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Br. 200 Drittes Blatt

Giehener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesfen)

Donnerstag, 27. August (956

Aus Der Provinzialhauptstadt.

Die launische Hupe.

Es gibt Leute, die die Hupe für das Schönste an einem Auto halten. Das find Fußgänger, die beim Eilen über belebte Straßenkreuzungen zuweilen die Automobilisten nicht ihrer sechs Zylinder, sondern ihrer Hupe wegen beneiden. Denn, so denken sie, wie wundervoll müßte es jetzt sein, sich mit einer herrischen Sirene Platz verschaffen zu können, nicht mehr Opfer, sondern Fordernder des Verkehrs zu sein.

Wir wollen hier nicht untersuchen, ob diese Vor­stellung zu Recht besteht oder nicht, der Seelen­zustand des Fußgängers ist viel zu kompliziert ge­lagert, als daß an dieser Stelle Endgültiges über ihn gesagt werden sollte.

Der Automobilist jedenfalls weist der Hupe min­dere Aufmerksamkeit zu. Der Motor, die Schal­tung oder der Vergaser stehen bei ihm weit mehr im Vordergrund des Interesses. Eine Hupe muß da sein, sie ist vorschriftsmäßig, erleichtert das Fah­ren und ist mitunter auch von melodischem Belang. Aber wichtiger sind die oben genannten Teile, schon deshalb, weil sie empfindlicher sind und mitunter zu Pannen neigen. Bei einer Hupe hingegen drückt man auf den Knops und es kommt prompt ein Ton heraus; so ist das.

Doch der Bund, der mit Hupen zu flechten ist, ist letzten Endes genau so wenig ewig wie der be- rühn^e Bund mit den Mächten des Schicksals. Und wenn eine Hupe auch jahrelang mit der Zuverläs­sigkeit eines Präzisionsweckers funktioniert hat, so kann sie doch urplötzlich die Launen der sprichwört­lichen Diva bekommen. Was unangenehmer werden kann als ein knallender Versager. '

Ein Automobilist kam frohgemut aus einer Nebenstraße in die Hauptstraße im vorschrifts­mäßigen Bogen gefahren. Ebenso vorschriftsmäßig betätigte er dabei seine Hupe. Das geschah auf übliche Weise durch Druck eines Knopfes, der sich am Steuerrad befindet.

Die Hupe, die bislang auf Fortnahme des drückenden Fingers mit sofortigem Schweigen reagiert hatte, bekam in dieser Sekunde einen Tick. Sie wurde ganz unvermutet launisch uyd tat das Gegenteil von dem, was man auf Grund lang­jähriger Praxis von ihr erwarten durfte. Sie dachte nämlich nicht" daran, mit Hupen aufzuhören. Längst schon lag nicht mehr der Finger auf ihrem Knopf, aber sie hupte weiter, hupte, hupte, hupte.

Der Herr am Steuer glaubte zunächst, das Opfer einer Gehörstäuschung zu fein. Erst als die Leute verwundert zu ihm hinblickten, konnte er über den tatsächlichen Zustand nicht mehr im unklaren sein. Er hob abermals den Finger und stupste an dem Knopf herum. Aber das störte die Hupe nicht im geringsten. Sie hatte sich selbständig gemacht und genoß das Gefühl geräuschvoller Freiheit.

An sich mag diese Sache nicht gefährlich sein, aber Sie glauben gar nicht, wie peinlich es ist, am Steuer eines irrsinnig hupenden Wagens zu sitzen. Zuerst versuchte unser Mann so zu tun, als sei ihm die Fahrbahn zu belebt. Doch als auch der letzte Sperling vom Pflaster geflüchtet war, ließ sich der wahre Sachverhalt nicht länger bemänteln. Die Passanten blieben stehen und lachten. Dem Fahrer aber trat der Schweiß der Peinlichkeit auf die Stirn, und er schlug schließlich mit der geball­ten Faust auf den Knopf, der sonst immer so nett funktioniert hatte. Erfolg aber hatte er damit keinen.

