht auch manche Kontrolle unterwegs voraus. Der hohe Wert des Rohmate­rials, des Leders, verbietet energisch jegliche Fehl­produktion.

Wenn die Schuhe dann über das Lager der Fabrik, des Groß- und des Einzelhandels in die Hände des Käufers übergehen und ihrer Bestim­mung zugeführt werden, bann macht sich der Käu-

Aber es ist in Butzbach genau so, wie fast überall: neben dem Altväterlichen, Gemütvollen und den iraulichen Reizen der alten Stadt, bergen die Mauern auch vieles von dem, was jüngste Ver­gangenheit und Gegenwart schufen. Die moderne Technik unserer Zeit- ist durch zwei Industrien in Butzbach vertreten: durch Landmaschinenbau, Eisen- konstruktionsbau und Schuhfabrikation. Damit ist Butzbach weit über den Bereich seiner alten Stadt­mauer hinaus bekannt.

Wenden wir uns heute der Schuhindustrie zu! Sine der Fabriken liegt inmitten der Stadt, bie zweite draußen an der Niederweiseler Straße. Die Firma Iouß hatte die Freundlichkeit, uns Einblick zu gestatten in ihren Betrieb.

Das ist der erste und starke Eindruck beim Be­treten des langgestreckten Hauses an der Nieder­weiseler Straße: viel Licht und Luft, gemischt mit dem würzigen Geruch frischen Leders bringt auf den Besucher ein. Aber auch bas Ohr kommt zu seinem Recht. Wenn die Tür zwischen Empfangsraum und einem der Fabriksäle aufgeht, bann überfällt ein viel­stimmiger Lärm ben Gast, ber Lärm vieler Maschinen unb Motoren, bas Surren von Nähmaschinen brängt sich auf; Geräusch unb Bewegung teilen sich in feinster Vibration bem Fußboben mit. Aber auch bas Auge hat gleich bei einem Blick in biese Stätten rastloser Arbeit ein interessantes Bilb aufzunehmen. Der Blick schweift über eine Fülle ber komplizierten, vielseitigen Maschinen, über schaffenbe Hänbe, über das Rohmaterial, Halbfertigfabrikate unb fertige Schuhe. Es fällt babei nicht schwer, zu erkennen, baß der größte Teil ber arbeitenben Volksgenossen in einem solchen Betrieb ber Schuhfabrikation an Maschinen steht unb sie beherrscht. Der Mensch be­stimmt und leitet ben Gang ber Dinge, Maschine und motorische Kraft führen aus. Transmissionen übertragen die Kraft; viele Maschinen haben eigene Motore. Kaum findet das Auge einen Ruhepunkt in dieser schier erdrückenden Vielfalt ber technischen Erscheinungen. Unb boch bewegen sich bie Menschen ruhig unb selbstsicher in biefer Welt der Technik, mit einer selbstverständlichen und aus der Gewohn­heit gewonnenen Sicherheit. Sie erfüllen hier in der Betriebsgemeinschaft ihre Pflichten an ber Maschine, wie jeder anbere Volksgenosse auf feine Art. Jede der Maschinen ist mit ben notroenbigen Schutzvor­richtungen zur Unfallverhütung versehen.

Wie anregend ist es doch, an ber Hand eines Fachmannes burch einen neuzeitlichen Betrieb zu gehen unb in organischer Folge bie Entwicklung kennenzulernen, die von ber gegerbten Haut zum fertigen, sauber verpackten Schuh führt! Selbstver­ständlich könnte man sich schon im Lederlaaer, in ber Lederausgabe des Betriebes, lange aufhalten. Das Leder schließt ja schon alleine eine Wissenschaft

Auf einem Rundgang wird man bald drei große Arbeitsgänge er­kennen: die Herstellung desSchaftes", die Vor­bereitung des Bodens (Sohle und Absatz) und schließlich die Vereini­gung der beiden Teile, aus denen sich der Schuh aufbaut.

Verfolgen wir einmal in gedrängter Ueberschau die Entstehung desSchaf- tes" (jenes Teiles also, ben der Laie von seinem Schuhmachermeister her als dasOberleder" kennt). DerZuschneider" schnei­det, nach festen, metall- gesäumten Schablonen, die einzelnen Teile des Schaftes mit einem schar­fen Messer aus. Einzelne Teile, kleinere Teile vor allem, werden mit dem Stanzeisen ausgestanzt. In allen vorkommenden Größen liegen die Schablo­nen und Stanzeisen bereit.

Und während hier die Lederteile geschnitten oder gestanzt werden, ist man an anderer Stelle damit beschäftigt, die Futterteile vorzubereiten. An den Steppmaschinen, durchweg kräftig gebauten Spezial­maschinen, werden von Näherinnen die vielen Teile zum Schaft vereinigt. Auf langarmigen Maschinen werden dieLangschäfter" genäht. Für Strapazier­schuhe und schwere Arbeitsschuhe stehen Maschinen Da, bie in einem Arbeitsgang brei Nähte nebenein« anbedegen. An einer rascharbeitenben unb kom­plizierten Maschine werben bie Schäfte mit Oesen unb Haken versehen.

Während in einetn der Säle von vielen Händen bie Schäfte hergestellt werben, werben an anberer Stelle bie Böden oorgearbeitet. Hier stehen bie Ar­beiter an gebrungenen Stanzmaschinen, mit beren Hilfe unb starkwanbigen Stanzformen bie Sohlen unb bie Absatzflecke aus bem Kernleber gestanzt werben. Besonbere Pressen geben ben Sohlen bie in sich geschwungene Form, anbere Maschinen ver­einigen bie ausgestanzten Absatzflecke zu fix und fertigen Absätzen.

Schaft, Sohlen und Absätze treffen sich bann in einem Saal, der angefüllt ist mit einer Unzahl von

Aber von vielen Millionen Paar Schuhen, die durch die deutsche Schuhindustrie heryestellt wer­den, drückt sicherlich nur ein verhältnismäßig ge­ringer Prozentsatz, denn der nach ernster Arbeit in seiner Form festgelegte normale Schuh wird dem normalen Fuß keine Schwierigkeiten machen.

Wäre es nicht so, so könnte die schnellebige Menschheit der Gegenwart ihren eiligen Geschäf­ten bei weitem nicht so (im Sinne des Wortes) eilig nach gehen, wie sie es täglich tut.

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