Es konnte der Gedanke auftauchen, sich dieser etmas unwürdigen Situation durch eine eilige Flucht zu entziehen. Aber mit dröhnender Hupe wie eine Rakete durch die Straßen zu sausen, hätte mit Sicherheit die Polizei rebellisch gemacht. Deshalb zog unser Fahrer schließlich die Bremse an und hielt. , v

Mit finsterer Miene den hämischen Zug in den Gesichtern der Umstehenden übersehend, trat er an die Motorhaube. Am liebsten hätte er mit einem Hammer hineingeschlagen, doch er zwang sich zur Ruhe um die Motorhaube aufzuklappen. Und ge­rade,'als er die Verschlußklammern berührte, be­kam die Hupe ihren zweiten, launischen Tick. Sie

schwieg urplötzlich, ohne daß man ihre Kabel auch nur berührt hätte.

Der Herr soll mit ziemlicher Beschleunigung seinen Wagen vom Schauplatz gesteuert haben.

v. M.

Bornotuen.

Tageskalender für Donnerstag.

Gloria-Palast, Seltersweg:Inkognito". Licht­spielhaus, Bahnhofstraße:Menschen im Hotel".

Belnebsrundfunk eine Forderung unserer Zeit.

NSG. Die Deutsche Arbeitsfront erhebt die For­derung:Rundfunk in jedem Betrieb!" Eine Betriebsrundfunkanlage kostet Geld. Es soll also wieder ein neues Opfer gebracht werden, und es mag noch so manchen geben, der die Notwen­digkeit d^s Arbeitsfrontempfängers DAF. 1011 nicht einsehen will. Er meint vielleicht, daß die paar Gemeinschaftsempfänge im Jahr, für die man die Anlage verwenden könne, die Ausgaben auf keinen Fall rechtfertigen.

Das ist schon deshalb nicht richtig, weil der Be­triebsrundfunk, wie ihn die Deutsche Arbeitsfront in die Betriebe hineinträgt, erst in zweiter Linie

gen verboten. Entsprechend dem Ausfuhrverbot sieht die italienische Gesetzgebung auch ein Einfuhr­verbot im gleichen Ausmaße vor. Dementsprechend können aus dem Reiseverkehr stammende italienische Noten und Münzen in dem Gesamthöchstbetrage von 350 Lire auch nur wieder auf dem Wege des Reiseverkehrs nach Italien verbracht werden. Eine Versendung italienischer Noten und Münzen nach Italien zur Verwertung auf dem Wege des In­kassos ist nicht durchführbar.

Soweit also mit Ablauf der Reisesaison nach Italien von dort stammende Noten und Münzen nicht auf dem Reiseweg wieder Verwendung finden können, besteht, wie der Fwd. von der Reichsbank erfährt, für die deutschen Devisenbanken keine Mög­lichkeit, ein Inkasso derartiger angefallener Lire- beträge vorzunehmen. Es könnte sich ergeben, daß aus dieser Sachlage gewisse Schwierigkeiten in der Verwertung aus Italien mitgebrachter Lirebeträge entstehen, und es liegt daher im Interesse der deut­schen Reisenden, Lirenoten, die für Reisezwecke- nicht mehr benötigt werden, in Italien an die er­mächtigten italienischen Stellen gegen Quittung ab­zuliefern. Die Erstattung des Gegenwertes der dort eingezahlten Lirebeträge wird durch diese italieni­schen Stellen durch Ueberweisung nach Deutschland veranlaßt.

Gießener Wochenmarktpreife.

* Gießen, 27. Aug. Auf dem heutigen Wochen- markt kosteten: Molkereibutter, % kg 1,55 Mark, Landbutter 1,42, Markenbutter 1,55 bis 1,60 Mark, Matte 20 bis 25 Pf., Käse, das Stück 4 bis 10, Eier, deutsche, Klasse B 12, Klasse C 11%, unge- zeichnete 10, Wirsing, % kg 6 bis 10, Weißkraut 5 bis 8, Rotkraut 8 bis 10, gelbe Rüben 5 bis 10, rote Rüben 8 bis 10, Spinat 15 bis 20, Römisch­kohl 8, Bohnen, grün 10 bis 20, gelb 10 bis 20, Unterkohlrabi 8 bis 10, Erbsen 20 bis 30, Tomaten 20 bis 25, Zwiebeln 8 bis 10, Kürbis 5 bis 8, Pilze 25 bis 30, Kartoffeln, % kg 5 Pf., 5 kg 45 Pf., 50 kg 3,80 bis 4,50 Mark, Frühäpfel, V» kg 10 bis 30 Pf., Falläpfel 5 bis 8, Birnen 10 bis 25, Zwetfchen 12 bis 18, Mirabellen 20, Renekloden 20, Pfirsiche 55 bis 65, Brombeeren 30 bis 35, Preisel­beeren 30 bis 40 Pf., junge Hähne 1 bis 1,10 Mark, Suvpenhühner 80 bis 90 Pf., Blumenkohl 10 bis 80, Salat 8 bis 10, Salatgurken 5 bis 20, Einmach­gurken 1 bis 3, Endivien 8 bis 15, Oberkohlrabi 4 bis 8, Rettich 5 bis 10, Sellerie 20 bis 25, Ra­dieschen, das Bündel 10 Pf.

** D i e Erweiterung des Bebauungs­planes an der Frieohofsallee betrifft eine Bekanntmachung der Stadtverwaltung in un­serem heutigen Anzeigenteil. Interessenten seien auf die Bekanntmachung besonders hingewiesen.

** Der Gießener Geflügelzuchtoer- e i n besuchte am vergangenen Sonntag wie man uns berichtet den Bruderverein in Mar­burg. Es galt fürs erste die dortigen hochstehenden Zuchten kennenzulernen und zum anderen frühere, inzwischen aber verlorengegangene Verbindungen mit dem sehr rührigen Verein Marburg wieder an­zuknüpfen. Dank der Vorarbeiten beider Vorsitzen­den, Hofmann (Marburg) und Bauer (Gie­ßen), war dem Unternehmen nach jeder Richtung ein schöner Erfolg beschieden. Die Gießener Züchter werden sich an der bevorstehenden Marburger Aus­stellung beteiligen, die Marburger Freunde werden im kommenden Jahre in Gießen einen Gegenbesuch machen.

** Zusammen st zweier Motorrad- l e r. Am gestrigen Mittwochoormittag ereignete sich auf der Landstraße Rodheim a. d. BieberGießen in der Nähe von Abendstern ein Zusammenstoß zweier Motorradfahrer. Beim Ueberholen eines Lieferautos kam dem in Richtung Gießen auf dem Motorrad fahrenden 23 Jahre alten Kaufmann Gu­stav Herrmann aus Krumbach unvermutet dicht hinter dem Lieferauto ein anderer Motorradler vor die Maschine, so daß der Zusammenstoß unvermeid­lich war. Dabei erlitt Herrmann neben einigen äußeren Verletzungen noch einen Beckenbruch, der die Ueberführung des bedauernswerten jungen Mannes nach der Chirurgischen Klinik erforderlich machte. Sein Motorrad wurde schwer beschädigt. Der andere Motorradler blieb unverletzt.

Schöffengericht Gießen.

Wegen Untreue und Unterschlagung wurde der 30jährige R. L. von Hungen in eine Gefäng- nisstrafe von drei Monaten und eine Geldstrafe von 20 Mark genommen. Außerdem wurden dem Angeklagten die Kosten des Verfah­rens auferlegt. Der Angeklagte war als Unter­stützungssachbearbeiter bei einer Wölfersheimer Firma tätig und hat in Friedberg die für Arbeits­kameraden b^i der Wölfersheimer Firma bestimm­ten Unterstützungsbeträge in Empfang genommen, aber zum Teil (über 300 Mark) für sich behalten und verbraucht. Der Angeklagte war geständig.

Ungetreuer Postbeamter.

LPD. Mainz, 26. Aug. Der 47jährige Post- sekretär Karl Gosenheimer aus Mainz-Kost­heim hat in der Zeit vom Oktober 1935 bis Ja­nuar 1936 Gelder, die ihm als Beamter anver­traut waren, unterschlagen und zur Ver­deckung seiner Unterschlagung Bücher unrichtig ge­führt, sowie Urkunden gefälscht. Die Zweite Große Strafkammer in Mainz verurteilte den An­geklagten wegen Unterschlagung und Urkunden­fälschung zu einem Jahr und sechs Mona­ten Zuchthaus.

An die Möllerung des Kreises Gießen!

Am Sonntag, 30. August, hält der Bann und Jungbann seine diesjährige Sportveranstaltung, verbunden mit Feierstunde sowie Marsch durch die Stadt Gießen mit Vorbeimarsch vor dem Gebietssührer der Hitler-Jugend und dem Kreisleiter des Kreises Wetterau ab.

hier will die Hitler-Jugend jedem Volksgenossen einen Einblick in die aus sport­lichem Gebiet geleistete Arbeit geben.

Anschließend zeigt die HJ. beim Marsch durch die Stadt Gießen disziplinierte Geschlossenheit.

Der 30. August 1936 sieht ganz im Zeichen der Hitler-Jugend. Volksgenossen, zeigt, daß ihr und die Hitler-Jugend eins seid, denn sie will euch beweisen, daß sie würdig ist, den Kamen des Führers zu tragen!

heil Hitler!

Der Führer des Vannes 116: heim, Vannsührer.

ein politischer Rundfunk ist, ein Punkt, der heute noch leider von sehr vielen ganz falsch gesehen wird. Und selbst wenn der Betriebsrundfunk feine andere Aufgabe hätte, würde sich die Ausstellung des Arbeitsfront-Empfängers in einem Betrieb dennoch lohnen, wenn man nur einmal an die vielen Mihhelligkeiten erinnert, die anläßlich frü­herer Gemeinschaftsempfänge entstanden.

Wenn man bann all den Merger und die vergeb­lich aufgewendete Zeit für das Borgen, Heran- fchaffen, Aufstellen und Wiederabmontieren des in den meisten Fällen noch dazu ungeeigneten Empfängers und die dadurch entstandenen Kosten hinzurechnet, so fällt die Einsicht nicht mehr schwer, daß es doch besser ist, ein für allemal die 295 RM. für den Arbeitsfrontempfänger DAF. 1011 aus­zugeben und dann auf Jahre hinaus eine vorbild­liche Anlage zu besitzen.

Auf jeden Fall kann man schon heute sagen, daß in wenigen Jahren der Betriebsrundfunk von kei­nem Betrieb mehr fortzudenken sein wird.

Lire im Reiseverkehr nach Italien.

Fwd. Don den deutschen Reisenden, die das Ab­kommen über den Reiseverkehr nach Italien in An­spruch nehmen, können zur Zeit italienische Noten in kleineren Abschnitten (Stückelung bis zu 100 Lire) bis zu einem Betrage von 300 Lire und italie­nische Münzen bis zu einem Betrage von 50 Lire ohne weiteres über die italienische Grenze mitge­nommen werden. Eine Mitnabm' von Noten oder Münzen über diese begrenzten Beträge hinaus ist auf Grund neuerer italienischer Devisenbestimmun-

Kreisfilmstelle

Von der Gau-Filmstelle Hessen-Nassau wird der Jan-Kiepura-Großtonfilm

Ich liebe alle Frauen" im Kreise Wetterau (Gießen-Friedberg) an folgenden Terminen vorgeführt:

1. September in Treis a. d. Lumda.

2. Allendorf a. d. Lumda.

3. Geilshausen.

4. Annerod.

5. Heuchelheim.

6. Großen-Buseck.

7. Hausen bei Gießen.

8. Watzenborn-Steinberg.

9. Klein-Linden.

10. Großen-Linden.

11. Holzheim.

12. Münzenberg.

13. Wölfersheim.

14. Rodheim a. d. Horloff.

15. Gambach.

16. Wisselsheim.

17. Assenheim.

18. Kaichen.

19. Reichelsheim.

Kiepura singt. Dieser Film ist ein großes Ver­sprechen und eine größere Erfüllung zugleich. Die Besucher haben ein köstliches, unvergeßliches Er­lebnis voller Laune und Lachen. Den ganzen Film durchzieht eine schwungvolle fröhliche Handlung, die begeistert und unendliche Freude schenkt.

Vorverkauf der Eintrittskarten findet jeweils durch die Ortsgruppe statt.

schlüssig.

Machen Sie sich da keine Sorge, gute Frau , erklärte Weber.Ich bin Gärtner und kann aus diesem Bäumchen hier beliebig viele Ableger ziehen. Einen Ableger schicke ich Ihnen, und da haben Sie schon ein neues, ebenso schönes Bäumchen auf Ihrem Fenstersims, wenn Ihr Mann wiederkehrt."

Kann ich mich darauf verlassen?" fragte die Frau.

Felsenfest", versprach Weber, und so wurde der Handel abgeschlossen.

Die Frau strich beglückt die acht Goldfüchse ein, und Weber holte eine Kutsche, in der er das nickende und schaukelnde Pflänzchen mit größter Sorgfalt nach seinem Garten brachte.

Hier zerlegte er das Bäumchen in die größt- zulässige Anzahl von Stecklingen und setzte diese in feine schönsten Mistbeete ein. Sie faßten rasch Wurzel und sprossen zu neuen Pflänzchen, die von Weber wieder und wieder geteilt und vervielfältigt wurden. ,

Als im nächsten Jahr ihre neue Blütezeit kam, hatte Weber über fünfhundert kräftige Fuchsien­bäumchen in seinem Garten stehen. Ein Bäumchen schickte er der Bootsmannsfrau nach Wappmg und ein zweites Stück stellte er in feinem Londoner Derkaufsladen auf der auffälligsten Stelle auf

Bald darauf trat eine seiner vornehmen Kun­dinnen in den Laden und sah sogleich die Wunder­blüte, vor der sie in verzückte Bewunderung geriet.

Was kostet sie?" fragte die Dame Eine Guinea wegen ihrer Seltenheit.

Die Dame zahlte ohne Handeln, und Weber stellte auf den Platz der verkauften Fuchsie eine andere auf. So ging das fort. Kaum war eine Fuchsie verkauft, als auch Weber schon eine andere auf ihren Platz stellte. Dabei gingen die Zierbaumchen wie warme Semmeln ab, weil jede Dame der Londoner Gesellschaft unbedingt auch eine so reizende Zierpflanze haben wollte, sobald sie eine

Guinea für jedes Stück. Er verdiente damit im ersten Jahr rund zehntausend Mark.

Er behielt nur so viele Stecklinge zurück, als er zur Weiterzucht brauchte. Damit beherrschte er durch zehn Jahre den Fuchsienmarkt und zog daraus einen Reinerlös von einer halben Million Mark.

Dann wurde die Fuchsie auch von anderen Gärt­nern gezüchtet. Sie breitete sich über ganz Europa aus, wobei sie immer billiger wurde, bis sie vor etwa hundert Jahren nicht nur in den Palästen der Reichen, sondern auch in den Häuschen unbe­mittelter Blumenfreunde stand.

Georg, der feinen funkelnagelneuen Photoapparat dabei hatte, meinte freundlich:Wie wär's mit einer Aufnahme? Die anze Familie, die natürlich auch, Ursula." Ich protestierte heftig und erbot mich stattdessen die Aufnahme zu machen, damit Georg mit aufs Bild käme. Er war einverstanden und stürzte sich fieberhaft in die Vorbereitungen.

Sehen wir uns dort Alle in die Wiese", schlug Lisa vor. Georg machte Einwendungen, er wollte statt der Wiese lieber den Opel im Bilde sehen. Lisa murmelte etwas von altem Eisen und nicht der Mühe wert. Gott sei Dank hörte Georg es nicht. Er war gerade dabei, die Kinder auf die Motorhaube zu heben. Der sechsjährige Klaus saß schon rittlings droben, während die vierjährige Erika sich ängstlich an den Bruder klammerte und mit dem Zeigefinger emsig in der Nase bohrte. Pfui, Erika", rief Georg empört", tut so etwas ein artiges Kind?" Er hatte Lisa, die im Auto den Schalthebel nicht von der Handbremse unterscheiden konnte, am Führersitz installiert und versuchte, ihr ein sonniges Lächeln zu entlocken. Aber Lisa lächelte nicht.Laß doch das Kind in Ruhe", sagte sie ge­reizt,komm her, Erika, kommt zur Mutti". Erika, durch den barschen Ton des Vaters erschreckt, hatte zu meinen begonnen. Die ganze Aufnahme schien ernstlich gefährdet. Da kam mir ein rettender Ge­danke.Oh seht doch, ein Reh!" rief ich freudig aus. Das scheue Tier des Waldes war zwar nir­gends zu erblicken, dafür aber der Zweck erreicht. Erika hörte auf zu meinen, beide Kinder suchten mit runden Augen und offenen Mündern das imaginäre Reh. Georg postierte sich eilends an die Wagentür und schaute Lisa schelmisch ins Auge. Sogar Lisa lächelte, roenn auch etroas krampf­haft, zu Georg hin und ich benutzte den glück­lichen Augenblick, um das Familienidyll auf die Platte zu bannen.

Einige Tage später zeigte mir Georg das fertige Bild, vergrößert und auf Büttenpapier gezogen. Reizend, nicht mahr?" sagte er begeistert,und so zmanglos. Eine solche Ausnahme ist doch eine Erinnerung fürs Leben".---- Mir fiel mein

Flüschalbum ein. Vielleicht merden in zwanzig ober dreißig Jahren Georgs Kinder in einem Album dies Bild wieder finden. Aus schattenhafter Mer* gangenheit taucht dann jener Sommersonntag auf, an dem sie den braven, alten Opel erklimmen muß­ten, um mit ihm und den Eltern im Bilde ver­ewigt zu werden..Kornischer Einfall", werden sie sagen, belustigt und ein wenig gerührt,so etwas wäre doch heute ganz unmöglich!"

Oie Gruppenaufnahme.

Von Eli Wendt.

Vor einiger Zeit fiel mir bei einer ©eneralreini- gung meines Schreibtisches ein Album in die Hände. Auf'braunen Plüsch verrieten große Goldbuchstaben, daß es sich um eines aus der guten, alten Zeit handle. Ich ließ ab vom Räumen und begann darin zu blättern.

Auf den vergilbten Seiten sehen meine Eltern mich an in ihrer Jugend und scheinen trotzdem alter als wir Heutigen in der Mode der Jahrhundert­wende. Ich selber bin da als nacktes Baby auf einem weißen Fell. Tante Lieschen im Ballkleid nor einer Phantasielandschaft mit rosenumrankten Säulen, den Straußfederfächer in der Hand. Dann mein Vater im Kreise wackerer, vollbärtiger Zecher: sie sind um ein Weinfaß versammelt und schwingen fröhlich die Humpen. Auf einem großen Bild die ganze Familie: meine Mutter an einem zierlichen Tischchen, blättert in einem Buch. Hinter ihr steht mein Vater im Gehrock, die Hand auf ihrer Schulter: er beteiligt sich nicht an der Lektüre, da­für aber schmiegen meine Schwester und ich uns zärtlich an die Mutter und schauen mit Bitte-recht- freundlich-Gesichtern ebenfalls ins Buch. Komisch und rührend zugleich! So etwas wäre doch heute ganz unmöglich, denke ich lächelnd und verbanne das Album wieder in die Tiefen des Schreibtisches.

Kurz darauf luden mich meine Freunde Georg und Lisa zu einer sonntäglichen Autofahrt ein. Wir fuhren mit den Kindern in einer Opellimousine, Modell 1930, ins Grüne. Unterwegs hielt Georg jählings an. Wir erschraken, denn wir trauten weder dem Wagen noch Georgs Fahrkunst. Aber

Oie erste Fuchsie.

13on Arthur von Riha.

Die Fuchsie ober Fuchsia ist ein Nachtkerzen­gewächs, das als Wildpflanze auf den Antillen, in Mittel- und Südamerika und auf Neuseeland ge­deiht. Namentlich die Fuchsien Chiles und Perus wurden die Stammeltern der als Zier- und Zim­merpflanzen kultivierten Formen.

Dor hundertfünfzig Jahren wurde die Fuchsie in Europa eingeführt.

Damals lebte in einem Dorort Londons der deutsche Gärtner Weber, dessen Erzeugnisse den besten Ruf genossen. Eines 2ages besuchte ihn ein Landsmann, und Weber führte ihn mit Stolz in feinen ausgedehnten Garten, um 'hm seine wohl- besetzten Gewächshäuser und vielen Pfleglinge zu ^Alles großartig", lobte der Freund mit auf­richtiger Bewunderung,aber kürzlich sah ich in Wapping ein reizendes Blütenbaumchen, das in Ihrer Sammlung fehlt."

Wie heißt die Wunderblüte?" fragte Weber um 9Den Namen kenne ich nicht", erwiderte der Be­sucher,denn ich habe ihresgleichen n«' gesehem Es ist ein feines zierliches Bäumchen mit schwankenden Zweigen, von denen büschelweise wippend Blut n wie Quästchen herabhangen In der

die Blüten ein purpurrotes Röckchen, ausi bem em Bündel langer gelber Staubfaden tyangt. 2)as Ganze schaukelt mit gefälligster und leichtester G8eil,ber0antoaulid)en Beschreibung des Freunde- war Weber sogleich Feuer und Flamme und ent­schlossen, um jeden Preis eine o^che Warne Wunderblüte zu besitzen und Z" Zuchten Er lieh sich von seinem Besucher das Haus bezeichnen, auf dessen Fenstersims er die

gesehen hatte. Dann fuhr er mit der nächsten Post nach Wapping und eilte zu dem bezeichneten Haus.

Entzückt sah er hier die beschriebene Zierpflanze in voller Blüte auf dem Fenstersims. Lange stand er davor in entzückter Bewunderung. Er meinte, nie im Leben ein solches Kleinod der Pflanzenwelt erblickt zu haben.

Dann trat er in das bescheidene Häuschen und traf hier eine alleinwohnende Frau, die er sogleich nach dem Derkausspreis der Blutenpflanze fragte.

Leider kann ich Ihnen das Bäumchen nicht ab- bei ihrer Freundin gesehen hatte Kurz, es war lassen" entgegnete die Frau.Mein Mann, der eine Hausse in Fuchsien, und Weber erzielte ferne als Bootsmann fährt, hat die Pflanze aus Süd- ""

amerifa mitgebradjt und eine große Freude daran."

An acht Goldstücken wird er eine noch größere Freude haben", sagte Weber und legte acht blanke Guineen (Goldkurs: 168 Mark) auf den Tisch.

Geblendet starrte die Bootsmannsfrau auf den lockenden Geldbetrag, der für ihre Verhältnisse fürst­lich war. Dennoch zögerte sie, wenn auch mit ver­langendem Blick.Wenn nur mein Mann hier wäre und selbst entscheiden könnte", sagte sie un-